Skip to main content

Full text of "Griechische Geschichte"

See other formats


GRIECHISCHE 

GESCHICHTE 

VON 

ERNST CURTIUS. 



ERSTER*BAND. 

BIS ZDM BEGINNE DER P E R S E R K R IE G E. 



SECHSTE VERBESSERTE AUFLAGE. 



BERLIN, 

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG. 
1887. 



SEINER 

KAISERLICHEN UND KÖNIGLICHEN HOHEIT 

DEM 

KRONPRINZEN 

DES DKUTSCUEN REICHS UND VON l'KEüSSEiN 

EHRFURCHTSVOLL 
GEWIDMET. 



INHALT. 



ERSTES BUCH. 
Bis zur dorischen Wanderung. 



l. Seite 

Land und Volk 1 — 33 

II. 

Die Vorzeit der Hellenen 34 — GO 

III 

Die ältesten Staaten (il— 91 

IV. 

Die Wanderungen und Umsiedelungen 92 — 141 

ZWEITES BÜCH. 
Bis zu den IN;rs erkriege n. 
I. 

Peloponncsische Geschichte 14.t — 283 

11. 

Attische Geschichte 2S4— 397 

III. 

Die Hellenen aulserhalb des Archipelagus 398 — 457 

IV. 

Die griechische Einheit 45S — 551 

V. 

Die Kämpfe mit den Barbaren 552 — 634 



Anmerkungen zum ersten Buche 635—650 

Anmerkungea zum «weiten Buche ... 65U— 696 

Nachtrag 697—701 



ERSTES BUCH. 



BIS ZUR DORISCHEN WvVNDERUNG. 



CurtiuB, Gr. Gesch. I. 6. Aufl. 



1 



I. 

LAND UND VOLK. 



Europa und Asien sagt man und denkt dabei unwillkürlich an 
zwei verschiedene, durch Naturgränzen gesonderte Erdtheile. Aber wo 
sind diese Gränzen? Mag im Norden, wo der Ural die breiten Land- 
nnassen schneidet, eine Grünzlinie möglich sein; südlich vom Pontus 
hat die Natur nirgends eine Scheidung gemacht zwischen Ost und 
Westen, sondern vielmehr Alles gethan, sie eng und unzertrennlich mit 
einander zu verbinden. Dieselben Gebirge ziehen in dichten Insel- 
reihen über die Propontis wie durch den Archipelagus; die beiderseiti- 
gen Uferländer gehören zu einander wie zwei Hälften eines Landes 
und Hafenplätze, wie Thessalonich und Athen, sind von jeher den ioni- 
schen Küstenstädten ungleich näher gewesen als dem eigenen Binnen- 
lande oder gar den westhchen Gestaden ihres Continents, von denen 
sie durch breite Länder und umständliche Seefahrt getrennt sind. 

Meer und Luft verbinden die Küsten des Archipelagus zu einem 
Ganzen; dieselben Jahreswinde wehen vom Hellespont bis Kreta und 
geben der SchiiTahrt gleiche Bestimmungen, dem Klima gleichen Wech- 
sel. Zwischen Asien und Europa ist kaum ein Punkt zu linden, wo bei 
klarem Wetter ein Schiifer sich einsam fühle zwischen Himmel und 
Wasser; das Auge reicht von Insel zu Insel, bequeme Tagfahrlen führen 
von Bucht zu Bucht. Darum haben auch zu allen Zeiten dieselben Völker 
an beiden Meerufern gesessen und seit den Tagen des Priamus haben 
diesseits und jenseits dieselben Sprachen und Sitten geherrscht. Der 
Inselgrieche ist ebenso heimisch in Smyrna wie in Nauplia; Saloniclii 
ist in Europa gelegen und doch eine levantinische Handelsstadt; trotz 
aller Wechsel staathcher Verhältnisse gilt Byzanz noch heute auf beiden 
Seiten als Metropole und wie sich ein Wellenschlag vom Strande lo- 
niens bis Salamis fortbewegt, so hat auch niemals eine Völkerbewegung 

1* 



4 



KLIMATISCHE VERHÄLTNISSE. 



das eine Gestade ergriffen, ohne sich auf das andere fortzupflanzen. 
Willkür der Politik hat in alten wie neuen Zeiten die beiden Gegenge- 
stade getrennt und breitere Meerstrafsen zwischen den Inseln als Gränz- 
scheiden benutzt, aber Jede Scheidung dieser Art ist eine äufserliche 
geblieben und hat nimmer zu trennen vermocht, was die Natur so 
deutlich zum Schauplatz einer gemeinsamen Geschichte bestimmt hat. 

So gleichartig die Küstenländer sind, welche sich von Westen 
nach Osten einander gegenüber hegen, eben so grofs ist die Verschie- 
denheit der Landschaften in der Richtung von Norden nach Süden. 
Am Nordrande des ägäischen Meers schmückt kein Myrtenblatt das 
Ufer; das Klima ist einem mitteldeutschen ähnlich, ganz Rumelien ist 
ohne Südfrüchte. 

Der vierzigste Grad macht einen Abschnitt. Hier beginnt man an 
den Küsten, in den geschützten Thälern die Nähe einer wärmeren 
. fi|,^t^^ Welt zu spüren: die immergrünen Waldungen heben an. Aber auch 
y^^:: hier genügt eine geringe Erhebung, das ganze Verhältniss zu ändern; 

If Ar^Xi.^ daher kommt es, dass ein Berg wie der Athos fast sämmtliche Baum- 
gattungen Europas auf seinen Höhen vereinigt. Im Innern vollends ist 
es ganz anders. Das Becken von lannina, das beinahe einen Grad 
südlicher als Neapel liegt, hat das Klima der Lombardei; im inneren 
Thessalien gedeiht kein Oelbaum, dem ganzen Pindus ist die Flora 
Südeuropas fremd. 

Erst mit dem neun und dreissigsten Grade dringt die Milde der 
See- und Küstenluft in das Innere und nun entfaltet sich ein rascher 
Fortschritt. Schon in Phthiotis sieht man Reis und Baumwolle, der 
Oelbaum wird heimisch. In Euboia und Attika tritt einzeln schon die 
Palme auf, die in gröfseren Gruppen die südlicheren Cykladen schmückt 
und in messenischen Ebenen unter günstigen Verhältnissen wohl auch 
essbare Datteln liefert. Die edleren Südfrüchte gedeihen bei Athen 
nicht ohne besondere Pflege; an der Ostküste von Argohs stehen Ci- 
tronen und Orangen in dichtester Waldung und in den Gärten der 
Naxioten reift schon die zarte Citrusstaude, deren duftige Frucht, im 
Januar gebrochen, innerhalb weniger Stunden an Küsten verführt wird, 
wo weder Wein noch Oel gedeihen will. 

So reicht innerhalb eines Raumes von zwei Breitengraden das grie- 
chische Land von den Buchenständen des Pindus bis in das Palmen- 
klima hinein, und es gibt auf der bekannten Erdfläche keine Gegend, 
wo die verschiedenen Zonen des Khmas und der Pflanzenwelt sich in 



HELLAS UND KLEINASIEN. 



5 



so rascher Folge begegnen. Dadurch erzeugt sich eine Mannigfaltigkeit 
in den Lebensformen der Natur und ihren Produkten, welche das Ge- 
müth der Menschen anregen, ihre Betriebsamkeit erwecken und den 
austauschenden Verkehr unter ihnen in's Leben rufen musste. 

Diese klimatischen Unterschiede sind im Ganzen beiden Gestaden 
gemeinsam. Aber auch zwischen den östlichen und westlichen Küsten- 
ländern herrscht bei aller Gleichartigkeit dennoch eine durchgreifende 
Verschiedenheit; denn so ähnlich einander die Küsten sind, so ver- 
schieden ist die Gestaltung der Länder selbst. 

Es ist, als ob das ägäische Meer die besondere Kraft besäfse, durch 
seinen Wellenschlag alles feste Land in eigenthümlicher Weise umzu- 
gestalten, das heisst überall eindringend es aufzulockern, durch diese 
Auflockerung Inseln, Halbinseln, Landzungen und Vorgebirge zu bil- 
den und so einen Küstenumriss von unverhältnissmäfsig grofser Aus- 
dehnung mit zahllosen Uafenbuchten herzustellen. Ein solches Ge- 
stade können wir ein griechisches nennen, weil es vor allen Ländern 
der Erde den Gegenden eigenthümlich ist, in welchen Hellenen sich 
angesiedelt haben. 

Nun ist der Unterschied dieser. Das östhche Festland ist nur 
äufserlich von dieser Gestaltung ergrifl'en. Im Ganzen heifst es trotz 
seiner Halbinselform mit Recht Klein-Asien; denn es theilt mit den 
Landschaften Vorderasiens die mächtige Gesammterhebung. Wie ein 
kleines Iran baut es sich aus der Mitte dreier Meere auf; im Innern ein 
massenhaftes, unzugänghches Hochland von kühler Temperatur und 
trockener Luft, mit steinichten, wasserarmen Flächen, aber auch voll 
fruchtbarer Landschaften, die zur Ernährung grofser und kräftiger 
Völker geeignet sind. 

Nirgends reicht dies grofse Plateau mit seinem Rande an das Meer, 
sondern es ist von Gebirgen umgürtet. Das mächtigste derselben ist 
der Taurus, eine Felsmauer, welche mit hohem Rande und schrofleii 
Wänden die südlichen Landschaften vom Kerne des Landes absondert. 
Gegen Norden zum Pontus hin sind die Terrassen breiter gelagert, mit 
wellenförmigen Bergländern und allmählich fortschreitender Senkung. 
Nach Westen ist die Gestaltung am mannigfaltigsten. Gegen Propontis 
und Hellespont erhebt sich der Rand des inneren Hochlandes zu an- 
sehnlichen, Wasser- und triftenreichen Gebirgen, dem mysischen Olym- 
pos und dem troischcn Ida; nach der Seite des Archipelagus ist ein ' ' 
schrölTer üebergang vom Binnen- zum Küstenlande. Eine Linie von 



6 



DIE KÜSTENFORMEN KLEINASIENS. 



Constantinopel quer durch Kleinasien bis zum lykischen Meere gezogen 
bezeichnet ungefähr den Längengrad, auf welchem die Plateaumasse 
plötzlich abbricht, wo das Land sich überall lockert und in weiten, 
fruchtbaren Flussthälern zum Meer öffnet, das ihnen in zahlreichen 
Buchten entgegenkommt. Hier beginnt gleichsam eine neue Welt, 
ein anderes Land; es ist wie ein aus anderem Stoffe angewebter Saum 
und wenn man nach der Terrainbildung die Welttheile unterscheiden 
wollte, so müsste man auf jener Scheidehnie des Ufer- und Binnen- 
landes die Gränzsäulen aufrichten zwischen Asien und Europa. 

Wie sich Kleinasien überhaupt wegen seiner eigenthümlichen 
Landbildung, welche ohne verbindende Einheit die gröfsten Gegen- 
sätze umschhefst, zu einer gemeinsamen Landesgeschichte niemals 
geeignet gezeigt hat, so sind um so mehr die Stufenländer Kleinasiens 
zu allen Zeiten der Schauplatz einer besonderen Geschichte, der 
Wohnplatz besonderer Völker gewesen, welche sich von der Herr- 
schaft des Binnenlandes frei zu halten gewusst haben. 

Der westhche Saum Kleinasiens besteht zunächst aus dem Mün- 
dungslande der vier grofsen Flüsse, die in parallel hegenden Thälern 
zum Meere strömen, das Maiandros, Kaystros, Hermos und Kaikos, wie 
ihre Folge von Süden nach Norden ist. In keiner Gegend der alten 
Welt war Ueppigkeit des Acker- und Weidelandes so unmittelbar mit 
allen Vortheilen einer ausgezeichneten Küstenform verbunden. Die 
Entvvickelung der Küstenhnie loniens in allen Buchten und Vor- 
sprüngen beträgt über das Vierfache ihrer geraden Erstreckung von 
Norden nach Süden. An der Nord- und Südseite ist diese Küsten- 
gestaltung nicht so durchgängig, sondern hier tritt sie nur in einzelnen 
Landstrichen auf, denen aber schon durch diesen Antheil an helleni- 
scher Landbildung auch zur Theilnahme an hellenischer Geschichte 
ein besonderer Beruf mitgegeben worden ist. Dahin gehören die 
Küsten der Propontis und das karisch-lykische Gestadeland. 

Im Osten also hat das Meer nur den Rand des Festlandes zu hel- 
lenisiren vermocht; anders ist es auf der gegenüberhegenden Seite. 
Auch hier lagert sich ein massenhaftes Festland, von den Donauländern 
her zwischen Adria und Pontus südwärts in das Meer geschoben, aber 
diese Kernmasse wird nicht blos äufserlich, wie Kleinasien, durch das 
Meer verarbeitet und am Rande aufgelockert, sondern der Kern selbst 
löst sich mehr und mehr in Halbinseln und Inseln und geht endlich 
ganz in diese GHederung auf. 



DAS EUROPÄISCHE GRIECHENLAND. 



7 



Die ganze westgriechische Ländermasse ist durch eine Kette von 
Hochgebirgen, die sich in grofsem Bogen vom adriatischen zum 
schwarzen Meere hnzieht, von allen zum Donaugebiete gehörigen Land- 
schaften gesondert, um sich als eine Welt für sich nach eigenen Ge- 
setzen südwärts zu entwickeln. Derthrakische Hämus macht mit seinem 
unwegsamen Rücken gegen die Donaulandschaften eine schwierige und 
allen Völkerverkehr absperrende Naturgränze, während von Asien her 
der Zugang leicht und offen ist. Eben so lässt sich in der Entfaltung der 
ganzen südlichen Landmasse zwischen dem adriatischen und ägäischen 
Meere das Gesetz erkennen, dass immer die östhche, die adriatische Land- 
seite die bevorzugte ist, das heisst dass alle Landschaften dieser Seite für 
ein geordnetes Staatsleben besonders günstig organisirt sind und durch 
hafenreiche Küsten einen besondern Beruf zum Seeverkehre empfangen 
haben. So ist zunächst Albanien und Illyrien nichts als ein Gedränge 
nahe gereihter Felskämme und enger Thalschluchten, die kaum für 
Wegebahnung Raum lassen ; die Gestade sind wild und unwirthlich. 
Wenn daher auch alte Karavanenzüge das Gebirge überstiegen, um in 
der Mitte zwischen beiden Meeren die Erzeugnisse der ionischen Inseln 
und des Archipelagus auszutauschen und dann auch die Römer von 
Dyrrhachium aus eine Hauptstrafse quer durch das Land legten, so 
ist dennoch Illyrien durch alle Zeit hindurch ein Barbarenland ge- 
blieben. 

Wie ist Alles anders, wenn man übe_r dßü Skai'duipass nach der 
Ostseite, aus Illyrien nach Makedonien, hinübersteigl! Hier bilden sich 
aus zahlreichen Quellen am Fusse der Centraikette mächtige Flüsse, 
die in breite Niederungen strömen, und um diese Niederungen 
legen sich in grofsen Ringen die Gebirgsarme, welche die Ebenen um- 
gürten und den Flüssen des Landes nur schmalen Ausweg in das 
Meer gestatten. 

Das innere Makedonien besteht aus einer Folge von drei solchen 
Ringebenen, deren Gewässer vereinigt in die Ecke des tief einge- 
schnittenen Golfs von Thessalonich sich zusammendrängen. Denn 
nicht nur die grofsen Saatebenen des Binnenlandes hat Makedonien 
vor Illyrien voraus, sondern auch ein zugängliches, gastliches Gestade. 
Anstatt einförmig wilder Küstenlinien springt hier zwischen den Mün- 
dungen des Axios und Strymon eine breite Bergmasse vor und streckt 
sich weit in das Meer mit drei buchtenreichen Felsenzungen, deren öst- 
hchste in den Athos' ausläuft. 



8 



NORD- UND MITTELGRIECHENLAND. 



Ueber 6400 Fuss hoch steigt er mit steilen Marmorwänden aus 
der See empor; vom Eingang des Hellesponts und dem des pagasäi- 
schen Meerbusens gleich weit entfernt, warf er seinen Schatten bis auf 
den Markt von Lemnos, ein weit sichtbarer Richtpunkt der Seefahrt, 
den ganzen Norden des Ärchipelagus beherrschend. 

Durch diese griechisch geformten Küsten stehen Makedonien und 
Thrakien mit der griechischen Welt in Verbindung, während siö im 
Innern eine von dem eigentlichen Hellas durchaus verschiedene Be- 
schaffenheit haben. Es sind Hochgebirgsländer, wo die Völker vom 
Meere abgesperrt, in abgeschlossenen Thalringen gleichsam gefesselt 
gehalten werden. 

Der vierzigste Breitengrad schneidet den Gebirgsknoten, mit dem 
gegen Süden eine neue Gliederung eintritt. Die Landschaften verlieren 
den Charakter der Alpenländer; die Berge werden nicht nur niedriger, 
zahmer, kulturfähiger, sondern sie ordnen sich mehr und mehr in über- 
sichtliche Bergzüge, welche die Kulturebenen umgeben, das Land glie- 
dern und schützen, ohne es unzugänglich, wild und unfruchtbar zu 
machen. Dieser Fortschritt im Organismus des Landes macht sich 
aber wieder nur an der Ostseite geltend, wo das fruchtbare Thalbecken 
des Peneios von Bergen umgürtet sich ausbreitet; auch an der Meer- 
seite ist es abgesperrt durch das Ossagebirge, das sich als Pelion, dem 
Athos parallel, einem Felsdamme gleich in die See streckt. Aber zwei 
mal sind die Berge durchbrochen und dadurch Thessalien zugleich 
entwässert und gegen Osten dem Verkehre geöffnet, an derW^asserpforte 
des Tempethals und dann südlich, wo zwischen Pelion und Othrys 
sich tief und breit der pagasäische Golf in das Land hineinzieht. 

Nun wird gegen Süden die Gliederung immer reicher; der Ver- 
zweigung der Gebirge entsprechen die Meerbuchten, welche von Osten 
und Westen eindringen. Dadurch wird die Landmasse so aufgelockert, 
dass sie zu einer Reihe von Halbinseln wird, die durch Landengen mit 
einander zusammhangen. 

Damit beginnt, unter dem neun und dreifsigsten Breitengrade, 
das mittlere Griechenland, Hellas im engeren Sinne, wo zwischen dem 
ambrakischen und malischen Golfe sich über siebentausend Fufs der 
Bergkegel des Tymphrestos erhebt und die Ost- und Westhälfte von 
Hellas noch einmal in der Mittet bindet. Gegen Westen überragt er 
das Wassergebiet des Acheloos, welches mit seinen Landschaften von 
der feineren Gliederung des Ostens gänzlich ausgeschlossen bleibt. 



3IITTELGRIECHEIVLAND UND PELOPONiNES. 



9 



Gegen Osten zieht das Oetagebirge und bildet am Südrande des mali- 
schen Meerbusens den Pass der Thermopylen, wo zwischen Sumpf und 
jähem Fels nur eines Weges Breite übrig bleibt, um nach den südhchen 
Landschaften zu gelangen. Von Thermopylai quer hinüber zum korin- 
thischen Meere beträgt der Abstand keine sechs Meilen. Dies ist der 
Isthmus, von dem aus sich die Halbinsel des östlichen Mittelgriechen- 
lands bis zum Vorgebirge Sunion hineinstreckt. 

Das Stammgebirge dieser Halbinsel ist der Parnass, dessen sieben- 
tausend fünfhundert Fufs hohe Kuppe die umwohnenden Menschen- 
geschlechter als die einzige, von der Fluth nicht erreichte Höhe, als 
den Ausgangspunkt eines neuen Menschengeschlechts heilig hielten. 
Von seinem nördlichen Fufse strömt der Kephisos in den grossen Thal- 
kessel Böotiens, den der Helikon mit seinen Verzweigungen be- 
gränzt. An den Helikon schliefst sich der Kithüron, von Neuem ein 
Quergebirge von Meer zu Meer, Attika von Böotien trennend. 

Nicht leicht giebt es ungleichere Nachbarländer. Böolien ist ein in 
sich abgeschlossenes Binnenland, wo des Wassers Ueberfülle in tieten 
Thalgründen stockt, ein Land feuchter Nebel und üppiger Vegetation auf 
fettem Boden; Attika ganz in das Meer vorgeschoben, eine buchten- 
reiche Halbinsel, ein Land von trockenem Felsboden, den eine dünne 
Erdschicht bedeckt, umgeben von der durchsichtig hellen Atmosphäre 
der Inselwelt, der es durch Lage und Klima angehört. Seine Gebirge 
setzen sich im Meere fort, sie bilden die innere Beihe der Cykladen, 
eben so wie die äufsere Beihe die Fortsetzungen von Euböa eind. Voll- 
endet wurde der ganze Organismus des griechischen Landes, als aus 
den Finthen die schmale niedrige Landbrücke auftauchte, welche die 
Pelopsinsel als die vollkommenste Halbinsel, als Schlussglied der 
ganzen nach dieser Form hinstrebenden Beihe von Landschaften, dem 
Stamme des Festlandes anreihen sollte. So geschieht es, dass ohne den 
stetigen Zusammenhang des Landes zu zerreifsen, inmitten desselben 
zwei breite, hafenreiche Binnenmeere sich begegnen, das eine nach 
Italien geöffnet, das andere nach Asien. 

Der Peloponnes ist ein Ganzes für sich; er hat sein Stammge- 
birge in der eigenen Mitte, das mit mächtigen Brüstungen das hohe 
Binnenland Arkadien umgürtet und durch seine Verzweigungen die 
herumUegenden Landschaften gliedert. Diese sind entweder nur Ab- 
dachungen des inneren Hochlandes, wie Achaja und Elis, oder es gehen 
neue Bergzüge aus, die nach Süden und Osten laufend den Stamm 



10 



DIE GESETZE EÜROPÄISCH- 



neuer Halbinseln bilden; so entstehen die messenischen, lakonischen, 
argivischen Halbinseln und zwischen ihnen die tiefgeschnittenen Meer- 
busen mit ihrem breiten Fahrwasser. 

Die innere Beschaffenheit des Peloponneses zeigt nicht geringere 
Mannigfaltigkeit als der äufsere Umriss. Auf den einförmigen Hoch- 
ebenen Arkadiens glaubt man sich in der Mitte eines ausgedehnten 
Binnenlandes; seine Thalkessel haben die Organisation und die schwere 
Nebelluft Böotiens, während die dichten Bergzüge Westarkadiens der 
rauhen Alpennatur von Epirus gleichen. Die peloponnesische West- 
küste entspricht den flachen Gestaden der Acheloosländer, die reichen 
Ebenen des Pamisos und Eurotas sind Geschenke des Flusses, der 
durch Bergspalten herausströmt gleich dem thessalischen Peneios ; Ar- 
golis endhch mit seiner gegen Süden offenen Inachosebene und seiner 
an Felshäfen und vodiegenden Inseln so reichen Halbinsel ist nach 
Lage und Beschaffenheit ein zweites Attika. So wiederholt die schöp- 
ferische Natur von Hellas im südhchsten Gliede des Landes noch 
einmal alle ihre Lieblingsbildungen, auf engem Räume die gröfsten 
Gegensätze zusammendrängend. 

Bei dieser verwirrenden Mannigfaltigkeit der Bodenverhältnisse 
gehen dennoch mit voller Strenge gewisse einfache und klare Gesetze 
durch, welche dem ganzen europäischen Griechenland das Gepräge 
eines eigenthümhchen Organismus geben. Dahin gehört das stete Zu- 
sammenwirken von Meer und Gebirge, um die Glieder des Landes zu 
bezeichnen, ferner die Reihe der von dem Centraigebirge auslaufenden 
Querriegel, welche zusammen mit den illyrisch-makedonischen Hoch- 
landen darauf hinwirken, die Wohnsitze der Griechen von Norden 
unzugänghch zu machen, sie vom Continente zu isoliren und ganz auf 
das Meer und die jenseitigen Küsten hinzuweisen. 

Die nördlichen Hochlande sind dazu geschaffen, dass die Völker 
daselbst an den Berghängen in engen wasserreichen Thälern als Bauern, 
Hirten und Jäger wohnen, dass ihre Kraft in Alpenluft gestählt, in ein- 
fachen Naturzuständen gesund erhalten werde, bis ihre Zeit gekommen 
ist, dass sie in die südlicheren Landschaften hinabsteigen sollen, welche 
durch ihre feinere und mannigfaltigere Ghederung berufen sind, ein 
Schauplatz der Staatenbildung zu werden und ihre Einwohner nach 
Osten hin in den See- und Küstenverkehr einer neuen, gröfseren Welt 
hereinzuziehn. Denn dies ist endlich von allen Gesetzen der euro- 
päisch-griechischen Landbildung das unverkennbarste und wichtigste, 



GRIECHISCHER LANDBILDUNG. 



11 



dass vom thrakischen Gestade an die Ostküste als die Vorderseite der 
ganzen Ländermasse bezeichnet ist. 

Das westliche Meer bespült, mit Ausnahme zweier Buchten und 
des korinthischen Golfs, von Dyrrhachion bis Methone nur schroffe 
Klippenküsten oder ein angeschwemmtes, durch Lagunen entstelltes, 
flaches Uferland; wer aber vermag die tiefen Buchten und Ankerplätze 
zu zählen, welche von der Strymonmündung bis Cap Malea sich ölfnen, 
um die Bewohner der nahen Inseln zur Anfahrt einzuladen und zu 
eigener Ausfahrt zu reizen ! Die Form der Felsküsten, welche an der 
Ostseite vorherrscht und fast auf allen Punkten einer langen Uferlinie 
den Seeverkehr möglich macht, ist zugleich tür die Gesundheit des 
Klimas die günstigere, für Stadtgründungen die geeignetere. So hat 
sich alle Geschichte von Hellas auf die Ostküste geworfen und die nach 
der Rückseite des Landes hingeschobenen Stämme, wie z. B. die west- 
lichen Lockrer, sind dadurch zugleich aus dem lebendigen Zusammen- 
hange fortschreitender Entwickelung hinausgedrängt worden. 



Die Geschichte eines Volkes ist nicht als ein Produkt der natür- 
lichen Beschaffenheit seiner Wohnsitze zu betrachten. Aber das er- 
kennt man leicht, dass so eigenthümlich ausgeprägte Bodenformen, wie 
sie das Becken des Archipelagus einschliefsen, der Entwickelung der 
Menschengeschichte eine besondere Richtung zu geben im Stande sind. 

In Asien haben grofse Ländermassen zusammen eine Geschichte. 
Ein Volk erhebt sich über eine Masse anderer und immer handelt es 
sich um Schickungen, denen unterschiedslos die weitesten Erdstriche 
mit Millionen ihrer Bewohner erliegen. Gegen eine solche Geschichte 
sträubt sich jeder Fufsbreit griechischer Erde. Hier hat die Verästelung 
der Gebirge eine Reihe von Kantonen gebildet, deren jeder zu einem 
besonderen Dasein Beruf und Anrecht empfangen hat. In weiten 
Ebenen denken die Bewohner der einzelnen Gemeinden nicht daran, 
gegen übermächtige Heeresmassen ihr Recht und Gut zu vertreten; sie 
lassen über sich ergehen was des Himmels Wille ist, und wer übrig 
bleibt, baut sich still eine neue Hütte neben den Trümmern der alten. 
Wo aber die Ackerfluren, die mühsam bestellten, von Bergen umgürtet 
sind mit hohen Jochen und engen Zugängen, die von Wenigen gegen 
Viele vertheidigt werden können, da wird mit solchen Schutzwaffen 
auch der Muth verheben, die Wallen zu gebrauchen. Ohne Pässe wie 



12 



DIE GLIEDERUNG DES LANDES. 



Thermopylai ist eine griechische Geschichte gar nicht denkbar. In 
griechischen Landschaften hat jede Gaugenossenschaft das Gefühl 
einer natürhchen und unauQösbaren Zusammengehörigkeit; es er- 
wächst, wie von seihst aus den Weilern des Thals der gemeinsame Staat 
und in jedem solcher Staaten das Bewusstsein einer vor Gott und 
Menschen vollberechtigten Selbständigkeit. Wer ein solches Land 
unterwerfen will, muss es in jedem seiner Gebirgsthäler von Neuem 
angreifen und besiegen. Im schlimmsten Falle sind Berggipfel und 
unnahbare Höhlen da, um die Ueberreste der freien Landesbewohner 
schützend aufzunehmen, bis die Gefahr vorüber ist oder die Kampf- 
lust der Feinde ermattet. 

Aber nicht blos die politische Selbständigkeit, auch die ganze 
Mannigfaltigkeit der Bildung, Sitte und Sprache, welche das alte Grie- 
chenland auszeichnet, ist ohne die vielfältige Gliederung des Landes 
undenkbar; denn ohne die trennenden Gebirge würden die ver- 
schiedenen Bestandtheile der Bevölkerung sich frühzeitig an einander 
abgeschlift'en haben. 

Hellas ist aber nicht nur ein abgeschlossenes uud wohlverwahrtes 
Land, sondern auch wieder dem Verkehre offener als irgend ein Land 
der alten Welt. Dringt doch von drei Weltgegenden her die See in 
alle Theile des Landes ein, das Auge schärfend, den Muth weckend, 
die Phantasie rastlos anregend; die See, welche dort, wo sie das ganze 
Jahr hindurch offen ist, ungleich näher die Länder verbindet, als die 
nnwirthlichen Binnenmeere des Nordens. Leicht aufgeregt, ist sie auch 
leicht wieder besänftigt; ihre Gefahren sind verringert durch die Menge 
sicherer Ankerbuchten, die der Schiffer erreichen kann, wenn das 
Wetter aufzieht, so wie durch die Klarheit der Luft, welche ihn bei 
Tage bis auf zwanzig Meilen hin die Zielpunkte erkennen lässt und ihm 
bei Nacht den wolkenlosen Himmel zeigt, dessen auf- und niederge- 
hende Sterne des Landmanns wie des Schiffers Geschäfte in milder 
Ruhe regeln. 

Die Winde sind die Gesetzgeber der Witterung ; aber auch sie ha- 
ben in diesen Breiten etwas Geregeltes und steigern sich nur selten 
zur Heftigkeit verwüstender Orkane. Es ist ja nur die kurze Winter- 
frist, in welcher Wetter und Wind regellos schwanken ; mit dem Ein- 
tritte der guten Jahreszeit — der sicheren Monate, wie die Alten sie 
nannten — folgt auch der Luftzug im ganzen Archipelagus einer festen 
Regel und jeden Morgen erhebt sich der Nordwind von den thrakischen 



MEER UND LUFT DER GRIECHEN. 



13 



Küsten und weht das ganze hiselmeer hinab, so dass man das, was 
aufserhalb dieser Küstenkreise lag, als 'jenseits des Nordwinds' bezeich- 
nete. Das ist der Wind, der einst Miltiades nach Lemn os führte und 
der zu allen Zeiten dem die Nordgestade Beherrschenden so grofse 
Vortheile sicherte. Oft haben diese Winde (d ie Etesien ) wochenlang 
den Charakter eines Sturmes, und bei wolkenlosem Himmel sieht man 
Schaumwellen so weit das Auge umschant ; sie sind aber ihrer Gleich- 
mäfsigkeit wegen nicht gefährlich und so wie die Sonne sinkt, lassen 
sie nach; die See glättet sich, Luft und Wasser wird still, bis sich fast 
unmerkhch ein leiser Gegenwind erhebt, ein Luftzug aus Süden. Dann 
löst der Schiffer inAegina seine Barke und wird in wenig Nachtstunden 
nach dem Peiraieus getragen. Das ist der von den Dichtern Athens 
gepriesene Seehauch, der jetzt sogenannte Embates, der immer milde, 
weiche und heilbringende. Die Strömungen, die an den Küsten ent- 
lang gehen, erleichtern die Fahrt in den Golfen und Meersunden ; der 
Flug der Wandervögel, die zu bestimmten Jabreszeiten sich wiederho- 
lenden Züge der Thunfische geben dem Schiffer willkommene Wahr- 
zeichen. Die Regelmäfsigkeit im ganzen Leben der Natur, in Bewegung 
von Luft und Wasser, der milde und menscbenfreundliche Charakter 
der ägäischen See trug wesentlich dazu bei, dass ihre Bewoliner sich 
mit vollem Vertrauen üh' hingaben, dass sie auf ihr und mit ihr lebten. 
Das Meer war ihre Landstrafse, wie der Name Pontos es bezeichnet. 
Die 'nassen Pfade' Homers sind es, welcbe die Menschen unter einan- 
der verbinden, und wer im Binnenlande wohnt, erscheint dadurch von 
der Leichtigkeit und der Annehmlichkeit des Menschenverkehrs, sowie 
von dem Fortschritte der Bildung ausgesciilossen ^). 

Die Flussschiffahrt ist bald zu Ende gelernt, die Seefabrt niemals. 
An Flussufern schleifen sich die Unterschiede der Bewohner ab, das 
Meer bringt das Verschiedenartigste plötzlich zusammen; es kommen 
Fremde, die unter anderem Himmel, nach anderen Gesetzen leben: es 
findet ein unendliches Vergleichen, Lernen, Mittheilen statt und je 
lohnender der Austausch der verschiedenartigen Landesprodukte ist, 
um so rastloser arbeitet der menschliche Geist, den Gefahren des 
Meers durch immer neue Erfindungen siegreich entgegenzutreten. 

Euphrat und Nil bieten Jalir um Jahr ihren Anwohnern dieselben 
Vortheile und regeln ihre Beschäftigungen, deren stetiges Einerlei es 
möghch macht, dass Jahrhunderte über das Land hingehen, ohne dass 
sich in den hergebrachten Lebensverhältnissen etwas Wesenthches än- 



14 



BODENBESCHAFFENHEIT. 



dert. Es erfolgen Umwälzungen, aber keine Entwickelungen und 
mumienartig eingesargt stockt im Thale des Nils die Cultur der Aegyp- 
ter; sie zählen die einförmigen Pendelschläge der Zeit, aber die Zeit 
hat keinen Inhalt; sie haben Chronologie, aber keine Geschichte im 
vollen Sinne des Worts. Solche Zustände der Erstarrung duldet der 
Wellenschlag des ägäischen^Meeres nicht, der, wenn einmal Verkehr 
und geistiges Leben erwacht ist, dasselbe ohne Stillstand immer weiter 
führt und entwickelt. 

Was endhch die natürliche Begabung des Bodens betrifft, so war 
in diesem Punkte eine grofse Verschiedenheit zwischen der östlichen 
und westlichen Hälfte des griechischen Landes. 

Die Athener brauchten von den Mündungen der kleinasiatischen 
Flüsse nur wenig Stunden aufwärts zu gehen, um sich zu überzeugen, 
wie viel reicher dort der Ackerboden lohne, und mit Neid die tiefen 
Schichten der fruchtbarsten Erde in Aeolis und lonien zu bewundern. 
Der Wuchs der Pflanzen und Thiere war üppiger, der Verkehr in den 
breiten Ebenen so ungleich leichter. Sind doch im europäischen Lande 
die Ebenen nur wie Furchen und schmale Becken zwischen den Ge- 
birgen eingesenkt oder dem äufsern Bande derselben angeschwemmt; 
über hohe Joche, die erst für Menschentritte geöffnet und dann mit 
unsäglicher Mühe für Saumthiere und Wagen gebahnt werden mussten, 
stieg man von einem Thale zum anderen hinüber. 

Auch die Gewässer der Ebenen blieben meist den Segen schuldig, 
den man von ihnen erwartete. Bei weitem die meisten waren im Som- 
mer versiegende Flüsse, früh hinsterbende Nereidensöhne, wie die Sage 
sie darstellte, oder Geliebte der Seenymphen, deren Liebesbund früh 
zerrissen wird, und wenn auch des Landes Trockenheit jetzt eine un- 
gleich gröfsere ist, als im Alterthume, so waren doch seit Menschenge- 
denken des Iiissos wie des Inachos Wasseradern unter dürrem Kies- 
lager verschwunden. Neben gröfster Dürre ist dann wieder ein üeber- 
mafs von Wasser, das hier im Thalbecken, dort zwischen Berg und 
Meer stockend die Luft verpestet und Jedem Anbaue widerstrebt. 
Ueberau gab es Arbeit und Kämpft). 

Und dennoch — wie frühe würde die griechische Geschichte zu 
Ende gegangen sein, wenn sie nur unter dem Himmel loniens ihre 
Stätte gefunden hätte ! Die volle Energie, welcher das Volk fähig war, 
ist doch erst im europäischen Hellas zu Tage getreten, auf dem so un- 
gleich karger begabten Boden; hier ist doch der Leib stärker, der Geist 



BODENBESCHAFFENHEIT. 



15 



freier entwickelt worden ; hier ist das Land, das er sich durch Ent- 
sumpfung und Eindämmung, durch künsthche Bewässerung und müh- 
same Wegebahnung unter Noth und Arbeit zu eigen gemacht hat, dem 
Menschen im vollem Sinne zum Vaterlande geworden, als im jensei- 
tigen Lande, wo er die Gaben Gottes mühelos entgegennahm. 

So besteht denn der besondere Vorzug des griechischen Landes 
in dem Mafse seiner Begabung. Sein Bewohner geniefst den vollen 
Segen des Südens; ihn erfreut und belebt der Glanz des südlichen 
Himmels, die heitere Luft des Tages, die warme, erquickende Nacht. 
Den nöthigen Unterhalt gewinnt er leicht von Land und Meer; Natur 
und Klima erziehen ihn zur Mäfsigkeit. Er bewohnt ein Bergland, aber 
seine Berge sind keine rauhen Hochlande, sondern urbar und triften- 
reich und Hüter der Freiheit: er bewohnt ein mit allen Vorzügen süd- 
licher Gestade gesegnetes Inselland, das doch zugleich die Vorlheile 
eines grofsen, ununterbrochenen Länderzusammenhangs geniefst. Star- 
res und Flüssiges, Berg und Niederung, Dürre und Feuchtigkeit, Ihra- 
kische Schneestürme und tropische Sonnengluth — alle Gegensätze, 
alle Formen des Naturlebens kommen zusammen, um auf die verschie- 
denste Art den Menschengeist zu wecken und anzuregen. Wie aber 
diese Gegensätze sich alle in eine höhere Harmonie auflösen, welche 
das ganze Küsten- und InscUand des Archipelagus umfasst, so wurde 
auch der Mensch darauf hingewiesen, zwischen den Gegensätzen, die 
das bewusste Leben bewegen, zwischen Genuss und Arbeit, zwischen 
Sinnlichkeit und Geistigkeit, zwischen Denken und Fühlen das Mafs 
der Harmonie herzustellen. 

Was ein Ackerboden zu leisten vermag, zeigt sich erst dann, weim 
die für denselben geschalfenen IMlanzcn ihre Wurzelfasern eintreiben 
und auf dem glücklich gefundenen Standorte in voller Gunst von Licht 
und Luft die ganze Fülle ihrer Lebenskräfte zur Entfaltung bringen. 
Bei dem Pflanzenleben weifs der Naturforscher nachzuweisen, wie 
dem bestimmten Organismus die besonderen Erdtheile des Bodens 
erspriefslich sind, bei dem Völkerleben ruht ein tieferes Geheimniss 
auf dem Zusammenhange zwischen Landschaft und Geschichte. 

Die Geschichte kennt keines Volkes Anfange. In ihren Gesichts- 
kreis treten die Völker der Erde nicht früher ein, als nachdem sie 
schon eine eigenthümliche Bildung gewonnen und sich im Gegensatze 



16 



DER STAMMBAUM DEU GRIECHEN. 



gegen ihre Nachbarvölker fühlen gelernt haben; bis es aber dahin ge- 
kommen, sind Jahrhmiderte verflossen, deren Reihen Niemand zählen 
kann. Auch die Sprachwissenschaft vermag es nicht, aber sie eröffnet 
uns eine Quelle, welche über die Anfänge der Geschichte hinausreicht. 
D ie Sprache ist in ihrem formalen Bestän de bis zu einem hohe n Grade 
abgeschlossen, wenn die Geschichte des Volks beginnt. In ihr hat 
sich der Charakter desselben zuerst ausgeprägt; sie ist das erste 
Zeugniss seiner eigenthümlichen Beschaffenheit, seine älteste Urkunde 
und die einzige über seine vorhistorische Lebensperiode. 

Sie geht aber auch über die Existenz des einzelnen Volks hinaus, 
denn sie zeigt uns die Sprache desselben in einer so nahen Verwandt- 
schaft mit andern Sprachen, dass wir daraus auf die Verwandtschaft 
der Völker schhefsen können, welche diese Sprache redeten. So ver- 
mag die Sprachwissenschaft die Anfänge der Geschichte zu ergänzen 
und einen Stammbaum der Völker herzustellen, von dem keine andere 
Ueberlieferung uns erhalten ist. 

Auf diesem Wege ist denn auch die griechische Sprache als eine 
der 'indogermanischen' oder 'arischen' Schwestersprachen erkannt 
worden, und das Griechenvolk als ein Zweig jenes arischen Urvolks, 
welches einst die Ahnen der Inder, Perser, Griechen, Italiker, Kelten, 
Germanen, Letten und Slaven umschloss. 

Das Urvolk trennte sich ; seine Mundarten wurden zu besonderen 
Sprachen, seine Stämme zu Völkern. Einzelne dieser Völker haben 
längere Zeit ein Ganzes gebildet, und deshalb lassen sich gröfsere 
und kleinere Völkergruppen unterscheiden, je nachdem sie in Bewah- 
rung des ursprünglichen Bestandes der Muttersprache oder in Abän- 
derung derselben unter sich übereinstimmen. So unterscheiden wir 
zuerst eine Völkergruppe, welche in Asien sesshaft gebheben ist und 
sich im Ganzen von der Ursprache am wenigsten entfernt hat (das 
ist die indische und die iranische Nation, mit welcher auch die 
Skythen am Pontus im Zusammenhange geblieben sind), und eine 
zweite, welche sich weiter nach Westen ausbreitend, den Stamm 
der europäischen Völkergeschlechter aber auch der Armenier ge- 
bildet hat. 

Diese Gruppe theilt sich wiederum in eine nordeuropäische (Sla- 
ven, Letten und Germanen), und eine südeuropäische, Kelten, Itahker 
und Griechen. Das verwandtschaftliche Verhältniss zwischen diesen 
Völkern ist noch nicht mit Sicherheit festgestellt; doch scheint es. 



GRÄKOITALISCHE PERIODE. 



17 



dass die Kelten sich am frühesten abgelöst und dass nach ihrer 
Ausscheidung die Griechen und Itahker als ein Volk fortbestanden haben. 

Die europäischen Arier haben aufser dem Gesammtgute, welches 
allen arischen Sprachen gemeinsam ist und die Culturstufe des 
grofsen Völkergeschlechts vor seiner Trennung erkennen läfst (da 
sich bei ihnen nicht nur für die Hausthiere, sondern auch für den 
Landbau so wie für das Mahlen, Weben u. s. w. dieselben Aus- 
drücke vorlinden), einen gemeinsamen neuen Besitz an Wörtern und 
Begriffen gesammelt und ausgebildet. Für die den Griechen und 
Italikern gemeinsame Zeit ist die übereinstimmende Bezeichnung der 
Göttin des llerdteuers und der gleiche Name für Gränze bezeichnend 
{laQfjiMV, terminus). 

Wichtiger noch ist für beide Völker ihre Uebereinstimmung im 
Vokalismus. Sie haben die bei der ganzen europäischen Völkerfamilie 
eintretende feinere Unterscheidung der Vokale am vollkommensten 
durchgeführt. Der ursprüngliche A-Laut ist entweder festgehalten 
oder durch Verdünnung und Verdum.pfung verändert. So hat sich 
eine ungleich mannigfaltigere Vokalreilie gebildet: a, e (i), o (u), und 
durch diese Vokalspaltung ist nicht nur gröfsere Anmuth des Klanges 
erzielt worden, sondern auch eine ungleich feinere Organisation des 
Sprachbaus. Denn auf ihr beruht die Gliederung der Deklinationen ; 
auf ihr die klarere Unterscheidimg des männlichen und sächlichen 
Geschlechts einer-, des weibhchen andererseits, ein Hauplvorzug 
der beiden Sprachen vor allen andern. 

Endlich haben die Griechen und Italiker auch ein gemeinsames 
Accenlgesetz. Denn wenn auch im Altilalischen noch Spuren einer 
älteren Betonungsweise zu erkennen sind, so ist doch gewiss schon zu 
der Zeit, da Griechen und Italiker noch ein Volk waren, von ihnen 
die Ordnung eingeführt, dass der Hauptaccent nicht über die dritt- 
letzte Silbe zurücktreten dürfe. Dadurch ist die Einheit der Wörter ge- 
wahrt; es sind die Endsilben geschützt, die bei weiter zurücktretendem 
Accente leicht zu Schaden kommen, und endlich ist bei aller Strenge 
des Gesetzes doch hinreichende Freiheit gestattet, um durch leichte 
Aenderungen des Tonfalls die Verschiedenheit der Casus in den 
Nomina, so wie der Zeiten und Modi bei den Verba erkennen zu 
lassen 

Diese Uebereinstimmungen der Sprache sind die ältesten Urkun- 
den einer gemeinsamen griechisch- italischen Volksgeschichte, die Ur- 

CurtiuB, Gr. Gescb. 1. 6. Aufi. 2 



18 



DIE GRIECHISCHE SPRACHE. 



künden einer Zeit, da auf einer der Stationen des ostwestlichen Völker- 
zugs in Asien die beiden Völker als ein Volk, als Gräkoitaliker, wie 
man sie nennen darf, zusammenwohnten, und wollen wir es wagen, 
nach dem, was beiden Zweigen in der Ausbildung ihrer Sprache ge- 
meinsam ist, den Grundcharakter des TJrvolks zu bezeichnen, so ist es 
eine unverkennbare Abneigung gegen alles Willkürliche und Chaotische, 
ein gesunder Sinn für Regel und Ordnung, welcher auch das Flüch- 
tigste in der Sprache, den Tonfall der Wörter, einer festen Norm un- 
terworfen hat, ein Streben nach klarer Gliederung und zweckvoller 
Gesetzmäfsigkeit im Ausdrucke der Begriffe. 

Von jenen wichtigen und durchgreifenden Uebereinstimmungen 
abgesehen herrscht zwischen beiden Sprachen aber auch eine grofse 
Verschiedenheit. Zunächst in den Lauten. 

Die griechische Sprache besitzt einen Reichthum an consonanti- 
schen Lauten; sie hat namenthch die vollzählige Reihe der stummen 
Gonsonanten (mutae), von denen die Aspiraten den Italikern ganz ver- 
loren gegangen sind. Dafür hat sie zwei Hauchlaute in früher Zeit 
eingebüfst, das j und das im Lateinischen treu bewahrte v, das soge- 
nannte Digamma, das mundarthch erhalten worden, aber sonst entweder 
spurlos untergegangen oder in den Hauchlaut (spiritus asper) umge- 
wandelt ist. Auch den Zischlaut haben sich die Griechen vor Vocalen 
nicht zu bewahren gewusst, wie er im fndischen und Italischen be- 
steht (vergl. sama, simul, ofiov). 

Diese Einbufse und Abschwächung wichtiger Laute ist im Grie- 
chischen sehr fühlbar. Manche Wortstämme haben ihre charakteris- 
tischen Kennzeichen verloren und verschiedene Wurzeln sind wegen 
Zerstörung ihrer Anlaute in einen fast unkenntlichen Zustand ge- 
rathen. Merkwürdig aber bleibt bei diesen Uebelständen das durch- 
greifende Verfahren der Sprache, ihre Consequenz und Gesetzmäfsigkeit, 
die Sicherheit der Schreibung, das Zeugniss einer grofsen Feinheit 
der Organe, durch welche sich die Hellenen vor den Barbaren aus- 
zeichneten, einer scharfen klaren Aussprache, wie sie den itaUschen 
Stämmen nicht in gleichem Grade eigen gewesen zu sein scheint. 

Im Griechischen ist auch der Auslaut der Wörter einer festen 
Regel unterworfen. Denn während im Sanskrit sich alle Wörter im 
Auslaute dem Anlaute des nächsten vollkommen anbequemen, im La- 
teinischen aber die Wörter sämtlich selbständig neben einander stehen, 
haben die Griechen hier das feine Gesetz aufgestellt, die Wörter ihrer 



DIE GRIECHISCHE SPRACHE. 



19 



Sprache nur auf Vocale oder auf solche Consonanten ausgehen zu 
lassen, welche sich leicht am Ende sprechen lassen, n, r und s. Da- 
durch ist den Wörtern mehr Selbständigkeit gegeben als im Sanskrit, 
der Rede mehr Einheit und Fluss als im Lateinischen ; die Auslaute 
aber sind vor stetem Wechsel wie vor Abstumpfung und Verstümme- 
lung gesichert. 

Im Reichthum der Formen hält die griechische Sprache keinen 
Vergleich aus mit der indischen, so wenig wie die Vegetation des Eu- 
ro tas mit dem Gangesufer. Es sind ja in der Deklination von acht 
Casusformen drei den Griechen verloren gegangen und es haben des- 
halb die übrig gebliebenen mit vielfachen Bedeutungen überbürdet 
werden müssen; ein Uebelstand, dem die Sprache nur durch feine 
Ausbildung der Präpositionen hat entgegentreten können. Die Italiker 
haben sich bei ihrer Neigung für Schärfe und Kürze des Ausdrucks 
den Ablativ und zum Theil auch den Lokativ erlialten ; den Dualis da- 
gegen, den die Griechen nicht missen wollten, in ihrer aufs Praktische 
gerichteten Denkweise aufgegeben. Den Griechen kommt auch in der 
Deklination die Mannigfaltigkeit ihrer Diphthonge sehr zu Statten. Hei 
möglichster Aehnlichkeit der Formen werden die Geschlechtsunter- 
schiede leicht und klar bezeichnet und auch in den Casus haben die 
Griechen (wie nodsg und noöaq für pedes lehrt) trotz ihrer Armuth 
den Vorzug deutlicherer Unterscheidung. 

Ihre Stärke aber liegt im Zeitworte. Auf die Verbalformen hat 
sich die ganze erhaltende Kraft der griechischen Sprache geworfen; 
hier ist sie der italischen in allen Hauptpunkten überlegen. Sie hat 
sich doppelte Reihen von Personalformen erhalten, welche leicht und 
gefällig die Zeiten in Haupt- und Nebenzeiten unterscheiden {Xtyovn- 
fXf-YOv)\ Augment und Reduplication sind der Sprache erhalten und 
mit bewundernswürdiger Feinheit bei den mannigfaltigsten Anlauten 
der Verba kenntlich durchgeführt. Mit Hülfe der verschiedenen Ver- 
balformen, der Stammform und der angeschwellten Präsensformen, 
gelingt es der Sprache, die gröfste Mannigfaltigkeit des Zeitbegriffs — 
Zeitpunkt, Zeitdauer, Abgeschlossenheit der Handlung — auf das 
Leichteste auszudrücken. 

Man bedenke, wie durch blofse Dehnung des Vokals in Dattov 
und sXsmov eine zwiefache so klar und sicher unterschiedene Bedeu- 
tung gewonnen wird; eine Beweglichkeit, welcher das Latein mit sei- 
nem linquebam und liqui nur unbeholfen und ungenügend nachzu- 

2* 



20 



DIE GRIECHISCHE SPRACHE. 



kommen sucht. Durch die Doppelbildung des Aoristes wird diese Un- 
terscheidung bei allen Verbalstämmen möglich und kann in jedem 
durch Aktiv, Medium und Passiv mit den einfachsten Lautmitteln 
durchgeführt werden. Dann die Modalformen, durch die das Verbum 
dem menschlichen Gedanken in den feinsten Unterschieden des Be- 
dingten und Unbedingten, des Möglichen und Wirklichen sich anzu- 
schmiegen weifs. Das Material zu diesen Bildungen war schon in dem 
viel älteren Sprachzustande vorhanden ; aber die älteren Völker wuss- 
ten das Material nicht zu benutzen. Die Dehnung^des Bindevokals in 
Verbindung mit den Endungen der Haupttempora genügte den Grie- 
chen, im Conjunktiv einen festen Typus für die bedingte Aussage zu 
schaffen; die Einschiebung eines I-lauts in Verbindung mit den En- 
dungen der Nebenzeiten, — das war die Schöpfung des Optativs, der 
wie der Conjunktiv seiner leichten Bildung wegen durch alle Zeiten 
durchgeführt werden konnte. Und dennoch sind diese einfachen Laut- 
mittel nicht rein formal und willkürlich. Die Dehnung des Lauts zwi- 
schen Wurzel und Personalendung unterscheidet so natürhch und 
sinnig von der unbedingten Aussage die zögernde, bedingte und jener 
Vokal, welcher der Charakter des Optativs ist, bezeichnet, weil er als 
Wurzel 'gehen' bedeutet, die über die Gegenwart hinausgehende Be- 
wegung der wünschenden Seele. Der Wunsch steht dem Gegenwär- 
tigen, das Mögliche dem Wirklichen entgegen; daher nimmt der Op- 
tativ die Endungen der Nebenzeiten an, die das nicht Gegenwärtige 
bezeichnen, während der Modus des Bedingten, weil er sich auf die Ge- 
genwart des Sprechenden bezieht, die Endungen der Hauptzeiten hat. 

In der Wortbildung endlich zeigt die Sprache eine grofse Beweg- 
lichkeit. Aus den einfachen Wurzeln lässt sie einen unendlichen 
Reichthum von Wörtern hervorgehen ; durch leichte Suffixe weifs sie 
in geschicktester Weise die substantivischen und adjektivischen Ab- 
leitungen nach ihren verschiedenen Bedeutungen klar zu charakterisi- 
ren {Tigä^tg^ Ttgayfia). Aus verschiedenen Wörtern bildet sie durch 
Vereinigung mit Leichtigkeit neue Wörter, eine Leichtigkeit, welche 
dem Lateinischen gänzlich versagt ist; aber sie missbraucht diese 
Leichtigkeit nicht, um sich wie das spätere Sanskrit in Worthäufungen 
zu gefallen, die das Verschiedenartigste, das sich nimmer zu einem 
begriffhchen Bilde verschmelzen lässt, gleichsam zu einem Knäuel von 
Wortstämmen zusammenflechten. Mafs und Klarheit ist auch hier 
das Kennzeichen des Griechischen. 



DIE GRIECHISCHE SPRACHE. 



21 



Das Volk, welches den gemeinsamen indogermanischen Spracli - 
schatz in so eig enthümlicher Weise auszubilden gewusst hat, bezeich- 
nete s ich selbst, seil es sich als ein Ganzes fühlte, mit dem Namen der 
Hellenen. I hre erste geschichtliche That i st der Ausbau ihrer Sprache 
und diese erste That ist eine künstlerische. D enn als ein Kunstwerk 
muss vor allen Schwestersprachen die griechische betrachtet werden 
wegen des in ihr waltenden Sinnes für Ebenmafs und Vollkommenheit 
der Laute, für Klarheit der Form und angemessene Darstellung des 
Gedankens. Wenn wir von dien Hellenen nichts besäfsen als die Gram- 
matik ihrer Sprache, so wäre diese ein vollgültiges Zeugniss für die aufser- 
ordentliche Begabung dieses Volks, das sich mit schöpferischer Kraft 
das sprachliche Material angeeignet und dasselbe mit Geist durchdrun- 
gen, eines Volks, das bei entschiedner Abneigung gegen alles Umständ- 
liche und Unklare mit den einfachsten Mitteln unendlich viel zu leisten 
gewusst hat. Die ganze Sprache gleicht dem Leibe eines kunstmäfsig 
durchgeübten Ringers, an dem jede Muskel zu vollem Dienste aus- 
gebildet ist; nirgends Schwulst und träge Masse, Alles Kraft und 
Leben. 

Die Hellenen müssen den Sprachstoff empfangen haben, ehe er 
zu spröder Masse erstarrt war; sonst wäre es ihnen unmöglich ge- 
wesen, in demselben wie in dem bildsamsten Thone die ganze Man- 
nigfaltigkeit ihrer geistigen Anlage so klar auszudrücken, ihren künst- 
erischen Formensinn sowohl wie jene Schärfe des abstrakten Den- 
kens, wie sie sich nicht erst in den Büchern ihrer Philosophen olVen- 
bart hat, sondern schon in der Grammatik der Sprache, namenthch in 
dem Gebäude der Verbalformen, einem für alle Zeiten gültigen Systeme 
der angewandten Logik, deren Verständniss noch heute die volle Kraft 
eines geübten Denkers in Anspruch nimmt. 

Wie in der Bildung der Sprache sich die edlen Kräfte des Volks 
in unbewusster Triebkraft bezeugt haben, so hat wiederum die ausge- 
bihlete Sprache rückwirkend auf das Volk im (ianzen und alle Glieder 
desselben den wichtigsten Einlluss geübt; denn je vollkommener der 
Organismus einer Sprache ist, um so mehr wird der, welcher sich 
ihrer bedient, zu gesetzmäfsigem Denken und klarer Durchbildung 
seiner Vorstellungen aufgefordert und gewissermafsen genölhigl. Die 
allmähliche Aneignung ihres reichen Wortschatzes erweitert den Kreis 
der Anschauungen und Vorstellungen; sie leitet, wie sie gelernt wird, 
stufenweise zu einer immer allseitigeren Ausbildung; der Reiz, sie 



22 



DIE GRIECHISCHEN MUNDARTEN. 



immer vollkommner zu beherrschen, stirbt niemals ab, und während 
sie so den Einzehien zu immer höherer Seelenthätigkeit erzieht und 
entwickelt, erhält sie ihn zugleich, ohne dass er sich dessen bewusst 
ist, in dem gemeinsamen Zusammenhange der ganzen Nation, dessen 
Ausdruck die Sprache ist; jede Störung dieses Zusammenhangs, jede 
Entfremdung verräth sich am ersten in der Sprache. 

Die Sprache war darum von Anfang an das Erkennungszeichen 
der Hellenen. In ihrer Sprache lernten sie sich allen andern Völkern 
des Erdbodens gegenüber als eine besondere Gemeinschaft fühlen ; sie 
bheb für alle Zeiten das Band, welches die weitzerstreuten Stämme 
zusammenhielt. Es ist eine Sprache in allen Mundarten, und so ist 
auch das Volk der Hellenen ein einiges und ungemischtes. VV^o diese 
Sprache geredet wurde, mochte es in Asien, Europa oder Afrika sein, 
da war Hellas, da war griechisches Leben und griechische Geschichte. 
Wie sie lange vor aller Geschichte schon in voller Entwicklung stand, 
so hat sie auch den engen Zeitraum der klassischen Geschichte lange 
überdauert und lebt noch heute im Munde eines Volks, das seinen Zu- 
sammenhang mit den Hellenen durch die Sprache bezeugt. Sie ist es 
also, welche durch Raum und Zeit hindurch Alles, was im weitesten 
Sinne zur Geschichte des hellenischen Volks gehört, unter sich ver- 
bindet. 

Diese hellenische Sprache erscheint uns aber von Anfang an nicht 
als eine unterschiedslose Einheit, sondern als eine in verschiedene 
Mundarten gespaltene, deren jede gleichen Anspruch hatte hellenisch 
zu sein. So wie bei den Sprachtheilungen räumliche Trennung und 
Aussonderung der Völker das Entscheidende war, so auch bei den 
Mundarten. In getrennten Wohnsitzen entfremden sich einander die 
Stämme eines Volks ; es bilden sich hier und dort gewisse Lieblings- 
neigungen für besondere Lautverbindungen. 

Die Wörter bleiben wohl dieselben mit ihren Bedeutungen, aber 
sie erhalten verschiedene Betonung, verschiedene Aussprache. Dabei 
wirken Boden und Klima auf den Sprachstoff ein. Andere Laute 
pflegen in den Bergen, andere in den Flachländern vorzuherrschen, 
und solche Einwirkungen der Oertlichkeit mussten sich dort natürhch 
am meisten geltend machen, wo mit scharfen Gränzen die Theile 
des Landes unterschieden sind ; denn in Bergthälern, auf Halbinseln 
und Inseln bilden und erhalten sich am leichtesten sprachliche Eigen- 
thümlichkeiten, w^elche sich in weitgestreckten Ebenen abschleifen und 



DIE GRIECHISCHEN MUNDARTEN. 



23 



verwischen. Andererseits bedürfen die Dialekte auch einer gewissen 
Weite gleichartiger Räumlichkeiten, um sich ohne zu grofse Zersplit- 
terung gehörig befestigen und ausbilden zu können. 

Beide Bedingungen erfüllen sich in Griechenland. Bei aller Man- 
nigfaltigkeit mundartiger Sprachformen sind es doch zwei Haupt- 
arten, welche vorherrschen, einerseits nicht so ungleich, um-'das 
Gefühl der Sprachgemeinschaft aufzuheben, wie es z. B. bei den 
Hauptformen der italischen Sprachen der Fall war, andererseits aber 
doch so verschieden von einander, dass sie mit selbständiger Be- 
rechtigung neben einander bestehen und auf einander einwirken 
konnten. 

Die dorische Mundart ist durch die Erhaltung der ursprünglichen 
Vokale und namentlich durch die reichlichere Bewahrung des A-Lauts 
kenntlich; sie ist im Ganzen jlie rauhere Mundart und von Haus 
aus, wie es scheint, den H ochländern ei^n, die gewohnt sind Alles, 
was sie thun, mit einer gewissen Kraflanstrengung zu thun. In 
ihren vollen und breiten Lauten vernimmt man die durch Bergluft 
gestählte Brust; Kürze in Form und Ausdruck ist ihr Charakter, 
wie es zu einem Stamme passt, welcher in einem arbeitsvollen, 
knappgewöhnten Leben wenig Lust hat Worte zu machen und am 
Hergebrachten zähe festhält. Deutlicher bestimmt sich der Charakter 
des Dorismus aus dem Ge^^ensatze de rJoni§chen Sprar.hform, welche 
sich vorzugsweise in lang gestreckten Gestadeländern einheimisch 
findet. 

Hier lebte sich's behaglicher, bei leichterem Erwerbe und bei 
gröfserer Mannigfaltigkeit äufserer Anregung. Die i)eqnemere Natur 
zeigt sich in der Beschränkung der Hauchlaute, die namentlich beim 
Zusammenstofse vermieden werden; t wird in s verdünnt. Die Aus- 
sprache ist leichter und wohlklingendei*; die Sprache selbst flüssiger 
und reicher an Vokalen, die man entweder neben einander tönen oder 
in Diphthonge zusammenfliefsen lässt. Die Vokale sind weicher, aber 
dünner; mehr e und u als a und o. Die Formen der Mundart wie 
des Ausdrucks neigen zu einer gewissen behaglichen Breite. Dem 
knappen und sehnigen Dorismus gegenüber ist hier eine gröfsere 
Fülle, eine üppigere Entfaltung des Vokalisüius, ein gewisser Ueber- 
fluss der Formen, in welchem sich die Sprache wohlgefällig ergeht. 
Es ist überall mehr Freiheit gestattet, es herrscht eine gröfsere Be- 
weglichkeit und Abwechselung der Laute. 



24 



DIE GRIECHISCHEN MÜNDARTEN. 



Das Ionische und Dorische sind die beiden ausgeprägtesten 
Formen der griecnisclien ^»prache und die entschiedensten Gegensätze 
ihrer mundartlichen Entwicidung ; sie erschöpfen aber nicht den 
Reichthum derselben. Diejenigen Stämme, welche weder lonier noch 
Dorier waren, r edeten wie Strabo sagt, äolisch, und diese AulFassung 
hat durch die fortschreitende Entdeckung griechischer Sprachdenk- 
mäler in der Hauptsache eine Bestätigung erhalten. Denn wenn das 
Aeolische auch keinen so einheitlichen Charakter hat wie die beiden 
andern Mundarten, so läfst sich doch zwischen den thessalischen und 
böotischen Dialekten der Zusammenhang nicht mehr verkennen; auch 
das Böotische zeigt sich verwandt und von Arkadien erstreckt sich 
die mundartliche Uebereinstimmung deutlich bis nach dem fernen 
Kypros hin. So enthüllt sich allmählich das weite Sprachgebiet und 
der gemeinsame Charakter des Aeolischen ; doch ist es bis jetzt nicht 
gestattet, von den drei Hauptformen der Sprache eine als die unbe- 
dingt alterthümlichste zu bezeichnen. Denn es giebt nur wenig Be- 
sonderheiten, welche auf eine derselben beschränkt wären, und dann 
ist unsere Kenntniss des Materials eine sehr ungleiche. Die Denk- 
mäler der ionischen Sprache reichen viel weiter hinauf, als die der 
beiden anderen: deshalb erscheint sie uns in vielen Punkten als be- 
sonders alterthümlich, während doch sonst die lonier nicht der Stamm 
sind, welcher zu treuer Erhaltung alter Laute und Formen besonders 
geeignet war. 

So viel aber können wir mit Sicherheit sagen, dass das Aeolisch e 
und Dorische unter sich eine engere Gemeinschaft haben, als mit dem 
Ionischen, und dass, wie das Dorische~m den Lauten, so das Aeolische 
in den grammatischen Formen vielfach dasjenige erhalten hat, was wir 
nach Vergleichung der verwandten Sprachen als das Ursprüngliche 
betrachten müssen. Dazu kommt, dass einzelne Zweige des Aeohschen, 
namentlich in der Betonung der Wörter, eine unverkennbare Ueber- 
einstimmung mit der italischen Sprache zeigen; ein Umstand, den man 
benutzt hat, den Aeolismus als den Sprachzustand anzusehen, der 
dem Gräkoitalischen noch am nächsten stand. Doch sind diese Be- 
ziehungen nicht so deutlich bezeugt, um als feste Grundlage der 
Volksgeschichte dienen zu können'^). 

Wie die hellenische Sprache bei aller Mannigfaltigkeit doch eine 
in sich einige und nach aufsen abgegränzte ist, so auch die Nationa- 
lität der Hellenen. Sie waren ein von Natur unverkennbar gezeich- 



DAS GRIECHISCHE VOLK. 



25 



netes, durch gleiche Anlagen des Geistes und Körpers zur Einheit ver- 
bundenes Menschengeschlecht. Ihre angebornen Geistesgaben haben 
sie in ihrer Sprache am frühesten und deutlichsten bezeugt, und dann, 
so umfassend und vollkommen wie kein anderes Volk, in ihrer ganzen 
Cultur. Denn was sie in Religion und Cultus, im Staatslehen, in Kunst 
und Wissenschaft geschaffen haben, ist ihr eigen, und wie viel sie 
auch von andern Nationen übernahmen, haben sie es doch so umge- 
slaltet und wiedergeboren, dass es ihr Eigenthum geworden ist und 
der Abdruck ihres geistigen Wesens; unendhch mannigfaltig und doch 
Alles griechisch. 

Ihre kürperhche BeschafTenheit bezeugt sich in der bildenden 
Kunst, welche, im Volke einheimisch, nicht anders als aus dem Volke 
selbst ihre eigenthümliche Anschauung von der Menschengestalt ge- 
winnen konnte. Apollon und Hermes, Achill und Theseus, wie sie in 
Stein und Erz oder in Zeichnungen vor unseren Augen stehen, sind 
doch nur verklärte Griechen, und die edle Harmonie ibrer Glieder, die 
milden und einfachen Linien des Gesichts, das grofse Auge, die kurze 
Stirn, die gerade Nase, der feine Mund gehörten dem Volke an und 
waren die natürlichen Kennzeichen desselben. Auch zeichnen sich die 
in hellenischen Gräbern gefundenen Schädel durch feine und normale 
Bildung aus^). 

Das Ma fsvolle ist ein Ilauptcharakter auch ihrer körperlichen 
Natur. Die Gröfse überschritt selten das richtige Mittel. Eben so 
selten waren zu fleischige und zu fette Körper. Sie waren freier als 
andere Geschlechter der Sterblichen von dem, was die geistige Bewe- 
gung hemmt und belastet. Sie llieilten mit den glücklich wohnenden 
Völkern des Südens, ohne den Gefahren desselben zu erliegen, die man- 
nigfaltige Gunst des Klimas, die frübe und gefahrlosere Entwickelung 
des Körpers, den leichleren Uebergang von der Kindheit zur Mannes- 
reife. Die Nähe der Natur, der sie sich ungestörter und vertraulicher 
hingeben konnten, als die Kinder des Nordens, das freiere Leben in 
Luft und Sonnenlicht machte ilire Lungen gesunder und kräftiger, die 
Glieder elastischer, das Auge schärfer; der ganze Organismus gelangte 
zu einem freieren Gedeihen. 

Von erquickender Seeluft aller Orten umfangen, genossen die 
Griechen vor allen Völkern, welche mit ihnen unter gleichen Breiten 
gewohnt haben, den Vorzug leiblicher Gesundheit und Wohlgestalt. 
Wer unter ihnen von Natur einen siechen oder krüppelhaften Körper 



26 



Mündarten und stamme. 



hatte, schien von Rechtswegen an Ehre und Ansprüchen zurückstehen 
zu müssen. Edle Körperbildung galt für den natürlichen Ausdruck 
eines gesunden und wohlgebildeten Geistes, und nichts schien den 
Griechen wunderlicher, als dass in so unedlen Formen, wie sie der 
Schädel des Sokrates zeigte, ein zum Göttlichen aufstrebender Geist 
wohnen sollte. Wie bei andern Völkern Schönheit, so war bei den 
Griechen Unschönheit das Auflallende, die Ausnahme von der Regel. 
Darum hat sich auch nie ein Volk der Erde bestimmter und entschie- 
dener von allen andern Völkern abgesondert und sich ihnen so stolz 
gegenüber gestellt wie die Hellenen. 

Das KörperHche war ein Ausdruck des Geistigen . Denn die an- 
geborne Liebe zur Freiheit und Selbständigkeit, das lebendige Gefühl 
der Menschenwürde spiegelte sich in der geraden Haltung, welche den 
Hellenen vom Barbaren auszeichnete und den einen zum Herrschen 
den andern zum Dienen zu bestimmen schien. 'Niemals sah ich ein 
sklavisches Haupt nach oben gerichtet', heifst es in den Sprüchen des 
Theognis, und noch Aristoteles war der Ansicht, dass die Völker des 
Auslandes im Allgemeinen knechtischere Charaktere von Natur hätten, 
als die Hellenen, und wiederum die asiatischen Barbaren noch mehr 
als die des europäischen Festlandes. Mit der Freiheitsliebe hängt der 
ideale Zug zusammen, der durch das Wesen der Hellenen geht und 
sich in der Liebe zur Kunst bezeugt, die unermüdliche Wissbegierde, 
die Freude an rüstigem Schaffen und an der Uebung aller geistigen 
und körperhchen Kräfte, die allgemeine Regsamkeit und die Arbeit- 
samkeit, welche schon bei den im Norden Griechenlands wohnenden 
Völkern überraschte, wenn man von Asien herüber kam. 

So haben die Hellenen, ihrer eigen thümlichen körperhchen und 
geistigen Begabung bewusst, nachdem sich die Italiker von ihnen ab- 
getrennt hatten, als ein einiges Volk Jahrhunderte lang zusammenge- 
lebt. Dies ungetheilte Zusammenleben hegt aber jenseits aller ge- 
schichtHchen Erinnerung. Wir kennen das Volk wie die Sprache nur 
in sich gespalten; wir kennen keine Hellenen als solche, sondern nur 
lonier, Dorier, Aeolier. In den Stämmen wohnt die ganze Energie 
des Volkslebens; alle grofsen Leistungen gehen von den Stämmen aus 
und theilen sich nach diesen in dorische und ionische Kunst, dorische 
und ionische Lebensordnung, Verfassung und Philosophie. Sie ver- 
leugnen in ihrer Besonderheit niemals den allgemein hellenischen Cha- 
rakter, aber gehen doch erst allmähhch in den Gesammtbesitz des gan- 



MÜNDARTEN UND STÄ5IME. 



27 



zen Volks über, das Sonderleben der einzelnen Stämme musste sich 
erst erschöpfen, ehe sich ein allgemein hellenischer Typus in Sprache, 
Litteratur und Kunst geltend machen konnte. 

Die Entstehung dieser durchgreifenden Unterschiede im griechi- 
schen Volke setzt grofse Umwälzungen ursprünglicher Zustände, viele 
Wanderungen und Umsiedelungen voraus. Es müssen sehr verschie- 
denartige Wohnsitze gewesen sein, in denen die einen Hellenen Dorier, 
die andern lonier geworden sind. Wie weit wird es möglich sein, von 
diesen Völkerbewegungen, welche aller griechischen Geschichte zu 
Grunde liegen, sich einen BegriiI zu verschaffen ? 



Bei den Hellenen findet sich keine Ueberlieferung davon, dass 
sie in ihr Land eingewandert sind, wie die Sanskrit redenden Arier 
in ein Land turanischer Bevölkerung eingedrungen sind, wo sich in 
Sitte, Gestalt und Sprache die Unterschiede durch alle Zeit erhielten. 
In den Sagen der Hellenen findet sich auch keine Erinnerung einer 
fernen Urheimath; sie wussten von keinem fremdartigen Volke, das 
sie in ihrem Lande vorgefunden und dann ausgetrieben oder unter- 
worfen hätten. Auch die wanderlustigen Stämme der Hellenen konn- 
ten sich nicht aufserhalb Hellas denken; sie fühlten sich durcli alle 
Geschlechter mit ihrem Botlen verwachsen und die Vorstellung der 
Autochthonie findet sich bei ihnen in den mannigfachsten Ueberliefe- 
rungen ausgebildet. 

Dennoch betrachteten sie sich nirgends als die Ersten; überall 
glaubten sie, dass Andere vor ihnen da gewesen wären, die ihnen die 
Wälder gelichtet, die Sümpfe getrocknet, die Felsen geebnet hätten. 
Diesen ihren Vorgängern fühlten sie sich durch Glauben und Sitte ver- 
bunden, andererseits aber auch wieder so fremd, dass sie dieselben 
nicht zu ihrem engeren Geschlechle zählten, sondern sogar mit frem- 
den Völkernamen bezeichneten, die in der Gegenwart verschollen 
waren, vor Allem mit dem der Pelast^er. 

Was die Hellenen von den Vorhellenen oder Pelasgern zu sagen 
wussten, war im Grunde sehr dürftig und widersprechend. Denn sie 
werden bald als der Grundstock der ganzen Landesbevölkerung ange- 
sehen, bald als unsläte Zuwanderer. Sie waren kein Märchenvolk, 
keine ungeschlachten Riesen, so wie etwa in den Volkssagen der Neu- 
griechen ihre Vorfahren im Lande als pappelliohe Hünen dargestellt 



28 



DIE VORHELLENEN ODER PELASfJER. 



werden. Es ist auch keine Kluft da, welche die ältere und jüngere 
Bevölkerung wie zwei Menschenracen von einander trennte. Denn es 
giebt keine pelasgische Sage, keine pelasgischen Gölter, die man den 
hellenischen gegenüberstellen könnte. Betet doch der erste, echte 
Hellene, welchen wir kennen, der homerische Achilleus zum 'pelasgi- 
gischen Zeus', und Dodona zu allen Zeiten als pelasgischer Ursitz ange- 
sehen, war auch das älteste Hellas in Europa. Die Pelasger, als ein 
ackerbauendes und sesshaftes Volk, haben dem Lande seine erste 
Weihe gegeben und die heihgen Berghöhen ausgewählt, auf denen alle 
Zeiten hindurch der Gott des Himmels ohne Bild und Tempel ange- 
rufen wurde. 

A uch Thukydides , in dem sich d as historische Bewusstsein d er 
H ellenen am klarsten aussprich t, betrachtet die Bewohner von Hellas 
seit ältesten Zeiten, Pelasger wie Hellenen, offenbar als eine Nation 
und eben deshalb hebt er es als etwas Bemerkenswerthes hervor, dass 
sich erst so spät ein entsprechendes Gesamtgefühl und ein Gesamt- 
name festgesetzt habe. Denn was wäre daran auffallend, wenn Hellas 
von ganz verschiedenartigen Völkern nach einander bewohnt gewesen 
wäre? Wenigstens hätte dann doch diese Verschiedenheit der in das 
Land eingezogenen Völker als der Hauptgrund jener späten Einigung 
unter einem Namen von Thukydides angeführt werden müssen, wäh- 
rend er keinen andern Grund kennt, als die spät gelungene Vereini- 
gung der zerstreuten Landesgemeinden zu gemeinsamen Unterneh- 
mungen. 

Ferner wohnten ja auch nach seiner Ansicht in verschiedenen 
Gegenden und namentlich in Attika alle Zeit hindurch echte Söhne 
jener alten Pelasger, und doch waren die Athener nach Uebereinstim- 
mung Aller den übrigen Hellenen vollkommen gleichartig und eben- 
bürtig, ja zu einer vorbildhchen Stellung unter den Hellenen berufen. 
Wie wäre dies denkbar, wenn mit den Stämmen der Hellenen eine 
ganz neue Nationalität in Griechenland zur Herrschaft gekommen wäre! 
Auch Herodot sieht den Stamm derHell^^ an, 
welcher sich erst allmähhch v^n der^pelasgi^chm Volk s masse g elöst 
habe«). 

Aber darum sind Pelasger und Hellenen auch nicht Eins und 
Dasselbe, nicht blofs verschiedene Namen für eine Sache. Diese Auf- 
fassung ist unmöglich, denn es gehen ja ersichtHch ganz neue Lebens- 
slröme von den Hellenen aus. Die pelasgische Zeit liegt im Hinter- 



PELASGEU UIVD HELLE^E^. 



29 



gründe wie ein grofses Einerlei; Miellen und seine Söhne^ ^ehan 
Anstofs un d Bewegun g; mit ihrem Kommen beginnt die Gesd jj^kle. 
Es sind darunter also Stämme zu verstehen, die mit besonderen An- 
liigen ausgestattet, von besonderer Thatkraft beseelt, aus der Masse 
eines grofsen Volkes hervortreten und in derselben sich kriegerisch 
ausbreiten. Die Einen wachsen, die Andern verschwin den, und so 
wird der n eue Name der Hellenen allmählich der herrschende . Soll 
dieser wichtige Vorgang sich klarer erkennen lassen, so kommt Alles 
darauf an, ob es möglich sein wird, sich die Ausgangspunkte und die 
Verbreitungsarten dieser Hellenenstämme deutlich zu machen. 

Von den Doriern wusste man, woher sie kamen. Sie sind aus 
den thessalischen Gebirgen gegen Süden vorgedrungen, von Lan d zu 
Land sich Bahn breche nd . 

Ueb^r die lonier war ke i ne üeberlieferung vorha nden. Ihre 
Ausbreitungen und Niederlassungen fallen also in eine frühere Zeit. 
Die Wohnsitze, in denen sie zuerst angetroffen werden, sind Inseln 
und Küstenstriche; ihre Wanderzüge, so weit sie bekannt sind, See- 
züge, ihr Leben das Leben eines Seevolks, das auf dem Schilfe zu 
Hause ist; und nur die See ist es, welche ihre weithin zerstreuten 
Niederlassungen mit einander verbindet. Aber ehe sie diese spora- 
dische Verbreitung gewannen, müssen sie doch in einem gemeinsamen, 
in sich zusammenhangenden Heimathslande bei einander gewohnt, 
hier in Sprache und Sitte ihre ganze Weise ausgebildet und die 
Mittel zu einer so weiten Ausbreitung sich angeeignet haben. Elp 
z usammenhängendes ionisches ^ L and (indet sich aber nur in KUmm- 
asien. 

Dies asiatische lonie n wird nach gewöhnlicher Tradition als ein 
attisches Colonialland betra chtet, das erst nach dem troischen Kriege 
allmählich ionisii't worden sei. Aber die Inseln zwischen Asien und 
Europa sind scTion in der vorhomerischen Zeit ein Sitz ionischer 
Gottesdienste und eines vollkommen entwickelten ionischen Volks- 
lebens, während Attika, von wo die lonisirung Kleinasiens ausgegangen 
sein soll, erst durch Zuwanderung von O^teii und von seiner Ost- 
küste aus ionisch geworden ist. 

Di e Geschichte der griechischen Gultu r bleibt vollkommen unbe- 
greillich, w enn wir d ie Ausbreitung der hellenische^ 
e uropäisclie Seite bes chranken^ wonu wn- leugnen wollen, dass der 
Wechselverkehr zwischen beiden Gestaden den wesentlichen Inhalt 



30 



DORIER UND lONlER. 



(1er älteren Volksgescbichte bildet, und wenn wir nicht einsehen, dass 
dieser Verkehr kein Verkehr zwischen Hellenen und Barbaren gewesen 
ist, sondern dass seit Menschengedenken auf beiden Meerseiten ver- 
wandte Volksstämine gewohnt haben. Ionische Cultur ist von Anfa ng 
an im Osten zu Hause; die lonier sind die östlich e n Vorposten der 
Hellenen, sie sind Im Gegensatze zu den spröden Doriern von Anfang 
an die Vermittler zwischen Hellas und As ien — und so gelangen wir 
schon hier zu der Ansicht, welche im Fortgange der Geschichte von 
sehr verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchtet werden wird, dass 
die kleinasiatische Westküste mit den voriiegenden Inseln der ur- 
sprüngliche Wohnsitz derjenigen Stämme sei, zu welchen die lonier 
gehören ''). 

Hier genügt es daher dem Einwurfe zu begegnen, dass diese An- 
nahme der Ueberlieferung widerspreche. Der Einwurf ist unbe- 
gründet, weil es gar keine entgegenstehende Ueberlieferung giebt, weil 
überhaupt über die älteste Ausbreitung der lonier nichts von den Alten 
gemeldet wird, und dies Stillschweigen erklärt sich aus der Art, wie 
Seevölker wandern. Sie landen in kleinen Mannschaften, nisten sich 
nach und nach bei den Eingeborenen ein, verbinden sich mit ihnen 
und gehen in das einheimische Volk auf. Daraus entstehen Verbin- 
dungen der folgenreichsten Art, die wir in den einzelnen Landschaften 
sehr genau nachweisen können; aber es erfolgen keine plötzlichen 
Umwälzungen der Verhältnisse, wie bei continentalen Völkerzügen, 
und deshalb konnte die Erinnerung an solche von der Seeseite 
erfolgten Zuwanderungen im Gedächtnisse der Menschen verschwinden. 
Deshalb wurden die lonier auch an den europäischen Küsten als die 
Eingeborenen und von Anfang an Sesshaften dem dorischen Wander- 
stamme gegenübergestellt, weil von seinen Umsiedelungen eine Ueber- 
lieferung erhalten war, von denen der ionischen Völkergeschlechter 
aber nicht; deshalb konnten die lonier wegen ihrer allmählichen Ver- 
schmelzung mit den Pelasgern selbst als Pelasger angesehen und den 
Doriern als den echten Hellenen gegenübergestellt werden, während 
doch die hellenische Geistesentwickelung so wesentlich auf dem ioni- 
schen Stamme beruht. 

Zweitens waren die Griechen ein so stolzes Volk, dass sie ihr 
Land als das Land der Mitte, als den Ausgangspunkt der wichtigsten 
Völkerverbindungen betrachteten. Seitdem nun die Barbaren bis an 
den Rand des Archipelagus vorgedrungen waren, gewöhnte man sich 



HERKUNFT DER lONIER. 



31 



unter Einfluss von Athen das damals freie Griechenland als das eigent- 
liche Hellenenland zu hetrachten. Athen s eihst sollte die Metropolis 
aller lonier sein . Unter diesem Einflüsse sind alle entgegenstehenden 
Ueberlieferungen immer mehr zurückgedrängt und mit keckem Selbst- 
gefühle beseitigt worden. Auch von den Kariern wurde behauptet, 
sie seien von Europa nach Asien gedrängt, während sie nach eigener, 
wohl begründeter Ansicht in Asien zu Hause waren. Ebenso sollten 
die Lykier aus Attika nach Lykien gekommen sein. Wurde doch der 
ganze Zusammenhang der Griechen mit den Völkern Kleinasiens ge- 
radezu umgekehrt und das Bewusstsein, welches sich von der ursprüng- 
lichen Verwandtschaft der Hellenen mit den Phrygern und Armeniern 
erhalten hatte, so ausgedrückt, dass die Phryger aus Europa nach Asien 
gezogen wären und die Armeni er wiederum von den Phrygern abstam- 
men sollten. Durch diese einseitig hellenische Auflassung der Völker- 
verhältnisse bricht dann doch wieder die richtige Ansicht hindurch und 
die Phryger werden als das gröfste und älteste aller dem Abendlande 
bekannten Völker, als das in seinen asiatischen Stammsitzen urein- 
geborne Volk betrachtet^). 

Indem wir uns aus diesen widerstreitenden Ansichten den Kern 
der Wahrheit aneignen, machen wir den Versuch, etwa in folgender 
Weise das Volk der Hellenen dem Stammbaume der arischen Völker 
anzureihen und seine ältesten Wanderungen zu begreifen. 

Alte Ueberlieferungen und neue Forschung füiiren übereinstim- 
mend dahin, bei den Phrygern den wichtigsten Anknüpfungspunkt 
zu flnden. 

Das Volk der Phryger i st gewissermassen das Gelenke, durch 
welches die occidentalischen Arier mit den eigentlichen Asiaten zu- 
sammenhangen. Nach Asien zu sind sie den Armeniern verwandt, 
deren hohes Gebirgsland sich nach dem Pontus und dem Halys al)- 
senkt ; andererseits bilden sie einen neuen Anfang, und gelten als die 
Erstgeborenen aller nach Westen gewendeten Völker. Die phrygische 
Sprache zeigt sich der hellenischen nahe verwandt, näher vielleicht als 
das Gothische dem Mittelhochdeutschen. Phrygische Gottesdienste, 
phrygische Künste sind seit Alters so in Hellas eingebürgert, wie es 
nur bei verwandten Stämmen möglich ist. Jenes weite Hochland a lso, 
im Norden vo m Sangario^ , im Süden vom Maiandros be wässert, wegen 
seiner reichen Ackerfluren und seiner vorzüglichen Weiden im ganzen 
Alterthume berühmt, warm genug für den Weinbau, gesund und zur 



32 



ÄLTESTE WANDERUNGEN. 



Ernährung kräftiger Völker wohl geeignet, kann als das Stammland 
des grofsen phrygisch-hellenischen Völkergeschlechts angesehen wer- 
den. In diesen Gegenden müssen die wichtigsten Völkertheilungen 
stattgefunden; hier mögen nach Abtrennung der Italiker die Griechen 
erst als ein Zweig der phrygischen Nation, dann aber als ein besonderes 
Volk gewohnt haben ®). 

Uebervölkerung des Landes führte zu weiterer Ausdehnung, und 
in verschiedenen Strömungen wurden die Völker westwärts an das 
Meer und über das Meer fortgeschoben. 

Wir können aus der Sprache erkennen, dass kein Zweig der ari- 
schen Völkerfamilie so frühe wie der griechische mit dem Meere be- 
kannt und vertraut geworden ist. Die er ste Ausbreitun g nach dem 
jenseitigen Festlande erfolgte aber ohne Zweifel dort, wo die Natur 
den Uebergang von einem Continente zum andern möghchst erleich- 
tert hat, d. h. an den nahe zusammentretenden Ufern des Hellespon ts 
u nd der Propontis. Hier konnten auch ohne Kunde der Seefahrt 
ganze Völker hinüber und bUeben dabei unter denselben Breiten, in 
demselben KUma. Hier finden wir auch seit ältester Zeit zu beiden 
Seiten gleiche Länder- und Völkernamen, so dass es unmöglich ist, 
zwischen den Thrakern, Bithynern, Mysern und Phrygern diesseits und 
jenseits bestimmte Gränzen der Nationahtät und der W^ohnsitze aufzu- 
stellen. Auch haben sich von solchen hellespontischen Völkerbewe- 
gungen bestimmte Erinnerungen im Gedächtnisse der Griechen er- 
halten i«^). 

In diesen Völkerzügen von Asien nach Europa werden wir zwei 
Epochen unterscheiden müssen; eine ältere Strö mung, welche die- 
jenigen Völker hinüberführte, welche als die den Hellenen vorangehen- 
den oder pelasgischen angesehen wurden; eine Bevölkerung, welche 
die Gestade Kleinasiens, die Küsten der Propontis und jenseits alles 
Land von Thrakien bis Tänaron überzog, ohne nachweisbare Unter- 
schiede oder Gliederungen. Das war der älteste^tamm der Eing e- 
borenen, von dem die Alten wussten, der Grund stock des griechische n 
Volks; das sind die 'Kinder der schwarzen Erde', wie die Dichter den 
arkadischen Urkönig und sein Geschlecht nannten, welche unter allem 
Wechsel staatHcher Verhältnisse bei Ackerbau und Viehzucht in gleich- 
förmigen Zuständen unbemerkt dahin lebten ^^). 

Diesem Völkerzuge folgten einzelne Stämme, welche sich später 
aus den gemeinsamen Ursitzen der griechischen Nation ablösten und 



ÄLTESTE ANSIEDELUNGEN. 



33 



den Beruf hatten, innerhalb der Völkermasse, die ihnen bahnbrechend 
vorangegangen war, das geschichtliche Leben zu erweck en; an Zahl 
geringer, aber durch höhere Begabung zur Beherrschung der Massen 
und zu Staatengründungen befähigt. 

. Diese nachfolgenden hellenischen Stämme sind verschiedene 
Wege gegangen. Die Einen zogen durch das Völkerthor des Helles- 
ponts in das nordgriechische Alpenland und bildeten dort als Acker- 
bauer, als Jagd- und Hirtenvölker ihr eigenthümliches Gemeindelebeu 
aus; unter ihnen die Ahnen jenes Stammes, welcher unter dem Namen 
der Dorier aus dem Dunkel seines Berglebens hervorgetreten ist. 

Die Anderen sind von den phrygischen Hochebenen die Thäler 
hinab an die Küste Kleinasiens gezogen und haben sich über die Inseln 
verbreitet, die Stammväter derjenigen Hellenen, zu welchen der ioni- 
sche Stamm gehörte. 



§0 wohnten Hellenen zwischen pelasgischer Urbevölkerung auf 

beiden Meerseiten und der Dualismus, welcher durch die ganze Volks- 
geschichte hindurch geht, war auf diese Weise begründet. Es wäre 
überhaupt zu keiner gemeinsamen Volksgeschichte gekommen, wenn 
nicht das Gefühl der Zusammengehörigkeit in den dies- und jenseili- 
gen Stämmen lebendig geblieben wäre und ein innerer Zug der Ver- 
wandtschaft sie zu einander gezogen hätte. Indem die asiatischen 
und die eur opäischen Griechen einander suchen und linden, beginnt 
die griech ische Geschichte. 

Dazu war nöthig, dass das Meer aufhörte ein trennendes Ele- 
ment zu sein. Die Entwickelung der Seefahrt auf dem ägäischen 
Meere ist aber nicht von den Griechen ausgegangen, sondern von an- 
deren Völkern, und in sofern sind die Anlange der griechischen Ge- 
schichte mit der Geschichte des Orients unzertrennlicii verbunden. 



Curtius, Gr. Gesch. l. 6. Aufl. 3 




II. 

DIE VORZEIT DER HELLENEN. 



Die ^g riechische Geschichte ist eine der jüng sten des Alterthu ms. 
und so sehr sich auch die Hellenen in ihrem ganzen Wesen von allen 
übrigen Völkern unterscheiden, so kräftig sie sich ihnen im Bewusst- 
sein dieses Unterschiedes auch gegenüber stellen, so haben sie doch 
nichts weniger als von vorne angefangen, sondern das Erbe älterer 
Menschencultur sich in vollem Mafse zu Nutze gemacht. 

Freilich waren die Hauptsitze der alten Culturvölker entlegen 
und unzugänglich, Indien so wohl wie Baktrien , Aegypt en wie die nach 
andern Meeren führenden Stromthäler von Assur un d Babel. Aus dem 
übervölkerten Tieflande Mesopotamiens waren aber frühzeitig Semiten- 
stämme ausgezogen und hatten sich westlich gewandt nach den 
Küstenländern des Mittelmeeres; unter ihnen das Volk der Off'enba- 
rung. Als dies Volk in die Nähe der Westsee gelangte, fand es da- 
selbst schon andere Völker angesiedelt, welche auch zum Geschlechte 
Sem gehörten und ihrer Sage zufolge auch aus den Niederungen des 
Euphratlandes stammten. Es waren die von dem Lande Kenaan 
(Niederland d. i. Tiefland von Syrien) sogenannten Kenaniter oder, 
wie wir noch heute das Volk mit griechischem Namen zu nennen pfle- 
gen, die Phönizier ^^). 

Von den nachrückenden Völkern gedrängt, bauten sie ihre 
Städte Byblos, Sidon, Tyros, an der Meerseite des Libanon, auf schma- 
lem Streifen zwischen Gebirge und Wasser, so dass sie bei anwach- 
sender Bevölkerung nicht anders als zur See sich ausbreiten konnten. 
Im Norden hatten sie Syrien und Cilicien, dessen fruchtbare Land- 
striche leichter zu Wasser als zu Lande zugänglich waren, im Westen 



DIE PHÖNIZIER IN HELLAS. 



35 



die Berge Cyperns, die vom Libanon sichtbar sind; auch einen offenen 
Kahn führt in guter Jahreszeit die Strömung sicher hinüber. 

Cypern war der erste Zielpunkt in dem grofsen Weltmeere, das 
noch von keinem Seeschiffe befahren, mit seinen unbekannten Küsten 
vor ihnen ausgebreitet lag. Cypern war die Schwelle des Abendlandes, 
der Ausgangspunkt für die Entdeckung des w^estlichen Continents, für 
welche es keines Columbus bedurfte, da von Station zu Station der 
Weg vorgezeichnet war, von Cypern an der Küste entlang nach Rhodos, 
der Pforte des Archipelagus; von Rhodos einerseits über Kreta, an- 
dererseits durch die Inselstrafsen hindurch nach den vorgestreckten 
Halbinseln von Hellas. 

Landgebiete thaten sich ihnen auf, welche mehr als alle ihnen be- 
kannten am Meere und im iMeere lagen; deshalb nannten sie dieselben 
das Seeland Elischa. Sie fanden daselbst ein Menschengeschlecht, mit 
welchem sich ohne Schwierigkeit die mannigfaltigsten Beziehungen 
anknüpfen liefsen. Der Verkehr wird eröffnet. Die Schiffer, welche 
^ zugleich Händler sind, haben ihr Fahrzeug mit bunter Waare ange- 
füllt. Die Waaren werden an den Strand gebracht, unter Zelten aus- 
gestellt, umringt und angestaunt von den P^ingeborenen, welche für 
den lockenden Besitz bereitwillig hingeben, was sie haben. 

Von diesem Verkehre wusste man an einzelnen Uferplätzen aus 
uralter Ueberlieferung zu erzählen; Herodot eröffnet ja seine ganze 
Geschichte mit einer lebendigen Schilderung aus der Vorzeit von Argos : 
wo die fremden Schiffer einen Bazar von phönizischen, assyrischen, 
ägyptischen Manufakturen ausgestellt haben, unter Zulauf des Ufer- 
volks. Fünf bis sechs Tage, sagt Herodot, standen die Waaren aus, 
es war ein Wochenmarkt, der nach Weise der semitischen Völker am 
sechsten geschlossen wurde. Was nicht verkauft war, brachte man 
wieder in den Schiffsraum und der beste Gewinn war es, wenn es ge- 
lang, neugierige Töchter des Landes auf das Schiff zu locken, wie von 
lo erzählt wird ; denn das Schiff war heimlich zur Abfahrt bereit ge- 
macht, um sie nach fernen Sklavenmärkten zu entführen ^^). 

Die punischen Schiffe zogen aus, um Gewinn aller Art heimzu- 
bringen, namentlich um für die in ihren volkreichen Städten blühende 
Industrie das Material herbeizuschaffen. Die wichtigsten Fabriken 
waren Webereien und Färbereien. Im ganzen Morgenlande kleideten 
sich die Grofsen der Erde in purpurfarbene Gewänder; den Farbestoff 
lieferte die Purpurschnecke, welche nur in gewissen Theilen des Mit- 

3* 



36 



DIE PHÖNIZIER IN HELLAS. 



telmeers und nirgends in grofser Menge vorkommt. Der einträgliche 
Erwerbszweig verlangte ansehnliche Zufuhr; die eignen Meere reichten 
nicht aus. Man durchsuchte alle Küsten des Archipelagus und nichts 
hat Morgen- und Abendland so unmittelbar mit einander in Berührung 
gebracht, wie jene unscheinbare Muschel, auf welche jetzt Niemand 
mehr Acht giebt; denn es fand sich, dass nächst dem Meere von Tyrus 
kein Gestade purpurreicher sei als die Küsten von Morea, namentlich 
die tiefen Buchten von Lakonien und Argolis, und dann die böotischen 
Ufer mit dem Kanäle von Euboia. 

Die Schiffe waren klein und da es nur ein Tröpfchen Saft ist, 
welches die einzelnen Thiere von sich geben, so war es unthunlich, 
die Muscheln selbst nach den einheimischen Fabrikörtern hinzuschaf- 
fen. Man richtete sich also bei den Fischereien so ein, dass es mög- 
lich wurde, an Ort und Stelle den kostbaren Saft zu gewinnen. Man 
blieb länger aus; die Schiffe lösten sich ab. Aus wechselnden Lan- 
dungsplätzen und vorübergehenden Ufermärkten wurden feste Statio- 
nen, wozu vorliegende Inseln, welche mit der nahen Küste eine beque- 
me Schiffsstation darboten, wie T enedo s bei Troja, Kranae im Meer- 
busen von Gytheion, und Kythera, oder vorspringende Halbinseln, wie 
Nam^lJa in Argolis und Magnesia in Thessalien, benutzt wurden. 

Die Phönizier kannten die Wichtigkeit kaufmännischer Associa- 
tion. Was Einzelne in glücklichen Fahrten entdeckt hatten, wurde 
von Handelsvereinen ausgebeutet, welche ausreichende Mittel hatten, 
Ansiedelungen einzurichten und dem angeknüpften Geschäfte eine 
nachhaltige Bedeutung zu sichern. Während in civilisirten Ländern 
das Ansiedelungsrecht theuer und unter drückenden Bedingungen er- 
worben werden musste, waren die griechischen Uferklippen, die bis 
dahin nur den Wachtelschwärmen als Bastort gedient hatten, um nichts 
zu haben und gewährten dennoch mancherlei Vortheile ^^). 

Denn ein weltkundiges Volk wie die Phönizier verfehlte nicht, an 
einen Industriezweig andere anzuknüpfen und mit einer Niederlassung 
verschiedene Zwecke zu verbinden. Nachdem die Meerabhänge des 
Libanon und Taurus schon ausgenutzt waren, fand man die Berge von 
Hellas, von deren Laubreichthum noch die homerischen Beiwörter 
zeugen, in unberührtem Zustande, und ihre Eichen, Kastanien, Bu- 
chen und Tannen lieferten ein ungleich mannigfaltigeres Material für 
den Schiffsbau, als die Gebirge Syriens und der Umgegend, welche 
aufserdem vom Strande entfernter waren. 



DIE PHÖMZIER Ii\ HELLAS. 



37 



Die Eichenarten, an denen Hellas so reich ist, gewährten vielerlei 
Nutzen; namentlich die Kermeseiche mit ihrer Wurzelrinde, in welcher 
man das vorzüglichste Gerhemitlel, mit ihren Beeren, in denen man 
einen dunkelrolhen Farhestoff entdeckte, dessen sich die Industrie 
mit Eifer bemächtigte^**). 

War die dichte Waldung gelichtet, so drang man tiefer ein. Man 
fand Metallgänge auf Inseln und Vorgebirgen, Kupferminen, die den 
Seefahrern so wichtig waren, Silbererze mit Eisen. Die Ausbeutung 
dieser Schätze erforderte ein festeres Verweilen im Lande, Anlage von 
Faktoreien an wohlgelegenen Punkten, Einrichtung von Transport- 
mitteln, Herstellung von Fahrwegen, welche es möglich machten, Holz 
und Metall nach den Hafenplätzen zu schaffen; die ersten Felsblöcke 
wurden in's Meer gewälzt, um Dämme wider die Fluth zu bilden, wäh- 
rend durch Signale und Leuchtfeuer die Wasserstrafsen gesichert wur- 
den, welche Tyrus und Sidon mit den Küsten Griechenlands ver- 
banden. 

Meer und Gestade waren in den Händen der Fremden, welche 
einerseits mit List und Gewalt die Eingeborenen in Furcht erhielten, 
andererseits sie immer von Neuem in wechselseitigen Verkehr herein- 
zogen. Die Ilelenasage enthält die Erinnerung eines Zustandes, da 
das Eiland Kranae mit seinem Aphroditeheiligtlium wie ein fremdes 
Territorium dicht vor der lakonischen Küste lag, ein phönizischer Sta- 
pelplatz, wo die entführten Frauen nebst anderem Gewinn und Raube 
geborgen wurden. 

Eine so nahe, und in stetiger Ausdehnung begriffene Berührung 
mit den fremden Kaufleuten konnte für die Eingeborenen nicht wir- 
kungslos bleiben. Auf den Ufermärkten musste man sich über die 
Gegenstände des Handels, über Zahl, Mafs und Gewicht verständigen, 
d. h. da die Fremden Alles, was zum kaufmännischen Verkehre gehörte, 
in ausgebildeter Weise besafsen, so nahmen die Eingeborenen, die 
nichts der Art kannten. Alles von den Fremdlingen an. So kam eine 
Reihe der wichtigsten Erfindungen, welche im Morgenlande allmählich 
gereift waren, durch die praktischen Phönizier umgestaltet, zur Kennt- 
niss der Eingeborenen; sie beobachteten und lernten; die schlum- 
mernden Kräfte wurden geweckt und der Bann gelöst, welcher die Men- 
schen in einförmigen Zuständen gefesselt gehalten hatte. Auch das 
Land erhielt ein neues Ansehen, nicht nur durch Wegebau und Hafenein- 
richtungen, sondern auch durch Einführung wichtiger Culturpflanzen, 



38 



PHÖNIZIER UND GRIECHEN. 



die im Morgenlande einheimisch waren, der Cypresse, der Dattelpalme, 
des Feigenbaums, des Oelbaums und der W einrebe , welche von Kreta 
über Naxos und Chios nach Norden wanderte und sich seitwärts über 
die Küsten verbreitete ^^). ~^ 



Die Einwirkung der Phönizier war nach Zeit und Art verschieden 
auf beiden Seiten des griechischen Meers. Sie begann, wie natürlich 
ist, von der Ostseite. Hier in Kleinasien hat die folgenreiche Berüh- 
rung semitischer und arisch-pelasgischer Völker begonnen. Von Sy- 
rien her sind in verschiedenen Strömungen Semiten in das Halbinsel- 
land vorgedrungen, die Lyder nach dem Hermosthaie, die Phönizier 
nach der Südküste. Denn nach dem Gestade des kyprischen Meers, 
nach den Ländern am Südfufse des Taurus wendete sich die erste Aus- 
wanderung der Phönizier aus ihrem engen Heimathlande. Zu Lande 
und zu Wasser zogen sie ein; Kilikien, ihr nächstes Gränzland, wurde 
ein Stück von Phönizien und in den Gebirgen von Lykien setzte sich 
ein ihnen verwandter Stamm, das Volk der Solymer, fest. 

Die weitere Entwickelung bestimmte sich nach der Stellung, 
welche die nicht-semitischen Stämme den Einwanderern gegenüber 
einnahmen. 

Im Allgemeinen hatten die Stämme, welche näher oder ferner mit 
den Griechen zusammenhingen, ein sehr lebhaftes Gefühl der Racen- 
verschiedenheit und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen die Phönizier, 
welche als gewaltthätige und trügerische Menschen im ganzen Archi- 
pelagus verrufen waren. Verwandtschaft mit ihnen wurde als ein 
Makel angesehen und man konnte es Herodo t zum bittern Vorwurfe 
machen, dass er griechische Geschlechter von Phöniziern abzuleiten 
wage. Den Stamm der Lykier finden wir in einem ununterbrochnen 
Kampfe gegen die semitischen Eindringlinge. Andere Stämme setzten 
ihnen keinen so energischen Widerstand entgegen; ja, es bildeten sich 
in den Gegenden, welche am dichtesten von Phönizern besetzt waren, 
Mischungen der Art, dass die wahre Nationalität zweifelhaft erscheinen 
konnte. Solche Mischvölker kannten auch die Alten in Kleinasien 
und zu ihnen gehörten vor Allen die Karer. Eine Phönizierstadt war 
Astyra an der karischen Küste, Rhodos gegenüber. Phönizier und 
Karer sind in der ältesten Völkergeschichte des Archipelagus unauflös- 
lich mit einander verbunden ^^). 



DIE OSTGRIECHEN WERDEN SEEFAHRER. 



39 



Reiner erhielten sich die nördlich hinauf wohnenden Küsten- 
sliimme, unter denen die Pelasger, Tyrrhener, Thraker, Dardaner nam- 
haft gemacht werden; Wir können diese kleinasiatischen Küstenvölker, 
soweit sie dem phrygisch-pelasgischen Stamme angehören, mit dem 
allgemeinen Namen der Ostgriechen hezeichnen, und so verschieden 
auch ihr Verhalten den Phöniziern gegenüber gewesen ist, so hatten 
sie doch alle das Gemeinsame, dass sie sich die Cultur des vorange- 
schrittenen Volks aneigneten und ihm mit klugem Sinne seine Künste 
ahlernten. 

Mit Fischerei seit alten Zeiten vertraut, fingen sie nun an, ihre 
Kähne mit dem Kielbalken zu versehen, der sie zu kühnerer Fahrt be- 
fähigte; sie bildeten die rundförmigen, bauchigen KaulTahrer nach, die 
'Seerosse', wie sie sie nannten; sie lernten Segel und Ruder verbinden 
und vom Steuerplalze aus nicht mehr nach den wechselnden Gegen- 
ständen des Ufers, sondern nach den Gestirnen den wachsamen Blick 
richten. Die Phönizier sind es gewesen, die am Pole den unschein- 
baren Stern ausfindig gemacht haben, den sie als sichersten Füiirer 
ihrer nächtlichen Fahrten erkannten, während die Griechen das glänzen- 
dere Sternbild des grofsen Rären als Schifffahrtsgestirn vorzogen, und 
wenn sie dadurch auch an Genauigkeit astronomischer Restimmiing 
nachstanden, so sind sie doch in allen anderen Stücken ihre glück- 
lichen Nacheiferer und Rivalen geworden. Als solche haben sie die 
Phönizier allmählich zurückgedrängt und daher kommt es auch, dass 
sich gerade am Meere von lonien so geringe Uebeiiieferung phönizi- 
scher Seeherrschaft erhalten hat ^'). 

Die Entwickelung der asiatischen Griechen zu einem Seefahrer- 
volke liegt jenseits aller geschieh lliclien Kuiule ; wir lernen sie auch nicht 
in ihren heimathlichen Verhältnissen kennen, sondern erst nachdem 
sie kühne Seefahrer geworden und, nicht zufrieden, des eignen Meers 
Herren zu sein, den Phöniziern auf ihren Rahnen nachgefahren und 
sich in die Kreise anderer Völker eingedrängt haben. Da treten sie 
in die Geschichte ein und aus dieser Epoche stammen auch die ersten 
historischen Ueberlieferungen, welche überhaupt von griechischen 
Völkerschaften vorhanden sind. 

Die RerüiuHingen mit andern Nationen waren zwiefacher Art; ent- 
weder waren es ältere Staaten des Morgenlandes, mit denen die seefah- 
renden Griechen in Beziehung traten, oder es waren verwandte Stämme 
des westliclien Continents, zu denen sie hinüberfuhren. Von den Re- 



40 



GRIECHEN IN ÄGYPTEN UM 1500 VOR CHR. 



rührungen der ersteren Art haben wir die sicherste Kunde in den 
Jahrbüchern der ägyptischen Geschichte. 

Im unteren Nillande waren die Phönizier seit ältesten Zeiten hei- 
misch und besafsen daselbst einträgliche Handelsstationen. Die See- 
griechen folgten ihnen. Die herrschenden Winde des Archipelagus 
fährten sie nach Süden ; sie liebten es vorzugsweise an Strommün- 
dungen sich festzusetzen, wo diese sichere Einfahrt und eine Strecke 
weit auch Auffahrt in das Innere des Landes gestatteten. In der Be- 
ziehung war kein Fluss bequemer als der siebenmündige Nil; hier 
machten sie Landungen, welche immer häufiger, massenhafter und 
kühner wurden. 

Allmählich tauchen nun auch in den Urkunden Aegyptens die 
Namen von Volksstämmen auf, welche auf dem Schauplatz der grie- 
chischen Geschichte ansässig waren oder in der Nähe wohnten. Sie 
kamen zu Lande wie zu Wasser mit den älteren Culturvölkern in Be- 
rührung, mit den Aegyptern und mit dem Volke der Cheta, das den 
Pharaonen die Herrschaft in Syrien streitig machte; es behauptete 
zur Zeit Ramses II. das nordsyrische Land und stand mit einer 
zahlreichen Gruppe von Völkerschaften, die ihm Heeresfolge leisteten, 
in Verbindung. Es war ein semitisches Volk und scheint einen tief- 
greifenden Einflufs in Kleinasien ausgeübt zu haben. 

Nach_Ramse s II. beginnt die Zeit, d a an den Küsten des ägäi- 
schen Meers die eingeborenen Stämme gegen die phönikischen Na- 
tionen vorgehen und selbst Seefahrt treiben. Sie folgen den zu- 
rückweichenden Phöniziern bis in ihre Meere und treten nun als 
früher unbekannte Völker, 'Völker des Nordens' an der Küste des 
Delta auf. Hier werden sie von den Libyern in ihren Gränzfehden 
mit Aegypten benutzt. Unt er Menerptah bedrohen sje^emphis und 
noch Ramses III, (um 1180 ) ist mit ihnen im Kampfe. Als erzbe- 
waffnete Krieger erscheinen sie auf ägyptischen Wandbildern. An 
einzelnen Küstenpunkten halten sie sich ; im Innern erliegen sie den 
Pharaonen und werden als Söldner in ihre Reichsheere aufgenommen. 

Unter den auf ägyptischen Urkunden genannten Völkerschaften 
hat man einzelne nachzuweisen gesucht, welche uns aus der grie- 
chischen Ueberheferung bekannt sind ; doch sind diese Versuche, die 
sich nur an äufserliche Aehnhchkeit der Namen anschliefsen, einst- 
weilen noch ohne sicheren Erfolg. Man hat insbesondere auf die 
Danauna, Turusa und Dardani hingewiesen und es scheint in der 



BEISE^^u^G der Griechen im oriem. 



41 



That kein Zufall zu sein, dass die den beiden letzteren entsprechenden 
Tyrrhener und Dardaner gerade zu den Stämmen gehören, welche 
nach griechischer Ueberlieferung am frühsten eine über ihre engern 
Wohnsitze weit hinausreichende Bedeutung und Verbreitung er- 
langt haben. 

Die Dardaner waren ein Volk, das mit den an der Südküste 
Kleinasiens wohnenden Lykiern auf's Engste verbunden war und also 
auch zu den Bundesgenossen der Cbeta gehört haben kann. Die 
hellespontisclien Dardaner gehören aber zu den K üsten st am men, die am 
frühsten auf phönikische Schilfe gebracht und von ihnen zur Bevöl- 
kerung ihrer Colonialländer benutzt worden sind. Die vielen Küsten- 
plätze Namens Ilion oder Tro|a_ bezeugen die theils freiwillige theils 
unfreiwillige Ausbreitung dieses Stammes. In den Tyrrhe nem aber 
erkennen wir das im Kayslrostbale ansässige Volk, dessen Name 
uns zuerst in den verschiedensten Tlieilen des Mittelmeeres be- 
gegnete^). 

Seit sich einzelne Zweige der griechischen Nation als Handels- 
und Kriegsvölker so kräftig hervorthaten, muss sie auch den andern 
Nationen des Morgenlandes bekannt geworden sein. So finden wir 
sie denn auch, spätestens im elften Jahrhundert v. Cbr., als ein zahl- 
reiches, in viele Stämme und Zungen getheiltes, über die Küsten des 
Archipelagus verbreitetes Menschenvolk in der mosaischen Völkertafel 
unter dem Namen der ' Kinder Java n' verzeichnet. Als Handelskunden 
der Phönizier wurden sie den Hebräern bekannt und deshalb Ihicht 
der Prophet Joel (um 870) den Städten Tyros und Sidon, dass sie ge- 
fangene Israehten in die ferne Heidenwelt schleppten und sie an die 
Javanim verhandelten. Der Ursprung dieses Namens ist freilich noch 
dunkel, aber es bleibt doch in hohem Grade wahrscheinlicli, dass der- 
selbe kein anderer ist, als derjenige, mit welchem der später hervor- 
ragendste Stamm unter den griechischen Seevölkern sich selbst be- 
zeichnete, der Name d er laones oder lonie r, welcher durch die Phöni- 
zier in verschiedenen mundartlichen Formen, als Javan bei den He- 
bräern, __als_Juna_od^^ als Uinim b ei den 
Aegyptern sich eingebürgert hat, ein Sammelname, welcher alles gleich- 
artige Seevolk umfasste, das man am Westrande Kleinasiens und auf 
den vorliegenden Inseln antraf, und der immer weiter nach Westen 
ausgedehnt wurde, je mehr man von Griechenland und griechischen 
Stämmen kennen lernte ^^). 



42 



OSTGRIECHEN KOMMEN ZU DEN WESTGRIECHEN. 



So viel Über die bis jetzt nacbweisbaren ältesten Verbindungen 
der Ostgriechen rnit Aegypten und dem Oriente so wie über ihr älte- 
stes Vorkommen in morgenländischer Ueberlieferung. Ihre wichti- 
gere und folgenreichere Ausbreitung war aber gegen Westen gerichtet. 

Hier haben die Phönizier ihnen nirgends einen nachhaltigen 
Widerstand entgegenzusetzen vermocht; am wenigsten in dem Was- 
sergebiete des ägäischen Meers, wo sie eine Zeitlang zwischen den 
beiden von Natur zusammengehörigen Hälften griechischen Landes 
und griechischer Bevölkerung sich eingeschoben hatten. Sie mussten 
nach und nach dies Gebiet räumen ; die Bahnen des Inselmeers wurden 
frei, und nun kamen in immer häufigeren Landungen die Ostgriechen 
zu den Westgriechen; aus ihren Heimathsitzen sowohl wie aus allen 
andern Gegenden, wo sie sich angesiedelt hatten, kamen sie, von einem 
Zuge innerer Verwandtschaft geleitet, nach dem europäischen Hellas 
herüber. Hier musste ihnen Land und Luft am meisten zusagen ; hier 
führten sie alle Künste und Erfindungen ein, welche sie sich im leben- 
digen Völkerverkehre nach und nach angeeignet hatten, und erweckten 
die Eingeborenen zu einem höheren Leben. 

Dies Herüberkommen ist die wichtigste Epoche in der Vorzeit des 
griechischen Volks und, während von den Anfängen griechischer Volks- 
geschichte in Asien gar keine einheimische Ueberheferung vorhanden 
ist, so ist bei den diesseitigen Stämmen eine solche unverkennbar da. 
Eine reiche Erinnerung lebt in der Sage, deren Wesen ja darin liegt, 
dass sie des Volks Bewusstsein über seine frühesten Entwickelungen 
ausspricht, und zwar, wie es der Grieche liebt, nicht in nebelhaften 
Umrissen, sondern in vollen und runden Gestalten, in lebendigster 
Götter- und Heroengeschichte, welche die Vorzeit der Menschenge- 
schichte anfüllt. Der Boden, auf dem diese Sagen einheimisch sind, ist 
das europäische Griechenland ; aber immer die Küste, weil hier die er- 
weckenden Berührungen stattfanden, und meistens die Ostküste, Argos, 
das Gestade des saronischen und euböischen Meers, die Ufer Thessa- 
liens, und der gemeinsame Inhalt, welcher durch alle Sagen hindurch- 
geht, ist das Bewusstsein, dass man von aufsen, von der Seeseite her 
das Wichtigste empfangen habe, was zur Cultur eines Volkes gehört. 

Was hat ein Volk Eigeneres als seine Götter? Vor Allen die 
Völker des Alterthums, welche in ihren Göttern ihre Nationalität ver- 
treten sahen. Sie standen denselben nicht als Menschen gegenüber, 
sondern als Perser, Griechen, Römer. Und dennoch aufser Zeus, dem 



INHALT DER GÖTTER- UISD HEROENSAGE. 



43 



im Aether wohnen den, giebt es kaum eine einzige griechische Gottheit, 
welche nicht als eine zuwandernde aufgefasst worden wäre und deren 
Dienst nicht mit Sagen und Gebrauchen zusammenhinge, welche jen- 
seits des Meers ihre Wurzel haben. Am Rande des Seeufers, wo sie 
als unbekannte Götter zuerst erschienen sind, standen ihre ältesten 
Altäre. 

Ferner, so stolz die Griechen auf ihre Autochthonie waren, so 
knüpften sie dennoch aller Orten die Gründung ihrer Staaten an die 
Ankunft von Fremdlingen, welche mit einem reicheren Mafse von 
Kraft und Klugheit ausgestattet, das Leben der Menschen in eine neue 
Ordnung gebracht haben sollten. Diese Sagen reichen alle über die 
engen Gränzen des europäischen Halbinsellandes hinaus; sie weisen 
alle auf ein jenseitiges Land, von wo die Götter und Heroen herüber 
gekommen sein sollen. 

So weit ist der Inhalt der Sage deutlich; es liegt das Bewusstsein 
von einer aus Osten durch Colonisation übertragenen Cultur zu 
Grunde. Wer aber diese Colonisten gewesen sind, darüber ist die 
Vorstellung viel unklarer. Natürlich; denn als jene Sagen im Lande 
Gestalt gewannen, waren die Fremden längst eingebürgert und ihre 
Herkunft war vergessen. Auch geht die Sage ja nicht, wie die For- 
schung, auf die lelzten Gründe und Ursprünge zurück ; sie liebt ge- 
rade das Aufserordentliche, das Unvermittelte und Wunderbare. Aus 
dem Schaume d es Meeres steigt Aphrodit e empor und mit poseido- 
nischen VVunderro ssen kommt Pelops üb er's Meer an die Küste der 
Hellenen. 

Zweierlei Anschauungen gehen aber unverkennbar durch diese 
Sagen hindurch. Erstens (He Vorstellung des Ausländischen, welche 
durch eine Reihe verschiedener Ortsnamen wie Kreta, Lykien, Phry- 
gien, Lydien, Troas, Phönizien, Cypern, Aegypten, Libyen bestimm- 
teren Ausdruck gewinnt; andererseits aber die Vorstellung des Ver- 
wandtschaftlichen. Denn wenn auch Aphrodite von Syrien her zu den 
Griechen kommt, so kommt sie doch nicht als Mylitta oder Astarte, 
sondern als eine griechische Göttin, sie steigt als Aphrodite aus dem 
Meere. Und Heroen wie Kadmos und Pelops — haben sie in der Vor- 
stellung der Hellenen einen fremdländischen, barbarischen Charakter? 
Sind sie nicht die Gründer alles dessen, was echt griechisch ist, die 
Ahnherrn erlauchter, staatschirmender Königsgeschlecliter, deren Ruhm 
und Thaten zu verkünden die nationale Poesie nicht müde wurde! 



44 



UNECHTE PHÖNIZIER UND ÄGYPTER. 



Wie sind diese beiden Anschauungen anders zu erklären und zu 
vereinigen, als durch die Annahme, dass jene Colonisten auch Griechen 
waren, dass sie aus dem Morgenlande kamen, aber aus einem griechi- 
schen Morgenlande, wo sie mit jener Empfänglichkeit des Geistes, 
welche ein Charakterzug des ionischen Geschlechts ist, die Cultur der 
orientaHschen Völker bei sich aufgenommen und hellenisch umgebil- 
det hatten, um sie so ihren Stammbrüdern zu überliefern? Da nun 
aber die überseeischen Griechen auch unter den Phöniziern in phöni- 
zischen Colonialländern, in Lykien und Karlen, und im Nildelta sich 
angesiedelt hatten, so konnten die Ansiedler von jenseits, jene stadt- 
gründenden Heroen, auch selbst Phönizier und Aegypter genannt 
werden. 

Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, dass auch echte 
Kenaniter als Colonisten nach Hellas gekommen sind; von ihren Sta- 
tionen ist schon oben gesprochen worden, und es werden bei Betrach- 
tung der einzelnen Landschaften noch mehrere derselben nachgewie- 
sen» werden. Bei dem nationalen Widerwillen der Griechen gegen die 
Semiten (S. 38) ist es aber nicht wahrscheinlich, dass Fürstenthümer, 
welche unter dem hellenischen Volke mit Ruhm bestanden haben, 
von eigentlichen Phöniziern gestiftet worden seien, und darüber, dass 
die Aegypter, Svelche nach Argos gekommen sind, nach Meinung der 
Alten keine wirklichen Aegypter, kein nach Sitte und Sprache grund- 
verschiedenes Menschengeschlecht waren, darüber kann sich die Sage 
in ihrer einfachen Sprache nicht deutlicher ausdrücken, als wenn sie 
jene Fremdhnge leibhche Vettern des Danaos nennt, Stammgenossen 
der Argiver, welche einst durch lo nach Libyen verpflanzt, und nun 
zu neuer Stammeseinigung vom Nile nach der Inachosebene zurück- 
gekommen wären ^•^). 

Die jenseitigen Griechen wurden aber nicht nur nach den Län- 
dern, aus denen sie herkamen, gruppenweise bezeichnet, sondern es 
gab für sie auch gewisse Gesamtnamen, wie im Morgenlande der 
Name Javan, und wie dieser von umfassender Bedeutung und unsi- 
cherer Begränzung. 

Der verbreitetste unter diesen Namen war der der Leleger, wel- 
chen die Alten als den eines Mischvolkes deuteten. Leleger waren in 
Lykien, in Milet wie in Troas zu Hause. Aus dem Idagebirge holt sich 
Priamos eine lelegische Frau und in Karlen zeigte man uralte Burgen 
und Gräber, die Lelegia hiefsen. Im europäischen Hellas aber findet 



KARER UND LELEGER. 



45 



man die Spuren desselben Volksnamens überall, wo die asiatiscben 
Griechen Eingang gefunden und Cultur verbreitet haben, an den Küsten 
von Messenien, Lakonien und EUs wie in Megara, wo man einen Lelex 
als Heroen an die Spitze der Landesgeschichte stellte und diesen aus 
Aegypten einwandern hefs. Die Epeer, Lokrer, Aetoler, Kaukonen, 
Kureten, welche die Westküste von Hellas bewohnten und sich unter 
dem Namen der Taphier auf den Westinseln ausbreiteten, werden als 
Stammverwandte der Leleger betrachtet ^^). 

Ihre Doppelgänger sind die Karer (S. 38). Sie werden als die 
'vvülsch redenden' bezeichnet, aber es heifst doch auch von Apollon, 
dass er in karischer Zunge gesprochen habe. Angesehene Grieclien- 
lamiUen leiteten sich von Karern her und es lässt sich nicht beweisen, 
dass sie von Hause aus ein kenanitischer Stamm gewesen seien. Aber 
sie gehören vorzugsweise zu den oben erwähnten Mischvölkern, und 
waren deshalb die geborenen Dolmetscher und Vermittler der stamm- 
verschiedenen Völker. Dadurch haben sie eine Zeitlang eine uner- 
messHche Bedeutung für das Culturleben am Mittelmeere gehabt, sind 
aber dann allmählich verschwunden und haben keine dauernde Ge- 
schichte gehabt, wie es mit solchen Bastardvölkern der Fall zu sein 
pflegt. Ihre Sprache war eine gemischte und ihre Ileimath wurde der 
starken semitischen Einwanderungen wegen geradezu Phoinike ge- 
nannt; kein Wunder also, wenn sie den europäischen Griechen beson- 
ders fremdartig vorkamen. Sie erscheinen als ein erzgerüstetes Pira- 
tenvolk, und verwüsteten gleich den Normannen des Mittelalters, die 
Küstenstriche. Auf dem Inselmeer hatten sie sich unter das Volk der 
Seegriechen in solcher Menge eingeschoben, dass man, wie Tliuky- 
dides berichtet, bei der Reinigung von Delos überrascht war, über 
die Hälfte der Gräber als karische zu erkennen; sie wurden hier also 
als fremdartige Eindringlinge angesehen. Ihre Ursitze aber waren 
in Kleinasien, wo sie zwischen Phrygern und Pisiden sesshaft waren, 
einen Theil der Leleger unterworfen haben und durch gemeinsamen 
Cult mit Lydern und Mysern verbunden gewesen sein sollen. Was 
die Europäer von ihnen annahmen, waren vorzugsweise Erhndungen 
des Walfenhand Werks, die Handhabe des Schildes, die Schildzeichen, 
der Erzhelm mit dem wehenden Helmbusclie. Den Karern wird keine 
so umfassende und nachhaltige Einwirkung zugeschrieben, wie den 
Lelegern. Sie sind die Unstäteren und früher Verschwindenden. An 
verschiedenen Orten, wie namentlich in Megara, sollen erst die K.arer, 



46 



UMGESTALTUNGEN DES GOTTESDIENSTES. 



und dann eine Reihe von Generationen später die Leleger in das 
Land gekommen sein ; eine Ueberlieferung, welche darauf hinweist, 
dass man sich unter jenen eine ältere, fremdartige Volksmasse 
dachte, unter diesen ein verwandteres und entwickelteres Menschen- 
geschlecht^^). 

Denn es waren ja die Ostgriechen keine gleichförmige Masse und 
sie blieben auch nicht immer dieselben. Vielmehr waren sie während 
der Jahrhunderte, in denen sie den Uferrand des westhchen Festlandes 
besetzten, im lebendigsten Fortschritte eigener Entwickelung begriffen. 
Sie schieden ailmähhch das Fremdartige aus; ihre Bildung klärte sich 
ab und die verschiedenen Stufen dieser Entwickelung wird man 
in ihrer Einwirkung auf die Einwohner von Hellas und namentlich in 
der Religionsgeschichte nachweisen können. 

Die Pelasger verehrten, wie die ihnen ebenbürtigen Zweige des 
arischen Völkergeschlechts, die Inder, Perser und Germanen, ohne 
Bild und Tempel den höchsten Gott; die hochragenden Berggipfel waren 
ihnen auch zu geistiger Erhebung die von der Natur geschaffenen 
Hochaltäre. Ohne persönhchen Namen beteten sie jenen Höchsten 
an; denn Zeus (Dens) bezeichnet nur den Himmel, den Aether, die 
Lichtwohnung des Unsichtbaren, und wenn sie eine nähere Beziehung 
zwischen ihm und den Menschen andeuten wollten, nannten sie ihn 
als den Urheber alles Lebendigen Vater-Zeus, Dipatyros (Jupiter). 

Diese lautere und keusche Andacht der 'göttlichen' Pelasger ist 
nicht blofs der Inhalt einer frommen Tradition des Alterthums, son- 
dern mitten in dem von Bildern und Tempeln überfüllten Griechen- 
land glühten nach wie vor die Bergaltäre dessen, der nicht in Häusern 
wohnt, die von Menschenhand bereitet sind; denn das Ursprüngliche 
und Einfache hat in den alten Religionen sich immer am längsten und 
ireuesten erhalten. So lebte durch alle Jahrhunderte griechischer Ge- 
schichte der arkadische Zeus, gestaltlos, unnahbar, über dem Eichen- 
gipfel des Lykaion in heiliger Lichtfülle ; die Gränzen seines Bezirks 
erkannte man daran, dass innerhalb derselben jeder Schatten erblasste. 
Auch erhielt sich lange im Volke eine fromme Scheu, das göttliche 
Wesen unter bestimmten Namen und Kennzeichen zu versinnlichen. 
Denn aufser dem Altare des 'Unbekannten' gab es hin und wieder 
in den Städten Altäre der 'reinen', der 'grofsen', der 'barmherzigen' 
Götter und bei weitem die meisten griechischen Götternamen sind ur- 
sprünglich nur Eigenschaftsnamen der ungenannten Gottheit ^^). 



UMGESTALTUNG DES CULTUS. 



47 



Dieser pelasgische Gottesdienst konnte sich in seiner Lauterkeit 
nicht erhalten. Denn zunächst ist unleugbar, dass gewisse Keime 
polytheistischer Ideen den Griechen mit den anderen Völkern arischen 
Stammes gemeinsam waren, und dass sie dieselben aus den gemein- 
samen Ursitzen mitgebracht haben. Eine in der Naturanschauung 
wurzelnde Gottesverehrung konnte die Urkraft, welche sich in dem 
Leben der Natur bezeugt, nicht in ihrer Reinheit und Einheit festhal- 
ten. Die einzelnen Naturkräfte erlangten neben ihr eine besondere 
Berechtigung und namentlich ist der Nymphendienst ein uralter Be- 
standtheil volksthümlicher lleligion. 

Eine weitere Veränderung des religiösen Bewusstseins hängt mit 
der Trennung des Volks in Stämme und Gaue zusammen. In den 
neu gewonnenen Wohnsitzen wollte man sichtbare Zeichen und Un- 
terpfänder göttlicher Gnade haben; in den verschiedenen Gauen fasste 
man verschiedene Seiten der Gottheit in's Auge. Das Gottesbewusst- 
sein spaltete sich mit der Nationalität. Der Gottesdienst wurde man- 
nigfaltiger, er wurde mehr und mehr an Sichtbares angeknüpft, an 
Quellen und Ströme, an Berghöhlen, Bäume, Steine, und somit die 
Bahn fortschreitender Versinnlichung betreten. 

Endlich trat die Berührung mit den fremden Völkern ein und 
damit beginnt diejenige Entwickelung des religiösen Bewusstseins, 
welche sich in gewissen Hauptpunkten geschichtlich nachweisen lässt; 
es ist der Uebergang aus der vorhellenischen oder pelasgischen Periode 
in die hellenische; es ist die Zeit einer alhnählichen Entstehung einer 
griechischen Göttervvelt. Denn so wie die pelasgischen Stämme 
in den Weltverkehr hereingezogen wurden, so wie ihre Lebensbezie- 
hungen sich vervielfältigten, glaubten sie auch neuer Götter zu bedür- 
fen, da sie den einheimischen über den Kreis ihrer bisherigen Lebens- 
sphäre hinaus kein Vertrauen schenkten. 

Und in dieser Beziehung war nichts von gröfserer Bedeutung als 
die Berührung mit den Semiten. Arier und Semiten haben wegen 
des natürhchen Gegensatzes, der zwischen ihren Bacen besteht, am 
folgenreichsten auf einander eingewirkt, und zwar waren es die Letz- 
teren, von denen die Einwirkungen ausgingen, denn sie waren die in 
der Cultur vorgeschrittenen; sie waren den sesshafteren, stetigeren, 
schwerfälligeren Ariern gegenüber die Beweglicheren, Erregbareren 
und Erfindungsreicheren. 

Die Phönizier benutzten den Gottesdienst, um mit den pelasgi- 



48 



BAAL-SALAM. APHRODITE. 



sehen Küstenvölkern in IViedlichen Verkehr zu treten. Sie knüpften 
an die rehgiösen Vorstellungen derselben an, namentlich an den pelas- 
gischen Zeus, den sie ihrem Baal gleichsetzten. Unter seinem Schulze 
eröffneten sie die Handelsmärkte; deshalb hiefs er Zeus Epikoinios, d. h. 
der gemeinsam verehrte, Baal-Salam entsprechend, dem 'Friedens- 
gotte', dem die durch Verträge gesicherten Friedensorte, Salama oder 
Salamis genannt, geweiht waren. Sie führten den Dienst der Planeten 
ein, der im semitischen Oriente sich ausgebildet hat, und lehrten die 
pelasgischen Stämme, in den Sternen weltregierende Gottheiten zu 
sehen und im Hinblick auf sie ihre Geschäfte zu regeln, ihr Gemein- 
wesen zu ordnen. Sie brachten endhch aus dem Orient den Bilder- 
dienst mit, dessen ansteckendem Reize die pelasgischen Autochthonen 
nicht widerstehen konnten. Es fehlte ihnen die Kraft der Abwehr; 
sie huldigten den Göttern der Fremdlinge, die ihnen in allen Stücken 
überlegen waren ; sie schrieben die grofsen Erfolge derselben den Göt- 
terbildern zu, welche zu Land und Wasser mit ihnen waren. Die 
Götterbilder (Xoana) sind aus der Fremde in das Land gekommen, 
und namentlich sind die kleinen, fufshohen Bilder, wie sie an Küsten- 
plätzen seit ältester Zeit verehrt wurden, als phönizische Schifferidole 
aufzufassen ^''). 

Das erste Götterbild, dessen die Pelasger ansichtig wurden, war 
das Bild der Astarte, deren Dienst sich die kenanitischen Kaufleute 
in dem Grade zu eigen gemacht hatten, dass sie nie in See gingen, 
ohne ein Bild derselben bei sich zu führen, und wo sie eine Faktorei 
gründeten, stellten sie es als heihgen Mittelpunkt derselben auf. So 
sah Herodot in Memphis das Tyrierviertel, von der übrigen Stadt ab- 
gesondert, um den Hain und die Kapelle der 'fremden Aphrodite' her- 
umgebaut. Ebenso waren die phönizischen Niederlassungen in Cy- 
pern, in Kythera, in Kranae; nur dass, was in Aegypten unverändert 
blieb, von den Griechen in die eigenen Lebenskreise hereingezogen 
und hellenisirt wurde. Sie blieb die Göttin der die Natur durchdrin- 
genden, schöpferischen Lebenskraft, sie wurde aber zugleich, weil sie 
als Göttin der Seefahrer bekannt geworden war, den Griechen eine 
Schiffahrts- und Hafengöttin, welche ursprünglich nur an den Anker- 
plätzen der Küste verehrt, dann aber mehr und mehr auch in das 
Binnenland eingeführt wurde. 

Aber nicht blofs zur See hat der Uebergang orientalischer Culte 
stattgefunden; und Cypern ist nicht die einzige Brücke gewesen. Auch 



ASIATISCHE GOTTESDIENSTE. 



49 



auf dem Festlande von Asien erkennt man deutlich die Stationen, in 
welchen sich der Dienst einer Gottheit verbreitet hat, welche unter 
vielfachen Namen dieselbe Segenskraft der unerschöpflich spendenden 
und nährenden Natur darstellt, der babylonischen Mylitta, der Istar 
von Ninive, der persischen Anahit, der grofsen Artemis, welche durch 
Cappadocien und Phrygien nach der Küste vorgedrungen ist, wo sie 
als Rhea, als Kybele und Göttermutter, als ephesische Artemis und als 
samische Hera verehrt wurde. 

Dieselbe Göttin ist dann nach den Weslländern gebracht worden, 
wo sie in Korinth unter dem Namen Aphrodite ebenso gefeiert wurde, 
wie in Cappadocien als Ma. 

Aber ein grofser Unterschied tritt ein und zeigt uns die geschicht- 
liche Bewegung, welche auf dem Gebiete des religiösen Lebens statt- 
gefunden hat. Im Orient ist die Göttin ein pantheistisches Wesen, 
eine allein herrschende Macht, die alle Creatur durciidringt. Auf hel- 
lenischem Boden wird sie individualisirt und localisirl. Nach Stamm 
und Stadt verschieden aufgefasst, erhält der Begrifl" der Urgöttin ein 
neues Gepräge; er spaltet sich in eine bunte Reihe weiblicher Ge- 
stalten, welche matronal oder jungfräulich, kriegerisch oder häusHch, 
idealer oder sinnlicher aufgefasst, in den griechisclien Götlerkreis 
eintreten und als Mutter, Gattin oder Tochter dem Zeus beigesellt 
werden ^'^). 

Die Träger des Cultus der grofsen weiblichen Gottheit sind vor- 
zugsweise die Sidonier gewesen, während die aus Tyrus stammenden 
Phönizier den Dienst einer männHchen Gottheit ausbreiteten, den 
Dienst ihres Stadtgottes Melkar. Die deutlichsten Spuren dieser doppel- 
ten Uebertragung finden wir in Korinth. Denn Akrokorinth war eine 
uralte Stätte des Aphroditedienstes, in welcliem sich die Form der 
kyprischen Göttin mit der der vorderasiatischen Göttermutter ver- 
schmolzen hatte, und auf dem korinthischen Isthmus war Melikertes 
einheimisch, der trotz seiner Erniedrigung zu einem poseidonischen 
Dämon immer des religiösen Dienstes Mittelpunkt blieb. Melikertes 
aber ist nichts Anderes als Melkart, dessen Namen die Hellenen ihrer 
Zunge anbequemt haben. Diese Thatsache belehrt uns zugleich über 
die Verbindungswege phönizischer Seefahrt. Denn in demselben Mafse, 
wie die heutige Scliifl'fahrt das freie Meer sucht, gingen die alten Meer- 
schifl'e hart an den Küsten entlang in die Tiefe der Buchten und die 
engen Sunde des Archipelagus. So erklärt sich, dass die Phönizier 

(^irtiuB, Gr, Gesch. I. 6. Aufl. 4 



50 



PHÖNIZISCHE GOTTESDIENSTE. 



schon in ältester Zeit quer durch Griechenland den Weg von Golf zu 
Golf gesucht und den Verkehr üher den Isthmus geleitet haben, wie die 
Gottesdienste von Sidon und Tyrus beweisen. Wo Tyrier sich nieder- 
liefsen, haben sie ihrem Stadtgotte Melkar Heiligthümer errichtet. 
Durch sie wurde seine Verehrung an allen Küsten von Hellas einge- 
führt, wo er unter ähnlich lautenden Namen (z. B. Makar, Makareus) 
auf Kreta, Rhodos, Lesbos, Euboia der einheimischen Sagenreihe ein- 
geflochten wurde. Von ihm stammen sogar ganz hellenisch lautende 
Ortsnamen, wie Makaria in Messenien und Attika. 

Endlich aber sind die wesentlichen Züge des tyrischen Stadtheros 
in der Person des Herakles ausgeprägt, der als Makar auf der Insel 
Thasos, einer Hauptstätte phönizischen Bergbaus, verehrt wurde und 
an vielen Orten das unverkennbare Symbol für die bahnbrechende 
Thätigkeit der fremden Colonisten geworden ist; denn er, der ruhelos 
Wandernde, ist das persönliche Bild des unermüdlichen Handels volks. 
Von seinem Hunde begleitet, findet er am Ufer die Purpurschnecken ; 
sein Becher, in welchem er nach Erytheia schifft, ist das Bild des 
phönizischen Waarenschiffes, dessen Kiel er mit Kupfer beschlagen 
lehrt. Die Phönizier sind es, welche unter seinem Namen den Berg- 
strömen das verwüstende Horn abgebrochen, die Dämme gebaut, die 
ersten Strafsen gebahnt haben. 

Es war aber die Art, wie Herakles von den Griechen aufge- 
fasst wurde, eine zwiefache. Sie schlössen sich entweder dem tyrischen 
Culte an und nahmen ihn ebenso wie die Astarte als Gottheit auf, oder 
sie ehrten ihn als Wohlthäter des Landes und Begründer der Cultur, 
und machten ihn zu einem Heros, dessen Namen und Thatenruhm von 
einem Ende des Mittelmeers bis zum andern reicht. In Sikyon be- 
gegnen sich beide Arten des Heraklesdienstes, der Heroencult und 
der ältere Gottesdienst^"). 

Diese Dienste sind, wie man mit gutem Grunde voraussetzen k;nin, 
ebenso wie die Molochdienste, deren Spuren sich in Kreta und andern 
Orten finden, und der Dienst der Kabiren in Samothrake, welche wie 
Mehkertes aus semitischen Göttern zu hellenischen Dämonen geworden 
sind, von den Phöniziern nach dem europäischen Griechenland einge- 
führt worden, und mit ihnen mancherlei Zweige künstlicher Gewerbe ; 
so namentlich die Buntwirkereien, wie sie von den Tempeldienerinnen 
der Aphrodite geübt wurden, in Kos, Thera, Amorgos, der Bergbau, 
die Erzbereitung u. A. 



GOTTESDIENSTE DER SEEGRIECHEN. 



51 



Aphrodite und Herakles bezeichnen zugleich die Hauptepochen 
des pliönizischen Einflusses, die sich nach der vorherrschenden Stadt 
bestimmten. Denn so lange Sidon die Colonien ausführte (c. 1600- 
1100 V. Chr.) verbreitete sich mit denselben die Göttin von Askalon, 
Aphrodite-Urania; mit ihnen wurde die weifse Taube, die von Assyrien 
her ihr heihge Tempeltaube, in Griechenland einheimisch ; mit ihnen 
die Myrte die beständige Begleiterin der Göttin. Nachher beginnt die von 
Tyros ausgehende Colonisation, welche sich im Herakles-Melkar be- 
zeugt. Zu dieser Zeit aber, da die tyrische Macht sich hob, hatten die 
ionisclien Griechen schon eigene Seemacht, und deshalb wird in ihrer 
Tradition, wie sie in Homer vorliegt, Sidon allein als der Mitteli)unkt 
phönizischer Seeherrschaft genannt ^^). 

Als nun die asiatischen Griechen neben den Phöniziern sich co- 
lonisirend ausdehnten, schlössen sie sich freilich, wie sie es schon in 
ihrer Heimath gethan hatten, denselben Diensten an und verbreiteten 
auch ihrerseits die phönizischen Religionen in hellenisirter Form. 
Auch Pelops und Aigens stiften Heiligthümer der Aphrodite; bei dem 
gleichzeitigen und gleichartigen Auftreten der neuen Colonisten gehen 
auch auf ihre Thätigkeit die phönizisclien Symbole über; auch sie ver- 
breiten Planetendienst und alle Zweige morgenländischer Cultur. Sie 
brachten aber auch andere Dienste, deren Urbilder in Syrien nicht 
unmittelbar nachgewiesen werden können; Götterdienste, welche in 
ihrer eigenen Mitte sich entwickelt haben, die der Spiegel ihres volks- 
thümlichen Wesens sind und zugleich ein Mafsslab ihrer verschiede- 
nen Entwickelungsstufen. 

Zunächst den Poseidondienst, der im Innern von Hellas ursprüng- 
lich unbekannt war; daher konnte der Seekönig Odysseus den Auftrag 
erhalten, ihn landeinwärts zu verl)reiten zu den Menschen, welche das 
Salz nicht kennen und das Ruder für eine Schaufel ansehen würden. 
Sein Dienst ist unzertrennlich von der Meeresw elle und deshalb glaubte 
man, auch wo er landeinwärts verehrt w urde, unter seinem Tempel die 
Salzwelle rauschen zu hören. Wie seine Namensform Poseidaon eine 
ionische ist, so ist auch sein Dienst bei dem asiatischen Griechen- 
volke zu Hause und verbindet die weitzerstreuten Zweige desselben, 
mögen sie Karer, Leleger oder lonier heifsen, in ihrer Heimath und 
ihren späteren Niederlassungen. 

Poseidon der Meergott hat wie sein Element einen unholden 
Charakter; auch sein Opferdienst ist reich an Zügen barbarischer Ge- 

4* 



52 



GOTTESDIENSTE AUS VORDERASIEN. 



brauche, wie Menschenopfer, Pferdeversenkungen u. dgl. Zu seinem 
Gefolge gehören wilde Titanen und tückische Dämonen, aber auch 
solche Gestalten, welche die vorgeschrittene Weltkunde seefahrender 
Völker bezeichnen, wie Proteus, der Meerhüter, der ägyptische Zau- 
berer, welcher die Seewege und ihre Mafse kennt, und Atlas, der Vater 
der Pleiaden d. h. der Schilffahrtssterne, der Genosse des tyrischen 
Herakles, der Hüter der Schätze des Westens. 

Poseidon ist einmal der von allen griechischen Seevölkern vor- 
wiegend verehrte Gott gewesen und erst später hat er an den meisten 
Orten anderen Gottesdiensten, welche höheren Culturstufen entspre- 
chen, weichen müssen; er ist auf dem Rückzüge vor den eigen thch 
hellenischen Gottheiten ^^). 

Ein einmal gegründeter Gottesdienst ist aber bei den Hellenen 
niemals beseitigt worden, sondern, wenn auch untergeordnet, doch als 
heihge Grundlage beibehalten und mit den späteren Diensten vereinigt 
worden; so ist in Athen, in Olympia, in Delphi eine ursprünglich 
poseidonische Periode mit ihren niemals erloschenen Opferbräuchen 
deutlich zu erkennen. Auf diese Weise haben sich gleichsam verschie- 
dene Schichten gebildet, welche an allen wichtigeren Stätten der helle- 
nischen Rehgion in regelmäfsiger Folge wiederkehren und die ver- 
schiedenen Entwickelungsstufen des nationalen Rewusstseins in ähn- 
hcher Weise erkennen lassen, wie in den über einander hegenden Erd- 
schichten die Rildung der Erdoberfläche bezeugt ist. 

Gewisse Epochen lassen sich besonders in den Fällen erkennen, 
wo die Einführung des neuen Dienstes Kämpfe veranlasste, von denen 
sich eine Erinnerung erhalten hat. Denn auch in der Heiden weit 
zeigt sich neben der leichtsinnigen Annahme alles Neuen ein ernster 
Sinn, ein Gefühl der Treue gegen die alten Götter und ihre reineren, 
einfacheren Dienste, wie Herodot vom Rergvolke der Kaunier erzählt, 
dass sie in voller Rüstung, lanzenschwingend, die eingedrungenen 
Fremdgötter über die Gränzen ausgetrieben hätten ^^). 

Von solchen Kämpfen wusste die griechische Sage bei der Ein- 
führung des in Vorderasien weit verbreiteten Dionysoscultus zu er- 
zählen, denn hier tritt die ferne östHche Herkunft und das Wider- 
streben der einheimischen Revölkerung gegen die Neuheit des Dienstes 
besonders deutlich hervor. Die Argiver erzählten, wie sie unter Füh- 
rung des Perseus gegen die wilden Meerfrauen, die von den Inseln 
mit Dionysos herüber gekommen wären, gekämpft hätten. 



DIE EPOCHE DES APOLLODIENSTES. 



53 



Aehnliche Erinnerungen knüpften sich an die Artemis, welche 
an der kleinasiatischen Küste von einer Schaar bewaffneter und sol- 
datisch geschulter Tempeldienerinnen umgeben ist. Mit ihnen, den 
Amazonen, führen die griechischen Helden blutige Kämpfe. Die Men- 
schenopfer fordernde Artemis, die unter unzäliligen Namen in Grie- 
chenland verehrte, ist eine der hervorragendsten Gestalten in dem 
Religionskreise, welcher die beiderseitigen Gestade verbunden und von 
Asien her sich über Hellas ausgebreitet hat. 

Andere Dienste wurden so frühzeitig aufgenommen und so voll- 
ständig eingebürgert, dass die ursprüngliche Fremdartigkeit gänzUch 
verwischt und vergessen wurde. Wer kann sich Attika oluie Demeter 
und Athena denken, und doch lassen selbst die Tempelhymnen Demeter 
über das Meer hin aus Kreta zuwandern, und so gewiss keine Athena 
ohne Oelbaum denkbar ist, so gewiss ist auch dieser Dienst bei den 
ionischen Stämmen der östhchen Meerseite zuerst ausgebildet^^). 

In dem ganzen religiösen Leben der Griechen ist aber keine grö- 
fsere Epoche zu erkennen als die Erscheiimng des Apollon; sie ist wie 
ein neuer Schöpfungstag in der GeschicliLe ihrer geistigtMi Entwicke- 
lung. In allen griechischen Städten, aus denen ein reicherer Sagen- 
schatz uns überliefert ist, wird an seine Ankunft ein segensreicher Um- 
schwung der geseUigen Ordnung, eine höhere Entfaltung des Lebens 
angeknüpft. Die Wege werden gebahnt, die Stadtviertel geordnet, die 
Burgen ummauert; das Heilige und Profane wird getrennt. Man hört 
Gesang und Saitenspiel; die Menschen treten den Göttern näher, Zeus 
redet zu ihnen durch seine Propheten, und die Schuld, selbst die 
Blutschuld, hegt nicht mehr unsühnbar auf den unseligen Menschen; 
sie schleppt sich nicht mehr als ein Fluch von Geschlecht zu Ge- 
schlecht, sondern wie der Lorbeer die schwüle Luft reinigt, so sühnt der 
lorbeerführende Gott den blutbefleckten Orestes und giebt ihm die Hei- 
terkeit der Seele zurück; die Grauenmacht der Erinnyen ist gebrochen; 
es ist eine Welt der höheren Harmonie, ein Reich der Gnade begründet. 

Seine Cultusplätze umgeben wie ein Saum das griechische Fest- 
land, und wenn sein Dienst auch eben so wie der der Artemis an ein- 
lieimische Vorstellungen angeknüpft worden ist, die schon im pelas- 
gischen Bewusstsein ihre Wurzel hatten, so ist doch der geschicht- 
liche Ai)ollon ein wesentlich neuer Gott. Ihn kannte man in Griechen- 
land nur als einen von aufsen Gekommenen, seine wichtigsten Heihg- 
thümer nur als Endpunkte der Bahnen, auf denen er eingewandert 



54 



DIE RELIGION DES APOLLO. 



war, und zwar werden diese Bahnen ausdrücklich als Meerpfade bezeich- 
net, auf denen er von Delphinen begleitet gekommen ist, oder, wenn 
er zu Lande naht, so kommt er von der Küste, wo seine ältesten Altäre 
hart am Gestade, an Felsbuchten oder Flussmündungen liegen, von 
kretischen, lykischen, altionischen Seefahrern begründet, welche damit 
des Landes neue Weihe begonnen haben. Mit Appollons Geburt ent- 
spross auf Delos der 'erstgeschaflfene' Lorbeer ; auf dem Festlande galt 
der Lorbeer der Peneiosmündung für den ältesten. 

Auch die Appollorehgion hat ihre verschiedenen Stufen ; eine wil- 
dere Sitte zeigt sich in dem Berg- und Walddienste des Hylatas in 
Kypros und bei den Magneten ; als Delphinios ist er noch ganz dem 
Poseidon verwandt, ein Seefahrtsgott, wie die Kabiren und Dioskuren, 
der im Frühjahre die Wellen beruhigt und die Schiffahrt eröffnet; als 
Pythischer Gott endhch nimmt er seinen Stuhl in Delphi ein, der 
staatenlenkende Gott des Lichts und Rechts, der geistige Mittelpunkt 
der ganzen Hellenenwelt. In diesem ApoUon hat der hellenische 
Polytheismus seinen Abschluss und die höchste Verklärung, deren er 
fähig war, empfangen. Blickt man also von dieser Höhe zurück auf 
das Gottesbewusstsein, das die Griechen als gemeinsames Erbtheil aus 
der Heimalh der arischen Völker nach Griechenland mitgebracht und 
als Pelasger festgehalten haben, so bekommt man eine Ahnung von 
dem Inhalt der Jahrhunderte, welche von den ersten Berührungen mit 
den Phöniziern und der ungleich folgenreicheren Eröffnung des Ver- 
kehrs mit den asiatischen Stammgenossen bis zur Vollendung des 
ganzen Götterkreises verflossen sind^^). 



Die Geschichte der Götter ist die Vorgeschichte des Volks und 
zugleich des Landes. Denn auch das Land ist inzwischen ein anderes 
geworden ; die Wälder sind gelichtet und der Boden ist für eine höhere 
Cultur gewonnen. In unmittelbarem Zusammenhange mit den Göttern 
des Ostens sind auch die durch den Cultus geheiligten und für ihn 
unentbehrlichen Gewächse des Weins und des Oelbaums, sind Lor- 
beer und Myrte, Granate und Cypresse, Platane und Palme in Hellas 
angepflanzt worden. Glaubte man doch in Athen noch den ErstHng 
der segensreichen Pflanzung, den von der Göttin selbst gepflanzten 
Oelbaum zu besitzen, und derselbe Baum war auch im Tempelbezirke 



DER INHALT DER HEROENSAGE. 



55 



des Herakles zu Tyros ein heiliges Symbol. Diese Bäume waren, ehe 
an Tempehväntle gedacht wurde, der Gottheiten lebendige Abbilder 
und Wohnstätten ; an ihren Zweigen wurden die ersten Gaben aufge- 
hängt, aus ihrem Holze die formlosen Bilder der unsichtbaren Wesen 
geschnitten. Hierher gehört auch die Byssosstaude (wahrscheinlich 
die strauchartige Baumwolle), welche zu den Geweben der Tempel- 
dienerinnen Aphrodites benutzt wurde, und der Styraxstrauch, dessen 
wohlriechendes Harz die Phönizier aus Arabien nach Hellas gebracht 
hatten, ehe er durch kretische Colonisten in Böotien angepflanzt wor- 
den war. Orientalisches Rauchwerk war bei dem hellenischen Got- 
tesdienst unentbehrlich ^"). 

Im Götterwesen und Götterdienste war durch die umbildende 
Kraft des griechischen Geistes Alles zu einem grofsen Ganzen ver- 
schmolzen, das als nationaler Besitz fertig und abgeschlossen uns ent- 
gegentritt, so dass es nur hier und da gelingt das allmähliche Werden 
zu erkennen. 

Deutlicher spricht sich über die Epochen der ältesten Landesge- 
schichte die Heroensage aus, in welclier das Volk sich jene Zeit leben- 
dig vergegenwärtigt, da die gleichförmigen Zustände der pelasgischen 
Autochthonen unterbrochen und neue Gottesdienste, neue IJahnen der 
Thätigkeit, neue Lebensordnungen, die seitdem segensreich fortbe- 
stehen, begründet worden sind. Diese Gründer sind Gestalten, wie 
die der lebenden Menschen, aber gröfser, herrlicher und den Unsterb- 
lichen näher. Es sind keine eitlen IMiantasiebilder, sondern es sind 
in ihnen die wirklich geschehenen Thaten und Thalsachen der Vorzeit 
verkörpert. Die Heroengeschichte hat ihren urkundlichen Inhalt und 
nichts ist willkürlich daian als das, was die Sagensammler dazu gethan 
haben, um systematischen und chronologischen Zusammenhang hinein- 
zubringen. Daher einerseits die Uebereinstimmung im Wesen der 
Heroen, andererseits die Mannigfaltigkeit derselben und die Verschie- 
denheit der Gruppen, weiche die nach Zeit und Ort verschiedenartigen 
Entwickelungsepochen darstellen. 

Am gefeiertsten durch alle Landschaften von Kreta bis Makedo- 
nien war die Gestalt des llerakles, hie und da noch als Gott erkennbar, 
meistens aber als Heros auftretend, der durch Bewältigung regelloser 
Naturkräfte den Erdboden für eine vernünftige Lebensordnung vorbe- 
reitet hat; er ist das von den Phöniziern (S. 50) zu den Ostgriechen, 
von den Ostgriechen zu den Westgriechen gekommene, volksthüm- 



56 



DER GESCHICHTLICHE INHALT 



liehe Symbol für die bahnbrechende Thädgkeit der ältesten Ansiede- 
lungen. Wo sich tyrrhenische und ionische Stämme den Tyriern an- 
geschlossen haben, um ihre Colonien zu bevölkern, erscheint lolaos 
als Waffengenosse des Herakles; wo die Griechen am vollständigsten 
den phönizischen Einfluss zurückgedrängt haben, tritt der tyrische 
Heros in der Gestalt des Thaaeus. auf. 

In denselben Gegenden, wo Herakles vorzugsweise heimisch ist, 
in Argos und Theben, strömt auch die Heroensage am reichlichsten, 
um die grofsen Begebenheiten der Vorzeit im Gedächtniss zu bewahren. 
Der gastliche Meerbusen von Argos war ja zum ersten Verkehrs- 
ort zwischen See- und Binnenvölkern (S. 34) wie geschaffen, und 
nirgends in Hellas ist vor aller geschichtlichen Ueberlieferung so viel 
Geschichte durchlebt worden wie hier. Davon zeugt der ganze Bilder- 
kreis einheimischer Sage: Argos, der aus Libyen Saatkorn bringt, dann 
die an allen Meeren umherirrende lo, deren wanderlustiges Geschlecht 
nach dem Nillande verpflanzt, von dort heimkehrt in Danaos, welcher 
ein einheimischer Patriarch, der Ahnherr eines echtgriechischen Völker- 
geschlechts, zugleich der Gründer des lykischen Apollondienstes ist, 
wie auch der Sohn des phönizischen Belos, der Begründer der See- 
fahrt, der auf seinem Funfzigruderer von der Nilmündung zum Inachos 
gelangt. Wie im Volke selbst das Einheimische und Fremde ver- 
schmolzen ist, so erscheint es auch in der Person seines Ahnherrn. 

Demselben Danaerlande gehört Agenor an, der die Bosszucht in 
ArgoHs begründet, König Proitos, der mit Kyklopen aus Lykien Mauern 
baut, der im Holzkasten schwimmende Perseus, Palamedes, der Heros 
der auf inselartigem Vorgebirge gebauten Stadt Nauplia, der Erfinder 
der Nautik, der Leuchtthürme, der Wage, des Mafses, der Schrift, der 
Rechenkunst. Alle diese bunten Gestalten haben den gemeinsamen, 
von keines Menschen Witz ersonnenen Inhalt, dass diese Küste vor 
allen anderen Zuwanderung von Seevolk empfangen hat, das aus Phö- 
nizien, Aegypten, Kleinasien herübergekommen ist und den Eingebo- 
renen nach und nach so viel Neues mitgetlieilt hat, dass diese durch 
die Aufnahme desselben wie zu einem anderen Volke umgeschaffen 
worden sind. 

Dem argivischen Palamedes entspricht in dem von Phöniziern 
und nachfolgenden Seegriechen frühe heimgesuchten Isthmuslande der 
kluge König Sisyphos, ein Spiegelbild des gewitzigten Küstenvolkes 
im Gegensatze zur Einfalt der Binnenländer. Er erscheint deshalb 



DER GRIECHISCHEN HEROENSAGE. 



57 



auch als Stifter des Melikertesdienstes, ähnlich wie Aigeus und König 
Porphyrion, der 'Purpurmann', in Attika den Dienst der Aphrodite ein- 
führen. 

Am klarsten hat sich die Erinnerung dessen, was das westliche 
Griechenland dem Osten verdankt, in der Kadmossage erhalten. Vom 
jenseitigen Gestade, wo seine Brüder Phoinix und Kilix wohnen, 
kommt Kadmos, den Spuren der wandernden Europa folgend, nach 
Westen, und wo er immer auf seinem Zuge landet, auf Rhodos, auf 
Thera, an der Küste Böotiens, in Thasos und Samothrake, ist er der 
Genius einer höheren Lebensordnung und pflanzt unter dem Schulze 
der Aphrodite Städte von dauerndem lUilime, die er mit allen Künsten • 
des Kriegs und Friedens ausstattet, der Stammvater hellenischer 
Königs- und Priestergeschlechter, welche sich tief in die historische 
Zeit hinein unter den Griechen in hohem Ansehn erhalten haben. 

In Thessahen endlich sammelt sich die Heroensage um den i)aga- 
säischen Meerbusen, um die Rhede von lolkos, aus deren geschütztem 
Fahrwasser lason zuerst die Barke herausgeführt und eine Reihe von 
Heldensöhnen zu abenteuervollen Seezügen vereinigt ^^). 

Das ganze Leben und Treiben der griechischen Seestämme, wel- 
che nach und nach alle Küsten mit einander verbunden und Hellenen 
der verschiedensten Wohnsitze in den Kreis ihrer Thätigkeit herein- 
gezogen haben, ist in dem reichen Sagenkreise vom Führer der Argo 
und seinen Gesellen uns erhalten. Alle diese IJeroensagen liaben 
vorzugsweise ihren Schauplatz an der östlichen Küste und dienen als 
Zeugniss, dass die Bewohner der Binnenländer nirgends aus eigener 
Kraft des Landes Geschichte begonnen haben, sondern dass alle die_ 
grofsen Ereignisse, bis zu denen die Erinnerung der Hellenen zurück- 
ging, durch die Berührung der Eingeborenen mit den zur See Ange- 
kommenen veranlasst worden sind. 

Diese volksthümliche Ueberlieferung ist wesentlich verschieden 
von einer späteren Ansicht, welche das Ergebniss der Reflexion ist, 
die einer Zeit angehört, da die Griechen sich die Anfänge ihrer Ge- 
schichte zurecht zu machen suchten. Als sie nämlich aus eigener An- 
schauung mit den Reichen des Morgenlandes näher bekannt wurden, 
als sie an den Pyramiden das Alter ihrer Stadtmauern abschätzen und 
die priesterliche Chronologie kennen lernten, machte das dortige Alter- 
thum und die durch Jahrtausende hinaufreichende Schrifttradition, 
welche ihnen von ruhmredigen Priestern gedeutet wurde, einen sol- 



58 



RÜCKBLICK AUF DIE 



chen Eindruck auf sie, dass nun nichts Griechisches mehr übrig bleiben 
sollte, das nicht von dort herzuleiten wäre. Der griechischen Ver- 
mittler zwischen Abend- und Morgenland wurde nicht gedacht; da- 
gegen sollten Kekrops sowohl, der schlangenfüfsige Urkönig von 
Athen, wie die Priesterinnen von Dodona, landflüchtige Ansiedler aus 
Aegyptenland und die Götter nebst ihren Festen von den dortigen 
Barbaren entlehnt sein. Unter dem Einfliisse dieser Eindrücke und 
Stimmungen, die seit dem siebenten Jahrhunderte vor Christus die 
Gebildeteren der Nation beherrschten, haben die meisten Historiker 
der Alten, hat auch Herodot seine Denkwürdigkeiten aufgezeichnet^^). 

Wir glauben, den Spuren einer echteren Ueberlieferung folgend, 
die Phönizier so wie die von ihnen erweckten halbgriechischen und 
griechischen Stämme der Ostseite wieder in ihr geschichtliches Recht 
einsetzen und dadurch den Entwickelungsprozess der griechischen 
NationaHtät, den Uebergang aus der pelasgischen Vorzeit in die An- 
fänge griechischer Geschichte richtiger verstehen zu können. 

Wir sahen von beiden Hälften griechischer Nation die eine, aus 
der sich später der dorische Stamm hervorbildet, im Gebirge des 
nordgriechischen Festlandes ansässig, die andere auf der Küste Klein- 
asiens und den Inseln. Von dieser beginnt die geschichtliche Bewe- 
gung um das fünfzehnte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. 
Diese Küsten- und Inselgriechen breiten sich aus, werden in Unter- 
ägypten, in phönizischen Colonialländern wie Sardinien und Sicilien, 
im ganzen Archipelagus von Kreta bis Thrakien heimisch; sie schicken 
aus ihrer Heimath wie aus ihren anderen Wohnsitzen zahlreiche An- 
siedelungen an die Küste des europäischen Griechenlands, erst an der 
Ostseite, dann um Cap Malea herum auch von Westen her das Land 
umspannend, erst räuberisch in feindlichen Landungen, dann fort- 
schreitend zu bleibenden Niederlassungen in Golfen, Meerengen und 
Flussmündungen, wo sie sich mit der pelasgischen Bevölkerung ver- 
binden. Sie kommen unter dem Namen der Karer und Leleger als 
Diener des Poseidon. Eine grofse Reihe verwandter Ortsnamen, wie 
Aigai, Äigion, Aigina, Aigila, welche sämmtlich Küstenpunkte und zu- 
gleich altberühmte Stätten des Poseidondienstes bezeichnen, ist zur 
Erinnerung jener ersten Colonisationsperiode geblieben. Denn natür- 
hch waren es die fremden Seefahrer, welche die bis dahin namenlosen 
Inseln und Küstenpunkte benannten. Eben so erkennt man leicht 
die Namen Samos, Samikon, Same, Samothrake als eine zusammen- 



VORGESCHICHTLICHE ENTWICKELUNG. 



59 



gehörige Gruppe von Namen, die immer mit poseidonischem Dienste 
verbunden sich an beiden Meerseiten wiederholen ^^). 

Eine Folge jüngerer Gottesdienste bekundet die fortschreitende 
Gesittung der seefahrenden Griechenstämme, wie den immer tiefer 
eindringenden und segensreicheren Einfluss ihrer Colonisation. Die 
Ostgriechen treten mit bestimmterer Benennung als Kreter, Dardaner, 
Lykier auf; die Sage wird klarer und sicherer; sie weifs die Wohllhaten 
dieser Ansiedler genauer zu bezeichnen. Nun tauchen in diesen Er- 
innerungen auch die lonier auf; denn wenn ihr Name auch nicht als 
Gesamtname der asialischen Griechen in Aufnahme gekommen ist wie 
im Osten der Name Javanim: so linden wir doch unzweifelhaft die 
lonier als Zuwanderer an den Ostküsten des europäischen Griechen- 
lands. Von der Bucht von Marathon sehen wir die lonier, die Träger 
des Apollondienstes, in Attika eindringen, und die älteste Seestadt im 
Peloponnes, das Sagenreiche Argos, heifst das 'ionische Argos'. Wir 
finden die lonier an den seeoffenen Stellen Thessahens wie an beiden 
Seiten des Meersundes von Euboia, das von einem Sohne des Ion 
Hellopia hiefs; sie sind im südlichen Böotien ansässig, namentlich im 
Asoposthalo so wie an den seewärts gerichteten Abhängen des Helikon; 
mit Lykiern verbunden an der Ostküste von Attika, dann an den 
Rändern des saronischen und korinthischen Meers, in Argolis bis Malea 
hinab. An der Westküste endlich bezeugt der Name des 'ionischen' 
Meers, wer hier in Gemeinschaft mit den lelegischen Stämmen die 
'nassen Pfade' gebahnt, wer hier die Cuitur begründet, die uns im 
König Odysseus entgegentritt wie im Schiffervolke der Taphier, und 
bis Istrien hinauf die Pflanzung der Olive verbreitet hat. 

So finden wir zu Anfang der Geschichte den Gebirgskern des 
europäischen Hellas von einer Bevölkerung umgeben, welche aus einer 
Mischung von Pelasgern und loniern gebildet war. Die zu Schifie, also 
meistens ohne Frauen, herübergekommenen Zuwanderer hatten sich, 
als die nördlichen Bergstämme gegen die Küsten vordrangen, mit der 
pelasgischen Bevölkerung schon so verschmolzen, dass sie den jüngeren 
Stämmen gegenüber als Eins erschienen. Diese pelasgischen lonier 
haben nicht nur die Schiffahrt eingeführt, sondern auch eine mannig- 
fache, höhere Landescultur. Dahin gehört die Bewirthschaftung tief- 
liegender Marschländer an Flüssen und Seen, welche in Böotien aus- 
drücklich fremden, über See gekommenen Ansiedlern zugeschrieben 
wurde; dahin auch die Anlage und Befestigung von Städten. Die 



60 



VORGESCHICHTLICHE ENT WICKELUNG. 



verbreite tsten Namen für Burg und Stadt waren auf beiden Meerseiten 
Larisa und Argos; wo diese vorkamen, gab es, wie schon Strabo be- 
merkt, in der Regel angeschwemmten Boden, und es ist sehr natür- 
lich, dass die in den Mündungsthälern der kleinasiatischen Flüsse 
ursprünglich einheimischen Stämme am meisten berufen waren, solche 
Gegenden urbar zu machen. 

Durch die Einwirkung der ostgriechischen Seestämme ist eine im 
Ganzen gleichmäfsige Cultur über den ganzen Küstensaum des Archi- 
pelagus ausgebreitet. Er ist der Schauplatz der ältesten Volksge- 
schichte, und wenn wir die vorgeschichtliche Bedeutung jener Stäm.me ' 
im Allgemeinen richtig erkannt haben, so werden uns auch die ersten 
Thatsachen griechischer Staatenbildung nicht mehr unbegreiflich und 
unvermittelt erscheinen ^*). 



III. 

DIE AELTESTEN STAATEN. 



Auf dem Meere beginnt die Geschichte der Hellenen; der eröff- 
nete Verkehr zwischen Inseln und Küsten ist ihr Anfang, aber ein 
Anfang voll wüster Verwirrung. Denn sowie die erste Scheu über- 
wunden war, so wurde dasselbe Meer, an dessen Ufern bis dahin nur 
Fischer ihr friedliches Gewerbe getrieben hatten, ein Schauplatz wil- 
dester Fehden, wozu die kaum erlernte Kunst der Seefahrt und die 
neue Macht, welche sie dem Menschen gab, verlockte. 

Es ist aber diese Verlockung hier eine ganz andere, als etwa am 
Rande eines unwirthlichen Oceans. Denn in einem Meere, wo es keiner 
Sternkunde bedarf, um mit leichter Barke sein Ziel zu erreichen, wo 
Schutzhäfen, Lauerplätze und Schlupfwinkel in versteckten Felsbuchten 
aller Orten sich darbieten, wo plötzliche Ueberfälle leicht gelingen und 
kurze Beutezüge reichlichen Gewinn gewähren, da gewöhnten sich die 
anwohnenden Stämme den Seeraub als einen natürlichen Lebensbe- 
ruf anzusehen, welchen man trieb, wie jeden andern, wie Waidwerk 
und Fischfang. Wenn also unbekannte Leute irgendwo an's Ufer 
stiegen, so fragte man arglos, wie Homer bezeugt, ob sie Händler 
wären oder als Seeräuber umzögen ^'^). 

Auch hier hatten die Phönizier das Beispiel gegeben; von ihnen 
hatte man gelernt, wie Knaben und Mädchen auf dem Felde aufge- 
griffen, mehr als alle anderen Marktwaaren, Gewinn einbrächten. Die 
friedUcher gesinnten Küstenbewohner zogen sich angstvoll vom Meere 
zurück; immer weiter verbreitete sich das Piratenhandwerk und fre- 
cher Menschenraub über alle Gestade; es entbrannte ein Krieg Aller 
gegen Alle. 



62 



DIE BEDEUTUNG VON KRETA. 



Sollten also die kaum geweckten Volkskräfte sich nicht in ver- 
zehrenden Kämpfen wieder aufreiben, so mussten sich in diesem Chaos 
entfesselter Willkür Mittelpunkte bilden, von denen eine neue Ord- 
nung der Dinge ausgehen konnte. Die Phönizier konnten das Amt 
der Zuchtmeister und Gesetzgeber nicht übernehmen. Tyros und 
Sidon waren zu entlegen und haben es auch nie verstanden, wirkliche 
Hauptstädte für ihre Handelsgebiete zu werden. Es bedurfte eines 
näheren, eines schon der gi^iechischen Welt angehörigen Mittelpunktes 
und dies war Kreta. 

Wie ein breiter Querriegel liegt diese Insel vor dem südlichen 
Zugange des Archipelagus, eine hohe Meerburg mit ihren bis Karlen 
einerseits und andrerseits bis Tainaron sichtbaren Schneegipfeln, mit 
langgestreckten Linien — so erscheint sie von den südhchen Cykladen 
aus gesehen — das bunte, unruhige Inselmeer ernst und ruhig be- 
gränzend. Es ist ein kleines Festland für sich, w^ohl ausgestattet und 
selbstgenügsam ; es hat die wilden Schönheiten eines Alpenlandes, 
heimhch abgeschlossene Bergthäler zwischen staunenerregenden Fels- 
zacken, und dann wieder jene weitgestreckten Küsten, welche nach 
Asien, nach Libyen und Hellas hingekehrt sind. Aber hafenreich sind 
Kretas Küsten nur an der Nordseite; hier reiht sich Bucht an Bucht; 
hieher wurden die Schiffe, wie das des Odysseus, von den Nordstürmen 
des Archipelagus getrieben, um daselbst ihre letzte Zuflucht zu finden, 
und wenn auch nach den Südländern hinüber frühzeitige Verbindun- 
gen angeknüpft waren, wie namentlich nach den libyschen Küsten 
durch die Purpurfischer von Itanos, so war doch Kreta durch seine 
Lage und die Beschaffenheit seiner Nordküste zu deutlich auf den 
Zusammenhang mit dem Archipelagus hingewiesen, als dass seine Ge- 
schichte sich nach einer anderen Richtung hätte entwickeln können. 

Auch die Bevölkerung Kretas war dem Sfcammvolke der griechi- 
schen Länder verwandt und gleichartig; der pelasgische Zeus waltete 
auf den Inselbergen, aber es haben sich kananitische Stämme von Syrien 
her und dem näheren Unterägypten hier früher und massenhafter fest- 
gesetzt, als in anderen Landstrichen desselben Völkergebiets. Wie 
diese Ansiedelungen zu festen Plätzen geworden sind, bezeugen die 
punischen Namen angesehener Städte, wie Itanos und Karat oder 
Kairatos, das spätere Knosos. Das ganze Inselland huldigte der syri- 
schen Göttin: als Himmelskönigin vom Sonnenstiere getragen, ward 
sie zur Europa, die zuerst von den sidonischen Wiesen her den Weg 



DIE HEimSCHAFT DES MINOS. 



63 



nach der Insel gezeigt halte. Der Molochsgötze wurde erhitzt, um 
mit glühenden Armen seine Opfer hinzunehmen. 

Inzwischen ist es auch in Kreta den Phöniziern niemals gelungen, 
die alte Bevölkerung zu verdrängen oder zu üherwältigen. Es blieben 
Stämme der Eingeborenen namenthch um das Idagebirge herum, welche 
sich als Eteokreter oder Altkreter bezeichneten. Zu dem Stamme 
dieser eingeborenen Pelasger kamen jüngere llellenenstämme Klein- 
asiens, welche aus ihrei- phrygischen Ileimath neue Anregung mit- 
brachten. Ein Menge von Völkern und Sprachen hat sich am frühe- 
sten in Kreta zusammengedrängt; aus diesem Gedränge aber ist in 
Folge eines vielseitigen Austausches und glücklicher Mischung unter 
der besonderen Gunst der Oertlichkeit, welche weiten Spielraum und 
eine Fülle von Ilülfsmitteln, zugleich aber auch eine wohlthätige Ab- 
geschlossenheit gewährte, jene dichte Reihe von Städten hervorge- 
gangen, welciie aus dunkler Vorzeit in die Erinnerung der europäi- 
schen Geschichte hineinreicht. Denn die früheste Kunde, die von Kreta 
auf uns gekommen ist, meldet von eineni hundertstädtigen Lande und 
von der Hauptstadt Knosos, deren Lage durch die vorliegende Insel 
Dia ausgezeichnet ist, dem Ilerrschersilze des Minos. 

Die erste Keichsmacht des hellenischen Alterthums war ein Insel- 
und Küstenstaat, sein erster König ein Seekönig. Die Inselgruppen 
des Archii)elagus, welche die; Allen mit richtigem Blicke als ein grofses 
Trümmerleld ansahen, gleichsam als die übrig gebliebenen Pfeiler 
einer von den Fluthen zerrissenen Brücke zwischen Asien und Eu- 
ropa, liegen zu zerstnmt im Meere, als dass sie aus sich selbst und 
unter sich eine staatliche Ordnung hätten begründen können. Es hat 
hier zu allen Zeiten einer auswärtigen Macht bedurft, um die schwä- 
cheren Insulaner zu schützen, die übermächtigen zu züchtigen, um 
Hecht und Gesetz zu begründen. 

Diese erste grofse That hellenischer Geschichte ist an den Namen 
des Mino^ geknüpft. Ihm haben es die folgenden Geschlechter ge- 
danktTTass er zuerst eine Seemacht gegründet hat, welche einen an- 
deren Zweck hatte als Plünderung der Küsten ; er hat die mit Phöni- 
ziern gemengten Griechen der asiatischen Küste, welche unter dem 
Namen der Karer das Inselmeer als einen ihnen überlassenen Tum- 
melplatz ansahen, zu geordneten Niederlassungen und friedlichem 
Erwerbe gezwungen; die sich aber dieser Ordnung nicht fügen wollten, 
mit ihren Piratennachen aus dem Archipelagus vertrieben. Darnach 



64 



DIE HERRSCHAFT DES MINOS. 



konnte man die minoische Meerherrschaft auf der einen Seite als 
eine durch Austreibung der Karer begründete, auf der anderen Seite 
aber dieselben Karer, so weit sie für die neue Ordnung gewonnen und 
gesittigt wurden, als das Volk des Minos, als die Bemannung seiner 
Flotte, als die Bürger seines Reichs betrachten. Naxos und die Cykla- 
den erscheinen auf das Engste mit Kreta verbunden; hier werden 
feste Ortschaften und Flottenstationen eingerichtet; hier Verwandte 
des königlichen Geschlechts als Unterkönige eingesetzt, durch welche 
die Abgaben der Unterthanen eingefordert werden. Bis zum Helles- 
ponte, der nördlichen Pforte des Meers, reichen die Niederlassungen 
derselben Insulaner, welche im Süden die Thorwächter waren und 
gegen phönizische Kaperschiffe den Eingang hüteten. Unter w^eit- 
reichendem Schutze des Königs zieht der kretische Schiffer seine 
Strafse; er eröffnet neue Bahnen jenseits Malea in dem pfadloseren 
Meere des Westens, er landet in Krisa, am Fusse des Parnasses, von 
ApoUon Delphinios wunderbar geleitet. Die westlichen Uferländer 
werden entdeckt, dem Golfe von Tarent giebt ein Enkel des Minos 
seinen Namen; in Sicilien wird das phönizische Makara zur Griechen- 
stadt Minoa, — so erscheint schon alles Land, das an griechischem 
Küstenküma und griechischer Vegetation Theil hat und darum auch 
an griechischer Bildung Theil zu nehmen berufen war, zu einem 
grofsen Ganzen vereinigt. 

Man erkennt leicht, dass sich an das minoische Kreta die Vor- 
stellung einer durchgreifenden Culturepoche anschliefst, und was nach 
dem Bewusstsein der Griechen damit zusammenhing, haben sie um 
die Gestalt des Minos vereinigt, so dass es unmöglich ist, durch den 
Nebelduft der Sage die festen Umrisse einer geschichtlichen Persön- 
lichkeit zu erkennen. Aber er ist nicht, wie ein Gott, Gemeingut 
vieler Länder und Stämme; er ist kein Heros wie Herakles, der an 
den verschiedensten Orten die Menschen geschichte beginnt, sondern 
er hat seine feste Heimath, er vertritt eine bestimmte Epoche, deren 
Züge einen grofsen Zusammenhang unzweifelhafter Thatsachen bilden, 
und darum steht sein ehrwürdiges Bild seit Thukydides mit vollem 
Rechte an der Schwelle der griechischen Geschichte. Wie alle heroi- 
schen Gestalten, reicht auch die des Minos durch verschiedene Perioden 
hindurch ; denn wenn er auch fufst auf einem Boden, welchen pelas- 
gisches Wesen, mit phönizischen Einrichtungen vermengt, wild über- 
wuchert, so ragt er doch vollständig darüber hinaus; denn Alles, was 



DIE BEDEUTUNG VON KRETA. 



65 



die Griechen ihrem Minos zuschreiben , der Kern alter Ueberlieferung, 
an welchem der besonnene Thukydides festhält, hat ja keinen anderen 
Inhalt, als dafs Ordnung und Recht, Staatenbildung und mannig- 
faltige Gottesdienste von seiner Insel ausgegangen sind. Sie ist der 
mütterliche Schofs jener Gesittung, durch welche sich auf das Be- 
stimmteste die Hellenen von allen Nicht-Hellenen unterscheiden. 

Zeus ist in allen pelasgischen Ländern ursprünglich zu Hause 
aber in Kreta ist sein Dienst in der Weise geordnet und so mit Legen- 
den und Nebenpersonen ausgestattet worden , wie er in ganz Hellas 
Verehrung gewann ; Dionysos und Ariadne führen uns auf sicheren 
Spuren von Knosos über Naxos in die Mitte der griechischen Welt; 
in Kreta vermählte sich Demeter mit 'lasios' auf dreimal geackertem 
Brachfeld; am Diktegebirge ward Artemis geboren; das sicilische 
Minosgrab war mit einem Ileiligthume Aphrodites verbunden, und wie 
Minos der erste König war, der den Chariten opferte, so bahnt sein 
Sohn Androgeos dem pythischen Gotte die heilige Strafse durch Attika, 
Delphi empfing seinen Gott aus kretischen Händen und im Archipe- 
lagus wurde, wie Naxos für den Dionysos und Faros für die Demeter, 
so Delos der heilige Mittelpunkt für den Dienst des ApoUon. 

Nach Kreta endlich als dem Ursitze höherer Cultur weisen die 
Sagen vom Daidalos , dem Altmeister aller kunstsinnigen Hellenen, 
welcher auf dem Markte von Knosos den heiligen Tanzplatz gründete. 
So hat sich denn nach allgemeiner Leberlieferung auf Kreta zuerst 
aus Trüben ülischungen verschiedenartiger Volksschichten durch^rap" 
Scheidung nnd Abklärung eine Cultur gebiklet, welche das reine Ge- 
präge des Hellenischen trägt. Hier hat der griecliische Geist zuerst 
offenbart, wie er stark genng sei, sich die mannigfaltigen Anregungen 
der schlauen, erfinderischen Semiten anzueignen, aber alles Empfan- 
gene selbstthätig umzugestalten und solche Formen des religiösen und 
Staatlichen Lebens zu schaffen , die der klare Abdruck seiner eigenen 
Natur sind 



Die erweckenden Berührungen des Morgenlandes erfolgten nicht 
alle zur See. Es hängen ja die Wohnsitze der Hellenen auch durch 
breite Landstrecken mit Asien zusammen, und hier vollzogen sich die 
Völkerverbindungen nicht in einzelnen Niederlassungen, deren An- 

CurtiuB, Gr. Gesch. I. 6. Aufl. 5 



66 



DAS VOLK DER PHRYGER. 



denken sich in der Sage leichter erhält, sondern in massenhafter Ein- 
wirkung benachbarter Völker und im Vordringen asiatischer Herr- 
schermacht. 

Die Despotenreiche des Orients, auf Eroberung gegründet, be- 
dürfen, je ärmer sie an innerer Entwickelung sind, um so mehr einer 
fortschreitenden Erweiterung nach aufsen. Ueberdies mufste jedem 
vorderasiatischen Reiche die grofse, in's Mittelmeer vorgeschobene 
Halbinsel , das völkerreiche Kleinasien , als die nothwendige Ergänzung 
seiner binnenländischen Macht erscheinen. 

Als nun die Assyrer im dreizehnten Jahrhunderte über die Eu- 
phratquellen in die westliche Halbinsel vordrangen, fanden sie auf den 
mittleren Hochebenen einen mächtigen Kern eingeborener Völker; 
das waren die Phryger. Die Ueberreste ihrer Sprache sind der Art, 
dafs sie zwischen den Griechen und älteren Ariern das Mittelglied 
bilden. Sie nannten ihren Zeus Bagaios (baga altpersisch: Gott; 
bhaga im Sanskrit: Glück) oder Sabazios von einem dem Indischen 
wie dem Griechischen gemeinsamen Zeitworte, das 'verehren' be- 
deutet. Sie hatten dieselben Vokale wie die Griechen und entspre- 
chende Lautgeselze. Vom Meere abgedrängt, sind sie hinter der Ent- 
wickelung der jüngeren Küstenvölker zurückgebUeben und wurden von 
diesen als Menschen angesehen, die schwer von Begriffen wären und 
nur zu untergeordneten Dienstleistungen in der menschlichen Gesell- 
schaft sich eigneten. Indessen haben auch sie ihre grofse und selb- 
ständige Vergangenheit gehabt, wie sie sich in den einheimischen 
Königssagen abspiegelt. Diese Sagen sind vorzugsweise in den nörd- 
lichen Gegenden Phrygiens zu Hause, an den Quellflüssen des San- 
garios, der in grofsen Windungen durch Bithynien in den Pontus 
strömt. 

Hier lebten die Ueberheferungen von den alten Landeskönigen, 
von Gordios und von Midas, dem goldreichen Sohne des Gordios und 
der Kybele, der als stadtgründender Heros in Prymnesos und Midiaion 
verehrt wurde. In der Nähe dieser Orte liegt zwischen ausgedehnten 
Wäldern ein verstecktes Felsenland, ein Thal voll Gräber und Kata- 
komben. Darunter ragt ein hundert Fufs hoher, röthlicher Sand- 
steinfelsen empor, welcher ganz zu einem Denkmal umgewandelt ist. 
Seine Vorderfläche, sechzig Quadratfufs grofs, ist mit Verzierungen 
bedeckt, welche sich wie ein Tapetenmuster wiederholen und das An- 
sehen eines vorgehängten Teppichs haben; an der giebelartigen Be- 



DAS VOLK DER LYDER. 



67 



krönung des Ganzen ziehen sich zwei Inschriftzeilen hin, welche in 
einer dem Griechischen nahe verwandten Schrift und Sprache den 
'König Midas' nennen. 

Diese Grabstätte ist das wichtigste Denkmal der altphrygischen 
Landeskönige, welche wegen ihrer Schätze, ihrer Rofszucht, ihrer 
fanatisch wilden Yerehriing der auf den Bergen wohnenden Götter- 
mutter und des mit Flötenschall gefeierten Dionysos allen Griechen 
bekannt waren. Des Midas Königswagen blieb ein Symbol der Herr- 
schaft über Kleinasien und Alexander verschmähte es nicht, dieser 
Tradition zu huldigen"'). 

Neben diesen ältesten Bewohnern hatten sich vom Euphrat her 
semitische Völker eingeschoben, das Halysthal entlang gegen Westen 
vordringend, namentlich in die fruchtbaren Niederungen des Hermos- 
(lusses, wo sie mit älteren Stämmen pelasgischer Abkunft verwuchsen. 
So bildete sich auf dem Boden einer den Phrygern und Armeniern 
verwandten Bevölkerung das Volk der Lyder, welches durch seinen 
Stammvater Lud, wie es scheint, auch in der orientalischen Tradition 
dem Völkerstamme Sem zugeeignet wird. So lange Sprache und 
Schrift der Lyder uns unbekannt sind, bleibt es unmöglich, die Völ- 
kermischung, die hier stattgefunden hat, genauer zu bestimmen. Im 
Allgemeinen aber ist die zwiefache Verwandschaft jenes Volks und 
seine darauf beruhende wichtige Culturstellung innerhalb der Völker- 
gruppen Kleinasiens deutlich. 

Die Lyder sind auf dem Landwege, wie die Phönizier zur See, 
die Vermittler zwischen Hellas und Vorderasien geworden. Ein durch 
Weltverkehr frühe gewitzigtes, unternehmendes, kaufmännisches und 
gewerbfleifsiges Volk, haben sie die Schätze des Hermosthals zuerst 
auszubeuten verstanden; am Fufse des Tmolos haben sie im Sande 
der herabströmenden Bäche den unscheinbaren Goldstaub entdeckt 
und so in der Nähe der Griechen die für die Geschichte derselben so 
unendlich wichtige, so vcrhängnissvolle Macht des Goldes an 's Liciit 
gebracht. Die Lyder sind das älteste Volk Kleinasiens, welches wir 
als ein staatbildendes näher kennen, das Volk, dessen Reichsepochen 
den ersten festen Anhalt kleinasiatischer Geschichte geben. Es zähl- 
ten aber die Lyder drei Epochen nach drei Herrschergeschlechtern, 
deren erstes sich vom Atys herleitete, einem Gotte aus dem Kreise der 
Bergmutter, deren Dienst mit seiner tobenden Musik das ganze Hoch- 
land Lydiens und Phrygiens erfüllte. 

5* 



68 



DAS REICH DER DARDANER. 



Ihre zweite Dynastie führten die Lyder auf einen Herakles zurück, 
welchen sie als Sohn des Ninos bezeichneten. Unabhängig von dieser 
Sage erzählte Ktesias den Griechen, dafs König Ninos Phrygien, Troas 
und Lydien erobert habe ; auch Plato kannte die Macht der Niniviten 
als eine um die Zeit des troischen Kriegs in Kleinasien gebietende, 
und je mehr sich nun aus einheimischen Urkunden die assyrische 
Reichsgeschichte aufhellt, um so deutlicher tritt die für griechische 
Culturentwickelung wichtige Thatsache hervor, dass ungefähr fünf 
Jahrhunderte hindurch, so lange wie Herodot die Dauer der Herakli- 
dendynastie angiebt, das lydische Reich ein von Ninive am Tigris ab- 
hängiger Vasallenstaat gewesen ist^^). 

Die Küstenstriche, von Natur so deutlich vom Rinnenlande abge- 
löst, hatten ihre besondere Entwickelung , ihre eigene Geschichte; aber 
sie konnten sich unmöglich der nachbarlichen Einflüsse erwehren, 
welche von der einen Seite durch die Phryger, Lyder und Assyrier, auf 
der anderen durch die Phönizier ausgeübt wurden. Vielmehr bildeten 
sich unter diesen doppelseitigen Anregungen an günstig gelegenen 
Punkten die ersten kleinasiatischen Küsten Staaten, von denen sich 
eine Erinnerung erhalten hat. 

Es giebt aber an der langgestreckten Westküste keine wohlgelege- 
nere Landschaft als den nördlichen Vorsprung, die zwischen Archipe- 
lagus, Hellespont und Propontis vorgestreckte Halbinsel, deren Kern 
das quellenreiche Idagebirge bildet. Auf seinen Waldhöhen war die 
phrygische Göttermutter zu Hause ; in seinem Schofse barg es einen 
Reichthum von Erz, dessen Gewinnung und Verarbeitung hier zuerst 
die Dämonen des Rergbaues, die idäischen Daktylen, von der Kybele 
gelernt haben sollten. Ein kräftiges Menschengeschlecht bewohnte 
das eisenhaltige Gebirge, in mehrfache Stämme getheilt, Kebrener, 
Gergithier und vor allen das schöne Geschlecht der Dardaner, das von 
seinem Stammheroen Dardanos erzählte, wie er unter dem Schutze 
des pelasgischen Zeus die Stadt Dardania gegründet habe. 

Ein Theil der Dardaner stieg aus dem Hochlande herunter in die 
Uferlandschaft, die zwar keine Häfen hat, aber eine vorliegende Insel, 
Tenedos genannt. Hier hatten Pönizier sich niedergelassen, welche 
im Meer von Sigeion Purpurfischerei trieben. Später kamen aus 
Kreta hellenische Stämme, welche den Apollodienst einführten. In 
dem geschützten Fahrwasser zwischen Tenedos und dem Festlande 
haben jene Rerührungen stattgefunden, welche die idäische Halbinsel 



DAS REICH DER DARDANER. 



69 



in den Küstenverkehr des Archipelagus hereingezogen haben. Tene- 
dos gegenüber lag Hamaxitos, so genannt zur Erinnerung an die erste 
Fahrstrasse, die vom Strande in's Binnenland gebahnt war. 

In diesen Küstenverkehr traten die Dardaner ein, als sie die 
abgeschlossenen Thäler des oberen Skamandros und das Hochland des 
Ida verlassen hatten ; aus dem Hirtenvolke wurden abenteuernde See- 
fahrer, aus den Dardanern das stadtgründende Volk der Troer, das 
sich vom Tros herleitete. 

Das Haus des Tros verzweigt sich von Neuem durch die Brüder 
Ilos und Assarakos. Des Letzteren Namen hat man auf Denkmälern 
Ninives gefunden. Assarakos' Sohn ist Kapys; das ist ein phrygischer 
Name, und eben so Dymas, wie ein Schwiegersohn des Priamos heifst, 
Askanios, Kasandra u. a. Des Assarakos Enkel ist Anchises, der 
Liebling der aus Assyrien stammenden Aphrodite. Die trojanischen 
Helden tragen Doppelnamen, wie Alexandros und Paris, Hektor und 
Dareios, von denen der eine den Zusammenhang mit Hellas, der an- 
dere den mit dem asiatischen Ilinterlande andeutet. So wurzelt, nach 
beiden Seiten hin verwandt, mitten im vollen Völkerleben Kleinasiens 
auf dem Boden einer Halbinsel, wo Phryger und Pelasger, Assyrier, 
Phönizier und hellenische Seefahrer zusammengetrofl'en sind , das 
Beich der Dardaniden , das sich einst bis zum Kaikos erstreckt haben 
soll und dessen Bewohner trotz aller Mischung nicht als Barbaren, 
sondern als ein den Achäern durchaus gleichartiges und ebenbürtiges 
Volk dargestellt werden. Stand doch ihre Stadt mit ihren Helden 
unter dem besonderen Schutze des Apollon; er hütet die Stadtge- 
meinde, er ist mit persönlicher Liebe einzelnen Famihen, wie den 
Panthoiden, zugethan; er rächt Hektor an Achill und trägt den wunden 
Aeneas in seinen TempeP^). 

Die Quellen des Idagebirges sammeln sich zu Flüssen, von denen 
zwei zur Propontis strömen, und einer, der Skamandros, in das ägäi- 
sche Meer. Er hat sein Hochthal im Gebirge; er durchbricht es hi 
enger Felsenschlucht und tritt aus derselben in die Hache Mündungs- 
ebene , welche , an drei Seiten von sanften Höhen umschlofsen , gegen 
Westen hin dem Meere olTen ist. 

Diese Ebene vereinigte Alles, was einem Lande Gedeihen ver- 
bürgen konnte; denn von den Schätzen der See und der Nähe der 
wichtigsten Meerstrafse abgesehen, halte sie einen wasserreichen 
Ackerboden und breite Wiesengründe, wo Erichthonios, der Dämon 



70 



PERGAMOS UND TROIA. 



des Erdsegens, seine dreitausend Stuten weidete; auf den umgränzen- 
den Hügeln Oel- und Weinbau. 

Im innersten Winkel dieser Ebene springt mit steilen Abhängen 
eine Felshöhe vor, als wollte sie dem aus der Schlucht vorbrechenden 
Flusse den Weg sperren. An der Ostseite in langer Windung vom 
Skamandros umflossen, senkt sie sich gegen Westen mit sanften Ab- 
hängen, wo zahlreiche Wasseradern dem Boden entspringen; sie sam- 
meln sich zu zwei Quellflüssen, welche durch ihre in allen Jahreszei- 
ten gleiche Fülle und gleiche Temperatur sich auszeichnen. Sie sind 
so wasserreich, dafs man sie als die eigentlichen Skamandrosquellen an- 
sehen konnte; sie müssen für jede gröfsere Niederlassung eine un- 
widerstehhche Gewalt gehabt haben. 

Dies Quellenpaar ist das unveränderte Naturmal, an dem wir 
die überragende Höhe als diejenige erkennen zu müssen glauben, 
wo die aus dem Hochland kommenden Dardaner zuerst festen Fufs 
fafsten, als die zur Beherrschung der Ebene berufene Stadtburg von 
Ilion. Es sind dieselben Quellen, zu denen einst vom skäischen Thore 
aus die Troerinnen zum Wasserschöpfen und zum Waschen hinab- 
gingen, und noch heute sind es die alten Felsbecken, in denen das 
den ganzen Boden durchdringende Quellwasser zu bequemer Benutzung 
sich sammelt. 

Wo der Ursprung der Quellen , da war der Sitz der Macht. Auf 
dem sanfteren Abhänge der Höhe lag Troja ; darüber war die steile Fels- 
burg Pergamos, von deren 472 Fufs hohem Gipfel man einerseits in 
die Thalgründe des Skamandros hineinblickt, wo die Dardaner als 
Hirten gelebt hatten, andererseits die nach der See zu sich erwei- 
ternde Ebene mit ihren Doppelflüssen Skamandros und Simois über- 
schaut. Bechts sieht man den Hellespont mit mächtigen Wellen in 
das ägäische Meer hineinbrausen, das man zur Linken bis nach 
Tenedos hin überblickt. Geradeaus sieht man über den Bücken von 
Imbros das stolze Haupt von Samothrake aufsteigen, die Warte des 
Poseidon, der 'vom hochragenden Gipfel der waldigen thrakischen 
Samos die Abhänge des Ida mit der Feste des Priamos überblickte 
und den blutigen Fehden zuschaute'. Grofsartiger war kein Herrscher- 
sitz der alten Welt gelegen , als die troische Burg , tief im Winkel der 
Ebene, von steilen Felshängen umgürtet, wie in einem sicheren Ver- 
stecke, und doch frei umblickend und weit gebietend. Hinter sich 
hatte zie das triftenreiche Hochland, unter sich quellenreiche Abhänge 



PERGAMOS L\>D TROIA. 



71 



und eine fruchtbare Ebene, und vor sich das weite Inselmeer mit den 
wichtigsten Wasserstrafsen , das einst tiefer als jetzt mit Hafenbuchten 
in die Ebene eingrifl"^"). 

Der Lage der Burg entspricht der Ruhm ihrer Fürsten , wie er 
sich in den Königssagen Ilions abspiegelt. Denn das Geschlecht der 
Dardaniden war ein von den Göttern hochbegnadigtes; sie zogen seine 
Jünglinge zu sich empor in den Himmel, sie verliefsen den Olymp, wie 
Aphrodite that, um mit den Helden dieses Stammes der Liebe zu 
pflegen. 

Aber die Nähe des Meers hat eine verhangnifsvolle Macht. Seit 
die Dardaner aus dem Hochgebirge niedergestiegen waren, genügte 
ihnen das Glück eines friedlichen Wohllebens im Genüsse des reichen 
Heerdenbesitzes und alles Segens der Götter nicht mehr. Es ergrifl' 
auch sie der unruhige Thatendrang der Küstenbewohner. Vom Ida 
wird das Bauholz zum Strande geschleppt; die Königssöhne verlassen 
die väterliche Burg, und die Strömung des Hellesponts führt Paris 
mit seinen Gesellen in das südhche Meer, wo sie Beute und Abenteuer 
suchen. In der dichterischen Sage vom Frauenraube dardanischer 
Fürsten wird man einen Zug geschichtlicher Ueberlieferung erkennen 
dürfen, wenn sich auch aus den ägyptischen Urkunden nachweisen läfst, 
dafs die Dardaner zu den kriegerischen Stämmen gehören, die am 
frühesten mit den ältesten Völkern am Mittelmeere in Verbindung ge- 
treten sind (S. 41). Auch läfst sich die weite Verbreitung trojanischer 
Ortsnamen und Sagen nicht anders erklären als dadurch, dafs die Dar- 
daner einer der ältesten Seefahrerstämme des ägäischen Meeres ge- 
wesen sind"^^). 

Südlich vom Reiche des Priamus kennt die Sage einen anderen 
Herrschersitz ältester Erinnerung. Er lag im Vorderlande Lydiens, dort 
wo der metallreiche Sipylos sich zwischen dem Ilermosthale und dem 
Meerbusen von Smyrna erhebt. Sein Gi[)rel war ein Sitz des Zeus 
und der Nymphen, sowie der Göttermutter Bhea, und wo seine Abhänge 
sich zu dem fetten Alluvialboden des Hermos hinabsenken, lag die 
Stadt Sipylos in der Nähe des späteren Magnesia, die älteste aller 
Städte nach einheimischer Sage, der ürsitz menschhcher Cultur, der 
Wohnort des Tantalus, des Götterfreundes, des Stammvaters der Nio- 
biden und Pelopiden. 

In seinen Schatz flofs aller Segen des Landes, das er bis zum 
Idagebirge liin beherrschte; auf dem Wolkengipfel des Sipylos bewir- 



72 



DAS REICH AM SIPYLOS. 



thete er die Götter. Als Zeugnisse seiner Herrschaft zeigte man am 
Sipylos das Grab des Tantalos so wie den Thron des Pelops, eine jener 
alten Königsrasten auf hohem Gipfel mit weitreichendem Umblick. Des 
Königs Tantalos Herrlichkeit und jäher Sturz beschäftigte die Phantasie 
der Griechen seit ältester Zeit, und zum Andenken der alten Landes- 
sagen schimmert noch heute, zwei Stunden von Magnesia, im 
vertieften Grunde der Felswand das Sitzbild einer trauernd vorgeneig- 
ten Frau, über die das herabtriefende Schneewasser hinströmt. Das ist 
Niobe, die phrygische Bergmutter, welche ihre fröhlichen Kinder, die 
Bäche, um sich spielen sah, bis sie sämmtlich von der Sonnengluth hin- 
gerafft wurden, so dass sie, in einsamem Schmerz erstarrt, rastlos 
fortweinte. Der Sturz des Tantalos aber, und der über seinem Haupte 
schwebende Fels beruht auf Vorstellungen, welche in den vulkanischen 
Heimsuchungen des Hermosthals und in den das Gebirge bewegenden 
Erderschütterungen ihren Ursprung haben, die dem üppigsten Men- 
schenglücke plötzHchen Untergang bereiten. Die Stadt Sipylos selbst 
war in einen Erdschlund versunken; ein sumpfiger See bezeichnete 
ihre alte Stätte 

Die Ueberiieferung vom Tantalos ist so wenig wie die vom Dardanos 
und Priamos eine inhaltleere Dichtung. Es hat in vorgeschichtlicher 
Zeit ein Beich am Sipylos gegeben, das sich nach dem Golf von 
Smyrna erstreckte und eine den Griechen verwandte Bevölkerung um- 
fasste. Smyrna selbst galt für eine Gründung der Tantaliden. Es 
ist ein durch Ackerbau, Bergbau, Bosszucht und Seefahrt blühendes 
Beich gewesen , welches durch übermächtige Nachbaren , wie die Dar- 
daner, bedrängt, durch Naturereignisse in seinem Wohlstande zerrüttet 
den Griechen nur durch seinen Untergang bekannt war und nur durch 
die damit zusammenhängenden Auswanderungen einen nachweisbaren 
Einfluss auf die Geschichte des hellenischen Volks ausgeübt hat*^). 



Der idäischen Halbinsel durch alte Ueberiieferung nahe verbun- 
den ist die Südküste Kleinasiens, wo sich auch das Festland mit breiter 
Bergmasse halbinselartig in das Meer vorschiebt. Das Innere bildet 
der Taurus; in seinen Hochthälern sammelt er die Quellen, welche in 
prächtigen Wasserfällen vom Gebirge stürzen, um dann als Flüsse 
die Niederungen zu durchziehen. Die Grofsartigkeit der Bergland- 
schaft wird dadurch erhöht, dass ein Theil derselben, namentlich die 
Solymerberge, vulkanischer Natur ist und durch Feuererscheinungen 



DAS VOLK DER LYKIER. 



73 



seltsamer Art die Phantasie der Einwohner anregen musste. Die 
Gebirge reichen bis an das Meer ohne Vorsaum ebener Erde, so dass 
kein Strand weg die Küslenorte verbindet: aber unzähh'ge Hafenbuch- 
len unterbrechen die Steilküste und vorliegende Inseln gewähren ge- 
räumige Rheden und Ankerplätze. 

Wo Gebirge und Meer sich so durchdringen, da haben alle Völker, 
welche dem Kreise griechischer Geschichte angehören, einen vorzüg- 
lichen Schauplatz ihrer Entwickelung gefunden, und diesem Kreise 
auch die Lykier einzureihen sind wir vollständig berechtigt. 

Eine ungemischte Bevölkerung kannten die Alten in dieser Land- 
schaft nicht. Die Phönizier haben den lykischen Taurus so gut wie 
den kihkischen ausgebeutet; aus Syrien und Kihkien sind Semiten 
eingewandert, welche namentlich den Stamm der Solymer bildeten. 
Einen anderen Völkerstrom leitete die rhodische Inselkette auf diese 
Küste; kretische Männer kamen herüber, die sich Termilen oder Tra- 
meler nannten und als ihren Heros den Sarpedon ehrten. In heifsem 
Streite erkämpften sie das von Meer und Fels umspannte Land und 
gründeten auf den die Thäler beherrschenden Höhen ihre Stadtburgen, 
welche in unverwüstlicher Stärke allen Erdbeben getrotzt haben. Von 
der Xanthosmündung sind die Kreter in das Land gedrungen. Dort 
soll Leto zuerst gastliche Aufnahme gefunden haben; im nahen Patara 
erhob sich der erste Tempel des Apollon, des Lichtgottes oder Lykios, 
mit dessen Dienste die Landbewohner allmählich so verwuchsen, dass 
sie selbst von den Griechen, an deren Küsten sie landeten, wie der 
Gott, Lykier genannt wurden. 

So vollzogen sich hier, wie in Troas, wichtige Verbindungen 
verschiedenartigster Völker, die von der Land- und Seeseite her die 
eingeborene Bevölkerung erweckt und eine sehr frühzeitige Cultur 
hervorgerufen haben. Sie ist uns in alten Ueberlieferungen so wie 
in Kunst- und Schriftdenkmälern reichlicii bezeugt. Das Lykische 
gehört demselben Sprachstamme an, wie das Griechische, dem Stamme 
der arischen Sprachen, welche sich von Armenien herunter nach 
Kleinasien verzweigt haben. Aber es steht dem Griecliischen so fern, 
dass man geneigt ist, die Lykier als einen der ältesten Zweige dieses 
arischen Völkerstammes in der Halbinsel anzusehen. Wie aber auch 
diese Verhältnisse aufgefasst werden mögen, so viel steht fest, dass 
die Lykier schon in frühen Zeiten ein mächtiges Seevolk waren; es 
scheint, dass sie in ägyptischen Urkunden neben den Dardanern ge- 



74 



# 

DAS VOLK DER LYKIER. 



nannt werden, und die Griechen haben sie wie die Dardaner immer 
als ein ebenbürtiges Volk angesehen, wie dies am deuüichsten aus der 
Thatsache erhellt, dass die lonier, als sie ihre zwölf Städte gründeten, 
Männer aus lykischem Stamme zu Königen wählten. 

Die Lykier treten uns in Allem, was wir von ihnen wissen, als 
einer der begabtesten und edelsten Stämme in dem Kreise der den 
Griechen verwandten Seevölker entgegen. Obwohl muthig und see- 
kundig, wie da« beste Schiffervolk des Archipelagus , haben sie dem 
öflenthchen Gewerbe des Seeraubes, welches ihre Nachbarn in Pisi- 
dien und Kihkien niemals aufgegeben haben , frühzeitig entsagt. Ihre 
Vaterlandshebe haben sie in den heldenmüthigsten Kämpfen bewährt, 
und in der Stille des Hauses haben sie eine feinere Sitte ausgebildet, 
wie sie namentlich in der Achtung, welche sie dem weiblichen Ge- 
schlechte widmeten, sich bezeugt haben soll. Es gehört dies mit zu 
den Segnungen der apollinischen Religion, welche die Frauen als be- 
vorzugte Organe des götthchen Willens anerkannte; durch Jung- 
frauen, welche im Tempel mit der Gottheit verkehrten, wurde in 
Patara Orakel ertheilt. 

Auch in der liebenden Sorge, welche die Lykier ihren Todten 
widmeten, spricht sich die Zartheit ihres sitthchen Gefühls aus. Diese 
Liebe zu den Verstorbenen ist uns in den grofsartigsten Denkmälern 
bezeugt. Denn durch nichts sind die Lykier in gleichem Mafse aus- 
gezeichnet, wie durch ihren Trieb zu künstlerischem Schaffen. Ihre 
kühn und schön gelegenen Stadtburgen sind dicht umgeben von den 
Ruheplätzen der Todten, zu deren würdigem Andenken ganze Fels- 
massen in Gräberstrafsen und Friedhöfe umgestaltet worden sind. Ueber- 
au bezeugt sich ein idealer Sinn, der mit bewunderungswürdiger Energie 
alle Schwierigkeiten überwunden und der ganzen Landschaft das un- 
verwüstliche Gepräge eines höheren Volkslebens zu geben gewusst hat. 

So wenig es nun auch möglich ist, die Zeit der Denkmäler Ly- 
kiens zu bestimmen, und eben so w^enig, wann sie ihre städtischen 
Gemeinden eingerichtet und ihr eidgenössisches Recht ausgebildet 
haben — das ist gewiss, die Anlagen zu dieser freien und allseitigen 
Geistesentwickelung sind seit den ältesten Zeiten dem Volke der 
Lykier eingepflanzt, welche in so wichtigen Zweigen der Cultur die 
Vorgänger und Vorbilder der Hellenen gewesen sind. Die pelopon- 
nesischen Landesfürsten haben zur Ummauerung ihrer Durgen Werk- 
leute aus demselben Lykien kommen lassen, wo auch die Heldenge- 



TROAS, LYKIEN UND KRETA. 



75 



stalten des Belleroplion und Perseus einheimisch sind; der erste 
Schriftverkehr, der bei Homer angedeutet wird, weist von Argos nach 
Lykien. Bei den Lykiern ist vorzugsweise die Anschauung des in 
sich einigen, aber in dreifacher Gestalt die Welt beherrschenden Zeus, 
des Zeus Triopas, zu Hause. Dieser "Anschauung schloss sich die 
Verehrung des ApoUon an, in welchem sich der verborgene Zeus ihnen 
am klarsten zu offenbaren schien. Sie ehrten ihn als den Proj)heten 
des höchsten Gottes und bildeten in diesem Glauben vor allen anderen 
Stämmen die apollinische Weissagekunst aus, um durch Vogelscliau 
und Opfer und Traumdeutung wie aus dem Munde begeisterter 
Sibyllen den göttlichen Willen zu erkennen*^). 

Troas und Lykien sind ein Paar durchaus verwandte Landschaf- 
ten; sie verehren gleiche Götter, wie Zeus Triopas und Apollon, 
gleiche Heroen, wie Pandaros; sie haben dieselben Fluss- und Berg- 
namen. Ein Theil der Troas hiefs von seinen Bewohnern Lykien, 
eben so wie die Lykier im eigenen Lande sich Troer nannten. Jedes der 
beiden unter sich stammverwandten und engverschwisterten Küsten- 
länder steht wiederum mit Kreta in unauflöslicher Verbindung, Troas 
durch sein Idagebirge und die idäischen Dämonen, Lykien durch 
Sarpedon und den Apollondienst. Lykier, Kreter und Karer begegnen 
sich auch an der Westküste, die zwischen den beiden Halbinseln Klein- 
asiens in der Mitte ausgebreitet liegt; vor Allem am Ausgange des 
Maeanderthals , in der uralten Seestadt Miletos, und Chios gegenüber, 
das den Kretern seinen Weinbau verdankt, in Erylhrai. 

Wer vermag diese sich kreuzenden Einllüsse chronologisch zu 
ordnen, wer bei den hin- und herströmenden Bewegungen die Aus- 
gangspunkte zu bestimmen, ob sie im Süden oder Norden, in Klein- 
asien oder Kreta zu suchen sind! Denn wenn auch die wichtigeren 
Gottesdienste, namentlich die phrygischen, ohne Zweifel vom Festlande 
auf die Lisel gewandert sind, so kann doch auch die Insel, was sie 
empfangen hat, veredelt und mit neuer Anregungskraft ausgestattet, 
deui Festlande zurückgegeben haben. Hier hat Jahrhunderte lang der 
lebendigste Küstenverkehr, ein fortwährendes Geben und Nehmen 
stattgefunden, bis zuletzt eine gleichartige Culturwelt sich gebildet 
hatte, in deren Lichtkreise wir Kreta und die Küste Kleinasiens von 
Lykien bis Troas vereinigt linden. 

Das Gemeinsame ist, dass sich an allen diesen Orten aus trüben 
Mischungen verschiedener Volkselemente ein griechisches Volksleben 



76 



DIE BEDEUTUNG VON DELOS. 



abgeklärt und entwickelt hat. Diese Entwickelung zeigt sich in der 
Verwirklichung einer höheren Lebensordnung, in der Gründung von 
Städten, in der Ausbildung einer feineren Sitte; sie gewinnt ihre Voll- 
endung in der gemeinsamen Religion des Apollon, welche nirgends 
eingeführt worden ist, ohne das ganze Volksleben umbildend zu er- 
greifen. Durch sie sind die Menschen von finsteren Naturdiensten 
befreit; in ihr ist der Gottesdienst zu einer Pflicht sittlicher Erhebung 
geworden; sie hat für die Schuldbeladenen Sühnungen gestiftet, für 
die rathlosen Sterblichen heilige Orakel. Der reiche Segen, welchen 
diese Religion mittheilte, enthielt die Verpflichtung und erweckte den 
Trieb, sie unermüdlich weiter auszubreiten, sie hinüberzutragen in 
die westlichen Länder, die noch im Dunkel älterer Gottesdienste be- 
fangen waren. Die Priester von Delos wussten, dass aus Lykien die 
ersten Satzungen ihres Apollondienstes stammten; Delos war wegen 
seiner ausgezeichneten Rhede inmitten des Inselmeers von Anfang an 
für Waarenhandel wie für Culturausbreitung eine der wichtigsten 
Stationen. Auf Delos sprosste neben Oelbaum und Palme der erste 
heilige Lorbeer auf; von Delos steuerten die priesterlichen Barken 
durch die Inseln hindurch nach dem jenseitigen Festlande und wo sie 
landeten, da wurde es hell vom Lichte einer höheren Erkenntniss und 
Bildung, welches dem griechischen Morgenlande schon lange aufge- 
gangen war'*^). 



Unter den Apollonaltären des westHchen Griechenlands gehörten 
die an der Peneiosmündung und am pagasäischen Meerbusen gegrün- 
deten zu den ältesten. 

Der Golf von Pagasai, ein kleines Binnenmeer von waldreichen 
Bergen umgeben, war der günstigste Platz für die ersten Versuche in 
der Seefahrt. Hier wusste man von dem ersten Schiff'e zu melden, 
welches, aus dem Holze des Pelion gezimmert, sich aus der stillen 
Bucht herausgewagt habe, und der erste Seefahrerstamm, der uns an 
der Westseite des Archipelagus begegnet und der zuerst mit eigenem 
Namen und eigener Geschichte aus dem dunklen Hintergrunde des 
Pelasgervolks hervortritt, ist der Stamm der Minyer. Zu ihrem 
Heroenkreise gehören lason und Euneos, des lason Sohn, der mit 
Phöniziern wie mit Griechen Handelsgeschäfte treibt; der 'Wasserläufer* 
Euphemos, wie Erginos, der Steuermann, welcher zugleich in Miletos 



DIE ARGONAÜTENSAGE. 



77 



zu Hause ist. Die^otth eiten der Arg onauten von Poseidon bis Apol- 
lon, Glaukos wie Leukothea, sind die der jenseitigen Stämme. Die 
Lieder von der Argo, die ältesten Griechenlieder, deren Inhalt wir 
ahnen können, feiern den in aller Noth bewährten, durch Sieg und 
Gewinn gekrönten, ausdauernden Muth kühner Seehelden; Abenteuer 
an Abenteuer reihend, geben sie das anschaulichste Bild von Seezügen 
und Seefehden, welche schon lange von den Stämmen der Ostküste 
ausgeführt worden waren und denen sich nun kühne Gesellen des 
westhchen Griechenlands anschliefsen. Theilnehmer der Fahrt wer- 
den von allen Küsten, selbst aus binnenländischen Orten gemeldet; 
aber wo immer Argonauten zu Hause sind, da finden sich auch Spuren 
von Niederlassung überseeischer Volksschaaren, wie namentUch in 
PhliiJs und Tegea, im ionischen 'rhejpiai__und an den ätolischen 
Küsten. Ziel der Fahrt ist das ferne Wunderland, Aia genannt, das 
bäTcTtiier, bald dort angesetzt wird, lieber die Gränzen 'des griechi- 
schen Meers hinaus wird der Eingang zum Pontus gesucht, an dessen 
Gestade schon die Macht der Assyrer vorgedrungen war. Dadurch 
war an der Ostseite desselben ein Völkerverkehr eröffnet, an dem sich 
auch die Phönizier betheiligt hatten. Darum ist der phönizische 
Phineus der Pförtner des Pontus und muss mit seiner Seekunde den 
unerfahrenen Söhnen der Hellenen zu Hülfe kommen. Diese See Ver- 
bindungen verwoben sich mit religiösen Gebräuchen, welche dem 
Dienste eines Menschenblut fordernden Zeus angehören, der eben so 
wie der Gott Abrahams seiner Gerechtigkeit durch einen Widder ge- 
nügen lässt. 

Es gab verschiedene Rheden, von denen die Argo ausgelaufen 
sein sollte, lolkos in Thessalien, Anthedon und Siphai in Böotien; auch 
lason war, wie am Meergebirge Pelion, so in Lemnos, in Korinth zu 
Hause; ein deuthches Zeugniss, wie gleichartig die an verschiedenen 
Küsten wiederkehrenden Einflüsse gewesen sind. Indessen haben 
sich doch am pagasäischen Meere in den Wohnsitzen der Minyer die 
Argosagen am vollständigsten ausgebildet und die Minjer,^ind_die 
Ersten, mit denen eine uns erkennbare_j}ewegung der pelasgischen 
Völker diesseits des~TWle eres, eine e uropäisch-griec hische Geschichte 
be ginnt '^^j . 

Die Minyer haben sich zu Lande und zu Wasser ausgebreitet. Sie 
sind gegen Süden gezogen in die fruchtbaren Gefilde von Böotien und 
haben sich an der Südseite des kopaischen Seethals angesiedelt. Neue 



78 



GESCHICHTE DER MINYER. 



Gefahren, neue Aufgaben erwarteten sie hier. Denn das Thal, in 
welchem sie Wohnung machten, erwies sich bald als eine veränder- 
liche, tückische Niederung, welche aus einem segenspendenden Tief- 
lande unverhofft zu einem unheimlichen Sumpfsee wurde. Die 
Minyer erkannten, dass zur Bewirthschaftung dieser Landschaft Alles 
darauf ankomme, die von Natur zum Wasserabzuge angelegten, aber 
plötzlichen Verschüttungen ausgesetzten Höhlengänge offen zu erhal- 
ten. Sie haben den wichtigsten dieser unterirdischen Gänge, in wel- 
chem der Kephisos zum Meere ausströmt, mit einer Reihe von senk- 
rechten Schachten versehen, welche auf die Tiefe des Abzugskanals 
hinabführen und die Reinigung und Beaufsichtigung desselben mög- 
Hch machen sollten. Solche riesenhafte Felsarbeiten haben sie aus- 
geführt und aufserdem grofsartige Deichbauten, welche das zuströ- 
mende Seewasser einfassen und nach den erweiterten Abzugshöhlen 
hinleiten sollten, bewundernswürdige Werke, durch welche sie 
eine Gegend, die jetzt wieder wie ein tiefer Morast mit verpesteter 
Atmosphäre unbenutzt und menschenleer daliegt, zu einem ergiebigen 
Culturlande, zu einem Sitze des Wohlstandes und der Macht umge- 
schaffen haben. 

Denn nachdem sie das niedrige Uter im Süden des böotischen 
Seebeckens verlassen, gründeten sie eine neue Stadt am Westende 
desselben. Dort springt vom Parnasse her ein langer Bergrücken vor, 
dessen letzten Vorsprung der Kephisos im Halbkreise umfliefst. Am 
unteren Rande der Höhe liegt jetzt das Dorf Skripü. Steigt man von 
den Hütten hinauf, so schreitet man über uralte Mauerzüge zur Spitze 
des Bergs, welche nur auf einer Felsentreppe von hundert Stufen zu- 
gänglich ist und den Gipfel einer Burg bildet. Dies ist die zweite 
Minyerstadt in Böotien, wie die erste Orchomenos genannt; der 
älteste ummauerte Fürstensitz, welcher in Hellas nachzuweisen ist, 
stolz und herrschend über dem Seethale gelegen. Wenig oberhalb 
der schmutzigen Lehmhütten ragt aus dem Erdreiche der gewaltige, 
über zwanzig Fufs lange Marmorstein, welcher den Eingang eines 
Rundgebäudes deckte. Die Alten nannten es das Schatzhaus des 
Minyas, in dessen Gewölbe die alten Könige den Überfluss ihrer 
Schätze an Gold und Silber aufgespeichert haben sollten, und veran- 
schaulichten sich in diesem Überreste die bei Homer gepriesene Herr- 
lichkeit von Orchomenos. Als mächtige, segenspendende Naturgott- 
heiten wurden daselbst die Chariten verehrt, die 'sangreichen Königin- 



CHALKTS UND DER EURIPOS. 



79 



nen des prangenden Orchomenos, die Schulzgöttinnen der altberühm- 
ten Minyer'. 

Auch in Böotien blieben die Minyer Seefahrer; sie hatten ihre 
Schiffsstationen an der Ausmündung des Kephisos wie an der süd- 
lichen Küste: sie nahmen Antheil an den ältesten Seegenossenschaf- 
ten und wie sie Böotien und Thessalien zu einer Landschaft verbanden, 
so haben sich Geschlechter desselben Volks, ,von kühnem Geiste ge- 
leitet, weithin über die Umlande ausgebreitet und auch im Pelopon- 
nese auf die Entwickelung der Staaten durchgreifenden Einfluss ge- 
wonnen. Dagegen hatte sich in Böotien selbst und zwar in der vom 
kopaischen Seethale getrennten Osthälfte der Landschaft eine andere 
Macht gebildet; unabhängig von Orchomenos, aber wie dies aus 
Keimen erwachsen, welche vom östlichen Gestade herübergetragen 
waren ^^). 



Der Kanal des Euripos musste für die Seevölker des Ostens eine 
ganz besondere Anziehungskraft haben. Ein tiefes stilles Fahrwasser 
führte hier von Süden nach Norden gleichsam mitten durch Hellas 
hindurch. Rechts halle man die lang hingestreckte ßerginsel Euboia, 
mit ihren für den Schiffsbau unerschöpflichen Wäldern, mit ihren 
Kupfer- und Eisenminen, deren Betrieb für das westliche Griechen- 
land hier begonnen und mit aller dazu gehörigen Kunstfertigkeit von 
hier aus durch die südlichen Landschaften verbreitet worden ist. 

Hier lag an d er engsten Stelle des Mee rsundes rJinlUig; mit der 
Arethusaquelle, ein Sitz des Apollon Delphinios, einer der frühesten 
Zielpunkte und Sammelplätze phönizischer und griechischer Seefahrer. 
Zur Linken erstreckt sich das Gestade von Böotien, dessen Strand 
treffliche Ankerbuchlen darbot, wie Hyria und Aulis; für Fischerei, für 
Muschelfang und Tauchen nach Meerschwämmen war die beste Ge- 
legenheit und die Glaukossage, die am Euripos zu Hause ist, zeugt 
von dem lebendigen Treiben eines erwerblustigen Fischervolks, das 
seit ältesten Zeilen am Strande von Anlhedon sein Wesen halle. In- 
dessen war hier zu gröfseren Niederlassungen kein Raum, es fehlte an 
Ackerboden und Weideland. 

Beides bot sich den Ansiedlern wenige Stunden landeinwärts, 
wenn sie über die dürren Sirandhöhen nach dem bylischen Seelhale 
hinblickten. Dieser See ist durch unterirdische Leitungen mit dem 



80 



KADMOS IN THEBEN. 



kopaischen verbunden, aber kein Sumpfsee wie dieser, sondern klares 
Bergwasser, mit gesunder Atmosphäre und fruchtbarem Umlande. 
Mit tiefem Erdreiche erstreckt sich namentlich gegen Süden hin eine 
breite Ebene bis zu den Vorhöhen des Teumessos. Auch diese 
Höhen sind nicht rauh und steinicht, sondern mit Erde bekleidet 
und von Thalgründen durchzogen, in welchen es von Quellen und 
Bächen rieselt; Ismenos und Dirke strömen neben einander durch 
üppiges Gartenland zur See hinunter. Hier tödtet Kadmos den Dra- 
chen, den missgünstigen Erddämon und Landeshüter, und gründet 
auf den umflossenen Höhen die Burg Kadmeia. 

Die Burg des böotischen Thebens ist derjenige Platz, wo die 
ganze Fülle der nach dem Morgenlande hinüberweisenden Sage sich am 
vollständigsten entfaltet hat. Alle morgenländischen Erfindungen 
schhefsen sich an die Person des Kadmos an. Von ihm nannte man 
- die Erdart, deren man sich zur Läuterung des Kupfererzes bediente, 
'kadmische Erde'; die Benutzung des Metalls zu kriegerischer Rü- 
stung war seine Erfindung; sein Name bedeutete geradezu so viel wie 
VVaffenrüstung, und seine Nachfolger, die Kadmeonen, dachte man sich 
als ein in glänzendes Erz gekleidetes, mit Purpur und Gold geschmück- 
tes Herrschergeschlecht. Neben ihm weisen auch die böotischen 
Teichinen , die orientalischen Zauberdämonen , auf die über Chalkis 
nach Theben verpflanzte Kunst der Erzbereitufig hin. Ferner ist 
Kadmos der Erfinder der Schrift, wie Palamedes in Argos; dem Danaos 
in Argos entspricht er als Begründer einer künstlichen Bewässerung, 
den lykischen Heroen als Baumeister und Burggründer; denn die nie- 
drige und nur ihrer fruchtbaren Lage wegen gewählte Burghöhe von 
Theben bedurfte mehr als jede andere einer künstlichen Befestigung; 
mit Kadmos sollen endhch auch die dämm- und deichbauenden Ge- 
phyräer in das Land gekommen sein. 

Hier muss, wie aus allen Ueberlieferungen hervorgeht, eine be- 
sonders zahlreiche Einwanderung stattgefunden haben, und zwar in 
verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Gegenden. Wir sind 
berechtigt, einen Grundstock echt semitischer Colonisation anzuneh- 
men, aus Sidon sowohl wie aus Tyros. Nach Sidon weist der Dienst 
der Mondgöttin Europe, nach Tyros der Dienst des Herakles, den man 
als Melkar oder Makar verehrte; denn von diesem Namen stammt die 
Benennung 'Insel der Makares', welche man der von Bächen umge- 
benen Burg Thebens beilegte. 



URGESCHICHTE THEBENS. 



81 



Den Phöniziern folgten andere Zuwanderungen aus dem griechi- 
schen Morgenlande, und zwar scheint besonders Kreta der Ausgangs- 
punkt derselben gewesen zu sein. Von dort soll Rhadamanthys nach 
Büotien gekommen sein; man zeigte sein Grab bei Haliartos, umgeben 
von den duftigen Zweigen des Styraxbaums, dessen Samen aus der- 
selben Heimath stammte. Dem Geschlechte der Kadmeonen, welches 
sich den Besitz der Kadmeia erstritten hatte, machen jüngere Geschlech- 
ter die Herrschaft streitig. Wir finden an der Spitze eines neuen Her- 
rengeschlechts die Brüder Amphion und Zethos, die böotischen Dios- 
kuren. Sie bezeichnen eine neue Stufe der Entwickelung, eine jün- 
gere Zeit. Sie stehen in Verwandtschaft mit den Pelopiden und in 
Verbindung mit Niobe. Mit dem Klange der lydischen Leier 
Aveifs Amphion zuerst die Menschenherzen zu entzücken ; durch ihren 
Zauber bewirkt er, dass sich die Felssteine zu einem künsthchen Ge- 
füge vereinen. Er vertritt eine Cultur, welche im kleinasiatischen 
Uferlande ihren Ursprung hat. 

Durch Amphion und Zethos erweitert sich die Stadt. Rings um 
die Kadmeia wird ein gröfserer Mauerkreis gezogen, welcher unter- 
halb des Fürstensitzes eine betriebsame Bürgerschaft schützend um- 
giebt und durch sieben Stadtthore die nach allen Seiten hin gebahnten 
Landstrafsen mit dem Mittelpunkte der Landschaft verbindet. 

EUe^Siebenzahi ist hier wie bei den Saiten Amphions eine heilige 
Zahl. Sie entspricht den Wandelslernen , welche die Babylonier kann- 
ten und zusammen mit Sonne und Mond als die das Menschenleben 
regierenden Himmelsmächte verelirten. Dieser babylonische Stern- 
cultus ist von d en Phöniziern nach Hellas gebracht und in Theben 
am deuthchsten bezeugt. Er ist aber von den Phöniziern auch auf 
die griechischen Seevölker übergegangen , wie wir es hier am besten 
nachweisen können; denn gerade die untere Stadt, welche sich durch 
ihre Thore als eine den Planetengöttern geheiligte zu erkennen giebt, 
wird auf das Bestimmteste einer jüngeren Epoche zugeschrieben und 
diese kann man unmöglich als eine rein phönikische ansehen. Die 
orientalischen Einflüsse sind aber von der alten sidonischen Faktorei, 
welche wir als den Kern von Theben ansehen dürfen, durch die Zeiten 
der kretischen und der kleinasiatischen Zuwanderung hindurch wirk- 
sam gebheben. 

Nach dem Geschlechte der Zwillinge kommen von Neuem die 
Kadmeonen auf den Thron; es folgen Labdakos und Laios. Schuld- 

Curtius, Gr. Gesch. 6. Aufl. 6 



82 



DIE AEOLOSSÖHNE. 



beladene Fürsten bringen Verderben über das Land, wie dies durch 
das ebenfalls dem Oriente entlehnte Sinnbild der Sphinx dargestellt 
wird. Das kadmeische Theben geht durch Greuel und Krieg zu 
Grunde, aber seine hochbegabten Geschlechter bringen durch ihre 
Zerstreuung die Keime höherer Bildung auch nach den südhchen 
Landschaften, wie die spätere Geschichte zeigen wird. 

Die thebanische Sage hat den Inhalt geschichtlicher Entwickelun- 
gen, welche Jahrhunderte gedauert haben, in scharfgezeichneten 
Zügen kurz zusammengefasst. Es ist das inhaltreichste Bild aus 
der Uebergangszeit von pelasgischen Zuständen in die hellenische 
Geschichte, die anschaulichste Darstellung phönikischer Ansiedlung 
und ihrer Folgen. Mit solchen Epochen, wie sie des Kadmos Ankunft 
darstellt, hört die Unschuld und Ruhe patriarchalischer Zustände auf; 
neben dem Segen einer höheren Lebensordnung kommen List und 
Gewalt, Unsitte und Frevel unerhörter Art, Krieg und Noth in das 
Land. Götterzorn und Menschenschuld, Sünde und Fluch drängen 
sich in schrecklicher Folge. Das ist das vielbesungene Unheil der 
Kadmoskinder*'). 



Theben ist der Ort, wo phönizische und ostgriechische Bildung 
am kräftigsten Wurzel gefasst und sich den Eingeborenen gegenüber 
am schärfsten ausgeprägt liat. Darum trägt Kadmos mehr als die 
gleichartigen Heroen einen fremdländischen Charakter; sein Geschlecht 
wird von den Nachbarn mit Missgunst und Feindschaft verfolgt. Da- 
rum ist er auch nicht in die Genealogie einheimischer Fürstenfamilien 
eingereiht und mit den andern Heroen der Geschichte des europäischen 
Landes zugeeignet worden. 

Wie man nämlich unter den Aeoliern die eingeborenen Pelasger- 
stämme verstand, welche durch Zuwanderung von Seestämmen und 
Vermischung mit ihnen zu einer höheren Culturstufe im Landbau, 
Seefahrt und Staatenordnung gelangt waren, so begriff man unter dem 
Sammelnamen der Aeolossöhne oder Aeohden diejenigen Heroen, wel- 
che als die Träger jener Bildung angesehen wurden: lason sowohl 
wie Athamas, den Ahnherrn der Minyer, das Sehergeschlecht der Amy- 
thaoniden; des Salmoneus Nachkommenschaft, ferner die messenischen 
Neleiden und den korinthischen Sisyphos. Zu ihnen gehört als die an- 



DER STAMM DER ACHÄER. 



83 



schaulichste und volkstliümlichste Persönlichkeit der alte Seeköni*^. 
dessen schön gelegener Fürstensitz auf Ilhaka an dem Isthmos, der die 
beiden Inselhälften verbindet, wohl zu erkennen ist: Odysseus, der Sohn 
des Laertes, der von hier aus Duhchion, Same, Zakynthos, so wie die 
Küste von Epirus zum kephallenischen Reiche verbunden hat; das Zeug- 
niss einer Zeit, wo die Machtbildung von der See aus erfolgte. Aufser- 
dem finden wir Aeoher in Thessalien so wie an den Küsten von Elis, 
Messenien , Lokris und Aetohen ; wir finden sie meist als Diener 
des Poseidon und mit lelegischer oder ionischer Bevölkerung ver- 
schmolzen. 

Alle diese Aeoher und Aeoliden haben unter sich keine weitere 
Verwandtschaft und volksttiümliclie Uebereinstimmung, als__das&-eie — 
den Ueber ^anp; aus der pelas gischen in die hellenische Zei t, die An- 
fänge europäischer Küstenstaaten und den Zuwachs an Macht und 
Klugheit, welchen man der Verschmelzung mit ostgriechischen Stäm- 
men dankte, in mannigfaltigen Bildern darstellen. 

Ein solches Volk des Uebergangs sind auch die Achäer, welche 
uns aber geschichtlicher und in schärferen Umrissen entgegentreten ; 
sie werden als ein Zweig der Aeolier angesehen, mit denen sie später 
wiederum zu einer Volksmasse zusammengeflossen sind, also nicht als 
eine ursprüngliche Gattung, als ein selbständiger Zweig der griechi- 
schen Nation ; daher ist auch weder von achäischer Sprache noch von 
achäischer Kunst die Bede. 

Mit den Aeoliern ist ihnen gemeinsam, dass, wo sie vorkommen, 
überall eine entschiedene Einwirkung von der Seeseite zu erkennen 
ist. Die Achäer sind selbst einer der ältesten Seestämme griechischer 
Nation; wir finden sie nur an der Küste ansässig und zwar weit umher 
auf beiden Seiten; sie werden den loniern als besonders nahe ver- 
wandt an die Seite gestellt. Ion und Achaios werden darum als Brü- 
der und Söhne des ApoUon mit einander verbunden, und aus lonien 
leiteten die Achäer ibr gröfstes Fürstengeschlecht her. Mit Lykien 
und Troas sind die Achäer durch den Stamm der Teukrer ver- 
bunden, und achäische Heroen, wie Aiakos, helfen selbst an der Mauer 
von Ilion bauen. In Kypros gab es uralte Achäer, wie in Kreta, eben 
so an der Peneiosmündung und am Pelion, in Aigina wie in Atlika. 
Kurz, die Achäer erscheinen an so weitentlegenen Küstenplätzen des 
ägäischen Meeres zerstreut, dass es unmöglich ist, Alles, was diesen 
Namen trägt, als Bruchtheile eines ursprünglich in einem Gemeinwe- 

6* 



84 



DIE SAGEN DER ACHÄER. 



sen vereinigten Volks zu betrachten; sie erscheinen überhaupt nirgends 
als eigenthche Volksmasse, als Grundstock der Bevölkerung, sondern 
als hervorragende Geschlechter, aus denen Fürsten und Helden ent- 
spriefsen ; daher der Ausdruck 'Söhne der Achäer', um adhge Herkunft 
zu bezeichnen. So deuthch aber auch die Achäer das Gepräge der 
von Osten überkommenen Cultur tragen und mit den asiatischen Grie- 
chen in Sage und Cultur verflochten sind, so haben sie dennoch im 
diesseitigen Griechenland eine selbständigere Entwickelung hervorge- 
rufen, als den älteren äoHschen Stämmen gelungen war; durch sie 
sind die ersten Staaten gebildet, welche dem Osten ebenbürtig gegen- 
über traten; ja mit den Thaten der Achäer beginnt zuerst eine zusam- 
menhängende Geschichte der Hellenen ^^). 

Unter den vielfachen Wohnsitzen der Achäer ist es die fruchtbare 
Niederung zwischen Oeta und Othrys, wo sie die wichtigsten Spuren 
ihres Daseins zurückgelassen haben. Es ist die Landschaft Phthiotis, 
wo der Spercheios zum Meere hinabströmt und dem Seefahrer sein 
reiches Thalland aufschliefst. Hier finden wir feste Burgen der 
Achäer, darunter Larisa, die 'hangende' genannt, weil es wie ein Nest 
am Felsen hing; hier sind ihre Liebhngssagen am meisten einheimisch, 
die Lieder vonPeleus, der an den Waldquellen des Spercheios seine 
Widderhekatomben den Göttern gelobt, welche in Freundschaft mit 
ihm verkehren, vom Fehden Achilleus, dem Sohne der silberfüfsigen 
Meergöttin , der auf den Berghöhen grofsgezogen als jugendlicher Held 
in das Thal herabkommt, um nach kurzer Blüthe zu sterben. Dieser 
hochgesinnte, hebenswürdige Held, welcher nicht ansteht, ein kurzes 
und thatenvolles Leben einem behaglichen, aber ruhmlosen Langleben 
vorzuziehen, ist ein unvergängliches Denkmal von dem ritterhchen 
Heldensinne, von dem idealen Streben und der poetischen Begabung 
der Achäer. 

Eine zweite Sage, desselben Stammes ist die Pelopssage, welche 
dadurch so merkwürdig ist, dass sie deuthcher und bestimmter als 
irgend eine andere Heroensage an lonien und Lydien anknüpft. Wir 
kennen das Fürstenhaus des Tantalos am Sipylos (S. 71), das mit 
dem Dienste der phrygischen Göttermutter so eng verflochtene. Mit- 
glieder dieses fürstlichen Geschlechts kommen von den Häfen loniens 
nach Hellas herüber; sie kommen mit unternehmenden Gefährten, mit 
Waff'en und Schmuck und prachtvollen Geräthen; sie gewinnen Anhang 
bei den ohne pohtischen Zusammenhang lebenden Eingebornen, sie 



PELOPIDEN UND ACHÄER. 



85 



sammeln sie um sich und gründen erbliche Fürstenthümer im neu 
entdeckten Lande, dessen Einwohner dadurch sich einigen und zu ge- 
schichtlicher Entwickelung gelangen. 

So dachten sich Männer, wie Thukydides, die Epoche, welche das 
Auftreten der Pelopiden in der Vorzeit ihres Volks veranlasst hatte — 
und was ist in diesen Vorstellungen unwahrscheinlich oder unhalt- 
bar? Weist nicht Alles, was von den achäischen Fürsten aus Pelops 
Stamme überliefert worden ist, übereinstimmend nach Lydien hin- 
über? Die nach lydischer Weise hochaufgeschütteten Grabhügel 
finden wir bei denAchäern wieder'; den Dienst der phrygischen Götter- 
mutter haben die Tantaliden nach Thessalien und dem Peloponnes ge- 
bracht; lydische Pfeiferinnungen sind ihnen bis nach Sparta gefolgt. 
Pelops lag in Pisa neben dem Heiligthume der lydischen Artemis bestat- 
tet; dieselbe Artemis wird als Iphigeneia mit Agamemnon verbunden, 
welcher überall als Priester der Göttin auftritt. Die Macht des Hauses 
beruhte auf seinem Reichthume; die den Griechen nächste Goldquelle 
war aber der Flusssand des Paktolos und der Schofs des Tmolos. Mit 
diesen Schätzen traten die Pelopiden den Eingeborenen gegenüber, 
welche im Schweifse des Angesichts ihre Aecker bestellten ; Gold und 
Fürstenmacht sind seitdem für die Griechen untrennbare Begriffe. 
Die andern Sterblichen, wie Ilerodot von den Skythen sagt, verbrennen 
sich am Golde; dem geborenen Fürsten giebt es Macht und Gewalt: es 
ist das Symbol und das Siegel einer übermenschlichen Stellung. 

Wenn wir die uralte Reichsmacht im Hermosthaie als eine That- 
sache anerkannt haben, so ist kein Grund daran zu zweifeln, dass die 
Zertrümmerung jener Macht Auswanderungen zur Folge hatte, welche 
nach dem jenseitigen Continente die Keime mannigfaltiger Gottesdienste 
und Kunstzweige übertrugen. 

Wo hat nun die Verbindung des auswärtigen Fürstenstammes mit 
den Achäern stattgefunden? Darüber giebt die Sage keine Auskunft. 
Im Peloponnese finden wir beide durchaus mit einander verschmolzen 
und an den Küsten der Halbinsel giebt es keine alte Landungssage. 
Es ist daher wahrscheinlich, dass jene folgenreiche Verbindung in 
Thessalien geschehen ist, dass dadurch ein Theil des Volks veranlasst 
wurde, unter seinen neuen Herzögen die übervölkerten Gaue von 
Phthia zu verlassen und nach Süden zu wandern, wo Städte und Staa- 
ten gegründet wurden , deren Ruhm den der thessahschen Achäer bald 
weit überragte*^). 



86 



ARGOS VOR DEN PELOPIDEN. 



Auf welchem Wege aber auch Pelopiden und Achäer nach dem 
Peloponnes gekommen sein mögen , es waren keineswegs rohe Länder 
und Völker, welche sie dort antrafen. Argos dachten sich ja die Grie- 
chen als die älteste aller Landschaften, an deren Strande die Stämme 
des Morgen- und Abendlandes mit einander verkehrt hatten. Wir 
haben gesehen (S. 56), in Folge welcher Einflüsse die Pelasger des 
Landes zu Danaern geworden waren; denn ein solches Umnennen der 
Völker bezeichnet nach dem Ausdrucke der griechischen Sage immer 
die wichtigsten der vorgeschichthchen Epochen. Die quellenlose Ebene 
von Argos war mit Brunnen versehen, welche mit ihren Felsschachten 
auf die in der Tiefe verborgenen Wasseradern hinabgingen oder das 
Regenwasser für die dürren Monate sammelten; am Ufer waren 
Plätze für Schiffsbau und Schiffslager eingerichtet und der städtische 
Marktplatz für alle Zeiten dem lykischen Gotte geweiht worden. 
Danaos selbst sollte zunächst aus Rhodos gekommen sein, der 
natürlichen Mittelstation zwischen der Südküste Asiens und dem 
Archipelagus. 

Keine griechische Gegend hat auf engem Räume so viele und ge- 
waltige Stadtburgen neben einander, wie ArgoHs. Die hohe Larisa, 
die von Natur zum Mittelpunkte der Landschaft ausersehen scheint, 
dann tief in der Ecke Mykenai, am östlichen Gebirge Mideia, am Rande 
der Seeküste Tiryns auf einem isohrten Felsen, und endhch eine halbe 
Stunde davon Naupha mit seinem Hafen. Diese Reihe alter Festun- 
gen , deren unzerstörbares Steingefüge wir noch heute bewundern, legt 
ein deutliches Zeugniss ab von gewaltigen Kämpfen, welche die Vor- 
zeit von Argos erschüttert haben; sie beweist, dass in der einen Ina- 
chosebene sich mehrere Herrschaften neben einander ausgebildet 
haben müssen, deren jede auf ihre Burgmauern trotzte ; die eine auf 
den Seeverkehr gerichtet, die andere mehr auf Zusammenhang mit 
dem ßinnenlande. 

In Einklang mit diesen in Monumenten erhaltenen Zeugnissen 
stehen die Sagen, nach welchen unter des Danaos Nachfolgern Theil- 
herrschaften eintreten. 

König Proitos, des Akrisios Bruder, aus dem Lande vertrieben, 
wird von lykischen Schaaren nach Argos heimgeführt und baut mit 
lykischen Kyklopen die Strandfestung Tiryns, von wo er das Binnen- 
land beherrscht. In dem Uebermuthe seiner lykischen Frau, in dem 
Hochmuthe seiner Töchter, die des Landes ältere Götterdienste ver- 



ANKUNFT DER PELOPIDEN. 



87 



spotten, liegen geschichtliche Züge, welche in ihrem inneren Zusam- 
menhange eine Gewähr alten Ursprungs tragen. 

Auch die andere Linie der Danaiden ist eng mit Lykien ver- 
flochten; denn des Akrisios lang ersehnter, dann aher gefürchteter 
und auf das Meer verstofsener Enkel Perseus, der unter dem Bilde 
eines Flögellöwen als unwiderstehHcher Sieger angekündigt war und 
dann von Osten heimkehrend Mykenai gründet, als des argivischen 
Reiches neuen Ilerrschaftssitz, dieser Perseus ist seinem Wesen nach 
ein aus Lykien stammender, der apollinischen Religion verwandter Heros 
des Lichts, der seine siegreichen Züge über Land und Meer ausdehnt; 
er ist nur eine andere Form des Bellerophon, dessen Namen und Dienst 
ebenfalls die beiden Meerseiten verbindet. EndUch ist auch Herakles 
in die Familie der Perseiden verflochten, als ein auf der tirynthischen 
Burg geborener Fürstensohn, der nach den Satzungen eines strengen 
Erstgeburtsrechts viel zu dulden hat unter den Befehlen des Eurysteus. 

Während der Spaltungen im Danaidenstamme und der Unglücks- 
falle, welche das Haus des Proitos heimsuchen, erlangen auswärtige 
Geschlechter Einfluss und Flerrschaft in Argos; es sind Geschlechter 
aus Aeolos' Stamme, die in der Hafengegend der peloponnesischen 
Westküste zu Hause sind, die Amythaoniden, unter ihnen Melampus 
und Bias. Die Macht der Perseiden erscheint gebrochen; die Söhne 
und Enkel der Eingewanderten sind die Gewaltigen im Lande, vom 
Stamme des Bias Adiastos in Sikyon und Hippomedon, unter den 
Melampodiden Ampiiiaraos, der i)riesterhche Held. Durch die Wirren 
in Theben veranlasst, schaaren sie sich zum Wafl'enbündnisse , um 
die verhasste Stadt der Kadmeonen zu vernichten. Durch zwei Ge- 
nerationen hindurch werden blutige Fehden ausgekämpft. W-as der 
wilden Heldenkraft der Sieben nicht gelingt, wissen ihre Söhne mit 
dem geringeren Mafse ihrer Kraft durchzusetzen. Die Thebaner wer- 
den bei Gilsas geschlagen, ihre Stadt zerstört^"). 

Bei der Zersplitterung des argivischen Landbesitzes, bei der in 
blutigen Nachbarfehden erfolgenden Entkräftigung des einheimischen 
Kriegsadels gelang es einem neuen Fürstenstamme die Herrschaft an 
sich zu bringen und der vereinigten Landschaft eine ganz neue Be- 
deutung zu geben. Das waren die mit achäischer Yolkskraft verbun- 
denen Tantali den. 

In verschiedener Weise suchte man die achäischen Fürsten durch 
Heirath, durch Vormundschaft und übertragene Reichsverweserschaft 



88 



HERRSCHAFT DER ATRIDEN. 



dem Persei'denhause anzureihen, wie denn die Sage gern das Anden- 
ken gewaltsamer Umwälzungen auszulöschen und durch die verschie- 
denen Epochen eine friedliche Folge gesetzlicher Herrschaften hin- 
durchzuführen sucht. Die Thatsache ist, dass die alte mit Lykien 
verwandte Dynastie von jenem Geschlechte gestürzt wurde, welches 
aus Lydien seinen Ursprung herleitete. Volk und Name der Danaer 
bleibt, aber in die verlassenen Burgen der Perseiden ziehen die Achäer- 
fürsten ein, erst, wie es heifst, in Mideia, dann in Mykenai. Also am 
Ausgange der Pässe, welche vom Isthmus her in das Land führen, 
fassen die neuen Herrscher festen Fufs und breiten, von der Land- 
seite gegen das Gestade vorschreitend, ihre Reichsgewalt aus. 

Die poetische Sage, welche keine langen Namenreihen liebt, nennt 
drei Fürsten, welche nach einander hier regiert und des Pelops Scepter 
unter sich vererbt haben, Atreus, Thyestes und Agamemnon. Der 
Hauptsitz ihrer Macht ist Mykenai, aber sie bleibt nicht auf die Ina- 
chosebene beschränkt. Des Atreus zweiter Sohn Menelaos vereinigt 
das Eurotasthai mit dem Hausbesitze der Pelopiden, nachdem er von 
dort den lelegischen Fürstenstamm der Tyndariden verdrängt hat. In 
dem brüderlichen Walten der beiden Atriden entfaltet sich nun zum 
ersten Male in deutlicheren Zügen das Bild einer wohlgeordneten 
Herrschermacht, welche in zwiefacher Weise nach und nach den gan- 
zen Peloponnes umfasst. Entweder sind es Gebiete, in denen sie frei 
über Land und Leute verfügen, und zwar sind dies die besten Stücke 
der Halbinsel, die Ebenen des Inachos, des Eurotas und Pamisos 
(Agamemnon selbst ist in Sparta ebenso zu Hause wie in Mykenai) ; 
oder es sind besondere Fürstenthümer, welche die Oberhoheit der 
Atriden anerkennen und Heeresfolge leisten. So stellt die homerische 
Sage den Höhestand der Macht dar, welchen die phthiotischen Achäer 
in der Halbinsel gewonnen haben, und demgemäfs bezeichnet der 
Name Argos, welcher ursprünglich ein allgemeiner Name für Küsten- 
ebenen gewesen ist (S. 60), nun vorzugsweise den Herrschersitz der 
Achäer am Inachos; es ist das achäische Argos im Gegensatze zu dem 
pelasgischen in Thessalien und umfasst nicht nur die Inachosebene, 
sondern das ganze Herrschaftsgebiet Agamemnons d. h. die ganze Halb- 
insel, welche von dem Ahnen der achäischen Fürsten für alle Zeiten 
den Namen der Pelopsinsel erhalten hat. 

Die peloponnesische Achäermacht war vom nördlichen Festlande 
her gegründet, und von Hause aus eine binnenländische; indessen 



BUND DER SIEBEN SEEORTE. 



89 



war es unmöglich, eine griechische Halbinsel zu beherrschen, ohne des 
Meeres Herr zu sein. Auch Agamemnons Herrschaft blieb nicht auf 
das Festland beschränkt; sie erstreckte sich auf die Inseln, und zwar 
nicht nur auf die kleinen Küsteninseln, die Schlupfwinkel und Lauer- 
plätze der Seeräuber, sondern auch auf die ferneren und gröfseren. 
Argos wurde eine Seemacht, wie Troja es geworden war, und die Er- 
oberung der Inseln war der Anfang einer von Westen nach Osten 
vorschreitenden Machtentfaltung, die erste Gründung einer von den 
europäischen Küsten ausgehenden Seeherrschaft, welche sich nicht 
bilden konnte, ohne zu mancherlei feindlichen Berührungen Anlass zu 
geben^^). 

Es bestanden in Argolis selbst ältere Küstenplätze, in denen sich 
die seemännische Bildung zuerst entwickelt hatte; vor allen Nauplia, 
der älteste Stapelplatz am Bande der Inachosebene , dessen Stadtheros 
Palamedes (S. 56) nicht ohne Grund als ein den Achäerfürsten miss- 
hebiger Nachbar dargestellt wird ; dann Prasiai, der Ilauptort der Land- 
schaft Kynuria, welche durch zuwanderndes Seevolk allmählich ganz 
ionisch geworden war; er lag hart an der Küste des rauhen Landes 
und auf einem Vorsprunge derselben standen die fufshohen Erzbilder 
der Korybanten, zur Erinnerung, dass die Stadt ihr ganzes Dasein wie 
ihre Gottesdienste uraltem Seeverkehre verdankte ; endlich Hermione, 
die vorgebaute Halbinselstadt an dem purpurreichen Meere, welches 
den Golf von Argos mit den saronischcn Gewässern verbindet, wo Epi- 
dauros und Aigina die nächsten Plätze waren. Es ist natürlich , dass 
diese Seeorte sich zusammenthaten, und als heiliger Mittelpunkt diente 
das dem Poseidon geweihte Kalauria , das hohe Felseneiland , vor der 
Ostspitze von Argolis gelegen, an der Grenze des Golfs von Aigina. 
Mit dem nahen Festlande bildet es ein wohlgeschütztes Binnenmeer, 
eine unvergleichliche Bhede, welche zum Sammelort für Schifle und 
zur Bewachung der Meere vorzüglich geeignet ist. In die weite Bucht 
springt als Halbinsel der rothe Trachytfelsen vor, auf dem die heutige 
Stadt Porös liegt, der Mittelpunkt der neuen Marine. Hoch darüber 
auf dem breiten Kalkrücken von Kalauria liegen die Grundmauern 
des Poseidontempels, welcher eins der ältesten und wichtigsten 
Heiligthümer war. Hier war eine alte Freistätte für den Schiffsverkehr 
und der Name 'Eirene', den die Insel Kalauria trug, weist darauf 
hin, dass ihr Poseidontempel für den P'rieden des Meers und die 
Sicherung des Seeverkehrs eine hervorragende Bedeutung gehabt hat. 



90 



PELOPIDEN m ARGOS. 



Schon die übereinstimmende Lage dieser Städte erweist , dass sie aus 
Landungsplätzen auswärtiger Seefahrer erwachsen sind. 

Man glaubte sogar als älteste Thatsache griechischer Geschichte 
einen Bund von sieben Staaten nachweisen zu können, an welchem 
ausser Aigina, Epidauros, Hermione, Prasiai, Nauplia und Athen auch 
das minysche Orchomenos Theil genommen habe, einen Bund, der 
also der vordorischen Zeit angehört und den Zweck gehabt haben 
müsste, dem Vordringen der Pelopiden eine Schranke zu setzen — 
allein dieser Städtebund vonKalauria gehört in der uns bekannten Form 
wahrscheinlich erst einer späteren Zeit an. Auch weifs die achäische 
Sage nichts von einer Beschränkung der Atridenmacht durch wider- 
strebende Küstenstädte ; sie schildert Agamemnon als Herrn des Meeres, 
als mächtigsten Fürsten seiner Zeit, als einen Heerkönig, dem von 
Thessahen bis Cap Malea alle Griechen Stämme sich unterordnen, als 
den Führer des ersten Seezugs, der von den europäischen Küsten aus 
gegen Asien unternommen worden ist, um das frech verletzte Gast- 
recht an den Troern zu rächen ; sie lässt ihn im zehnten Jahre sieg- 
reich nach Argos heimkehren. Sie hat auch den Untergang der glor- 
reichen Fürstenmacht mit in den Kreis der troischen Begebenheiten 
hereingezogen , indem die lange Abwesenheit des Königs eine Zerrüt- 
tung der heimischen Familienverhältnisse, eine Verwahrlosung von 
Haus und Land und endlich die Auflösung des Pelopidenreiches zur 
Folge gehabt haben solP^). 

Es ist das poetische Becht der Sage, ihre Helden am eigenen 
Ruhme untergehen zu lassen. Die wahren Ursachen dieser Katastrophe 
hegen aber aufserhalb des Pelopidenhauses; sie liegen in dem Um- 
schwünge der gesammten Völkerverhältnisse, in Bewegungen und 
Wanderungen , welche fern in thessalischen Landen ihren Ausgangs- 
punkt haben. Aufser dem Zusammenhange mit diesen Ereignissen 
ist weder das Ende der achäischen Fürsten thüm er zu verstehen noch 
die Entstehung der homerischen Sagendichtung, in welcher der 
Ruhm jener Fürstenthümer unter uns fortlebt. 



So wenig es bisher möghch war, eine in sich zusammenhängende 
Geschichte des griechischen Volks herzustellen, so ist doch ein Kreis 
von Thatsachen vorhanden, welcher unerschütterlich feststeht; sie 
ruhen entweder auf dem Grunde übereinstimmender Ueberlieferung, 



PELOPIDEN IN ARGOS. 



91 



wie die minoische Seeherrschaft, oder auf unzweideutigen Denkmälern. 
Denn so gewiss die Burgen von Ihon, Theben und Orchomenos, von 
Tiryns und Mykenai uns noch heute vor Augen stehen, so gewiss hat 
es auch dardanische, minysche, kadmeische und argivische Fürsten 
gegeben, und in sofern sind Agamemnon und Priamos, in deren Namen 
sich das Gedächtniss der alten Fürstenthümer erhalten hat, geschiclit- 
liche Personen. 

Diese Fürstenthümer gehören sämmtlich einem Kreise verwandter 
Bildung an; sie verdanken alle ihren Ursprung dem Uebergewichle der 
asiatischen Griechenstämme und der Verbindung des europäischen 
Küstenlandes mit Asien, sie gehören alle in die Uebergangszeit aus 
der pelasgischen Welt in die hellenische, welche kontinentalen Yölker- 
bewegungen ihre Entstehung verdankt. 



IV. 



DIE WANDERUNGEN UND UMSIEDELUNGEN DER 
GRIECHISCHEN STÄMME. 

Die ältesten Thatsachen der griechischen Geschichte gehören einer 
Welt an, welche die Küsten des Archipelagus zu einem grofsen Gan- 
zen vereinigt. Was nun beginnt, hat seinen Anfang mitten im nord- 
griechischen Festlande; es ist ein Rückschlag von innen gegen aufsen, 
vom Berglande gegen die Küste, vom Westen gegen den Osten. Un- 
bekannte Volksstämme regen sich in ihren abgelegenen Hochlanden ; 
einer schiebt den andern vorwärts, ganze Reihen von Völkerschaften 
werden nach einander in Bewegung gesetzt ; die alten Staaten gehen 
zu Grunde, ihre Königssitze veröden, neue Landtheilungen erfolgen 
und aus einer langen Zeit wilder Gährung tritt Griechenland endlich 
mit neuen Stämmen, Staaten und Städten hervor. 

Von den Griechenstämmen, welche auf dem Landwege nach der 
europäischen Halbinsel eingewandert sind, hat ein ansehnlicher Theil, 
den Spuren der Raliker folgend, seinen Weg gegen Westen durch 
Päonien und Makedonien genommen und ist so durch Rlyrien in die 
Westhälfte des nordgriechischen Alpenlandes eingedrungen, welche 
durch die Bildung ihrer Höhenzüge und Thäler von Norden her leichter 
zugänghch ist, als das beckenförmig abgeschlossene Thessahen. Die 
Menge wasserreicher Flüsse, welche nahe bei einander in langen 
Schluchten zum ionischen Meere fliefsen, erleichterte hier das Vor- 
dringen gegen Süden ; die Fülle des Weidelandes lockte zur Einwan- 
derung und so wurde Epiros ein Wohnsitz dicht gedrängter Völker- 
schaften, welche in den gesegneten Niederungen der Landschaft ihr 
Culturleben begonnen haben. 



HELLAS m EPIROS. 



93 



Man zählte in Epiros drei Hauptstämme, von denen die Chaoner 
für den ältesten angesehen wurden; sie wohnten vom akrokerauni- 
schen Vorgebirge südwärts bis zu dem Gestade hinab, welches der 
Insel Kerkyra (Corfu) gegenüber liegt. Weiter südlich safsen die 
Thesproter und landeinwärts nach dem Pindos zu die Molosser. Aelter 
als diese Dreitheilung ist der Name der Gräker (Graikoi), welchen die 
Hellenen als die älteste Benennung ihrer Vorfahren kannten, und mit 
demselben Namen haben die Itahker das ganze Völkergeschlecht , mit 
welchem sie einst in diesen Landstrichen zusammenwohnten , Graeci 
(Griechen) genannt. Es ist der erste Gesammtname der europäischen 
Hellenenstämme. In den späteren Zeiten betrachtete man diese 
epirotischen Völkerschaften als Barbaren, nachdem sie hinter der Ent- 
wickelung der südlichen Staaten weit zurückgeblieben waren und 
mancherlei fremdartige Beimischung erfahren hatten; aber ihrem Ur- 
sprünge nach waren sie ein durchaus ebenbürtiger Zweig des griechi- 
schen Volks; ja sie sind es, welche die ältesten Ileiligthümer desselben 
gepflegt und denselben eine nationale Bedeutung verliehen haben. 

Fern von der Küste, im abgeschlossenen Berglande, wo die Quelle» 
des Thyamis, des Aoos, des Arachthos und Acheloos nahe zusammen 
liegen, erstreckt sich am Fufse des hochragenden Tomaros der See von 
loanina, und südwestlich davon lag in einem quellenreichen Seitenthal 
das alte Dodona, eine auserwählte Stätte des pelasgischen Zeus, des un- 
sichtbaren Gottes, der im Rauschen der Eichen seine Gegenwart ankün- 
digte, dessen Altar ein weiter Kreis von Dreifüfsen umringte, zum 
Zeichen, dass er zuerst die Feuerstätten der Häuser und Gemeinden zu 
einer Genossenschaft um sich vereinigt habe. Dies Dodona war der 
HauptsUzjler Gräker ; es war ein heihger Mittelpunkt der ganzen Land- 
schaft, ehe die Italiker gegen Westen aufbrachen, und zugleich der 
Ort, wo der spätere Nationalname der Griechen sich zuerst nachweisen 
lässt; denn die Auserwählten des Volks, welche den Dienst jles Zeus 
verwalteten, nannte man Selloi oder Helloi und nach ihnen das um- 
liegende Land Hellopia oder Hellas. 

So sehr nun auch das stille Bergthal von Dodona dem Treiben 
der Seevölker fern zu liegen scheint, so haben doch auch diese ihren 
Weg nach Epiros frühzeitig gefunden. Für alle Einwirkungen nach 
dieser Seite musste der kerkyi äische Sund die Hauptslation sein. Ober- 
halb desselben lag der alte Ort Phoinike im Lande der Chaoner; zwi- 
schen diesen und den Thesprotern an der Mündung des Thyamis eine 



94 



WANDERUNGEN AUS EPIROS. 



Stadt Ilion, von deren Gründern die benachbarten Bäche ihren Namen 
Simoeis und Xanthos erhielten. Von den Küstenplätzen sind die 
fremden Colonisten in das Binnenland vorgedrungen. Der pelasgische 
Zeus blieb auch in Dodona nicht allein, sondern mit ihm wurde die 
aus dem fernen Morgenlande herüber verpflanzte Göttin der schaffen- 
den Naturkraft unter dem Namen Dione verbunden. Ihr Symbol 
war auch hier die Taube, von der ihre Priesterinnen Peleiaden ge- 
nannt wurden ^^). 

Aus dem volkreichen Epiros sind nun zu verschiedenen Zeiten 
einzelne Stämme von hervorragender Kraft über den Rücken des 
Pindos in die östhchen Landschaften hinübergestiegen; sie haben die 
Erinnerungen der Heimath , in welcher sie ihr geschichtliches Leben 
begonnen hatten, mit treuem Sinne festgehalten und dadurch das An- 
sehen der epirotischen Heihgthümer weit über die Gränzen der Land- 
schaft ausgebreitet. So hat der Acheloos eine nationale Bedeutung 
gewonnen ; er wurde für die Griechen der Fluss der Flüsse , der hei- 
lige Urquell alles süfsen Wassers, bei dem die feierlichsten Eide ge- 
schworen wurden. Seine Verehrung war nahe verflochten mit der 
des dodonäischen Zeus, der, wohin sein Dienst reichte, auch für den 
Acheloos Opfer forderte. 

Von den ältesten Wanderungen, welche die Eichenwälder von 
Epiros mit den östlichen Landschaften in Verbindung gesetzt und den 
Dienst von Dodona nach dem Spercheios verpflanzt haben , wo Achil- 
leus den epirotischen Gott als den Stammgott seines Geschlechts 
anruft, hat sich keine Ueberheferung erhalten. Aber eine spätere 
Zuwanderung aus Epiros nach Thessalien war im Gedächtniss geblie- 
ben, die Wanderung eines Volks, w^elches in den oberen Thälern des 
Arachlhos und Acheloos seine Rosse geweidet hatte und dann, aus 
seiner Ruhe aufgestört, gegen Osten vordrang, wo der Pindos das hohe 
Rückgrat des Landes bildet und die westlichen Landschaften von den 
östlichen scheidet. Von der Höhe der Pässe öffnet sich der Blick auf 
die weiten Saatebenen des Peneios, wo wohlhabende Völker in behag- 
hchen Wohnsitzen ausgebreitet waren und die Eroberungslust des 
fremden Stammes reizten. Der leichteste Zugang führt durch den 
Pass von Gomphoi. Mit dem Uebergange des Gebirges trat der epiro- 
tische Stamm in den Kreis der griechischen Geschichte ein und gab 
den ersten Anstofs zu einer Reihe von Umsiedelungen, welche allmäh- 
Hch ganz Hellas erschütterten; es war der Stamm der Thessalier. 



EINWANDERUNG DEK THESSALIER. 



95 



Ihrem Ursprünge nach waren sie kein fremdartiges Volk; sie 
waren durch Sprache und Gottesdienst den älteren Bewohnern des 
Peneiosthals verhunden; doch traten sie roh und feindselig ihnen 
gegenüber. Es war ein Volk von wildkräftiger Natur , leidenschaft- 
lich und gewaltsam; an Jagd- und Kriegszüge gewöhnt, verachtete es 
die einförmigen Geschäfte des Ackerbaues und deshalb hat es immer 
in seinem Wesen etwas Ungeregeltes und Zuchtloses behalten. Den 
wilden Stier mit starkem Arme zu fassen war die Festfreude der Män- 
ner, und die Fehdelust trieb sie, in Freund- und Feindesland Abenteuer 
und Beute zu suchen. Sie fanden im Lande sesshaft ein äolisches 
Volk, welches von der Küste her längst die Keime höherer Cultur auf- 
genommen und in ruhiger Entwickelung bei sich ausgebildet hatte. 
Der Ilauptort dieser Griechen war Arne, in gesegneter Niederung am 
Fufse der südthessalischen Gebirge gelegen, von welchen die Bäche 
zahlreich zum Peneios niederströmen. Bei dem Dorfe Mataranga hat 
man die Spuren dieses alten Vororts wieder aufgefunden. Poseidon 
und die itonische Athena wurden daselbst verehrt, und der Zweig des 
äolischen Volks, der diesen Dienst pflegte, nannte seinen Stammherrn 
Boitos den Sohn der Arne, sich selbst Arnäer oder Böoter. 

Der Einbruch des thessalischen Reitervolks hatte für die Böoter 
eine zwiefache Folge. Die grofse Masse derselben, an sesshaftes 
Leben gewöhnt, an ihre schöne Ileimath durch alte Gewohnheit gefes- 
selt, beugte sich der Gewalt und fügte sich den neuen Herren, die sich 
als Häuptlinge der siegreichen Schaaren das Land tlieilten. Die Ein- 
wohner wurden gemeindeweise einzelnen Häusern des thessalischen 
Kriegsadels zugewiesen; sie wurden die Stützen dieser Adelsmacht, 
die im eroberten Lande mächtig anwuchs; sie schalften als Zinsbauern 
die Einkünfte von den Aeckern und Triften herbei und iiielten den 
eierbten Reichthum der Adelshäuser aufrecht. Im Kriege wurden sie 
aufgeboten, um als Dienstleute ihre ritterlichen Herren zu begleiten; 
im öllentlichen Leben bhebeii sie ohne Berechtigung und durften in 
den Städten den 'freien' Markt nicht betreten, auf welchem die thessa- 
lischen Edeln sich versammelten. So wurden damals nach Zerstörung 
älterer Lebensordnungen ein für allemal die Verhältnisse in Thessalien 
bestimmt. Die Keime eines freien Bürgerthums waren vernichtet; es 
gab neben dem ritterlichen Adel nur eine unterworfene Volksmenge, 
welche im Gefühle ihrer unwürdigen Lage häufige Erhebungsversuche 
machte, ohne dass es ihr jemals gelungen wäre, die gewaltsam unter- 



96 



WANDERUNGEN DER BÖOTER. 



brocheiie Entwickelung wieder herzustellen. Die eigentliche Volks- 
geschichte war zu Ende, seit Aeolis Thessalien wurde ^'^). 

Aber während die Masse des Volks der fremden Herrschaft 
erlag, verhefs ein Theil desselben, von Königen und Priestern geführt, 
die Heimath. Aus dem schönen Arne, welches nun 'einem Witwen- 
sitze gleich seine böotischen Männer vermisste', wanderten sie mit 
ihren Heerden und tragbaren Schätzen über die südhchen Gebirge, 
bis sie im kopaischen Thale (S. 77) eine feuchte Niederung, wie die 
ihrer Heimath, mit reichen Städten und ergiebigen Ackerfluren kennen 
lernten. Noch hatte das Land einen doppelten Mittelpunkt, Orcho- 
menos und die Stadt der Kadmeer. Zwischen beiden fassten die Ar- 
näer an der Südseite des Sees festen Fufs; hier entstand ein neues 
Arne, das später in Folge von Uebersch wem mungen wieder verschwand, 
während das Heihgthum der itonischen Athena sich an Ort und Stelle 
erhielt. Es war der erste Sammelplatz der äohschen Einwanderer an 
einem kleinen Bache , welchen sie gleichfalls zum Andenken an ihre 
Heimath Koralios nannten. So richteten sie sich hier ein neues 
Böotien ein, das sich langsam ausbreitete. Chaironeia in der west- 
Hchsten Seitenbucht des kopaischen Thalkessels wird als die erste 
Stadt genannt, wo die ßöoter bleibend herrschten. Hier hat sich bis 
in späte Zeit das Andenken ihres siegreichen Königs Opheltas erhalten, 
so wie des Propheten Peripoltas, welcher sein Volk durch weise Deu- 
tungen des Götterwillens in die neuen W^ohnsitze hinübergeleitet 
hatte. 

Die älteren Städte des Landes hatten nicht mehr Kraft genug, 
dem Andränge Trotz zu bieten. Die hohe Burg von Orchomenos 
wurde bezwungen, das Landvolk unterworfen. Auch die Kadmeonen, 
deren Macht im Epigonenkriege gebrochen war (S. 87), mussten 
weichen wie die Minyer. Der letzte Sprosse des Labdakidenhauses 
flieht zu nördhchen Stämmen; die Aegiden mit dem Dienste des Apol- 
lon Karneios wandern nach dem Peloponnes, die Gephyräer nach 
Attika. Die Arnäer vollenden allmählich des Landes Unterwerfung, 
das nun erst innerhalb seiner natürlichen Gränzen ein Ganzes wurde» 
Denn Südböotien hatte durch gleichartige Bewohnung ganz mit Attika 
zusammengehangen. Es gab ein Athen und ein Eleusis hier wie dort, 
und die Urkönige Kekrops wie Ogyges waren beiden Ländern gemein- 
sam. Jetzt erst wurden die Gebirgskämme des Kithäron und Parnes 
die Gränzscheiden zweier Länder. Freilich gelang den Aeoliern hier 



URSITZE DER DORIER. 



97 



die Unterwerfung am spätesten und am unvollkommensten ; sie be- 
gegneten hier einem zähen Widerstande, und obgleich Plataiai und 
Thespiai durch keine Naturgränzen geschützt sind, so sind sie doch 
niemals in die neue Landeseinheit aufgegangen. So wenig aber auch 
den Böotern eine vollständige Einigung der Landschaft gelang, so war 
doch die alte Doppelherrschaft für alle Zeit aufgehoben und eine 
Gesamtverfassung begründet, welche von Theben aus mit wechseln- 
dem Erfolge die umliegenden Ortschaften vereinigte; die itonische 
Athena war der Mittelpunkt der Landesfeste; es giebt jetzt ein Land 
Böotien und böotische Geschichte ■'•^). 

Mit der Auswanderung der äoHschen Böoter kam die durch den 
Einbruch der Thessalier veranlasste Völkerbewegung keineswegs zum 
Abschlüsse. Derselbe Stöfs hatte noch andere Stämme aufgestört, 
welche in dem dichtbewohnten Thessalien sassen, kriegerische Stäm- 
me, welche liin und her zogen, um sich der Knechtschaft zu entziehen, 
und namentlich im Gebirge ihre Selbständigkeit hartnäckig vertheidig- 
ten , so die Magneten im Pelion und die Perrhäber. 

Zu diesen thessalischen Stämmen, welche wir bald hier bald dort 
ansässig, bald selbständig hervortreten, bald in einer gröfseren Volks- 
masse verschwinden sehen, gehören auch die Dorier. Sie sollen erst 
in Phthiotis gesessen haben, dann auf den Vorbergen des Olympos in 
der Landschaft Hestiaiotis und endlich am Pindos. 

In den zweiten Wohnsitzen haben sie ihr geschichtliches Leben 
begonnen. Hier haben sie durch das benachbarte Tempethal Anre- 
gungen von der Seeseite bekommen; hier haben sie den Apollodienst 
empfangen und ausgebildet, hier unter ihrem Urkönige Aigimios die 
ersten staatlichen Ordnungen bei sich begründet. Hier sollen sie in 
ihrer Bedrängniss den Herakles zu Hülfe gerufen und demselben für 
sich und seine Nachkommen ein Drittel ihrer Feldmark abgegeben 
haben. Also ein Geschlecht, das sich von Herakles ableitete, hat sich 
in jener Gegend mit den Doriern verbunden und Fürstenmacht bei 
ihnen gewonnen. 

HerakUden und Dorier sind seitdem für alle Zeiten mit einander 
verbunden geblieben, ohne dass die ursprüngliche Verschiedenheit 
jemals vergessen worden wäre. Am Olympos finden wir auch schon 
die den Doriern eigene Dreigliederung ausgebildet; denn an der West- 
seite des Gebirges, wo der Pass von Petra an den Quellen des Titare- 
sios nach Makedonien hinüber führt, lag eine Gruppe von drei Stadt- 

CurtiuB, Gr. Gesch. I. 6. Aufl. 7 



98 



WANDERUNGEN DER DORIER. 



gebieten, eine Tripolis, welche später in die Hände der Perrhäber ge- 
langte, aber als eine dorische Stiftung angesehen werden darf. Eine 
dieser Städte war das Pythion, am Eingange des Passes gelegen, ein 
Heihgthum des Apolloii, welches zugleich die Landgränze hütete und 
zu ihrem Schutze die Umwohner verpflichtete. Diese Wohnsitze sind 
die eigenthche Heimath des dorischen Stammes; hier ist seine Eigen- 
thümlichkeit in staatlicher Ordnung und Sitte begründet und so lange 
ihre Geschichte währte, war es ihr Stolz, den Satzungen des Aigimios 
treu zu sein. 

Dann wurden die Dorier vom Olympos und der Seeküste fort an 
den Pindos gedrängt. Sie verloren ihr Land, sie verloren sich selbst 
unter den Gebirgsvölkern, welche hier zu beiden Seiten des Pindos 
und Lakmon zu Hause waren ; sie wurden zu Makedoniern, wie He- 
rodot sagt. 

Aber von Neuem sammeln sie sich und den Flüssen des Landes 
gleich, die im Boden verschwinden, um dann kräftiger wiedergeboren 
den alten Lauf fortzusetzen, tritt der dorische Stamm von Neuem aus 
der dunkeln Masse der Alpenvölker hervor; er bricht sich Balm gegen 
Süden; er wirft sich auf die im ötäischen Gebirge sitzenden Dryoper 
und drängt sich endlich in den fruchtbaren Bergwinkel ein, welcher 
zwischen Parnass und Oeta liegt. Diese Landschaft, in welcher sich 
der Pindos und andere Bäche zu einem Flusse vereinigen, welcher als 
Kephisos nach Böotien hinabfliefst, haben die Dorier nicht wieder auf- 
gegeben. Dies ist die älteste Doris, die wir unter diesem Namen 
kennen, und hier hat sich in den vier Orten Boion, Erineos, Pindos 
und Kytinion eine dorische Stammgemeinschaft bis in die letzten Zei- 
ten griechischer Geschichte erhalten ^^). 

So waren die Dorier von dem makedonischen Hochlande in die 
Mitte von Mittelgriechenland verpflanzt; amFusse des Parnasses safsen 
sie zwischen den beiden Meerbusen, dem krisäischen und maUschen, 
welche das mittlere Hellas zu einer Halbinsel machen, von den ver- 
schiedensten Völkerschaften dicht umgeben. Unmöglich konnten diese 
auf engem Raum zusammengedrängt leben, ohne das Bedürfniss einer 
gegenseitigen Rechtsordnung zu empfinden, und die Dorier, welche in 
den thessaUschen Küstengegenden höhere Lebensordnungen kennen 
gelernt und bei sich ausgebildet hatten, waren durch die mehrfache 
Aenderung ihrer Wohnsitze vor Allem dazu berufen, die verschiedenen 
Völkerschaften des Festlandes mit einander in Verbindung zu bringen. 



DIE ÄLTESTEN AMPflIKTYONIEN. 



99 



Für solche Völkerverbindungen gab es aber im alten Griechen- 
land nur eine Form, nämlich die eines gemeinsamen Gottesdienstes, 
welcher zu bestimmten Zeiten eine Anzahl von Nachbarstämmen bei 
einem allseitig anerkannten Heihgthume versammelte und sämmtliche 
Theilnehmer auf gewisse Grundsätze verpflichtete. 

Solche Festvereine oder Amphiklyonien sind so alt wie die grie- 
chische Geschichte, ja sie sind die ersten Formen gemeinsamer Volks- 
geschichte. Denn bis zur Gründung der ersten Amphiktyonien gab es 
nichts als Einzelslämme, deren jeder für sich sein Wesen hatte, seine 
besonderen Sitten, seine eigenen Götteraltäre, auf denen Keiner von 
fremdem Stamme opfern durfte. Der pelasgische Zeus vereinigte nur 
die Genossen der einzelnen Stämme untereinander. Zu weiteren Ver- 
bindungen mussten die Gottesdienste am geeignetsten sein, welche, 
einer vorgeschrittenen Culturwelt angehörig, von gebildeteren Stäm- 
men zu ungebildeteren übertragen worden waren. Darum finden 
wir in dem Küstenlande die amphiktyonischen Heiligthümer ältester 
Gattung. 

Die asiatische Artemis ist Bundesgöttin der ältesten Städte in 
Euboia, Chalkis und Eretria; der karisch-ionische Poseidon ist Bundes- 
hort in Tenos, im messenischen Samikon, in Kalauria ; Demeter bei 
den achäischen Stämmen am mahschen Meerbusen. In vorzüghchem 
Grade war aber die apollinische Religion vermöge der Hoheit ihrer 
sittlichen Ideen und der geistigen Ueberlegenheit ihrer Bekenner dazu 
berufen, die verschiedenen Gaue des Landes um sich zu sammeln und 
unter sich zu einigen. 

Der Apollodienst hatte auch in Thessalien lange vor der thessa- 
lischen Einwanderung von der Seeseite her Eingang gefunden. Die 
Magneten opferten ihm auf den Höhen des Pelion, der pagasäische 
Apollon wurde Stammgott der Achäer; die Dorier hatten denselben 
Dienst an der Peneiosmündung empfangen und hoch am Olympos ein 
Pythion errichtet. Auch die rohen Thessalier konnten dem Gotte in 
Tempe, den sie Aplun nannten, ihre Huldigung nicht versagen. 

In dem von so verschiedenen Stämmen vollgedrängten Peneios- 
thale hat Apollon nun auch zuerst seine stammeinigende und staat- 
ordnende Kraft bewährt, wie die uralten Feste von Tempe bezeugen. 
Hier haben die edelsten Stämme der Hellenen, je kräftiger und be- 
gabter sie von Natur waren, um so eifriger jenen Gottesdienst sich 
angeeignet, vor allen anderen die Dorier, die sich ihm mit der ganzen 

7* 



100 



DIE PYTHISGHE AMPHIKTYONIE. 



Wärme ihres religiösen Gefühls hingaben, so dass sie selbst ihren 
Stammherrn Doros einen Sohn Apollons nannten und in der Ausbrei- 
tung seines Dienstes ihren geschichtlichen Beruf erkannten. Bis dahin 
nämlich war sie vorzugsweise den seefahrenden Stämmen überlassen 
geblieben. Jetzt kam es darauf an, landeinwärts die Bahnen zu er- 
öffnen und dadurch die entlegenen Küstenstationen des gleichen Dien- 
stes unter einander zu verbinden. 

Am Südrande des mittleren Griechenland gab es aber keine 
wichtigere Stätte des Apollodienstes als Krisa , wo es nach einhei- 
mischer Tempelsage Männer aus Kreta gewesen waren, welche am 
Strand den ersten Altar geweiht und dann hart unter den Felshöhen 
des Parnassos den Tempelsitz und Orakelort Pytho begründet hatten. 
Diese Heiligthümer wurden der Mittelpunkt eines priesterlichen Staats, 
der im fremden Lande nach eigenen Gesetzen lebte, von Geschlechtern 
regiert, welche sich von den kretischen Ansiedlern herleiteten; viel- 
fach angefeindet und ohne Zusammenhang mit dem nördlichen Lande, 
bis zu der Zeit, da die Dorier an der Rückseite des Parnassos Woh- 
nung machten. 

Jedes Vordringen dieses Stammes war ein Fortschritt des Apollo- 
dienstes. Sie hatten die wilden Dryoper an der Nordseite des Gebirgs 
besiegt und zwar in der Form, dass sie dieselben dem Apollon knech- 
teten, d. h. zu Abgaben an seinen Tempel verpflichteten. Sie haben 
die Idee eines gemeinsamen Tempelschatzes und einer Verbrüderung 
der apollinischen Stämme aus Thessalien herübergebracht, sie haben 
Delphi und Tempe in Verbindung gesetzt. 

Vor allen andern Griechenstämmen hatten die Dorier eine ange- 
borene Richtung auf Gründung, Erhaltung und Ausbreitung fester 
Ordnungen. Um so weniger ist zu bezweifeln, dass die Uebertragung 
der thessahschen Bundesformen nach Mittelgriechenland und die da- 
raus erwachsene grofsartige Verbindung aller verwandten Stämme 
vom Olymp bis zu dem korinthischen Meerbusen ein Verdienst des 
dorischen Stammes ist. Es ist die erste grofse That desselben und 
weil Delphi dieser Verpflanzung seine allgemeine griechische Bedeu- 
tung verdankte, so haben die Dorier auch Recht gehabt, sich als die 
neuen Gründer von Delphi zu betrachten und ein besonderes Schutz- 
recht des Tempelstaats für alle Zeit in Anspruch zu nehmen. 

Nun wurde zur Verbindung der Apollotempel und zur Sicherung 
des gottesdienstlichen Verkehrs die heilige Strafse von Delphi durch 



DIE THESSALISCHE AMPHIKTYONENGRÜPPE. 



101 



Doris und Thessalien bis zum Olymp gebahnt und die Prozessionen, 
welche jedes neunte Jahr diesen Weg zogen, um den heiligen Lorbeer 
am Peneios zu pflücken, erhielten das Andenken an die segensreiche 
Eroff'nung dieses Länderverkehrs lebendig. Die vorbildliche Bedeu- 
tung der IhessaUschen Heiligthümer wurde in mancherlei Gebräuchen 
anerkannt, Tempe in alten Sagen als die Heimath des delphischen 
Gottes betrachtet^'). 

Dass aber auch die politischen Einriclitungen der Amphiktyonie 
nicht von Delphi ausgegangen sind, sondern dass sie eine ganze Reihe 
von Umgestaltungen und Erweiterungen erfahren haben, ehe Delphi 
ihr Mittelpunkt geworden, das beweist schon die Gruppe der vier 
thessalischen Völkerschaften; denn es ist doch undenkbar, dass diese 
an der Südseite des Parnassos den ersten Mittelpunkt ihrer Vereinigung 
gefunden hal)en sollten. Alle Amphiktyonien gehen je von engen 
Kreisen zusammenliegender Gaue aus und deshalb geben die ver- 
schiedenen Gruppen von Völkerschaften, welche in historischer Zeit 
dem Bunde angehören, die Möglichkeit, die vorgeschichthchen Epochen 
desselben zu erkennen. 

Die nördlichste und umfassendste Gruppe ist die thessalische. 
Das fruchtbare, wohl umgränzte Thessalien war von Natur dazu ge- 
schaffen, umwohnende Stämme zu einigen und aus Völkerschaften ein 
Volk zu bilden. Darum knüpfen sich auch die ältesten Erinnerungen 
gesammthellenischer Ordnungen an den tiiessalischen Olympos; dem 
Olympos und seinem pythischen Tempel gegenüber (S. 98) lag auf 
dem Ossa das Homolion, die 'Vereinigungsstätte' umwohnender Stäm- 
me, welche sich Iiier im Gegensatze zum Auslande eidgenössisch 
vereinigt hatten. Als die Thessalier in die Landschaft einbra- 
chen, suchten sie dieselbe vollständig zu unterwerfen; dies gelang 
ihnen aber nur mit den Aeoliern in der Ebene ; die übrigen Stämme 
wichen wohl zurück, leisteten aber einen Widerstand, der nicht ge- 
brochen werden konnte. Die Thessalier mussten ihnen also eine 
volksthümliche Selbständigkeit einräumen und suchten nun durch 
Annahme des Apollodienstes und durch Anschluss an die ältere Eid- 
genossenschaft eine feste Stellung im Lande zu gewinnen. So hat 
sich aus einer älteren Genossenschaft die Völkergruppe gebildet, wel- 
che in der delphischen Amphiktyonie die Landschaft Thessalien ver- 
tritt; sie umfasst aufser den eingedrungenen Thessaliern diejenigen 
Stämme des Landes, welche aus den inneren Kriegen mit geretteter 



102 



DIE BEIDEN ANDEREN GRUPPEN. 



Selbständigkeit hervorgegangen waren, die Perrhäber am olympischen 
Gebirge, die Magneten auf ihrer festen Berghalbinsel und südhch da- 
von die zwischen Berg und Meer ansässigen Phthioten ^^). 

Durch dieselben Fehden waren die Wanderungen veranlasst, 
welche die Ausdehnung der thessalischen Amphiktyonie über die 
Gränzen des Landes zur Folge hatten, die Wanderungen der AeoHer 
wie der Dorier. 

Als die Dorier nach Unterwerfung der Dryoper zum ersten Male 
in den Kreis von Völkerschaften eintraten, welche um das Oetagebirge 
wohnten, suchten diese, freiwilhg oder gezwungen, die Freundschaft 
des streitbaren Volks. So vor Allen die Malier, welche im unteren 
Spercheiosthale wohnten, dreifach getheilt: die 'Trachinier', so genannt 
von ihrer alten Hauptstadt am Eingange der ötäischen Pässe, welche 
von Thessalien nach Doris hinüberführen, die 'Heiligen' bei Therm opy- 
lai, wo ihr Bundesheihgthum war, und die 'Küstenleute' (Paralioi). 
Malier und Dorier traten in die engste Verbindung, so dass Trachis als 
eine Gründung des dorischen Herakles betrachtet werden konnte. Der 
Anschluss an die pythische Amphiktyonie erfolgte aber in der Weise, 
dass der besondere Festverein, welcher die Anwohner des mahschen 
Meerbusens um das Heihgthum der Demeter versammelte, in voller 
Anerkennung bestehen bheb und ein zweiter heihger Mittelpunkt des 
gröfseren Völkerbundes wurde. So bildete sich die zweite oder ötäi- 
sche Amphiktyonengruppe; es waren die um Thermopylai ansässigen 
Völkerschaften des Oetagebirges, Mäher, Doloper und Lokrer, welchen 
sich als vierter Stamm die Aenianen angeschlossen haben, ein Stamm, 
der, wie die Dorier, unter dem Andringen der Thessaher aus dem 
nördlichen Thessalien nach Süden gezogen ist und sich im oberen 
Spercheiosthale angesiedelt hat. 

Die dritte Gruppe endhch bildeten die mittelgriechischen Stämme, 
welche in Delphi ihren nächsten Mittelpunkt hatten. Es ist durchaus 
wahrscheinlich, dass auch hier eine ältere Eidgenossenschaft bestand, 
welche in den gröfseren und weiteren Völkerbund aufgenommen 
wurde. Der krisäisch-delphische Staat scheint einst ein selbständi- 
ges Glied einer solchen Verbindung gewesen zu sein ; denn Strophios 
von Krisa wird als Gründer der pythischen Amphiktyonie genannt. 
Aber dies Verhältniss änderte sich. Krisa verlor seine Selbständig- 
keit; der Tempelsitz des pythischen Apollon wurde unter die Aufsicht 
einer Bundesbehörde gestellt, und in diese dritte, die parnassische 



AMPHFKTYONISCHE ORDNUNGEN. 



103 



Völkergruppe, traten nun neben den Phokeern, den Bootern und den 
südwärts wohnenden loniern die Dorier ein. Wir dürfen voraussetzen, 
dass sie es gewesen sind, welche durch ihre Wanderung wesentlich 
den Anstofs dazu gegeben haben, die drei Stamnigruppen des griechi- 
schen Festlandes mit einander in Verbindung zu setzen und einen 
grofsen Zusammenhang hellenischer Völker zu Stande zu bringen ^^). 

Die Ordnungen der Amphiktyonie, welche nun in Delphi ihren 
bleibenden Sitz genommen hatte, gehören einer Zeit an, da die Stämme 
in olFenen Gauen lebten und keine anderen landschaftlichen Mittel- 
punkte vorhanden waren als die Ileiligthümer, um welche sich die 
Wohnungen der Menschen gesammelt hatten. Innerhalb der Amphi- 
ktyonie haben sich niemals rechtliche Unterschiede geltend gemacht, 
sondern auch nachdem aus einzelnen Stämmen mächtige Staaten er- 
wachsen waren, während die anderen als bäuerliche Kantone fortbe- 
standen, bheben alle gleich berechtigte Mitglieder des Bundes. End- 
lich haben auch die Bestimmungen des Bundesvertrags den Charakter 
alterthümlicher Einfachheit behalten. Denn es waren vornehmlich 
zwei völkerrechtliche Punkte, welche von den Eidgenossen beschworen 
wurden: kein hellenischer Stamm soll eines anderen Wohnort von 
Grund aus zerstören, und keiner Hellenenstadt soll bei einer Belage- 
rung das Wasser abgeschnitten werden. Es sind erste Versuclie, in 
einem von Nachbarfehden erfüllten Lande den Grundsätzen milderer 
Sitte Eingang zu verschallen. Es wird noch keine Abstellung des 
Kriegszustandes, noch weniger eine Vereinigung zu gemeinsamem 
Handeln erstrebt, sondern nur darauf hingewirkt, dass eine Gruppe 
von Stämmen sich als zusammengehörig betrachte, auf Grund dieses 
Bewusstseins gegenseitige Verpflichtungen anerkenne und im Falle 
unvermeidlicher Fehde sich unter einander wenigstens der äufsersten 
Gewaltmafsregeln enthalte. 

So dürftig und geringfügig diese Bestimmungen, die ältesten 
Ueberreste des ölTentlichen Rechts der Hellenen sind, so knüpfte sich 
doch unendlich viel Wichtiges, was nicht in jenen Satzungen enthal- 
ten ist, an die Gründung und Ausbreitung der grofsen Amphiktyonie. 
Vor Allem knüpfte sich an den Cultus des Bundesgottes und die Ord- 
nung des Hauplfestes eine weitere Uebereinstimmung der übrigen 
Feste und des ganzen Götterglaubens. Eine Reihe von Gottesdiensten 
wurde als gemeinsam anerkannt, ein Kanon von zwölf amphiktyoni- 
schen Gottheiten festgestellt^^). 



104 



AMPHIKTYONISCHE ORDNUNGEN. 



Aus religiösem Antriebe hat das griechische Volk niemals zu 
zwölf Göttern gebetet; aus rehgiösem Bedürfnisse ist dies Göttersystem 
nicht hervorgegangen. Daher gab es auch keine Tempel der Zwölf- 
götter in Griechenland und keinen gemeinsamen Cultus derselben. Wie 
die Zahl, die namentlich bei den loniern als Grundlage politischer 
Gliederung wiederholt vorkommt, so war die ganze Einrichtung eine 
wesentlich politische. Man wollte auch in dem Götterwesen gemein- 
same Ordnung und festen Abschluss, im Kreise der Olympier ein Ab- 
bild und Zeugniss der auf Erden begründeten Eidgenossenschaft haben. 
Darum erzählt die Sage, dass Deukahon in Thessalien den Zwölfgöttern 
den ersten Altar erbaut habe, und nennt denselben Deukalion Vater 
des Ämphiktyon. Darum waren die Zwölfgötter ein Symbol des fried- 
lichen Völkerverkehrs und wurden vorzugsweise auf Stadtmärkten und 
in Hafenorten verehrt; die ältesten Seefahrer, die Argonauten, erbauen 
ihnen einen Altar am Eingange des Pontus, um die neu entdeckten 
Küstenländer in den Kreis der griechischen Handelswelt hereinzu- 
ziehen^^). 

Die Bedeutung der gottesdienstlichen Einigung griff aber tief in 
das ganze Volksleben ein. Denn die Feste der Götter wurden eidge- 
nössische Feste. Die Festordnung führte zu gemeinsamer Jahres- 
rechnung. Man bedurfte auch gemeinsamer Mittel zur Erhaltung der 
gottesdienstlichen Gebäude und zur Bestreitung der Opfer; die Tempel- 
einkünfte mussten geregelt werden. Der sich ansammelnde Schatz 
verlangte eine verwaltende Behörde, zu deren Wahl man sich ver- 
einigen, deren Amtsführung man durch eine Vertretung der theilneh- 
menden Stämme beaufsichtigen musste. Bei Veruneinigung der 
Amphiktyonen musste eine richterliche Behörde da sein, deren Aus- 
spruch Alle anzuerkennen verpflichtet waren, um den Landfrieden zu 
erhalten oder die Verletzung desselben im Namen des Gottes ;zu 
strafen. So wurde von dem unscheinbaren Anfange gemeinsamer 
Jahresfeste an allmählich das ganze öffentliche Leben umgestaltet; das 
immerwährende Waffentragen wurde aufgegeben, der Verkehr ge- 
sichert, die Heihgkeit der Tempel und Altäre anerkannt. 

Das Wichtigste von Allem aber war, dass die Angehörigen der 
Amphiktyonie sich gegen die aufsen Stehenden als ein Ganzes fühlen 
lernten. 

So erwuchs aus einer Beihe von Stämmen ein Volk, und für das- 
selbe bedurfte es eines gemeinsamen Namens, um es mit seinen Staat- 



HELLAS UND DIE HELLENEN. 



105 



liehen und religiösen Ordnungen von allen andern Völkerschaften zu 
unterscheiden. Dieser durch Uebereinstimmung festgestellte Bundes- 
name war der der Elellenen, welcher anstatt des älteren Gesamt- 
namens der Gräker (S. 93) auf der Ostseite des griechischen Landes 
mit jedem Fortschritte des Bundes an Bedeutung gewann. 

Der Zusammenhang dieses zweiten Nationalnamens mit derjAm- 
phiktyonie erhellt schon daraus, dass die Griechen sich Hellen und 
Aniphiktyon, die mystischen Vertreter ihrer Nationalität und ihrer 
Stammverbrüderung, mit einander verwandt und verbunden dachten. 
Darum hatte auch der Ilellenenname von Anfang an im Gegensatze zu 
den Stammnamen den Charakter des Allgemeinen und Volksthüm- 
liciien, zugleich aber den Charakter des Ausschliefsenden, weil er den 
Gegensatz der amphiktyonischen und nicht-amphiktyonischen Völker 
bezeichnete. Ursi)rünglich ein priesterlicher Ehrenname, kam er 
keinem der Einzelstämme ausschliefslich zu, konnte aber in vorzüg- 
hchem Sinne denen beigelegt werden, welche, wie die Dorier, als Ver- 
treter der Amphiktyonie eine besondere Geltung erlangten. 

Mit dem Abschlüsse der Nationalität war auch ein räumlicher 
Abschluss gegeben; denn wie aus den Stämmen ein Volk, so erwuchs 
aus den Kantonen ein Bundesgebiet, aus den Heimathsgauen ein Vater- 
land, liier zeigte sich der wesenlhche Unterschied zwischen der Ge- 
schichte von See- und Landvölkern. Denn während die handeltreiben- 
den Seegriechen nicht daran dachten, einen scharfen Unterschied zwi- 
schen Hellenen und Barbaren zu machen, und, zu Schilfe umherschwei- 
fend, an allen Küsten zu Hause waren, lernten die amphiktyonischen 
Binnen Völker zuerst ein bestimmt umgränztes Land als ihr gemein- 
sames Land ansehen; sie lernten es als ihr Vaterland lieben, ehren und 
vertheidigen. Die Peneiosmündung mit dem Homolion wurde die Nord- 
mark dieses Landes und der Olympos der Grenzwächter von Hellas. 

Diese wichtigen Thatsachen sind sämtlich in Thessalien vollzogen 
worden. 

Thessalien war lange das eigentliche Hellenenland und mit einer 
nimmer erlöschenden Pietät haben die Hellenen den Olympos als die 
Heimath ihrer Götter und das Peneiosthal als die Wiege ihrer staat- 
lichen Bildung geehrt. Das Verdienst des dorischen Stammes besteht 
aber darin, dass er die edelsten Keime nationaler Bildung aus Thes- 
salien, wo ihr ferneres Gedeihen durch den Einbruch roherer Völker 
gestört und gehemmt war, hinaustrug in das südlichere Land, wo 



106 



WEITERE WANDERUNG DER DORIER. 



diese Keime eine unerwartet neue und grofsartige Entwickelung er- 
hielten. Die Hellenen fuhren fort, ihr Vaterland bis zum Olymp aus- 
zudehnen und den Tempepass als das Thor von Hellas zu betrachten. 
Thessalien selbst aber wurde im Laufe der Zeit ihnen mehr und mehr 
entfremdet; die Verbindung lockerte sich, und es kam dahin, dass die 
Thessalier wie halbe Barbaren angesehen wurden, gegen welche das 
mittlere Hellas abgesperrt und vertheidigt wurde. Daher die alte 
Feindschaft zwischen den Phokeern und Thessaliern. 

Mittelgriechenland sonderte sich vom Norden; das eigentliche 
Hellas verlor an Flächeninhalt mehr als die Hälfte; Therm opylai wurde 
das Tempe des engeren Vaterlandes und der Parnass der neue Mittel- 
punkt, von welchem aus sich die ferneren Schicksale des europäischen 
Festlandes entwickelten ^^). 



Es war ein kleiner Länderkreis, der zu diesem engeren Hellas 
gehörte. Denn alles , was vom Pindos und Parnass gegen Abend liegt, 
war von der apollinischen Eidgenossenschaft ausgeschlossen und zu- 
gleich von der geistigen Entwickelung, welche sie begleitete. Da 
dauerten die alten Zeiten fort, die Zustände allgemeiner Rechtlosig- 
keit und Unordnung, in denen Jeder für sich selbst einsteht und Keiner 
die Waffen aus den Händen legt. 

Dieser Gegensatz musste den Versuch einer weiteren Ausbreitung 
hervorrufen; denn eine Eidgenossenschaft, welche eine Fülle frischer 
Volkskraft in ihrem Schofse vereinigte, musste neuen Boden zu ge- 
winnen suchen, und darum setzten sich aus dem Berglande des Par- 
nassos, wohin durch den Schub von Norden so viele Stämme zusam- 
mengedrängt waren, neue Züge in Bewegung, um nach Westen und 
nach Süden vorzudringen. Die Dorier galten als Vorkämpfer und 
Ordner dieser Bewegung, und deshalb hat man seit alten Zeiten die 
von ihnen geleiteten Völkerbewegungen die dorische Wanderjun^ - 
genannt. 

Indessen haben die Dorier selbst die Theilnahme anderer Stämme 
nicht geläugnet; nannten sie doch die dritte Abtheilung des eigenen 
Volks 'Pamphyler', d. h. Leute von allerlei Herkunft, und was den 
ersten ihrer Stämme, die Hylleer, betrifft, so war im Alterthume die 
allgemeine Ansicht, dass dieselben achäischen Ursprungs wären. Diese 
Hylleer ehrten Hyllos, des tirynthischen Herakles Sohn, als ihren 



WANDERUNG NACH DEM PELOPONNES. 



107 



Stammheros und erhoben in seinem Namen Ansprüche auf Herrschaft 
im Peloponnes, weil Herakles widerrechtlich durch Eurystheus aus 
seinen Rechten verdrängt worden wäre. Nach diesen von Dichtern 
ersonnenen und ausgeschmückten Sagen wurde der von den Hylleern 
geleitete Dorierzug als die Erneuerung eines alten, widerrechtlich 
unterbrochenen Fürstenrechts betrachtet, und so für die dorische Wan- 
derung in die südliche Halbinsel der mythische Ausdruck 'Ruckkehr 
der Herakliden' üblich. 

Zwei Wege gab es zum Ziele zu gelangen, einen Land- und einen 
Seeweg; beide wurden versucht. Auf dem einen war Attika, auf dem 
anderen Aetolien die Brücke. 

In Attika war der nördliche Landstrich zwischen dem pentelischen 
Gebirge und dem euböischen Meere, die ionische Vierstadt, der ur- 
sprüngliche Sitz des Apollodienstes, der sich dann von hier aus über 
die ganze Landschaft ausgebreitet hat. Dieser Landstrich ist auch mit 
Delphi seit ältester Zeit in enger Verbindung, und eine heilige Strafse, 
welche Delos und Delphi verknüpfte, ging von der attischen Ostküste 
über Tanagra durch Böotien und Phokis. Darum stehen auch mit 
diesem Theile von Attika die dorischen Herakliden in uraltem Zu- 
sammenhange. Die flüchtigen Heraklessöhne sollen hier Aufnahme 
und Schutz gefunden haben, und noch im peloponnesischen Kriege 
hatten die dorischen Truppen Befehl, die Mark von Marathon zu 
schonen. Die diesen Sagen zu Grunde liegende Thatsache ist, dass 
das ionische Attika in Bundesgenossensciiaft mit den Doriern am Par- 
nasse stand, und daher war es das Natürlichste, dass von hier aus die 
Dorier, von den loniern der Vierstadt unterstützt, gegen den Isthmus 
aufbrachen. Es wird erzählt, dass Hyllos ungestüm bis an die Pforten 
der Halbinsel vorgedrungen und hier im Zweikampfe gegen Echemos, 
den König der Tegeaten, gefallen sei. Der Peloponnes blieb ihnen 
eine verschlossene Burg, bis sie erkannten, dass sie nach des Gottes 
Rathschluss erst unter den Enkeln des Hyllos und auf einem andern 
Wege in das verheifsene Land einziehen sollten*'^). 

Im Westen des Parnassos safsen die Dorier unmittelbar mit 
fremden, roheren Volksstämmen zusammen, welche durch das Ache- 
loosthal mit Epiros in ununterbrochenem Zusammenhange standen 
und nur Dodona als nationales Heiligthum anerkennen wollten. Am 
unteren Acheloos safsen die Aetoler, welche zu dem grofsen Völker- 
geschlechte der Epeer und Lokrer gehörten. Durch Zuwanderung 



108 



DIE DORIER IM PELOPONNES. 



von asiatischen Griechen waren diese Stämme zu Seefahrern ge- 
worden; sie hatten sich über die Insel verbreitet, wie über die West- 
küsten von Morea. Hier war ein so alter Völkerverkehr, dass man 
nicht zu sagen wusste, ob Aitolos, des Epeios Sohn, aus EUs nach 
AetoHen oder umgekehrt eingewandert sei. Deshalb finden sich auch 
seit ältesten Zeiten auf beiden Seiten des korinthischen Golfs [die 
gleichen Gottesdienste, wie namentlich der Dienst der Artemis La- 
phria, die gleichen Fluss- und Stadtnamen, wie Acheloos und Olenos. 

Auch die Natur hat diesen Verkehr erleichtert. Denn während 
am Isthmus verschiedene Parallelketten den Eingang verriegeln, ge- 
hören die Berge von Aetolien und Achaja zu ejinem Gebirgssysteme 
und treten mit ihrem Fusse so nahe zusammen, dass sie den innern 
Theil des korinthischen Golfs fast zu einem Binnensee macheu. Ja 
der Golfstrom ist unablässig thätig, die Meerenge zwischen dem inneren 
und äufseren Meere zu schliefsen und so durch einen zweiten Isthmus 
die Halbinsel an den Continent zu binden. Das angeschwemmte 
Land wird aber durch die Flut oder durch Erschütterungen von 
Zeit zu Zeit wieder fortgerissen und so bleibt die Breite des Sundes 
zwischen fünf und zwölf Stadien schwankend. Hier konnte auch ein 
der See fremdes Volk den Seeweg wagen, und die Aetoler, die seit 
alten Zeiten die Völkerstrasse hin und her wanderten, w^aren die 
geborenen Wegführer. Dass ihre Vermittelung nicht ohne Kampf 
erreicht wurde, deutet die Sage von der Tödtung des Doros durch 
Aitolos an. Oxylos führte endlich von Naupaktos aus die Mannschaft 
auf Flöfsen hinüber. Wie viel von echter üeberheferung in dieser 
Sage enthalten ist, lässt sich nicht ermitteln; dass aber die Dorier in 
der That auf diesem Wege eingedrungen sind, ist durchaus wahr- 
scheinlich^*). 

Die Eroberung der Halbinsel ist sehr langsam vollendet worden. 
Die Gebirgszweigung erschwerte das Vordringen; die Mittel der Ver- 
theidigung waren ganz andere, als die, welche den Doriern auf frü- 
heren Zügen entgegengetreten waren. Sie waren weder selbst in 
festen Städten angesiedelt gewesen noch im Angriffe solcher Orte 
erfahren, und nun kamen sie in Landgebiete, wo alte Dynastien in 
mehrfach ummauerten Herrenburgen safsen. Hier brachten einzelne 
Schlachten keine Entscheidung; die im Felde siegreichen Dorier stan- 
den rathlos vor den kyklopischen Mauern. In einzelnen Heerhaufen 
setzten sie sich an wohlgelegenen Punkten fest und suchten allmählich 



WANDERUNG DER ACHÄER. 



109 



die Hülfsmittel der Gegner zu erschöpfen. Dass viel Zeit darauf hin- 
ging, erhellt schon daraus, dass die Lagerplätze der Dorier zu festen 
Ansiedlungen wurden, welche auch nach Eroberung der feindlichen 
Hauptstädte bestehen blieben. Am Ende siegte die Ausdauer des 
Bergvolks; denn auf die Länge vermochten die achäischen Anakten auf 
ihren Kriegswagen und mit ihrem an Kriegszucht weit nachstehenden 
Gefolge dem Angriffe der festgeschlossenen Reihen dorischer Lanzen 
nicht zu widerstehen, und in langen Zügen mussten die Enkel Aga- 
memnons ihre Stammburgen verlassen. 

Von allen Uferlandschaften der Halbinsel war nur eine, welche 
von Umwälzung verschont blieb, das war die Nordküste längs des 
korinthischen Golfs. Hier waren die Dorier gelandet, aber gegen 
Süden weiter gezogen, so dass die lonier daselbst, in ihren zwölf 
Orten um den Poseidon tempel von Helike geschaart, ruhig wohnen 
geblieben waren, während in den südlichen und östlichen Landschaften 
die langen Fehden ausgefochten wurden, welche über das Schicksal der 
Halbinsel entschieden. 

In dies Küstenland drangen die aus Süden zurückweichenden 
Achäer ein, eroberten erst die offenen Küstenebenen und dann die 
ummauerten Vororte, deren einer nach dem andern fiel, zuletzt Helike, 
wo sich die edelsten Geschlechter der lonier zum Widerstande ver- 
einigt hatten. Man erzählte, Tisamenos selbst, der Orestide, sei nur 
als Leiche in die Stadt hineingetragen; sein Geschlecht aber wurde 
herrschend und der Name des Achäerstamms ging auf das Land der 
ionischen Aegialeer über. Die lonier aber, so viele ihrer es nicht er- 
tragen konnten, sich den Achäern unterzuordnen, zogen nach dem 
stammverwandten Attika hinüber. 

Die Dorier folgten, indem sie die isthmischen Gegenden besetzten, 
den Achäern, Hefsen sie aber ruhig in ihren neu gewonnenen Wohn- 
sitzen und drängten über den Isthmus gegen Norden, wo sie die Grän- 
zen des attischen Landes berührten. Denn Megaris war ein Stück 
von Attika, durch seine Gebirge und alle natürlichen Verhältnisse mit 
demselben verbunden. Drohend befestigte sich dorische Kriegsmacht 
am Isthmus, dem heiligen Mittelpunkte der an beiden Golfen ausge- 
breiteten lonier. Megaris wurde besetzt. Wäre nun auch das übrige 
Attika in die Obmacht der Dorier gekommen, so würden diese, mit 
ihren nördhchen Stammsitzen vereinigt, den ionischen Stamm gänzhch 
unterdrückt oder verdrängt haben; das ganze europäische Hellas wäre 



110 



AUSWANDERUNGEN ZUR SEE. 



eine dorische Landschaft geworden. Aber an dem Zweige des Kithä- 
ron, welcher die Ebenen von Megara und Eleusis trennt, und an dem 
Heldenmuthe Athens, der die Landespässe hütete, haben die Dorier 
eine feste Schranke gefunden und das ionische Attika war gerettet '^^). 



So waren nun die Wohnsitze der griechischen Stämme in der 
Hauptsache für alle Zeit geordnet. Aber die mächtige, vom illyrischen 
Alpenlande bis zur Südspitze Moreas geleitete und von dort wieder 
rückfluthende Völkerbewegung bedurfte zu ihrer endlichen Beruhigung 
eines weiteren Raums, als ihn die Gränzen des Continents von Hellas 
darbieten konnten. Durch die herbe Gewalt, mit welcher die Thessa- 
lier, die Böoter, die Dorier und Achäer den älteren Landesbewohnern 
ihren Boden genommen und sich eigenmächtig darauf angesiedelt 
hatten, waren zu viele Familien und Stämme aus ihren Wohnsitzen 
aufgestört worden. Die Unruhe des Wanderns, welche die Völker 
ergriffen hatte , wirkte in ihnen fort ; besonders in den fürstlichen Ge- 
schlechtern , welche durch die Umwälzung der heimathlichen Verhält- 
nisse ihre Stellung eingebüfst hatten und sich der neuen Ordnung 
der Dinge nicht fügen wollten. So wandte sich, da das Völkerziehen 
von Norden nach Süden sein Ziel erreicht hatte, die Bewegung seit- 
wärts, und die Häfen der ganzen Ostküste füllten sich mit Schiffen, 
welche unternehmendes Volk von allerlei Stämmen nach den jenseiti- 
gen Gestaden führten. 

Es war kein Auswandern nach einem unbekannten Welttheile, 
kein Windes Abenteuern auf unbekannten Fährten, sondern es trat 
nun in dem Völkerverkehre zwischen den Küsten des Archipelagus, 
der von Asien her begonnen hatte, eine grofse Rückströmung ein, die 
natürliche Folge jener UeberfüUung der südgriechischen Landschaften. 
Da es aber die nordischen Bergvölker, die kontinentalen Stämme der 
hellenischen Nation waren, welche durch ihr Vordringen die unge- 
heure Umwälzung hervorgebracht hatten, so waren es vorzugsweise 
die in ihrem Küstenbesitze gestörten Seegriechen, welche das Land 
räumten ; die Enkel zogen zurück in die Heimath ihrer Vorfahren. 

In gewissem Sinne dürfte man also die ganze Auswanderung eine 
ionische nennen; denn die Ausgangsplätze derselben waren lauter 
Stationen altionischer Seefahrt, ihr Ziel war die alte Heimath des 
grofsen ionischen Völkerstamms und nur durch Griechen ionischer 



DIE IONISCHE WANDERUNG. 



III 



Herkunft kam sie zu Stande. Die rückkehrenden lonier waren indes- 
sen in mehr oder minder gemischtem Zustande. 

Am reinsten hatten sie sich in Attika erhallen. Hier war die 
pelasgische Bevölkerung durch langdauernde Zuwanderung am voll- 
ständigsten ionisch geworden; Attika war mitten in den Völkerhewe- 
gungen, welche vom Olympos an bis Cap Malea alle Staaten umgewälzt 
hatten, allein ruhig und fest gehlieben, einem Meerfelsen gleich, an 
welchem sich die Wellen der aufgeregten Fluth brechen , ohne ihn zu 
überfluthen ; gegen die Aeolier im Norden, gegen die Dorier im Sü- 
den hatte es seine Selbständigkeit bewahrt; mit diesem Widerstande 
hat die Geschichte des Landes begonnen. Denn dies unerschütterte 
fonierland wurde nun die Zuflucht der aus den übrigen Gegenden 
aufgescheuchten Massen verwandten Volks. Aus Thessalien, Böotien, 
aus dem ganzen Peloponnes, namentlich aber von der Nordküste, 
strömte es hier zusammen; das schmale, dürftige Ländchen wurde 
überfüllt mit Menschen und eine Entlastung notwendig. Die Ostseite 
aber war die allein offene, und da diese Küste seit undenklicher Zeit 
mit Kleinasien in Verkehr gestanden hatte, so wurde Attika der wich- 
tigste Ausgangspunkt der ionischen Rückwanderurig naclr den jensei- 
tigen Gestaden und dadurch das alte Band zwischen den gegenüber- 
, liegenden Meerufern in Attika am wirksamsten erneuert." ~~ 

Zu Attika zugehörig waren die Südstriche Böotiens, namentlich 
das Asoposthal, dessen Einwohner keine Böoter sein wollten. Auch 
die Südseite des Parnasses, die in das Meer vorspringt, die Küsten- 
gegend von Ambrysos und Stiris, bewohnte ionisches Volk, das sich» 
durch das Vordringen der nördlichen Völker bedrängt und gedrückt 
fühlte. Jenseits des Meerbusens hatte der bei Sikyon mündende Aso- 
pos bis zu seinen Quellen hinauf eine dem böotischen Flussthale ver- 
wandte Bevölkerung, deren asiatische Herkunft sich in Sagen , Gottes- 
diensten und Geschichte deutlich bezeugt; nannte man doch den Aso- 
pos selbst einen Einwanderer aus Pin*ygien, der die Flöte des Marsyas 
mitgebracht habe. Auf der andern Seite des Isthmus war Epidauros 
eine Stadt, welche asiatischen Seegriechen ihren Ursprung zuschrieb 
und mit Athen in uraltem Zusammenhange stand. Ferner das unter- 
nehmende Seevolk derMinyer, welche in lolkos, in Orchomenos, in 
Attika, im messenischen Pylos Sitze gewonnen und nun überall hei- 
mathlos geworden waren; aus Euboia aufser den dortigen loniern ein 
ansehnlicher Zuzug der älteren Inselbevölkerung, namentlich der Aban- 



112 



ÄOLISCHE UND DORISCHE ZÜGE. 



len, welche mit den loniern keine Stammgemeinschaft aufweisen konn- 
ten , endlich das Lelegervolk am w estlichen Meere , zu dem die Epeer, 
die Taphier und Kephallenen gehörten — alle diese Massen griechi- 
scher Küstenbewohner, welche mehr oder weniger asiatische Einwan- 
derungen bei sich aufgenommen hatten, kamen, von gleicher Bedräng- 
niss betroffen, gleichzeitig in Aufregung und folgten dem gleichen 
Zuge, welcher sie durch das Inselmeer des Archipelagus wieder nach 
Kleinasien hinüberleitete. Sie fanden sich alle, von so verschiedenen 
Punkten sie ausgehen mochten, in dem mittleren Küstenstriche Klein- 
asiens zusammen und dieses Land um die Mündungen der vi^r Ströme 
wurde nun das neue lonien^*^). ' 

Es blieb indessen nicht bei einer Ausscheidung der Stämme; 
das Hellenenvolk sollte nicht wieder in seine beiden Hälften ausein- 
ander fallen. Eine Mischung von ionischem und nichtionischem 
Wandervolke trat besonders im Peloponnese ein, und zwar in den 
Küstenstädten, wo die Dorier schon Herren geworden waren. Hier 
schlössen sich dorische Geschlechter der Wanderung an , so dass sie 
unter dorischer Leitung erfolgte und die Formen dorischer Stammsitte 
zum ersten Male über das Meer trug. Endhch bildeten sich Wander- 
züge aus Aeoliern, die in Böotien nicht zur Ruhe gekommen waren, 
aus peloponnesischen Achäern, aus Abanten von Euboia und Kadmeern. 

So wenig es nun auch möglich ist, die massenhafte See Wande- 
rung ionischer und gemischter Stämme in bestimmte Colonienzüge zu 
sondern, so darf man doch nach alter Ueberlieferung von drei Haupt- 
• massen , von ionischem , dorischem und äolischem Wandervolke spre- 
chen, und dieser Gliederung entspricht auch die dreifache Richtung. 
Denn die dorische Bewegung blieb als die siegreiche bei ihrer ursprüng- 
lichen Richtung von Norden nach Süden und verpflanzte sich von 
Cap Malea fort nach Kythera und Kreta. Umgekehrt zogen die Achäer, 
aus Süden flüchtig, nach Norden hinauf, wo sie mit böotischen und 
thessalischen Aeoliern, ihren alten Nachbarn, zusammentrafen. Mit 
jedem Zuwachse thessalischer Macht im Norden und dorischer Macht 
im Süden wurde dieser Bewegung ein neuer Anstofs gegeben, lösten 
sich neue Haufen ab, um derselben Bahn zu folgen, welche von Euboia 
aus nach dem thrakischen Meere führte. Den loniern endlich war 
durch die Doppelreihe der Cykladen die Heerstrasse vorgezeichnet. 

So weit es möglich ist, diese Völkerzüge der Zeit nach zu ordnen, 
waren die Aeolier die ältesten. 



DIE ÄOLISCH-ACHÄISCHE WANDERUNG. 



113 



In Büotien trafen die von Nord und Süd gedrängten Stämme zu- 
sammen ; Böotien war das Land des Auszugs und wurde deshalb auch 
in späterer Zeit als das Mutterland der äolischen Colonien betrachtet, 
so dass diese aus Pietätsrücksichten noch im peloponnesischen Kriege 
Scheu zeigten gegen Theben Partei zu ergreifen. Die einzige ihnen 
offene Strafse war der Kanal von Euboia, dessen stilles Fahrwasser seit 
ältester Zeit wandernde Stämme ein- und ausgeleitet hatte (S. 79). 
Seine Buchten, namentlich die von AuHs, wurden die Sammelorte der 
Schiffe; die Leitung der Volksschaaren hatten die Achäer, deren fürst- 
liche Geschlechter in der Welt, deren Ordnungen nun zusammenstürz- 
ten, zu herrschen gewohnt waren. Darum nennt die Sage Nachkom- 
men Agamemnons, Orestes selbst oder Söhne und Enkel desselben, 
als Führer der Wanderzüge, welche eine Reihe von Generationen hin- 
durch dauerten. 

Euboia war die Schwelle, über welche die böotischen Züge ihre 
Heimath verliefsen, nachdem es selbst der Boden ihrer ersten Nieder- 
lassungen geworden war. Der Euripos führt nach Süden wie nach 
Norden. Im südlichen Fahrwasser herrschten die lonier; aufserdem 
war das nördhche den thessalischen Auswanderern das bekannlere 
und einheimischere. So wandten sich die Züge nach Norden. Jen- 
seits der Küste Thessaliens nahm sie das thrakischeMeer auf, an dessen 
Inseln und Gestaden hin sie sich langsam fortbewegten. Die voran 
Ziehenden wählten sich die nächsten Plätze zur Ansiedlung; die Fol- 
genden waren genötigt darüber hinaus zu gehen ; so schob man 
sich am Gestade hin gegen Osten. Es war kein unbefahrenes Meer, 
kein wüstes Ufer, wo sie entlang zogen. Die Waldberge Thrakiens 
mit ihren reichen Silberschätzen waren schon von Phöniziern ausge- 
beutet, die Küstenplätze waren von Kretern und andern Seestämmen 
besetzt. Es war indessen noch Raum für Zuwanderer und Ainos an 
der Hebrosmündung, Sestos und Aioleion am Hellespont können als 
Stationen des Völkerzuges betrachtet werden. 

Kühnere Schaaren überschritten die Meersunde und gelangten 
über die 'Marmorinseln' nach der Halbinsel Kyzikos. Hier war das 
jenseitige Festland erreicht, und zwar zunächst die grofse Idahalbinsel 
welche von der Küste aus allmählich erobert wurde. Von dem Gipfel 
des Ida sahen sie zu ihren Füfsen das herrliche Lesbos, unter dem 
mildesten Himmel gelegen, mit tiefen Häfen, den reichsten Uferländern 
nahe gegenüber. Mit dem Besitze dieses gesegneten Insellandes be- 

Curtius, (Jr, Gesch. I. C. Aufl. 8 



114 



IONISCHE UND DORISCHE COLONIEN. 



gann eine neue Epoche der äolischen Niederlassungen in Asien und 
nachdem erst auf langen und beschwerlichen Umwegen die Bahn ge- 
brochen war, folgten nun auf gerader Meerfahrt die euböischen 
Schifl'e und führten in dichten Zügen zahlreiches Volk nach Lesbos 
hinüber. 

Lesbos und Kyme wurden die Mittelpunkte, von denen aus die 
neuen Ansiedler mit dem nachrückenden Volke allmählich Troas und 
Mysien eroberten. Daher pflegte man auch später als die beiden Haupt- 
epochen der äohschen Colonisation die lesbische Niederlassung unter 
Gras, dem Urenkel des Orestes, und dann die Niederlassung der Pelo- 
piden Kleuas und Malaos am Kaikos zu betrachten. Vom Uferrande 
aus, namentlich von Assos, Antandros, dann vom Hellespont und von 
der Skamandermündung, wo feste Plätze wie Sigeion und Achilleion 
angelegt wurden, drang man kämpfend gegen das Innere vor; die ein- 
heimischen Staaten stürzten und die alten Dardaner wurden in das 
Idagebirge zurückgeworfen , von wo einst ihre Macht sich gegen die 
Küste ausgebreitet hatte ^''). 

Die Aeolierzüge haben noch am meisten den Charakter einer 
Völkerwanderung, welche ohne bestimmten Anfang und festen Ziel- 
punkt sich Generationen hindurch langsam nach dem jenseitigen Fest- 
lande hinüber bewegte, von dem sie endlich einen ansehnlichen Theii 
in dichten Ansiedlungen durchdrang. Die ionischen Züge sind 
im Ganzen von kleineren Volkshaufen unternommen, von kriegerischen 
Geschlechtern, welche ohne Weib und Kind auszogen, um neue Staa- 
ten zu gründen. Durch die Anhäufung ionischer Geschlechter in At- 
tika erhielt die ganze Strömung einen bestimmteren Ausgangspunkt, 
sie gewann dadurch an Einheit und Nachdruck. Indessen nahmen 
bei Weitem nicht alle Züge den Weg über Athen. Die Kolophonier 
z. B. leiteten die Gründer ihrer Stadt unmittelbar aus dem messeni- 
schen Pylos ab, Klazomenai von Kleonai und Phhus. Für die wich- 
tigsten Gründungen aber, namentlich für Ephesos und Milet und für 
die Cykladen, ist Athen in der That der Ausgangspunkt gewesen und 
attische Staatseinrichtungen, Priesterthümer und Festordnungen sind 
nach lonien verpflanzt worden. 

Auch im Peloponnes waren die Auswanderungshäfen keine an- 
deren, als die, in welchen einst die Geschichte der ganzen Halbinsel 
begonnen hatte; es waren vorzugsweise die Seeplätze von Argolis. 
Merkwürdig kreuzten sich hier die verschiedenen Völkerzüge. Aus 



GRÜNDUNG DER STÄDTE lONIENS. 



115 



Epidauros folgte ein Zug der ionischen Wanderung und liefs sich auf 
Samos nieder; dasselhe Epidauros entsandte aher auch Colonisten, 
welche schon unter dorischer Autorität auszogen und die Inseln 
Nisyros, Kalydna und Kos hevölkerten; das alt-ionische Troizen wurde 
die Mutterstadt von Halikarnassos, die drei Städte von Rhodos lei- 
teten sich von Argos, Knidos von Lakonien her, Astypalaia von Megara. 
Die vulkanischen Inseln Melos und Thera und die ganze Kette, welche 
sich quer durch den Süden des ägäischen Meeres nach Kleinasien hin- 
überzieht, wurden dorisirt; sie zeigen den Zusammenhang einer un- 
aufhaltsamen fortschreitenden Ausbreitung. Ueber die Zeit der ein- 
zelnen Gründungen gab es ungefähre Berechnungen, wie z. B. die der 
Melier, welche 416 v. Chr. behaupteten, dass ihre Insel vor 700 Jahren 
von Sparta aus colonisirt worden sei. Das gröfste Feld von Kampf und 
Arbeit fanden die Dorier in Kreta, das langsam erobert, aber um so 
gründlicher von dorischer Völkerschaft durchdrungen wurde^^). 

Je dürftiger die alte Ueberlieferung über den Hergang der grofsen, 
dreifachen Auswanderung ist, um so ungetheilter wendet sich das 
Interesse dem Erfolge zu, welchen dieselbe für die Entwickelung des 
griechischen Volks gehabt hat. 

Das langgestreckte Gestade, an welchem die Griechen landeten, 
war kein ödes und menschenleeres, der Boden kein herrenloses Land. 
Hier hatten von der Land- wie von der Seeseite schon mancherlei 
Zuwanderungen und Einwirkungen stattgefunden. 

Zuerst waren Phönizier zu der den Hellenen verwandten Urbe- 
völkerung gekommen. Von ihrer Anwesenheit zeugt der Melkardienst 
in Erythrai und der ältere Dienst der sidonischen Mondgöttin, welcher 
an der Mündung des Kaystros, der natürlichen Ein- und Ausgangs- 
pforte Kleinasiens, eine ausgezeichnete Stätte fand. Dann waren Zu- 
züge aus Kreta erfolgt und eine karisch-lelegische Bevölkerung hatte 
sich über das Küstenland ausgebreitet, während vom Binnenlande das 
Reich der Lyder gegen die Küste vordrang. Ein Zeugniss dieser 
Ausbreitung ist die Stadt Ninoe (Ninive), eine lydische Gründung in 
Karlen, dem unteren Maiandrosthale benachbart, ein Vorposten con- 
tinentaler Macht, welcher beweist, dass man schon in der Zeit der 
Sandonidendynastie, da Lydien noch mit Assyrien verbunden war, die 
Beherrschung des Uferlandes im Auge hatte. Indessen blieb zwischen 
ßinnenvolk und Seevolk ein grofser Unterschied; man liefs die see- 
fahrenden Stämme ungestört ihr Wesen treiben und auch die Landun- 

8* 



116 



GRÜNDUNG DER STÄDTE lONIENS. 



gen der neuen Zuwanderer wurden, wie es scheint, nicht als Eingriffe 
in lydisches Reichsgebiet angesehen. 

Unter den Plätzen, wo auch die Lyder sich am Widerstande 
betheihgt haben sollen, ist Ephesos zu nennen. Hier liegen genauere 
Ueberheferungen vor als bei den anderen Städten loniens. Zweiund- 
zwanzig Jahre lang, wird gemeldet, haben die Colonisten von der 
Nordspitze von Samos aus vergebliche Versuche gemacht, im unteren 
Kaystrosthaie festen Fufs zu fassen. Hier war es offenbar eine wohl 
organisirte Macht, welche den Boden vertheidigte, und diese Macht war 
keine andere, als die des priesterhchen Staats, der das Mündungsland 
als sein Gebiet beherrschte und über eine bewaffnete Macht verfügte, 
zu welcher auch waffentragende und kampfgeübte Tempeldienerinnen 
gehörten. Dieser Priesterstaat hatte sich mit der priesterlichen In- 
stitution des Binnenlandes sowie mit dem lydischen Staate in Verbin- 
dung gesetzt und dadurch eine centrale Bedeutung, eine volkeinigende 
Macht zwischen Binnen- und Küstenland, zwischen Barbaren und 
Hellenen erlangt. 

Hier war der festeste Punkt im ganzen Uferlande, und von den 
heifsen Kämpfen , welche die Ansiedler hier mit fanatisirten Tempel- 
horden zu bestehen hatten , lebte die Erinnerung fort in der Sage von 
den ephesischen Amazonen. Endlich gelang es, dem Artemistempel 
gegenüber, der durch Landanschwemmung mehr und mehr vom Meere 
getrennt worden war, einen festen Küstenplatz anzulegen und um ein 
Heihgthum der Athena ein 'Athenaion' zu gründen, ein Neu-Athen ; 
denn Athener unter Androklos waren es , welche den Stamm der An- 
siedler bildeten und sich gegen Lyder und Leleger behaupteten. Später 
dehnte sich die Ansiedelung nach dem Binnenlande aus , trat in eine 
nachbarliche Gemeinschaft mit dem Artemision und nahm von der 
einheimischen Göttin den Namen Eghesosjya^^^)- 

Auch an anderen Plätzen loniens ist gestritten worden, wenn 
auch nicht so hartnäckig, wie in Ephesos, wo ein fester Mittelpunkt 
des Widerstandes vorhanden war. 

Es war aber nirgends ein Kampf, welcher die ursprünghche 
Bevölkerung ausrotten sollte ; es war ein Kampf mit Barbaren , welche 
man Schritt für Schritt zurückdrängen musste, um für ein neues 
Menschengeschlecht, für eine durchaus neue Cultur reines Feld zu 
machen, wie es die Hellenen im Skythenlande, oder wie es die Englän- 
der in Amerika gemacht haben. 



GRÜNDÜNG DER STÄDTE lONIENS. 



117 



Ein solcher Gegensatz hat nach griechischer Ueherheferung zwi- 
schen beiden Gestaden niemals stattgefunden, und die Gedichte Ho- 
mers, in welchen sie zu einem Schauplatz gemeinsamer Geschichte 
vereinigt werden, kennen ja gar keinen Unterschied zwischen Hellenen 
und Barbaren. Die Heiligthümer, welche die ankommenden Colonisten 
in Samos, Ephesos, Milet u. a. 0. vorfanden, blieben in vollen Ehren 
bestehen und wurden jetzt die Mittelpunkte der alteren und jüngeren 
Bevölkerung; in Milet fand man denselben Apollon, dessen Dienst von 
Asien einst nach Europa hinüber verpflanzt worden war. 

Auch die Städte, die nun gegründet wurden, waren keine Neu- 
gründungen. Erythrai, Chios, Samos waren altionische Namen und 
Städte, die nur erneuert wurden. Alt-Erythrai war von Kreta aus 
gegründet mit einer Bevölkerung von Lykiern, Karern und Pamphy- 
liern; es blieb zwischen den anderen Städten bestehen und wurde 
dann durch den Zuzug eines Nachkommen des Kodros und seiner 
Begleiter, die sich neben den Erythräern einbürgerten, als ebenbürtige 
Gemeinde der Zwölfstadt eingereiht. Chios ist ohne namhafte Ein- 
wanderung geblieben und doch die echteste lonierstadt. Samos hat 
Ansiedler aus Epidaurus bei sich aufgenommen, von denen unmöglich 
eine lonisirung der ganzen Insel hergeleitet werden kann. Ebenso 
sind Milelos und Ephesos uralte Plätze. Nirgends werden die alten 
Einwohner ausgetrieben, sondern in die neuen Gemeinden herein- 
gezogen und mit ihnen verschmolzen. Die erobernden Kriegsherren 
nehmen sich Eingeborne zu Frauen und aus diesen Ehen entspringt 
keine ungriechische, lialbbarbarische Nachkommenschaft, sondern ein 
vollkommen ebenbürtiges Griechenvolk, ja, ein Volk, welches in echt 
hellenischer Bildung bald allen Hellenen voran eilte. Auch finden 
wir nicht, dass die Städte etwa unter einer fremdartigen Landbevöl- 
kerung isoliert dastanden, sondern eine gleichartige Cultur breitete sich 
im ganzen Küstenlande aus, eine der vielfachen Mischungen ungeachtet 
gleichartige Nationalität. Da kann also nicht von Colonien auf barba- 
rischem Volksgrunde die Bede sein , da muss eine den Einwanderern 
verwandte Bevölkerung im Lande ansässig gewesen sein^"). 

Auf der anderen Seite bestand aber auch ein wesentlicher Unter- 
schied zwischen den Massen älterer und jüngerer Bevölkerung, welche 
sich hier zusammenfanden. Denn die europäischen Stämme hatten 
schon eine reiche Geschichte durchlebt und namenthch in der Grün- 
dung eidgenössischer Verbindungen wesentliche Fortschritte gemacht. 



118 



DIE EROBERUNG VON ÄOLIS. 



In Attika hatte sich das ionische Wesen eigenthümlich und glücklich 
entfaltet. Wenn also aus diesem Lande eine Reihe der edelsten Ge- 
schlechter einwanderte, so brachten sie das stockende Leben in eine 
neue Bewegung und begannen durch die politischen Ideen, welche sie 
mitbrachten, die erste Gesammtgeschichte loniens. So lässt sich der 
Unterschied erklären , welcher nach dem Gefühle der Alten zwischen 
den Einwanderern einerseits, den Karern und Lelegern andrerseits be- 
stand. Es kamen Griechen zu Griechen, es kamen lonier in ihre alte 
Heimath, aber sie kamen so umgewandelt, so ausgestattet mit edlen 
Bildungsstoffen, sie brachten so reichen Schatz vielseitiger Lebens- 
erfahrung mit, dass mit ihrer Ankunft eine Epoche der fruchtbarsten 
Entwickelung begann und dass aus der neuen Vereinigung des ur- 
sprünglich Verwandten eine durchaus nationale, aber zugleich unge- 
mein gesteigerte, reiche und in ihrem Ergebnisse vollständig neue Ent- 
wickelung in dem alten lonierlande anhob. 

Unter diesen Umständen begreift sich, dass niemals eine glück- 
lichere Colonisation hat statt finden können, als die Gründung von 
Neu-Ionien^^). 

Die äolischen Gründungen aber hatten dadurch einen sehr eigen- 
thümlichen Charakter, dass sie nicht blos einen Küstensaum mit 
seinen vorliegenden Inseln besetzten, sondern ein ganzes Stück Fest- 
land. Hier fand eine Landeroberung statt, ein langes, mühseliges 
Kämpfen mit einheimischen Staaten; hier trotzten die Mauern dar- 
danischer Fürsten den Söhnen der Achäer, welche sich von Pelops 
und Agamemnon und von dem Sohne der Thetis herleiteten. Um aber 
in dem langsam fortschreitenden Kampfe nicht zu ermatten, stärkten 
sich die gesangliebenden Achäer durch Lieder von den Thaten ihrer al- 
ten Heerkönige, der Atriden, und feuerten sich an durch das Andenken 
an die göttergleiche Heldenkraft des Achilleus. Man pries sie nicht blofs 
als Vorbilder, sondern als Vorkämpfer; man sah sie im Geiste auf glei- 
chen Bahnen voranschreiten, man glaubte ihren Spuren zu folgen und 
das von ihnen erworbene Besitzrecht nur wieder herzustellen. 

Es ist nämlich eine Eigenthümlichkeit der Hellenen, welche bei 
allen erobernden Wanderzügen wiederkehrt, dass sie bei den Erwer- 
bungen neuer Wohnsitze nicht blofs das Recht des Stärkeren, sondern 
auch eine Art von Erbrecht geltend zu machen suchten. So kamen 
die Herakliden nach dem Peloponnes und forderten daselbst das 
Besitzthum ihres Stammvaters zurück; so wurde auch der Zug der Ar- 



DIE SAGE VOM TROERKRIEGE. 



119 



näer nach Bootien (S. 96) als eine Rückehr der Ihebanischen Kad- 
meonen dargestellt. So dichteten die in lonien kämpfenden Athener, 
dass Theseus auch in Kleinasien gewesen sei und mit den Amazonen 
gekämpft habe. Im Kampfe um Sigeion beriefen sie sich auf die Thaten 
ihres Königs Menestheus , und bei der Colonisation von Thrakien auf 
uralte Erwerbungen des Theseus; ebenso der Spartaner Dorieus in 
Sicilien auf den Besitzstand des Herakles, in welchen er als Heraklide 
einzutreten berufen sei. Ueberall erheben die Ankömmlinge Rechts- 
ansprüche, welche in mythologische P'ormen eingekleidet werden; 
überall wissen sie von vorausgegangenen Generationen zu melden, wel- 
che in dem neu erworbenen Lande schon siegreich gewesen seien. Mit 
den erdichteten Thaten der Ahnherrn werden die erlebten Begeben- 
heiten der Gegenwart verschmolzen und so gestaltet sich ein Bild, 
welches die Phantasie eines poetischen Volks als wirkliche Geschichte 
darzustellen weifs'^). 

Solche Sagen und Dichtungen mufsten also auch bei der äolischen 
Colonisation des troischen Landes entstehen, und wir würden sie, wenn 
keine Spur davon erhalten wäre, nach der Natur der griechischen 
Heldensage mit Sicherheit voraussetzen dürfen. Nun sind aber die 
Lieder von jenen mythischen Vorgängern, die Lieder von Agamemnon 
und Achilleus, nicht verklungen, sondern fortgepflanzt bis auf unsere 
Tage, als die urkundliche Erinnerung von den Kriegsthaten der Achäer 
im Lande der Dardaner; es kouimt nur darauf an, diese poetische Ur- 
kunde richtig zu verstehen und sich darüber klar zu werden , ob wir 
in der That genöthigt sind, eine zweimalige Eroberung von Hion durch 
dieselben Stämme anzunehmen oder ob das homerische Bild von den 
troischen Kämpfen in der That nur als ein Spiegelbild der äolischen 
Colonisation aufzufassen ist. 

Achäer und Dardaner sind verwandte Stämme. Darum hat auch 
der ganze Troerkrieg bei Homer keinen anderen Charakter als den 
einer Nachbarfehde, wie sie um entführte Frauen oder geraubte 
Heerden zwischen griechischen Stämmen geführt wurden. Deshalb sind 
von allen Zügen der troischen Sage bei weitem die meisten der Art, 
dass sie sich bei jeder ähnlichen Veranlassung wiederholen mussten. 
Solche Züge geben also keine Gewähr für die Geschichtlichkeit des er- 
zählten Kriegs. Anderes aber ist der troischen Kriegssage eigenthümlich, 
und hier finden sich Züge alter Ueberlieferung, welche nur in die Zeit und 
in den Zusammenhang der äolisch-achäischen Colonisation hineinpassen. 



120 



DIE SAGE VOM TROERKRIEGE. 



So lässt sich die Abfahrt aus Aulis kaum erklären, wenn ein in 
Mykenai ruhig herrschender Fürst der Führer des Zuges gewesen 
wäre; ein solcher würde im argoHschen Meerbusen die Flotte gesam- 
melt haben, während für die von Norden nach Süden her auswandern- 
den Volksschaaren der Strand von Aulis der natürliche Sammelplatz 
war. Dass in der Burg von Mykenai mächtige Häuptlinge gesessen 
haben, ist kein Zweifel. Wenn wir aber sehen, wie allmählich sich 
erst in der dorischen Zeit von einer Landschaft zur andern die eidge- 
nössischen Verbindungen bilden, so erscheint es undenkbar, dass schon 
ein Pelopide die Macht besessen haben sollte, um von Argohs aus bis 
nach Thessalien sein Aufgebot ergehen zu lassen und im Meere von 
Euboia eine hellenische Flottenmacht zu sammeln. Alle nationalen 
Einigungen sind ja erst durch die dorische Wanderung zu Stande 
gekommen, und wir finden bei Homer auch nichts, was auf eine Heeres- 
folge in so weitem Umfange und eine solche nationale Bedeutung des 
Burgherrn von Mykenai hinwiese. Es ist ein Haufe von Stämmen und 
Stammfürsten, unter denen der mächtigste einen Vorrang in Anspruch 
nimmt, ohne dass er ihn rechtlich zu begründen oder thatsächlich 
durchzuführen weifs. Die Eifersucht unter den Heerkönigen, die 
Absonderung der einzelnen Heerhaufen von einander, die Beutestrei- 
tigkeiten ihrer Führer, dies Alles weist darauf hin, dass die weit ge- 
trennten Zweige des Achäervolks, die thessalischen Myrmidonen und 
die Peloponnesier, nicht durch das Aufgebot eines Fürsten als Heer- 
bann zusammengeführt sind, sondern dass sie sich als Auswanderer- 
schaaren gelegentlich zusammengefunden haben. 

Dazu kommen die vielen Erinnerungen anderer Kämpfe, welche 
sich durch die troische Sage hindurch ziehen, ohne mit der Stadt des 
Priamos und dem Baube der Helena in Verbindung zu stehen, die 
weiten Land- und Wasserzüge des Achilleus, die Eroberungen von 
Tenedos, Lesbos, Lyrnesos, Thebai, das Kommen, Verschwinden und 
Wiederkommen der Belagerer — das sind lauter Züge, welche eine 
langdauernde Kriegszeit, eine von Ort zu Ort fortschreitende Land- 
eroberung, ein Sich-Festsetzen im Lande erkennen lassen. Auch hat 
die ältere Heldensage keinen andern Inhalt, als das Kämpfen im troi- 
schen Lande, denn was von der Heimkehr der Helden gemeldet wird, 
gehört späteren Erweiterungen der Sage an. Die Achäersöhne, wel- 
che das Reich des Priamos zu Falle gebracht haben, sind im eroberten 
Lande geblieben und haben unterhalb Pergamos, der Schicksals vollen 



DIE BEDEUTUNG VON SMYRNA. 



121 



Stadt, deren Boden neu anzubauen sie sich scheuten, ein neues äoh- 
sches Ihon gebaut. Dabei bleibt der troische Krieg auch uns, wie ihn 
Thukydides anschaute, die erste Gesanitthat eines grofsen Theils der 
edelsten Hellenenstämme; nur haben wir ein Recht, diesen Krieg aus 
seiner Vereinzelung, in welcher er unbegreiüich bleibt, in einen grö- 
fseren Zusammenhang von Thatsachen zu bringen und aus der poeti- 
schen Zeit, in welche ihn das Lied getragen hat, in die wirkliche Zeit 
des Kampfes zurückzuversetzen'^). 

Dass sich vorzugsweise bei der äolischen Colonisation solche Lie- 
der bildeten, erklärt sich aus den besonderen Umständen, unter denen 
sie ausgeführt wurde. Hier war, um Heldenruhm zu gewinnen, die 
reichste Gelegenheit; hier war der Stamm der Achäer thätig, welche 
ein dichterischer Geist antrieb, Heldenthum und Gesang zu verbinden. 
Darum blieben aber diese Lieder nicht ein äolisch-achäisclies Stamm- 
gut, ein nur im troischen Lande sich fortpflanzender Schatz von Er- 
innerungen an die glorreichen Thaten der Conquistadors, sondern sie 
wurden weit über die Gränzen der neuen Aeolis hinausgetragen und 
von den Nachbarn begierig aufgenommen. Denn darin lag ja gerade 
die aufserordentliche Wirkung der kleinasiatischen Niederlassungen, 
dass nicht blofs lang getrennte Zweige eines Völkergeschlechts, wie 
die beiden Achäerstämme, von Neuem vereinigt wurden, sondern dass 
an derselben Meerseite nun auch die verschiedenen Stämme der hel- 
lenischen Nation, wie sie sich in vielfacher Wechselwirkung allmählich 
herausgebildet hatten, dass Aeolier, Achäer, lonier und Dorier hier in 
unmittelbare Berührung mit einander traten. Dadurch erfolgte ein 
so mannigfaltiger Austausch, eine so reiche und vielseitige Anregung, 
wie sie unter den Gliedern griechischer Nation noch nirgend stattge- 
funden hatte. 

Besonders wichtig waren daher die Gränzorte der verschiedenen 
Stammgebiete, weil sie die eigentlichen Märkte des Austausches und 
gleichsam die Brennpunkte der Berührung wurden. Ein solcher Platz 
war Smyrna an der Nordseite des schönen Golfs, in welchen der Meies 
mündet, in der Mitte zwischen den Thälern des Kaystros und Hermos 
gelegen. Während Aeolier und lonier in andern Gegenden sich 
fremd und spröde gegen einander verhielten, sind sie hier nahe mit 
einander verbunden, ja zu einem Gemeinwesen mit einander ver- 
schmolzen worden. Hier fand der reichste Austausch statt. Die Fülle 
des SagenstolTs brachten die Aeolier, während die lonier , welche nach 



122 



ENTSTEHUNG DES EPOS. 



Art südlicher Schiffervölker am Anhören und Wiedererzählen wunder- 
barer Begebenheilen ihr inniges Behagen hatten, mit leicht erregter 
Seele die Abenteuer der äohschen Nachbarn und ihrer achäischen 
Fürsten aufnahmen und in abrundender Form wiedergaben. Sie 
brachten aber auch zum Sagenstoffe Eigenes hinzu, wie z. B. die 
Nestorsage, welche durch die messenischen Pylier, so wie die Sarpe- 
don- und Glaukossage, welche durch die Lykier in den ionischen 
Städten eingebürgert war. 

Bei diesem Zusamm enwirken v erschiedener Stämme hat die 
Sprache zuerst die Sprödigkeit mundartlicher Eigenheit ablegen ge- 
lernt. Sie wurde das Organ einer Kunst, in welcher sich die begab- 
testen Hellenenstämme zu einer höheren Einheit zusammenfanden und 
deshalb kam hier zuerst etwas zu Stande, was nicht äohsch noch 
ionisch war, sondern etwas für alle Hellenen Verständliches, etwas 
National-griechisches, und indem die einzelnen Abenteuer durch die 
Rhapsoden zu gröfseren Ganzen verbunden wurden, erwuchs das 
griechische Epos am Ufer des Meies, welchen das Volk den Vater 
Homers nannte. 

Das homerische Epos ist für den Untergang des Dardanidenreichs 
und die Gründung von Aeolis die einzige Quelle der Ueberlieferung; 
aber zugleich auch für das gesamte Leben der Hellenen bis zur 
Zeit der grofsen Wanderungen. Denn die Zuwandernden nahmen 
nicht nur ihre Götter und Heroen aus der alten Heimath mit herüber, son- 
dern auch ihre Anschauung der Welt, die Grundsätze ihres öffentlichen 
und geseUigen Lebens, und je vollständiger sie die Welt, in welcher 
sie sich heimisch fühlten, unter den rohen Tritten der nordischen 
Bergvölker zu Grunde gehen sahen, um so fester schlössen sie die Er- 
innerung in ihr Herz und befestigten sie im Liede, das die Jungen von 
den Alten lernten. Die griechische Muse ist eine Tochter des Ge- 
dächtnisses, und eben so wie die in England entstandenen Beovulf- 
lieder uns darüber Kunde geben, wie die Sachsen auf der verlassenen 
deutschen Halbinsel in Krieg und Frieden gelebt haben , so ist auch 
das homerische Epos ein Spiegelbild der Lebensverhältnisse, in welchen 
wir uns die wandernden Völker vor ihrem Auszuge zu denken haben. 
Es ist daher nothwendig, noch einen Blick auf dieses Bild zu werfen, 
um die griechische Welt, wie sie bis auf die Zeit der grofsen Wan- 
derungen bestanden hat, in ihren wesenthchen Zügen aufzufassen'*). 



DAS HOMERISCHE ZEITALTER. 



123 



Im homerischen Epos tritt uns die griechische Welt zum ersten 
Male entgegen. Aher es ist keine Welt der Anfange, keine in unsi- 
cherer Entwickelung begriffene, sondern eine durchaus fertige, eine 
reife und in sich abgeschlossene Welt, mit festgeregelten Lebensord- 
nungen. Man fühlt deuthch, dass seit undenkhcher Zeit sich die Men- 
schen darin eingelebt haben , und mit vollem Bewusstsein stellen die- 
selben ihr Zusammenleben dem auf unterer Stufe zurückgebliebenen 
Dasein anderer Völkerschaften gegenüber, welche ohne ein gemein- 
sames Oberhaupt und ohne Gemeindeverfassung, ohne Ackerbau und 
festbegranzte Felder, ohne künstlich eingerichtete Wohnung in den 
ursprünghchen Formen der Familie dahin leben. 

Von Anfang an aber zeigt sich das griechische Leben als ein sol- 
ches, das nicht einseitig auf Ackerbau und Landwirthschaft begründet 
ist, sondern daneben auf Seefahrt und Handel. Dies ist die von den 
asiatischen Griechen zuerst ausgebildete Lebensweise, und auch in den 
Zügen des Epos lässt sich hie und da wohl noch ein Gegensatz zwi- 
schen See- und Landgriechen erkennen. Jene z. B. lebten vorzugs- 
weise von Fischnahrung, welche diesen widerstrebte; darum wird der 
ionische Sänger nicht müde, die mächtigen Fleischmahlzeiten der 
Achäer und den unverzagten Muth, mit dem sie Hand anlegten, her- 
vorzuheben. Im Wesentlichen aber sind diese Stammesunterschiede 
ausgeglichen und alle Zweige griechischer Nation, welche sich an den 
Wanderzügen betheiligten, sind durch gegenseitigen Austausch einan- 
der gleichartig und ebenbürtig geworden. Das Stammgut der ein- 
zelnenen Volkszweige ist nationales Gemeingut geworden. Die Fülle 
altionischer Ausdrücke, welche dem Seeleben angehören, hat die 
ganze Sprache durchdrungen und , wie die grofse Zahl ionischer See- 
fahrtgötter und Seedämonen sich allmählich im ganzen Griechenlande 
eingebürgert hat, so ist auch ionische Handlhierung an allen Küsten 
einheimisch. 

Der Trieb zu erwerben, welcher den Griechen von Natur tief ein- 
gepflanzt ist, hat sie früh zu vielseitiger Thätigkeit angereizt. Die- 
selben Pleiaden sind es, welche durch ihren Auf- und Niedergang die 
Geschäfte des Landbaus so wie die Zeiten der Seefalirt bestimmen, und 
selbst bei den schwerfälligen Böotern gilt die Regel, im Mai nach 
Beendigung der Feldarbeit noch zu Schiffe Verdienst zu suchen. Das 
böotische Orchomenos ist zugleich Binnen- und Seestadt, ein Sam- 
melort von allerlei Fremden und vielfacher Kunde, so dass Aga- 



124 



DIE STÄNDE t>ER HOMERISCHEN WELT. 



memnoiis Schalten den Odysseus fragt , ob er nicht etwa in Orchome- 
nos von seinem Sohne Orestes gehört habe. Das Seeschiff diente zu- 
gleich zu gewaltthätigem Erwerb, denn das griechische Inselmeer reizte 
so sehr zu abenteuernden Umzügen und Landungen, dass der Seeraub 
eine gewöhnhche Beschäftigung war, wie Fischfang und Jagd. Die 
Freibeutereien gingen bis an den Nilstrand, und die Kämpfe, die sich 
mit den Eingeborenen entspannen und die wir bisher nur aus Homer 
kannten, werden jetzt auch in ägyptischen Urkunden bezeugt. Die ge- 
fangenen Piraten, welche Ramses III. (S. 40) auf ägyptischen Wand- 
gemälden vorgeführt werden , veranschauhchen die Gesänge der Odys- 
see, welche von den blutigen Kämpfen am Nilufer berichten. 

Wichtiger ist der friedliche Verkehr, welcher die Küstenländer 
verbindet. Bewunderte Kunsterzeugnisse aus Sidon kommen durch 
phönizische Händler nach Griechenland , sie werden in den Hafenorten 
ausgestellt und gehen von Hand zu Hand. So der sidonische Silber- 
krug, der vom König Thaos an den Minyer Euneos gelangt und von 
diesem als Kaufpreis für einen gefangenen Fürstensohn an Patroklos''^). 

Das Volk ist seit langen Zeiten keine ungegUederte Masse mehr, 
sondern in Stände geordnet, welche einander mit sehr bestimmten 
und festen Unterschieden gegenüber stehen. Voran stehen die Edeln 
des Volks, die 'Anaktes' oder Herren, welche allein in Betracht kom- 
men. Wie Riesen ragen sie hervor aus der Mitte des Volks, unter 
dem nur Einzelne durch Amt oder besondere Begabung als Priester 
oder Wahrsager oder Künstler sich auszeichnen ; alle Anderen bleiben 
ungenannt; sie sind, wenn auch persönlich frei, doch ohne Berechti- 
gung im öffenthchen Leben. Willenlos, wie Heerden, folgen sie dem 
Fürsten und fliehen scheu aus einander, wenn ihnen der Grofsen 
Einer gegenüber tritt; sie bilden in ihrer Masse nur den dunklen Hin- 
tergrund, von welchem sich die Gestalten der Edlen um so glänzen- 
der abheben. Durch Raub und Kauf kommen auch Menschen fremder 
Herkunft unter das griechische Volk, Syrer, Lyder,, Phryger u. A. 
Phönizische Frauen weben Teppiche im Hause des Priamos; auch Eu- 
maios' Vater hatte eine Sklavin aus Sidon 'geschickt in herrlicher Ar- 
beit' , die Wärterin seines Kindes , die sich mit demselben auf phönizi- 
schem Schiffe entführen lässt. So wird das Königskind nach Ithaka 
verhandelt. Diese versprengten Angehörigen fremder Stämme bilden 
einen wichtigen Bestandtheil der homerischen Welt. Osten und We- 
sten werden durch sie verbunden und da die National- und Stamm- 



DIE STÄNDE DER HOMERISCHEN WELT. 



125 



gegensälze sich noch nicht ausgebildet haben, so werden die Fremd- 
linge, die durch unverschuldetes Unglück Heimath und Freiheit ver- 
loren haben, in die Hausgenossenschaften aufgenommen; sie leben sich 
leicht ein und wirken in unscheinbarer, aber sehr eingreifender Weise 
zur Ausbreitung von Künsten und Gottesdiensten so wie zur Aus- 
gleichung der Cultur zwischen den Inseln und Küsten. Das ist die 
Bedeutung der Unfreien in der homerischen Welt, welche einen eigent- 
lichen Sklavenstand noch nicht kennt. 

Die Stände der Gesellschaft, in sich ohne Einheit, schhefsen sich 
nur dadurch zu einer Gemeinschaft zusammen, dass ein gemeinsames 
Haupt an der Spitze steht. Das ist der Herzog (Basileus) oder König. 
Seine Macht, durch die das Volk zum Staate wird, ist ihm nicht vom 
Volke übertragen, sondern Zeus hat ihm mit dem erblichen Scepter 
den Königsberuf ertheilt. So finden sich bei allen Stämmen der Ho- 
merischen Welt alte Fürstengeschlechter im hergebrachten Besitze 
ihrer Macht und ohne Widerrede empfangen sie die Ehrengaben und 
Huldigungen ihres Volks. Mit dem Königsamte hat der Fürst zugleich 
den Beruf des Feldherrn und Oberrichters; gegen innere Zerrüttung 
wie gegen äufsere Feinde hat er durch Gerechtigkeit und starken 
Arm den Staat zu schützen. Er ist auch den Göttern gegenüber 
seines Volksvertreter; er betet und opfert für die Seinen zu der staats- 
hütenden Gottheit; er kann nach seinem Verhalten reiche Göttergnade 
sowohl wie Fluch und Elend über sein Volk bringen. 

Dieser Eine ist der Mittelpunkt nicht nur des Staatslebens, son- 
dern zugleich aller höheren Bestrebungen der Menschen. In seinem 
Dienste erwacht und wächst die Kunst; zunächst die Kunst des Ge- 
sanges, denn die Lieder, welche die homerische Welt erfüllen, tragen 
von Ort zu Ort die grofsen Thaten sowohl wie die milden Tugenden 
des Königs, der den Göttern gleich dem zahlreichen Volke gebietet, die 
Gesetze wahrt und Segen verbreitet — 

da bringet das dunkele Erdreich 

Weizen und Gerst', und die Frucht hängt schwer von den Zwei- 
gen der Bäume ; 

Kraftvoll zeuget das Vieh, und das Meer giebt reichlichen Fischfang, 
Weil er so weise regiert, und in Wohlstand blühen die Völker'^). 

Ihm, dem Könige, dienet auch die bauende und bildende Kunst 
und richtet ihm zu, wessen er zur Sicherheit und Würde seines Lebens 



126 



DIE DENKMÄLER DES 



bedarf. Die besten Werkmeister schmieden ihm die Waffen und 
schmücken sie mit sinnvollen Feldzeichen; das Elfenbein, welches 
karische Frauen mit Purpur gefärbt haben, wird zum Schmuck könig- 
licher Wagenrosse zurückgelegt. Von fern her kommen die Bauleute, 
um dem Herrn des Landes die Burgmauer aufzuführen sowie die 
stattlichen Wohnräume für Familie und Gesinde. Feste Gewölbe end- 
lich nehmen die ererbten Schätze auf, welche der Fürst ruhen lassen 
kann, weil er von dem lebt, was das Volk ihm anweist, von dem abge- 
theilten Krongute und von den Gaben der Gemeinde. Wir finden eine 
entwickelte Werkthätigkeit für alle Bedürfnisse des Krieges und Frie- 
dens, doch ohne eine feste Arbeitsteilung. 

Von der monumentalen Baukunst stehen noch heute die grofsar- 
ligsten Denkmäler, welche ihrer unverwüstlichen Tüchtigkeit wegen die 
besterhaltenen auf dem ganzen Boden griechischer Geschichte sind. Sie 
sind älter als diese ; denn als die Griechen anfingen sich auf ihre Ver- 
gangenheit zu besinnen, waren jene Burgen schon längst verödete Stät- 
ten, Alterthümer des Landes, welche aus dunkler Vorzeit in die Gegen- 
wart hereinragten, und wenn Agamemnons Name spurlos verschwun- 
den wäre, so würden uns die Mauern der argivischen Städte bezeugen, 
dass ein mächtiges Fürstengeschlecht hier durch Waffengewalt das 
Land besessen, dass es zur Errichtung seiner Zwingburgen zahlreiche 
Frohnknechte gehabt, und dass es Generationen hindurch hier mit 
sicherer Obmacht gewohnt und geherrscht habe. Es müssen achäi- 
sche Fürsten gewesen sein, denn als die Dorier in's Land kamen, 
fanden sie diese Städte vor und bis in die Zeit der Perserkriege wohn- 
ten um jene Denkmäler achäische Gemeinden. 

Die ältesten unter diesen Denkmälern achäischer Vorzeit sind die 
Burgen. Ihr enger Umfang zeigt, dass sie nur darauf berechnet sind, 
das Geschlecht des Fürsten und sein nächstes Gefolge aufzunehmen. 
Solche Gefolgschaften bestanden aus den Söhnen edler Geschlechter, 
welche sich freiwillig den mächtigeren Fürsten angeschlossen hatten 
und bei diesen als Wagenlenker oder Herolde, im Kriege als Zelt- 
und Streitgenossen eine ehrenvolle Dienstleistung versahen. Das 
Volk aber wohnte auf den Feldern zerstreut oder in offenen Weilern 
vereinigt. 

Die Mauern, welche die Burg einschliefsen , darf man nicht roh 
nennen',''"*unT'die späteren Hellenen dachten am wenigsten daran, sie 
als solche zu bezeichnen, wenn sie dieselben den Kyklopen zuschrie- 



HOMERISCHEN ZEITALTERS. 



127 



bell. Denn der Name dieser dämonischen Werkmeister ist ein Aus- 
druck für das Wunderbare und Unbegreifliche jener Denkmäler, welche 
mit der Gegenwart in gar keinem Zusammenhange standen. Das Ge- 
meinsame jener kyklopischen Burgmauern ist die Mächtigkeit der 
Werkstücke, welche mit einem ungemeinen und rücksichtslosen Auf- 
wände von Menschenkraft aus dem Felsgesteine gebrochen, fortgeschafft 
und auf einander geschichtet worden sind, so dass sie vermöge ihrer 
Masse in angewiesener Lage verharren und ohne Bindemittel ein festes 
Gefüge bilden mussten. Innerhalb dieses Mauerstils lässt sich aber 
eine grofse Mannigfaltigkeit, eine ganze Reilie von Stufen erkennen. 
Ursprünglich waren es nur Yerschauzuugen aus Felsslücken, die man 
an besonders zugänglichen Punkten der Burghöhe aufwarf, während 
man steile Felswände ihrer natürlichen Festigkeit überliefs ; in dieser 
Weise sieht man alte Herrenburgen in Kreta ])efestigt, deren Ein- 
schluss niemals vervollständigt worden ist. In der Regel aber sind 
die Felshäupter ganz ummauert, indem ringsum die Mauerzüge dem 
Rande folgen, wo er am jähesten abfällt. 

Das Mauerwerk selbst ist in seiner ältesten Form auf dem Felsen 
v on Tiryns zu erkennen. Hier sind die riesenhaften Blöcke roh auf 
einander gethürmt; hier ist es nur das Gesetz der Schwere, das sie zu- 
sammenhält. Die Lücken , welche überall zwischen den Werkslücken 
bleiben, sind mit kleineren zwischengeschobenen Steinen ausgefüllt. 
In Mykenai kommen ähnliche Mauerstücke vor; allein bei weitem der 
gröfste Theil der Ringmauer ist so gebaut, dass jeder Stein für seine 
bestimmte Lage zugehauen und mit einer Gruppe angrenzender Bau- 
steine so verbunden ist, dass sie sich gegenseitig halten, spannen und 
tragen. Durch die Vielseitigkeit der einzelnen Steine und die Man- 
nigfaltigkeit ihrer Funktionen wird ein netzartiges Gefüge unzerstör- 
barer Festigkeit gebildet, wie sie sich durch den Bestand von Jahr- 
tausenden bewährt hat. Die hier entwickelte Kunst des Mauerbaus 
ist niemals überboten worden; ja sie fordert olfenbar eine liöhere 
Technik und trägt einen mehr künstlerischen Charakter als der ge- 
wöhnliche Quaderbau, für welchen die Werkstücke fabrikmäfsig, eines 
wie das andere, zurecht gehauen werden. 

Es waren aber dieselben Burgmauern noch in anderer Weise mit 
Kennzeichen höherer Kunst ausgestattet. In Tiryns sind die Burg- 
mauern, welche im Ganzen 25 Fufs Dicke haben, von inneren Gängen 
durchzogen, welche durch eine Reihe thorähnlicher Fenster mit dem 



128 



DIE DENKMÄLER DES 



äufseren Burghofe in Verbindung standen ; es mögen Räume sein , die 
im Falle einer Belagerung zur Aufnahme von lebendem Vieh bestimmt 
waren. Dann aber sind es die Burgthore, welche zur besonderen 
Auszeichnung einer kyklopischen Stadt dienen. Als Beispiel ist uns 
das Hauptthor von Mykenai erhalten mit seiner 50 Fufs langen Thor- 
gasse, seinen mächtigen, gegen einander geneigten Seitenpfosten und 
dem überliegenden Decksteine von 15 Fufs Länge und 6 Fufs Höhe. 
Ueber diesem Steine ist eine dreiseitige Oeffnung von 11 Fufs unterer 
Breite im Gemäuer ausgespart, um den Wappenstein aufzunehmen, 
welchen die alten Burgherren hier einst in feierlicher Stunde eingefügt 
haben, um dadurch den Eingang zu weihen und die Vollendung des 
Ganzen zu bezeichnen. Dieser Stein ist noch heute in alter Stelle 
erhalten. In flachem Relief erheben sich die Umrisse der ältesten 
Skulptur, die auf dem Boden von Europa zu finden ist: in der Mitte 
eine nach oben leise anschwellende Säule, zu den Seiten zwei Löwen 
mit aufgestemmten Yordertatzen, steif symmetrisch wie Wappenthiere, 
aber mit Naturverständniss gezeichnet und mit voller Sicherheit des 
Meifsels ausgeführt. Die Köpfe waren eingesetzt sie sprangen frei aus 
dem Rehef vor, so dass sie den Herankommenden trotzig anblickten 
und den Feind zurückschreckten , wie die an den ältesten Stadtburgen 
angebrachten Medusenköpfe. 

Burgmauen waren den Kriegsfürsten unentbehrHch ; aufserhalb 
der Burg findet sich aber eine Gruppe von Gebäuden , welche noch 
klarer beweist, wie die Bauanlagen der heroischen Zeit weit über das 
Nothdürftige hinausgehen. Eines derselben ist so vollständig erhal- 
ten, dass man nach demselben die ganze Bauweise klar übersieht. 
Es ist ein unterirdisches Gebäude , in einen flachen Hügel der unteren 
Stadt Mykenai hineingebaut. Man hatte zu dem Zwecke den Hügel 
ausgegraben und auf der Sohle des aufgegrabenen Raums einen Ring 
von wohlbehauenen und genau zusammen passenden Werkstücken 
ausgelegt, darüber einen zweiten, dritten u. s. w.; jeder obere Stein- 
ring ragte über den unteren nach innen vor, so dass sich allmählich 
aus den ansteigenden Ringen ein hohes , bienenkorbähnliches Rund- 
gewölbe bildete. Zu diesem Gewölbe führt von aufsen ein Thor, des- 
sen Oeffnung ein Stein von 27 Fufs Länge spannt; an den Pfosten 
dieses Thores standen halbrunde Säulen aus farbigem Marmor, deren 
Schaft und Basis mit Streifen im Zickzack und in Spirallinien verziert 
war. Durch dies Thor trat man in den grofsen Kuppelbau hinein, 



HOMERISCHEN ZEITALTERS. 



129 



dessen Steine noch heute in wohlgefügter Ordnung zusammenschlie- 
fsen. Die inneren Wände waren von unten bis oben mit angehefteten 
Metallplatten bekleidet, welche, glatt poliert, namentlich bei Fackel- 
scheine dem grofsen Räume einen aufserordentlichen Glanz verleihen 
mussten, und diese Thatsache stimmt auf das Genaueste mit jenen 
homerischen Schilderungen, wo der Erzglanz der Wände in den 
Königspalästen gerühmt wird. 

Nach der einheimischen Ueberlieferung waren diese Rundbauten 
Thesauren oder Schatzgewölbe. Indessen lässt die Grofsartigkeit ihrer 
Anlage und die Lage derselben aufserhalb der Burg wohl kaum daran 
zweifeln, dass das Ganze ein Grabbau war; denn die Kunst sollte nicht 
blofs den lebenden Fürsten schirmen und schmücken , sondern auch 
dem verstorbenen Landesherrn ein unvergängliches Denkmal stiften. 
Eine tiefe Felskammer, welche an das Kuppelgewölbe anstöfst und den 
innersten Theil des ganzen Gebäudes bildet, enthielt, wie wir anneii- 
men dürfen, die geheiligten Ueberreste des Fürsten, während der 
Rundbau dazu benutzt wurde, die Waffen, Wagen, Schätze und Klei- 
nodien desselben aufzubewahren. Darum wurde auch der ganze Bau 
mit Erde bedeckt, so dass bei äufserem Ueberblicke der Gegend Nie- 
mand unter den Gräsern des Hügels den in der Tiefe ruhenden Königs- 
bau ahnte ^"). 

Die geschichtliche Bedeutung dieser Denkmäler ist nicht zu ver- 
kennen. Sie können nur unter Völkern entstanden sein, welche auf 
diesem Boden lange sesshaft gewesen sind und sich im vollen Besitze 
einer ihrer Mittel und Zwecke wohl bewussten Cultur fühlten. Hier 
ist vollkommene Herrschaft über Stein und Erz ; hier sind feste Kunst- 
weisen ausgebildet, die mit stolzer Pracht und einer auf unvergäng- 
liche Dauer berechneten Tüchtigkeit ausgeführt sind. Fürstenhäuser, 
die sich in solchen Werken verewigten, müssen bei angestammtem 
Reichthume weit reichende Verbindungen gehabt haben, um aus- 
ländisches Erz und fremde Steinarten herbei zu schaffen. Wo ist da 
von Anfängen die Rede! Wer kann solchen Denkmälern des Burg- 
und Grabbaus gegenüber in Abrede stellen, dass das, was uns, was 
eben so den alten Forschern, wie Thukydides, als ältester Anknüp- 
fungspunkt griechischer Ueberlieferung, als erster Anfang einer ur- 
kundhchen Geschichte dient, in Wahrheit Vollendung und Abschluss 
einer Cultur sei, welche aufserhalb des engen Bodens von Hellas ent- 
standen und gereift sein muss ! 

Curtius, Gr. fJesch. I. 6. Aufl. 9 



130 



DIE DENKMÄLER DER PELOPIDEN. 



Die einheimischen Anfänge städtischer Befestigung suchten die 
Griechen im Binnenlande; am Abhänge des Lykaion zeigte man Lyko- 
sura, die älteste Stadt , welche die hellenische Sonne beschienen haben 
sollte. Von der Stadtmauer sind noch die Ueberreste zu sehen, un- 
ordentliche Gemäuer von verhältnissmässig kleinen , regellosen Bruch- 
steinen. Die grofsartigen Denkmäler von Argos wagte griechischer 
Patriotismus niemals einer einheimischen Kunst zuzuschreiben; die 
Ueberlieferung nannte lykische Männer als die Bauleute der argivi- 
schen Könige. Wenn nun die frühe Cultur des lykischen Volks eine 
Thatsache ist, wenn die Verbindung zwischen Argos und Lykien in 
Sage und Gottesdienst verbürgt wird, wenn endhch die Lykier seit 
Entdeckung ihres Landes uns als ein Volk bekannt sind, das zum 
Bauen und Bilden einen ganz besonderen Beruf hatte, so gewinnen 
dadurch jene Ueberlieferungen eine wichtige Beglaubigung. Die Lykier 
standen aber mit Phönizien in uralter Verbindung, und gewisse Kunst- 
weisen, welche wir auch in Argolis eingeführt linden, namentlich die 
Anwendung des Metalls zur Ausstattung der Gebäude und die Verklei- 
dung grofser Wandflächen mit polierten Erzplatten, sind mit der zu 
solcher Arbeit erforderlichen Technik gewiss aus Syrien nach Grie- 
chenland eingeführt wwden. Die Hellenen haben später von ganz 
anderen Grundlagen aus eine neue und eigene Kunst entwickelt, wel- 
che mit dem Putzstile der alten Königsmonumente, mit dem unge- 
ghederten Tholosbaue, dem flachen Wappenrelief über dem Thore 
nichts gemein hat. 

Wer vor dem Löwenthore von Mykenai steht, der muss, auch 
ohne ein Wort von Homer zu wissen, sich hier einen König denken, 
wie den homerischen Agamemnon, einen Kriegsherrn mit Heer und 
Flotte, einen Fürsten, der mit dem gold- und kunstreichen Asien in 
Verbindung stand, der, mit hervorragender Hausmacht und ungewöhn- 
lichen Mitteln ausgerüstet, im Stande war, nicht nur dem eignen 
Lande eine feste Einheit zu geben, sondern auch kleinere Fürsten 
seiner Oberhoheit unterzuordnen. Einzelne Sagen und Legenden 
bilden sich wohl in Veranlassung räthselhafter Bauwerke : sie w^achsen 
gleichsam wie Moos und Schlinggewächse um die Buinen der Vorzeit; 
aber so können keine, mit so verschiedenartigen und charaktervollen 
Gestalten erfüllten, epischen Gedichte entstehen, wie die homerischen 
sind. Auch kann es kein ZufaU sein, dass gerade in den Städten und 
den Landschaften, auf welchen der Glanz der homerischen Dichtung 



DIE HERKUNFT DER PELOPIDEN. 



131 



ruht, sich solche Denkmäler finden, die nur in der heroischen Zeit 
entstanden sein können. Das reiche Orchomenos erkennen wir noch 
heute an den Ueberresten eines Gebäudes, das die späteren Griechen 
als Schatzhaus des Minyas zu den Wundern der Welt rechneten. 
So finden sich im Reichsgebiete der Atriden , am Eurotas sowohl wie 
am Inachos, Königsgräber von ganz übereinstimmender Bauart. Dass 
aber solche Denkmäler nicht an allen Orten , wo homerische Fürsten 
wohnten, zu finden und so glänzende Verhältnisse nicht über ganz 
Hellas verbreitet waren , das erhellt aus dem Staunen des Telemachos, 
wie er die seinem Auge ungewohnte Pracht und Herrlichkeit im Pa- 
laste des Menelaos erblickt. 

Dieselben Denkmäler, welche der homerischen Dichtung als treue 
Zeugen zur Seite stehen, weisen aber auch darauf hin, dass wir nicht, 
durch den Dichter getäuscht, die Zeiten, von denen sie zeugen, als 
eine kurze Glanzperiode betrachten, welche durch einzelne Namen, 
wie Agamemnon und Menelaos, erschöpft werden. Die unverkenn- 
bare Verschiedenheit der kyklopischen Mauerstile, des roheren in 
Tiryns, des vollendeten in Mykenai, lässt darüber keinen Zweifel, dass 
zwischen beiden Bauten ganze Perioden in der Mitte liegen, dass lange 
Zeiträume angenommen werden müssen, welche nur in der Fernsicht 
dicht zusammengeschoben erscheinen. Merkwürdig ist es, dass mit 
den Gründungssagen von Argos, Tiryns, Mykenai, Midea die Pelopiden 
in keiner Verbindung stehen; es sind nur Perseiden, welche im Zu- 
sammenhange mit Lykien als Erbauer jener Burgfesten genannt wer- 
den. Dagegen werden die Königsgräber und die dazu gehörigen 
Schatzräume durchweg mit dem Andenken der Pelopiden verknüpft, 
und diese Verknüpfung bestätigt sich durch die Herkunft dieses Ge- 
schlechts. Denn Lydien ist das Land, wo die Anlage umfangreicher 
Hügelgräber mit eingemauerten Kammern zu Hause ist ; am Sipylos, 
dem Wohnsitze des Tantalos, giebt es unterirdische Rundbauten der- 
selben Art, wie die von Mykenai, und dieselbe Gegend ist es, von wo 
zuerst das Gold mit seinem Glänze und seiner Macht den Griechen 
bekannt geworden. Pluto (Goldsegen) nannte man die Ahnmutter 
der Pelopiden , und Mykenai 'das goldreiche' verdankte , was es halte, 
seine Gröfse und Herrlichkeit, so wie den Fluch des Elends dem Golde, 
welches durch die Pelopiden in das Land gekommen war. 

Schon Aristoteles beschäftigte die Frage, wie die Fürstenmacht 
der homerischen Zeit entstanden, wie vor allem Volke ein Geschlecht 

9* 



132 



POLITISCHE ZUSTÄNDE. 



eine solche Sonderstellung erlangt habe. Die ersten Könige, meint er, 
waren Wohlthäter ihrer Zeitgenossen, Begründer der Künste des Frie- 
dens und des Kriegs, die Vereiniger des Volks in gemeinsamen An- 
siedelungen. Wie aber waren denn die Einzelnen im Stande solche 
W^ohlthaten zu erweisen, durch welche sie die ganze Volksentwicke- 
lung auf eine andere Stufe emporhoben? Schwerlich anders, als 
wenn sie selbst die Hülfsmittel einer Cultur besafsen, welche dem 
Lande fremd war, d. h. wenn sie Stämmen angehörten, die den euro- 
päischen Griechen verwandt waren, aber in ihren Wohnsitzen sich 
früher entwickelt hatten. Solche Männer waren im Stande, die in 
umliegenden Gauen lose zusammenlebenden Stämme zu Staaten zu 
vereinigen und eine homerische Basileia zu gründen, welche zugleich 
Spitze und Grundlage des Staatslebens ist. Solche Fremdlinge, deren 
Heimath und Ursprung in unbekannter Ferne lag, konnten als Göt- 
tersöhne gelten; eine Ehre, welche einheimischen Männern von ihren 
Landsleuten schwerlich zugestanden sein möchte ; auch hat ein ehr- 
geiziges Volk , wie es die Griechen waren , nicht anders als auf Grund 
einer festen Ueberlieferung das glänzendste Königsgeschlecht seiner 
Vorzeit aus Lydien hergeleitet^*). 

Aber es waren nicht alle Könige Pelopiden; nicht alle standen 
ihrer Herkunft, ihren Hülfsmitteln und ihrer Machtfülle nach als ein 
so hervorragendes Geschlecht ihren Völkern gegenüber. Im Reiche 
der Kephallenen ist von einem solchen Unterschiede keine Spur und 
die Edeln auf Ithaka dürfen den Odysseus als einen Mann ihres Glei- 
chen betrachten. Auch ist es nicht zu verkennen, dass selbst die 
mächtigsten Heerkönige der homerischen Welt keine nach Willkür 
herrschenden Despoten sind. Das griechische Volk zeigt von Anfang 
an einen entschiedenen Widerwillen gegen alles Mafslose und Unbe- 
dingte, und wie es sich selbst den Götterfürsten nicht anders als einer 
höheren Ordnung unterthan denken konnte , so ist auch des Königs 
Macht eine durch rechtHche Satzung und anerkanntes Herkommen 
gebundene. 

Freilich ist der König vermöge seiner Hoheitsrechte auch Ober- 
richter des Volks, wie der Hausvater unter den Seinen; aber er getraut 
sich nicht dies verantworthche Amt allein zu verwalten. Aus den 
edlen Geschlechtern des Volks wählt er seine Beisitzer, ihrer Würde 
wegen die Alten oder Geronten genannt, und in dem durch Altäre und 
Opfer geheihgten, abgegränzten Kreise sitzen die Richter umher, um 



MENSCHEN UND GÖTTER. 



133 



öffentlich vor allem Volke das Recht zu weisen und zu ordnen , wo es 
in Verwirrung gekommen ist. Nur wo es sich um Leib und Leben 
handelt, hat die Familie sich ihrer Rechte nicht begeben; Rlut verlangt 
Rillt nach der alten Satzung des Rhadamanthys, und dem durch Ver- 
wandtschaft berufenen Rächer allein steht es zu, Rlut zu vergiefsen. 
Aber auch hier, wo der staatliche Organismus noch unfertig geblieben, 
ist Alles fest geregelt, und so übermüthig sich sonst geberdet, wer die 
Macht dazu hat, so findet sich doch kaum ein Reispiel von trotziger 
Auflehnung gegen die Forderungen des heiligen Rechts. Auch der 
Mächtigste flieht aus dem Lande, wenn er der Geringen Einen getödtet 
hat, und deshalb bilden die Fluchtwanderungen und Verbannungen 
den Mittelpunkt so vieler Geschichten und Verwickelungen der Vorzeit. 
Wer aus seinem Stamme herausgetreten ist, befindet sich in einer 
ganz andern Welt und keine rechtlichen Satzungen reichen aus einem 
Staate in den andern hinüber. 

Im Ganzen aber ist, was Cultur und Sitte betrifft, die homerische 
Welt eine merkwürdig gleichmäfsige. Wir finden wenig Unterschei- 
dendes im Charakter der Stämme, welche sich an den beiden Seiten 
des ägäischen Meeres gegenüber wohnen und die eigentlich griechische 
Welt bilden. An beiden Seilen herrscht gleiche Religion, Sprache und 
Sitte; Trojaner und Achäer verkehren durchaus wie Landsleute mit 
einander, und wenn sich ein Unterschied zwischen diesseits und jen- 
seits erkennen lässt, so besteht er darin, dass den Völkern der östhchen 
Seite, wenn auch nicht ausdrücklich, doch in sprechenden Zügen, der 
Vorzug einer höheren Cultur und einer vorangeschrittenen Rildung 
eingeräumt wird. Rei den acliäischen Fürsten lässt wilde und selbst- 
süchtige Leidenschaft nicht ab ^den gemeinsamen Zwecken entgegen 
zu arbeiten ; um den Resitz einer Sklavin setzt der erste Heerführer 
das Gelingen des ganzen Werks auf das Spiel. Achilleus ist die 
idealste Gestalt unter allen, die vor Rion gestritten, und doch zeigt er, 
der Göttin Sohn, des Zeus Urenkel, einen wilden Rlutdurst, der sich 
auch an harmlosen Kindern befriedigt, und verrichtet mit eigenen 
Händen an Gefangenen, wie an Pferden und Hunden Henkerdienst. 
In beiden Aias tritt uns ungebändigte Naturkraft entgegen; Odysseus' 
Thaten gestatten nicht immer den Mafsstab ritterhcher Ehre anzulegen 
und Nestor ist nur durch die Jahre zu einem Weisen geworden. Da- 
gegen sind Priamos und die Seinen so geschildert, dass wir ihr treues 
Zusammenleben, ihre Gottesfurcht, ihre heldenmüthige Vaterlandsliebe 



134 



UMSCHWUNG DER VERHÄLTNISSE. 



und feine Sitte lieben müssen; nur im Cliarakter des Paris sind schon 
die Züge asiatischer WeichUchkeit, wie sie in lonien sich entwickelte, 
zu erkennen '^^). 

Wie die Menschen, so die Götter. Es giebt keine Götter, von 
denen sich nachweisen Hefse, dass sie ausschliefsHch in einem der 
beiden Heerlager Geltung gehabt hätten. Aber sie gehören vorwiegend 
der einen oder der anderen Seite an. 

Die Sache der Achäer vertritt Hera. Sie war in Argos zu Hause, 
wo unweit Mykenai noch heute die Trümmer ihres burgartigen Heihg- 
thums kennthch sind. In lonien dagegen fühlt sie sich vernachlässigt 
und ist deshalb der Priamiden unversöhnlichste Feindin. Sie ist es 
vor allen anderen, welche den Kampf zwischen beiden Gestaden ange- 
facht und allen Schwierigkeiten zum Trotze das Flottenheer endhch 
zusammengebracht hat. Ihres hohen Ranges ungeachtet ist sie ein 
launisches und ränkevolles Weib, die von unlauteren Leidenschaften 
beherrscht wird. 

Dagegen giebt es kein edleres Götterbild als das des Schutzgot- 
tes von IHon. Obgleich mit den höchsten Ehren ausgestattet, zeigt 
Apollon niemals eine Spur von Widersetzhchkeit gegen des Willen des 
Zeus; er ist mit ihm geistig Eins, das Vorbild eines freien Gehorsams 
und erhabener Gesinnung; er strahlt in seiner Reinheit unter den 
Göttern hervor, wie Hektor unter den Menschen, und Beide zusam- 
men geben ein Zeugniss für die höhere Stufe geistiger Entwickelung, 
welche die Staaten und Völker der Ostseite erreicht hatten, als der 
Kampf mit dem Westen entbrannte. 

Zu der Zeit, als die Züge der heroischen Götter- und Menschen- 
welt im Liede gesammelt und zu einem grofsen Gemälde vereinigt 
wurden, war diese Welt eine längst vergangene, und andere Lebens- 
ordnungen waren an ihre Stelle getreten, in der Heimath sowohl, in 
welcher die Enkel der homerischen Helden den nordischen Bergvöl- 
kern den Platz hatten räumen müssen, wie in den neu gewonnenen 
Sitzen, wo in Folge der allgemeinen Umwälzungen und Wanderungen 
die Erben achäischer Fürstenmacht solche Stellungen, wie ihre Ahnen 
in der Heimath besessen hatten, nicht wieder gewinnen konnten. 
Wenn nun dennoch das homerische Weltgemälde eine solche innere 
Harmonie besitzt, dass jener Gegensatz nicht störend einwirkt, so liegt 
der Grund in der hohen Begabung jener Stämme, welche die Erinne- 
rungen der Vergangenheit festzuhalten und zu gestalten wussten. 



AUFLÖSUNG DER ÄLTEREN LEBENSORDISUNG. 



135 



Sie hatten in ausgezeichnetem Grade das Vorrecht poetischer Naturen, 
die Unheimhchkeit der Gegenwart in der idealisirenden Anschauung der 
Vergangenheit zu vergessen und den Genuss derselben sich durch 
keinen Misston zu verleiden. 

Dennoch geht auch durch die homerische Dichtung ein Zug der 
V\^ehmuth hindurch, ein schmerzliches Bewusstsein davon, dass es 
schlechter in der Welt geworden sei und dass die 'Menschen, wie 
sie jetzt sind', hinter den vergangenen Geschlechtern an Kraft und 
Tüchtigkeit zurückstehen. Es ist aber bei dieser allgemeinen Stim- 
mung nicht geblieben, sondern unwillkürlich sind auch Züge der Ge- 
genwart in das Bild der Vergangenheit eingedrungen und bezeugen, 
dass jene Verhältnisse, welche das Wesen des heroischen Zeitalters 
ausmachen, zur Zeit des Sängers nicht mehr in Kraft bestanden. 

Das Königtlium ist der Miltelpunkt der Welt, und im Felde musste 
seine MaclTT^eTne gesteigerte und unbedingte sein. Aber wie wenig 
entspricht doch der homerische Agamemnon dem Bilde heroischer 
Fürstengröfse, wie es Angesichts der Denkmäler von Mykenai uns ent- 
gegentritt und wie es durch die Ueberlieferung vom gottentsprossenen 
Wesen und gottähnlichen Walten der alten Herrscher sich uns einprägt! 
Im troischen Lager finden wir einen in zahllosen Verlegenheiten be- 
fangenen, in seinen Mitteln beschränkten, unschlüssigen und unselb- 
ständigen Fürsten, dessen Wollen und Können weit aus einander liegt; 
er macht mehr Ansprüche auf Macht, als er Macht besitzt, und muss 
allerlei Mittel und Wege ersinnen, um sich Zustimmung zu verschaf- 
fen. Von diesem Agamemnon, welcher aller Orten auf Widerstand 
und Ungehorsam stöfst, ist schwer zu begreifen, wie er im Stande ge- 
wesen sei, das bunte Heergefolge unter seinem Banner zu vereinigen. 
Die Centraimacht der heroischen Welt ist erschüttert; es hat sich neben 
der königUchen Gewalt eine andere Macht erhoben, die Macht des Adels, 
dessen schon der König beim Begieren und Bichten nicht mehr ent- 
behren kann , und gerade jener Ausspruch , welchen man seit alten 
Zeiten für die anerkannte Geltung des heroischen Königthums anführt: 

Niemals frommt Vielherrschaft dem Volk; ein Einziger herrsche. 

Er sei König allein; ihm gab dies Amt der Kronide. 
zeugt deutlich genug vom Standpunkte politischer Beflexion und giebt 
zu erkennen, dass man schon die Uebelstände einer vielköpfigen Adels- 
herrschaft gekostet habe, wie sie auf Ithaka im vollsten Mafse zum Vor- 
schein kommen^"). 



136 



DIE ZUSTÄNDE DES HOMERISCHEN ZEITALTERS. 



Auch die Priester, namentlich die weissagenden, treten dem 
Königthume gegenüber; eine zweite Macht von Gottes Gnaden, und 
deshalb um so trotziger und gefährhcher. Endhch regt es sich auch 
in des Volkes dunkler Masse. Der Markt, welcher bei ungeschwächter 
Königsmacht noch keine politische Bedeutung haben konnte, wird all- 
mählich der Mittelpunkt des öfFenthchen Lebens. In den Marktver- 
sammlungen werden die gemeinsamen Angelegenheiten entschieden, 
die Versammlungen erhalten immer mehr Selbständigkeit und bei allen 
wichtigeren Beschlüssen kommt es darauf an, das Volk durch Rede zu 
gewinnen. 

Freilich soll die Menge nur hören und gehorchen; aber schon 
sitzt das Volk bei der Berathung, während nach älterem Brauche nur 
für die Vornehmen, d. h. die Könige und Geronten, Sitze eingerichtet 
waren; schon ist die öffentliche Stimme eine Macht, welche der König 
nicht ungestraft verachten darf, und schon finden sich auch im Lager 
vor Troja Leute wie Thersites. Er wird mit Hohn in seine Schranken 
zurückgewiesen, aber gerade das Zerrbild, welches Homer von ihm ent- 
wirft , giebt den Beweis, dass die Parteien sich mit Bewusstsein gegen- 
über standen und dass der aristokratische Witz sich schon geübt hatte, 
die Sprecher des Haufens mit Spott zu geifseln ; man ahnt, dass solche 
Vorgänge bald glücklichere Nachahmung finden werden. Auf Ithaka 
wird das Volk sogar in die Handlung liereingezogen. Mentor sucht es 
im dynastischen Interesse zu bearbeiten; er geht soweit, das Volk auf 
die Macht, die in der Masse liege, hinzuweisen : 

Aber dem anderen Volk, dem zürn' ich; Alle zusammen 
Sitzt ihr da und schweigt und Niemand wagt es mit Ernste 
Schranken den Freiern zu setzen, den Wenigen, euer so Viele. 
Freilich genügen wenige Worte der Freier, um die sich zusammen- 
schaarende Menge zu zerstreuen — aber die Parteien sind da , die eine 
vollständig ausgebildet, der das Königthum schon erlegen ist, die an- 
dere im Hintergrunde sich regend und vom Königthume selbst zu 
seinem Schutze aufgeboten. Selbst gewisse historische Charakterzüge, 
welche entschieden dem nachhomerischen Zeitalter angehören, geben 
sich in den Gedichten zu erkennen. So kann man im Menelaos , dem 
Könige Spartas, welcher, allen weitschweifigen Reden abgeneigt, die 
Gegenstände der Berathung in eindringlicher Kürze behandelt, den 
Vertreter des dorischen Stammes, der nach den troischen Zeiten in 
Lakonien ansässig war, kaum verkennen ^^). 



DIE ZUSTANDE DES HOMERISCHEN ZEITALTERS. 



137 



So linden wir trotz der epischen Ruhe, weiche ionische Poesie 
üher das ganze Weltbild auszugiefsen gewufst hat, eine Welt voll in- 
nerer Widersprüche; es ist Alles in Gährung, das Alte in Auflösung, 
und neue Kräfte, welche in den alten Lebensordnungen keinen Platz 
haben, in voller Entwickelung. Wir erkennen darin die Zeitverhält- 
nisse, unter denen die Gesänge fertig wurden, als (etwa um 900 vor 
Chr.) die unruhige Zeit der Wanderungen und Gründungen vorüber 
war und die Städte sich im Innern zu gestalten anfingen. Da trat die 
Fürstenmacht, welche während der Zeit der Kämpfe unentbehrlich 
gewesen war, zurück. Der Adel erhob sich gegen den Thron und in 
den Seestädten loniens entwickelte sich das Marktleben, in dem der 
Demos sich fühlen lernte und eine wesentliche Umgestaltung der Stände 
in der Gesellschaft herbeiführte. Aus dieser Zeit, seiner Gegenwart, 
hat der Dichter die Züge in das Bild der Vorzeit eingewebt. 

Dass aber das Epos unter ionischer Bevölkerung seine letzte Form 
empfangen hat, lässt sich besonders in den Zügen erkennen, welche die 
Bedeutung der öffentlichen Meinung so wie die Macht des überreden- 
den Wortes erkennen lassen. Ebenso gehört den loniern vorzugs- 
weise, was sich auf Handel und Seeleben bezieht, und jener Verkehr, 
welchen ihre neu gegründeten Städte mit allen Küsten eröffneten und 
über das innere Meer des Archipelagus hinaus nach Cypern, Aegypten 
und Italien ausdehnten, wurde arglos auf die Zustände der heroischen 
Welt übertragen. Diesen neu-ionischen Charakter trägt die Odyssee 
in noch höherem Grade als die Ilias; denn während dieser vielerlei 
StofY historischer Ueberlieferung zu Grunde liegt, wie er sich nament- 
lich in achäischen Fürstenfamilien erhalten hatte, so hat in den Ge- 
sängen vom Odysseus die ionische Phantasie ungleich freier geschal- 
tet und die verschiedenartigsten Schiffermährchen und Seeabenteuer 
hineingewoben. 

Der Handelsverkehr ist im WesentUchen noch ein Tauschhandel, 
wie er es im ägäischen Meer wegen der grofsen Mannigfaltigkeit der 
Produkte sehr lange geblieben ist. Indessen zeigte sich früh das Be- 
dürfniss, solche Gegenstände, welche einen stetigen, leicht zu bestim- 
menden und allgemein anerkannten Werth haben, als Werthmesser 
für die anderen Gegenstände zu benutzen. Ursprünglich sind es die 
Heerden, die den Reichthum der Häuser bilden. Rinder und Schafe 
werden daher vorzugsweise, wie zu Geschenken und Ausstattungen, 
so auch als Lösegeld für Gefangene, als Kaufpreis für Sklaven benutzt ; 



138 



DAS HOMERISCHE ZEITALTER. 



eine Waffenrüstung wird auf neun, die andere auf hundert Stiere ge- 
schätzt. Einen bequemeren Werthmesser forderte besonders der See- 
verkehr und man fand ihn in den Metallen. Kupfer und Eisen waren 
selbst wesentlich Handelsartikel, und je wichtiger das erstere für die 
Gewerbthätigkeit war, um so früher gingen die Schiffe von Hellas, das 
nur spärhche Kupferadern hatte, nach den westlichen Küsten, um blin- 
kendes Eisen hinzuführen und Kupfer einzutauschen. Die edlen Metalle 
aber haben bei Homer schon eine allgemeine Gültigkeit. Gold ist das 
Wertvollste, was man hat. Um Goldschmuck verrathen sich Freunde 
und Gatten, und der Könige Goldreichthum wird ja nur deshalb so 
hervorgehoben, weil das Gold eine Macht war, weil man für Gold Alles 
haben konnte. Die lonier sind es, welche das Gold in den griechi- 
schen Verkehr gebracht haben, und die Bewunderung seines Glanzes 
und Zaubers, wovon die homerischen Gedichte voll sind, ist vorzugs- 
weise der ionischen Auffassung zuzuschreiben. Auf der Wage wurden 
die Goldstücke zugewogen , 'Talanton' bezeichnet die Wage so wie das 
Gewogene; auch muss das homerische Talent schon eine bestimmte 
Gewichtseinheit bedeuten und aus jener Schätzung der Rüstungen er- 
i hellt, dass das Gold zum Kupfer m festem Verhältnisse stand, nämlich 

wie hundert zu neun^^). 

Der ionischen Behandlung des heroischen Sagenkreises ist endlich 
auch die kecke Auffassung der Götter und der Religion zuzuschrei- 
ben. Apollon, den alt-ionischen Stammgott, ausgenommen, werden 
alle Götter mit einer gewissen Ironie behandelt; der Olymp wird zum 
Abbilde der Welt mit allen ihren Schwächen. Die ernsteren Richtun- 
gen des menschhchen Bewusstseins treten zurück; was das Behagen 
der Zuhörer stören möchte, ist fern gehalten; die homerischen Götter 
verleiden Keinem den vollen Genuss des Sinnenlebens. Ionisches 
Leben mit aller seiner Liebenswürdigkeit und allen seinen Schäden 
und Gebrechen erkannte schon Plato in dem Epos Homers und man 
würde dem Griechen volke, welches vor Homer gelebt hat, sehr Unrecht 
thun, wenn man seine sitthche und rehgiöse Beschaffenheit nach den 
Götterfabeln des ionischen Sängers beurteilen, wenn man dem Volke 
absprechen wollte, was bei Homer nicht erwähnt wird, wie z. B. die 
Vorstellung von der Befleckung, welche vergossenes Bürgerblut her- 
beiführt, und von der Sühne, welche es verlangt. 

So giebt also Homer weder ein lauteres noch ein vollständiges 
Bild jener Zeit, welcher seine Helden angehören. Dafür reicht aber 



DER TROISCHE KRIEG ALS ÄRA. 



139 



sein Zeugniss über diese Zeit hinaus. Er zeigt den Umsturz der alten, 
den Uebergang in die neuen Verhältnisse; er bezeugt mittelbar auch 
die Wanderungen der nördhchen Stämme und die ganze Reihe von 
Thatsachen, welche von ihnen ausging. Denn die Volksbewegungen 
im fernen Epiros, die Eroberungszüge der Thessalier, Böotier und 
Dorier sind es doch , welche in ununterbrochener Folge jene Auswan- 
derung der Küstenvölker und jene Uebersiedelung nach Kleinasien 
hervorriefen , die zum homerischen Epos den Stoff gehefert und seine 
Ausbildung in lonien veranlasst haben ^^). 



Als der troische Sagenkreis in dem homerischen Epos abge- 
schlossen vorlag, begnügte man sich nicht, aus demselben eine allge- 
meine Anschauung jener Welt zu gewinnen, welche man als eine mit 
höheren Kräften ausgestattete und von Göttersöhnen regierte mit dem 
Namen des heroisclien Zeitalters bezeichnete, sondern man suchte das 
Epos in seinen einzelnen Zügen als Urkunde der Vorzeit zu benutzen. 
Man nahm die Heroen des Heldenliedes für geschichtliche Könige, man 
betrachtete die Thaten, welche die achäischen Eroberer ihren Ahnen 
andichteten, als wirklich geschehene; das poetische Spiegelbild be- 
festigte sich als Geschichte und so entstand die Ueberlieferung von 
einer zwiefachen Ausfahrt von Aulis, von einer zwiefachen Eroberung 
des troischen Landes, von zwei Kriegen desselben Inhalts, durch die- 
selben Volksstämme und Geschlechter ausgeführt. Da nun der erste, 
als ein losgerissenes Stück Heroensage, in der Luft schwebte, so 
musste natürlich , um ihm Anfang und Ende zu geben , der Sagenstoff 
weiter ausgesponnen werden. Die Helden des ersten Kriegs musste 
man nach Argos heimkehren lassen, weil man aus guter Quelle wusste, 
dass die Nachkommen Agamemnons bis zur dorischen Wanderung in 
Mykenai geherrscht hatten. So wurde aus dem Kampfe der ausge- 
triebenen Achäer um eine neue Heimath ein in höchster Machtfülle 
freiwillig unternommener Fürstenkrieg, ein zehnjähriger Feldzug. 
Jene Wanderung aber, durch welche die ganze Völkerbewegung ver- 
anlasst worden war, musste zwischen dem ersten und zweiten Kriege 
ihren Platz finden. Es ist ein merkwürdiges Zeugniss für die Macht 
des Gesanges im Volke der Hellenen , dass der gesungene Troerkrieg 
den wirklich gekämpften völlig in den Hintergrund treten liefs und 
dass jener Kampf, der, so viel wir sehen, keinen anderen Boden hat 



140 



DIE TROJANISCHE ÄRA. 



als den der homerischen Dichtung, der feste Punkt geworden ist, an 
welchen die Griechen ihre ganze Zeitrechnung angeknüpft haben. Sie 
setzten also 

den Fall von Ilion als Jahr 1 

die thessalische Einwanderung (S. 94) in das Jahr 50 

die Einwanderung der Arnäer in Böotien (S. 96) „ „ „ 60 
den Heerzug der Herakliden und Dorier (S. 107) „ „ „ 80 
die äolisch-achäische Besetzung von Troas (S. 114) „ „ „ 130 
die Gründung von INeu Jonien (S. 115) „ „ „ 140 

nach Trojas Fall. 

In Lesbos, wo achäische Famihen von homerischem Ruhme sich 
am dauerhaftesten erhielten, und in ionischen Seestädten, wo die 
Bekanntschaft mit dem Alterthume anderer Völker den Trieb zu 
wissenschafthcher Behandlung der eigenen Vorzeit erweckte, hat 
man am frühesten solche Versuche gemacht, die Traditionen der home- 
rischen Zeit chronologisch zu ordnen. Es gehört dies zu der weitver- 
zweigten Thätigkeit der Logographen, der Anfänger wissenschaftlicher 
Geschichtskunde. Nach dem Vorbilde orientalischer Reichsgeschichten 
wollten sie auch in den UeberHeferungen ihres Volks einen Zusam- 
menhang herstellen, sie berechneten die Stammbäume der namhaf- 
teren Geschlechter und strebten dahin, die zwischen den beiden gro- 
fsen Zeitperioden, der vordorischen und nachdorischen, in der Mitte 
Hegende Kluft auszufüllen. 

Zu diesem Zwecke hatte man verschiedene Wege eingeschlagen. 
In Athen war zur Zeit der Pisistratiden eine Königsreihe aufgestellt, 
welche die Ankunft der Nehden in Athen auf 1149 v. Chr. bestimmte. 
Diese Aera galt dann auch für die Heraklidenwanderung und 60 Jahre 
früher, d. i. 1209, setzte man darnach den Fall von Troja. Diesem 
attischen System folgt die parische Marmorchronik. 

Ein zweites System der Chronologie war im Peloponnes zu Haus 
und schloss sich einerseits an die Listen der Könige von Sparta, an- 
dererseits an die der Sieger von Olympia an. 

Als nun in Alexandria den Gelehrten diese verschiedenen Systeme 
vorlagen, kam es darauf an, ein allgemein gültiges System festzustellen 
und durch Eratosthenes hat die peloponnesische Berechnung, welche den 
Fall Trojas 407 Jahre vor Olympias 1 ansetzte, eine weitreichende An- 
erkennung gewonnen. Dem troischen Feldzuge (1194 — 1184) wurden 



DIE TROJANISCHE ÄRA. 



141 



dann diejenigen nationalen Erinnerungen vorgeschoben, welche in 
älteren Liedern nachklangen, der doppelte Zug gegen Thehen und der 
Argonautenzug. So kam man mit den ältesten Daten europäisch-grie- 
chischer Geschichte bis in die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts vor 
unserer Zeitrechnung. Endlich stellte man als Urheber aller grie- 
chischen Volksgeschichte die Einwanderer aus dem Morgenlande, Rad- 
mos, Kekrops, Danaos und Pelops, an die Spitze des ganzen Systems, 
von dem richtigen Gefühle geleitet, dass die wahren Anfänge der 
hellenischen Civilisation an der Ostseite des Archipelagus zu suchen 
seien, wo wir schon im fünfzehnten Jahrhunderte griechische Stämme 
am See- und Weltverkehre theilnehmend uns denken dürfen ^'^). 



ZWEITES BÜCH. 



BIS ZU DEN PERSERKRIEGEN. 



I. 



PELOPONNESISCHE GESCHICHTE. 

Mit dem Zuge der Dorier ist die Kraft der Gebirgsvölker aus dem 
Norden hervorgetreten, um ihren Antheil an der Volksgeschichte gel- 
tend zu machen. Sie waren vor den Küsten- und Seestämmen um 
Jahrhunderte zurückgeblieben, traten aber jetzt mit um so gröfserem 
Nachdrucke derber Naturkraft ein, und was in Folge ihrer Erobe- 
rungszüge umgestaltet und neugestaltet worden ist, das hat für alle 
Zeiten griechischer Geschichte Bestand gehabt. Dies ist der Grund, 
weshalb schon die alten Historiker im Gegensatze zu dem 'heroischen 
Zeitalter' die geschichtliche Zeit mit den ersten Thaten der Dorier be- 
gonnen haben 

Darum ist aber die Kunde von diesen Thaten durchaus nicht er- 
giebiger. Im Gegentheile: die alten Quellen versiegen, wie diese Epo- 
che eintritt, ohne dass neue sich ölfncn. Homer weifs nichts vom 
Heraklidenzuge. Die ausgewanderten Achäer lebten ganz in der Er- 
iiuierung der vergangenen Tage und pflegten sie jenseits des Meers in 
treuem Andenken des Liedes. Für die zurückbleibenden, welche sich 
in fremde, gewaltsame Ordnungen fügen mussten, war keine Zeit des 
Gesanges. Die Dorier selbst sind immer karg in der Ueberheferung 
gewesen; es war nicht ihre Art, von dem, was sie gethan, viel Worte 
zu machen; sie hatten auch nicht die schwunghafte Begeisterung des 
achäischen Stammes, noch weniger konnten sie nach lonierweise das 
Erlebte in behaglicher Breite ausspinnen. Ihr Sinnen und Können 
war dem praktischen Leben, der Erledigung bestimmter Aufgaben, 
einem ernsten, zweckvollen Handeln zugewendet. 

So blieben denn die grofsen Begebenheiten der dorischen Wan- 
derung zufälliger Ueberlieferung überlassen, welche sich bis auf ge- 

CüTrtiuB,"Gr. Gesch. I. 6. Aufl. " " — — IQ 



146 



DIE DORIER IM PELOPONNES. 



ringe Spuren verloren hat, und darum ist die ganze Kunde von der 
Eroberung der Halbinsel so arm an Namen wie an Thatsachen. Denn 
erst in später Zeit, als das volksthümliche Epos sich längst ausgelebt 
hatte , suchte man auch die Anfänge der peloponnesischen Geschichte 
herzustellen. 

Aber diese späten Dichter fanden keinen frischen und lebendigen 
Strom der Ueberlieferung mehr; auch war es bei ihnen nicht jene 
reine und unbefangene Freude an den Bildern der Vorzeit, welche der 
Lebenshauch homerischer Dichtung ist, sondern sie hatten das be- 
wusste Streben, eine Lücke der Ueberlieferung auszufüllen und die 
zerrissenen Fäden zwischen der achäischen und der dorischen Zeit 
anzuknüpfen. Sie suchten die verschiedenen Ortssagen zu vereinigen, 
die fehlenden Glieder zu ergänzen, die Widersprüche zu vermitteln, 
und so entstand eine Geschichte des Herakhdenzugs , in welcher das, 
was in Jahrhunderten allmähhch zu Stande gekommen war, in pragma- 
tischer Kürze zusammengedrängt wurde 

Die Dorier kamen in wiederholten Zügen mit Weib und Kind vom 
Festlande herüber ; sie breiteten sich langsam aus. Aber wo sie festen 
Fufs fassten, erfolgte durch sie eine durchgreifende Umgestaltung der 
Lebensverhältnisse. Sie brachten ihre Haus- und Gemeindeordnung 
mit, sie hielten ihr Eigentümliches in Sprache und Sitte mit zäher 
Kraft fest; stolz und spröde schlössen sie sich gegen die andern Grie- 
chen ab und statt wie die lonier in den Stamm der älteren Bevölke- 
rung aufzugehen, prägten sie der neuen Heimath den Charakter ihres 
Stammes auf. Die Halbinsel wxu'dfi dorisch. 

Die Dorisirung erfolgte aber in sehr verschiedener Weise; sie 
ging auch nicht von einem Mittelpunkte aus, sondern von drei 
Hauptpunkten. Die peloponnesische Sage hat dies so ausgedrückt, 
dass vom Stamme des Hq^^||Jes . des alten rechtmäfsigen Erbherrn von 
Argos, drei Brüder vorhanden waren, welche des Ahnherrn Ansprüche 
vertraten, Temenos, Aristodemos und Kresphontes. Sie opfern ge- 
meinsam an drei Altären des Zeus Patroos und werfen unter sich das 
Loos um die verschiedenen Herrschaften im Lande. Argos war das 
Ehrenloos, welches Temenos zufiel; Lakedämon, das zweite, kam an 
die unmündigen Kinder des Aristodemos, während das schöne Messe- 
nien durch List in den Besitz des dritten Bruders gelangte. Il/iß-j^ xwUr» 

Diese Geschichte von der Heraklidenloosung ist im Peloponnese 
entstanden, nachdem die Staaten sich längst in ihrer Eigenthümhch- 

/) \ 

r 

'kW 



DIE DORIER IM PELOPONNES. 



147 



keit ausgebildet hatten; sie enthalt den in die heroische Vorzeit zu- 
rückverlegten Grund für die Entstehung der drei Urorte, die mythische 
Legitimation des peloponnesischen Heraklidenrechts und der neuen 
Staatenordnung. Der geschichtliche Kern der Sage ist, dass die Dorier 
von Anfang an nicht eigenes Stamminteresse vertraten, sondern die 
Interessen ihrer Herzöge, welche nicht Dorier waren, sondern Achäer; 
darum ist auch der Gott, unter dessen Autorität die Landtheilung er- 
folgt, kein anderer, als der alte Stammgott der Aeakiden, Ferner liegt 
jener Sage die Thatsache zu Grunde, dass die Dorier sich, um die drei 
Hauptebenen der Halbinsel zu gewinnen, bald nach der Einwande- 
rung in drei Heerhaufen trennten. Jeder hatte seine Herakhden 
als Volksführer, jeder in sich seine drei Stämme, die Hylleer, Dyma- 
nen und Pamphyler. Jeder Heerhaufen war ein Abbild des ganzen 
Volksstamms. Wie nun die verschiedenen Heerhaufen in den neuen 
Sitzen sich einrichteten, wie weit sie trotz der fremden Leitung, wel- 
cher sie ihre Kräfte dienstbar machten, und in der Mitte des älteren 
Landvolks sich selbst und ihrer heimischen Stamm sitte treu blieben, 
und wie sich nach beiden Seiten hin die Verhältnisse gestalteten , da- 
rauf musste bei der Entvvickelung der peloponnesischen Geschichte 
Alles ankommen^). 

Die neuen Staaten waren zum Theil auch neue Territorien; so 
namentlich Messenien. Denn im homerischen Peloponnes giebt 
es keine Landschaft dieses Namens ; da gehört der östliche Theil, wo 
die Wasser des Pamisos eine obere und untere Ebene mit einander 
verbinden , zur Herrschaft des Menelaos ; die Westhälfte aber zum 
Reiche der Neleiden, welches an der Küste seinen Mittelpunkt hatte. 
Die Dorier kamen von Norden in die obere jener Ebenen und fassten 
hier in Sienyklaros festen Fufs. Von hier breiteten sie sich aus und 
drängten die thessahschen Neleiden gegen das Meer. Die hohe, insel- 
artige Meerburg von Altnavarin scheint der letzte Küstenpunkt ge- 
wesen zu sein, wo diese sich hielten , bis sie endlich , immer näher 
umdrängt, das Land zur See verliefsen. Die steny klarische Binnen- 
ebene wurde nun der Kern der neu gebildeten Landschaft, welche 
deshalb Messene d. h. Mittel- oder Binnenland genannt werden konnte. 

Von dieser grofsen Umgestaltung abgesehen, ging die Verände- 
rung friedlicher von Statten, als an den meisten anderen Punkten. 
Wenigstens weifs die einheimische Sage nichts von gewaltsamer Er- 
oberung. Den Doriern soll an Acker- und Weideland ein Bestimmtes 

10* 



148 



DIE DORFER IN MESSENIEN. 



abgegeben , das Uebrige den Einwohnern in ungestörtem Besitze ge- 
lassen sein. Es nahmen die siegreichen Einwanderer nicht einmal 
eine abgesonderte und bevorzugte Stellung in Anspruch; die neuen 
Landesfürsten wurden gar nicht als fremdartige Eroberer, sondern als 
Verwandte der alten äolischen Könige angesehen und aus Abneigung 
gegen die Pelopiden-Herrschaft mit nationaler Sympathie aufgenom- 
men. Voll Vertrauen siedelten sie sich mit ihrem Gefolge mitten 
unter den Messeniern an und verfolgten offenbar keinen anderen 
Zweck, als dass unter ihrem Schutze die alten und neuen Bewohner 
friedlich zu einem Ganzen verschmelzen sollten. 

So harmlos entwickelten sich aber die Verhältnisse nicht weiter. 
Die Dorier glaubten sich von ihren Führern verrathen. Durch eine 
dorische Gegenbewegung sah Kresphontes sich gezwungen, die erste 
Ordnung der Dinge wieder umzustürzen, die Rechtsgleichheit aufzu- 
heben, die Dorier sämtlich als eine abgeschlossene Gemeinde in 
Stenyklaros zu vereinigen und diesen Platz zur Hauptstadt des Landes 
zu machen, so dass das übrige Messenien in die Stellung einer unter- 
worfenen Landschaft gebracht wurde. Die Unruhen dauern fort. 
Kresphontes selbst wird das Opfer eines blutigen Aufstandes; sein 
Stamm wird gestürzt, es folgen keine Kresphontiden. Aipytos folgt. 
Er ist von Namen und Stamm ein Arkader, in Arkadien erzogen und 
von dort eingedrungen in Messenien , das in Auflösung begriffen war. 
Er bringt eine festere Ordnung und Richtung in die Entwickelung des 
Landes, und darum heifsen nun nach ihm die Landeskönige Aepytiden. 
Die ganze Richtung aber, welcher von jetzt an die Geschichte des 
Staates folgt, ist eine veränderte, eine undorische, unkriegerische. 
Die Aepytiden sind keine Heerfürsten, sondern Festordner und Grün- 
der von Götterculten. Diese Culte aber sind nicht die der Dorier, 
sondern entschieden undorische, altpeloponnesische , wie die der De- 
meter, des Asklepios, der Asklepiaden. Die Hauptfeier des Landes war 
ein dem dorischen Stamme fremder Mysteriendienst der sogenannten 
'grofsen Gottheiten', und auf Ithome, der hohen Burg des Landes, die 
sich herrschend zwischen den beiden Ebenen der Landschaft erhebt, 
waltete der pelasgische Zeus , dessen Dienst für das unterscheidende 
Kennzeichen des messenischen Volkes galt. 

So dürftig auch die erhaltenen Trümmer der messenischen Lan- 
desgeschichte sind, einige sehr wichtige Thatsachen liegen ihr unzwei- 
felhaft zu Grunde. Es herrschte in dieser Doriergründung von Anfang 



DIE DORIER IN LAKONIEN. 



149 



an eine merkwürdige Unsicherheit, eine tiefe Spaltung zwischen Heer- 
führer und Volk, die aus dem Anschlüsse des Königs an die ältere, 
vorachäische Bevölkerung herrührte. Es gelang ihm nicht eine Dyna- 
stie zu gründen •, denn Aipytos ist nur durch spätere Sage, welche hier 
wie in allen griechischen Stammbäumen die gewaltsamen Unterbre- 
chungen zu verkleiden suchte, zum Sohne des Kresphontes gemacht 
worden. Das dorische Kriegsvolk aber muss in inneren Kämpfen sich 
so geschwächt haben, dass es nicht im Stande war, mit seiner Eigen- 
Ihümlichkeit durchzudringen; eine Dorisirung Messeniens kommt nicht 
zu Stande und dadurch ist die LandesgescÜichte in ihren Grundzügen 
bestimmt worden. Denn so reich mit natürhchen Hülfsmitteln die 
Landschaft ausgestattet war, welche zwei der schönsten Flussebenen 
mit einem hafenreichen, an zwei Meeren ausgebreiteten Uferlande ver- 
einigte, so unvorteilhaft war von Anfang an die Entwickelung des 
Staates. Es erfolgte hier keine durchgreifende Erneuerung, keine 
kräftige, hellenische Wiedergeburt der Landschaft*). 

Mit ganz anderem Erfolge drang ein zweiter Heerhaufe dorischen 
Kriegsvolks in das lange Thal des Eurotas ein, welches aus enger 
Schlucht sich allmähhch zu der gesegneten Saatebene am Fufse des 
Taygetos, dem 'hohlen Lakedämon' erweitert. Es giebt kaum eine 
griechische Landschaft, in welcher so entschieden wie hier eine Ebene 
das Kernstück des Ganzen ist. Tief eingesenkt zwischen rauhen Ge- 
birgen und dyrch hohe Pässe von den Umlanden gesondert, vereinigt 
sie in ihrem Schofse alle Hülfsmittel eines behaghchen Wohlstandes. 
Hier schlugen auch die Dorier auf den Erdhügeln am Eurotas oberhalb 
Amyklai ihr Lager auf, aus welchem die Stadt Sparta erwuchs, die 
jüngste'Stadt der Ebene. 

Wenn Sparta uj id _Amyklai Jahrhund erte lang neben einander als 
d orische und achäischeStadt bestanden, so liest am "Tage, dass wäh- 
rend dieser Zeit kein ununterbrochener Kriegszustand gedauert hat. 
Es muss also hier ebensowenig wie in Messenien, eine durchgreifende 
Besetzung der ganzen Landschaft stattgefunden haben, sondern Ver- 
träge haben auch hier die Verhältnisse zwischen den alten und neuen 
Landesbewohnern geordnet. Auch hier haben sich die Dorier in ver- 
schiedene Orte zerstreut und mit fremdem Volke vermischt. 

Der dritte Staat hat seinen Kern in der Inachosebene, welche als 
das Loos des Erstgeborenen der Herakhden angesehen wurde. Denn 
der Ruhm der Atridenmacht, welcher doch vorzugsweise an Mykenai 



150 



DIE DORIER m ARGOLIS. 



haftete, ging auf den Staat über, welcher auf den Trümmern des 
mykeniscben Reichs gegründet wurde. Der Keim des dorischen Ar- 
gos lag in der Küste, wo zwischen der versandeten Mündung des Ina- 
chos und der des wasserreichen Erasinos aus dem sumpfigen Boden 
sich eine festere Terrasse erhebt. Hier hatten die Dorier ihr Lager 
und ihre Heiligthümer ; hier war ihr Heerführer Temenos gestorben 
und bestattet worden , ehe er noch sein Volk im sicheren Besitze der 
oberen Ebene gesehen hatte , und nach ihm behielt dieser Küstenort 
den Namen Temeuion. Seine Lage beweist, dass die Burgen und 
Pässe des innern Landes von den Achäern mit ausdauernder Kraft 
behauptet worden sind, so dass die Dorier gezwungen waren, mit 
einem durchaus unvorteilhaften Platze sich so lange zu begnügen. 
Denn der ganze Uferstrich ist erst allmählich bewohnbar geworden, 
und eine sumpfige Natur war nach Aristoteles ein Hauptgrund dafür, 
dass die Herrscherstadt der Pelopiden so tief im Hintergrunde der 
oberen Ebene gelegen war. Jetzt wurde beim Vordringen der dori- 
schen Macht die hohe Felsburg Larisa auch das politische Centrum 
der Landschaft und das pelasgische Argos am Fufse derselben, welches 
der älteste Sammelplatz der Bevölkerung gewesen war, von Neuem 
die Hauptstadt. Es wurde der Sitz der regierenden Geschlechter aus 
des Temenos Stamm und der Ausgangspunkt für ihre weitere Macht- 
ausbreitung 

Diese Ausbreitung erfolgte auch hier nicht als eine gleichmäfsige 
Eroberung der Landschaft und Vernichtung der früheren Ansiedlun- 
gen, sondern durch Aussendung dorischer Gemeinden, welche zwi- 
schen der ionischen und achäischen Bevölkerung an wichtigen Punkten 
sich festsetzten. Auch dies geschah in verschiedener Weise, bald 
mehr bald minder gewaltsam , und zwar in zwiefacher , strahlenförmi- 
ger Richtung, einerseits nach dem korinthischen, andererseits nach 
dem saronischen Meere hin. 

Niedrige Pässe führen von Argos in das Asoposthal hinüber. In 
das obere Thal, wo unter dem Segen des Dionysos das altionische 
Phhus blühte, führte Rhegnidas der Temenide dorische Schaaren 
hinüber, Phalkes aber in das untere Thal, an dessen Ausgange auf 
stattHcher Hochfläche Sikyon sich ausbreitete, die uralte Hauptstadt 
des Küstenlandes Aigialeia. An beiden Orten soll eine friedliche 
Landtheilung stattgefunden haben; ebenso in der Nachbarschaft der 
Phliasier, Kleonai. Freilich, wird niemand glauben, dass in den 



DIE DORIER IN ARGOLIS. 



151 



engen und dichtbevölkerten Landschaften herrenlose Aecker zu haben 
gewesen wären , um die landbegehrenden Fremdlinge zu befriedigen, 
und eben so wenig, dass die alten Grundbesitzer gutwillig ihren ange- 
stammten Besitz räumten; sondern der Sinn der Ueberlieferung ist 
der, dass hier in Folge der dorischen Einwanderung nur einzelne 
reichbegüterte Geschlechter zum Abzüge gezwungen wurden, während 
die übrige Bevölkerung in ihren Verhältnissen verharrte und von 
einer Staatsumwälzung verschont blieb. Der Auswanderungstrieb, 
welcher sich der ionischen Geschlechter im ganzen Norden der Halb- 
insel bemächtigt hatte, erleichterte die Umgestaltung der Verhältnisse. 
Die Hoffnung, jenseits des Meers schönere Wohnsitze und eine reichere 
Zukunft zu finden, trieb sie in die Ferne. So verliefs Hippasos, des 
Pythngoras Ahnherr, das Engllial von Phlius, um in Samos mit den 
Seiij(M) eine neue Heimath zu linden. 

Auf di('S(3 Weise wurde in allen Küstenländern gutes Ackerland 
frei und konnte von den Regierungen der kleinen Staaten , die entwe- 
der in ihren Würden blieben oder an Stelle der Auswanderer eintraten, 
in Hufen getheilt, an die Mitglieder des dorischen Kriegerstammes über- 
tragen werden. Denn diese gingen nicht darauf aus, die alten Ord- 
nungen umzustürzen und neue Staatsprincipien geltend zu machen, 
sondern sie wollten nur auskömmlichen Landbesitz für sich und die 
Ihrigen und im Zusammenhange damit bürgerliche Rechte. Deshalb 
wurden verwandte Gölter- und Heroenculte zu friedlicher Anknüpfung 
benutzt. So wird ausdrücklich von Sikyon berichtet, dass daselbst 
schon seit alten Zeiten Herakliden geherrscht hätten; deshalb habe 
Phalkes, als er mit seinen Doriern eingedrungen sei , das regierende 
Geschlecht daselbst in Amt und Würden gelassen und sich auf dem 
Wege eines friedUchen Vertrags mit ihm verständigt^). 

Nach der Küste des saronischen Meerbusens zogen von Argos 
zwei Heerhaufen unter Heiphon tes und Afflios, welche die altionischen 
Städte Epidauros und Troizen dorisch machten; von Epidauros aber 
ging der Zug nach dem Isthmus, wo in dem festen und wichtigen 
Ko|;iijJJii, der Schlüsselburg der ganzen Halbinsel, die Reihe der teme- 
nidischen Niederlassungen ihren Abschluss fand. 

Diese Niederlassungen bilden ohne Frage den glänzendsten Theil 
der dorischen Kriegszüge im Peloponnes. Durch die Energie der 
Dorier und ihrer Führer aus Herakles' Stamme, welche sich zu diesen 
Unternehmungen in besonders grofser Anzahl vereinigt haben müssen. 



152 



DIE DORIER IN ARGOLIS. 



waren alle Theile der vielgegliederten Landschaft glücklich besetzt 
worden und das neue Argos , von der Insel Kythera bis zur attischen 
Gränze ausgedehnt, den bescheideneren Niederlassungen am Pamisos 
und Eurotas weit überlegen. Denn wenn die Heerführer auch nicht 
überall neue Staaten gegründet hatten, so waren doch alle durch Auf- 
nahme eines dorischen Volkshaufens, welcher nun den wehrhaften und 
vorwiegenden Bestandtheil der Bevölkerung bildete, gleichartig geworden. 

Diese Umwandelung war von Argos ausgegangen und darum 
standen alle diese Niederlassungen mit der Mutterstadt als Filiale in 
Verbindung, und so können wir Argos, Phlius, Sikyon , Troizen, Epi- 
dauros und Korinth als eine dorische Sechsstadt betrachten, welche 
eben so wie in Karien einen Bundesstaat bildete. 

Auch dies war keine durchaus neue Einrichtung. In der Achäer- 
zeit war Mykenai mit dem Heraion des Landes Mittelpunkt gewesen; 
im Heraion hatte Agamemnon seinen Vasallen den Lehnseid abgenom-~ 
men. Darum sollte auch die Göttin Hera es gewesen sein, welche 
den Temeniden nach Sikyon voranwandelte, als sie die aus einander 
gefallenen Städte zu neuer Einiguug verbinden wollten. So schloss 
sich auch hier die Neugestaltung an alte Ueberlieferung an. 

Jetzt aber wurde zum Mittelpunkt des Bundesstaats der Dienst 
des Apollon , welchen die Dorier in Argos vorfanden und nur neu be- 
gründeten, und zwar als des delphinischen oder pythischen Gottes» 
unter dessen Einflüsse sie zu einem thatenreichen Volke geworden, 
unter dessen Obhut sie bis dahin geführt waren. Die Städte sendeten 
ihre jährhchen Opfergaben an den Tempel des Apollon Pythaeus, der 
in Argos am Fufse der Larisa stand, die Mutterstadt aber hatte mit der 
Verwaltung des Heihgthums zugleich die Bechte eines Vororts^). 

Indessen war die Gröfse von Argos und der Glanz seiner neuen 
Gründungen ein gefährlicher Vorzug. Denn die Ausbreitung der 
Macht war zugleich eine ZerspHtterung derselben, und diese wurde 
durch die natürliche Beschaffenheit der argolischen Landschaft, wel- 
che von allen peloponnesischen Landschaften die am mannigfaltigsten 
geghederte ist, in hohem Grade gefördert. 

Auch in Beziehung auf die inneren Verhältnisse der einzelnen 
Staaten herrschte eine grofse Mannigfaltigkeit , je nachdem die ältere 
und die jüngere Bevölkerung sich zu einander gestellt hatten. Denn wo 
Waffengewalt den Sieg der Dorier entschied, da wurden die alten In- 
sassen aus Becht und Besitz hinausgedrängt; da bildete sich ein achä- 



ÄLTERE UND JÜNGERE BEVÖLKERUNG. 



153 



isch- (lorischer Staat und es gab keine Staatsbürger als die den drei 
Stämmen Angehörenden. 

Meistens aber war es anders. Namenthch wo alter Wohlstand war, 
auf Landbau, Gewerbfleifs und Handel gegründet, wie in Phlius und 
Sikyon, da liefs sich die Bevölkerung nicht ganz, wenigstens nicht auf 
die Dauer, unterdrücken und bei Seite schieben. Sie blieb keine 
namenlose und bedeutungslose Masse, sondern wurde neben den drei 
dorischen Stämmen, wenn auch mit ungleichen Rechten, als Stamm 
anerkannt oder in mehrere Stämme vertheilt. Wo also mehr als drei 
Phylen oder Stämme vorhanden sind, wo neben den Hylleern, Dyma- 
nen und Pamhpylern noch 'Hyrnelhier' genannt werden, wie in Argos, 
oder 'Aigialeer' (Strandvolk), wie in Sikyon, oder eine 'Chthonophyle' 
(wie vielleicht in Phlius die Eingeborenen als Stamm genannt wurden), 
da kann angenommen werden, dass die Einwanderer das ältere Volk 
von dem neugegründeten Gemeinwesen nicht durchaus ferngehalten, 
sondern ihm früher oder später eine gewisse Berechtigung eingeräumt 
haben. Mochte dieselbe noch so gering sein, sie wurde doch der 
Keim wichtiger Entwickelungen, und das Vorhandensein solcher Ne- 
benstämme genügt, um den Staaten, wo sie vorkommen, eine eigen- 
thümliche Geschichte vorzuzeichnen. 

Die verschiedenen Stämme wohnten ursprünglich auch örtlich 
getrennt. Wie im Lager die verschiedenen Heerestheile, so hatten die 
Pamphyler, die Dymanen und die Hylleer ihre besonderen Quartiere 
in Argos, die sehr lange als solche bestanden; als die Hyrnethier zur 
Stadtgemeinschaft zugelassen wurden, bildeten sie neben jenen ein 
viertes Stadtquartier. Wie lang es überhaupt gedauert hat, bis die 
verschiedenen Bestand Iheile der Bevölkerung mit einander verschmol- 
zen, erkennt man am deutlichsten daran, dass Orte wie Mykenai als 
achäische Gemeinden ruhig fortbestanden. Iiier lebten an Ort und 
Stelle ungestört die alten Ueberheferungen der Pelopidenzeit; hier 
wurde Jahr für Jahr der Todestag Agamemnons an seiner Grabstätte 
begangen und noch in den Perserkriegen sehen wir die Männer von 
Mykenai und Tiryns, ihrer alten Ileldenkönige eingedenk, an den Na- 
tionalkämpfen gegen Asien Theil nehmen^). 

So wurden im Süden und Osten der Halbinsel unter dorischem 
Einflüsse drei neue Staaten gegründet, Messenien, Lakonien, Argos, 
die schon in ihren ersten Grundlagen sehr verschieden waren und in 
ihren Richtungen früh aus einander gingen. 



154 



GRÜNDUNG DER WESTLICHEN KÜSTENSTAATEN. 



Auf der abgelegenen Westküste traten gleichzeitig grofse Verän- 
derungen ein. Die Staaten, welche Homer nördhch und südlich vom 
Alpheios kennt, wurden umgestürzt und ätoHsche Geschlechter, wel- 
che Oxylos als Ahnherrn ehrten, gründeten auf dem Gebiete der Epeer 
und Pyher neue Herrschaften. Diese Gründungen stehen mit den 
dorischen Heerzügen in keinem nachweisbaren Zusammenhange, und 
es ist nur eine Sagendichtung späterer Zeit , nach welcher Oxylos sich 
zum Lohne seiner Dienste von den Doriern im Voraus das westliche 
Land als seinen Antheil ausbedungen haben soll. Die späte Erfindung 
verräth sich dadurch, dass die neuen Ansiedelungen auf der Halbinsel 
in diesen und ähnlichen Sagen als ein grofses, planmäfsiges Unter- 
nehmen dargestellt werden; eine Darstellung, welche mit den That- 
sacheji der Geschichte in völligem Widerspruch steht. Und wenn 
weiter erzählt wird, dass die Dorier von ihrem schlauen Führer, statt 
auf dem ebenen Küstenwege, quer durch Arkadien hindurch geleitet 
worden wären, damit sie beim Anbhcke der dem Oxylos eingeräumten 
Landstriche nicht neidisch oder gar wortbrüchig werden möchten : so 
ist diese Sage nur zu dem Zwecke erfunden, um die von der dorischen 
Einwanderung unabhängige Staatenbildung in Eüs zu erklären, und es 
liegt ihr der Umstand zu Grunde, dass der ganze westhche Uferstrich 
vom Sunde bei Rhion bis Navarin hinunter durch weitgestreckte, be- 
hagliche Ackerfluren ausgezeichnet ist, wie sie sich sonst im griechi- 
schen Lande nicht leicht wiederfinden^). 

Das beste Kornland liegt am Fufse des Erymanthosgebirges, eine 
breite Ebene, vom Peneios durchflössen, von weinreichen Hügeln um- 
geben, naheliegenden Inselgruppen zugewendet. Wo der Peneios aus 
dem arkadischen Gebirgslande in diese Küstenebene hinaustritt, erhebt 
sich an seinem linken Ufer eine stattUche Höhe, welche frei über Land 
und Inselmeer hinschaut und deshalb im Mittelalter Kalaskope oder 
Belvedere genannt wurde. Diese Höhe wurde von den ätolischen 
Einwanderern zur Herrenburg ausersehen; sie wurde die Königs- 
burg der Oxyliden und ihres Gefolges, denen die besten Ländereien 
zufielen. 

Von hier aus dehnte sich der ätolische Staat unter dem Landes- 
namen Eüs südwärts über die ganze Niederung aus, wo um den Al- 
pheios einst die Epeer und Pylier ihre Nachbarfehden ausgefochten 
hatten, von denen Nestor so gern erzählte. Bei dem Verfalle des 
Küstenreichs der Neleiden, das im Süden durch die messenischen 



ELIS, PISA, TRIPHYLIA. 



155 



Dorier, im Norden durch die Epeer angegriffen wurde, drangen aus 
dem Innern der Halbinsel äolische Stämme vor, Minyer, welche aus 
dem Taygetos verdrängt die Gebirge besetzten , die von Arkadien am 
weitesten gegen das sicilische Meer vorlaufen. Hier siedelten sie sich 
in sechs festen Städten an, welche durch einen gemeinsamen Dienst 
des Poseidon verbunden waren ; Makistos und Lepreos waren die an- 
sehnlichsten. So bildete sich zwischen Alpheios und Neda in dem 
später sogenannten Triphylien oder 'Dreistammland' ein neuer Minyer- 
staat^"). 

Endlich wurde auch im Alpheiosthale der Keim eines neuen 
Staates gelegt, in dem versprengte Geschlechter der Achäer unter 
Agorios aus HeUke sich mit älohschen Geschlechtern verbanden und 
hier den Staat von Pisa gründeten. So entstanden an der Westküste 
theils durch Eroberung nordischer Stämme, theils durch Zuzüge aus 
andern Theilen der Halbinsel drei neue Staaten; Ehs, Pisa, Triphy- 
lien, und auf diese Weise war allmählich das ganze Küstenland des 
Peloponneses rund umher neu bewohnt und neu gegliedert. Nur das 
Kernland der Halbinsel war nicht wesentlich in seinen hergebrachten 
Verhältnissen gestört ^^). 

Arkadien galt den Alten für ein vorzugsweise pelasgisches Land 
und hier, dachte man, seien die autoch thonischen Zustände der Urbe- 
wohner am längsten erhalten, am ungestörtesten sich selbst überlassen 
geblieben. Indessen weisen die einheimischen Sagen selbst deutlich 
darauf hin, dass auch hier mehrfache Zuwanderungen stattgefunden 
haben, welche die einförmigen Zustände des pelasgischen Lebens un- 
terbrochen und eine Vermischung von Stämmen verschiedener Art 
und Herkunft veranlasst haben. Auch hier ist eine solche Epoche 
nicht zu verkennen, mit welcher, wie in allen andern griechischen 
Landschaften, die geschichtliche Bewegung begonnen hat. 

Nach Pelasgos und seinen Söhnen bildet Arkas, als Stammvater 
der Arkader, einen neuen Anfang in der Vorgeschichte des Landes. 
Arkader hnden sich aber in Phrygien und Bithynien wie auf Kreta 
und Cypern, und dass von den Inseln und Küsten des östlichen Meeres 
Colonisten in das Hochland des Peloponneses hinaufgestiegen sind, 
um dort in fruchtbaren Thälern sich niederzulassen, das wird durch 
vielfache Beziehungen erwiesen. Die kretischen Zeuslegenden wieder- 
holen sich auf das Genaueste am arkadischen Lykaion; Tegea und 
Gortys sind kretische wie arkadische Städte mit übereinstimmenden 



156 



ARKADISCHE ZUSTÄNDE. 



Gottesdiensten; Tegea istjnit Paphos durch alte Sagen verbunden und 
die kyprische Mundart, welche erst in neuester Zeit aus einheimischen 
Denkmälern bekannt geworden ist, zeigt grofse AehnHchkeit mit der 
arkadischen. Arkader kannte man als Seefahrer im westlichen wie 
im östlichen Meere , und Nauplios , der Heros der ältesten peloponne- 
sischen Hafenstadt, erscheint als Diener tegeatischer Könige, zu deren 
Hause auch Argonauten wie Ankaios gehören ^^). 

Das sind Spuren alter Ueberheferungen , welche beweisen, dass 
auch das peloponnesische Binnenland nicht so abgelegen und abge- 
schlossen gewesen ist, wie man gewöhnlich annimmt, dass auch hier 
Zuwanderungen erfolgt sind und dass in Folge derselben aus ländlichen 
Gauen eine Reihe von Städten erwachsen ist, namentlich in den 
fruchtbaren Kesselthälern der östlichen Seite, welche ihrer natürlichen 
Begränzung wegen sich am frühesten zu Stadtgebieten abschlössen, 
so Pheneos, Stymphalos, Orchomenos, Kleitor und dann die mit Tegea 
verknüpften Städte Mantineia, Alea, Kaphyai und Gortys. Im süd- 
westhchen Theile von Arkadien, im Waldgebirge des Lykaion und 
im Alpheiosthale, gab es auch uralte Stadtburgen, wie Lykosura; aber 
diese Burgen sind niemals zu staathchen Mittelpunkten der Land- 
schaften geworden. Die Gemeinden blieben zerstreut wohnen und 
standen nur im lockeren Verbände der Genossenschaft. 

So bestand ganz Arkadien aus einer zahlreichen Gruppe von städ- 
tischen und ländlichen Kantonen. Nur die ersteren waren es, welche 
eine geschichthche Bedeutung gewinnen konnten , und unter ihnen 
vor allen Tegea, das, im fruchtbarsten Theile der grofsen arkadischen 
Hochebene gelegen , seit alten Zeiten eine gewisse vorörtliche Stellung 
eingenommen haben muss. Daher war es auch ein tegeatischer König, 
Echemos, der 'Festhalter', welcher den Doriern den Eintritt in die 
Halbinsel verwehrt haben soll. Aber'auch den Tegeaten ist es nie 
gelungen, dem ganzen Lande eine Einheit zu geben. Es ist von Natur 
zu vielgestaltig, zu verschiedenartig und durch hohe Bergzüge zu sehr 
in viele und scharf gesonderte Theile getrennt, als dass es zu einer 
gemeinsamen Landesgeschichte hätte gelangen können. Es gab nur 
gewisse Gottesdienste, an welche sich Gebräuche und Satzungen an- 
schlössen, die dem ganzen arkadischen Volke gemeinsam waren. Das 
war im nördhchen Lande der Dienst der Artemis Hymnia, im Süden 
der des Zeus Lykaios auf dem Lykaion , dessen Gipfel aus pelasgischer 
Vorzeit her als der heihge Berg Arkadiens verehrt wurde. 



RESULTAT DER WANDERUNGEN. 157 

In diesem Zustande war die Landschaft, als die Pelopiden ihre 
Staaten gründeten; in demselben blieb sie, als die Dorier in die Halb- 
insel eindrangen. Ein schwer zugängliches rauhes Bergland, volkreich 
und von kräftigen Leuten bewohnt, bot Arkadien den landbegehrenden 
Stämmen wenig Aussicht auf leichten Erfolg und konnte sie, die nach 
den Hussebenen der südlichen und östlichen Landschaften hinstrebten, 
nicht fesseln. Nach der Sage wurde ihnen freier Durchzug durch die 
arkadischen Gaue gewährt. Verändert wurde nichts, als dass die Arka- 
der immer melir vom Meere zurückgeschoben und dadurch von dem 
Fortschritte hellenischer Cultur immer mehr abgedrängt wurden ^^). 



Ueberbhcken wir die Halbinsel im Ganzen, wie sie in Folge der 
Einwanderung für alle Zeit ihre staatliche Verfassung gewonnen hat, 
so finden wir erstensjdas_ in seinen Zuständen unerschüttert verhar- 
rende Binnenland, zweitens drei Landschaften, welche durch die ein- 
gewanderten Stämme unmittelbar eine wesentHche Umwandlung er- 
fahren haben, Lakedaimon, Messenien und Argos, endlich die beiden 
Küstenstriche im Norden und Westen, welche von den Doriern unbe- 
rührt geblieben sind, aber theils mittelbar durch die von den Doriern 
aufgeregten älteren Stämme neue Ansiedlung erhalten haben, wie 
Triphylien und Achaja , theils durch anderweitige Zuwanderungen 
gleichzeitig umgewandelt worden sind, wie Elis. 

So mannigfaltig waren die Ergebnisse, welche der dorischen 
Wanderung folgten. Sie beweisen zur Genüge, wie wenig hier an eine 
Umgestaltung zu denken ist, die mit einem Schlage erfolgt wäre, wie 
das Resultat eines glücklichen Feldzugs. Nach langem Hin- und Her- 
wandern der Stämme, in einer bunten Reihe landschaftlicher Fehden 
und wechselseitiger Verträge ist allmählich das Schicksal der Halbinsel 
entschieden worden, und erst als die langwierige Zeit der Unruhen 
und Gährungen, welche sich durch keine Thatsachen dem Andenken 
einprägen konnte, vergessen war, konnte die Neugestaltung der Halb- 
insel als ein plötzlicher Umschlag angesehen werden, durch den der 
Peloponnes dorisch geworden sei. 

Selbst in den Landschaften, welche vorzugsweise von den Doriern 
erstrebt und besetzt waren, wurde eine Dorisirung der Bevölkerung 
nur sehr allmählich und in sehr unvollkommener Weise erreicht. Wie 



158 



HERAKLIDEN UND DORIER. 



hätte es auch anders sein sollen? Waren doch die erobernden Heer- 
haufen selbst nicht lauter Dorier von reinem Blute, sondern mit 
Volk aus allerlei Stämmen gemischt. Die Heerführer aber nahmen 
nicht als Dorier , sondern als Verwandte der achäischen Landesfürsten 
Macht und Herrschaft in Anspruch. So sah auch Piaton im Herakh- 
denzuge eine in den Zeiten der griechischen Völkerbewegung entstan- 
dene Verbindung zwischen Doriern und Achäern, und wie wenig Heer- 
führer und Heervolk eine ursprüngliche Einheit bildeten , zeigt sich in 
einer Reihe unzweifelhafter Thatsachen. Denn sowie durch die Kraft 
des Kriegsvolks fester Boden in den Landschaften gewonnen war, 
gingen die Interessen der HerakUden und der Dorier sofort auseinan- 
der und es brachen Uneinigkeiten aus , welche den ganzen Erfolg der 
Niederlassungen entweder gefährdeten oder vereitelten. 

Die Herzöge suchten Vermischung der älteren und jüngeren Be- 
völkerung zu erreichen, um dadurch eine breitere Grundlage ihrer 
Herrschaft zu gewinnen und sich von dem Einflüsse des dorischen 
Kriegsvolks unabhängiger zu stellen. Ueberall finden wir dieselben 
Erscheinungen, am deutlichsten in Messenien. Aber auch in Lakonien 
machen sich die Herakhden bei ihrem Kriegsvolke verhasst , indem sie 
nichtdorisches Volk den Doriern gleichordnen wollen, und in Argolis 
sehen wir den Herakliden Deüphontes, dessen Name ein durchaus 
ionischer ist, mit Hyrnetho verbunden, welche die Vertreterin der ur- 
sprünglichen Bevölkerung des Küstenlandes ist (S. 153). Derselbe 
Deiphontes ist es , der zum Aergerniss der andern Herakhden so wie 
der Dorier den Thron der Temeniden in Argos aufrichten hilft ; hier 
beruht also unverkennbar das neue Königthum auf Unterstützung der 
vordorischen Bevölkerung. 

So löste sich in allen drei Landschaften gleich nach, ihrer Be- 
setzung der Zusammenhang zwischen Herakhden und Doriern. Die 
staathchen Einrichtungen erfolgten im Gegensatze zu den Doriern, und 
wenn die neu zugeführte Volkskraft befruchtend und segensreich auf 
den Boden des Landes wirken sollte , so bedurfte es der Kunst weiser 
Gesetzgebung, um die Gegensätze zu vermitteln und die Kräfte zu 
ordnen , welche sich zu verzehren drohten. Das erste Beispiel solcher 
Gesetzgebung wurde, soviel wir wissen, auf der Insel Kreta gegeben ^^). 

Nach Kreta sind Dorier in ansehnlicher Zahl aus Argos und La- 
konien hinübergezogen, und wenn auch Inseln und Seeküsten sonst 
nicht der Boden waren, auf welchem der dorische Stamm sich hei- 



DORIER IN KRETA. 



159 



misch fühlte, so war es hier doch anders. Kreta ist mehr Festland 
als Insel. Bei der reichen Ausstattung mit Hülfsmitteln aller Art, die 
das Land auszeichnet, konnten die kretischen Städte sich der Unruhe 
des seestädtischen Lebens erwehren und in gröfserer Stille die neuen 
Lebenskeime entfalten, welche die Dorier auf die Insel brachten. Sie 
kamen auch hier als Eroberer: in Heerhaufen geschaart bewältigten 
sie das Inselvolk, welches kein Band der Einheit zusammenhielt. Wir 
finden dorische Stämme in Kydonia, welches für die von Kythera 
Uebersetzenden der erste Platz war, wo sie sich festsetzten. Dann 
wurden Knosos und besonders Lyktos, dessen dorisches Volk sich aus 
Lakonien herleitete, die Hauptplätze der neuen Ansiedlung. 

Die Dorier kamen hier in ein Land alter Cultur, deren fruchttra- 
gende Keime nicht erstorben waren (S. 62). Uralte Städte fanden 
sie mit bewährten Verfassungen und mit Geschlechtern, welche in der 
Kunst der Regierung wohl erfahren waren. Staatsverwaltung und 
Gottesdienst hatten sich unter stilleren Verhältnissen hier in ur- 
sprünghcher Verbindung erhalten, und namentlich die Rehgion des 
Apollon, in alten Priestergeschlechtern gepflegt, ihren ordnenden, sit- 
tigenden und geistbildenden Einlluss in vollem Mafse entfaltet. Die 
Dorier brachten nichts mit als ihren ungestümen Muth und die Kraft 
ihrer Lanzen; in Allem, was Begierungskunst und Gesetzgebung be- 
Irift't, waren sie den kretischen Adelsgeschlechtern gegenüber durch- 
aus unmündig. Sie forderten Land und überliefsen es Anderen , die 
Art und Weise ausfindig zu machen, ihrer Forderung zu genügen; 
denn am Umstürze alter Verfassungen lag ihnen nichts. Dass aber 
die Dorier hier in der That nicht als rücksichtslose Sieger geschaltet, 
dass sie nicht das Alte umgeworfen und neue Staaten gegründet 
haben, das geht schon daraus hervor, dass die Ordnungen des dori- 
schen Kreta nirgends auf einen dorischen Urheber zurückgeführt 
werden. Im Gegentheile bezeugt Aristoteles, dass die Einwohner der 
kretischen Stadt Lyktos, wo die dorischen Einrichtungen am voll- 
ständigsten ausgebildet waren, die vorhandenen Landeseinrichtungen 
beibehalten haben ; es war nach einstimmiger Ueberheferung zwischen 
der dorischen und der vordorischen Zeit kein Riss, keine Lücke; darum 
konnte das Alte wie das Neue an den Namen des Minos, des Vertreters 
kretischer Cultur, angeknüpft werden ^^). 

Patrizische Geschlechter , welche aus der königlichen Vorzeit ihre 
Rechte herleiteten, sind im Besitze der Verwaltung geblieben. Aus 



160 



DIE DORIER IN KRETA. 



ihnen wurden in den verschiedenen Städten nach wie vor die zehn 
obersten Staatslenker, 'die Kosmoi', genommen, aus ihnen der Senat 
gewählt, dessen Mitglieder eine lebenslängliche und unverantwortliche 
Würde hatten. Diese Geschlechter leiteten die Städte , als die Dorier 
eindrangen. Sie haben mit ihnen Verträge geschlossen, welche den 
beiderseitigen Interessen entsprachen ; sie haben sich die fremden 
Mächte dienstbar gemacht, indem sie von dem Lande, über das der 
Staat zu verfügen hatte, den Einwanderern einen genügenden Theil 
zum Besitze anwiesen, und zwar mit der Verpflichtung zum Kriegs- 
dienste, und mit dem Rechte, als die waffentragende Gemeinde zu 
allen wichtigen Beschlüssen, namentlich wo es sich um Krieg und 
Frieden handelte, ihre Zustimmung zu geben. 

Als Kriegerstand wurden die Dorier dem Staate eingeordnet. 
Deshalb wurden die Knaben, wenn sie herangereift waren, in die Zucht 
des Staats genommen, in Schaaren vereinigt, auf ölfentlichen Turn- 
plätzen vorschriftsmäfsig ausgebildet und zum Waffendienste geschult, 
durch strenge Lebensweise abgehärtet und durch Kriegsspiele zum 
ernsten Kampfe vorbereitet. So sollte, von allen verweichlichenden 
Einflüssen ferngehalten, die dem dorischen Stamme eigene kriegeri- 
sche Tüchtigkeit erhalten w^erden; doch mischten sich auch kretische 
Sitten ein, so namentlich die Uebung des Bogenschusses, welche den 
Doriern ursprünglich fremd war. Die erwachsenen Jünglinge und 
Männer sollten sich, auch wenn sie eigene Hausstände hatten, doch 
vor Allem als Waflfengenossen zusammen fühlen,, wie in einem Heer- 
lager, jeden Augenblick zum Auszuge bereit. Deshalb safsen sie 
schaarenweise , wie sie im Heere zusammen dienten, so auch beim 
täglichen Männermale beisammen; und ebenso sclüiefen sie in ge- 
meinschaftlichen Schlafstellen. Die Kosten wurden von Staatswegen 
aus einer gemeinschaftlichen Kasse bestritten, diese Kasse aber auf 
die Weise gefüllt, dass Jeder von seinem Besitze den zehnten Theil 
des Fruchtertrags an die Genossenschaft, welcher er angehörte, ab- 
lieferte und diese wiederum an die Staatskasse. Dafür übernahm der 
Staat die Beköstigung der Krieger sowohl wie auch der mit den 
Kindern und dem Gesinde das Haus hütenden Frauen, im Kriege 
wie im Frieden. Ich denke, man sieht deutlich, dass hier ein auf 
dem Wege des Vertrags geordnetes Verhältniss älterer und jüngerer 
Theilnehmer des Staates vorliegt. 



DIE DORIER IN KRETA. 



161 



Damit aber der dorische Kriegerstand ganz in seinem Berufe leben 
könne, mussten seine Mitglieder der eigenhändigen Bestellung des 
Ackerlooses überhoben sein; sonst wären sie im Kriege durch Ver- 
nachlässigung desselben verarmt, im Frieden aber von den kriegeri- 
schen Uebungen und den diesen gleichgeachteten Jagdzügen im wild- 
reichen Idagebirge abgehalten worden. Deshalb wurde der Feldbau 
von einer besonderen Klasse von Menschen besorgt, welche durch 
Kriegsrecht in ein unterthäniges und bürgerlich rechtloses Verhältniss 
geralhen waren. Wann und wie dieser Stand von Unfreien sich gebil- 
det hat, lässt sich nicht nachweisen; es bestand aber eine zwiefache 
Klasse derselben. Die Einen bebauten die Aecker, welche der Staat 
als Staatsgut zurückbehalten hatte, die sogenannten Mnoiten; die An- 
deren, die Klaroten, safsen auf den Ländereien, welche durch Dotation 
in den Erbbesitz der Einwanderer übergegangen waren. Die dorischen 
Landbesitzer waren ihre Herren; sie waren berechtigt, den Ertrag der 
Felder zur bestimmten Zeit von ihnen einzufordern ; ja es war ihre 
Pflicht, den Anbau derselben zu überwachen, damit dem Staate keine 
Einkünfte entgingen. Sonst lebten sie sorgenlos, unbekümmert um 
des Lebens Unterhalt, und konnten sagen, wie es im Spruchverse des 
Kreters Hybrias heifst: 'Hier ist mein Schwert, Speer und Schild, 
mein ganzer Schatz; damit pflüge und erndte ich; damit keltere ich 
meinen Wein'^''). 

Was sie lernten, war Walfendienst und Selbstbeherrschung; ihre 
Kunst: Zucht und Gehorsam; Gehorsam der Jüngeren gegen den 
Aelteren, des Kriegers gegen seinen Vorgesetzten, Aller gegen den 
Staat. Höhere und freiere Bildung schien unnöthig, ja gefährlich, und 
wir können voraussetzen, dass die regierenden Geschlechter von Kreta 
eine einseitige und beschränkte Ausbildung für die dorischen Gemein- 
den absichtUch angeordnet haben, auf dass sie sich nicht versucht 
fühlten, über ihren soldatischen Beruf hinauszugehen und den einhei- 
mischen Geschlechtern die Staatsleitung streitig zu machen. 

Es blieben aber auf der Insel ansehnliche Theile der älteren Be- 
völkerung übrig, welche durch die dorische Einwanderung in ihren 
Verhältnissen gar nicht berührt worden waren ; das Volk auf dem Ge- 
birge wie auch in den Landstädten, die in Abhängigkeit von den gröfse- 
ren Inselstädten standen und den Regierungen derselben einen jähr- 
lichen Schoss nach altem Herkommen entrichteten; Landbauer und 
Viehzüchter, Gewerbetreibende, Fischer und Schiffer, welche mit dem 

Curtius, Gr. Gesch. I. 6. AuH. U 



162 



DIE DORIER IN KRETA. 



Staate nichts zu thun hatten, als dass sie sich in seine Ordnungen 
wiUig fügten und friedlich ihren Hanthierungen nachgingen. 

Im Ganzen ist unverkennbar, dass hier ein sehr merkwürdiger 
Organismus des griechischen Staats in's Leben gerufen ist, in welchem 
Altes und Neues, Fremdes und Einheimisches verschmolzen ist; ein 
Organismus, welchen Piaton würdig erachtet hat, daran die Ordnungen 
seines Idealstaates anzuknüpfen; denn hier sind in der That die drei 
Klassen desselben vorhanden, die Klasse der mit vorschauender Weis- 
heit ausgerüsteten Lenker des Staats, die Klasse der 'Wächter', in wel- 
cher die Tugend der Tapferkeit mit Ausschluss der freieren Entwicke- 
lung durch Kunst und Wissenschaft erzielt werden soll, und endlich 
die Klasse der Gewerbetreibenden, der Nährstand , dem ein ungleich 
gröfseres Mafs willkürlicher Freiheit gestattet ist; er hat nur für die 
physische Erhaltung seiner selbst und des Ganzen zu sorgen. Die 
erste und dritte Klasse könnten schon allein den Staat bilden, insofern 
sie das Wechselverhältniss der Herrschenden und Beherrschten genü- 
gend darstellen. Zwischen beide ist der Wächter- oder Wehrstand 
zu gröfserer Festigkeit und Dauerhaftigkeit eingeschoben. Auf diese 
Weise ist es in Kreta zuerst gelungen, den dorischen Stamm in den 
älteren Staat einzuordnen, und dadurch ist die Insel des Minos zum 
zweiten Male ein Ausgangspunkt hellenischer Staatsordnung von vor- 
bildlicher Bedeutung geworden ^^). 

Auch das jüngere Kreta kennen wir mehr aus den Einwirkungen, 
welche von dort ausgingen, als in seinen einheimischen Zuständen, 
einem Himmelskörper gleich, dessen Lichtfülle man aus dem Wieder- 
schein an den Körpern misst. Kreta ist eine Wiege mannigfaltiger 
Cultur für die Hellenen geworden. Von hier ist eine Beihe von 
Männern entsprossen , welche die Bildkunst in eigenthümlich helleni- 
scher Weise begründet und ihre Keime in alle griechischen Länder 
ausgebreitet haben (denn die ersten Meister in Marmorbildnerei, Di- 
poinos und Skyllis, stammten aus Kreta, der Heimath des Daidalos). 
Andere Kreter haben sich als Meister der Seherkunst hervorgethan, 
als Sänger und Musiker, die, im apoUinischen Dienste erzogen, solche 
Gewalt über die menschhche Seele gewannen, dass sie von fremden 
Staaten berufen wurden, um bei zerrütteten Gemeindezuständen hel- 
fend einzuschreiten und heilsame Ordnungen zu begründen. Diese 
kretischen Meister, wie Thaletas und Epimenides, sind aber ebenso 
wenig wie jene Bildkünstler dem dorischen Stamme entsprossen; aus 



DIE DORIER IN KRETA. 



163 



der alten Wurzel einheimischer Cultur sind die neuen Triebe erwach- 
sen, wenn auch die Mischung der verschiedenen Griechenslämme zur 
Anregung neuer Lebensthätigkeit wesenüich beigetragen hat^^). 

Trotzdem, dass Kreta so viel frische Volkskraft in sich aufge- 
nommen hatte und dieselbe zur Kräftigung seiner Staaten so wohl zu 
verwenden wusste, hat es doch seit den Tagen des Minos niemals 
wieder einen über seine Gestade hinausgehenden, politischen Einfluss 
gewonnen. Der Hauptgrund liegt in der Beschaffenheit der Insel, 
welche die Bildung eines grofsen Staats unmöglich machte. Die ver- 
schiedenen Stadtgebiete, in welche sich die Dorier vertheilten, Kydo- 
nia im Westen, Knosos und Lyktos im Norden, Gortys im Süden der 
Insel, waren gegen einander argwöhnisch abgeschlossen oder standen 
in offener Fehde mit einander; so wurde auch die dorische Kraft in 
kleinstaatlichen Interessen verbraucht. Dazu kommt, dass die Dorier, 
wenn sie über See wanderten, natürhch nur in kleinen Schaaren 
kamen, und meistens ohne Frauen, so dass sie schon deshalb ihren 
Stammcharakter nicht in gleicherweise festhalten konnten , wie auf 
dem Festlande. Endlich finden wir auch gerade in den überseeischen 
Wohnsitzen der Dorier, dass hie und da nicht alle drei Stämme, son- 
dern nur einer derselben in einer Stadt sich niedergelassen hat; so 
waren in Halikarnass nur Dymanen, in Kydonia, wie es scheint, nur 
Ilylleer. Dadurch musste eine neue Zerspütterung und Schwächung 
der dorischen Volkskraft eintreten , und es begreift sich , warum die 
festländischen Niederlassungen der Dorier, namenthch die peloponne- 
sischen, doch die wichtigsten und für die Volksgeschichte folgenreich- 
sten gebUeben sind. Im Peloponnes aber war es wiederum ein ein- 
ziger Punkt, an welchem sich eine dorische Geschichte von selbstän- 
diger und weitgreifender Bedeutung entwickelt hat, und dieser Punkt 
war Sparta ^^). 



Lakonien wird in der Sage von der Landtheilung unter den 
Herakhden als das schlechteste der drei Loose bezeichnet , und in der 
That ist unter den Küstenlandschaften keine, in welcher der Boden 
in so überwiegendem Mafse Gebirgsland ist und dem gleichmäfsigen 
Anbaue widerstrebt. Dazu kommt ein zweiter Umstand , welcher auf 
die Entwickelung der Landesverhältnisse ungünstig einwirkte. Es liegt 
nämlich der einzig fruchtbare Theil ganz in der Mitte des Landes, von 

11* 



164 



DIE VORZEIT VON LAKONIEN. 



der See wie von den angrenzenden Ländern durch hohe Gebirge ab- 
geschlossen; darum drängten sich mehr als anderswo die verschie- 
denen Bestandtheile der Bevölkerung eng zusammen. Die Ausschei- 
dung des Fremdartigen, die Vertheilung des Ungleichartigen ging hier 
viel schwerer von Statten, als in einer nach allen Seiten offenen Kü- 
stenlandschaft wie Argohs. Darum ist nirgends zwischen der älteren 
und jüngeren Bevölkerung hartnäckiger gestritten worden, als in dem 
Kesselthale des Eurotas. 

Und wie vielerlei Volk war hier im Laufe der Zeiten zusammen 
gekommen! Erst die Grundschicht der eingeborenen Bevölkerung, 
dann das Seevolk, das von drüben gekommen ist, und zwar zuerst die 
Phönizier , welche Kythera zu einem Centraipunkte ihrer Seefahrt und 
den Meerbusen von Gytheion zu einem Hauptplatze der Purpurfischerei 
gemacht hatten; eine Industrie , welche sich von der Küste aufwärts 
verbreitet hatte, so dass die amykläischen Purpurgewänder frühen 
Buhm gewannen. Dann das Seevolk griechischer Nation , das unter 
dem Namen der Leleger sich so mit den Eingeborenen verbunden 
hatte, dass sie den späteren Zuwanderein gegenüber selbst als Einge- 
borene betrachtet wurden und dass von ihnen das älteste Lakonien 
^ ^ ein Lelegerland genannt werden konnte. Die Geburtsstätte der Dios- 
iV kuren auf der Felseninsel vor Thalamai an der Westseite des Taygetos 

rw^'KkT gjgjj^ Zeugniss von den ältesten Landungsplätzen jener Stämme, mit 
^y^"-^^ denen auch Leda in Lakonien eingebürgert ist, die Mutter der gött- 
liehen Zwillinge, die mit hülfreichem Lichte den Seefahrern erschei- 
nen, wenn alle anderen Sterne erbleichen. Wie sich Leda mit ihren 
alten Symbolen auf den Denkmälern Lykiens wiedererkennen lässt, 
so finden sich viele andere Anknüpfungspunkte zwischen Lakonien 
und den Küsten des griechischen Ostens. Euphemos der Argonaut 
(S. 76), welchem die Sage die Kraft zuschreibt, mit trockener Sohle 
über die Wogen zu schreiten , war am Tainaronvorgebirge zu Hause. 
Unweit der Geburtsstätte der Dioskuren war das Traumorakel der Ino, 
welche neben Helios und Selene unter dem Namen Pasiphae wie in 
Kreta verehrt wurde; Amyklai, der älteste Mittelpunkt lakonischer 
Landesgeschichte, trägt ebenfalls einen kretischen Namen. Endlich 
weist auch die Ueberlieferung von Menelaos' Fahrten nach Aegypten 
auf die uralten Seeverbindungen Lakoniens hin^°). 

Das ist die erste Periode der Geschichte Lakoniens, welche als 
solche in der einheimischen Königssage deutlich genug bezeichnet ist. 



DIE VORZEIT VON LAKONIEN. 



165 



Denn nach dem Urkönige, der den Namen des Landesflusses trägt, 
weil er den Eurolas zum 'schönströmenden' gemacht hat, folgt ein 
äohsches Herrschergeschlecht, der Stamm der Tyndariden, welcher 
ganz mit Leda und den Dioskuren, den Licht- und Seegöttern Ly- 
kiens, verwachsen ist, den Perseiden in Argos, den Aphareiden in 
Messenien verwandt und gleichzeitig. 

In diese Vorzeit tritt der Stamm der Achäer, um in derselben 
Eurotasebene seine Burgen zu gründen. Die Sage knüpft ihn hier 
wie in Argos friedlich der älteren Dynastie an ; die Atriden werden des 
Tyndareos Schwiegersöhne, und Menelaos ruht neben den Dioskuren 
in dem Hügel von Therapne. Nachdem sich die Pelopiden mit ihrem 
Kriegsgefolge im hohlen Lakedämon festgesetzt hatten, zogen in Folge 
neuer Erschütterungen des Nordens Kadmeer und Minyer zu. Böoti- 
sche Minyer haben lange im Taygetos gesessen, und dies Gebirge, das 
mit seinen hohen Felszinnen die Eurotasebene überragt und dann 
südwärts in die Halbinsel Tainaros ausläuft, ist vorzugsweise geeignet, 
versprengte Völkerreste in Unabhängigkeit und alter Sitte zu erhalten. 
Mit dem tänarischen Poseidonculte sind die Minyer so verwachsen, 
dass sie auf ihrer Insel Thera einen dem tänarischen genau ent- 
sprechenden Dienst einrichteten. Am Rande desselben Gebirges war 
die mit den Minyern verbundene Ino zu Hause und hatte daselbst 
ein berühmtes TraumorakeP^). 

So war die enge Thallandschaft durch mannigfaltigen Zuzug zu 
Lande und zu V\^asser mit vielerlei Stämmen angefüllt, als die Kriegs- 
schaaren der Dorier von den Eurotasquellen herunterkamen, um für 
sich und ihre Familien Land zu gewinnen. Auch sie drängten in die- 
selbe Ebene hinein, deren üppige Saatfluren jedesmal der lockende 
Preis des Siegers waren. Sie bemächtigten sich der Höhen am rechten 
Ufer des Eurotas, wo derselbe, durch eine Insel gelheilt, leichter als 
an anderen Punkten einen Uebergang gestattet. Hier beherrschten 
sie die nördlichen Zugänge des Landes, die von Arkadien sowohl wie 
die von Argos. Hier lagen sie gleichsam vor den Thoren von Amyklai, 
dem festen Mittelpunkte der achäischen Landesherrschaft; hier waren 
auf den Höhen des linken Ufers, in Therapne, die Grabmäler der alten 
Landesheroen und der ihnen verwandten Landeskönige, während auf 
dem Boden, den sie sich zu ihrem Wohnplatze einrichteten, eine 
Gruppe von Landgemeinden beisammen lag. Es waren Limnai und 
Pitane in der sumpfigen Niederung des Flusses, daneben Mesoa und 



166 



DIE GRÜNDUNG VON SPARTA. 



Kynosura. Ein Heiligthum der Artemis, welche mit blutigen Opfern 
verehrt wurde, bildete den Mittelpunkt dieser Gaue ; auf der Höhe stand 
ein altes Heiligthum der Athena. Hügel und Niederung machten die 
Dorier zu ihrem Lagerplatze, aus welchem allmählich eine feste Nie- 
derlassung erwuchs. Ihr Name 'Sparte' bezeichnet den erdreichen 
und culturfähigen Boden, auf welchem man sich anbaute, im Gegen- 
satze zu den meisten Griechenstädten , die auf Felsboden standen. 
Der Athenahügel wurde der burgartige Mittelpunkt der Ansiede- 
lung^^). 

Diese erste Festsetzung kann nicht anders als auf dem Wege ge- 
waltsamer Occupation gelungen sein. Aber so ging es nicht weiter. 
Zu einer Unterjochung der ganzen Landbevölkerung, zu einem Um- 
stürze alles Früheren, zum Aufbaue von etwas ganz Neuem ist es hier 
so wenig wie auf Kreta gekommen. Auch fanden sich im dorischen 
Heerlager selbst so mannigfache verwandtschaftliche Beziehungen zu 
den äolischen und achäischen Stämmen, welche noch im Eurotasthaie 
zurückgeblieben waren, dass ein schroffer Gegensatz sich gar nicht 
ausbilden konnte, und dass zur Ordnung der Landesverhältnisse sehr 
bald ein ganz anderer Weg eingeschlagen wurde, als der einer kriege- 
rischen Ueberwältigung und gewaltsamen Dorisirung. 

Ja wenn wir die Thatsachen, die aus unbefangener Erinnerung 
überliefert worden sind, schärfer in das Auge fassen, so zeigt sich 
deuthch, dass schon die Leitung der ersten Ansiedelung gar nicht in 
dorischen Händen war. Auch hier finden wir einen einheimischen 
Fürsten, welcher, wie Deiphontes neben Temenos (S. 156), die neue 
Ordnung der Dinge herstellen hilft, und zwar tritt hier das Verhält- 
niss noch deutlicher als in Argos zu Tage. Denn derjenige, welcher 
als Vormund der Kinder des Aristodemos das herakhdische Königthum 
von Sparta zuerst verwaltet haben soll, ist Theras aus dem Stamme 
der Kadmeer, welche aus den Trümmern des alten siebenthorigen 
Thebens theils vor den Doriern, theils mit ihnen nach Sparta gekom- 
men waren und ihnen nun gegen die einheimischen Dynastien hülf- 
reiche Hand boten. 

So hatte Theben einen wesentHchen Antheil an dem Ruhme der 
Heraklidengründung, und Pindar fordert seine Vaterstadt auf, sie 
solle sich freuen im Andenken daran, dass sie es gewesen sei, welche 
der dorischen Siedelung festen Grund und Boden geschaffen habe. 
'Aber freilich ,' so klagt schon der Dichter über die Verkennung der 



DIE ZWILLINGSKÖNIGE. 



167 



geschichtlichen Verhältnisse, 'freilich schlummert die Dankpflicht und 
nirgends gedenkt ein Sterblicher des vor Zeiten Geschehenen'. Auch 
dass dieselben Aegiden in Sparta Lehrer der Kriegskunst gewesen 
waren, und dass der erzgewappnete Landesgott Apollon Karneios von 
Hause aus ein Gott der Aegiden war, ist früh verschollen. Man liefs, 
ohne sich nähere Rechenschaft zu geben, aus den Erbansprüchen der 
Herakliden das Thronrecht der spartanischen Könige erwachsen und 
erklärte das Doppelkönigthum aus dem Umstände, dass die Gattin des 
Herakliden Aristodemos, welchem Lakonien zugeloost worden, zufällig 
mit Zwillingen (Eurysthenes und Prokies) niedergekommen sei^^). 

Nun sind es aber keine Eurystheniden und Prokliden, welche die 
Fürstenwürde in Sparta bekleiden, sondern Agiaden und Eurypontiden. 
Dieser Umstand allein ist schon ein Beweis dafür, dass die Führer der 
einwandernden Dorier nicht die Stifter der beiden Regentenhäuser 
waren, welche in der geschichtlichen Zeit bestanden, sondern dass hier 
eine Unterbrechung stattgefunden hat, welche man später zu ver- 
bergen suchte, um eine friedhche und legitime Regentenfolge von der 
Zeit der Einwanderung an herzustellen. Eine so aufserordentliche 
und bei keiner dorischen Niederlassung wiederkehrende Staatsform 
kann überhaupt keine ursprünglich beabsichtigte oder auf Stammsitte 
beruhende, sie kann keine von den Doriern in das Land mitgebrachte 
sein, sondern sie muss ihren Ursprung in der eigenlhümUchen Ent- 
wickelung der lakonischen Landesgeschichte haben. 

Sehen wir nun weiter, wie spröde und fremd sich jene ZwilHngs- 
könige von Anfang an gegenüberstehen, wie dieser schroffe Gegen- 
satz sich durch alle Generationen ununterbrochen fortgepflanzt hat, wie 
jedes der beiden Häuser durchaus für sich geblieben ist, ohne Ehe- 
und Erbgemeinschaft, wie jedes seine besondere Geschichte, seine be- 
sonderen Annalen, seine besondere Wohnung und Grabstätte gehabt 
hat, so muss man wohl annehmen, dass es zwei ganz verschiedene 
Geschlechter gewesen sind, welche zu gegenseitiger Anerkennung sich 
verstanden und eine gemeinsame Ausübung fürstUcher Hoheitsreclite 
vertragsmäfsig festgestellt haben. Gemeinsam ist beiden Häusern nur, 
dass ihre Macht nicht aus dem dorischen Volke stammte, sondern in 
der Vorzeit ihre Wurzeln hatte. Denn wie heroische Geschlechter 
standen sie mit unantastbaren und dorischer Sitte durchaus fremden 
Gerechtsamen dem Volke gegenüber, und was sie an fürstlichen Rech- 
ten besafsen, die kriegsherrhche und priesterhche Würde, der Ehren- 



168 



LAKONIEN ALS SECHSSTADT. 



antheil an den Opfermahlzeiten, das pomphafte Leichenbegängniss, 
die leidenschaftliche Todtenklage, dies Alles wurzelt in einer Zeit, 
welche weit jenseits der dorischen Wanderung liegt. Damit steht in 
vollkommener Uebereinstimmung, dass sich wenigstens das eine der 
beiden Königshäuser unbestritten von denselben Geschlechtern her- 
leitete, welche in der heroischen Zeit die von Zeus stammenden Völ- 
kerhirten gewesen waren. Wie hätte sonst der Agiade Kleomenes es 
wagen dürfen, auf der Burg zu Athen (wo er als Oberhaupt eines dori- 
schen Staats vom Heihgthum der Athena zurückgewiesen wurde) 
öffentHch zu erklären: er sei kein Dorier, sondern ein Achäer!^*) 

Wie nun die spartanische Staatsform zu Stande gekommen ist, 
davon kann man sich vielleicht annäherungsweise eine Vorstellung 
verschaffen, wenn man die UeberUeferungen berücksichtigt, welche 
von den zuverlässigsten Forschern des Alterthums über die Zeit vor 
dem Bestehen des Doppelkönigthums auf uns gekommen sind. Wir er- 
fahren nämhch, dass nach Einwanderung der Dorier die ganze Land- 
schaft in sechs Stadtgebiete zerfiel, deren Hauptstädte Sparta, Amyklai, 
Pharis, die drei ßinnenorte am Eurotas, ferner Aigys an der arkadi- 
schen Gränze, Las am Meere von Gytheion, und eine sechste (wahr- 
scheinlich der Seehafen Boiai) gewesen sind. Wie in Messenien ver- 
theilen sich die Dorier in die verschiedenen Orte, die von Königen 
regiert werden; sie verbinden sich mit den früheren Einwohnern; 
neue Ansiedler, wie die Minyer, ziehen vom Land in die Städte. 

Dass hier ein Anschluss an ältere Landeseinrichtungen statt- 
fand, ist deuthch; die lakonischen Sechsfürsten haben nicht erst damals 
angefangen zu regieren. Es bestand ja schon unter der Oberhoheit 
der Pelopiden eine Reihe von Lehnsfürstenthümern, deren Inhaber 
im Lande umher wohnten und im Besitze eigener Hoheitsrechte sich nur 
widerstrebend dem Oberkönige fügten. Die heroische Sage enthält 
mancherlei Ueberlieferung von ungefügen Vasallen ; sie erzählt z. B. 
vom arkadischen Könige Ornytos, der Agamemnon in Aulis die Heer- 
folge verweigert, und das bekannteste Beispiel von Vasallentücke ist 
Aigisthos, der Mörder seines Lehnsherrn; an den verschiedensten 
Orten ist das Königthum der heroischen Zeit durch Auflehnung von 
Unterkönigen zu Grunde gegangen. Wie Thyestes in der Gegend von 
Cap Malea wohnend gedacht wurde, so waren andere Lehnsfürsten in 
Lakonien vertheilt. Als daher die Atriden gestürzt waren und Alles, 
was mit ihnen unmittelbar zusammenhing, das Feld räumte, erhoben 



URSPRUNG DES DOPPELKÖNIGTHUMS. 



169 



die Vasallen ihr Haupt als selbständige Fürsten. Sie waren es, die mit 
dem eingewanderten Kriegsvolke Verträge schlössen ; sie gaben ihnen 
bestimmte Landantheile und erhielten dafür Anerkennung ihrer Für- 
stenrechte, sowie Unterstützung ihrer Macht. So waren hier, wie in 
Kreta, die Dorier in die einzelnen Städte vertheilt, und die staatsrecht- 
liche Verbindung der Städte war es, worin sich der Zusammenhang 
des Landes erhielt. So ist Lakonien als Sechsstadt zu denken, ein 
aus Altem und Neuem wunderlich gemischter Bundesstaat^^). 

Dieser Staat hielt nicht zusammen; es waren der gährenden Ele- 
mente zu viele neben einander, die Fürsten befehdeten sich in gegen- 
seitiger Eifersucht, und die schwächeren wurden von den stärkeren 
überwältigt. Dadurch wurde eine Landeseinheit hergestellt, wie sie 
in Kreta niemals zu Stande gekommen ist, aber sie wurde auch hier 
nicht durch den unbedingten Sieg eines Fürstenhauses erzielt, son- 
dern es blieben mehrere Familien übrig, welche einander so sehr ge- 
wachsen waren, dass sie am Ende eine friedliche Verständigung der 
W^alTenentscheidung vorzogen; eine Verständigung, wie sie auch an 
anderen Orten vorkommt, wie wir z. B. in den ionischen Städten lyki- 
sche und pylische Fürstengeschlechter neben einander im Besitze der 
Kronrechte finden. In Sparta ist noch die deutliche Spur eines Zu- 
standes vorhanden, wo drei Familien gleiche Königsrechte in Anspruch 
nahmen, die Agiaden, die Eurypontiden und die Aegiden. Die Letz- 
teren wurden allmählich zurückgedrängt und mussten den beiden an- 
deren oder einer von ihnen den Platz räumen. 

Das Haus der Agiaden galt für das ältere und angesehenere ; es 
war, wie wir annehmen dürfen, ein im Lande altangesessenes 
Achäergeschlecht ; über die Herkunft der Eurypontiden lässt sich nichts 
Sicheres feststellen. Beide haben aber ihren Sieg dadurch erreicht, 
dass es ihnen gelungen ist, den Kern des dorischen Volks für sich zu 
gewinnen, ihn aus der Vermischung mit der übrigen Landesbevölke- 
rung wieder auszuscheiden und aus der Zerstreuung zu sammeln. 
Auf die dorische Kriegsmannschaft gestützt , haben sie den ursprüng- 
lichen Lagerplatz derselben, Sparta, zum Mittelpunkte der Landschaft 
und zum Sitze ihrer Regierung gemacht. 

Dies ist die zweite Epoche der Landesgeschichte seit Einwande- 
rung der Dorier; die Herrschaft der beiden Familien, deren Königs- 
reihe fortan nicht unterbrochen wird, der Agiaden und Eurypontiden. 
Die Ueberlieferung beginnt mit ihnen eine neue Reihe, zum deutlichen 



170 



FORTDAUER ACHÄISCHER EINRICHTUNGEN. 



Zeugnisse, dass hier ein neuer Anfang gemacht wurde. Später wurden 
die Namen der Zwillingssöhne des Aristodemos, Prokies und Eury- 
sthenes, vor Agis und Eurypon eingeschoben, um das Doppelkönigthum 
mythisch zu erklären , um die der neuen Ordnung der Dinge vorange- 
gangenen Unruhen vergessen zu lassen und beide Häuser friedhch an 
einen Ahnherrn, an Herakles anzuknüpfen. Dennoch hat man dem 
künstlichen Zusammenhange zu Liebe niemals gewagt, im Widerspruch 
mit der echten Ueberlieferung die Könige Spartas Eurystheniden und 
Prokhden zu nennen^^). 

Es versteht sich, dass die Fürsten, welche den Umsturz des achäi- 
schen Königthums überdauerten, nicht allein unter dem fremden 
Volke standen: wie hätten sie sonst ihre Macht erhalten können! 
Sie waren von Geschlechtern gleicher Herkunft umgeben, deren 
Würde und Bedeutung ebenfalls in der heroischen Vorzeit wurzelte. 
Die Priesterthümer der alten Landesgottheiten dauerten fort, eben so 
die Kriegs- und Hofämter des Achäerstaats. Die Talthybiaden , welche 
sich vom Herold Agamemnons herleiteten, verwalteten nach wie vor 
in ihrer Famihe das Amt des Staatsherolds; die lydischen Flöten- 
spieler, die Mundköche, die Bäcker, die Weinmischer bestanden fort 
mit erblicher Berechtigung, und die Heroen, welche als Schutzpatrone 
der Aemter verehrt wurden , Matton und Keraon , hatten ihre Stand- 
bilder an der hyakinthischen Feststrafse, weil mit den alten Festge- 
bräuchen die Einsetzung jener Aemter zusammenhing. 

Aufserdem fanden die Könige Anschluss und Stütze in der vor- 
dorischen Landbevölkerung, welche wie die kretischen Landleute in 
wesentlich unveränderten Verhältnissen fortlebten. Sie bildeten die 
Hausmacht der Könige und standen, während die Dorier vertrags- 
mäfsige Pflichten erfüllten , in unbedingter Abhängigkeit. Wie einst 
den Pelopiden, so entrichteten sie jetzt den neuen Landesfürsten ihre 
jährlichen Abgaben und erwiesen als Unterthanen ihnen alle den Lan- 
deskönigen gebührenden Ehren; namentlich versammelten sie sich 
beim Ableben eines der Fürsten zur feierhchen Todtenklage. 

So ist auch hier in Lakonien nicht auf einmal Alles neu gewor- 
den , es ist auch hier nicht mit der Vergangenheit gebrochen worden. 
Das Königthum der Pelopiden ist gestürzt, aber die alten Einrichtungen 
und Verhältnisse dauern fort, die geheiligten Ueberlieferungen bleiben 
in Kraft, und jene Regentenfamilien, welche auf die Dorier ihre Macht 
stützen , sind fortwährend bestrebt , die glorreichen Erinnerungen der 



LYKURGISCHE STAATSORDNUNG UM 820 VOR CHR. 



171 



Pelopidenzeit zu erneuern, aus welcher sie ihre Macht herleiten. Da- 
rum wurden auch die Gebeine des Tisamenos und die des Orestes nach 
Sparta zurückgeführt, um so die durch eine gewaltsame Revolution 
zerrissenen Fäden der Landesgeschichte wieder anzuknüpfen. 

Die neue Epoche der Landesgeschichte, welche mit dem Auftreten 
der Agiaden und Eurypontiden begonnen hatte, konnte nicht ohne 
Mühe und Kampf durchgeführt werden; denn sie beruhte auf Unter- 
werfung unabhängiger Fürsten, auf Vernichtung städtischer Selbstän- 
digkeit und Aufhebung jener Gleichberechtigung, welche den älteren 
Landesbewohnern neben den Doriern zugestanden war. Es be- 
gann also eine neue Eroberung des Landes. Dieselben Städte, die 
als Bundesorte angesehen werden, Aigys, Pharis, Geronthrai, fielen eine 
nach der andern; sie wurden zu unterworfenen Landstädten; die 
Macht der spartanischen Doppelkönige breitete sich vom eingeschlos- 
senen Eurotaslande nach allen Seiten hin aus, und so erwuchs, unter 
blutigen Kämpfen gegen die Küste vordringend, allmählich ein einheit- 
Hches Reich ^''). 

Aber während dieser Ausbreitung fehlte es nicht an innerem 
Hader und an Zerwürfnissen zwischen den erobernden Königen und 
den Doriern. Denn jeder neue Erfolg war eine Versuchung für die 
Könige, auf ihre alten Landesunterthanen gestützt die dem eingewan- 
derten Kriegsvolke zugestandenen Rechte zu schmälern. Ja es fehlte 
wenig, dass diese Wirren den sich neu gestaltenden Staat mitten in 
seiner Entwickelung völlig lähmten und auflösten, wenn nicht zur rech- 
ten Zeit und von einer fest durchgreifenden Hand die öffentlichen Ver- 
hältnisse geordnet worden wären. Diese rettende That dankte Sparta 
seinem Lykurgos, und die Ehren, mit denen es sein Andenken feierte, 
bezeugen, wie klar man sich dessen bewusst war, dass ohne ihn das 
verworrene Gemeinwesen dem Untergange verfallen gewesen wäre. 
Er galt für den eigentlichen Gründer des Staats, d. h. für den Urheber 
derjenigen Ordnungen, welchen Sparta seine geschichtUche Gröfse zu 
danken Tiatte. 

*""^^o üFereinstimmend aber die Verdienste Lykurgs anerkannt wur- 
den, eben so unsicher und schwankend war jede weitere Ueber- 
lieferung von ihm. Offenbar ist die Gesetzgebung in eine Zeit gefallen, 
da der ganze Staat zerrüttet war und die regelmäfsigen Behörden nicht 
zu Recht bestanden. Daher hatte man keine Anknüpfung an gleich- 
zeitige Personen und Thatsachen und keine urkundlichen Nachrichten. 



172 LYKURGISCHE STAATSORDNUNG UM 820 VOR CHR. 

Den Spartanern waren die festen Umrisse seiner Persönlichkeit früh 
entschwunden; sie ehrten ihn wie ein göttHches Wesen und umgaben 
ihn mit symbolischen Gestalten, indem sie seinen Vater Eunomos und 
seinen Sohn Eukosmos nannten. Darum ist aber Lykurgos keine er- 
dichtete Person, sondern er ist einer von denen, welche, wie Epime- 
nides und Pythagoras, als Vermittler des Menschlichen und Göttlichen, 
mit Legenden umwoben sind, und es ist nicht in Abrede zu stellen, 
dass in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts v. Chr. wirklich 
ein Mann jenes Namens in Sparta gelebt und gewirkt hat. Jedes der 
beiden Königshäuser suchte ihn als seinen Angehörigen sich anzueig- 
nen, aber darin war man einig, dass er nicht als König, sondern als 
Vormund eines minderjährigen Thronerben seine Vaterstadt geordnet 
habe, und zwar machte ihn der Stammbaum der Agiaden, welchem 
Herodot folgt, zum Vormunde des Leobotes, während er nach der 
anderen, verbreiteteren Ueberlieferung für seinen Neffen Charillos 
oder Charilaos aus dem Hause der Eurypontiden die Regentschaft ge- 
führt haben soll. Es lässt sich daraus schliessen, dass nach überein- 
stimmender Ansicht während der Gesetzgebung die Macht des Doppel- 
königthums aufgehoben war. 

Dass Lykurg, so wenig wie die kretischen Gesetzgeber, dem 
dorischen Stamme angehört habe, können wir aus der Weite seines 
Gesichtskreises und aus der Ueberlieferung von seinen überseeischen 
Reisen und Verbindungen schliefsen. Auch tritt in keinem Theile 
seiner Gesetzgebung dorisches Stamminteresse zu Tage und ein Dorier 
würde schwerlich daran gedacht haben, die Rhapsodien Homers nach 
Sparta zu verpflanzen. Dass der Gesetzgeber die Einrichtungen Kretas 
erforscht habe, ist eine wohlbeglaubigte Ueberlieferung. Hier fand er 
eine ähnliche Aufgabe, wie die ihm vorhegende, mit glücklicher 
Weisheit gelöst, und nichts ist für Sparta wohlthätiger gewesen, als 
der Anschluss an die politische und religiöse Cultur Kreta's, dessen 
Begründung man Lykurg zuschrieb. 

Die umsichtige Weltkenntniss und Staatsklugheit, welche der 
lykurgischen Gesetzgebung zu Grunde liegt, war nicht in Sparta zu 
Hause ; sie hatte nach Allem, was darüber bekannt ist, in Delphi ihre 
Quellen und erhielt von dort ihre Sanktion. Die Pythia erkannte Ly- 
kurg als einen Gott an, d. h. als den unbedingt zuverlässigen Vertreter 
des göttlichen Willens ; er ist im Wesentlichen nichts, als das Organ 
delphischer Weisheit und das Gelingen seines Werkes lässt sich nur 



DIE AUFGABE DER GESETZGEBUNG. 



173 



aus dem grofsen Einfluss erklären, welchen während der politischen 
Wirren die mit Delphi engverbundene Priesterschaft in Sparta erlangt 
haben muss. Die Gesetze selbst wurden als Orakel angesehen und ein 
priesterliches Collegium war dazu bestellt , über den Sinn der lykurgi- 
schen Gesetze Bescheid zu geben ^^). 

Die Thätigkeit des Gesetzgebers war im Wesentlichen eine drei- 
fache. Denn das erste Bedürfniss war Aufhören der blutigen Fehde, 
welcher das Land verfallen war, darum hat er als Stifter des Land- 
friedens sein grofses Werk begonnen. Das Zweite war eine Aus- 
gleichung zwischen den verschiedenen Ständen und Stämmen, die auf 
einer festen Bestimmung ihrer gegenseitigen Rechte und Pflichten 
beruhte; das Dritte die dorische Gemeindeordnung. 3, 

Das ganze Werk ist aber nicht auf einmal zu Stande gekommen, 
wie Plutarch es in seinem Leben des Lykurg darstellt, und nicht ohne 
mannigfaltige Kämpfe ist endlich das Ziel einer allgemeinen Beruhi- 
gung erreicht worden. 

Die ersten dieser Kämpfe fallen noch in die Zeit des Gesetzgebers. 
Denn es wird berichtet, dass derselbe Charilaos, als dessen Vormund 
Lykurgos genannt wird, ein unternehmender und kriegerischer 
Fürst, den Doriern gegenüber seine Königsmacht in dem Grade zu 
steigern gesucht habe, dass er deshalb als ein Gewaltherr oder Ty- 
rann bezeichnet w urde. Es erfolgte darauf eine Erhebung des dori- 
schen Volks , und erst in Folge neuer Satzungen , welche die könig- 
lichen Befugnisse wesenthch beschränkten, um den Gelüsten der 
Fürsten nach Wiederherstellung eines pelopidischen Königthums für 
alle Zeiten entgegenzutreten, kam es endlich zu einer bleibenden Ord- 
nung der Dinge, welche sich als spartanisches Staatsgebäude in der 
Hauptsache unverändert erhalten hat. Nach der Anschauungsweise 
der Griechen, welche für jedes grofse Werk einen Urheber sich zu 
denken das Bedürfniss hatten , ohne darauf bedacht zu sein, das früher 
Vorhandene oder später Gewordene zu unterscheiden, wurde die ganze 
Staatsordnung als die Gesetzgebung Lykurgs betrachtet ^^).^ 

Es hat aber niemals ein Gesetzgeber eine schwierigere Aufgabe 
vorfinden können. Zwei königliche Familien , mit ihren in der Vor- 
geschichte des Landes begründeten Rechten, eine gegen die andere 
voll Misstrauen und Eifersucht, jede nach unbedingter Macht lüstern 
und immer geneigt, sich bei der achäischen Bevölkerung beliebt zu 
machen, um mit Hülfe derselben von ihren Verbindlichkeiten gegen die 



174 



DAS KÖNIGTHÜM. 



Dorier frei zu werden ; daneben noch viele andere Ueberreste von Sit- 
ten , Einrichtungen und Gottesdiensten der heroischen Zeit , die hier 
seit Jahrhunderten bestanden und viel zu tiefe Wurzeln geschlagen 
hatten , um sich beseitigen zu lassen ; auf der andern Seite das dieser 
ganzen Zeit fremde Volk der Dorier, spröde und ungefüge, im stolzen 
Bewusstsein überlegener Kriegsmacht und eifersüchtig über den zuge- 
standenen Rechten wachend — diese Gegensätze standen sich noch im- 
mer unvermittelt gegenüber, und die verschiedenartigen Bestandtheile 
der älteren und jüngeren Landesbevölkerung, welche schon zu sehr mit 
einander verflochten waren, um sich wieder von einander scheiden 
zu lassen, veranlassten eine ununterbrochene Gährung, in welcher sich 
die Volkskräfte nutzlos aufrieben. Es hat in Griechenland keinen ver- 
worreneren und unglückhcheren Staat gegeben, als Sparta vor Lykurg. 
Man sieht, hier kam Alles auf Vermittelung an, auf versöhnende Aus- 
gleichung der Gegensätze, auf Begründung eines nach beiden Seiten 
vortheilhaften Vertragsverhältnisses. Dass dies auf eine dauerhafte 
Weise gelungen ist, bleibt für alle Zeiten eines der glänzendsten Er- 
gebnisse pohtischer Weisheit. 

Die ganze Gesetzgebung war wesentlich ein Vertrag, wie sie auch 
ausdrücklich von den Alten bezeichnet wird, ihr Inhalt also nichts 
weniger als ein rein dorischer. 

BHeben doch unverrückt an der Spitze des Staats die Königs- 
familien mit allen Attributen fürstlicher Macht, welche wir aus der 
achäischen Zeit kennen. Dieses Königthum konnte in dem neu zu 
ordnenden Staate nicht entbehrt werden; denn es war das Band zwi- 
schen den älteren und jüngeren Bestandtheilen der Bevölkerung, es 
war die Bürgschaft der Reichseinheit. Die Könige waren die Vertreter 
des Ganzen den Landgöttern gegenüber; durch sie allein wurde es 
möglich , die neue Ordnung der Dinge ohne Bruch geheiligter Ueber- 
Heferung an die Vergangenheit anzuknüpfen; in der Mitte des dori- 
schen Volkes wohnend, das ihnen zu Kriegsdiensten verpflichtet war, 
waren sie zugleich das Unterpfand für den Gehorsam und die Anhäng- 
lichkeit der älteren Bevölkerung, welche in ihnen ihre Oberhäupter 
verehrte. Dass es aber zwei Dynastien waren , die neben einander be- 
standen, gewährte den wichtigen Vortheil, dass dadurch zwei mächtige 
Parteien mit ihren Interessen an den Staat gebunden waren, und dass 
sich die vordorische Landesbevölkerung durch zwei ihrer angesehen- 
sten Geschlechter in der obersten Leitung des Staats vertreten sah, 



DER RATH DER ALTEN. 



175 



und zwar zu gleichen Rechten. Denn was die sogenannte ältere 
Linie, die der Agiaden, voraus hatte, waren nur unwesentliche Ehren- 
vorzüge. 

Aufserdem aber war das Doppelkönigthum eine Bürgschaft dafür, 
dass durch gegenseitige Eifersucht der beiden Linien ein tyrannisches 
Ueberschreiten der könighchen Prärogativen verhütet wurde. Einen j 
gleichen Sinn hatte auch die Bestimmung, dass den Königen die Ver- 
mählung mit auswärtigen Frauen verboten war. Sie sollten nicht etwa 
durch Verbindung mit anderen Fürstenhäusern zu dynastischer Politik 
und tyrannischen Gelüsten verleitet werden. So war eine misstrauend 
wachsame Staatsklugheit, welche man in den Jahrhunderten bürger- 
licher Parteikämpfe gelernt hatte, mit der naiven Einfachheit des 
heroischen Königthums und den patriarchalischen Insignien des Do\ß 
pelbechers und der Doppelportion beim Male in merkwürdiger Weise 
vereinigt. 

Das am Eurotas seit alter Zeit verehrte Dioskurenpaar war das 
heroische Vorbild des Regentenpaars; jeder der Könige führte in den 
Krieg ein Dioskurenbild mit sich, und wie sehr überall die Ueberliefe- 
rung der Heroenzeit in Ehren gehalten wurde, erhellt am deutlichsten 
daraus, dass Lykurg die homerischen Gedichte in Sparta einführte. 
Von den Küsten loniens tönte nun der Ruhm der Achäerfürsten nach 
dem Peloponnes zurück; im Epos war wie in einer nationalen Ur- 
kunde das Königsrecht verbrieft und versiegelt; es sollte auch in Sparta 
eine Weihe des Königthums, ein Schutz des Thrones sein ^^). 

Wie dem Könige der homerischen Zeit, so stand auch den Köni- 
gen in Sparta ein 'Rath der Alten' zur Seite, aus den Angesehensten 
des Volks gewählt, zur Theilnahme an der Staatsleitung sowie an 
der Ausübung der Gerichtsbarkeit berufen. Was aber früher fürst- 
Hchem Belieben anheimgestellt war, wurde nun nach allen Seiten fest 
geregelt und das Königthum an die Mitwirkung des Staatsraths ge- 
bunden. Vor Allem, wo es sich um Leib und Leben eines Bürgers 
handelte, sollten die Könige nicht mehr als solche den Urtheilsspruch 
fällen, sondern nur als Mitglieder des Raths, in welchem aufser ihnen 
acht und zwanzig Männer safsen. Es waren lebenslängliche Senatoren 
(Geronten), durch Volkszuruf als die besten Männer der Gemeinde be- 
zeichnet und zwar solche, die sich in einem sechzigjährigen Leben 
bewährt hatten, die Männer des öffentlichen Vertrauens. 

Wenn wir also hier, wie in allen alten Gemeinden, den Rath als 



176 



DIE DORISCHE KRIEGERGEMEINDE. 



eine Vertretung der Gemeinde ansehen müssen, so wird auch die Zahl 
seiner Mitglieder keine zufällige sein, sondern der Gliederung der 
Bürgerschaft entsprechen. Nun wird diese Gliederung allerdings 
nicht sicher bezeugt, aber es ist durchaus wahrscheinlich, dass es drei- 
fsig 'Oben' d. h. Unterabtheilungen der Stämme in Sparta gab, zehn 
hylleische, zehn dymanische, zehn pamphylische, und dass aus jeder 
Ohe ein Vertreter in den Rath abgeordnet wurde. Die Könige hatten 
also nur den Vorzug, dass sie die geborenen Vertreter der beiden Oben 
waren, welchen ihre Geschlechter angehörten, und dass sie den Vor- 
sitz führten. Es hatte jeder von ihnen nur eine Stimme unter den 
dreifsig, und wenn sie fehlten (sie mussten aber, wie es scheint, ent- 
weder beide anwesend, oder beide abwesend sein), übernahm einer von 
Ifen Senatoren die beiden Stimmen und gab dann als dritte seine 
eigene ^^). 

Auch was die Gemeindeverfassung betrifft, so wurde gewiss vieles 
Alte und Ursprüngliche nur wieder hergestellt. Wie hätte sonst von 
Kennern des Alterthums, wie Hellanikos, die ganze Gesetzgebung auf 
die Zeiten der dorischen Einwanderung, auf Eurysthenes und Prokies 
zurückgeführt werden können! Zu diesem Ursprünglichen gehörte 
ohne Zweifel die Gliederung der dorischen Gemeinde nach Phylen und 
Oben nebst der Anordnung ihrer W^ohnplätze sowie ihres Verhält- 
nisses zu Grund und Boden. 

Die Dorier hatten, als sie nach Lakedämon kamen, hier wie 
überall Landbesitz verlangt und erhalten. Die Landanweisungen, 
mochten sie erzwungen oder freiwillig gegeben sein , waren von Seiten 
der damaligen Landesregierungen erfolgt, und wir werden uns das Ver- 
fahren dabei im Wesentlichen eben so zu denken haben, wie es bei 
Ansiedelungen von Colonien stattfand; d, h. die zur Vertheilung be- 
stimmten Ländereien, entweder altes Domanialland der vertriebenen 
Pelopiden oder Grundstücke , welche in innern Fehden den früheren 
Besitzern genommen waren, wurden vermessen und die Colonisten 
erhielten gleiche Landloose nach einem auf den Unterhalt berechneten 
Ackermafse. 

Die ersten Einrichtungen waren auf die Verhältnisse berechnet, 
wie sie nach dem Sturze der Pelopiden in Lakonien stattfanden ; denn 
die Dorier hatten ja hier wie bei den Kretern in den einzelnen , unab- 
hängig gewordenen Stadtgebieten Aufnahme gefunden und sich mit 
den Achäern einzuleben begonnen (S. 169). Nun kamen die verschie- 



DIE DORISCHEN ACKERLOOSE. 



177 



denen Kleinstaaten mit einander in Streit, einer nach dem andern 
verlor seine Selbständigkeit und dadurch mussten auch die Verhält- 
nisse der eingewanderten Dorier in die gröfste Zerrüttung gerathen. 
Als daher Sparta ein neuer Mittelpunkt wurde und sich von hier 
aus ein lakedämonisches Reich gestaltete, kam es darauf an, die Dorier, 
auf deren Kraft und Disciplin allein eine Reichsmacht gegründet wer- 
den konnte, aus der Zerstreuung zu sammeln und sie, neu geordnet, 
um den Doppelthron der Herakliden wie in einem Lager zu ver- 
einigen. Es erfolgte also eine Reorganisation der Militärcolonie, wie 
wir die dorische Gemeinde nennen können, eine neue Gliederung, 
neue Zählung und neue Landanweisung. 

Bei solchen colonieartigen Ansiedelungen müssen wir bestimmte 
Zahlen voraussetzen; auch fehlt es darüber nicht an guten Ueber- 
lieferungen. Wenn aber die Summe der durch Lykurg zur Verthei- 
lung gekommenen Ackerloose verschieden angegeben wird , auf 4500, 
6000 und 9000, so gehören diese Zahlen gewiss verschiedenen Zeiten 
an, und wir können mit gutem Grunde annehmen, dass die niedri- 
geren Zahlen die älteren sind, welche dadurch erhöht worden sind, 
dass später in Folge neuer Landerwerbung eine Vermehrung der 
Ackerloose eingetreten ist. Dass aber die erste Zahl die lykurgische 
ist, wird auch dadurch bestätigt, dass sie sechs Jahrhunderte später 
von König Agis durch Aufnahme von Periöken und Fremden künst- 
Hch wieder hergestellt wurde; sie wird also eine durch alte Tradition 
geheihgte Zahl gewesen sein. 

Die dorischen Ackerloose bildeten in der Mitte der Landschaft 
ein zusammenhängendes Gebiet, dessen Gränzen wir ebenfalls aus 
den Reformen des Agis mit Sicherheit nachweisen können. Es er- 
streckte sich im Norden bis zu der Enge des oberen Eurotasthals bei 
Pellana und bis zum Passe des Oinusthals beiSelasia; im Süden ge- 
hörten die fruchtbaren Niederungen, welche sich zum lakonischen 
Meerbusen öffnen und bis Cap Malea erstrecken, noch zum Dorierge- 
biete; im Osten und im Westen machten die beiden Hochgebirge, Tay- 
getos und Parnon , die Gränze. Das ganze Kernland von Lakedämon 
war also im Besitze der Dorier; hier wohnten sie nach Phylen und 
Oben eingetheilt, so dass auf jede Phyle 1500, auf jede Ohe 150 Haus- 
stände kamen. Die Phylen und Oben bildeten auch besondere Land- 
gebiete; so war die Ohe 'Agiadai', der Sitz des älteren Königshauses, 
ein Distrikt am Eurotas. 

CurtiuB, Gr. Gesch. I. 6. Aufl. 12 



178 



DIE DORIER AM EUROTAS. 



Uebrigens wurden die Dorier auch jetzt keineswegs freie Eigen- 
thümer des Landes. Sie durften nichts verkaufen , nichts zukaufen, 
nichts verschenken oder vermachen. Die Ackerloose gingen unver- 
ändert als Majorate von Vater auf Sohn über; sie fielen, wenn keine 
männlichen Erben da waren, an den Staat zurück, d. h. die Könige, 
als die ursprünghchen Inhaber des Landes, verfügten darüber. 

Während wir also in Kreta eine doppelte Form der Landanwei- 
sung finden, die eine, welche den Einwanderern das Land zu freiem 
Eigenthum überhefs, die andere, welche es als Staatseigenthum zurück- 
behielt: so hat die lykurgische Gesetzgebung, welche den Doriern 
gegenüber durchweg die strengere war, den letztern Gesichtspunkt 
allein gelten lassen. Die Könige sind die alleinigen Oberhäupter des 
Staats, die Nachfolger und Erben derer, welche den Staat gegründet, 
die Gemeinde gestiftet, das Gemeinland ausgetheilt haben, und zwar 
mit der Verpflichtung, dass der jedesmalige Inhaber den Landesfürsten 
dafür Kriegsdienste leistete. Auf diesem Verhältnisse beruht hier, wie 
in Kreta, der Organismus des Staats. Auf jedem Landloose haftet die 
Dienstpflicht, und wie diese für alle die gleiche ist, so sind natürlich 
auch die Loose einander möglichst gleich an Gröfse und Wert^^). 

Hier kam Alles auf Erhaltung der hergestellten Ordnung an und 
die Könige als die Oberlehnsherren wachten darüber; sie hatten 
namentlich die Sorge dafür, dass keine Landloose erledigt bheben 
und dass Mitglieder der Kriegergemeinde, welche nicht ansässig waren, 
durch Verheirathung mit Erbtöchtern zum Grundbesitze gelangten. 
Rechtzeitige Verheirathung war eine öffentliche Pflicht des mit Land 
belehnten Doriers; er war verpflichtet das Seinige zu thun, um kräfti- 
gen Nachwuchs für sein Ackerloos aufzuziehen, und dies wurde so 
unumwunden als Zweck der Ehe hingestellt, dass eine kinderlose Ehe 
gar nicht als solche angesehen, sondern ihre Auflösung vom Staate 
verlangt wurde. 

Die dienstpflichtige Doriergemeinde war die 'Phrura' oder Schutz- 
wache der Könige. In ihrer Mitte hatten sie während des Kriegs ihr 
Zelt, von ihr umgeben wohnten sie auf den Hügeln von Sparta. 
Dieser Mittelpunkt des Landes sollte aber keine geschlossene Festung 
sein, wie eine alte Achäerburg; vielmehr sollten sich die Könige auch 
ohne Ringmauern vollkommen sicher nach innen und aufsen fühlen 
und die Dorier nie daran denken, sich auf schützende Befestigungen zu 
verlassen. Darum bheb des Landes Hauptstadt ein offener Ort, wo 



DIE PERIÖKEN UND HELOTEN. 



179 



die Könige in einfacher bürgerlicher Wohnung unter den dorischen Ge- 
meinden lebten. Sparta bildete durchaus keinen geschlossenen Kreis 
von Häusern, wie die anderen Griechenstädte, sondern ländhch und frei 
am Flusse gelegen, ging es allmählich in die ofl'ene Landschaft über 
und die Dorier wohnten weit über Sparta hinaus das ganze weite Thal 
entlang, ohne dass die ferner wohnenden darum weniger Bürger 
Spartas gewesen wären, als die an der Eurotasfurt. Sie waren alle 
'Spartiaten', wie sie nach strengerem Sprachgebrauche zum Unter- 
schiede von den Lakedämoniern genannt wurden ^^). 

Von dieser geschlossenen Spartiatengemeinde streng gesondert, 
blieb die ältere Landbevölkerung, welche auf den Bergen rund um 
das Spartiatenland herum wohnte (daher die Umwohner oder Periöken 
genannt), in ihren ursprünglichen Verhältnissen unberührt. An Zahl 
den Spartiaten um mehr als das Dreifache überlegen , bestellten sie 
den ungleich weniger dankbaren Ackerboden des Gebirges, dessen 
schroffe Abhänge sie durch Terrassenmauern für Kornbau und Wein- 
pflanzungen einrichteten. Sie beuteten die Steinbrüche und Bergwerke 
des Taygetos aus, trieben Viehzucht und Seefahrt und versorgten den 
Markt von Sparta mit Eisengeräth, Baumaterial, Wollenzeugen, Leder- 
waaren u. dgl. Freie Eigenthümer auf ihrem Grund und Boden, 
brachten sie nach uraltem Herkommen den Königen ihre Abgaben dar. 

Dagegen hatte das Landvolk, welches auf den Aeckern der Spar- 
tiaten safs, ein härteres Loos. Ein Theil desselben bestand wahr- 
scheinhch aus früheren Domänenbauern, alten Lelegern, die schon den 
Achäern zinsbar gewesen waren; Andere waren später in inneren 
Fehden unterworfen worden. Sie wurden auf ihren früheren Aeckern 
unter der Bedingung gelassen, dass sie den bei ihnen einquartierten 
Spartiaten einen wesentlichen Theii des Ertrages abgeben mussten. 
Dieser Zwang rief mehrfache Erhebungen hervor und wahrscheinlich 
ist die alte Seestadt Helos eine Zeitlang der Mittelpunkt einer solchen 
Erhebung gewesen. Denn nur so ist die allgemeine Ansicht der Alten 
zu erklären, dass von jener Stadt der Name der Heloten stamme, wel- 
cher nun die gemeinsame Bezeichnung für den Stand der mit Kriegs- 
gewalt unterworfenen und ihrer Freiheit beraubten Landbewohner 
wurde. Hier bestand im Wesentlichen dasselbe Verhältniss, welches 
die Dorier schon im ihessalischen Lande an den Penesten kennen ge- 
lernt hatten (S. 95). 

Die Helotenfamilien lebten auf den Ackerloosen der Spartiaten 

12* 



180 



RECHTE DER DORIER. 



vertheill; diese ubergaben ihnen das Land und verlangten von ihnen 
die regelmäfsige Abgabe des Ertrags, auf welchen dasselbe geschätzt 
war. Dieser Ertrag betrug für jedes Ackergut zwei und achtzig Scheffel 
Gerste und ein entsprechendes Mafs an Wein und Oel; was die Heloten 
mehr gewannen, gehörte ihnen, und Jedem war damit Gelegenheit ge- 
boten, einen gewissen Wohlstand zu erwerben. 

Die Heloten waren Knechte und ohne Antheil an bürgerUchen 
Rechten ; doch waren auch sie nicht schrankenloser Willkür überlassen. 
Sie waren Knechte des Gemeinwesens ; darum durfte sich kein Ein- 
zelner zum Nachtheile desselben an ihnen vergreifen. Als Mitglied 
des Staats konnte der Spartiate von jedem Heloten Ehren und Dienste 
in Anspruch nehmen, aber Keiner durfte Einen derselben als sein 
Eigenthum behandeln. Sie durften nicht verkauft noch verschenkt 
werden; sie gehörten zum Inventar des Gutes, und der Inhaber des- 
selben durfte bei schwerer Strafe selbst im besten Erndtejahre keinen 
Scheffel Gerste mehr von ihnen verlangen als gesetzlich bestimmt 
war ^^). 

Der Gesetzgeber hatte nach dem Vorbilde von Kreta dies Verhält- 
niss so geordnet, damit die Spartiaten aller Nahrungssorgen ledig und 
unbekümmert um die Herbeischaffung des Unterhalts sich mit voller 
Mufse den Pflichten widmen könnten, welche sie für das Gemeinwesen 
übernommen hatten. Sie waren aber nicht blofs die Hüter desselben 
und die ihm zu Gebote stehende bewaffnete Macht, sondern sie hatten 
ihren bestimmten Antheil an den Hoheitsrechten des Staats, an der 
Regierung und Gesetzgebung, sie bildeten die eigentüche Bürger- 
gemeinde des lykurgischen Staats. Es war der Könige Pflicht, wenig- 
stens einmal jeden Monat, am Tage des Vollmonds, die Bürgerschaft zu 
berufen, und dazu durften sie keinen anderen Platz wählen, als einen 
Theil der Eurotasniederung 'zwischen Babyka und Knakion' d. h. 
wahrscheinlich zwischen der Eurotasbrücke und der Einmündung des 
Oinusflusses, also recht in der Mitte der eigenthchen Doriersitze, im 
Stadtgebiete von Sparta, aus dessen Nähe der Schwerpunkt des Staats 
niemals gerückt werden sollte. 

Dieser Gemeindetag war zugleich eine Heerschau der waffen- 
fähigen Bürgerschaft vor den Augen ihrer Kriegsherrn; hier wurden 
die Wahlen der Geronten und anderer Beamten vollzogen, die Mit- 
theilungen der Regierungsbehörden entgegen genommen und wichtige 
Staatsangelegenheiten, wie Kriegs- und Friedensschlüsse, Verträge und 



ZUCHT DER DORIER. 



181 



neue Gesetze zur verfassungsmäfsigen Bestätigung vorgelegt. Debatten 
waren nicht gestattet, keine Aenderungsvorschläge oder neue Anträge 
gingen von der Bürgerschaft aus; nur Ja oder Nein. Auch dies Ab- 
stimmen war in der Regel eine leere Form, wie sich schon aus der 
Weise der Abstimmung entnehmen lässt; denn es wurde weder durch 
Stimmsteine, noch durch Handaufhebung, sondern nach Soldatenart 
nur durch Zuruf der Volkswille zu erkennen gegeben. Die Versamm- 
lungen waren möglichst kurz, sie wurden stehend abgemacht; es 
wurde Alles vermieden, was zu einem längeren und behaglichen Zusam- 
menbleiben hätte einladen können; jeder Schmuck, jede bauliche 
Einrichtung wurde fern gehalten. Sitzplätze waren wahrscheinlich 
nur für die leitenden Beamten vorhanden. Darum war auch der Ver- 
sammlungsraum von Anfang an ganz verschieden von dem des Markt- 
verkehrs. Man sieht, die Theilnahme der Dorier an den Staats- 
geschäften war so angeordnet, dass sie in dem Bewusstsein, an den 
Hoheitsrechten des Staats ihren Antheil zu haben und in wichtigen 
Fällen die Mafsregeln desselben in letzter Instanz entscheiden zu 
können, Befriedigung fanden ; sie sollten sich nicht wie einem frem- 
den Staate eingeordnet, sondern als die Bürger desselben fühlen, sie 
waren nicht blofs Gegenstand der Gesetzgebung, sondern selbstthätige 
Theilnehmer derselben, denn sie gehorchten nur solchen Ordnungen, 
denen sie ihre Zustimmung gegeben hatten. Und dennoch war es 
in der Regel so, dass sie regiert wurden und nicht regierten. Auch 
war ihre ganze Bildung darauf angelegt, dafs sie weder Beruf noch 
Neigung hatten, sich mit politischen Dingen zu befassen, und ihr Ge- 
sichtskreis viel zu eng, um über allgemeine und namentlich über aus- 
wärtige Angelegenheiten ein Urtheil zu haben. Aufserdem hatte in 
Sparta Alles so sehr seine bestimmte Ordnung, dass nicht leicht etwas 
im Staatswesen geändert wurde ^^). 

Im Ganzen nahm also die Ausübung seiner politischen Rechte 
den Spartiaten nur selten und wenig in Anspruch. Desto mehr wurde 
die volle Mufse und Kraft den Kriegsübungen gespendet. Denn darauf 
war vor allem Anderen das Augenmerk der Gesetzgebung gerichtet, 
dass die Wehrkraft des Volks, deren Besitz der Staat mit seinem 
besten Lande erkauft hatte, demselben ungeschwächt erhalten werde. 
Darum wurden alle Sitten des dorischen Volks, mit denen es einst 
so machtvoll und unwiderstehlich in die erschlalfte Achäerwelt hin- 
eingetreten war, die ernste Zucht und herbe Einfachheit des Lebens 



182 



ÖFFENTLICHE ZUCHT. 



in voller Strenge hergestellt und mit der ganzen Schärfe des Gesetzes 
gehütet. 

Solche Strenge war um so nöthiger, je mehr die natürliche 
Ueppigkeit der Thallandschaft zu einem behaglichen Leben aufforderte. 
Kriegerische Tüchtigkeit war das einseitige Ziel spartanischer Jugend- 
bildung sowie die Bedingung für den Genuss der eingeräumten Rechte 
und Vortheile; denn die Geburt allein gewährte keinen Anspruch. 
Der Staat behielt sich ausdrücklich das Recht vor, die Spartiaten- 
kinder gleich nach der Geburt einer Prüfung ihrer körperhchen Be- 
schaffenheit zu unterziehen, ehe sie als Hauskinder anerkannt wurden. 
Die schwächhchen und krüppelhaften wurden im Taygetos ausgesetzt, 
d. h. sie durften nur unter den Periö lienkindern ^ii^fvY^chsen ; denn 
das Interesse des Staats war gefährdet, wenn ein zur Wehrptlicht Un- 
taugHcher die Erbschaft eines Ackerlooses antrat. 

Auch der als echter Spartiatensohn Aufgewachsene konnte de- 
gradiert werden ; er verlor seine Rechte, wenn er seiner Kriegspflicht 
nicht in vollem Mafse genügte. Auf der anderen Seite hatte der Ge- 
setzgeber Spartas mit grofser Weisheit dafür gesorgt, dafs eine Er- 
gänzung der Spartiatengemeinde aus anderem Blute und mit frischen 
Kräften möglich war; denn es konnten auch Solche, die nicht aus rein 
dorischer Ehe stammten, Kinder von Periöken und Heloten, wenn sie 
die ganze Schule der militärischen Erziehung gewissenhaft durchge- 
macht hatten, in die Doriergemeinde aufgenommen werden und in 
erledigte Ackerloose eintreten. Das geschah aber nur mit Bewilligung 
der Könige ; vor ihnen erfolgte die feierliche Adoption des Uneben- 
bürtigen durch einen erbgesessenen Dorier. So gewann der Staat 
Neubürger und dieser Einrichtung verdankte Sparta eine Reihe seiner 
gröfsten Staatsmänner und Feldherren. Also die Zucht, die Disciplin 
machte den Spartiaten, nicht das Blut der Ä'Rnen*^**^* 

Es ist gewiss, dass die spartanische Zucht viel der ursprünglichen 
Doriersitte Entsprechendes hatte, und dass sie durch täghche üebung, 
die sich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzte, den Mitghedern 
der Gemeinde zur anderen Natur wurde. Lykurg hatte auch in dieser 
Beziehung die kretischen Einrichtungen noch geschärft. Kreta liefs 
die jungen Dorier bis zur Jugendreife im Hause der Mutter, Sparta 
nahm schon den siebenjährigen Knaben in öffentUche Zucht und 
stellte ihn in seine Abtheilung ein, wo er alle Vorübungen zum Kriegs- 
dienste durchmachen und seinen Körper genau in der Weise abhärten 



ABSCHLUSS NACH AUSSEN. 



183 



und ausbilden musste, wie es der Staat durch seine Beamten vor- 
schrieb. So fand sich der Knabe, schon ehe er anfing, nachzudenken, 
in festen und strengen Ordnungen, inmitten deren er sich aller 
eigenen Neigungen und Richtungen entwöhnte. So erwuchs der 
Knabe zum Jüngling, und in demselben Gefühle lebten die Jünglinge 
und Männer weiter, den Bienen gleich wie durch einen Naturtrieb sich 
eng zusammen schaarend. 

Dies Gefühl zu beleben dienten die Chorgesänge, weil das Ge- 
lingen ihrer Ausführung durchaus von der Unterordnung unter das 
Ganze, von der selbstverleugnenden Mitwirkung aller Einzelnen zu 
einer gemeinsamen Aufgabe abhängt; dazu dienten die gemeinsamen 
Waffenübungen und Festtänze, sowie die gemeinsamen Männermale 
(Syssitia, Phiditia), denen sich auch die, welche schon einen eigenen 
Hausstand gegründet halten, ja auch die Könige nicht entziehen 
durften. Das Haus sollte immer das Zweite bleiben, und der Fami- 
lienvater auch in der Heimath nie das Gefühl und die Gewohnheit 
eines ununterbrochenen Felddienstes und Lagerlebens verlieren. Da- 
her hiefs auch das Zusammenspeisen 'zusammenlagern', die Tischge- 
nossen waren keine anderen als die Zeltgenossen; die Kost so einfach, 
dass sie auch im Felde in gleicher Güte leicht zu gewinnen war. Man 
safs zu fünfzehn an einem Tisch, und zwar nicht nach Vorschrift 
gruppirt oder nach den zufäüigen Bestimmungen des Wohnorts, son- 
dern nach freier Wahl. Es fand nämlich vor der Aufnahme jedes 
neuen Mitgliedes eine Kugelung statt und eine verneinende Stimme 
genügte, um die Anmeldung zurückzuweisen. Es war eine echt mili- 
tärische Mafsregel, um einen kameradschafthchen Zusammenhang 
herzustellen ; denn nun waren alle MitgUeder gebunden, zu Hause wie 
im Felde für einander einzustehen. Dies war aber um so wichtiger, 
weil die Tischgenossenschaft die dem Heerwesen zu Grunde hegende 
Einheit war. Denn die ganze Doriergemeinde bestand aus 300 solcher 
Kameradschaften. Hier wurden die einförmigen Beziehungen der 
Oertlichkeit und Verwandtschaft in vvohlthätiger Weise gekreuzt, hier 
war innerhalb des strengen Schematismus ein Gebiet der Freiheit, der 
Wahlverbindung, der Neigung. Andererseils erhielt sich in diesen 
Kreisen das Herkommen von einem Geschlecht zum andern und es 
ging von hier der Corpsgeist aus, welcher alle Ausschreitungen indivi- 
dueller Neigungen zurückhielt^'). 

Weil aber das Leben im Ganzen so beschaffen war, dass es dem 



184 



SPARTANISCHES LEBEN. 



menschlichen Freiheitstriebe wenig Genüge schaffte, ein Leben voll 
Zwang und strenger Satzung, so musste es im Interesse des Gesetz- 
gebers liegen, den Verkehr nach aufsen zu hemmen, damit nicht der 
Einblick in behaglichere und menschlichere Lebensverhältnisse den 
Spartiaten ihre heimathlichen Zustände verleide. Das ganze Gemeinde- 
leben hatte den Charakter des Zurückgezogenen, des Undurchsich- 
tigen und Heimlichen. Die versteckte Lage des Eurotasthals zwischen 
Taygetos und Parnon erleichterte den Abschluss; es war einem wohl- 
bewachten Lager gleich, wo Niemand ohne Meldung weder heraus 
noch hereingelassen wurde. Wachposten standen an den Thalengen 
von Belmina, Selasia und Karyai, welche wie Pforten in das Innere 
des Eurotasthals einführten. Das Auswandern eines Spartiaten wurde 
mit dem Tode bestraft, denn es war ja nichts anderes als Desertion 
eines Dienstpflichtigen; das Reisen aber schon dadurch unmöglich ge- 
macht, dass keinem Spartiaten erlaubt war, anderes als einheimisches 
Eisengeld zu besitzen, das nicht nur im höchsten Grade unhandlich 
und unbequem war, sondern auch aufserhalb des Landes keinen Curs 
hatte. Gold und Silber zu besitzen, war aber so strenge verboten, 
dass es dem das Leben kostete, bei welchem sich ein solcher Besitz 
vorfand. Da nun jede Geistesentwickelung abgewehrt wurde, welche 
weitere Gesichtskreise eröffnen konnte, da auch von dem, was die 
Hellenen am innigsten unter einander verband, von der Kunst der 
Poesie und Musik nichts zugelassen wurde, als was von Staatswegen 
einen bestimmten Zuschnitt erhalten hatte und in offizieller Form 
anerkannt war: so hatte die ganze Bildung des Spartiaten, wie seine 
Münze, nur im Lande Gültigkeit und Werth, und so wie sich jeder 
frei erzogene Grieche in Sparta beengt und unheimlich fühlen musste, 
so konnte auch der Spartiate aufserhalb seiner heimischen Kreise sich 
nicht anders als durchaus fremd, unbeholfen und unbehaghch fühlen. 

Wenn man von den Höhen des Taygetos in das hohle Land 
hinabblickte, so musste es wie ein grofser Exercierplatz erscheinen, 
und wie der Standort eines schlagfertigen Heers, das in einer unter- 
worfenen Landschaft lagerte. Um die bestimmten Stunden rückte 
die Jugend auf die Turnplätze am Eurotas, sammelte sich die Mann- 
schaft in ihren festgeordneten Gruppen, nie ohne Waffen oder den 
Stab, das Zeichen der Macht, durch den kurzen Tuchmantel, das wal- 
lende Haar und den Bart von den anderen Menschenklassen streng 
unterschieden und Ehrerbietung von ihnen verlangend. Alles, auch 



SPARTANISCHES LEBEN. 



185 



die Feste, hatte einen militärischen Charakter. Commandiren und Ge- 
horchen — das war die Wissenschaft des Spartaners; nach diesem Zu- 
schnitte war auch seine Rede kurz und knapp. Scherz und Witz war 
nicht ausgeschlossen. Im Gegentheil; das kameradschaftliche Zusam- 
menleben der Männer gab dazu Gelegenheit genug und war eine fort- 
währende Uebungsschule in tretfenden Worten und guten Einfällen. 
Lykurgos selbst soll dem Gotte des Lachens einen Dienst gestiftet 
haben; denn es war die kluge Absicht der Gesetzgebung, den trockenen 
Ernst des Lebens, in welchem nur das strenge Pflichtgebot herrschte, 
so viel als möglich zu beleben und zu mildern. Die eigentliche Hei- 
math spartanischer Redekunst, die Ausgangspunkte so vieler Spartaner- 
witze, die in ganz Griechenland Umlauf hatten, war die Lesche, der 
Sammelort der müfsigen Männer, in der Nähe der öfTentlichen Ue- 
bungsplätze, wo sie in kleinen Abtheilungen zusammen kamen und 
muntere Reden wechselten, wie es im Lager beim Wachtfeuer ge- 
schieht. Hier lernte man die Manier spartanischer Wechselrede und 
übte sich in Geistesgegenwart^^). 

Trotzdem hätte die Eintönigkeit des Lebens, das sich mit allen 
seinen Interessen um die Uebungsplätze und den Waffendienst be- 
wegte, drückend werden müssen, wenn nicht das Jagdleben auch in 
den Friedenszeiten Abwechselung und Abenteuer dargeboten hätte. 
Die Wälder, welche die mittlere Höhe des Taygetos bedecken, waren 
unerschöpflich an wilden Ziegen, Sauen, Hirschen, Bären, namenthch 
der Höhenzug oberhalb Sparta zwischen den Gipfelbergen Taleton und 
Euoras, welcher den Namen Therai (Jagdbezirk) führte. Hier stiegen 
in den steilen Schluchten, aus denen die Waldbäche in das Tiefland 
stürzen, die munteren Jagdzüge dorischer Männer empor, von lakoni- 
schen Spürhunden, den besten ihrer Gattung, ungeduldig umbellt. 
Die wilden Felsklippen , auf denen drei Viertel des Jahres der Schnee 
liegen bleibt, boten Gelegenheit genug, männliche Gewandtheit, Muth 
und Abhärtung zu bewähren. Das Wild wurde wie Kriegsbeute be- 
trachtet und durfte zu Sparta auf den Tisch gebracht w^erden, um die 
einförmige Tafelordnung der Phiditien festlich zu unterbrechen, wäh- 
rend die Jagdabenteuer lange vorhielten, um die Unterhaltungen in 
den Leschen zu würzen. 

Sollte die lykurgische Zucht, wie beabsichtigt war, das ganze ge- 
sellige Leben umfassen, so durfte auch das Haus und die häusHche 
Ordnung nicht ausgeschlossen bleiben. Auch fehlte es nicht an Vor- 



186 



DIE STAATSBEAMTEN. 



Schriften und gesetzkräftigen Regeln , welche die Ehe , die körperliche 
Ausbildung der Jungfrauen, die Lebensweise und Zucht der Frauen, 
die Nährung und Auferziehung der Kinder betrafen; die Ammen La- 
koniens wurden als die besten in ganz Griechenland gesucht. In- 
dessen ist es dem Gesetzgeber doch nicht gelungen, über die Schwelle 
des Hauses mit der strengen Norm seiner Satzungen vorzudringen 
und bis in das Innere der Famihe die staatüche Disciplin auszudehnen. 
Hier blieb die Hausfrau in ihren Rechten, und je mehr das Haus am 
Ende die einzige Stätte war, wo der Spartaner sich noch als Mensch 
fühlen und bewegen konnte, um so mehr gewann dadurch an Würde 
und Einfluss die im Innern des Hauses waltende Frau, die 'Mesodoma', 
die zugleich während der Abwesenheit des Mannes dem ganzen Haus- 
wesen vorzustehen und das Helotenvolk zu regieren verstehen musste. 
Ganz besonders schwierig, aber auch besonders einflussreich, musste 
ihre Stellung da sein, wo verschiedene Familien sich mit einem Acker- 
loose zu behelfen hatten; da kam es nicht selten vor, dass mehrere 
Brüder zusammen eine Frau hatten ^^). 

Beamte brauchte ein solcher Staat nicht viele. Die Spartiaten- 
gemeinde wurde durch Unterordnung der Jüngeren unter die Aelteren, 
der Krieger unter ihre Vorgesetzten, die Unterordnung Aller unter 
das Gesetz zusammengehalten. Die achäische Bevölkerung wurde 
durch Vögte regiert, welche in die verschiedenen Bezirke der Periöken 
geschickt wurden ; die Heloten bändigte die Furcht vor der stets be- 
waffneten Macht; das ganze Staatswesen aber stand unter der Hut der 
Könige aus Heraklidenstamme, welche den Staat mit seinen Göttern 
und Heroen in altheiligem und segenverbürgendem Zusammenhange 
erhielten, die Gesetzgebung wahrten und namentlich die Verhältnisse 
am Grund und Boden , die Grundlage des Ganzen , in wachem Auge 
hielten. Sie hatten an ihrer Seite die vier Pythier, die Vertreter des 
delphischen Gottes, welche dafür zu sorgen hatten, dass der unter 
seiner Autorität gegründete Staat mit seinem Willen fortdauernd in 
Einklang bleibe. 

Die Könige erwählten die Truppenführer und die Aufseher der 
Jugenderziehung, sie nahmen sich endhch auch für die Oberaufsicht 
des Landes Gehülfen und Stellvertreter. 

Solche Aushülfe war in Lakonien, wo so viele und nach Ursprung 
und Stand so verschiedene Menschenarten dicht zusammenwohnten, 
besonders nöthig , damit keine Reibungen zwischen ihnen stattfänden, 



DORISIRUNG DER LANDSCHAFT. 



187 



welche Ruhestörungen veranlassten. Namentlich auf dem Markte von 
Sparta, wo alles Volk sich zusammendrängte, bedurfte es strenger 
Polizeiaufsicht. Jeder Tumult, jeder Auflauf war in einem Staate 
wie Sparta doppelt gefährUch, weil er auf unerschüttertes Beharren 
berechnet war. Es war sein Stolz, keine Hauptstadt mit gedrängten 
Gassen und unruhigem Pöbel zu haben, sondern schon im Aeusseren 
der Wohnsitze, in der Ruhe des täglichen Verkehrs ein wohlgefäUiges 
Bild der Ordnung darzustellen, so wie Terpandros die Stadt preist, 
auf deren 'breiten Strafsen die Gerechtigkeit wohne' ^"). 

Es ist wahrscheinlich, dass in der Beaufsichtigung der öffentlichen 
Ordnung, in der Schlichtung der Streitigkeiten, die namentlich beim 
Kaufen und Verkaufen entstanden, der Ursprung der Ephorie zu 
suchen ist, eines Amtes, das vermuthlich viel älter ist als die lykur- 
gische Gesetzgebung und nicht im dorischen Staatsleben seine Wurzeln 
hat. Es blieb aber wie so vieles Andere in dem Staate Lykurgs be- 
stehen; ja es erlangte in demselben eine ganz neue Bedeutung, als an 
den tyrannischen Gelüsten der Könige das Gehngen des grofsen lykur- 
gischen Versöhnungswerkes scheiterte und das Misstrauen, aus alten 
Keimen immer von Neuem aufschiefsend, eine Amtsgewalt verlangte, 
welche die Interessen der dorischen Gemeinde allen Angriffen gegen- 
über zu vertreten hatte. 

Mit dem Ephorenamte, welches erst in der folgenden Zeit, nach- 
dem Sparta ein erobernder Staat geworden war, seine volle Macht ent- 
faltete, stieg zugleich der Einfluss des dorischen Elementes. Aeufser- 
lich behielt Sparta sein alterthümliches Aussehen, und wer durch die 
Strafsen der Stadt wanderte, fand lauter Monumente, welche den 
Göttern und Heroen der achäisch-äolischen Vorzeit galten. Innerhch 
aber ging eine durchgreifende Umwandlung vor; dorische Volkskraft, 
durch Lykurgs Gesetze gestählt und geordnet, drang mehr und mehr 
durch, und so wurde aus dem Staate, welcher seinen wesentlichen 
Institutionen nach ein achäischer gewesen war, immer mehr ein 
dorischer. 

Dieser Dorismus theilte sich auch den Umwohnern mit, den alten 
Lelegern und Achäern; der dorische Dialekt wurde der offiziell im 
Lande herrschende. Von dem Markte Spartas verbreitete er sich in 
die Gebiete, wo Dorier mit Nichtdoriern nahe zusammen wohnten; die 
ganze, einst argivische Ostküste wurde zugleich lakedämonisch und 
dorisch; die Verwaltung der Landschaft wurde von dorischen Män- 



188 



CHRONOLOGIE DES LYKURGOS. 



nern besorgt. Nach Kythera, dem gefährlichsten Punkte lakedämoni- 
scher Herrschaft, weil hier eine seit ältesten Zeiten sehr buntgemischte 
Bevölkerung war (S. 36) und an einem solchen Kreuzpunkte der See- 
fahrt der Abschluss gegen alles Fremde nicht so strenge durchgeführt 
werden konnte, wurde jährlich ein Statthalter geschickt mit einer 
dorischen Besatzung, welche das unruhige Inselvolk im Zaume hielt. 

Auch durch den Kriegsdienst wurde die dorische und nicht- 
dorische Bevölkerung einander genähert. Denn wenn auch ursprüng- 
lich die dorische Gemeinde den eigentlichen Kriegerstand ausschliefsHch 
bildete, so waren doch die Periöken niemals ihrer ursprünglichen 
Wehrpflicht entbunden, und wir kennen keine lakedämonischen Heere, 
in denen nicht Periöken auch als Schwergerüstete mitdienten. Zu 
diesem Dienste wurden sie von den Spartiaten herangezogen und ein- 
geübt; diese waren lauter geborene Offiziere. Wenn sie Hunger und 
Durst ertragen, wenn sie den blutigen Schmerz der Geifselung am 
Altare der Artemis Orthia verachten gelernt, wenn sie sich auf den 
Ringplätzen am Eurotas sowie auf den schattigen Eurotasinseln des 
Platanistas in den Lustkämpfen der jungen Schaar bewährt und 
die ganze Kriegsschule durchgemacht hatten, so übernahmen sie zuerst 
in der eigenen Landschaft den Waffendienst, um zu zeigen, ob sie selb- 
ständig, kräftig und mit Geistesgegenwart zu handeln wüssten. Da 
traten sie denn als die Herren des Landes auf, die Heloten, die immer 
Tücke sinnenden, bewachend, Zucht und Ordnung wahrend von den 
arkadischen Gränzgebirgen bis nach Gap Tainaron, dem Mittelpunkte 
helotischer Landbevölkerung. In allen Berührungen zwischen den 
verschiedenen Bestandtheilen der Bevölkerung ward das dorische 
Wesen das Durchgreifende und vorwiegende; das Altachäische er- 
blasste und verlor sich mehr und mehr'^^). 

Dies sind Resultate, welche aufserhalb des ursprünghchen Zwecks 
der lykurgischen Einrichtungen lagen, aber sie sind mit innerer Noth- 
wendigkeit aus denselben hervorgegangen und deshalb als denselben 
angehörig angesehen worden. Um so gröfser war die Bewunderung 
des Alterthums vor dieser Gesetzgebung, welche, so weit der Erfolg 
den Mafssta-b abgiebt, einzig in ihrer Art ist. Wir können im besten 
Falle nur die Gesichtspunkte, welche ihr zu Grunde lagen, die Vor- 
bilder denen sie folgte, die religiöse Autorität, unter der sie zu Stande 
kam, im Allgemeinen erkennen, während die persönliche Wirksamkeit 
des Gesetzgebers sich unsern Augen gänzlich entzieht. Auch Thuky- 



SPARTAS AUSWÄRTIGE VERHÄLTNISSE. 



189 



dides ist, wo er von der lakedämonischen Gesetzgebung spricht, in 
Betreff ihres Urhebers absichtlich sehr zurückhaltend, während er die 
Zeit derselben mit Sicherheit bestimmt. Er berechnet ihren Bestand 
am Ende des peloponnesischen Kriegs auf vierhundert und etliche 
Jahre; er setzt also die Gesetzgebung um ^0 vor Chr. Man hatte 
Stammbäume der Könige, welche bis auf ProlTes zurückgingen, es 
waren aber Namen ohne Zahlen; auch enthielten sie den Namen des 
Lykurgos nicht. Später berechnete man die Folge der Regenten nach 
Durchschnittszahlen und setzte des Lykurgos vormundschaftliches Amt 
in das Jahr 219 nach der Rückkehr der Herakhden (1103), also 884. 
Das ist die Rechnung des Eratosthenes , welche die gemeinhin gültige 
geworden isf*^). 

Was aber die Beurtheilung der lykurgischen Verfassung betrifft, 
so kann sie sich nur aus der Geschichte des Staats ergeben, welcher 
erst durch sie zu einem geschichtlichen Staate geworden und aus seinem 
engsten Kreise herausgetreten ist. 



Ursprünglich war der spartanische Staat auf nichts weniger an- 
gelegt, als auf Erweiterung; sein Beruf war vielmehr Beschränkung 
innerhalb der natürlichen Landesgränzen und Absonderung gegen 
aufsen; jede fremdartige Berührung galt für gefährlich. Das Heer war 
die Schutzwache des Thrones, es sollte nur das Gegründete erhalten. 
Indessen ist es unmöglich, die ganze Bürgerschaft eines Staates auf 
Krieg zu erziehen, mit absichtlicher Verabsäumung aller anderen Gei- 
stesrichtungen nur nach dieser Seite hin den Ehrgeiz in aller Stärke 
beim Jünghnge aufzuregen und beim Manne wach zu halten, ohne 
dass zugleich das Verlangen nach kriegerischer Thätigkeit sich ein- 
stellen sollte. Die Periöken Lakoniens kehrten wie die Bürger aller 
anderen Staaten nach beendetem Feldzuge zu ihren Beschäftigungen 
zurück; aber die Spartiaten blieben stets in Waffen; sie hatten nur zu 
wählen zwischen der Einförmigkeit des Soldatenlebens im Frieden, 
das nicht einmal den Reiz der Bequemlichkeit hatte, und dem freieren 
Leben des Feldlagers. Waren sie doch gelehrt, im Schmucke der 
Kleider und Waffen zur Schlacht wie zur Luslfeier auszuziehen , von 
Musik geleitet, in munterem Festschritte! Kein Zweifelmuth hielt sie 
zurück. Denn wen hatten sie zu fürchten, sie, die Krieger waren wie 
sonst Keine in Hellas, die mit Verachtung auf die von den Feldern und 



190 



SPARTA UND MESSENIEN. 



aus den Werkstuben zusammengerufenen Milizen der anderen Staaten 
blickten ! 

Dazu kam die Beengung der Spartiatengemeinde auf ihrem Grund 
und Boden. Hier und dort mussten mehrere Brüder von einem 
Ackerloose leben; die Gefahr war da, dass manche derselben ihres 
vollen Bürgerrechts verlustig gingen, w^enn sie nämlich die Beiträge, 
die jeder Dorier von seinem Grundstücke für die gemeinsamen Male 
zn leisten hatte, nicht hefern konnten. Da war kein Ausweg als Er- 
oberung und neue Landtheilung. Der wohlberechtigte Siegesrauth 
steigerte den Wunsch nach Krieg, und so wurde der Staat der Spar- 
tiaten unwillkührlich in die Bahn eines erobernden Staats hinein ge- 
drängt, auf welcher sie immer mehr verlernten, Frieden zu halten. 

Dies machte sich ganz allmähhch. Denn zuerst musste ja die 
Landschaft selbst bis an ihre natürliche Gränze von der Spartiatenge- 
meinde erobert werden , und die Feststellung dieser Gränzen veran- 
lasste zugleich die ersten Reibungen der Nachbarstaaten, Messenien 
wie Argos. 

Freihch konnte die natürliche Begränzung nirgends fester be- 
zeichnet sein, als dort, wo der hohe, scharfe Kamm des Taygetos 
mit seinen unwegsamen Jochen die beiden südhchen Landschaften 
scheidet. Auf der Höhe desselben stand zur Hut der Landesgränze 
das Heihgthum der Artemis Limnatis , deren Fest ein gemeinsames 
der beiden friedlich verbundenen Nachbarstaaten war. Indessen 
waren auch beschworne Verträge nicht stark genug, um den Reiz der 
Kriegslust zu überwinden. Messenien war ja in der achäischen Zeit, 
deren Erinnerungen man nicht preisgeben wollte, ein Stück von Lake- 
dämon gewesen, und nach Stiftung der dorischen Staaten soll eine bis 
in den Anfang der Olympiaden hinaufreichende Oberhoheit Lakedä- 
mons stattgefunden haben , so dass den messenischen Kriegen ein Ab- 
fall Messeniens vorangegangen sein müsste^^). 

Die Lockung, von Neuem die Reichsgränzen über das Gebirge 
vorzuschieben, war um so gröfser, weil gerade die westlichen Abhänge 
ungleich milder, erdreicher und fruchtbarer sind als die östlichen, 
und während das Eurotasthai noch immer die Spuren der langen 
Bürgerkriege trug, welche es seiner ganzen Ausdehnung nach verheert 
hatten , war Messenien, nachdem die ersten Erschütterungen der dori- 
schen Invasion überwunden waren , unter einer Reihe friedlicher Re- 



SPARTA UND MESSENIEN. 



191 



gierungen im Stillen zu einem ungemeinen Wohlstande gediehen. 
Die verschiedenen Stämme der Bevölkerung hatten sich mit einander 
verschmolzen; das dicht hewohnte Pamisosthal war ein Bild des blü- 
hendsten Landhaus, der Golf voll von Schiffen, Methone der belebte 
Hafenplatz des Landes. Es konnte also nicht anders sein , als dass die 
Spartaner von ihren kahlen Felsjochen mit Neid hinunterbhckten in das 
gesegnete Nachbarland und auf die nahen Terrassen, welche sich mit 
wohlgepflegten Oel- und Weinpflanzungen zum Flusse niedersenkten. 

Nun kam dazu , dass das drüben eingewanderte Doriervolk unter 
den Einflüssen der älteren Bevölkerung und des behaglichen Wohl- 
lebens seinen ursprünglichen Charakter gänzhch eingebüfst hatte. 
Zwar fehlte es nicht an tapferen Männern und eine statthche Reihe 
messenischer Sieger in Olympia zeugt für die Blüthe der Gymnastik 
in Messenien während des achten Jahrhunderts, aber die Landschaft 
hatte sich ganz den älteren Stämmen der Halbinsel angeschlossen; sie 
war wie ein Stück von Arkadien, mit dem sie durch die Dynastie der 
Aipytiden (S. 147), durch ihre Mysterien und Heiligthümer sowie 
durch verwandtschafthche Beziehungen aller Art auf das engste ver- 
brüdert war. Der pelasgische Zeus, der auf den Berggipfeln woh- 
nende, der bildlos verehrte und Menschenblut fordernde, herrschte 
wie auf dem Lykaion, so auf Ithome. Es war also kein Kampf von 
Doriern gegen Dorier; es schien vielmehr Spartas Beruf zu sein, die 
einst misslungene Dorisirung Messeniens, das in pelasgische Zustände 
zurückgesunken war, nun mit besserem Glücke nachzuholen und die 
dort noch erhaltenen Ueberreste dorischen Volkes mit sich zu verbin- 
den. Kurz, vielerlei Gründe wirkten zusammen, um gerade nach 
dieser Seite hin zuerst ein eroberndes Ausschreiten zu veranlassen, 
und die Streitigkeiten der Festgenossen im Artemisheihgthume waren 
nur die zufällige Veranlassung , den lange ghmmenden Nachbarhader 
zur Kriegsflamme zu entfachen. Es fehlte auch nicht an Spaltungen 
im messenischen Lande, die den Erfolg zu erleichtern versprachen. 
Schon bei dem ersten Nachbarzwiste war eine ansehnhche Partei 
dafür, den Spartanern die verlangte Genugthuung nicht zu verweigern, 
und die Uneinigkeit war so grofs, dass die Anhänger dieser Partei aus- 
wanderten und nach Elis übersiedelten. Der Stamm der Androldiden 
war offen zu den Spartanern übergegangen '^^). 

Diese begannen den Krieg (nach alter Ueberheferung Ol. 9, 2; 
743) in derselben Weise, wie ihre Ahnen vor Zeiten die Eroberung 



192 ERSTER MESSENISCHER KRIEG OL. 9, 2 — 14, 1 ; 743 — 724. 



der einzelnen Halbinselländer begonnen hatten. Sie besetzten Äm- 
pheia, einen Punkt auf dem äufsersten Vorsprunge eines Rückens, 
der vom Taygetos her gegen Westen streicht. Mit senkrechten Wän- 
den fällt die Höhe nach zwei Bächen ab , welche sie von der stenykla- 
rischen Ebene unersteiglich machen, während die Fluren derselben 
jedem Angriffe von oben blofs liegen. Von hier begannen sie die An- 
griffe, die Verwüstung der Felder. Hier beherrschten sie die Pässe 
und fingen die Sendboten auf, welche bei den Nachbarn umher, bei 
Delphi und Argos Rath und Hülfe suchten. 

Der Widerstand der Messenier war über Erwarten. Als sie das 
offene Feld nicht mehr zu halten vermochten, hatten sie an dem hohen 
Burgfelsen von Ithome, dem gemeinsamen Heiligthume ihres Landes, 
einen festen Punkt, wo sie sich zusammensiedelten; auf den Waldter- 
rassen vortheilhaft aufgestellt, sollen sie noch im elften Kriegsjahre 
die Spartaner besiegt haben. Aber ihre Kraft wurde ermüdet, als sie 
Jahr für Jahr den Ertrag ihrer Felder in die Hände der Feinde fallen 
sahen, und umsonst waren die blutigen Opfer, die dem Zeus auf 
Ithome dargebracht wurden. Mit steigender Kraft setzten die beiden 
Herakliden, Theopompos der Eurypontide und der Heldenkönig Poly- 
doros, gemeinsam den Kampf fort; nach zwanzigjährigem Kriege fiel 
die Burg des Arislodemos und mit ihr das ganze Land in die Gewalt 
der Feinde. Die Königssitze verödeten; die Burgen wurden zerstört, 
die Ueberreste des äoHschen Landesfürsten Aphareus auf den Markt 
von Sparta verpflanzt, um dies als die neue Hauptstadt zu bezeichnen. 
Ein Theil der Aecker wurde als erobertes Land eingezogen und der 
Boden nach dem Mafse dorischer Landloose vermessen ; wahrscheinlich 
gehört dieser Zeit die Vermehrung der Loose auf 9000 an (S. 176). 
Dadurch wurde es möglich, die lakonischen Güter, auf denen grofse 
Familien zusammen lebten, zu entlasten und jüngeren Spartiaten- 
söhnen volle Selbständigkeit zu gewähren. Auch wurden wohl mes- 
senische Dorier in die Bürgerschaft aufgenommen. Aufserdem wur- 
den die Androkliden zurückgeführt und mit Familiengütern in Hyamia 
beschenkt. Endhch verpflanzte man nach Messenien dryopisches 
Volk, das die Argiver aus ihrem Küstenlande vertrieben hatten. Man 
gab den Landflüchtigen am messenischen Meerbusen einen ausge- 
zeichneten Wohnplatz, wo sie ein neues Asine aufbauten. Von den 
früheren Besitzern wanderten die edlen Geschlechter aus, um in Ar- 
kadien, in ArgoHs, in Sikyon eine Heimath zu suchen. Sonst blieb 



DER AUFSTAND VON ANDANIA 33, 4; 645 (?) 



193 



die Bevvohnung des Landes unverändert. Die Messenier wurden in 
Haus und Hof gelassen ; aber sie erhielten , was ihnen gelassen wurde, 
vom spartanischen Staate und mussten diesem die Hälfte des jähr- 
lichen Ertrags abliefern. Sparta war ihre Hauptstadt. Dort mussten 
sie sich beim Ableben eines Herakliden zur Landestrauer einstellen 
und überhaupt in Krieg und Frieden zu denselben Dienstleistungen 
bereit sein, wie die Periöken '^^j. 

Das obere Messenien ward von den Eingriffen Spartas am wenig- 
sten berührt. Hier erhielt sich die Volkskraft ungebrochen; hier 
sammelte sich, was dem herben Zwange des fremden Joches sich 
nicht beugen wollte. Die alte Königsstadt Andania am Ausgange 
der arkadischen Gebirgspässe wurde der Heerd der nationalen Erhe- 
bung und, nachdem die Mauern von Ithome über zwei Menschenalter 
hindurch in Schutt gelegen hatten, wurde die dumpfe Ruhe des Lan- 
des durch einen entschlossenen Aufstand unterbrochen. Das Berg- 
volk stand in Waffen; seine Führer waren die Enkel der Helden von 
Ithome, tapfer wie diese und aufgezogen im Durst nach Rache; vor 
Allen hervorragend der jugendliche Aristomenes, aus dem königlichen 
Geschlechte der Aipytiden. Er war die Seele des Aufstandes, und 
nach ihm nannten die Alten den ganzen Krieg, der sich nun entzün- 
dete, den aristomenischen. 

Anfangs standen die Messenier allein, das Gebirgsvolk und die 
Aufständischen des unteren Landes, denen sich auch die Androkliden 
anschlössen; ein Beweis, wie wenig die Spartaner ihre eigene Partei 
im Lande treu zu erhalten verstanden. Mit eigener Kraft wagten es 
die Messenier, dem Heere Spartas entgegenzutreten, und wussten das 
Feld zu behaupten. Dieser Erfolg hatte eine aufserordenthche Wir- 
kung. Den Spartanern sank der Muth, die Messenier aber benutzten 
die Frist, in alle Umlande ihre Boten zu senden; jetzt sei die Zeit, 
mit vereinter Ki'aft den eroberungssüchtigen Staat in seine Schranken 
zu weisen; es handelte sich hier um die Freiheit aller Peloponnesier. 

Der Hülferuf blieb nicht vergebhch. Hatte doch der König Po- 
lydoros bei seinem ersten Auszuge auf die Frage, wohin es gehe, deut- 
lich genug Antwort ertheilt: 'in das noch nicht ermessene Land'. 
Das bezeichnete den Uebermuth des damahgen Sparta ; alles pelopon- 
nesische Land war entweder Spartiatenland oder sollte es werden. 
Argos wie Arkadien hatten schon zur Genüge erfahren, wie ernstlich 
Sparta es auch gegen sie mit der Verwirklichung jener Drohung meine. 

Curtius, Gr. Gesch. I. 6. Aull. 13 



BUNDESGENOSSEN DER MESSENIER. 



Beide Staaten waren von Charilaos mit Krieg überzogen worden; der 
Sohn des Charilaos hatte einen grofsen Teil von Argolis verwüstet 
und argivische Städte, welche sich gegen die Herrschaft ihrer Landes- 
fürsten auflehnten, wie namentlich Asine, unterstützt; die flüchtigen 
Asinäer waren dann als Freunde von Sparta aufgenommen worden 
(S. 192). Es war eine Zeit, in welcher das Königthum der Temeni- 
den im eigenen Lande mit neuen Ansprüchen auftrat und sich in der 
Unterwerfung der Küstenstädte auf die ärgerhchste Weise durch die 
spartanische PoHtik gehemmt sah. Die Nachbarfehden wurden unter 
König Pheidon zum blutigen Kriege und auch nach Pheidons Tode, um 
die Zeit, in der wir den Aufstand von Andania ansetzten, war der alte 
Hader um die Hegemonie gewiss noch nicht erloschen. Wie hätte 
Argos also den Hülferuf des Aristomenes zurückweisen können? 

In gleicher Lage war Arkadien, wo Orchomenos damals mit 
seinem Könige Aristokrates eine vorörtliche Machtstellung einnahm. 
Hier kam den Messeniern nicht blofs dynastisches Interesse , sondern 
die lebhafte Sympathie des ganzen Landes entgegen. In allen Kan- 
tonen regte es sich; kriegslustig schaarte sich das Volk um Aristo- 
krates, die Städter in eherner Rüstung, die Männer des Gebirgs mit 
Wolf- und Bärenfellen. Von der Küste des nördlichen Meeres kamen 
Sikyonier, bei denen sich früh eine antispartanische Richtung ent- 
wickelt hatte; Athener aus Eleusis, wo die Nachkommen pyhscher Ge- 
schlechter Messenien als ihr altes Vaterland betrachten. Unter den 
Staaten der Westküste trat bei dieser Gelegenheit ein schroffer Gegen- 
satz der Parteistellung hervor. Elis, der Staat am Peneios (S. 154), 
hatte schon seit längerer Zeit im Anschlüsse an Sparta eine Stütze sei- 
ner Pohtik gesucht, da es aus eigener Kraft seine herrschsüchtigen 
Pläne nicht erreichen zu können glaubte. Die Pisaten dagegen standen 
damals unter Pantaleon, Omphahons Sohne, mächtig aufstrebend den 
Eleern gegenüber; seine dynastischen Interessen konnten nur ge- 
deihen, wenn Spartas Macht gebrochen wurde. Mit vollem Eifer schloss 
er sich daher der messenischen Sache an und trat selbst voll ehrgeiziger 
Hofl'nungen als Feldherr in den gegen Sparta sich vereinigenden Bund 
ein. So hatte das Feuer des andanischen Aufstandes in weitem Um- 
kreise gezündet, ein peloponnesischer Krieg war daraus geworden; 
Sparta sah sich rings von mächtigen Feinden umgeben und hatte 
aufser den Eleern nur noch die Lepreaten und die von Feindschaft 
gegen Sikyon beseelten Korinthier, auf die es zählen konnte '^*^). 



VERFASSUNGSKÄMPFE IN SPARTA. 



195 



Der schlimmste Feind aber war im eignen Lager der Spartaner. 
Denn während ihre Siegeskraft darauf beruhte, dass sie unter allen 
Umständen sich selbst treu blieben und in fester Ordnung wie ein 
Mann dem Auslande gegenüber standen, so war jetzt diese Haltung 
verloren und ihre Festigkeit im tiefsten Kerne erschüttert. Die 
schwer erkauften Siege hatten auf den Zustand des Landes verderb- 
lich zurückgewirkt und das Verhältniss der Staatsgewalten zu einander 
so wie die Beziehungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungs- 
klassen auf die bedenldichste Weise zerrüttet, wie sich dies bald nach 
dem Ende des ersten Kriegs zeigte. 

Der Grund lag zunächst darin, dass, während der Feldzug einer- 
seits das Selbstgefühl des dorischen Kriegsvolks merkhch gesteigert 
hatte, andrerseits auch das Ansehen der Könige gestiegen war; das 
Letztere um so mehr, als Polydoros und Theopompos den alten Hader 
der beiden Häuser, welchen die Spartaner nicht ohne Grund als 
einen Schutz ihrer Freiheiten ansahen, aufgegeben hatten und eine 
gemeinsame Politik verfolgten. 

Es war eine Spannung zwischen Königthum und Bürgerschaft 
eingetreten. Die dorische Gemeinde hatte in die Leitung der öffent- 
lichen Angelegenheiten einzugreifen versucht; es kam zu einer Ver- 
fassungskrisis, deren Ergebniss aus dem Gesetze erhellt, welches unter 
der Regierung der beiden Könige als Zusatz zu der lykurgischen Ver- 
lassung veröffentlicht wurde, ein Gesetz des Inhalts, dass, 'wenn die 
'Bürgerschaft einen irrigen oder verkehrten Beschluss fasse, die Könige 
'nebst den Geronten das Recht haben sollten, denselben zum Besten 
'des Staats ungültig zu machen und die Versammlung aufzulösen.' 
Das Königthum ging also aus diesem Kampfe siegreich hervor; es 
siegte in Verbindung mit dem Senate ; das verfassungsmäfsige Recht 
der Gemeinde war aufgehoben; das Befragen der Gemeinde war 
nur noch eine leere Form; sie hatte nur ihren Kriegsherrn zu ge- 
horchen ^'^). 

Dieser Triumph war aber von kurzer Dauer. Der Parteikampf 
dauerte fort, der Kampf zwischen den achäischen und den dorischen 
Staatselementen, zwischen der mit den Geschlechtern verbundenen 
Monarchie und der Gemeinde. Er wurde mit allen W^affen der Leiden- 
schaft gekämpft und führte schon unter Polydoros und Theopompos 
einen vollständigen Umschwung der Verhältnisse herbei. Polydoros, 
das Spiegelbild eines HerakUden, der Liebling des Volks, wurde ermor- 

13* 



196 



DIE MACHT DER EPHOKEN. 



det und doch wurde der Mörder Polemarchos, ein edler Spartaner nicht 
als Verbrecher angesehen , sondern eines Denkmals in Sparta würdig 
erachtet; ein Widerspruch, der sich nur dadurch erklärt, dass der 
Mörder als ein Tyrannenmörder, als ein Vertreter der Rechte der 
Gemeinde und ein Retter ihrer Freiheiten angesehen werden konnte. 
Theopompos aber rettete sich und das Königthum nur dadurch, dass 
er sich Neuerungen gefallen hefs, welche die königlichen Vollmachten 
wesentlich einschränkten. 

Dies geschah dadurch, dass man dem Amte der Ephoren (S. 187) 
eine ganz neue Redeutung gab. Früher Reamte der Könige, wurden 
sie jetzt den Königen gegenüber die Wächter des gesetzlichen Her- 
kommens; sie erhielten die Refugniss, jede Verletzung desselben zu 
rügen, und aus der Rüge erwuchs das Recht, die Ueberschreitenden in 
ihrer Machtausübung zu hemmen. Die Ephorie trat damit in den 
Mittelpunkt des ganzen Staatswesens; es war so gut wie ein neues 
Amt, als der Ephore Elatos mit seinen Amtsgenossen zuerst öffenthch 
aufgezeichnet und vielleicht schon damals die Jahre nach ihm zu be- 
nennen begonnen wurde. Dies geschah der gewöhnlichen Rechnung 
zufolge 130 Jahre nach der lykurgischen Gesetzgebung, unter der Re- 
gierung desselben Theopompos, welcher mit Polydoros zusammen die 
Rechte der dorischen Gemeinde vernichtet zu haben glaubte. Jetzt 
musste er erleben, dass ihm seine Gattin die bittersten Vorwürfe über 
sein unkönighches Benehmen machte. Er müsse sich schämen, dass er 
das Königsamt nicht so, wie er es empfangen habe, seinen Nachfolgern 
hinterlasse. Theopompos aber konnte sich nur damit entschuldigen, 
dass es an Dauerhaftigkeit gewonnen habe, was ihm an Macht entzogen 
worden sei. Freilich war es nun so unschädüch gemacht, dass es nicht 
zum Missbrauche verleitete, und so beschränkt, dass es aufhörte, ein 
Gegenstand der Eifersucht und Anfeindung zu sein*^). 

Das war das Ende der grofsen Verfassungskrisis unter Polydoros 
und Theopompos, aber nicht das Ende der Wirren, welche dem ersten 
messenischen Kriege folgten. Auch in der Revölkerung des Landes 
hatte er grofse Unruhen hervorgerufen. Man hatte für den Krieg 
auch die nicht-dorische Bevölkerung stark in Anspruch nehmen müs- 
sen ; ein Theil derselben hatte den Dienst verweigert und war in Folge 
dessen zu Heloten gemacht. Andere hatten tapfer mitgekämpft; sie 
hatten die Lücken der durch den Krieg gehchteten Spartiaten ausgefüllt; 
man hatte ihnen die Verbindung mit spartanischen Frauen gestattet 



INNERE UNRUHEN. PARTHENIER. 



197 



und ohne Zweifel auch Antheil an der neuen Landverlosung in Aus- 
sicht gestellt. Das war durchaus im Sinne der beiden Könige und 
wohl ein Grund ihrer Popularität. Die Dorier aber wollten von solcher 
Vermischung mit achäischem Blute nichts wissen, und es hing wahr- 
scheinlich mit der Demüthigung des Königthums zusammen, dass man 
die von den Herakliden gemachten Versprechungen nicht gelten lassen, 
die zwischen Achäern und Dorierinnen geschlossenen Verbindungen 
nicht als rechtmäfsige Ehen anerkennen und die daraus entsprossenen 
Söhne nicht in die dorische Gemeinde aufnehmen wollte. Man 
nannte sie daher spottend Parthenier, d. h. Jungfernkinder oder 
Bastarde. 

Die in ihren gerechten Erwartungen Getäuschten vereinigten sich 
zu einer Verschwörung, welche den ganzen Staat in Gefahr brachte. 
Man konnte ihrer nicht Herr werden und es kam endlich unter Ver- 
mittlung der delphischen Priesterschaft zu einem Vertrage, indem die 
Parthenier nach Italien auswanderten. Der Heraklide Phalanthos 
führte sie über das Meer (Ol. 18, 1; 708), aber nur unter der Bedin- 
gung, dass sie, falls die überseeische Niederlassung nicht gehngen 
sollte, freie Rückkehr in die Heimath und den Anspruch auf den 
fünften Theil Messeniens haben sollten; ein deutlicher Beweis dafür, 
dass man ihnen Versprechungen der Art früher gemacht hatte. Sie blieben 
aber drüben, und das aufblühende Tarent bezeugt, welch eine Fülle männ- 
licher Kraft die Heimath durch diesen Auszug eingebüfst haf^^). 

Durch schlimme Anzeichen waren die Schäden des öffenthchen 
Lebens offenbar geworden, der Mangel an innerer Einigkeit, der un- 
versöhnliche Standesgeist der Dorier, die Einseitigkeit der dorischen 
Richtung, die Verabsäumung feinerer Bildung, welche vor Rohheit 
schützt. Man suchte das Versäumte nachzuholen: man knüpfte Ver- 
bindungen an mit auswärtigen Städten, wo unter freieren Verhältnissen 
die hellenische Kunst sich zum Segen des Gemeinwesens entfaltet 
hatte; man zog fremde Meister herbei, deren Lieder im Stande wären, 
die schroffen Gegensätze auszugleichen und die Gemüther kräftiger zu 
ergreifen, als es die homerischen Rhapsodien vermochten. Vielleicht 
steht noch mit dem Parthenier-Aufstande die Ankunft Terpanders in 
Zusammenhang, des Sangmeisters von Lesbos. 

Auf Lesbos hatten die ausgewanderten Böotier unter der Gunst 
der herrlichen Insellage und der vielfachen Anregung von der asiati- 
schen Küste her Gesang und Saitenspiel zu reichem Gedeihen ent- 



198 



TERPANDROS UND DIE KARNEEN 26, 1; 676. 



faltet. Aus Böotien stammten ja auch die Aegiden , deren hochbe- 
gabtem Geschlechte Euryleon angehörte, welcher zwischen Polydoros 
und Theopompos das MitteltrefFen des lakedämonischen Heeres im 
messenischen Kriege befehügt hatte. In Krieg und Frieden waren sie 
einflussreich bei den Lakedämoniern und vermöge ihrer weitreichen- 
den Stammverbindungen vorzugsweise geeignet, dem spröden Doris- 
mus entgegenzuwirken und die befruchtenden Keime allgemein helle- 
nischer Bildung in Sparta einzuführen. Ihrem Einflüsse dürfen wir 
es also auch zuschreiben, dass Terpandros gerufen wurde, die lyrische 
Kunst, die er mit schöpferischem Geiste geordnet hatte, in Sparta ein- 
zubürgern, durch heilkräftige Musik die bösen Dämonen des Unfrie- 
dens zu bewältigen und den engen Kreis einheimischer Bildung zu 
erweitern. Seine Kunst wurde von Staatswegen eingeführt und er- 
hielt ihre festgeordnete Stellung im Gemeinwesen; seine siebensaitige 
Cither empfing gesetzhche Sanktion. Der öffentliche Gottesdienst 
wurde durch seine erhabenen Weisen neu belebt, und vor Allem wurde 
das grofse Landesfest des ApoUon Karneios, des Stammgottes der 
Aegiden , welches, mit allen Erinnerungen an die dorische Heerwande- 
rung ausgestattet, ein vorwiegend miütärisches Fest geworden war, in 
der Weise umgestaltet, dass damit ein Wettkampf in äolischer Musik 
verbunden wurde. In dem erhöhten Festglanze sollte eine Versöh- 
nung der Parteien, ein Vergessen des Alten, ein neuer glücklicher An- 
fang gewonen werden. Dies geschah nach wohlbeglaubigter Ueber- 
lieferung Ol. 26, 1; 676^«). 

Terpanders Berufung stand nicht allein in dieser merkwürdigen 
Zeit der inneren Bewegungen Spartas. Wenige Olympiaden nach der 
Reform des Karneenfestes kam neue Noth über das Land. Bösartige 
Krankheit brach aus, wie sie in dem eingeschlossenen, heifsen Euro- 
tasthale sich oft mit grofser Hartnäckigkeit eingenistet hat; mit der 
Krankheit zugleich Verstimmung, Unordnung und Auflehnung. Man 
bhckte wiederum nach auswärtiger Hülfe aus und suchte sie am na- 
türlichsten bei dem Staate, welcher schon dem lykurgischen Sparta 
als Vorbild gedient und auf seiner Insel Altes und Neues , Gesetz und 
Rehgion , Strenge der Zucht und Fortschritt der Bildung zu vereinigen 
gewusst hatte (S. 159). Von Kreta war die Religion des Apollon einst 
mit ihrer schuldtilgenden Kraft wie der Anbruch einer neuen Zeit allen 
griechischen Ländern aufgegangen , und hier standen auch damals die 
apollinischen Sühnpriester noch in hohem Ansehn. Sie hatten sich 



THALETAS UND DIE GYNNOPÄDIEN. 28, 4; 665. 



199 



die Mittel der Musenkunst in vollem Mafse angeeignet, ohne den Zu- 
sammenhang derselben mit dem Gottesdienste aufzugeben, und wie 
der Dienst des Apollon eine heitere Sammlung der Seele, ein helles 
Gottvertrauen und eine sichere Herrschaft der edleren Geisteskräfte 
über alle trüben und ungeordneten Leidenschaften forderte, so hatten 
jene priesterlichen Sänger auch die volle Macht von Poesie und Musik 
denselben Zwecken dienstbar erhalten. Andererseits hatte die kreti- 
sche Kunst auch einen politischen Zweck. Im Interesse der einhei- 
misciien Staatsordnung strebte sie darnach, in dem eingewanderten 
Dorierstamme die Wehrhaftigkeit zu erhalten und den kriegerischen 
Muth zu beleben. Dazu dienten Spiel, Gesang und Tanz in lebhafteren 
Weisen; dazu die Festordnungen, bei denen zum Schalle der Flöte, 
bald in voller Waffenrüstung, bald unbekleidet, Knaben und Jünglinge 
tanzten, um ihre Gesundheit an Leib und Seele freudig zu bekunden. 

Dieser vielseitigen Kunst war der Gortynier Thaletas Meister, und 
je gewandter von Hause aus die lakonischen und kretischen Einrich- 
tungen waren, je mehr auch in den letzten Kriegsgefahren Kreta und 
Sparta mit einandee in Bundesgemeinschaft gebheben waren, um so 
näher lag es den von Unfrieden neu bedrängten Spartanern an Tha- 
letas zu denken, dessen grofse Verdienste um die Belebung staathcher 
Zucht ihnen wohl durch die kretischen Hülfstruppen bekannt gewor- 
den waren. Wie sie Terpandros die Erneuerung der Karneen ver- 
dankten, so dem Thaletas die Einrichtung der Gymnopädien. Es war 
ein der öffentlichen Erziehung gewidmetes Fest; die Tänze der nackten 
Knaben sollten nach den Krankheitsjahren, die man erlebt hatte, dazu 
dienen, die Körper zu stärken und abzuhärten, die allgemeine Theil- 
nahme neu in Schwung zu bringen, in munterer Festlust die Gemü- 
ther zu vereinigen. Dass aber Thaletas weiter und tiefer eindrang, 
dass er gesetzgeberisch wirkte und die so lange vernachlässigte musi- 
sche Bildung auf dem von Terpandros gelegten Grunde in Verbindung 
mit religiösen Einrichtungen dauernd ordnete, das geht schon daraus 
hervor, dass man ihn aller Zeitrechnung zum Trotze mit Lykurg in 
Verbindung setzte, wie man mit allem zu thun hebte, was dauernd 
und kräftig in das spartanische Gemeinwesen eingedrungen, was, so 
zu sagen, in Saft und Blut desselben übergegangen vvar. 

Das Auftreten des Terpandros wie des Thaletas hängt wahrschein- 
lich mit den inneren Bewegungen zusammen, welche nach dem Ende 
des ersten Messenierkriegs zum Vorschein getreten waren. Sparta 



200 



DIE NOTH DES ZWEITEN MESS. KRIEGES. 



war durch denselben aus seinem alten Gange herausgedrängt, in neue, 
weitgreifende Beziehungen hereingezogen worden. Dazu wollten die 
allen, auf Isolirung berechneten Formen des Gemeinwesens mit ihrem 
eng begränzten Gesichtskreise und ihrer rein soldatischen Zucht nicht 
passen. Wir sahen, wie das Bedürfniss nach Erweiterung der einhei- 
mischen Bildung gefühlt und befriedigt wurde ^^). 

Indessen auch so zeigte sich der lykurgische Staat den schwieri- 
gen Aufgaben nicht gewachsen, welche nach der erfolgreichen Erhe- 
bung Messeniens eintraten. Der Widerstand im offenen Felde war 
unerwartet und erschütterte den ruhigen Kriegsmuth des Heeres. 
Wie nun gar nach einander die Umlande sich den Aufsländischen an- 
schlössen und in der ganzen Halbinsel eine antispartanische Partei ihr 
Haupt erhob, da zeigte sich in Sparta wiederum Schwäche und Rath- 
losigkeit. Der scheinbar so starke Staat war auf Aufserordentliches 
nie vorbereitet, weil er nur auf einen bestimmten Gang der Dinge 
gleichsam eingeschult war. Er war für die gröfsere Rolle, die ihm 
zugefallen, noch immer zu arm an geistigen Hülfsquellen und ferne 
von jener vollkommenen Selbständigkeit, welche die Alten von einem 
wohlgeordneten Staatsleben verlangten. Am meisten Noth machten 
wiederum die Ackerverhältnisse. Eine Menge von Spartiaten hatte 
ja in Messenien Land angewiesen erhalten; diese waren nun seit Aus- 
bruch des Kriegs mit den Ihrigen ihres Unterhalts beraubt und ver- 
langten Entschädigung, welche nicht ohne neue Ackervertheilung ge- 
währt werden konnte. Die heftigsten Unruhen brachen aus, und der 
Staat drohte in sich zusammenzubrechen, als er der vollsten Kraftent- 
wickelung gegen aufsen bedurfte. Die Könige hatten als Oberlehns- 
herren die Ordnung des Landbesitzes zu hüten; gegen sie richtete sich 
die Unzufriedenheit, der Thron der HerakHden war zunächst bedroht. 
In dieser Bedrängniss wendeten sie ihren Blick nach dem Lande , mit 
welchem ihr Geschlecht in uraltem Zusammenhange stand, nach Altika, 
dem Lande, das, von der Erschütterung griechischer Stammwande- 
rungen wenig berührt, sich im Stillen geordnet hatte. 

Seiner Lage gemäfs hatte es die Keime hellenischer Geistesbil- 
dung aus den verschiedensten Gegenden, namentlich aus lonien , bei 
sich aufgenommen, um sie durch einheimische Pflege zu voller Ent- 
faltung zu führen. Dies war ihnen besonders mit der Elegie gelungen, 
einer Dichtungsart, welche im Vaterlande Homers zu Hause war und 
das epische Versmafs in der Weise umgestaltete, dass durch Anschluss 



TYRTAIOS AUS APHIDNA. 201 

eines zweiten Verses, des Pentameters, ein neues Mafs entstand, das 
elegische Distichon, in dem die Würde des homerischen Verses erhal- 
te, aber zugleich die"^ anmuthige Bewegung einer lyrischen Strophe 
gewonnen wurde. Niemals ist auf dem Gebiete der Dichtkunst durch 
eine geringe Umwandelung so Grofses erreicht worden. Schon in den 
Städten loniens wurde die Elegie benutzt, um mit ihrem kräftigen 
Rhythmus in den Bürgern kriegerische Tugend zu erwecken. In 
die stilleren Verhältnisse von Attika übertragen, diente sie dazu, die 
treue Anhänglichkeit an hergebrachte Satzungen und Liebe zu bürger- 
licher Ordnung zu nähren. In dieser Weise übte sie Tyrtaios, aus 
Aphidna im Norden von Attika gebürtig, welchen schon seine durch 
die Dioskurensage mit den Herakliden verbundene Heimath empfahl 
und mehr als dies die ernste, lehrhafte und zugleich schwunghafte 
Kraft seiner Dichtung. 

Dass Tyrtaios im Interesse des angefochtenen Königthums berufen 
worden ist, zeigt sich darin, dass seine Elegieen vor Allem die durch 
göttliche Vorsehung begründete Herrschaft der Heraldiden und die 
unter Sanktion des pythischen Orakels vollzogene Vertheilung der 
Macht unter König, Rath und Volksversammlung auf das Eindring- 
lichste hervorhoben. Das Gefühl für Kriegerehre und Treue gegen das 
angestammte Herrscherhaus, das waren die Stimmungen, die Tj^rtaios 
pries ; darum wurden seine Lieder von den Kriegern vor dem Königs- 
zelte gesungen. Er w^urde selbst ein Mitglied der Spartiatengemeinde, 
er dichtete im Namen der Spartiaten und ging von der Zeit, wo sie 
'aus dem stürmischen Bergwinkel von Erineos (S. 97) in die breite 
Insel des Pelops mit den Herakliden gekommen seien', in die glor- 
reiche Gegenwart hinunter und pries Theopompos, 'den Freund der 
Götter, durch welchen sie die fruchtreichen Gefilde von Messenien 
erobert hätten'. In kurzem Ausdrucke, der sich leicht dem Gedächtnisse 
einprägte, schilderte er, wie dorische Disciplin in der Haltung der Ein- 
zelnen, im Schlüsse der Reihen, in geordneter Kampfvveise, in rück- 
sichtsloser Hingabe an das Ganze sich darstellen müsse, wie jede Ab- 
weichung von der Ordnung dem Ganzen wie den Einzelnen Schmach 
und Verderben bringe. Auch Marschlieder gab es von ihm, welche 
beim taktmäfsigen Angriffe die Truppen mit Kampflust erfüllten. 

Er war aber nicht blofs Sänger für Heer und Volk, der mit der 
sanften Gewalt der Poesie die aufgeregten Gemüther besänftigte und 
die wankenden zur Pflicht zurückführte; er griff auch als Staatsmann 



202 



FORTGANG DES KRIEGS. 



ein. Er setzte es durch, dass der aristokratische Eigensinn der Spar- 
tiaten, welcher den Partheniern gegenüber sich so unbeugsam erwiesen 
hatte, eine Aufnahme von Neubürgern gestattete, und so schritt seit 
Ol. 35 (640) neu gestärkt und neu geordnet das spartanische Volk 
auf seiner Siegesbahn vorwärts ^^). 

Der Krieg selbst hatte inzwischen eine andere Wendung genom- 
men, als die Messenier gehofft und die Spartaner gefürchtet hatten. 
Die Uebermacht der Feinde hatte, das sieht man aus Allem, was über 
Tyrtaios gemeidet wird, den Spartanern Zeit gelassen, sich im Innern 
zu stärken und zu sammeln. Zu einem Angriffe auf das von Natur so 
mächtig verschanzte Lakonien wurde kein Versuch gewagt. Die Ver- 
bündeten selbst waren räumhch zu getrennt, um einmüthig zu han- 
deln. Noch wichtiger war, dass die einzelnen Bundesgenossen lauter 
besondere Zwecke verfolgten; in Argos wie in Pisa wollten die 
Fürsten, die an der Spitze der Heere standen, im Grunde nur ihre 
eigene Hausmacht stärken; ihre Hülfstruppen blieben aus. Am treue- 
sten und nächsten mit Messenien war Arkadien verbunden; ihre Heere 
waren vereinigt und schützten das neu gewonnene Land mit solcher 
Uebermacht, dass die Spartaner, wie erzählt wird, zu den Mitteln der 
Bestechung greifen mussten, um die Verbündeten zu trennen. Es 
soll ihnen durch die Schlechtigkeit des Aristokrates gelungen sein. 
Als die Heere am 'grofsen Graben', einem Kanal der messenischen 
Ebene , sich zur entscheidenden Schlacht gegenüberstanden , zog der 
treulose König, dessen Truppen zwei Drittheile des Heeres bildeten, 
unter dem Vorwande ungünstiger Opferzeichen sein Volk aus der 
schon begonnenen Schlacht zurück. Dadurch wurden die Messenier 
auf dem rechten Flügel in Verwirrung und Unordnung gebracht, sie 
wurden mit leichter Mühe von den Spartanern umringt und erlitten 
eine vollständige Niederlage. Die Arkader fluchten ihrem Könige, als 
sein Verbrechen an den Tag kam ; er wurde als Hochverräther gestei- 
nigt, und auf dem heihgsten Platze des arkadischen Landes, hoch auf 
dem Lykaion, neben dem Aschenaltare des Zeus, stand noch Jahr- 
hunderte lang die Säule mit warnender Inschrift, 'dass Messenien 
durch Gunst des Zeus den Verräther entdeckt und dieser des Meineids 
Strafe erlitten habe. Kein Frevel bleibe verborgen'. Indessen kam 
keine neue Hülfe und Messenien war verloren. 

FreiHch wurde der Kampf fortgesetzt; aber er erhielt eine ganz 
andere Wendung. Die Ebenen konnten nicht mehr gehalten werden; 



DER KAMPF UM EIRA. 



203 



es wurde ein Guerillakrieg, der seinen Mittelpunkt in den unzugäng- 
lichen Gebirgen der arkadischen Gränze hatte. Von hier aus gelang 
es Aristomenes durch kühne Streifzüge bis in das Herz von Lakonien 
einzudringen und selbst aus dem sicher gelegenen Pharis, wo der 
spartanische Staat seine Vorräthe und Schätze aufbewahrte, mit Beule 
beladen zurückzukehren. Während er selbst kein Heer mehr aufzu- 
bieten vermochte, zitterten doch vor ihm die Lakedämonier am Euro- 
las und sahen mit tiefem Unmuthe Jahr aus Jahr ein ihre Aecker von 
seinen Streifschaaren verwüstet. Ihre auf Feldschlacht berechnete 
Taktik war zur Beendigung eines solchen Krieges gänzlich untüchtig. 
Deshalb konnte Aristomenes eine Beihe von Jahren diesen Krieg 
fortsetzen. 

Sein Hauptquartier war Eira, eine steile umfangreiche Höhe, in 
dem wildesten Berglande, zwischen zwei Bächen, welche zur Neda 
hinunterfliefsen. Das ganze Hochland, das mehr zu Arkadien, als zu 
Messene gehört, ist wie eine Festung; durch seine Schluchten konnte 
kein Heer in Marscliordnung vordringen, und die aufgelösten Schaaren 
kamen in weglosen Felsklüften zu Schaden. Hier safs mit seinen 
Heerden und seiner beweglichen Habe der Ueberrest freier Messenier 
und harrte mit Aristomenes, welcher immer nach seinen alten Bun- 
desgenossen ausschaute, auf bessere Zeiten. Von den Spartanern 
mehr und mehr umringt, hatten sie zuletzt nur noch das enge Neda- 
thal, durch welches sie sich Zufuhr verschafften und mit befreundeten 
Orten in Verbindnng erhielten. Es waren nämlich noch zwei wich- 
tige Küstenplätze, Methone und Pylos, im Besitze der Messenier ge- 
blieben , die zu Schiffe den Lakedämoniern Abbruch zu thun suclilen 
wie Aristomenes zu Lande. Auf die Länge waren die drei entlegenen 
Punkte nicht zu halten und, was in der jahrelangen Kriegsnoth von 
dem Kerne messenischer Geschlechter noch übrig geblieben war, 
musste sich endlich entschliefsen, den väterlichen Boden aufzugeben, 
auf dessen Wiedereroberung sie, von aller Hülfe verlassen, keine Aus- 
sicht hatten. Sie zogen sich auf arkadisches Gebiet zurück, wo sie 
gastliche Aufnahme fanden. 

Die Unruhigeren, Thatlustigeren zogen weiter; die Einen nach 
Kyllene, dem elischen Hafen, durch den seit ältesten Zeiten Arkadien 
mit dem westlichen Meere in Verbindung gestanden hat, und von hier 
aus über das Meer in derselben Bichtung, welche schon nach dem 
ersten Kriege messenische Schaaren eingeschlagen hatten, nach dem 



204 



ENDE DES KRIEGS UM OL. 38, 1; 628 (?) 



sicilischen Sunde. Die eine Schaar führte Gorgos , des Aristoraenes 
Sohn, die andere Mantikles, der Sohn des Theokies, jenes Sehers, 
welcher an den erfüllten Götterzeichen den bevorstehenden Fall von 
Eira erkannt hatte. Aus den Messeniern, welche sich von diesen 
Ahnen herleiteten, erwuchs ein glückliches und mächtiges Geschlecht, 
welches in Rhegifiji und dann auch in Zankle zur Herrschaft kam. 
Andere wendeten sich nach den östlichen Meeren ; so Aristomenes 
selbst, der inmitten neuer Rachepläne, zu deren Verwirklichung er 
selbst die Mitwirkung asiatischer Despoten gesucht haben soll, in Rho- 
dos gestorben ist. Die Diagoriden in Rhodos rühmten sich, dass durch 
des Aristomenes Tochter sein Heldenblut in ihren Stamm überge- 
gangen sei. 

Messenien selbst , seiner Geschlechter beraubt , versank in einen 
traurigen Zustand; das schöne Land, einst als das glücklichste Hera- 
khdenloos gepriesen , war ausgelöscht aus der Geschichte des griechi- 
schen Volkes. Die Quellen des Pamisos tränkten nach wie vor das 
üppige Gefilde; aber als Spartanerknechte mussten die Zurückbleiben- 
den den Roden ihrer Heimath anbauen , und je ferner sie vom Mittel- 
punkte der herrschenden Macht waren , um so härter und misstraui- 
scher wurden sie behandelt. Die Rergopfer des messenischen Zeus, 
alle väterlichen Gottesdienste und heilige Weihen, die in den pelas- 
gischen Eichenhainen gefeiert worden waren, wurden gewaltsam 
unterdrückt. Was an Land nicht vertheilt ward, blieb als Weide 
liegen. Am meisten verödete das Küstenland, dessen Rewohner mas- 
senweise ausgewandert waren; der Name von Pylos jeneth niJV-^ 
gessenheit, der schönste Hafen der Halbinsel lag leer und wüste. Zur 
Rewachung der Küste wurden neben den Asinäern die Nauplieer, 
welche ein gleiches Schicksal aus Argolis vertrieben hatte (S. 194), in 
Methone angesiedelt ^^). 

Das Ende der messenischen Kriege (um 628) macht den Schluss 
einer für Sparta entscheidenden Entwickelungsperiode. Aeufseriich 
und innerlich umgestaltet ging es aus derselben hervor. Aus dem 
lykurgischen Staate war etwas wesentlich Anderes geworden; die pa- 
triarchalischen Ordnungen, welche sich aus der Vorzeit erhalten hatten, 
bestanden nicht mehr; das beabsichtigte Gleichgewicht zwischen Für- 
stenrecht und Gemeinderecht war zu künstlich, um dauerhaft zu sein; 
die Versöhnung z^vjschen Ajchäern und Doriern war gescheitert. An 
Stelle eines gegenseitigen Vertrauens , das auf Vef tfagstreüe beruhte 



INNERE STAATSVERÄNDERUNG. 205 

und durch gemeinsame Gottesdienste gestärkt wurde, Latte der Arg- 
wohn sich eingeschhchen und Misstrauen war der Giundton der 
ganzen Staatsgesellschaft geworden; Misstrauen von Seiten der Dorier 
gegen die Könige, gegen die Periöken, gegen die Heloten. Wurde 
doch bei dem Antritte jedes Ephorencollegiums gewissermafsen ein 
neuer Feldzug angesagt, welcher gegen die anwachsende Helotenmasse 
gerichtet war, weil man in derselben einen immer lauernden Feind 
sah, welcher bereit sei, jedes öllentliche Unglück als eine Gelegenheit 
zum Abfalle auszubeuten ^*). 

Deshalb war Lakedämon auch während der Friedenszeiten in 
immerwährendem Kriegszuslande und es wurden von Zeit zu Zeit 
mit kaltem Blute an der wehrlosen Landbevölkerung die gröfsteii 
Grausamkeiten verübt. Was aber die freie Landbevölkerung betrifft, 
so war der Argwohn gegen dieselbe seit der verfassungsfeindlichen 
Verbindung, wie sie unter Polydoros und Theopompos zwischen dem 
Königthume und den im Senate vertretenen, achäischen Geschlechtern 
zu Stande gekommen war, merklich gesteigert worden. Dazu kamen 
die politischen Bewegungen um die Zeit des zweiten messenischen 
Kriegs und das Aufkommen der Tyrannis in den Nachbarländern; 
dadurch wurde die Spannung zwischen Doriern und ihren Heer- 
führern immer gröfser, die Stimmung immer gereizter. Seitdem aber 
das Misstrauen in der Ephorie sein verfassungsmäfsiges Organ er- 
halten, war der Zwiespalt als Verfassungsprinzip eingeführt, der 
innere Kampf als eine gesetzliche Ordnung sanktionirt. Deshalb 
konnte es auch bei den ursprünglichen Einrichtungen nicht bleiben 
und die Ephorenmacht war eine auf Kosten der älteren Staatsgewalten 
stetig fortschreitende, indem sie theils die königlichen Recht«» in 
Betreff der auswärtigen Angelegenheiten und des Oberfeldherrn- 
amts, theils die Vollmachten des Senats in Betreff der Gesetzgebung 
an sich zog. 

Die erste Bedingung der Ephorenmacht war aber die, dass sie 
eine vom Königthum vollkommen unabhängige war; es ist also wahr- 
scheinlich, dass schon zu Theopomps Zeit die Ephorenwahl von der 
dorischen Gemeinde ausging. Die Wahlart kennen wir nicht, aber die 
darüber gegebenen Andeutungen lassen schliefsen, dass sie in einer 
verhältnissmäfsig frühen Zeit festgestellt worden ist, und die entschei- 
dende Veränderung in dem Verhältnisse der Staatsgewalten, welche 
schon unter jenem Fürsten eingetreten sein soll, lässt sich nur daraus 



206 



STEIGERUNG DER EPHORENMACHT. 



erklären , dass der königliche Einfluss auf die Ernermmig_dgr,EjphoreD 
gänzlich beseitigt wurde. " 

Eine neue Steigerung der Ephorenmacht ging von Asterops aus, 
welcher selbst dies Amt bekleidete; eine Steigerung, welche wahr- 
scheinhch darauf beruhte, dass das nur zur Controle der Regierung 
berufene Amt einen bedeutenden Theil der Regierungsgeschäfte an 
sich zog und in der Gesetzgebung selbständig vorging. Endlich fand 
um Ol. 55 (560), als der weise Chilon unter den Ephoren war, eine 
dritte Erhöhung ihrer Amtsvollmachten statt, welche den Sieg über 
das Königthum zur Entscheidung brachte. 

Durch Einsetzung der Ephorie ist allerdings, wie Theopompos 
sagte, der Thron der Herakliden befestigt worden; sie hat das 
Königthum gerettet zu einer Zeit, da es in den meisten Staaten 
aufgehoben wurde. Dem Wesen nach aber hat sie das Königthum 
vernichtet. Sparta hörte auf eine Monarchie zu sein, ohne dass sein 
Zusammenhang mit der heroischen Zeit auf eine gewaltsame Weise 
zerrissen worden wäre; es behielt den Doppelthron wie einen hei- 
ligen Schmuck, der darum kein werthloser Zierrath war; denn er 
hielt nach wie vor die achäische Revölkerung mit der Doriergemeinde 
zusammen, er verschaffte auch nach aufsen dem Staate ein grofses 
Ansehen, indem diese Rehquie aus der Heroenzeit demselben eine 
Weihe gab, deren alle anderen Staaten entbehrten; er diente auch bis 
in die spätesten Zeiten dazu, dem einseitigen Dorismus Schranken zu 
setzen und gestattete den wirklich hervorragenden Mitgliedern der 
beiden Fürstenhäuser immer noch Gelegenheit, mafsgebenden Einfluss 
zu gewinnen. 

Für gewöhnliche Zeiten aber waren die Könige nichts im Staate, 
und die Ephoren Alles. Seit der Zeit des Chilon nahmen sie die 
Könige allmonatlich in Eid und Pflicht auf die Verfassung. Sie waren 
es, welche den Staat nach aufsen vertraten und die Staatsverträge im 
Namen der Gemeinde unterzeichneten. Selbst in dem eigensten 
Kreise des könighchen Amts , im Aufgebote und in der Heerführung, 
verdrängten sie die Herakhden. Durch sie wurden die Hippagreten 
oder Reiterführer gewählt, welche mit Angabe eines bestimmten Grun- 
des (damit keine Parteilichkeit mafsgebend sei) aus dem ganzen Heer- 
banne dreihundert Männer zum Dienste um die Person der Könige 
aushoben. Diese hatten auf die Bildung ihrer Ehrengarde selbst nicht 
den geringsten Einfluss und mussten sich in ihrer Mitte mehr be- 



SPARTA ?;ACH den MESSENISCHEN KRIEGEN. 



207 



obachtet als behütet und bedient fühlen. Alles, was sie thaten, unter- 
lag der Rüge der Ephoren. 

Zum Zeichen ihrer durchaus unabhängigen Stellung waren die 
Ephoren die einzigen Beamten von Sparta, welche sich vor den Köni- 
gen nicht von ihren Sitzen erhoben; die Könige aber mussten, wenig- 
steris^iTrdie dritte Ladung, vor dem Richterstuhle der Ephoren er- 
scheinen. Die Ephoren stellten alle neun Jahre die Himmelsbeobach- 
tungen an, von welchen die ununterbrochene Fortdauer des könig- 
lichen Amts abhängig war; sie hatten die Befugniss, bei Eintritt un- 
günstiger Erscheinungen die königlichen Rechte für erloschen zu 
erklären, bis von Delphi die Wiederaufnahme derselben gestattet 
wurde. Sie standen also auch in unmittelbarem Verkehr mit den 
Göttern; sie hatten sogar ihr eigenes Orakel im Ileiligthum der Pasi- 
phae zu Thalamai (S. 164); Delphi war also nicht mehr allein die 
geistliche Oberbehörde des Staats und die Könige waren nicht mehr 
im Stande, durch ihre Beamten, die Pythier, das festzustellen, was un- 
bedingt als göttlicher Wille für die Leitung des Staats mafsgebend sein 
müsse. 

In gleicher Weise wie das Königthum wurde auch der Rath der 
Alten durch die Ephoren bei Seite geschoben. Sie zogen das Recht 
an sich, mit der Gemeinde zu verhandeln, sie wurden die Fortbilder 
der Gesetzgebung, so weit davon in Sparta die Rede sein konnte, sie 
erlangten die Entscheidung in allen öffentlichen Angelegenheiten. 
Kurz, die allen Würden und Aemter, die aus der heroischen Zeit 
stammten, erblassten immer mehr, während das Amt der Ephoren zu 
unbegränzter Machtfülle fortschritt. Ihr Vorstand giebt dem Jahre 
den Namen, sie halten den Staat zusammen, ihr Amihaus ist der Mit- 
telpunkt desselben, der Heerd von Sparta, und neben demselben steht 
das Heiligthum der Furcht (Phobos) zum Zeichen, wie strenge Zucht 
von hier ausgehe '*^). 

Es war ein merkwürdiger Kampf, der mit diesem Ergebnisse ab- 
schloss, dem vollständigen Rückschläge der dynastischen Politik von 
Polydoros und Theopompos, einem demokratischen Siege ohne Demo- 
kratie; denn die dorische Gemeinde war wesentlich nur Heerbann ge- 
blieben, zum Kampfe geschult, aber nicht zu politischen Verhand- 
lungen; sie fühlte sich selbst wie eine Aristokratie den älteren Landes- 
bewohnern gegenüber, aber sie hatte im langen Ringen ihren Ober- 
lehnsherrn alle Herrscherrechte entzogen, den Schwerpunkt des Staats 



208 



SPARTA NACH DEN MESSENISCHEN KRIEGEN. 



in die Gemeinde gelegt und das Königthum so vollständig gelähmt, 
dass es unfähig war, sich durch Anlehnung an die vordorische Be- 
völkerung oder durch Berufung auf priesterHche Autoritäten seinen 
Yerbindhchkeiten gegen die Gemeinde zu entziehen. 

Wenn nun ohne wesentliche BetheiHgung der dorischen Ge- 
meinde die Vertreter derselben den Staat regieren und zwar so, dass 
trotz des jährhchen Wechsels die Poütik Spartas eine durchaus feste 
und gleichmäfsige ist, während sie zur Zeit der unverminderten 
Königsrechte haltlos hin und her schwankte: so erklärt sich diese 
Festigkeit nur daraus, dass die Gemeinde selbst durch die lykurgischen 
Einrichtungen eine sichere Haltung gewonnen, dass sich in ihr eine 
sehr feste Tradition über das, was dem Staate fromme, gebildet hatte; 
ihr folgten die Ephoren und ihnen verdankt daher Sparta seinen rein- 
dorischen Charakter, die Consequenz seiner Politik und die grofsen 
Erfolge, welche es dadurch erreicht hat. So sehr also auch das durch 
seine Ephoren regierte Sparta von der lykurgischen Staatsform ver- 
schieden ist, so wurzelt doch auch seine Gröfse in den lykurgischen 
Einrichtungen, und insofern hatten die Alten ein gewisses Becht, das 
ganze im Laufe seiner Entwickelung wesentlich umgebildete Staats- 
wesen auf den einen Lykurgos zurückzuführen. 

Was die äurserlichen Einrichtungen betrifft, so w^urde nach der 
Einverleibung Messeniens eine neue Distrikteintheilung vorgenom- 
men, und wie das alte Kreta, so zählte auch Lakonien jelzt nach einer 
den Göttern wohlgefäUigen Zahl hundert Ortschaften, von denen einige 
an der Gränze von Argohs, andere in der Nähe des Nedaflusses lagen, 
und für das so vergröfserte Land brachten die Könige jährlich das 
grolse Staatsopfer der hundert Stiere dar, um die Götter zu bitten, 
unter der Obhut der Herakhden den mächtigen Staat in ungeschvväch- 
ter Grölse zu erhalten ^*^). 



Die Erhaltung des Errungenen konnte aber Sparta nicht mehr 
genügen, seit es einmal die Bahn der Eroberung betreten und nun 
über ein Drittel der Halbinsel zu einer starken Hausmacht vereinigt 
hatte. Während der messenischen Kriege waren die ihm feindlichen 
Bichtungen zu deutlich an den Tag getreten, als dass es nicht nach 
dem Siege vor Allem daran hätte denken sollen , die Gegenpartei für 
immer zu Boden zu werfen und seine Macht in der Halbinsel noch 



KRIEGE MIT ARKADIEN. 



209 



weiter und fester zu begründen. So dachte die dorische Gemeinde, 
und auch die Könige hofften von glückhchen Kriegen eine Verbesse- 
rung ihrer Stellung; denn jede Erwerbung neuer, nicht-dorischer Un- 
terthanen konnte nur dazu dienen, ihnen eine freiere Bewegung im 
Innern wiederzugeben. 

Die Richtung der Kriegspolitik konnte nicht zweifelhaft sein. Das 
grofse Binnenland der Halbinsel war ja der Rückhalt der ganzen mes- 
senischen Volksbewegung gewesen. Die arkadischen Städte hatten 
den Landesflüchtigen gastliche Aufnahme und Bürgerrecht gegeben; 
des Aristomenes Töchter waren in Phigaleia und Heraia verheirathet 
und zogen ihre Kinder auf im Hasse gegen das ländergierige Sparta. 
Der messenische Krieg war zugleich ein arkadischer gewesen, und 
Phigaleia, die feste Burg im Nedathale, die Nachbarstadt von Eira, war 
von den Spartanern Ol. 30, 2; 659 schon einmal erobert worden. 
Doch war es ihnen in diesem wildesten Theile des Berglandes nicht 
gelungen festen Fufs zu fassen. 

Um so energischer erneuerten sie von der zugänglicheren Ostseite 
her die Angriffe. 

Hier führt über niedrige Joche der Weg aus dem oberen Eurotas- 
thaie in das Land des Alpheios hinüber; seine Quellen sammeln sich 
in jener breiten Hochebene, deren zerstreute Gaue in der Stadt der 
Tegeaten einen frühen und festen Mittelpunkt erhalten hatten. Ein 
Theil der arkadischen Bevölkerung, so weit sie an der Eurotasab- 
dachung wohnte, war seit lange schon zu spartanischen Periöken ge- 
macht worden; diese Eroberung zu sichern und zu vervollständigen, 
alte Unbill, welche man von Tegea erlitten hatte, zu rächen, die Er- 
innerung an die Gefangennahme ihrer Könige Charilaos und Theo- 
pompos durch neue Siege auszulöschen, dazu schien jetzt der Zeit- 
punkt gekommen zu sein, um so mehr, da Arkadien nach dem Sturze 
des Aristokrates wieder in lauter Kantonalregierungen sich aufgelöst 
hatte. Nachdem also die Ausweisung der Messenier verweigert wor- 
den war, rückten die Heere der Spartiaten in Tegeatis ein, und die 
Könige suchten ihnen aus delphischen Sprüchen zu beweisen, dass 
das weite Blachfeld bald mit der Messschnur werde gemessen werden, 
um Spartiaten als Besitzthum zuzufallen. 

Es zeigte sich aber bald, wie schwer es sei, ein rauhes von 
starken und genügsamen Männern bewohntes Gebirgsland zu erobern. 
Die Spartaner erhtten arge Kriegsnoth, und statt nach ihrem Gefallen 

Curtius, Gr. Geech. I. 6. Aufl. 14 



210 



VERTRÄGE MIT TEGEA NACH 600 V. CHR. 



das genommene Land zu theilen , mussten ihrer Viele als Gefangene 
an den Kanälen des Alpheios graben lernen und das Schicksal Kriegs- 
gefangener selbst erproben. Gewalt fruchtete nichts. Tegea war 
das unerschütterliche Bollwerk des freien Berglandes; man musste 
inne werden, dass die Eroberungspolitik Spartas ihre Gränzen habe, 
und das Orakel von Delphi, wie immer für den Ruhm der Herakliden 
und in Hebung ihres Ansehns thätig, zeigte dem Agiaden Anaxandri- 
das, dem fünften Nachfolger des Polydoros, um 560 einen anderen 
Weg. Man solle siegen durch die Gebeine des Orestes, die, auf tegea- 
tischem Boden beigesetzt, heimlich nach Sparta hinübergeschalft wer- 
den müssten. Die Uebertragung dieser Reliquien war aber ohne 
Zweifel schon die Folge einer Wendung des Kriegsglücks, welche die 
Ausdauer und taktische Ueberlegenheit der spartanischen Kriegs- 
macht allmählich errungen hatte. Man war auf beiden Seiten des 
zerstörenden Krieges satt geworden; Sparta hatte den Gedanken 
einer Unterwerfung Arkadiens aufgeben müssen und durch den Hel- 
denmuth der legeatischen Bürger, der Arkadien vor dem Schicksale 
Messeniens bewahrt hat, ist Spartas auswärtige Pohtik in eine andere 
Bahn, in die der Verträge gewiesen worden. Um sich mit einander 
zu vergleichen, wurden die gemeinsamen Heroendienste benutzt und 
die Erinnerungen an die auch über Arkadien ausgedehnte , glorreiche 
Hegemonie Agamemnons erneuert. Spartas Herakliden wurden als 
seine Nachfolger anerkannt und zum Ausdruck dieser Anerkennung 
die Ueberreste des Orestes nach Lakonien hinübergetragen. An der 
Wasserscheide aber, wo die Alpheios- und die Eurotasquellen nahe 
bei einander liegen, wurde die Säule aufgestellt, auf welcher die Ver- 
träge zwischen Tegea und Sparta niedergeschrieben waren. 

Mit unbefleckter Waffenehre traten die Tegea ten in das neue 
Verhältniss ein, indem sie sich nun der spartanischen Politik anschlös- 
sen und den Herakhden Heeresfolge gelobten. Der Ehrenplatz, welcher 
ihnen auf dem linken Flügel des Bundesheeres eingeräumt wurde, be- 
zeugt, dass die Spartaner froh waren, die hartnäckigen Feinde in 
Kampfgenossen umgewandelt zu haben, und die Treue, mit welcher 
Tegea in dieser Genossenschaft verharrte, legt für die Tüchtigkeit 
seiner Bürger ein eben so ehrenvolles Zeugniss ab, wie die erfolgreiche 
Ausdauer ihres Freiheitskampfes ^^). 

Die Säule am Alpheios bezeichnet einen Wendepunkt der pelo- 
ponnesischen Geschichte; staatsrechtliche Einrichtungen, welche schon 



SPARTAS BEZIEHUNGEN ZUR WESTKÜSTE. 



211 



in früheren Jahrhunderten von den Gesetzgebern Spartas gegründet 
waren, gelangten jetzt erst zu ihrer vollen Bedeutung. 

Nämlich schon Lykurgos soll seinen Blick über die innern An- 
gelegenheiten des Landes hinaus auf die der ganzen Halbinsel gelenkt 
und die Nothwendigkeit erkannt haben, für die staatsrechtliche Ver- 
einigung aller ihrer Stamme und Staaten Sorge zu tragen. Unter den 
eingewanderten Stammen war es aber aufser dem dorischen Stamme 
der ätolische, welcher am meisten selbständige Kraft besafs; er hatte 
sich an der Westseite ausgebreitet, wie die Dorier im Osten (S. 154). 
Dadurch hatte die Halbinsel einen doppelten Schwerpunkt. Sollte sie 
daher einer kräftigen und einheitlichen Entwicklung entgegen gehen, 
so kam es darauf an, die westlichen mit den östlichen Staaten in ein 
friedlich und dauerhaft gegründetes Verhältniss zu einander zu setzen. 
Dazu bedurfte es eines religiösen Mittelpunkts, eines Heiligthums von 
allgemeiner Bedeutung für die eingewanderten sowohl wie für die 
von Anfang an einsässigen Stämme. 

Es hatte aber der pelasgische Zeus ein uraltes Heiligthum im 
Alpheiosthale, dort wo der gröfste Fluss der Halbinsel aus der Enge 
des arkadischen Gebirges in die Niederung der Westküste hinaustritt. 
Die überragende Höhe trug wie das arkadische Lykaion den Namen 
der Göttersitze, Olympos; zu seinen Füfsen halte der im Blitze nieder- 
fahrende Zeus heilige Erdmale bezeichnet, an welche sich das Gefühl 
einer besonderen Nähe des unsichtbaren Gottes anschloss; aus Opfer- 
asche erwuchs sein Altar, und priesterliche Geschlechter verkündeten 
daselbst seinen verborgenen Willen. Diese Orakelstätte bestand schon 
lange, als die Staaten EHs und Pisa gegründet wurden, und die Achäer, 
welche unter Agorios dem Pelopiden zur Theilnahme an der Grün- 
dung von Pisa aus Helike herbeikamen (S. 155), schlössen sich diesem 
Zeusdienste an; sie verknüpften mit ihm den Heroencullus ihres Ahn- 
herrn Pelops und setzten zu seiner Ehre die Festspiele ein. 

Neben Zeus wurde Hera verehrt; ihr Heiligthum war das Bundes- 
heiligthum der beiden Nachbarstaaten , und der Chor von sechszehn 
Frauen , welche gemeinschaftlich das Gewand der Hera woben, vertrat 
die sechszehn Landstädte, welche gleich vertheilt in Ehs und in Pisatis 
lagen. Dies Bundesverhältniss wurde auch auf den Zeusdienst über- 
tragen, welcher durch den Zuzug der achäischen Pelopiden eine ganz 
neue Bedeutung gewonnen hatte. Das von Anfang an schwächere 
Pisa suchte gegen die südlichen und östlichen Nachbarn, namentlich 

14* 



212 



DIE HEILIGTHÜMER VON OLYMPIA. 



gegen die Arkader, welche auf das Mündungsland des Älpheios ein 
altes Anrecht geltend machten , für seine Heiligthümer Schutz im An- 
schlüsse an Elis, und Elis wiederum erkannte in der Betheihgung an 
ihrer Verwaltung eine erwünschte Gelegenheit, über die Gränzen 
seines Gebiets hinaus Macht und Einfluss zu gewinnen. Beide Staaten 
theilten sich in die Aufsicht des heiligen Dienstes. Olympia wurde 
ein Mittelpunkt für die Staaten der Westküste, und wenn Sparta einen 
Anschluss an diese suchte, so bot sich hier eine Form dar, wie sie 
nicht passender gefunden werden konnte. Denn Zeus war, namentlich 
in der Auffassung des achäischen Stammes, der gemeinsame Völker- 
hirt, der älteste Bundesgott aller Hellenen und zugleich der Schutzhort 
der heraklidischen Fürstenthümer im Peloponnese. Seiner Verehrung 
in Olympia schloss sich aber Sparta um so bereitwilüger an, da mit 
ihr die Verehrung des Pelops, als des Stifters der olympischen Fest- 
spiele, des Vorbildes aller olympischen Kämpfer, eng verbunden war, 
denn dies Geschlecht auf alle Weise zu ehren, war die Hauspolitik der 
Herakliden. 

Im Tempel der Hera zu Olympia wurde noch zur Zeit der An- 
tonine eine eherne Scheibe aufbewahrt, welche in kreisförmiger 
Schrift die gesetzlichen Bestimmungen über die Festfeier zu Olympia 
enthielt. Aristoteles hat diese Inschrift als die wichtigste Urkunde 
peloponnesischer Geschichte erkannt und untersucht; nach seinem 
Zeugnisse stand darauf neben dem eUschen Könige I^hitos der Name 
des Lykurgos. Dass aber die Urkunde selbst gleichzeitig, und von den 
Genannten im Namen ihrer Staaten ausgefertigt worden sei, wird nir- 
gends bezeugt. Sie konnten auch auf einem viel späteren Schrift- 
denkmale als die Urheber der gegenseitigen Verständigung genannt 
werden. König Iphitos galt jedenfalls in der einheimischen Ueber- 
lieferung für den eigentlichen Gründer des Bundesfestes, für den Ur- 
heber seiner über die nächsten Umlande hinausgehenden Bedeutung. 
Deshalb stand im Vorhofe des Zeustempels, aus Erz gegossen, das Bild 
einer hohen Frau, welche die olympische Waffenruhe (Ekecheiria) dar- 
stellte; neben ihr Iphitos, den sie dankbar bekränzte. Wenn auch 
noch der Pisäer Kleosthenes neben ihm genannt wird, so war doch 
schon damals das Uebergewicht der Macht, der Vorrang der Ehre 
bei EHs. 

Iphitos' Name bezeichnet den wichtigsten Abschnitt in der Ent- 
wickelung dieser Verhältnisse. Man wufste ihn mit seinen Vorgängern 



SPARTA ÜND ELIS. 



213 



aus dem Stamme des Oxylos nicht sicher zu verbinden. Er wird 
selbst Heraklide genannt; wenigstens den Dienst des Herakles, wel- 
chem die Eleer bis dahin abhold waren, soll er eingeführt und mit 
dem Gotte von Delphi sich und seinen Staat in Verbindung gesetzt 
haben. Dadurch wurden Elis und Sparta einander gleichsam verwandt 
und zu engerer Verbrüderung befähigt. Es war dieselbe Epoche, in 
welcher der alte Zusammenhang mit Achaja, von welchem des Agorios 
Berufung zeugt, aufgelöst wurde und statt dessen eine entschiedene 
Hinneigung zu Sparta an die Stelle trat; um dieselbe Zeit werden sich 
auch die Sagen von jener uralten Waffen Verbrüderung zwischen Oxylos 
und den Herakliden gebildet haben (S. 154). Elis und Sparta be- 
gegneten sich in den Interessen ihrer Politik und schlössen , um sich 
gegenseitig darin zu unterstützen, um das Heiligthum des pisäischen 
Zeus einen Bund , welcher in allen Hauptsachen fertig und wohl be- 
gründet war , als mit dem Siege des Koroibos 776 vor Chr. die regel- 
mäfsige Aufzeichnung der olympischen Sieger und damit die urkund- 
liche Geschichte des Bundesheiligthums begann. 

Die Grundlage des Bundes war die gemeinsame Anerkennung d&s 
olympischen Zeus und die gemeinsame Betheihgung an seiner Feier, 
welche ordnungsmäfsig in jedem fünften Jahre nach der Sommer- 
sonnenwende mit Eintritt des Vollmonds als Bundesfest begangen 
werden sollte. Damit stand vielerlei in Verbindung, was die bis dahin 
gelrennten Seiten der Halbinsel in eine nahe und folgenreiche Be- 
rührung brachte. Wege wurden gebahnt, die Festzeiten geordnet, 
gegenseitige Verpflichtungen übernommen. Elis wurde in seinem den 
Pisäern abgewonnenen Bechte der Vorstandschaft bestätigt; die Eleer 
hatten das Amt, das herannahende Fest durcii heihge Sendboten zu 
verkünden. Mit dieser Ankündigung begann die WalTenruhe ; die 
Strafsen nach Pisa mufsten offen und ungefährdet sein , alles Umland 
des Tempels in voller Sicherheit. Wer diese Buhe durch Gewaltthat 
störte, wurde vor das Tempelgericht der Eleer geladen; der Verur- 
theilte fiel dem gekränkten Gott als Knecht anheim und konnte nur 
durch eine bestimmte Summe gelöst werden. Es bildete sich ein 
Tempelschatz, es befestigte sich eine Beihe von Satzungen, die als 
heiliges Becht von Olympia Geltung gewannen. 

Zunächst war es Ehs, dessen staatskluge Begenten die Vortheile 
dieser Genossenschaft ausbeuteten. Von Natur das offenste und 
wehrloseste Land der Halbinsel , den Einfällen der arkadischen Berg- 



214 



ERHEBUNG DER PISATEN 2T, 1 ; 672. 



Völker unaufhörlich ausgesetzt , errang es durch die Verbindung mit 
Sparta, dass der mächtigste Staat nicht nur für die Integrität seines 
Gebiets eintrat, sondern überhaupt jeden feindlichen Angriff auf das- 
selbe als einen Bruch des olympischen Gottesfriedens anzusehen er- 
klärte. Dadurch erhielt es freie Hand und konnte ungestört vom 
Peneios aus südlich vordringend seine Macht ausbreiten und be- 
festigen. 

Sparta aber trat durch diesen Bund aus seiner Kantonalstellung 
heraus und nahm einen vorörtlichen Einfluss auf die allgemeinen 
Landesangelegenheiten in Anspruch. Als Vertreter der dorischen Be- 
völkerung ordnete es mit EHs die olympischen Satzungen im dorischen 
Sinne. Unbekleidet liefen die Wettkämpfenden am Alpheios wie am 
Eurotas schon seit der fünfzehnten Feier, und von Anfang an war der 
Kranz des Oleasterbaums der Preis des Siegers. Sparta bestimmte 
mit Elis die Zulassung der zur Theilnahme an den gemeinsamen 
Opfern und Spielen sich Meldenden ^^). 

Den Pisaten selbst aber war es dabei ähnlich ergangen , wie am 
Parnasse den Bürgern von Krisa. Das Heiligthum, das vor den 
Thoren ihrer Stadt lag, von ihren Vorältern gegründet, mussten sie 
mit allen daran haftenden Ehren und Rechten in die Hände Anderer 
übergehen sehen. Ein tiefer Groll setzte sich bei ihnen fest, der nur 
auf Gelegenheit wartete, sich Luft zu machen. 

Dies gelang , als unter ihnen ein kräftiges Geschlecht hervortrat 
und mit Hülfe des Volks eine gesteigerte Fürstenmacht sich zueignete, 
das Geschlecht des Omphalion, welches wahrscheinlich einem nach 
Pisa gezogenen Zweige des ätolischen Adels angehörte. Omphalions 
Sohn war Pantaleon. Er übernahm die Herrschaft, als die Spartaner 
durch die Innern Wirren nach dem ersten messenischen Kriege so in 
Anspruch genommen waren, dass es ihnen unmöglich wurde, nach 
aufsen ihren Einflufs geltend zu machen. Gestärkt durch den An- 
schluss an Arkadien wusste Pantaleon diese Zeit so gut zu benutzen, 
dass er die den Pisäern entrissenen Rechte und Ehren wieder gewann ; 
die sieben und zwanzigste Olympiade (672) feierten sie zu gleichen 
Rechten neben den Eleern. 

Die Verhältnisse wurden noch günstiger, als der Temenide Phei- 
don sich im Osten der Halbinsel mit grofsem Erfolge erhob, die Spar- 
taner aus den eroberten Gränzstrichen von Argolis zurückdrängte, sie 
bei Hysiai in offener Feldschlacht besiegte (27, 4; 669) und auf Ver- 



KÄMPFE UM OLYMPIA. 



215 



anlassung der Pisäer mit seinem Heere quer durch Arkadien zog, um 
auch an der Westküste den Einfluss Spartas zu zerstören. EUs war 
nicht nur von seinen Bundesgenossen verlassen, sondern auch im 
Kampfe mit den Achäern, die wegen des Ausschlusses ihrer Ge- 
schlechter von Olympia alten und gerechten Groll gegen ihre Nach- 
barn hegten. So gelang es dem argivischen Dynasten das Ziel seiner 
ehrgeizigen Wünsche zu erreichen. Als Erbe des Herakles hielt er in 
dem von seinem Ahnherrn abgemessenen heiligen Felde der Altis das 
grofse Opfer, welches schon eine über die Halbinsel hinausgehende 
Bedeutung erlangt hatte. Er hielt die Feier (es war nach wahr- 
scheinHchster Annahme die 28ste seit Koroibos, 668 v. Chr.) mit den 
Pisalen; die Eleer waren ausgeschlossen so wie die Spartaner; die 
Hegemonie der Halbinsel, welche die Spartaner schon in Händen zu 
halten glaubten , war wiederum an das Fürstenhaus zurückgekehrt, 
welches den Sitz Agamemnons inne hatte. 

Indessen hatten diese glänzenden Erfolge nicht lange Bestand. 
Es muss den Spartanern noch vor dem Ausbruch des messenischen 
Aufstandes gelungen sein, den Eleern zu Hülfe zu kommen, welche 
auch ihrerseits Alles daran setzten, den Besitz ihrer Bechte wieder zu 
erobern. Die acht und zwanzigste wurde als eine revolutionäre Feier 
aus der Beihe der Olympiaden ausgelöscht, und die folgenden wieder 
unter Vorsitz der vertriebenen Beamten gehalten. Die Gährungsstoffe 
wurden aber nichts weniger als beseitigt. Pisa blieb unter seiner 
Dynastie und hielt seine Ansprüche auf Olympia aufrecht. Es be- 
nutzte von Neuem die Bedrängniss Spartas (es war im Jahre nach 
dem von uns angenommenen Anfange des zweiten messenischen 
Kriegs), um ein Heer von Pisaten, Arkadern und Triphyliern zu sam- 
meln und unter gewaltsamem Ausschlüsse der Eleer die vier und 
dreifsigste Olympiade (644) in eigenem Namen zu feiern. Dies war 
der letzte Triumph des kühnen Geschlechtes der Omphalioniden. 
Denn nach dem Falle von Eira, dessen Zulassung der grofse Fehler 
der antispartanischen Partei war, trat ein vollständiger Umschlag ein, 
und die Spartaner säumten keinen Augenblick, um die ehschen Verhält- 
nisse in ihrem Interesse zu ordnen. Mit Pisa selbst wurde auch jetzt in 
sehr schonender Weise verfahren, ohne Zweifel weil man sich scheute, 
das heilige Tempelland mit dem Blute derer zu netzen, die daselbst zu 
Hause waren. Sie blieben unabhängig und behielten, drei und zwanzig 
Olympiaden hindurch, ihren Anlheil an der Leitung des Festes ^^). 



216 



VERNICHTUNG VON PISA U3I 52, 1 ; 572. 



Rücksichtsloser verfuhr man gegen die Theilnehmer der letzten 
Erhebung. Die Städte Triphyhens, welche in dem Poseidontempel 
von Samikon ihren Mittelpunkt hatten und, obwohl von Minyern ge- 
gründet, doch mit Arkadien nahe verbunden waren, wurden in jener 
Zeit zerstört; es lag den Spartanern daran, hier an der Gränze des 
früheren Messeniens reines Haus zu machen und allen Erhebungsver- 
suchen von dieser Seite gründhch vorzubauen. In Lepreon hatten 
zwei Parteien, wie Weifen und GhibeUinen, einander gegenüberge- 
standen; die messenische Partei führte Damothoidas, des Aristomenes 
Schwiegersohn; die andere aber war kräftig genug gewesen, um den 
Spartanern in Messenien Zuzug zu leisten. Zum Danke dafür blieb 
Lepreon nicht nur bestehen , sondern wurde auch durch Aufhebung 
kleinerer Orte vergröfsert und verstärkt. Es sollte auf der Gränze 
von Arkadien , Elis und Messenien ein fester Platz, ein Stützpunkt der 
lakonischen Interessen sein. 

So schienen die Landesverhältnisse nach dem Ende des messe- 
nischen Krieges durch Sparta dauernd geordnet zu sein ; aber die alte 
Feindschaft zwischen Elis und Pisa ruhte nicht. 

Pantaleon hatte zwei Söhne hinterlassen, Damophon und Pyrrhos. 
Schon Damophon, der ältere Bruder, ward argwöhnisch von den eli- 
schen Fürsten beobachtet, man glaubte die Vorbereitungen eines neuen 
Abfalls wahrzunehmen. Die Eleer hatten schon die Gränzen überschrit- 
ten; sie gingen wieder zurück, nachdem die Verträge neu beschwo- 
ren waren. Kaum aber war Pyrrhos zur Regierung gelangt, als er, 
das drückende Bundesverhältniss zu brechen entschlossen, das ganze 
Alpheiosthal gegen Elis in Waffen rief. Triphyhen schloss sich wie- 
derum an, sowie die Nachbargaue Arkadiens, die, wenn sie auch nicht 
von Staatswegen Antheil nahmen, doch immer bereit waren, durch 
Freischaaren den Pisaten zu helfen. Dieser Krieg entschied über das 
Schicksal der ganzen Westküste. Die Pisaten waren aufser Stande 
den vereinigten Heeren von EHs und Sparta Widerstand zu leisten; 
ihre Heerkraft war gering, ihr Ländchen nicht einmal in sich einig, 
und da sie diesmal den Landfrieden gebrochen hatten, so schwand 
nun jede Rücksicht auf die alte Heiligkeit ihrer Stadt. Der schwache 
Rest von Selbständigkeit, welchen sie noch behalten hatten, wurde 
aufgehoben. Pisa wurde zerstört und zwar so planmäfsig und voll- 
ständig, dass man später auf den Weinbergen bei Olympia vergebens 
nach den Spuren der Stadt suchte. Die Einwohner wurden , so viele 



VERGRÖSSERUNG VON ELIS. 



217 



ihrer im Lande blieben, dem Zeustempel zinsbar. Eine grofse Zahl 
wanderte aus von der nahen Küste, um sich dem verhassten Joche 
der Eleer zu entziehen, so namentlich die Dyspontier, während die 
benachbarten Letrinäer, die sich zu Elis gehalten hatten, ruhig auf ihren 
Aeckern blieben. Dies muss gleich nach Ol. 52, 1 (572) geschehen 
sein; denn mit dieser Olympiade hörte nach guter Ueberlieferung die 
Betheiligung der Pisaten an der Leitung des Festes auf^'^). 



Pisatis war nach Messenien die zweite Landschaft, welche gewalt- 
sam aus der Geschichte der Halbinsel ausgetilgt wurde. Ihr Name 
lebte mit seinem alterthümlichen Klange noch im Munde des Volkes 
und in der Sprache der Dichter fort; auch wurden mit Ausnahme des 
Vororts Pisa, dessen Stelle ersetzt wurde, die alten Acht- Orte der 
Landschaft nicht vernichtet. Sie blieben als Dorfgemeinden unter der 
Landeshoheit von Elis bestehen, und wie die Gewächse der Erde über 
Schlachtfeldern und Gräbern ruhig weiter blühen, so blieb nach allen 
Kämpfen die heilige Genossenschaft der sechzehn Frauen , die das 
Festgewand der Hera stickten, das anmuthige Bild der ursprünglichen 
Verschwisterung beider Landschaften. 

Die regierenden Geschlechter, welche den alten Königssitz des 
Oxylos inne hatten, waren endlich am Ziele ihrer Wünsche. Das ver- 
hasste Nachbarland war unterthäniges Gebiet, ihr eigenes verdoppelt 
und zugleich durch die neu gekräftigten Verträge gegen äufsere An- 
feindung gesichert. Sie verlegten nun die Verwaltung des olympi- 
schen Heiligthums nach ihrer Hauptstadt Elis, und die gründliche Ver- 
nichtung Pisas bürgte ihnen dafür, dass hier kein Ort sich wieder er- 
heben würde, welcher im Stande wäre, ihnen die Leitung der Spiele 
streitig zu machen. 

Da sie den letzten Krieg im Namen des olympischen Gottes ge- 
führt hatten, so war ihm die Beute desselben zugeeignet, und die Eleer 
als Verwalter des Tempelschatzes übernahmen die Verpflichtung zu 
seiner Ehre die Gelder zu verwenden. Die Ehre des Zeus war für sie 
eine bequeme Form, die eigene Herrschsucht zu befriedigen; denn 
unter dem Vorwande , den Schatz zu mehren , wussten sie durch Ge- 
walt wie durch List und durch Landkauf ihr Gebiet schrittweise 
immer weiter nach Süden auszudehnen. Auch das durch Sparta ent- 



218 



ZUSTÄNDE IN ELIS. 



waffnete Triphylien wurde in dieser Weise Periökenlaiid von Elis, das 
sich nun mit zwölf Distrikten, von denen vier dem Herrenlande am 
Peneios, acht dem unterthänigen oder Periökengebiete angehörten, 
als ein festgeordnetes Land vom achäischen Larisos bis zur Neda hinab 
erstreckte. Dieser glänzende Erfolg bezeugt die politische Tüchtigkeit 
der regierenden Geschlechter, die in strenger Abgeschlossenheit am 
Peneios zusammen wohnten. 

Mit grosser Klugheit hatten sie zur Erhaltung ihrer Privilegien 
die Verhältnisse des Landes benutzt. Denn wenn auch ein ausge- 
dehntes Uferland, so war Elis doch wegen Mangels an Häfen nicht zu 
dem Gewerbe der Seefahrt berufen, sondern zum Landbau, für den es 
durch die gleichmässige Güte des Bodens mehr als irgend eine pelo- 
ponnesische Landschaft wohl ausgestattet war. Diesen zu fördern 
war die Regierung vor Allem beflissen. Eine sorgfältige Ackergesetz- 
gebung, welche auf Oxylos zurückgeführt wurde, verbot das Aufneh- 
men von Geld auf den vom Staate angewiesenen Grund und Boden; 
es sollte dadurch das eingewanderte Kriegsgefolge in seinem Lehnsbe- 
sitze erhalten, dem Verarmen der Familien, der Umwälzung der 
Bodenverhältnisse vorgebeugt werden. Die kleinen Grundbesitzer 
sollten ungestört bei ihren Geschäften bleiben und auch der zu erledi- 
genden Rechtssachen wegen nicht genöthigt sein in die Stadt zu kom- 
men. Zu dem Zwecke wurden Ortsrichter eingesetzt, welche unter 
dem Landvolke wohnten und in gewissen Terminen umherreisten. 
Des Landfriedens wegen gab es keine ummauerten Städte; die dichte 
Bevölkerung lebte in lauter offenen Weilern oder einzelnen Höfen. 
Da das Land an Korn, Wein und Baumfrüchten die Fülle hatte, be- 
durfte es keiner Zufuhr; die Lagunen der Küste heferten vorzügliche 
Fische, das Gebirge Wild. In gleich mäfs igen Zuständen eines behag- 
hchen Wohlstandes lebte das Volk dahin. Weder durch Handel noch 
durch aufblühendes Städteleben gefährdet, erhielten sich Jahrhunderte 
lang die Privilegien der Geschlechter, welche nach festen Grundsätzen 
die Geschicke des Landes lenkten. Daher die kluge Consequenz und 
der verhältnissmäfsig grofse Erfolg der elischen Pohtik. 

Das Glück der Eleer war die entfernte Lage von Sparta, das ihrer 
bedurfte, ohne ihnen durch seine Uebermacht gefährlich zu sein; ihr 
Kleinod das Patronat von Olympia, eine unerschöpfliche Quelle von 
Mitteln und Ansprüchen, welche sie nach Möghchkeit auszubeuten ver- 
standen. Sie waren daher unermüdlich thätig, das olympische Fest 



DIE OLYBIPISCHEN SPIELE. 



219 



nicht nur in Glanz zu erhalten, sondern durch zeitgemäfse Fort- 
bildung immer mehr auszubilden und gegen die Concurrenz anderer 
Festspiele zu sichern. Man hatte den engen Kreis spartanischer 
Uebungen längst verlassen; zum einfachen Laufe war der Doppellauf 
und der Dauerlauf hinzugefügt; dann der Ringkampf, der Sprung, der 
Diskos- und Speervvurf und der Faustkampf, welche seit Ol. 18, 1; 708 
als Fünfkampf oder Pentathlon eine geschlossene Gruppe bildeten. 
Diese Wettkämpfe wurden sämtlich im Stadium gehalten, welches 
sich in die Waldhöhen des olympischen Gebirges hineinzog. 

Eine neue Epoche begann mit der Einführung der ritterlichen 
Spiele. Der Hippodrom wurde geebnet, eine Rennbahn von etwa 
doppelter Länge des Stadiums, mit diesem im rechten Winkel zusam- 
menstofsend. Es war die fünf und zwanzigste Olympiade (680), als 
zum ersten Male die vierspännigen Wagen am Alpheios zur Wettfahrt 
sich sammelten. Wie aber die Griechen alles Neue an alte Ueberlie- 
ferung anknüpften, so bildete sich jetzt die Sage, dass schon Pelops 
durch Wagenrennen dem älteren Landeskönige das Land abgewonnen 
habe, obgleich Hippodameia's Rild mit der Siegesbinde im Stadium 
stand. Dem Wettfahren folgte die Einführung des Wettstreitens nebst 
dem Ring- und Faustkampf vereinigenden Pankration (Ol. 38, 1; 648). 
Dann wurden die Kämpfe der Männer auch auf Knaben übertragen. 

So vervielfältigten sich die Kampfarten, und je gröfser die Theil- 
nahme wurde, um so mehr wurden die Neigungen verschiedener 
Stämme berücksichtigt; um so mehr fanden auch solche Uebungen, 
welche dorischer Zucht entschieden widerstrebten, in dem Kreis der 
olympischen Wettkämpfe Aufnahme. So wie die nationale Bedeutung 
derselben stieg, mehrte sich auch das Anselien dei- Eleer; sie wurden 
eine hellenische Macht, und ihre Beamten, welclu; durch traditionelle 
Sachkenntniss eine unerschütlerte Autorität besassen, nannten sich 
Hellenenrichter (Hellanodiken), weil sie über Zulassung hellenischer 
Bürger zu den Kämpfen und über den Ausfall der Kämpfe nach alten 
Satzungen zu richten hatten. Die Prüfung der Preisbevverber geschah 
in Eüs, im Gymnasium der Stadt, welches eine hellenische Musteran- 
stalt wurde, wo auch Griechen anderer Staaten sich immer mehr ge- 
wöhnten die zehnmonatlichen Uebungen durchzumachen, um desto 
bessere Aussicht auf den olympischen Kranz zu haben. Der Ruhm 
und Gewinn, welcher Elis von der Leitung der Spiele zu Theil wurde, 
hatte die Eifersucht der Pisaten erweckt und jene schweren Kämpfe 



220 



SPARTA UND OLYMPIA. 



hervorgerufen. Nach Besiegung des Nachbarstaats floss Ehre und 
Gewinn allein den Eleern zu, und so ist durch eine Verkettung 
glücklicher Fügungen aus der kleinen Stadt am Peneios, die keinen 
homerischen Ruhm besafs, auf den sie sich berufen konnte, die 
Hauptstadt der ganzen Westküste geworden; durch Sparta grofs ge- 
macht, hat sie doch eine von Sparta unabhängige, eine für die ganze 
Halbinsel und über deren Gränzen hinausreichende nationale Bedeutung 
erhalten ^^). 

Sparta hatte den Eleern die rehgiöse Seite der Verbindung mit 
Olympia, nebst Allem, was daran sich anknüpfen liefs, überlassen. 
Die pohtischen Rechte nahm es in eigene Hand. Nachdem es an dem 
Widerstande Arkadiens erkannt hatte, dass ein Fortschreiten auf 
der Bahn der messenischen Kriege unthunhch sei, strebte es nicht 
mehr darnach, der einzige Staat der Halbinsel zu sein, sondern nur 
der erste; statt der Beherrschung der schwächeren Staaten wurde die 
Führung derselben sein Ziel. Wie es aber überall die Erinnerungen 
der Achäerzeit wieder zu erwecken oder festzuhalten suchte, so sollte 
auch die Hegemonie Agamemnons durch die spartanischen Herakli- 
denkönige hergestellt werden, und dazu hat es die rehgiöse Weihe des 
nationalen Heihgthums mit glücklichstem Erfolge benutzt. Es stand 
neben den Eleern als die Schutzmacht von Olympia, als Wächter der 
beschworenen Verträge. Es hütete mit seinen Waffen den Landfrie- 
den zur Zeit der Feste, und zu gleichem Zwecke mussten auch die 
Truppen der Bundesgenossen bereit sein. Das delphische Orakel 
hatte seine Weihe auf das Heihgthum von Olympia übertragen und 
ihm eine ähnhche amphiktyonische Bedeutung gegeben, wie Delphi 
längst für die Dorier gehabt hatte. Das olympische Festjahr war nach 
dem pythischen Jahre von neun und neunzig Mondmonaten geregelt. 
Apollon trat, wie er in Sparta der staatordnende Gott war, auch an 
die Seite des Zeus als Hort der olympischen Einrichtungen. Wie die 
Spartaner, so verpflichteten sich auch ihre Bundesgenossen, die von 
Olympia ausgegangenen Gesetze anzuerkennen und diesen gehorsam 
die Waffen sowohl niederzulegen als auch zu ergreifen. Mit dem 
Einflüsse Spartas breitet sich die Anerkennung von Olympia aus, und 
diese Anerkennung ist wiederum die Stütze seiner Macht. Nicht am 
Eurotas, sondern am Alpheios hat Sparta seine vorörtHche Stellung er- 
langt; hier ist es das Haupt der Halbinsel geworden, das vorschauende 
und thatkräftig leitende. Mit einer Hausmacht ausgerüstet, welche 



GEGENSÄTZE DES DORISMUS. 



221 



allen Einzelstaaten der Halbinsel überlegen war, hatte es ein Recht 
auf entscheidende Stimme. Seine Bürger waren ihrer militärischen 
Durchbildung wegen die geborenen Heermeister und Heerführer. 
Gegen den Missbrauch seiner Macht schützten beschworene Verträge, 
über denen der olympische Zeus wachte, und man hatte Grund anzu- 
nehmen, dass Sparta nach den in Arkadien gemachten Erfahrungen 
seine Eroberungsgelüste für immer überwunden und die Gränzen 
seiner Territorialherrschaft in weiser Mäfsigung erkannt habe. Strei- 
tigkeiten zwischen den Bundesmitgliedern wurden durch peloponne- 
sische Beamte geschhchtet, welche wie die Kampfrichter in Elis Hel- 
lanodiken hiefsen. Gröfsere Uneinigkeiten kamen vor das olympische 
Tempelgericht. 

So hatte sich aus unscheinbaren Anfängen eine neue griechische 
Amphiktyonie gebildet, welche einerseits eine nationale Bedeutung irf 
Anspruch nahm, wie der mit allen amphiktyonischen Bestrebungen 
immer hervortretende Hellenenname bezeugt, andererseits aber einen 
bestimmten, natürlich begränzten Kreis von Landschaften umfasste, für 
welchen mit Beziehung auf die gemeinsame Pelopsfeier am Alpheios 
der Gesamtname Pelopsinsel oder Peloponnesos zu allgemeiner Geltung 
gekommen ist^^). 

Aber, so sehr auch die Halbinsel von Natur bestimmt zu sein 
scheint, ein Ganzes zu bilden, so schwierig ist doch zu allen Zeiten 
ihre Einigung gewesen, 'und so stiefs auch innerhalb der Halbinsel die 
Amphiktyonie und die Durchführung der mit ihr verknüpften Einrich- 
tungen auf hartnäckigen Widerstand, indem sich ansehnliche Städte 
und Staaten in einer Richtung entwickelten, welche dem dorischen 
Sparta und Allem, was von dort ausging, feindselig gegenübertrat. 

Der Organismus der spartanischen Verfassung ist ein so künst- 
licher, er ist unter [so eigenthümlichen Verhältnissen nach langen 
Kämpfen allmählich zu Stande gekommen und beruht so sehr auf der 
besonderen Oertlichkeit Spartas, dass es nicht befremden kann, wenn 
in den andern Landschaften der Halbinsel nichts Entsprechendes zu 
Stande gekommen ist, obwohl hier eben so wie in Lakonien Dorier 
eingewandert sind und unter ähnlichen Verhältnissen Landbesitz ge- 
wonnen haben. Am wenigsten konnte dies am Nord- und Ostrande 
der Halbinsel gelingen, wo die neuen Staaten auf dem Boden einer 
ionischen Küstenbevölkerung gegründet worden waren. Hier konnte 
ein solcher Abschluss gegen aufsen, welcher die Grundbedingung einer 



222 



DIE KÜSTE KLEINASIENS. 



spartanischen Verfassung war, niemals erreicht werden. Hier mussten 
die neuen Staaten in die allgemeine Bewegung der griechischen Welt 
hereingezogen, hier die Beziehungen zwischen den beiden Gestaden 
des ägäischen Meeres am frühesten wieder angeknüpft werden , und 
deshalb traten hier auch die Gegensätze spartanischer Staatsverfas- 
sung am vollständigsten zu Tage. 



Die Verwirrung und Gährung, welche der Umsiedelung der 
Stämme folgte, war auf der ionischen Küste nicht geringer als im 
Mutterlande gewesen. Freilich war den jenseitigen Ansiedelungen, 
obwohl sie von vereinzelten Schaaren unternommen worden waren, 
ein allgemeiner und glänzender Erfolg zu Teil geworden; ein Erfolg, 
welcher sich nur dadurch erklären lässt, dass den Einwanderern nir- 
gends ein zusammenhängender und geordneter Widerstand entgegen- 
trat. Es war kein Staat da, welcher die Landungen mit gesammelter 
Kraft abwehrte, wie dies im Gebiete von Ilion der Fall gewesen war, 
und den Küstensaum als sein Territorium mit Nachdruck vertheidigte. 
Nur an einzelnen Plätzen haben sich von den Kämpfen , welche die 
ersten Ansiedler zu bestehen hatten, Erinnerungen erhalten. Smyrna, 
ein alter Hafenplatz der Tantaliden (S. 72), wurde von den Mäoniern 
oder Lydern mit Hartnäckigkeit vertheidigt; eben so das Mündungsland 
des Kaystros, dessen Thal dem Mittelpunkte lydischer Macht am näch- 
sten und der Sitz eines mit kriegerischer Macht ausgestatteten Tempels 
war (S. 116). Hier haben hellenische Männer zuerst mit morgenlän- 
dischen Heeren um die Herrscliaft in Asien gestritten, und was von 
der Gründung von Ephesos überliefert wird, beweist, dass die Athener, 
welche von Samos aus auf ephesischem Gebiete sich festzusetzen 
suchten, kein leichtes Spiel hatten. Erleichtert wurde ihnen der 
Kampf durch ihre Verwandtschaft mit den Küstenbewohnern, welche 
sich an manchen Orten bereitwillig anschlössen. Aber auch mit ihnen 
wurde gestritten, namentlich mit den Karern, welche sich der neuen 
Ordnung der Dinge am wenigsten fügen wollten. Am leichtesten ging 
die Ansiedelung auf den Inseln von Statten, oder bei den festländi- 
schen Colonien, welche späteren Ursprungs waren und durch Vertrag 
von den älteren Colonisten Ansiedelungsplätze erhielten, wie Phokaia 
von Kyme. Die Phokäer waren die Einzigen der lonier, welche ohne 
Kampf in Kleinasien festen Fufs fassten. 



SEEZÜGE NACH DER COLOISISATION. 



223 



Die Kämpfe beschränkten sich aber nicht auf die erste Landung, 
auf die Besitznahme und Ummauerung der erkorenen Stadtplätze. 
Auch die gegründeten Städte mussten sich heftiger Angriffe erwehren, 
denen sie mit vereinzelten Kräften nicht Trotz bieten konnten. So 
mussten die Ephesier den Prieneern gegen die Karer zu Hülfe kommen. 
In solchen Fehden befestigten und erweiterten sich allmählich die 
schmalen Stadtgebiete; karische und lydische Dörfer wurden ihnen 
einverleibt. 

Die Unruhe der Küste erstreckte sich auf das Meer. Denn je 
weniger sich die Ansiedler in das Binnenland ausbreiten konnten, um 
so mehr überfüllte sich das Gestade, welches die Massen der älteren 
und der jüngeren, in stetem Anwachsen begriffenen Bevölkerung un- 
möghch fassen konnte. Es begann eine Auswanderung von Volks- 
schaaren, welche den Aeoliern und loniern ihren Boden überliefsen 
und sich zu Schiffe neue Wohnsitze suchten. Da aber die beiden 
Gegengestade des Archipelagus besetzt waren, so konnten die flüchti- 
gen Seefahrer hier nur raubend und plündernd entlang ziehen, ohne 
für eigene Niederlassungen Platz zu finden. Sie mussten weiter und 
weiter ziehen, auf unbekannteren Fahrten, nach entlegeneren Küsten. 

Von diesen Fluchtwanderungen kleinasiatischer Küstenvölker, 
welche die nothwendige Nachwirkung der äolischen und ionischen 
Stadtgründungen waren, hat sich die Ueberlieferung in weit ver- 
zweigten Sagen erhalten, welche von den Irrzügen troischer Helden, 
von der Auswanderung der Tyrrhener aus Lydien, von den Niederlas- 
sungen flüchtiger Dardaner in Lykien, Pamphylien, Kilikien, in Sicilien, 
in Unter- und Mittelitalien melden; Sagten, deren Inhalt jnan später 
unter dem Namen der Völkerzüge 'nach dem Falle Trojas' zusammen 
zu fassen pflegte ^^). 

Es war eine lang andauernde Ausscheidung älterer und jüngerer 
Volkselemente, eine für die Entwickelung der griechischen Seefahrt, 
für die Ausbreitung griechischer Cultur und für die Vorbereitung der 
späteren Colonisation aufserordentlich wichtige Epoche. 

Durch diese Züge wurde eine Menge neuer Verbindungen an- 
geknüpft, und lonien immer mehr ein Mittelpunkt des Küstenver- 
kehrs im Mittelmeere. Zugleich w urde dadurch die allmähliche Beruhi- 
gung des übervölkerten Küstenlandes ermöglicht; die Städte konnten 
in friedhchem Wohlstande gedeihen und die Zeit der Gründungen 
mit ihren Abenteuern und Kämpfen erschien nun wie eine abge- 



224 



SEEZÜGE NACH DER COLONISATION. 



schlossene Vergangenheit, deren Gedächtniss nur in Heldenliedern 
fortlebte. 

Nachdem also den gährenden Bewegungen ein behaglicherer 
Zustand gefolgt war, erwachte das Bedürfniss, die zerstreuten Erinne- 
rungen zu sammeln und die Züge der heroischen Zeit zu einem Ge- 
samtbilde zu vereinigen. So entwickelte sich etwa um die Mitte des 
zehnten Jahrhunderts v. Chr. in den ionischen Sängerschulen das 
homerische Epos, erst die Rias, welche sich unmittelbar an die ge- 
schiclitlichen Vorgänge der kleinasiatischen Gründungen anschloss 
(S. 121), und dann die Odyssee, in welcher ein ursprünglich ganz 
selbständiger Sagenkreis der Sage vom trojanischen Kriege angeschlos- 
sen wurde. 

Darum ist die Odyssee noch weit mehr als die Ihas ein Bild des 
ionischen Lebens, wie es sich in Kleinasien entwickelt hat; denn die 
Abenteuer des Odysseus sind ein Spiegelbild der Verbindungen, in 
welchen die ionischen Seestädte mit dem Westen standen, und zwar 
sind es theils ursprüngliche Verbindungen der in Kleinasien Eingewan- 
derten, die aus Pylos, Aigialeia, Euboia u. s. w. gekommen waren, 
theils spätere Verbindungen, welche erst in Kleinasien angeknüpft und 
dann benutzt worden sind, den älteren Bestand der Sagen zu erweitern 
und auszuschmücken. Dahin dürfen wir wohl die Ueberheferungen 
von der Kirke, von Skylla und Charybdis rechnen und ebenso die Sage 
von den Lotophagen, der die Erfahrung zu Grunde liegt, die man in 
den ionischen Städten machte, dass die nach den libyschen Küsten 
Ausgewanderten, vom Zauber des KHmas gefesselt, ihre Heimath 
vergafsen. 

So kann das Epos auch als geschichtliche Urkunde einer Zeit gelten, 
von welcher sonst keine zusammenhängende Kunde erhalten ist, 
jener Zeit, da sich die Einwandernden endlich in ihrer neuen Heimath 
vollständig eingebürgert hatten und in behaghchem Genüsse der 
Gegenwart die Erinnerungen der Vorzeit sammelten. Es ist das 
Zeugniss einer unter den glückhchsten Verhältnissen gereiften geisti- 
gen Cultur, einer reichen und harmonischen Entwicklung des ioni- 
schen Volksgeistes in Kleinasien^*). 

Was uns sonst über die Geschichte loniens an zerstreuten Nach- 
richten erhalten ist, zeigt uns eine grofse Mannigfaltigkeit. Jede von 
den zwölf Städten, welche auf dem Ufersaume von etwa 14 Meilen 
Länge dicht neben einander lagen, hatte ihre besondere Entwickelung. 



ENTWICKELUNG VON lONIEN. 



225 



Jede suchte die besonderen Vortheile ihrer Lage auszubeuten, die eine 
mehr binnenländischen Verkehr suchend, wie z. B. Ephesos, die 
andern von Anfang an ganz dem Meere zugewendet. Auch bildeten 
sie nach Sitte und Sprache gewisse Gruppen, erst die der karischen 
Städte: Miletos, Myus und Priene, dann die lydischen: Ephesos, Kolo- 
phon, Lebedos, Teos (die Minyerstadt in der Mitte der ganzen Reihe), 
Klazomenai und Phokaia. Eine dritte Nachbargruppe bildete Chios 
und das gegenüber gelegene Erythrai. Samos endlich hatte seine 
Mundart für sich. 

Die Mischungsverhältnisse der Bevölkerung waren sehr verschie- 
den. In Samos z. B. hatte sich die ältere und die jüngere Bevölkerung 
zu gemeinsamem Staatswesen vereinigt. Darum hielten die Samier 
eine Zeit lang zu den Karern gegen die ionischen Küstenstädte. Auch 
in Chios scheint der ältere Stamm der Bevölkerung eine vorwiegende 
Bedeutung behauptet zu haben. 

Zur Vereinigung der verschiedenartigen Städte dienten die her- 
vorragenden Gottesdienste, so der altionische Poseidondienst, ferner 
der Gull des Apollon Delphinios; auch der Dienst der Athena, als der 
Pflegerin der Geschlechter, in denen sich die Stadtgemeinde erhält 
und verjüngt. In diesem Sinne wurden in den Städten die Apaturien 
gefeiert; dies Fest war das Erkennungszeichen der echten lonier, von 
deren engerem Kreise die Ephesier und Kolophonier ausgesclilossen 
waren. Die Ephesier hatten von Anfang an bei engem Anschluss an 
das Artemisheiligthum manche heimathliche Eigenthümlichkeit aufge- 
geben, und dafür das auch im Binnenlande seit ältester Zeit hoch 
gehaltene Ansehen des Artemision benutzt, demselben eine amphiktyo- 
nische Bedeutung zu geben, die sich über die Umlande ausdehnte. 
Ephesos und Milet wurden für die politische Ordnung somit die bei- 
den Ilaiiplpliilze, nicht nur wegen ihrer Lage am Ausgange der beiden 
wichtigsten Flussthäler, sondern auch durch die hervorragende Be- 
deutung der Geschlechter, welche daselbst ansässig waren. Es waren 
Nachkommen der attischen Könige, und unter ihrem Einflüsse sind die 
Bundesordnungen zu Stande gekommen, nach welchen sich, wie in 
Attika und Achaja, so ancli in lonien zwölf Städte vereinigten. Des 
Bundes Mittelpunkt war der Tempel des Poseidon auf dem Vorgebirge 
Mykale. Unterhalb Mykale lag der gemeinsame Festort, das Panio- 
nion, wo sich wie am Heerde des Staates die Abgeordneten der Städte 
versammelten. Es war ein Grundgesetz der Amphiktyonie, welches 

Curtius, Gr. Gesch. T. 6. Aufl. 15 



226 



DIE EIGENTHÜMLIGHE ENTWICKELUNG 



namentlich bei Phokaia in Anwendung kam, dass in jeder Bundesstadt 
Nachkommen des Kodros das Regiment führten ; sie ist also in einer 
Zeit zu Stande gekommen, da die Androkliden in Ephesos und die 
Neleiden in Milet noch die volle Herrschaft in Händen hatten. 

So waren die Städte durch die königlichen Geschlechter, welche 
aus dem Mutterlande herübergekommen waren, trotz der alten Riva- 
lität zwischen Milet und Ephesos, unter den schwierigsten Verhältnissen 
glücklich geordnet; sie waren Abbilder ihrer Mutterstädte. So wie 
aber auf gesichertem Boden ihr Wohlstand aufblühte, nahmen sie eine 
Richtung, welche durchaus neu und von allen früheren Entwickelungen 
griechischer Staaten verschieden war^^). 



Die Colonien waren meistens auf demselben Boden, welchen die 
Ansiedler zuerst besetzt und verschanzt hatten, zu Städten erwachsen, 
hart am Uferrande, auf vorspringenden Halbinseln, deren schmale Zu- 
gänge man gegen das Festland vertheidigen konnte, denn von hier 
drohten die Gefahren; hier lagen die älteren Städte, die Karerstädte 
wie Mylasa und Labranda, die lydischen Städte wie Sardes und Mag- 
nesia. Es gab nun eine vordere und eine hintere Reihe von Städten, 
und die ersteren mussten erst allmählich nach innen sich Raum 
schaffen. 

Das war für die ganze Ent Wickelung von entscheidender Bedeu- 
tung. Denn bei den Städten des Mutterlandes, welche aus Scheu vor 
dem Seeraube eine oder mehrere Stunden landeinwärts in der Mitte 
fruchtbarer Ebenen angelegt waren, war der Anbau derselben die 
Grundlage des ganzen Wohlstandes ; hier musste der Landbau zurück- 
treten. Der Landbesitz war ein geringer und unsicherer. Von der 
See aus gegründet, mussten die Colonien auch zur See ihre Selbstän- 
digkeit befestigen und in den Geschäften der See vorzugsweise die 
Quellen ihres bürgerlichen Wohlstandes suchen. 

Im Mutterlande hatte der bei weitem überwiegende Theil der 
Bevölkerung auf seinen Aeckern gewohnt, und nur offene Weiler um- 
gaben die engen Fürstenburgen; wo sich aber Städte gebildet hatten, 
waren diese, wie in Attika, nachdem die Landschaft schon Jahrhunderte 
lang ein Ganzes gewesen war, aus der Zusammensiedelung des Land- 
volks allmählich erwachsen. Wie anders war es hier ! Hier waren von 



DER SEESTÄDTE lONIENS. 



227 



den Schiffen aus die Städte gebaut; mit dem Bau der Städte hatte die 
Geschichte loniens begonnen ; innerhalb der Ringmauern hatten sich 
die Ansiedler als Ganzes fühlen gelernt; auf dem Stadtmarkte war 
der Ursprung ihres Gemeinwesens. Die Ansiedler selbst aber waren 
erst nach langem Umhertreiben an das Ziel gelangt; schaarenweise, in 
buntgemischter 3Ienge waren sie gekommen, die Meisten heimischer 
Sitte längst entwöhnt. Auf engem Räume, unter Gefahr und Kampf, 
drängte sich nun die Bevölkerung zusammen. Zu den ersten Gründern 
kamen neue Zuzüge von Abenteurern, Hellenen aller Stämme; Hellenen 
und Barbaren wohnten durch einander. Daraus erwuchs eine viel- 
seitige Bewegung, ein Wetteifer aller Kräfte, eine unbedingte Frei- 
heit menschhcher Entwickelung, wie sie im Mutterland unmöglich 
gewesen war. 

Dies musste auf die Verfassungszustände zurückwirken. Bei den 
Kämpfen gegen die Feinde zu Lande und zur See, bei den ersten 
Ordnungen der neu gegründeten Städte war das Bedürfniss einheit- 
licher Leitung vorhanden, und die alten Fürstengeschlechter wussten 
sich auch in der neuen Welt durch Tapferkeit und Weisheit in segens- 
reichem Wirken zu behaupten. Aber die Verhältnisse änderten sich. 
Die alten Traditionen verloren an Kraft, je mehr die Erinnerungen 
der Heimath in der lebendigen Strömung einer neuen Entwickelung, 
unter den Eindrücken und Ansprüchen einer überreichen Gegenwart 
sich verwischten. Je mehr das Aufblühen der neuen Staaten auf Ent- 
fesselung und Concurrenz aller Kräfte beruhte, um so mehr drängte 
sich im Gemeindeleben das Gefühl freier und gleicher Berechtigung 
hervor. Dazu kam die Kleinheit der Staaten. 

Wenn in gröfseren Ländern der Fürst als der unentbehrliche 
Mittelpunkt erscheint, so bedurfte es hier, wo Stadt und Staat zusam- 
menfiel, eines solchen nicht. Hier standen sich alle Mitglieder des 
Staats so nahe, dass es dem Fürsten schwer wurde, die für die Erhal- 
tung einer Dynastie nothwendige Unterscheidung seiner Person von der 
Gemeinde des Volks aufrecht zu erhalten. Auch musste Alles, worauf 
die bevorzugte Stellung des Einen und seines Geschlechts beruhte, 
überwiegende Bildung, praktische Tüchtigkeit und Reichthum, sich 
mehr und mehr ausgleichen, und damit schwand zugleich der Wille, 
dem bestehenden Fürstenhause nach altem Herkommen zu iiuldigen. 
Es erfolgte Auflehnung und Kampf; ein Kampf, in welchem die Kräfte 
der neuen Zeit durchgängig die überlegenen waren. So wurde an 

15* 



228 STAATSÜMWÄLZUNGEN IN lONIEN. 

allen Orten, wo das städtische Leben sich entfaltet hatte, das„ Fürsten- 
thum, die Hinterlassenschaft der heroischen Zeit, beseitigt. 

Die ersten Angriffe waren nicht von der ganzen Gemeinde aus- 
gegangen, sondern von den Geschlechtern, welche sich ebenbürtig 
fühlten; ihnen fiel auch zunächst das Erbe zu. Als Nachkommen der 
Staatengründer nahmen sie die Ehre der Staatsleitung für sich in An- 
spruch und liefsen unter sich die mit Machtvollkommenheit beklei- 
deten Staatsämter nach bestimmter Reihenfolge umgehen. Diese Ver- 
hältnisse riefen neuen Kampf hervor. Denn statt der bürgerlichen 
Gleichheit, welcher das Fürstenamt zum Opfer gefallen war, trat jetzt 
vielmehr eine unerträgliche Ungleichheit zu Tage. Eine kleine Zahl 
von Familien wollte sich als die allein vollberechtigte Bürgerschaft 
geltend machen, und während die alten Könige ein natürliches und 
unabweisbares Interesse daran gehabt hatten, den verschiedenen 
Classen der Bevölkerung gerecht zu werden, fehlte jetzt jede Aus- 
gleichung, jede Vermittlung; schroff standen sich die beiden Parteien 
gegenüber. Der Kampf der Stände war da, und so wie der Adel 
an Stärke zusammenschmolz und die Bürgerschaft an Zahl und Selbst- 
bewusstsein anwuchs, ging der Staat nothwendig neuen Umwälzungen 
entgegen. 

W^enn der Friede des Gemeinwesens erschüttert ist und das W^ohl 
des Ganzen auf dem Spiele steht, erwacht das Bedürfniss nach einer 
rettenden Kraft, welche den in Auflösung begriffenen Staat zusammen- 
halte. Die mildeste Form zu helfen ist die, dass einem Manne der 
Gemeinde durch gemeinsamen Beschluss aufserordentliche Vollmach- 
ten übertragen werden, um das zerrüttete Staatswesen wieder ein- 
zurichten. Solche Ordner nannte man Aisymneten. 

War eine solche Ausgleichung unmöglich, so nahm die Entwicke- 
lung der Verhältnisse einen gewaltsameren Verlauf. Entweder be- 
nutzten die Würdenträger des Staats ihre Stellung, um sich mit unbe- 
dingter Machtfülle über die Gemeinde zu erheben und eine verfas- 
sungswidrige Alleinherrschaft zu gewinnen (das war die aus der Magi- 
stratur hervorgehende Tyrannis) oder das gegen den Adel empörte 
Volk suchte sich einen Führer und fand ihn, bald in der eigenen 
Menge, bald unter den Männern des Adels, welche sich wegen Ehren- 
kränkung oder aus unbefriedigtem Ehrgeize von ihrer Partei losgesagt 
hatten. Es waren Männer, welche sich durch Macht der Rede, durch 
Klugheit und Tapferkeit auszeichneten und ein persönliches Ansehn 



ENTSTEHUNG DER TYRANNIS. 



229 



genossen. Unter ihnen sammelte sich das Volk, sie gaben der Oppo- 
sition Einheit und Nachdruck, sie wurden deshalb von Seiten der 
Gegenpartei das Hauptziel der Anfeindungen und Nachstellungen. 
Diese Gefahren, denen ihre Person im Interesse der Gemeinde ausge- 
setzt war, benutzten sie mit Schlauheit, um Bewaffnete zum Schutze 
um sich zu sammeln. 

Auf eine Leibwache gestützt, im Besitze festgelegener Punkte 
gewannen sie endlich eine unbedingte Herrschaft über den ganzen 
Staat und seine Parteien, aus deren Streite ihre Macht erwachsen war. 
Statt der Sache des Volks vertraten sie bald ihre eigene, umgaben sich 
mit Glanz und Luxus und suchten sich und ihren Nachkommen eine 
feste Hausmacht zu gründen. Je weniger sie aber zu Hause einen 
gesetzlichen Boden unter ihren Füfsen hatten, um so mehr strebten 
sie auswärts Halt zu gewinnen , und dazu bot sich den loniern die 
beste Gelegenheit im Anschlüsse an die im Innern des Landes herrschen- 
den Dynastien. 

Diese Nachbarschaft der asiatischen Reiche war für das ganze 
Volksleben von eingreifender Bedeutung. Die Schütze des Binnen- 
landes an die Küste und in den Seeverkehr zu bringen, musste ja ein 
vorzügliches Augenmerk der lonier sein, und sie waren von Natur zu 
gute Kaufleute, um sich ihr Geschäft durch spröden Hellenismus zu 
verderben. Sie dachten nicht daran, nach Art der Dorier den Bar- 
baren einen barschen Nationalstolz entgegen zu setzen, sondern in 
weltkluger Geschmeidigkeit suchten sie jede Gelegenheit zu vortheil- 
hafter Verbindung und vertraulicher Annäherung zu benutzen. Die 
Tempehnstitute, welche zugleich grofse Verkehrsplätze waren, wie 
namentlich das Artemision in Ephesos, begünstigten vor Allem diesen 
internationalen Verkehr, sie waren die Schulen des ionischen Kos- 
mopolitismus. Die uralten Völkerverbindungen erneuten sich und 
die Gränzen zwischen dem , was ionisch , was lydisch und phrygisch 
war, schwanden immer mehr. Wurde doch selbst Homer ein Phryger 
genannt und zu dem Phrygerkönige Midas, dessen Dynastie im achten 
Jahrhundert herrschte, in Beziehung gesetzt. 

Wie das Volk im Ganzen sich dem Binnenlande anschloss, so auch 
die Fürsten. Schon unter den Neleiden, welche doch noch die atti- 
schen Ueberlieferungen festhielten und nach altem Fürstenrechte in 
Milet herrschten, finden wir einen Phrygios, dessen Name auf freund- 
schaftliche Verhältnisse zu den phrygischen Fürsten hinweist. Viel 



230 



EINWIRKUNGEN DES ORIENTS AUF lONIEN. 



mehr aber fanden die Gewaltherren ionischer Städte in Phrygien und 
Lydien ihr Vorbild ; sie suchten es den dortigen Dynasten in üppiger 
Hofhaltung, im Glanz der Leibwachen, in rücksichtsloser Autokratie 
gleich zu machen, wie es bis dahin in griechischen Gemeinden nicht 
vorgekommen war, und darum gewöhnte man sich erst in lonien, 
dann aber auch in allen anderen griechischen Gegenden, solche Ge- 
waltherren mit dem phrygischen oder lydischen Worte „Tyrannos" 
zu bezeichnen. 

In den langwierigen Ständekämpfen, welche nach dem Sturze 
der Neleiden in Milet stattfanden, werden die ersten Aisymneten und 
auch die ersten Tyrannen — Thoas und Damasenor (vor 700 v. Chr.) 
— namhaft gemacht ^^). 

Die Berührungen mit dem Binnenlande hatten aber noch viel 
weitgreifendere Folgen, welche das ganze gesellige und wirthschaftliche 
Leben der griechischen Küsten Völker umgestalteten. 

In Vorderasien waren seit ältester Zeit Gold und Silber die her- 
gebrachten Werthmesser: in runden oder viereckigen Stücken gingen 
die Edelmetalle von Hand zu Hand, und zwar waren sie nach einem 
Gewichtssysteme normirt, welches in Babylon zu Hause ist. Hier haben 
die Chaldäer zuerst die Himmels- und Erdräiime gemessen und mit 
Baum und Zeit auch das Gewicht nach festen Zahlen geordnet. Die 
Einheit des assyrisch-babylonischen Beichsgewichts zerfiel in 60 Mana 
oder Minen, die Mine wieder in 60 Theile. Man unterschied in Ninive 
ein schwereres und ein leichteres Gewicht; nach jenem wog das 
Sechzigstel einer Mine 16,83 Gramme, nach diesem 8,4. Aufserdem 
hatte man in den mesopotamischen Grofsstaaten für die beiden Werth- 
metalle eine feste Währung eingeführt, so dass sich das Gold zum 
Silber verhielt wie 1 : 13^^. 

Mit den Waaren, welche aus dem reichen Binnenlande nach der 
Küste gelangten, w^urden auch die Mafse und Werthbestimmungen 
derselben, z. Th. mit ihren orientalischen Namen (wie Mana, Mna) 
eingeführt. Die Griechen aber haben hier wie in Allem, was sie von 
den älteren Culturvölkern angenommen haben, das Empfangene eigen- 
thümlich und selbständig fortgebildet. Sie haben die Eintheilung ge- 
ändert, indem sie für die Gewichtseinheit (das Talent) das Sexagesi- 
malsystem beibehalten, die Mine aber nicht in 60, sondern in 100 
Theile getheilt haben. Zweitens haben sie die städtische Münze ein- 
geführt. 



ERFINDUNG DES GELDES IN lOMEN. 



231 



Die Erfindung des Geldes wird den Lydern zugeschrieben, und 
es ist nicht unwahrscheinhch, dass im Heih'glhume der Kyhele in 
Sardes am goldführenden Puktolos zuerst das abgewogene Metall mit 
einem Wappen geprägt worden ist, so dass dadurch die Wage über- 
flüssig und aus einem Gewichtslücke die Münze wurde. In Tempeln 
war der Geldverkehr zu Hause, und bis in die spätere Zeit ist das 
Münzleld immer der Platz eines heiligen Symbols geblieben. 

Bei den Griechen ist nun der Fortschritt gemacht, dass die städti- 
sche Gemeinde die Geldprägung in die Hand genommen hat und für 
den Werth der Münze eintritt. Dies Ist an der ionischen Küste ge- 
schehen, und unter den Handelsstädten, welche darauf Anspruch haben, 
die erste hellenische Münze geprägt zu haben, ist vor allen anderen 
Phokaia zu nennen. Die Gemeinde dieser Stadt hat ihr städtisches 
Gold nnt dem Bilde des Robben nach babylonischem Gewicht geprägt 
und zwar das Ganzstück zu einem Sechzigstel der schweren Mine von 
Babylon; das war ein Goldstück (Stater) von 16,80 Gr., ungefähr 
gleich drei Friedrichsd or, und wie einmal die Bahn gebrochen war, 
kamen bald für den Verkehr praktischere Theilmünzen in Gold (wie 
namentlich die Sechstel) und Silbermünzen nach dem im Morgenlande 
festgestellten Werthverhältnisse in Umlauf''). 

So wurde der Bann gelöst, welcher auf dem Handel lastete, so 
lange bei jedem Kaufgeschäfte Metallbarren und -stücke zugewogen 
werden mussten. Das war ein Fortschritt, durch welchen der 
Hellene die geriebensten Handelsvölker des Ostens überllügelle, ein 
Resultat seines politischen Verstandes und seines republikanischen 
Gemeinsinns, denn die Münze ist der Ausdruck des öffentlichen Ver- 
trauens, das den Bürger mit dem Bürger verbindet. Dieser Fortschritt 
wurde wohl nicht früher als um die Mitte des achten Jahrhunderts 
gemacht. 

Nun kam ein neuer Auischwung in Handel und Gewerbe; die 
Nachbarstädte vereinigten sich über gegenseitige Anerkennung ihrer 
städtischen Münzen, und es bildete sich zunächst an der Küste loniens 
ein griechisches Handelsgebiet, wo unter dem Segen der neuen Er- 
findung eine Regsamkeit des Verkehrs herrschte, wie sie an keinem 
andern Platze der Welt zu linden war. Damit hängen viele andere 
Umgestaltungen und Neuerungen zusammen. In lonien hat die Unruhe 
des Seeverkehrs zuerst das ganze Volksleben ergriffen, hier ist anstatt 
des Landbaus Handel und Schift'ahrt die Grundlage des bürgerlichen 



232 



HEBUNG DES HANDELSVERKEHRS. 



Wohlstandes geworden: die Grundstücke wurden vernachlässigt, wie 
es z. B. in Miletos geschah, wo der Hafen dergestalt der Mittelpunkt 
des bürgerlichen Lebens wurde, dass die grofsen Rheder am Bord der 
Schiffe ihre Parteiversammlungen hielten. Bürgerhche Parteiung war 
unausbleibliche Folge der sozialen Umwälzungen, und das Geschick der 
einzelnen Staaten hing meistens davon ab, ob die Adelsgeschlechter 
es verstanden, sich selbst die Vortheile der neuen Entwickelung anzu- 
eignen oder ob sie dies den unteren Ständen überliefsen und dadurch 
über kurz oder lang aus dem Regimente verdrängt wurden. Ueberall 
ist aber der bewegliche Besitz jetzt das Mafsgebende geworden; überall 
sind Leute ohne Grundbesitz zu Macht und Würde emporgestiegen, 
und darum ist lonien das griechische Land, wo bürgerliche Gleichheit 
zuerst als Grundsatz des ötfenthchen Lebens aufgestellt worden ist, 
und wo die demokratische Bewegung begonnen hat, aus welcher die 
Tyrannis hervorgegangen ist^*). 

Diese durchgreifenden Bewegungen konnten nicht auf lonien be- 
schränkt bleiben. Denn wenn auch die Unsicherheit des Meeres wäh- 
rend der ersten Jahrhunderte nach der Gründung von Neu-Ionien die 
beiden Gestade des Archipelagos von einander getrennt hielt, so 
konnte diese Trennung doch nicht lange andauern, weil sie dem 
natürlichen Zusammenhange der Küsten und ihrer Bewohner zu sehr 
widersprach. So wie der Seehandel loniens sich ausbreitete, setzte er 
die Gegengestade wieder mit einander in Verbindung. 

Die Verbindungen waren nicht immer friedlicher Art. Denn bei 
der aufserordentUchen Vervielfältigung der Handelsplätze, welche auf 
einmal eingetreten war, konnte es nicht fehlen, dass sie sich häufig in 
ihren Interessen kreuzten und sich gegenseitig im Wege waren. So 
kam es zu vielerlei Reibungen und Anfeindungen, erst zwischen den 
ionischen Städten selbst, zwischen Milet und Naxos, Milet und Ery- 
thrai, Milet und Samos. Dann dehnten sich die Kreise freundlicher 
und feindlicher Beziehungen immer weiter aus. Schon zur Zeit der 
Neleiden sind die Milesier mit Karystos auf Euboia in Fehde. Es ist 
eine der gröfsten Lücken griechischer Ueberlieferung, dass es unmög- 
lich ist, die Geschichte dieser Stadtfehden zu verfolgen, welche zum 
gröfsten Theil in Handelseifersucht ihren Ursprung hatten. 

Die bedeutendste derselben war die zwischen Chalkis und Ere- 
tria, ursprünghch nichts als eine Nachbarfehde der beiden euböischen 
Städte um das zwischen ihnen gelegene lelantische Gefilde. An ihr 



GROSSE HANDELSKRIEGE UM 700 V. CHR. 



233 



betheiligten sich aber nach und nach so viele andere Staaten, dass in 
der ganzen Zeit vom trojanischen Kriege bis zu den Perserkriegen, 
wie Thukydides bezeugt, kein Krieg stattgefunden hat, welcher für die 
ganze Nation eine allgemeinere Bedeutung gehabt hätte. Milet nahm 
für Eretria Partei, Samos für Chalkis; auch die Thessalier schickten 
den Chalkidiern Hülfe, so wie die von ihnen gegründeten thrakischen 
Städte. Das ganze seefahrende Griechenland theilte sich in zwei Par- 
teien, der ganze Archipelagos war das Kriegstheater. 

Dieser Krieg, welcher wahrscheinlich in den Anfang des sieben- 
ten Jahrhunderts vor Chr. fällt, beweist deutlich, welch ein Zusam- 
menhang zwischen den Gestaden des Archipelagos bestand, wie ent- 
legene Städte durch Bündnisse vereinigt waren, und welch eine Bedeu- 
tung der Seehandel erlangt hatte, für dessen Interessen die mächtigen 
Städte kein Opfer scheuten. Den Verkehr selbst konnte der Krieg 
vorübergehend unterbrechen; im Allgemeinen trug er nur dazu bei, 
den längst begonnenen Austausch zwischen den asiatischen und den 
europäischen Städten in hohem Grade zu fördern. Mit den Schiffen 
der lonier kam nicht nur ihr Geld und ihre Luxuswaare herüber, son- 
dern auch ihre Cultur, ihre Lebensanschauung und Sitte. Das glän- 
zende Bild des Handelsreichthums lockte alle Küstenbewohner, sich 
thätig an diesem grofsartigen Leben zu betheiligen. Unruhe und 
Aufregung ergriH auch das Küsten volk des Peloponneses. Es musste 
nun Alles darauf ankommen, wie die Bewegung einer neuen Zeit, 
welche in lonien angebrochen war, auf das Mutterland zurück- 
wirkte«^). 



Argohs war von jeher das Ghed der Halbinsel gewesen, welches 
seiner Lage und Ghederung nach zum Verkehr mit den jenseiligen 
Ländern am meisten geeignet und berufen war. Hier war von Anfang 
der Geschichte an ein ionischer Stamm der Bevölkerung, welcher auch 
zur Zeit der Wanderung nicht ausgegangen war. Vielmehr kamen 
mit den einwandernden Doriern neue Zuzüge desselben Stammes in 
das Land, wie dies namentlich von der Stadt Epidauros bezeugt ist, 
wo mit den Herakhden lonier aus Attika sich niederliefsen. Auf 
solchem Boden war eine Dorisirung der Landschaft, wie sie die Spar- 
taner an den Küsten Lakoniens durchgeführt hatten, nicht möglich, 
und deshalb zeigt sich auch, dass die Temeniden von Anfang an nicht 



234 



UNFRIEDEN IN ARGOLIS. 



auf die dorischen Kriegsleute ihre Herrscliaft zu siülzen suchten, son- 
dern auf die ionische Bevölkerung. Sie waren seihst so wenig Dorier, 
wie die andern peloponnesischen Herakliden; sie haben von dem See- 
strande aus die Ehene des Inachos erohert und der ionische Deiphon- 
tes, welcher eben jenen Geschlechtern angehört, durch die Epidauros 
seine ausgewanderten Einwohner ersetzte, ist nach dem treuen Be- 
richte der Landessage der wichtigste Beistand der Temeniden in der 
Einrichtung und Befestigung ihrer Herrschaft geworden (S. 151). Je 
weniger nun eine feste Einheit dieser Herrschaft zu Stande kam, je 
mehr sich die Dorier in kleinen Haufen durch das Land zerstreuten, 
um so mehr wurde der Einfluss derselben entkräftet, und die ältere 
Bevölkerung blieb ihrer Stammsitte, ihren angeborenen Neigungen 
und Lebensgewohnheiteii treu^^j. 

Darnach bestimmte sich die ganze Landesgeschichte von Argolis. 
Denn hier Hegt der Grund der Verfeindung mit Sparta, welche in 
demselben Grade zunahm, wie die Spartaner dorisch wurden und dem- 
gemäfs die altionische Bevölkerung aller Orten nieder zu drücken 
strebten. Daraus erklären sich die Kämpfe zwischen den beiden 
Nachbarstaaten, damit stehen auch die inneren Fehden, welche Argos 
heimsuchten, in Zusammenhang. 

Bei den ersten handelt es sich um die Landschaft Kynuria, d. h. 
das Bergland des Parnon (S. 184), welches sich östhch vom Eurotas- 
thaie gegen das Meer ausbreitet, ein unwegsames Land, dessen Be- 
wohner lange Zeit den von Argos wie von Sparta aus vordringenden 
Doriern widerstanden. Ursprünghch unterstützten sich die beiden 
Nachbarstaaten in dem gemeinsamen Kampfe, dann aber kamen sie 
selbst über das Gränzland in einen blutigen Streit, welcher schon vor 
Lykurgos, dann unter Charilaos, dem Zeitgenossen Lykurgs, unter 
dem Sohne des Charilaos und unter Theopompos geführt wurde. Im 
Ganzen waren die Spartaner die siegreich vorschreitenden und wur- 
den dabei durch die inneren Zerrüttungen von Argos unterstützt. 

Hier war nämlich zwischen Herakliden und Doriern ein arger 
Zwist ausgebrochen. Einer der Könige hatte in Arkadien Krieg ge- 
führt, wahrscheinlich zu derselben Zeit, da unter Charilaos Sparta und 
die Tegeaten mit einander in Fehden lagen, und wir dürfen wohl vor- 
aussetzen, dass der argivische König die Tegeaten unterstützte. Er 
besetzte einen Theil des arkadischen Landes und wurde nun von 
seinem dorischen Kriegsvolke gedrängt, dasselbe unter seine Xruppen 



PHEIDON SIEGT BEI HYSIAI 27, 4; C69. 



235 



zu vertheilen; er weigerte sich, wurde in Folge dessen von ihnen ver- 
trieben und starb als Verbannter in Tegea. Es war eine Revolution 
der Dorier gegen ihre Heerfürsten, welche um dieselbe Zeit stattfand, 
als in Sparta dies schwierige Verhältniss durch neue Vertrage ge- 
ordnet wurde. Auch die Auswanderung des Temeniden Karanos, der 
mit den heimathlichen Verhältnissen unzufrieden nach Makedonien 
ging, scheint mit derselben Revolution zusammenzuhängen. 

Man hat angenommen, dass in Folge dieser Ereignisse eine 
Seitenlinie auf den Thron gekommen sei; doch beruhen alle Versuche, 
in der Geschichte des argivischen Königthums einen Zusammenhang 
herzustellen, auf unsicherer Grundlage, weil es für die Reiiienfolge 
der Fürsten im Hause der Temeniden keine feste Ueberlieferung giebt. 
Nur das läfst sich mit Sicherheit erkennen, dass gegen die Mitte des 
achten Jahrhunderts die Könige von Argos eine energische und folge- 
rechte Politik entwickeln, welche zunächst auf Vereinigung der I.and- 
schaft gerichtet ist. 

König Eratos erobert die Küstenstadt Asine um 760 vor Chr. 
sein Nachfolger Damokratidas Nauplia (S. 204). 

Nachdem im Innern eine festere Einheit hergestellt und die 
Seeküste gewonnen ist, wird der Kampf gegen Sparta, das sich um 
dieselbe Zeit durch die Verbindung mit Elis eine vorörtliche Stellung 
in der Halbinsel zu gründen sucht, mit neuer Energie aufgenommen. 
Dabei handelt es sich jetzt nicht mehr um einige Quadratmeilen Landes 
im kynurischen Grenzgebiete, sondern um die erste Stelle in der Halb- 
insel, um die Hegemonie der Peloponnesier, um die Leitung des 
Nationalfestes in Olympia; es handelt sich um die Frage, ob der lako- 
nische Dorismus unbedingt herschen soll oder ob eine freiere Rich- 
tung, in welcher auch die ionischen Volkselemente zu ihrem Rechte 
kommen, sich Rahn brechen soll. In offenem Felde messen nun 
die eifersüchtigen Nachbarstaaten ihre Kräfte. Die Spartaner wer- 
den Ol. 27, 4; 669 bei Hysiai besiegt, und jetzt ist nicht nur Kynuria, 
sondern alles Küstenland bis Cap Malea hinunter in den Händen der 
Argiver '^). 

Der Name des siegreichen Königs ist uns nicht überliefert: wir 
dürfen aber nach Erwägung einer Reihe zusammen treffender Um- 
stände kaum zweifelhaft sein, dass es König Pheidon war, nach 
Ephoros der zehnte in der Reihe der Temeniden, einer der aufser- 
ordentlichsten Männer der peloponnesischen Geschichte. Ihm gelingt 



236 



KÖNIG PHEIDON IN ARGOS. 



es, was bisher allen Herakliden misslungen war, die Beschränkungen 
des Königthums, welche in den Verbindlichkeiten gegen die einge- 
wanderten Dorier lagen, vollständig zu beseitigen, und deshalb wurde 
er, wie Charilaos, der ein Gleiches in Sparta erstrebt hatte (S. 173), 
seiner fürsthchen Herkunft ungeachtet als ein illegitimer König oder 
Tyrannos angesehen. Zugleich wird nun, so weit sein Einfluss reicht, 
von Allem, was die Spartaner bei sich angeordnet hatten und den 
übrigen Staaten als Richtschnur aufnöthigen wollten, das Gegentheil 
durchgeführt. Statt der Concentration im Binnenlande die Richtung 
auf das Meer, statt der Trennung der Stände Vermischung und Aus- 
gleichung, statt des Abschlusses gegen aufsen freier Verkehr, und 
dieser Verkehr wird nun in demselben Grade erleichtert, wie Lykurg 
ihn erschwert hatte ^^). 



Für den Handelsverkehr war eine neue Epoche eingetreten, seit 
die Benutzung der nach babylonischem Gewichte normirten Edel- 
metalle und die Ausprägung derselben in handlichen Stücken von 
Lydien in die griechischen Küstenstädte Kleinasiens eingedrungen 
war. Hier hatten einzelne Handelsplätze um 700 v. Chr. städtisches 
Geld zu prägen begonnen (S. 231); die neue Erfindung war rasch 
von einem Orte zum anderen vorgedrungen, namentlich nach Miletos, 
Chios, Klazomenai, Ephesos, Samos; und es gab im siebenten Jahr- 
hunderte für die am ägäischen Meere hegenden Staaten keine wich- 
tigere Frage als die, ob sie sich der Neuerung anschliefsen sollten 
oder nicht. 

Diese Frage war aber nicht blofs eine wirth schaftliche, sondern 
eine politische Frage von der gröfsten Bedeutung. Denn sie ver- 
schärfte den Gegensatz, welcher die griechische W^elt spaltete. In 
Sparta wurden die alten Verbote in Betreff der Edelmetalle um so 
strenger gehandhabt, je gefährhcher dieselben in Form der Münze 
auftraten. Auf der anderen Seite standen die Küstenstaaten mit ihrer 
gewerbtreibenden Bevölkerung, welche eine so wichtige Verkehrser- 
leichterung dringend wünschen musste, und diejenigen Fürstenhäuser, 
welche durch Befriedigung dieser Wünsche ihre eigene Macht zu 
steigern suchten. 

Solche Bestrebungen finden wir aller Orten im siebenten Jahr- 
hundert vor Chr., dem Jahrhundert der Tyrannen, deren gleichzeitiges 



SEINE MÜNZ- UND GEWICHTREFORMEN. 



237 



Auftreten schon von Thukydides als das Zeichen einer grofsen und 
weitverbreiteten sozialen Bewegung erkannt worden ist, einer Bewe- 
gung des natürlichen Fortschritts im Gegensatze zu den künstlichen 
und gezwungenen Ordnungen, welche aus der Verbindung achäischer 
Fürsten mit dorischem Kriegsvolke hervorgegangen waren, einer gleich- 
mäfsigen Erhebung der durch die eingewanderten Leute zurückge- 
drängten älteren Landesbevölkerung. 

Der Bahnbrecher war König Pheidon, und das Sicherste von 
Allem, was wir über den gewaltigen Mann wissen, ist die Ausbildung 
eines Systems von Mafs, Gewicht und Münze, des ersten dieser Art 
auf der europäischen Seite des Archipelagus, welches aber natürlich 
an die jenseitigen Erfindungen anknüpfte; denn die Erleichterung des 
Verkehrs zwischen den einander gegenüberhegenden Küsten war ja 
das wesentliche Augenmerk der ganzen Gesetzgebung. 

In Kleinasien hatte sich neben der Gold- eine Silberwährung ent- 
wickelt und zwar war bei dem Verhältnisse der beiden Metalle wie 
13% zu 1 das Aequivalent des schweren Goldstaters (S. 231) ein Sil- 
berstück von 224,4, nach der leichteren Mine aber 112,2. Davon 
nahm man nun, um ein handliches Grofsstück zu gewinnen, entweder 
ein Zehntel = 11,22, oder ein Fünfzehntel = 7,48. Diese beiden 
Silberwährungen waren in Vorderasien neben einander in Geltung: 
die erstere (der Zehnstaterfufs) in Mesopotamien und Lydien, die 
andere (der Fünfzehnstaterfufs) an der Westküste von Kleinasien und 
in Phönizien. 

Wollte man also auf europäischer Seite Anschluss haben, so 
musste man sich für eines der beiden Systeme entscheiden, oder 
man musste einen Weg versuchen, welcher zwischen ihnen vermit- 
telte. Dies geschah im Peloponnes. Man schlug einen Stater von 
12,40, der dem Silberstücke des Zehnstaterfufses äufserlich sehr nahe 
kam, wobei die Erhöhung des Gewichts keinen anderen Zweck hatte, 
als Begünstigung des Waarenverkehrs. Denn man wollte gutes Geld 
haben, um auf den Märkten der jenseitigen Handelsplätze leicht kaufen 
und jede Concurrenz bestehen zu können. Andererseits erlangte 
man aber auch zu der kleinasiatisch-phönikischen Währung ein be- 
quemes Verhältniss, und schloss sich dieser auch in der Eintheilurtg 
des Geldes an. Der Stater wurde gehälftet und diese Hälfte war die 
Drachme, die echt nationale Verkehrsmünze der Hellenen, ein Silber- 
Hng von 5 — 6 Gr. (also dem Franken oder Shilling entsprechend). 



238 



PHEIDONS MACHT. 



Die Drachme aber wurde wiederum in sechs Theile getheilt, welche 
man im Anschluss an die bis dahin in Griechenland übhchen Eisen- 
stangen mit dem Namen Obeloi (Stangen) bezeichnete. Stücke des 
alten Stab- oder Stangengeldes~wurden zur Erinnerung an die nun 
überwundene Culturstufe als Reliquien der Vorzeit im Heratempel 
aufgehängt, die neue Münze aber in Aigina geprägt. Auf dieser Insel, 
^ welche trotz der dorischen Einwanderung in ungehemmtem Seever- 
kehre geblieben war, wurde unter König Pheidon die erste öfTenlhche 
Münze des europäischen Continents eingerichtet, zunächst für Silber, 
sehr früh aber auch für Gold. Zum Stempel nahm man die Schild- 
kröte, das Symbol der phönikisch-assyrischen Handelsgöttin Aphrodite 
(S. 48). Gleichzeitig wurden auch Längen- und Hohlmafse nach asia- 
tischem Vorbilde geregelt''^). 

Der grofsartige Mafsstab, in welchem Pheidon diese Reformen 
durchführte, lässt erkennen, dass sie nicht für ein enges Stadtgebiet 
bestimmt waren. Das sind Unternehmungen eines Mannes, der ein 
Reich gründen wollte und dazu ohne Zweifel von Asien her die Anre- 
gung empfangen hatte, wo im Rücken der hellenischen Küstenstädte 
grofse Reichsgebiete mit wohlgeordneten Verkehrsverhältnissen be- 
standen. 

Pheidon wusste nach dem Beispiele seiner beiden Vorgänger 
einen Hafenplatz nach dem andern dem Gebiete der Hauptstadt ein- 
zuverleiben. Mit List und Gewalt gelang es ihm die abgefallenen 
Städte bis zum Isthmus hin zu bezwingen und das zersplitterte Erb- 
theil der Temeniden in kräftiger Hand wieder zu vereinigen. Es ge- 
lang ihm, durch Aufgebot der ganzen Bevölkerung eine Heeresmacht 
zu bilden, welche den Spartiaten gewachsen war; er entriss den Spar- 
tanern wieder bis Kythera hinunter das ganze mühsam eroberte und 
dorisirte Periökenland, dessen Bewohner sich gerne dem Druck Spartas 
entzogen und sich der Wiederherstellung ihrer Nationalität und der 
Verkehrsfreiheit freuten. Als sich so der ganze Norden und Osten 
der Halbinsel unter der Herrschaft Pheidons vereinigte, mussten die 
Spartaner Alles aufbieten, um die von Jahr zu Jahr anwachsende 
Macht niederzuwerfen; sie rückten mit ihren Bundesgenossen von 
Tegea gegen Argos vor, trafen mit ihrem Gegner im Engthale von 
Hysiai zusammen (S. 235) und wurden geschlagen. Der Sieger aber 
ging unverzüglich nach der Westküste, um sich mit den dortigen 
Feinden Spartas zu vereinigen, Sparta auch am Alpheios zu verdrän- 



OLYMPIADENFEIER 668 V. CHR. 



239 



gen, den Bund mit Elis zu sprengen und damit die verhasste Hege- 
monie des dorischen Vororts zu vernichten. Als er im Jahre nach der 
Schlacht von Hysiai mit den Pisäern die acht und zwanzigste Olym- 
piade feierte (Sommer 668), da konnte der kühne Mann in der That 
glauben, dass er am Ziele sei, dass Argos von Neuem die peloponne- 
sische Hauptstadt geworden und dass er berufen sei, der Halbinsel 
eine Gesammtverfassung nach seinen Ideen zu geben. 

Er triumphirte zu früh. Der Geist der neuen Zeit, mit welchem 
er siegen wollte, war ein unzuverlässigerer Bundesgenosse, als die 
starre Consequenz Sparlas und die zähe Macht der Gewohnheit. 
Einerseits wollte er alle Kräfte des Volks entfesseln, andererseits rück- 
sichtslos herrschen. An diesem inneren Widerspruch, welcher jeder 
Tyrannis schon im Keime eingepflanzt ist, sclieiterte auch das Werk 
Pheidons. Schon in der nächsten Olympiade hatten die Spartaner 
ihr und der Eleer Ansehen bei der Leitung der Spiele wiederherge- 
stellt. Zum Theil hat also Pheidon selbst schon das Misslingen seines 
Lebensplans erlebt. Auch im Norden der Halbinsel kam er nicht zur 
Ruhe und als er gegen Korinth zog, soll er daselbst (etwa um Ol. 30; 
660 vor Chr.) im Handgemenge mit seiner Gegenpartei gefallen sein. 
In der schwachen Hand seines Sohns, welchen Herodo t unter dem 
Namen Leokedes als Gast des Kleisthenes in Sikyon kennt, verlor die 
Fürstenmacht der Temeniden alle Bedeutung; sein Enkel Mellas 
wurde vor ein Gericht gestellt, verurtheilt und abgesetzt. Damit war 
das Königthum der Temeniden aufgehoben, wenn es auch später noch 
Titularkönige in Argos gegeben hat. 

So gleicht Pheidon einer glänzenden Erscheinung, welche spur- 
los vorübergeht. Dennoch hat er sein bleibendes Verdienst. Er war 
nicht ein kecker Abenteurer, wie ihn die Spartaner ansahen, sondern 
ein Fürst, welcher grofse und wohlberechtigte Volksinteressen mit 
bewundernswürdiger Thatkraft vertrat. Er hat dem einseitigen 
Dorismus gegenüber die ionischen Volkselemente zur Geltung ge- 
bracht, er hat die naturwidrige Absperrung gegen Asien aufgehoben, 
er hat den Peloponnes in den Küstenverkehr des Archipelagus einge- 
führt, er hat den Bann' gelöst, welchen spartanischer Druck auf die 
ganze Halbinsel zu legen drohte, und im Norden und Osten derselben 
ein neues Leben angeregt, das niemals wieder erloschen ist. Die 
alte Einförmigkeit war unterbrochen. Dem Handel und Gewerbfleifse, 
dem Unternehmungsgeiste und Talente standen neue Bahnen offen, 



240 



GESCHICHTE VOM SIKYON. 



und hochbegabte Männer, wie sie in dorischen Staaten weder gebildet 
noch ertragen werden konnten, traten an die Spitze der Gemeinden^*). 
Zu den verwischten Spuren seiner grossartigen Thätigkeit gehört 
wahrscheinlich auch der Seebund von Kalauria, der sich an das uralte 
Heihgthum des Poseidon anschloss (S. 89). Er umfasste sieben Städte, 
mit Ausnahme von Athen lauter Plätze an der Nord- und Ostküste 
der Halbinsel, und eine Stadt in Nordarkadien, wenn wir die Bundes- 
stadt Orchomenos für das arkadische ansehen ^^). 



Die Volksbewegung, welche durch Pheidon zuerst Macht und Ein- 
fluss erlangt hatte, konnte aufserhalb Argos keinen günstigeren Boden 
finden, als an dem Isthmus, welcher die Insel des Pelops mit dem 
Festlande verbindet. Hier safs seit ältesten Zeiten phönikisches und 
ionisches Volk; hier, wo die beiden Golfe wie breite Heerstrafsen nach 
Osten und nach Westen leiten, musste die Neigung zu Seefahrt und 
Handel am frühesten erwachen und gegen den einengenden Druck 
dorischer Staatsordnung sich auflehnen. Hier waren es besonders 
die am westHchen oder krisäischen Golfe gelegenen Städte, in denen 
die antidorische Bichtung sich geltend machte. Sie haben nach 
Westen hinüber den Verkehr eröffnet, wie Pheidon es nach dem Mor- 
genlande hin gethan hatte. Ganz Achaja war dem Grundbestandtheile 
seiner Bewohner nach ein ionisches Land geblieben (S. 151), und bei 
dem frühen Aufblühen von Handel und Seefahrt haben dorische 
Satzungen hier am wenigsten Wurzel fassen können. 

Wie sich die lonier überall an ausmündenden Flüssen niederzu- 
lassen pflegten, wo sie einerseits alle Vortheile der Seenähe genossen, 
andererseits die Produkte des Binnenlandes bequem ausbeuten konn- 
ten, so haben sie auch Sikyon gegründet im unteren Thale des 
Asopos, dessen Quellen den argivischen Bergen entspringen und in 
dem weinreichen Hochthale von Phlius zu einem Bache zusammen- 
fliefsen; durch eine lange Engschlucht windet er sich hindurch, um 
endlich am Fufse der breiten Höhe von Sikyon in die Küstenfläche 
hinauszutreten. 

Sikyon war der Ausgangspunkt der ionischen Cultur, welche das 
ganze Asoposthal durchdrungen hat; die lange Namenreihe sikyonischer 
Könige zeugt von dem Alter, welches man der Stadt beilegte. Sie ist 



VIER STÄMME IN SIKYON. 



241 



einmal die Hauptstadt der ganzen Asopia so wie des vorliegenden 
Gestades gewesen; die dorische Einwanderung löste dann den politi- 
schen Zusammenhang der Asoposstüdte: Sikyon selbst musste do- 
rische Geschlechter aufnehmen. 

Es geschah ohne Gewaltmafsregeln. Ein älteres Regentenge- 
schlecht aus Heraklidenstamme blieb neben den eingewanderten Hera- 
khden bestehen (S. 151); aber die üorier gewannen dennoch ein 
Uebergewicht ; ihre drei Stämme kamen in den Besitz des besten Lan- 
des, sie bildeten den Wehrstand, den Kern der Bürgerschaft, dem 
Würden und Aemter vorbehalten blieben. Sie wohnten auf der Höhe, 
welche den Strand überragt, dem wildreichen Gebirge benachbart; die 
alten lonier, mit der pelasgischen Grundschicht der Bevölkerung ver- 
schmolzen, lebten unten, mit ihrer ganzen Existenz auf Fischfang 
und Golfschiffahrt angewiesen. Sie hiefsen also im Gegensatze zu den 
Geschlechtern die 'Strandleute' oder Aegialeer. 

Es scheint, dass Nachbarfehden zuerst den Altbürgern Anlass 
gaben, die Aegialeer zu Leistungen für den Staat heranzuziehen; sie 
mussten als Waffenknechte dienen und in Nolhfällen die schwerbe- 
walfnete Phalanx als Leichtbewaffnete unterstützen. Daran knüpften 
sich die ersten Ansprüche der Gemeinden; sie wollten von dem Staate, 
welchen sie vertheidigen halfen, nicht als Fremde ausgeschlossen 
bleiben. Die Aegialeer wurden als vierter Stamm den drei Dorier- 
stämmen beigeordnet; wir müssen daher annehmen, dass auch hierauf 
dem Wege der Gesetzgebung eine Vereinigung der Stämme versucht 
worden sei. Sikyon hat also schon vor dem Eintritte der Tyrannis 
eine Staatsverfassung gehabt, und Aristoteles bezeugt, dass die dorti- 
gen Tyrannen nach den Landesgesetzen regiert hätten, wie die Pisi- 
stratiden nach den solonischen Gesetzen regiert haben, so weit es mit 
ihrer Gewallherrschaft verträglich war''*). 

In Sikyon vermochten aber solche Gesetze eben so wenig wie in 
Athen den Staat in ruhiger Entwickelung fortzuleiten. Mit dem er- 
wachenden Verkehre, welcher seit dem achten Jahrhunderte die Ge- 
stade des Archipelagos von Neuem in Verbindung setzte, erwachte 
auch im Volke der Aegialeer ein neues Leben; sie gewannen Bil- 
dung, Wohlstand, Selbstgefühl und forderten demgemäfs vollen 
Antheil am Gemeinwesen. Aus ihrer Mitte erhob sich ein Geschlecht, 
welches an der Spitze der Volkspartei den dorischen Staat umstürzte, 
ein Geschlecht, welches länger als irgend ein anderes Tyrannenhaus, 

Curtius, Gr, Gesch. I. 6. Aufl. 16 



242 



DIE ORTHAGORIDEN. 



nämlich ein volles Jahrhunderl, die Gewalt in Händen behalten und 
die Aristokratie tiefer gedemüthigt hat, als an irgend einem anderen 
Orte geschehen ist. 

Die Herkunft der Famihe ist dunkel. Wenn der Begründer 
ihres Ansehens ein Koch genannt wird, so ist dies nichts als ein 
Spottname der Gegenpartei. Der erste Machthaber hiefs Andreas, 
und derselbe scheint den Dynastennamen Orthagoras 'Rechtredner' 
angenommen zu haben, um den Intriguen der Gegner gegenüber 
sich als den zu bezeichnen, der es aufrichtig mit dem Volke meine. 
Darnach nannte man die ganze Herrscherreihe Sikyons die Ortha- 
goriden ^®). 

Im Gegensatze zu den dorischen Grundbesitzern und Kriegs- 
herrn hatten sie aus weitreichenden Handelsverbindungen Reich- 
thum, Bildung und kühnen Unternehmungsgeist gewonnen. Durch 
ihren Reichthum wussten sie Macht zu erlangen. Sie trugen ihn stolz 
zur Schau und benutzten ihn vor Allem zu glänzender Rosszucht, um 
dadurch Gelegenheit zu haben, sich in weiten Kreisen einen Namen 
zu erwerben und in den Nationalspielen Siegerkränze zu gewinnen. 
Es war dies ein Luxus, zu dem die Dorier weder Neigung noch Mittel 
hatten; denn nur die allerreichsten konnten die Ausgaben machen, 
welche nöthig waren, um viele Jahre lang Gespanne von Rossen und 
Maulthieren zu unterhalten und für die Tage der Festspiele einzuüben. 
Es war daher schon ein Sieg der antidorischen Richtung im Pelopon- 
nese, dass auch in Olympia seit Ol. 25 (680) mit Wagenrossen ge- 
kämpft wurde. 

Seit dieser Zeit bildete sich auch in der Halbinsel aus den Ross- 
züchtern und Wagensiegern ein neuer ritterlicher Adel, der gewisser- 
mafsen den Glanz der achäischen Anakten erneuerte; ein Adel ioni- 
schen Ursprungs, freigebig, beweglich und beim Volke, welchem er 
durch seinen Luxus viel zu verdienen gab, und durch seine Sieges- 
feste prächtige Schauspiele und Schmausereien verschaffte, eben so 
behebt, wie der karge dorische Kriegerstand unbeliebt war. 

Dieser Richtung schlössen sich die Tyrannen mit ganzem Eifer 
an ; sie war eine Quelle ihrer Macht, denn sie gab ihnen zugleich Ge- 
legenheit, sich mit den Nationalheiligthümern von Hellas in Verbindung 
zu setzen. Zwanzig Jahre nach der Olympiade des Pheidon (S. 239) 
gewann der Orthagoride Myron seinen Wagensieg in Olympia, welcher 
Epoche machte für den Glanz des aufstrebenden Hauses. Unter der 



MYRON SIEGT IN OLYMPIA 33, 1; 648. 



243 



Autorität des peloponnesischen Bundesgottes fühlte er sich über das 
gewöhnliche Mafs bürgerhcher Stellung erhöht, und wie sehr ihm die 
Annäherung an das Heiligthum am Herzen lag, erhellt aus den reichen 
Geschenken, mit denen Myron es bedachte, so wie aus dem Baue des 
Schatzhauses, welches bestimmt war, alle von seinem Geschlechte dem 
Gotte zugehenden Weihegaben aufzubewahren. 

Pausanias sah im sikyonischen Schatzhause die beiden Erz- 
modelle von Gebäuden, deren eines die Form eines dorischen Tempel- 
stiles, das andere des ionischen zeigte. Das Erz war nach Aussage 
der Eleer aus Tartessos, und es ist nicht unwahrscheinhch, dass schon 
damals spanisches Kupfer durch Vermittelung der unteritalischen 
Städte, von denen Siris und Sybaris in genauem Verkehre mit 
Sikyon standen, nach den peloponnesisclien Handelsstädten ein- 
geführt wurde. Aber nicht blofs alte Kunstweisen sollten in glänzender 
Art erneuert werden , sondern auch der Säulen- und Architrav- 
bau, welcher sich vornehmlich in den neugegründeten Städten 
Italiens und loniens entwickelt hatte und zwar gleichzeitig in einer 
zwiefachen Form, in der knappen und strengen Begel, welche man 
die dorische nannte, und in der freieren Weise, die den loniern eigen 
war; beide Kunstweisen dieser nationalhellenischen Architektur wurden 
hier, so viel bekannt, zum ersten Male neben einander angewendet, 
ein glänzendes Zeugniss des neuen Aufschwungs und der vielseitigen 
Bildung, welche Sii^pn durch seinen Verkehr mit Abend- und 
Morgenland gewonnen hatte. 

Auch nach Libyen ging dieser Verkehr, der für die Verbesserung 
der sikyonischen Rosszucht gewiss nicht ohne Bedeutung war. Von 
dort soll Kleisthenes in die Heimath zurückgekehrt sein und nach 
Aristonymos, dem Sohne Myrons, den Thron gewonnen haben. Wir 
wissen aber über diese Vorgänge nichts Näheres, als dass es erst 
durch wiederholte Verfassungskämpfe, also nach einer Reaction von 
dorischer Seite dem Kleisthenes gelungen ist, die Dynastie der Ortha- 
goriden wieder herzustellen"). 

In Allem, was der neue Tyrann that, zeigte sich eine gesteigerte 
Parteirichtung, eine rücksichtslos durchgreifende Energie. Es sollte 
mit der alten Zeit entschieden gebrochen, die Rückkehr zu ihr un- 
möglich gemacht werden. Deshalb wurden die Bande gelöst, welche 
Sikyon noch mit seiner dorischen Mutterstadt Argos vereinigten. Der 
mythische Vertreter dieser Vereinigung war Adrastos, dessen Feier 

16* 



244 



DIE REFORMEN DES KLEISTHENES. 



an beiden Orten in glänzenden Bürgerfesten begangen wurde zum 
Andenken an die alte WafTenverbrüderung im Kampfe gegen Theben. 
Dadurch waren natürlich auch die alten Geschlechter der Stadt, die 
Adrastos als einen der Ihrigen ansahen, aufs Engste mit Argos ver- 
bunden. Deshalb wurde Adrastos durch einen Heros des feindlichen 
Heerlagers verdrängt, durch Melanippos aus Theben, den Vorkämpfer 
gegen die Verbündeten des Adrastos; thebanische Geschlechter wurden 
mit ihm in Sikyon eingebürgert, die alten Geschlechter der Stadt 
wanderten aus. Der Name des Heldenkönigs verklang; seine jährlichen 
Heroenopfer wurden auf Melanippos übertragen, und jene Chöre, 
welche sonst auf dem Markte von Sikyon den Altar des Adrastos um- 
standen hatten, um seine Thaten und Leiden zu singen, wurden nun 
dem Gotte des Landvolks, Dionysos, geweiht. 

Aus demselben Gegensatze gegen Argos, wo zu jener Zeit nach 
dem Sturze Pheidons wahrscheinhch eine dorische Reaction einge- 
treten war, entsprang die Mafsregel, welche den ölTenthchen Vortrag 
der homerischen Gedichte aufhob; denn da das Pietätsgefühl gegen 
die dorische Metropolis erlöschen sollte, so sollte auch der Dichter 
entfernt werden, welcher das Lob von Argos auf den Lippen hatte 
und der den lykurgischen Herakhdenstaat stützen half^^). 

Das wichtigste Band aber, welches Argos wie Sparta mit Sikyon 
verknüpfte, lag in der Verwandtschaft der Stämme und in der über- 
einstimmenden GHederung derselben, welche durch uraltes Herkom- 
men geheihgt war. Kleisthenes war kühn genug, diese Ordnungen 
umzustürzen. Die Aegialeer machte er unter dem Namen der Arche- 
laoi, der 'Ersten des Volks', zum bevorzugten Stande der Gemeinde; 
die drei anderen, welche einst allein die vollberechtigte Bürgerschaft 
ausgemacht hatten, aber inzwischen durch Auswanderung, Aussterben 
und Verarmung herunter gekommen waren, wurden in eine unterge- 
ordnete Stellung gebracht. Ihre alten Ehrennamen wurden beseitigt 
und drei andere ihnen beigelegt, welche nicht von Heroen, sondern 
von Thieren herstammen: Hyaten, Oneaten, Choireaten. Der Spott, 
welcher diesen Namen zu Grunde liegt, erklärt sich vielleicht aus dem 
Gegensatze , der in der Nahrungsweise zwischen den beiden ßestand- 
theilen der Bevölkerung lag. Bei den Mahlen der Dorier spielten die 
Fleischspeisen eine grofse Rolle, während bei den loniern die Lecker- 
bissen der Reichen wie das einfache Zubrod der armen Klassen in 
Fischen bestanden. Deshalb lässt sich wohl denken, dass der Volks- 



KLEISTHENES' AUSWÄRTIGE POLITIK. 



245 



witz nach den Thieren, welche den loniern die unangenehmsten waren, 
jene Spottnamen auf die aristokratischen Stämme bildete, die man 
etwa 'Schweinichen, Eselinger und Ferkelheimer' übersetzen kann ^^). 

Wie schon Myron es sich hatte angelegen sein lassen, dem olym- 
pischen Zeus durch freigebige Huldigung Ehre zu erweisen und da- 
durch bei den heiligen Anstalten, welche Mittelpunkte des hellenischen 
Lebens waren, Ansehen zu gewinnen, so versuchte auch Kleisthenes 
in ähnlicher Weise seine Dynastie zu stützen, hier wie überall mit 
kühner Thatkraft vorgehend und die Zeitverhaltnisse auch aufserhalb 
der Halbinsel klug benutzend. 

Von allen Theilen Mittelgriechenlands war aber keiner den Sikyo- 
niern näher als das Gestade von Phokis, wo sich ihnen gerade gegen- 
über das Parnassosgebirge aufbaut, der grofsartige Hintergrund der 
Landschaft, an welchem sie täglich ihr Auge weideten, und vor dem- 
selben die tiefe, gastliche Bucht, von welcher sich eine fruchtbare 
Niederung anderthalb Stunden aufwärts bis an den felsigen Fufs des 
Parnasses ausdehnt. 

In dieser Bucht waren vor Zeiten kretische Seefahrer gelandet; 
sie liatten hier am Strande den ersten Apolloaltar gestiftet (S. 64) und 
landeinwärts auf einer die Ebene beherrschenden Höhe an dem Aus- 
gange der Schlucht, aus welcher der Pleistos in die Ebene eintritt, 
hart am Vorsprunge des Hochgebirgs die Stadt Krisa gegründet. 
Krisa wurde der Mittelpunkt eines kleinen Staats und eine so an- 
sehnliche Handelsstadt, dass der ganze Golf nach ihr benannt wurde. 
Von ihr wurde am Strande der Hafenplatz Kirrha, oben im Gebirge 
bei der Kassotisquelle der Tempelort Pytho oder Delphi angelegt; 
die ganze Landschaft aber mit ihren apoUinischen Heiligthümern stand 
in einer gewissen Abhängigkeit von Kreta. Kretische Hymnen wur- 
den gesungen, kretische Sühngebräuche angewendet; selbst die Berg- 
quelle Kastaha hatte von einem Kreter ihren Namen. 

Die Verhältnisse der kretischen Colonie änderten sich, nachdem 
der dorische Stamm am Parnassos festen Fufs gefasst hatte (S. 100). 
Mit ihm trat die delphische Priesterschaft in Verbindung; durch ihn 
breitete sie ihren Einfluss nach allen Seiten aus : mit seiner Hülfe ent- 
zog sie sich auch der Abhängigkeit von Krisa; die krisäischen Metro- 
politanrechte wurden beschränkt, Delphi wurde ein selbständiges Ge- 
meinwesen und die Stiftung seiner Heiligthümer unmittelbar aus 
Kreta hergeleitet. Aus dieser Zeit stammt der homerische Hymnos 



VERHÄLTNISS VON KRISA ZU DELPHI. 

auf den pythischen Apollon, welcher von einem älteren Heiligthume in 
Krisa schweigt und den kretischen Gott vom Strande unmittelbar nach 
Delphi zur Stiftung seines dortigen Cultus sich hinaufschwingen lässt*°). 

Seit dieser Zeit war eine Spannung zwischen Delphi und Krisa. 
Delphi's steigender Wohlstand beruhte wesentlich auf der Sicherheit 
der Strafsen, auf denen zu Lande wie zu Wasser die Pilger heran- 
kamen, und eines seiner wichtigsten Privilegien bestand darin, dass 
die Wege von allen Abgaben an die Regierungen, deren Territorien 
sie berührten, frei sein sollten. Für die Aufrechterhaltung dieser Privi- 
legien sorgten die Eidgenossen oder Amphiktyonen , deren Bundesrath 
der Hüter der Tempelrechte war. 

Je mehr nun Delphi aufblühte, je zahlreicher die mit Schätzen 
beladenen Pilgerzüge hinauf zogen, um so mehr wuchs der Neid der 
umwohnenden Gemeinden, denen das üppige und verzogene Delphi 
ein Dorn im Auge war, um so gröfser wurde die Versuchung, den 
durchziehenden Pilgerschaaren allerlei Schwierigkeiten zu machen und 
Abgaben aufzulegen. So geschah es namentlich von Krisa, welches 
seiner Lage nach die Schwelle des Parnassos war und den Aufgang 
zum Gebirge eben so wohl beherrschte, wie die Anfahrt der überseei- 
schen Pilger bei Kirrha. Die Krisäer begannen also unter allerlei 
Vorwänden, Hafen und Landstrafsen mit Zöllen zu belegen und die 
Pilgerzüge zu brandschatzen, um von der Blüthe ihres alten Filials 
auch ihrerseits Vortheil zu haben. 

Die allgemeinen Verhältnisse waren ihnen günstig. Die Eidge- 
nossenschaft war durch die dorischen Staatengründungen äufserlich 
sehr erweitert, aber in ihrem inneren Zusammenhange sehr gelockert. 
Der dorische Stamm hatte sich in eine Reihe von Staaten vertheilt, in 
jedem hatte er besondere Aufgaben und Ziele, so dass er in seiner 
Gesammtheit die alten Beziehungen zu der nördlichen Heimath un- 
möglich aufrecht erhalten konnte. Freilich hatte Sparta, so wie es 
sich im Inneren ordnete, seine Beziehungen zu Delphi wieder ange- 
knüpft, aber die weite Entfernung hinderte die Wiederherstellung des 
alten Schutzverhältnisses. Dazu kam die Noth im eigenen Lande, 
die Bedrängniss von innen und aufsen, die Schwerfälligkeit des lykur- 
gischen Staats so wie die ganze EigenthümHchkeit des dorischen 
Stammes, der sich gerne in engen Gränzen einwohnte, und dem es 
schwer wurde , Gesichtspunkte festzuhalten , welche seiner Nähe ent- 
rückt waren. Der weiteste Gesichtskreis, zu dem Sparta sich erhob, 




DELPHI UND SIKYON. 



247 



umfasste die peloponnesischen Verhältnisse, und für diese bildete das 
Heiligthum in Pisa (S. 213) einen neuen Mittelpunkt, welcher die Be- 
ziehungen zu Delphi zurückdrängte. 

Da nun die im nahen Berglande zurückgebliebenen Dorier, die 
Einwohner der TetrapoHs (S. 97), zu schwach waren, um im Namen 
der Eidgenossen das Patronat von Delphi wahrnehmen zu können, so 
musste die delphische Priesterschaft sich nach anderer Hülfe um- 
sehen, und da richtete sich ihr Blick auf die ionischen Staaten, welche 
ja auch zu der alten Amphiktyonie gehörten (S. 103), auf Athen und 
den aus ionischem Volksgrunde erwachsenen, dem Parnasse gerade 
gegenüber gelegenen, mächtigen Nachbarstaat Sikyon, den Sitz der 
Orthagoriden. 

Freilich bestand hier zur Zeit eine Verfassung, welche mit den 
von Delphi empfohlenen und geheiligten Ordnungen in offenem Wider- 
spruche stand, und seinen alten Grundsätzen zufolge durfte Delphi 
keine Gemeinschaft haben mit einem Usurpator und Revolutionär, wie 
es Kleisthenes war, welcher politisches und gottesdienslliches Her- 
kommen rücksichtslos durchbrochen hatte. Indessen drängte die Noth; 
die Beziehungen zu Sparta waren seit der Demüthigung der Herakliden 
erkaltet, denn damit war zugleich der Einfluss der Pythier (S. 186) 
zurückgedrängt, während die in stetem Anwachsen begriffene Macht der 
Ephoren gewissermassen eine antidelpliische war; sie hatten ja sogar 
ein von Delphi unabhängiges Orakel für sich (S. 207). 

Kein Wunder also, wenn man in Delphi die Abneigung gegen die 
Tyrannis überwand, und zwar geschah dies um so leichter, da die Ver- 
bindung mit den geldreichen und freigebigen Fürsten eine sehr 
lockende war und für den Glanz des Tempelorts viel Gewinn versprach. 
Einem Mann wie Kleisthenes aber konnte nichts willkommener sein, 
als eine passende Gelegenheit, an Stelle der saumseligen Dorier in das 
Patronatsverhältniss zu Delphi einzutreten. Gerne vergafs er also die 
unfreundliche Abweisung, welche seine Gesandten erfahren hatten, als 
er einst die Anerkennung seiner gottesdienstlichen Neuerungen begehrt 
hatte, und rüstete ein stattliches Heer, um dem Sitze des Apollon den 
Schutz zu gewähren, dessen er jetzt bedurfte. Es war ein 'heihger 
Krieg', weil er nach Amphiktyonenrecht geführt wurde, um den 
verletzten Gottesfrieden zu rächen; es war eine nationalhellenische 
Unternehmung und zugleich eine solche, welche mit den nächsten 
Interessen von Sikyon zusammenhing. Denn sein Wohlstand beruhte 



248 



DER HEILIGE KRIEG NACH 45, 1; 600. 



auf der Sicherheit des Golfs; es musste ihm viel darauf ankommen, 
dass seine Handelsfreunde aus Italien, Sicilien und Libyen hier gefahr- 
los verkehren konnten; es musste ihm daran liegen, auch auf dem 
gegenüberliegenden Gestade mächtig zu sein und die Ansprüche von 
Krisa, das einmal allein den Golf beherrscht hatte, für immer zu 
beseitigend^). 

Kleisthenes stand nicht allein. Athen, welches damals von Solon 
geleitet wurde, schloss sich bereitwiUig an. Beide fühlten, dass kein 
günstigerer Zeitpunkt kommen könne, um ihre Staaten auf rühmliche 
Weise in die hellenischen Angelegenheiten einzuführen. Durch Ver- 
bindung mit den Skopaden gelang es, auch die Wehrkraft Thessaliens 
heranzuziehen, und so bildete sich eine neue Amphiktyonenmacht, 
welche an Stelle des veralteten Bundes eine wirksame und ausdauernde 
Thätigkeit entwickelte. 

Denn der Kampf war nicht leicht, und es lässt sich voraussetzen, 
dafs aufser den Krisäern noch andere der umwohnenden Stämme und 
Städte gegen Delphi in Waffen waren. Krisa wurde zerstört, dann 
nach längerem Widerstande auch die Seestadt Kirrha. Auch nach 
ihrem Falle hielten sich versprengte Streifschaaren im wilden Kirphis- 
gebirge, mit denen noch sechs Jahre gekämpft sein soll, bis Alles ruhig 
war und sich der neuen Ordnung der Dinge fügte. Die Stätte von 
Krisa blieb wüste; sein Name erlosch in der Reihe der hellenischen 
Städte, seine Fluren wurden dem delphischen Gotte geweiht, dessen 
Gebiet sich nun bis an das Meer von Kirrha erstreckte, so dass die 
überseeischen Pilger kein fremdes Gebiet zu durchmessen hatten. Es 
lag im Interesse des delphischen Priesterstaats, dass zwischen ihm und 
dem Meere kein fester Ort bestehen blieb. Dafür sorgten die Amphi- 
ktyonen hier mit gleicher Strenge, wie EHs und Sparta in Beziehung 
auf Olympia (S. 217). 

Der Sieg wurde in verschiedener Weise gefeiert. Am Markte 
von Sikyon erhob sich als Denkmal desselben eine Marmorhalle, welche 
den Festraum der apollinischen Gottesdienste umgab, auf dem Kriegs- 
schauplatze selbst aber wurde nach gemeinsamem Beschlüsse der 
Bundesgenossen zum Andenken des Siegs die alte Feier des delphi- 
schen Gottes glänzend erneuert und erweitert. An diesen Einrich- 
tungen hat sich auch allein eine feste Erinnerung des heiligen Kriegs 
bei den Hellenen erhalten, und zwar wird eine dreifache Festfeier mit 
demselben in Verbindung gesetzt. 



DER HEILIGE KRIEG 600—590 (?). 



249 



Die erste 47, 3; 590 zur Feier des Siegs über Kirrha, wobei die 
Kriegsbeute zu Werthpreisen benutzt wurde. Diese Pythienfeier ge- 
hörte noch dem alten Cyklus an, dem zu Folge alle acht Jahre der 
pythische Gott in musikalischen und poetischen Wettkämpfen ver- 
herrlicht wurde. Darnach wurde beschlossen, das Fest alle vier Jahre 
zu feiern und den musischen Wettkampf durch gymnastische und 
ritterliche Kämpfe zu erweitern. Dies war also der Anfang einer neuen 
Reihe von Pythiaden, welche nun in gleichen Fristen wie die Olym- 
piaden als ein INationalfest gefeiert wurden, und zwar so, dass in den 
musischen Wettkampf, der sich auf das Citherspiel beschränkt hatte, 
auch das Flötenspiel aufgenommen wurde. Endlich wurde bei der 
zweiten dieser Pythiaden, nachdem auch der Gebirgskrieg zu Ende ge- 
führt worden war, eine andere wichtige Neuerung eingeführt; es wur- 
den nämlich die Werthpreise, welche bis dahin durch den Krieg herbei 
geschafft waren, abgeschafft und statt dessen nur Preise von idealem 
Werthe, d. h. Kränze vom heiligen Lorbeer, unter dem Vorsitze der 
Amphiktyonen an die Sieger ausgetheilt. Dies sind wohlbeglaubigte 
Thalsachen. Aber nicht so sicher ist die Beziehung dieser Festepochen 
zum Kriege. Wird das erste der genannten Feste richtig auf den Fall 
von Kirrha bezogen, so müssen wir den krisäischen Krieg, der in seinem 
zehnten Jahre mit der Eroberung von Kirrha geendet haben soll, von 
600 bis 590 ansetzen »2). 

Bei der zweiten Pythienfeier siegte Kleisthenes selbst mit seinem 
Rennwagen; um dieselbe Zeit war er auch Sieger in Olympia. Er 
stand auf der Höhe seines Ruhms; seine auswärtigen Verbindungen 
waren ehrenvoll und weit verzweigt, sein Ansehen reichte über die 
Gränzen des Staats hinaus, dessen Gebiet er auch landeinwärts er- 
weitert hatte ; die Handelsstrafsen waren neu gesichert, alle Ilülfsquel- 
len des Wohlstandes geöffnet. Im Innern herrschte Zufriedenheit; 
denn nachdem er mit Gewalt die Herrschaft ergriffen hatte, war er 
seinen Unterthanen ein milder Fürst; sein gastfreier Hof ein Sammel- 
platz hervorragender Talente, der Schauplatz herrlicher Götterfeste. 

Nur Eines fehlte ihm; er hatte keinen Erben seiner Fürstengröfse. 
Um so wichtiger war ihm die Verheirathung seiner heranblühenden 
Tochter Agariste ; und deshalb liefs er als olympischer Sieger in Olympia 
ausrufen, dass, wer von den Hellenen sich würdig erachte, des Kleis- 
thenes Eidam zu werden, auf den sechzigsten Tag nach Sikyon kommen 
solle; dort werde nach Verlauf eines Jahrs die Hochzeit ausgerichtet 



250 



DIE FREIER DER AGARISTE. 



werden ; Lauf- und Ringspiele wurden für die Festzeit angeordnet. 
'Da zogen', sagt Herodot, 'alle Hellenen, die von sich und ihrem 
Namen grofs dachten, als Freier hinauf in die gasthche Fürstenburg'. 
Wir glauben bei solchen Schilderungen den Ton eines Gedichts zu 
vernehmen, in welchem der Glanz des Fürstenhofs verherrlicht wird, 
und gewiss fehlte es nicht in Sikyon an höfischen Dichtern, welche die 
stattliche Reihe der Festgäste besungen und den Geschichtschreibern 
den Stoff zu ihrer novellenartigen Darstellung geliefert haben. 

Die Liste der Freier gewährt eine Rundschau der damaligen 
Griechenstädte, welche mit Sikyon in Handels- und Freundschaftsbe- 
ziehungen standen. 

In Unteritalien war Sybaris die blühendste Griechenstadt. Bei 
ihrer Gründung waren Achäer und lonier Ihätig gewesen ; denn wie 
hätten die aus dem Süden hierher gedrängten, achäischen Geschlechter 
(S. 109) eine solche überseeische Thätigkeit entwickeln können, wenn 
nicht die altionische Bevölkerung daselbst den eigentlichen Anstofs, 
die Schiffe und die Mannschaft dazu gegeben hätte? So hatten auch 
jene sogenannten Achäerstädte einen wesentlich ionischen Charakter 
und waren zur Anknüpfung naher Handelsverbindungen mit der sikyo- 
nischen Dynastie sehr geneigt. Den Sybariten kam keine griechische 
Stadt des siebenten Jahrhunderts an Fülle des Wohlstandes gleich, 
und wenn Pracht der Gewänder und Aufwand an Geld den Aus- 
schlag gegeben hätten, so mussten alle Freier zurückstehen, als Smin- 
dyrides, des Hippokrates Sohn, mit seinem Gefolge zu den Thoren 
von Sikyon einzog. 

Dem Sybariten folgte Damasos, der Sohn des Amyris aus Siris, 
wo sein Vater sich den Namen des Weisen erworben hatte. Das waren 
die beiden Vertreter des hellenischen Italiens. Vom Gestade des ioni- 
schen Meeres kam der Epidamnier Amphimnestos; aus dem ätolischen 
Lande Males, der Bruder des Titormos, welcher alle Hellenen an Kör- 
perkraft übertraf, aber, von finsterem Unmuthe ergriffen, die Städte 
als die Sitze eines üppigen Genusslebens vermied und an den Gränzen 
des Aetolerlandes in selbsterwählter Barbarei lebte. 

Von peloponnesischen Fürsten kam Leokedes der Temenide aus 
Argos (S. 239); aus Arkadien Amiantos von Trapezunt und Laphanes, 
des Euphorion Sohn, von der Stadt Paios Eine schöne Sage erzählte, 
Kastor und Pollux wären einst des Wegs gekommen als irrende 
Wanderer und hätten unerkannt daselbst Aufnahme gefunden. Seit 



FREIERVERSAMMLUNG IN SIKYON. 



251 



dem habe das Haus des Euphorion in reichem Segen geblüht; die 
Dioskuren wurden die Hausgötter, und in ihrem Namen öffnete sich 
jedem Fremden die gastliche Thüre. Onomastos, des Agios Sohn, 
schloss die Gruppe der Peloponnesier; sein Name zeigt, dass es auch 
in Elis eine antidorische Partei gab, welche es wagen konnte, eine offene 
Parteistellung einzunehmen. Das Haus der Skopaden zu Krannon 
war durch Diaktoridas vertreten, das molossische Fürstenhaus in Epirus 
durch Alkon. Aber noch fehlten die beiden Hauptplälze ionischer Bil- 
dung, Euböa und Attika. Am Euripos war damals Eretria der blü- 
hendste Handelsplatz, und von hier kam Lysanias; aus Athen aber 
zwei Männer, welche durch Reichthum und persönliche Vorzüge vor 
allen andern berechtigt schienen, ein grofses Glück in Anspruch zu 
nehmen, des Tisandros Sohn, Hippokieides, ein Verwandter der Kypse- 
liden, und Megakles, der Sohn des Alkmaion, des reichsten Mannes, 
welchen das europäische Griechenland kannte*^). 

Es kann nicht zufällig sein, dass es gerade zwölf Städte sind, 
welche, durch auserlesene Männer vertreten, um den Thron des 
Kleisthenes sich versammelten. Die Zahl kann um so weniger be- 
fremden, da es deutlich ist, dass fast alle jene Städte mit den Inter- 
essen des ionischen Stamms verwachsen waren, der sich seit den Tagen 
des Pheidon in einem unaufhörhchen Ringen mit den Doriern befand, 
und dass Kleisthenes, als er die Vertreter jener zwölf Städte bei sich 
vereinigte, gewiss noch etwas Anderes im Sinne hatte als einen Hoch- 
zeitsschmaus, wie es die anmuthige Erzählung Herodots auffasst, 
dessen poetische Quelle unverkennbar ist. Dem Dichter war es er- 
laubt, die schöne Fürstentochter in den Mittelpunkt zu stellen und die 
ganze Tafelrunde wie eine Freierversammlung darzustellen, wenn auch 
betagte Männer darunter waren, welche wenigstens für ihre eigene 
Person nicht mehr als Freier auftreten konnten. Die Altersverhält- 
nisse fielen nicht ins Gewicht, wenn es darauf abgesehen war, ein 
poetisches Zeitbild zu entwerfen, welches den Tyrannen von Sikyon in 
seinen weitreichenden Beziehungen darstellen sollte, bei denen es sich 
um ganz andere Dinge als um eine Hochzeit handelte^*). 

Bedenken wir, wie der ganze Peloponnes damals in Gährung 
stand, wie es gegen Sparta einer Vereinigung von Kräften bedurfte, und 
wie die alte Amphiktyonie durch den heiligen Krieg gesprengt war, so 
musste es einem Manne von so grofsen Gedanken, wie Kleisthenes war, 
als die würdigste Lebensaufgabe erscheinen, neue Hellenenverbindungen 



252 



FREIERVERSAMMLUNG IN SIKYON. 



herzustellen. Er hatte seine Macht nicht blofs zur Befriedigung eigener 
Gelüste aufgerichtet; um so mehr lag ihm daran, dass seine Pläne sein 
Leben überdauerten. Der Gemahl oder der Sohn der Agariste sollte 
sein Werk fortsetzen. Deshalb wollte er nach längerer Lebensgemein- 
schaft aus einem auserwählten Kreise von Vertretern der edelsten Ge- 
schlechter den rechten Mann aussuchen und die Andern im Interesse 
seines Hauses sich verbindlich machen. Denn wir dürfen voraussetzen, 
dass sie sich verpflichteten, den von ihm erkorenen Eidam und Nach- 
folger in seinem Besitze anzuerkennen und zu unterstützen. Zu solchen 
Zwecken wurden also an Stelle der alten , auf continentaler Nachbar- 
schaft beruhenden Eidgenossenschaften freiere Verbindungen erzielt, 
welche sich über Land und Meer erstreckten. 

Während der Zeit, welche die Festgäste bei Rleisthenes verlebten, 
wurde ihm die Ueberlegenheit der Athener klar. Er spürte in ihnen den 
höheren Schwung des Geistes, welcher allen irdischen Schätzen erst die 
wahre Bedeutung zu entlocken weifs; er fühlte ihrer Vaterstadt die Zu- 
kunft an, der sie im Stillen entgegenreifte. Von den beiden Athenern 
war es aber Hippokieides, welcher durch Beichthum, Schönheit und 
ritterliche Gewandtheit, die sich in den Wettkämpfen der Freier glän- 
zend hervorthat, des Vaters Gunst gewann. Auch war es die Verwandt- 
schaft mit dem Hause der Kypseliden in Korinth, welche dem Hippo- 
kleides in den Augen des Kleisthenes eine besondere Bedeutung gab. 

Inzwischen rückte der Entscheidungstag heran. Zur grofsen Fest- 
hekatombe wurden die Rinder zur Stadt getrieben; alle Sikyonier 
waren zu Gaste geladen und lagerten um die Fürstenhalle ; es war der 
glänzendste Tag, den Sikyon gesehen hatte. Hippokieides, seines 
Glückes gewiss, trug in seiner Ausgelassenheit allerlei Kunststücke zur 
Schau, und als er sich endlich in trunknem Muthe so weit vergafs, dass 
er mit unanständigen Sprüngen und Tänzen die Gesellschaft unter- 
hielt, rief Kleisthenes entrüstet: 'Hippokieides, du hast dein Glück 
vertanzt' und gab dem ernsteren Megakles die Hand der Agariste. Der 
enttäuschte Nebenbuhler fasste sich schnell und sagte: 'was macht 
sich Hippokieides daraus?' Ein Ausspruch, der seitdem ein Sprich- 
wort wurde und treffend den kecken Muth des loniers bezeichnet, wel- 
cher, wenn etwas misslingt, ein Schnippchen schlägt und ohne wei- 
teres Grämen sein Glück auf eine andere Nummer setzt. 

Kleisthenes war es gelungen, seine Tochter mit dem bedeutend- 
sten Hause derjenigen Stadt zu verbinden, in welcher sein Blick die 



ENDE DER ORTHAGORIDEN UM 670 V. CHR. 



253 



künftige Metropole des ionisclien Stammes erkannte. Seine Erwar- 
tung wurde ihrer Erfüllung genähert, als Agariste einen Knaben gebar, 
welcher den Namen des Grofsvaters empfing. Aber weder Eidam 
noch Enkel sollten ihm auf dem Throne folgen; das Glück der Ortha- 
goriden ging zu Ende und mit^ihm alle die grofsen Gedanken ioni- 
scher Politik. Nach dem hellen Lichte, das durch poetische üeberlie-^ 
ferung auf den Hof der Orthagoriden fallt, tritt plötzlich das tiefste 
Dunkel ein. Nur der Glanz des Glücks hat die Phantasie gereizt und 
ist im Gedächtniss haften geblieben. Kleisthenes selbst scheint den 
Umschwung der Verhaltnisse nicht mehr erlebt zu haben, weil noch 
eine Reihe von Jahren nach seinem Tode die von ihm eingeführten 
Namen der Stämme in Gebrauch blieben. Wir müssen aber voraus- 
setzen, dass die Spartaner, so wie sie freie Hand hatten, d. h. nament- 
lich nach Besiegung der Tyrannen von Pisa (S. 216), mit denen die 
Sikyonier gewiss in Verbindung standen, nicht gesäumt haben werden, 
gegen Sikyon vorzugehen, wo der dorische Name am meisten entehrt 
worden war. Um dieselbe Zeit fand die Einsetzung der nemeischen 
Spiele statt (Ol. 51, 4; 573), welche auf Herakles, den Patron der 
Dorier, zurückgeführt wurden und das Andenken desselben Adraslos 
erneuerten, dem Kleisthenes die Ehren entzogen hatte. Bei den 
Ansprüchen auf Leitung dieses Festes treten auch die Kleonäer selb- 
ständig auf; sie müssen sich also von der Überwältigung durch Sikyon 
wieder frei gemacht haben. Um diese Zeit also war die Macht des 
Tyrannenstaats im Rückgange; nach hundertjährigem Bestände (etwa 
von 670 bis 570) stürzte der Thron der Orthagoriden, ehe der jüngere 
Kleisthenes herangewachsen war, dem es bestimmt war, auf einem 
andern Gebiete des Grofsvaters Nachfolger zu werden ^^). 



Sikyon verdankte, was es war, der Betriebsamkeit seiner Ein- 
wohner und den Talenten hervorragender Geschlechter; ohne sie wäre 
es ein unbekanntes Winkelstädtchen geblieben. Anders verhielt es 
sich mit der Nachbarstadt Korinth; es verdankte Alles seiner Lage. 
Das Doppelmeer am Isthmus, die zusammentreffenden Land- und Was- 
serstrafsen von ganz Hellas, die hochragende, Meer und Land über- 
schauende Felsenburg, von reichen Quellen durchrauscht und um- 
flossen: diese Vortheile waren so aufserordentlich , dass sie bei unge- 



254 



KORINTH UNTER KÖNIGEN. 



störten Verkehrsverhältnissen die Entstehung einer wichtigen Stadt 
hervorrufen mussten. 

Die eigenthümliche Entwickelung des griechischen Volkslebens in 
Korinth hängt wesentlich damit zusammen, dass hier eine phönikische 
Einwanderung in besonderer Stärke stattgefunden hat. Das bezeugt 
die sidonische Astarte auf Akrokorinth , der tyrische Melkar auf dem 
Isthmus; das verräth sich in der uralten Purpur- und Teppichin- 
dustrie, in der Rührigkeit und Vielseitigkeit der Bevölkerung, in dem 
rastlosen Handelsgeiste und in dem klugen weltbürgerlichen Sinn, 
wie er sich in dem Bilde des Sisyphos spiegelt (S. 56). 

Auch die Neugründung der Stadt des Sisyphos zur Zeit der Wan- 
derungen hatte einen überseeischen Ursprung. Aletes der Heraklide 
kommt zu Schiffe, am Strande empfängt er eine Sandscholle als Unter- 
pfand der künftigen Herrschaft; sein Name sowohl wie seine Person 
sind nichts weniger als dorisch. Vielmehr ist Aletes eine Figur der 
phönikischen Mythologie, welche dem Kreise der Himmelsgötter ange- 
hört. Auch bleiben die alten Sisyphiden in der Stadt ansäfsig, während 
von allen Seiten neues Volk zugezogen kommt; darunter Melas aus 
Thessalien, der sein Geschlecht von den Lapithen herleitete. Später 
ist dorisches Kriegsvolk von der Landseite dazu gekommen und hat 
sich mit Gewalt Landbesitz und Einbürgerung erzwungen. Neben den 
dorischen bestanden in Korinth fünf nichtdorische Stämme, ein Be- 
weis für die Masse verschiedenartiger Bevölkerung, welche das König- 
thum der Herakliden, auf die dorische Kriegsmacht gestützt, zu einem 
Staate zusammenhielt. 

Als fünfter König nach Aletes wird Bakchis , der Sohn des Pram- 
nis genannt, welcher der Stifter einer neuen Linie wurde. Sein 
Geschlecht wurde an den Stammbaum der früheren Herrscher an- 
geknüpft , aber es war doch ein neuer Anfang und eine so wichtige 
Epoche, dass die Nachkommen als eine besondere Dynastie Bc^kchiden 
oder Bakchiaden genannt wurden. Durch die aufserordentliche Be- 
gabung dieses Regentenhauses ist im neunten Jahrhundert v. Chr. 
die Gröfse Korinths und seine geschichtliche Bedeutung wesentlich 
begründet worden ^^). 

Die Bakchiaden haben die Stadt dem Zugange betriebsamer An- 
siedler geöffnet, welche hier an dem Kreuzpunkte aller griechische^ 
Handelswege schneller als anderswo ihr Glück zu machen hofften. Sie 
haben jede wichtige Erfindung gehegt und gefördert; sie haben er- 



KORINTH UNTER KÖNIGEN. 



255 



kannt, dass Korinth, je mehr die Bevölkerung anwuchs, nicht auf der 
Landseite, sondern auf dem Meere seine Gebietserweiterung zu suchen 
habe, und dass es nicht, wie hundert andere Küstenplätze, zu einem 
lebhaften Fährorte bestimmt und zu einem gewinnreichen Transitge- 
schäfte berufen sei, sondern /iii" Seelierrschaft. 

Von grösster Bedeutung war in dieser Beziehung die Verbindung 
mit Chalkis auf Euboia, von wo der Erzbetrieb und Erzhandel ausge- 
gangen ist; von dort sind diese Gewerbe am Isthmus begründet und 
die Wasserstrafsen jenseits desselben nach den metallreichen Küsten 
Italiens geöffnet worden. Die Stadt Chalkis am ätolischen Ufer be- 
zeugt diesen Handelsweg, auf welchem Korinth ursprünglich nur die 
Mittelstation war. 

Unter den Bakchiaden traten die Korinther als selbständiges 
Handelsvolk auf. Sie nahmen den Verkehr in eigene Hand und richte- 
ten die Fahrbahn (Diolkos) auf dem Isthmus ein, wo die Schiffe auf 
Rollgestellen von einem Golfe zum andern geschafft wurden. Diese 
Einrichtungen führten zu technischen Erfindungen von mancherlei 
Art; die Korinther fingen an, für fremde Rechnung solche Schiffe zu 
bauen, welche für die Isthmusfalirt eingerichtet waren, und der Trans- 
port selbst sicherte dem Staatsschatze bedeutende Einnahmen, wodurch 
die Ausbildung einer städtischen Marine möglich wurde. Sie machten 
den Golf, welcher bis dahin von Krisa seinen Namen geführt hatte, 
allmählich zum 'korinthischen' und sicherten den engen Eingang des- 
selben durch den festen Platz Molykria, welchen sie zwischen Naupak- 
tos und Chalkis auf Antirrhion anlegten. Sie zogen weiter das Gestade 
entlang, besetzten die wichtigsten Punkte am Acheloos, dessen weite, 
korn- und holzreiche Landschaft ihnen Alles gewährte, was die dürre 
und enge Heimath ihnen versagte. Am Acheloos wurden sie so hei- 
misch, dass sie den Flussgott als den Vater der Peirene in den Kreis 
ihrer »heimatlichen Sage hereinzogen^'). 

Ein neuer Beruf eröffnete sich ihnen, als die Schiffe aus der 
äufseren Bucht des Golfs nordwärts in die ionische See ihre Fahrten 
begannen. Hier kamen sie mit Staaten in Verbindung, welche aufser- 
halb des Kreises griechischer Cultur standen und kein Gesetz aner- 
kannten, als das der Gewalt. Hier bedurfte es einer bewaffneten Macht, 
um die Handelswege frei zu halten. In Folge dessen haben die Korin- 
Iher die höhere Technik des Seewesens zum grofsen Theile bei sich 
ausgebildet; sie haben im angeschwemmten Strande von Lechaion 



256 



KÜNSTE UND ERFINDUNGEN IN KORINTH. 



den ersten Kunsthafen eingerichtet und mit Werften umgeben, auf 
welchen eine wichtige Erfindung nach der anderen gemacht wurde, 
bis endUch aus der gebrechlichen Barke die griechische Triere hervor- 
ging, das hohe Schiff mit dreifacher Ruderreihe auf jeder Seite, fest 
gezimmert, um die hohe See zu bestehen, und zugleich durch seine 
Schnellkraft zum Angriffe wohl geeignet wie zum Schutze für die 
schwerfälligeren Waarenschiffe. 

Das war die Heldenzeit Korinths, als seine Trieren jährlich mit 
dem Aufgange der Pleiaden zu neuen Wagnissen und neuem Ruhme 
die junge Mannschaft in die Westsee führten. Korinth hatte seine 
Bahn gefunden, und die Bakchiaden thaten Alles, die Stadt auf der- 
selben vorwärts zu leiten. Sie hielten sich auf der Höhe der Zeit und 
besafsen selbst durch vielfältige Verbindungen mit dem Auslande eine 
ausgebreitete Weltkenntniss. Sie förderten die einheimische Indu- 
strie, um den Seehandel immer mehr zum Hebel eines allgemeinen 
Wohlstandes zu machen. Die Töpferscheibe war eine Erfindung Ko- 
rinths; die Plastik der Thongefäfse, ihre malerische Ausstattung war 
hier zu Hause, im Vaterlande des Eucheir ('Kunsthand') und Eugram- 
mos ('Schönzeichner'). Die Töpferkunst war auch hier die Mutter 
des Erzgusses, und kein Erz hatte besseren Ruf als das im Quellwas- 
ser der Peirene gekühlte. Die Kunst des Webens und Färbens feiner 
Wollenstoffe war schon mit dem Aphroditedienst aus Phönizien ein- 
geführt (S. 50), eben so die Bereitung duftiger Salben. Fabriken 
wurden angelegt, in welchen die unentbehrHchsten Gegenstände des 
niederen und höheren Lebensbedürfnisses angefertigt wurden. Da- 
durch wurde die an sich arme Landschaft der erste Waarenmarkt in 
Griechenland und in Stand gesetzt, ein sehr schwunghaftes Export- 
geschäft ins Leben zu rufen, namentlich nach den fernen Ufergegen- 
den im Norden und Westen, welche durch die korinthischen Schiffe 
hellenischen Luxus kennen lernten und zugleich die Luxusgegenstände 
erhielten. Durch diese Verbindung von Industrie und Handel erhielt 
die Masse der kleinen Leute Beschäftigung und Verdienst, während 
die Bakchiaden die Unternehmungen leiteten und den Grofshandel in 
ihren Händen behielten. 

Auf allen Gebieten bewährte sich die Stadt als die Heimath des 
erfindungsreichen Sisyphos. Obwohl selbst arm an edlem Gestein hat 
sie dennoch auch dem Tempelbaue zuerst eine feste Ausbildung ge- 
geben; namenthch das Tempeldach, welches mit seinen beiden nach 



KORINTH IM ACHTEN JAHRH. V. CHR. 



257 



rechts und links gesenkten Flächen wie mit Adlerflügeln das Haus 
des Gottes überspannte, galt unbestritten für eine Erfindung der 
Korinther. Auch die Rosszucht war in Korinth zu Hause, der Vater- 
stadt des Bellerophon. Alle Götter- und Heroendienste mit den sich 
anschliefsenden Zweigen hellenischer Cultur finden wir hier vereinigt, 
neben dem Leiter dorischer Staatengründung die syrische Göttin, den 
phönikischen Melikertes, den ionischen Poseidon. Auch der 'ross- 
lenkenden' Athena Dienst blühte hier so wie der Dienst des Dionysos. 
Aus dionysischer Festlust erwuchs hier das Chorlied des Dithyrambos. 
Die Bakchiaden selbst huldigten den Künsten der Musen. Eumelos 
feierte in epischen Gesängen die Gründung der herrlichen Seestadt; 
seine Lieder waren ein Zeugniss des geistigen Schwungs, welcher das 
materielle Aufblühn begleitete, und den erhaltenen Leberresten der 
Lieder verdanken wir es, dass wir aus dem achten Jahrhundert vor 
Chr. von Korinth mehr wissen als von irgend einer anderen griechi- 
schen Stadt. 

Mit den verschiedensten Plätzen der bekannten Welt finden wir 
Korinth in Beziehung. Die Heroengestalten von lolkos sind hier ein- 
heimisch und wandern mit den Colonisten nach dem westhchen Meer 
hinüber. In die Festgenossenschaft des delischen Apollo werden die 
Messenier durch ein Prozessionslied des Eumelos eingeführt; selbst 
die Nordgestade des schwarzen Meeres spielen in seinen Dichtungen 
schon eine hervorragende Rolle. Es werden sich also auch korinthische 
Männer an den Entdeckungsfahrten belheiligt haben, welche seit 
800 V. Chr. von Milet nach dem Pontus gingen und die Phantasie des 
Volks in hohem Grade anregten. Eine Menge neuer Namen kam 
damals in Umlauf: Sinope, Phasis, Kolchis; vor Allem aber war es der 
Borysthenes, der seiner Wasserfülle wegen als ein König der P'lüsse 
gepriesen wurde. Die korinthischen Dichter verwoben das Nahe und 
Ferne zusammen zu einem grofsen Weltgemälde. Sinope wurde die 
Tochter des benachbarten Asopos, und von den drei Musen des Eumelos 
wies die eine 'Achelois' auf das ätolische Colonialland hin, 'Kephisis' 
auf das nahe verbundene Böotien und die dritte 'Borysthenis' auf die 
im Anschlufs an die Fahrten der Milesier bekannt gewordenen Strom- 
länder am Pontus. Auch in Milet blühte ein Zweig der Bakchiaden, 
welche diese Beziehungen eingeleitet haben mögen. 

Die Legenden und Dichtungen dienten dazu, die jüngeren Ge- 
schlechter zu ritterlichen Thaten zu begeistern. Die Bakchiaden 

CurtiuB, Gr. Gesch. I. 6. Aufl. 17 



258 



ENDE DES KÖNIGTHÜMS UM 747. 



selbst traten an die Spitze der Flotte, wie die Nobili von Venedig, und 
suchten jenseits des Meeres Befriedigung ihres Ehrgeizes, für welchen 
die enge Heimath keinen Raum hatte ®^). 

Schon die Könige von Korinth haben die überseeischen Unter- 
nehmungen begünstigt, um die Mitglieder der reichen Geschlechter, 
welche mit steigenden Ansprüchen den Thron umdrängten, auswärts 
zu beschäftigen. 

Um die Mitte des achten Jahrhunderts brachen Verfassungskämpfe 
aus. Telestes, der fünfte nach Bakchis, wird als der letzte König von 
Korinth genannt. Die ebenbürtigen Geschlechter wollten nicht länger 
einem Hause das Scepter überlassen. Statt seiner übernahmen die 
zweihundert Familien, welche sich von Bakchis herleiteten, die Lei- 
tung des Staats als ihr gemeinsames Recht, und es wurde ein oli- 
garchisches Regiment in der W^eise eingerichtet, dass jährlich Einer 
aus ihrer Mitte als Prytanis die königliche Machtvollkommenheit 
verwaltete; alle Mitglieder des Familienraths aber führten den 
Königstitel. 

Damit war die Gährung nicht zu Ende. Einzelne Mitglieder der 
regierungsfähigen Häuser verletzten durch ihren Uebermuth das öffent- 
liche Rechtsgefühl, und die Aussendung von Colonisten wurde mit 
kluger Politik benutzt, um durch Entfernung mifsliebiger OHgarchen 
die Dynastie zu sichern, dadurch zugleich die Macht des Staats zu stei- 
gern und den Bakchiaden in der Ferne einen neuen Schauplatz ruhm- 
voller Thätigkeit zu öfTnen. So soll Archias nach dem Frevel am 
Aktaion, dessen Tod er durch seine Nachstellungen verschuldet hatte, 
auf Geheifs des Orakels nach Sicihen gegangen sein^^). 

Die Mittelstation war Kerkyra, der Knotenpunkt aller Seestrafsen 
im ionischen Meere. Hier lernte man eine Reihe neuer Handelswege 
kennen. Auch hier trat Korinth in die Bahnen euböischer Seefahrt 
ein, auf welchen Chalkis und Eretria mit einander wetteiferten. Den 
Chalkidiern befreundet, verdrängte Korinth die Eretrier aus Kerkyra 
und eröffnete von hier aus die weiteren Fahrten, theils nordwärts zu 
den illyrischen Häfen, theils westlich nach Italien und Sicilien. 

Diese Insel war ebenfalls durch ionische Seefahrer mit den ioni- 
schen Inseln in Verbindung gesetzt worden, namenthch durch die 
Chalkidier, welche, dem Geheifse der Pythia folgend, den ersten Apollo- 
altar an der Ostküste der Insel gegründet hatten. Die Korinther 
schlössen sich an ; sie schützten mit ihren Trieren die Colonisation, 



KORINTH UNTER PRYTANEN. 



259 



welche aus dem krisäischen Golfe nach Westen ging, und traten dann 
selbststandig auf. Der wichtigste Schritt geschah durch den wegen 
Blutschuld flüchtigen Archias und Chersikrates. Chersikrates bheb 
in Kerkyra zurück; Archias zog auf den Spuren der Chalkidier weiter 
und legte (OL 11, 3; 734) an dem schönsten Hafen Siciliens auf der 
Insel Ortygia den Grundstein zu Syrakus^"). 

Korinth stand im Mittelpunkte weitreichender Beziehungen und 
war durch seine wehrhafte Flotte berufen, in den Handelskriegen, 
welche in jener vielbewegten Zeit zum Ausbruch kamen, entscheidend 
einzugreifen. Namentlich kann es dem grofsen Seekriege, welcher 
sich an der Fehde von Chalkis und Eretria entzündete, nicht fremd 
geblieben sein. Auch seine Parteistellung kann nicht zweifelhaft sein. 
Denn Chalkis und Korinth waren alte Verbündete, wahrend Eretria 
durch Korinth aus Korkyra verdrängt wurde. Samos aber stand auf 
Seiten von Chalkis. Wenn nun um Ol. 19; 704 die Korinther, die aus 
ihrem Trierenbaue ein strenges Geheimniss machten, ihren Schifl's- 
baumeister Ameinokles nach Samos gehen liefsen, um den Samiern 
vier Kriegsschiffe zu bauen, so hängt dies wahrscheinlich mit dem 
lelantischen Kriege (S. 233) zusammen und bezeugt den Antheil 
Korinths an den grofsen Angelegenheiten der griechischen Han- 
delswelt ^"^). 

Der Trierenbau war der wichtigste Theil korinthischer Staatsin- 
dustrie, und wenn der erste Techniker dieses Fachs, wie der Name 
Ameinokles bezeugt, ein Patrizier war, so erkennen wir daran den 
eigenthümlichen Charakter der korinthischen Aristokratie, welche es 
nicht verschmähte, sich mit Handel und Industrie aufs Genaueste 
vertraut zu machen. 

Auch in der Finanzpolitik waren die Korinther weit voraus. Sie 
haben früher als die anderen griechischen Handelsplätze den gros- 
sen Vortheil erkannt, den es bei allen Berechnungen gewährt, wenn 
beide Edelmetalle auf gleichen Fufs gemünzt werden. Sie haben sich, 
wie die Chalkidier, den babylonischen Geldfufs angeeignet, vielleicht im 
Anschluss an Samos, ihren Bundesgenossen im lelantischen Kriege. 
Sie haben in griechischem Silber das Gold Asiens und itahsches Kupfer 
geprägt, überall die Vermittelnden, wie es ihrer Weltlage entsprach; 
auch in Betreff des Gegensatzes der Stämme, indem sie Dorier und 
Nichtdorier in einer Gemeinde vereinigten , und ebenso in Betreff der 
verschiedenen Begierungsgrundsätze. 17* 



260 



KORINTH UNTER PRYTANEN. 



Die Bakchiaden suchten der doppelten Aufgabe zu entsprechen, 
einerseits die einer Handelsstadt noth wendige, freie Entwickelung der 
Volkskräfte zu fördern, andererseits Zucht und Ordnung aufrecht zu 
erhalten und der mafslosen Neuerungssucht eines ionischen Markt- 
und Hafen Volks entgegenzutreten. Zu diesem Zwecke diente ihnen 
der Anschluss an Sparta, dessen Sache sie in den messenischen Krie- 
gen vertraten, so wie das dorische Kriegsvolk, welches hier wie in den 
kretischen Städten einer Geschlechterherrschaft als Stütze diente. Die 
Schwierigkeit der Aufgaben, welche den Leitern Korinths vorlagen, 
erweckte und übte das Nachdenken über die Fragen innerer Pohtik. 
Namentlich war es der Korinther Pheidon, welcher zu den Gründern 
poHtischer Wissenschaft unter den Griechen gehört. Er sah, wie der 
grofse Grundbesitz durch Zerstückelung immer mehr an Bedeutung 
verlor, während die Masse des von Handarbeit lebenden Volks unver- 
hältnissmäfsig anwuchs, so dass die Leitung der Masse immer schwie- 
riger wurde. Die Macht der Verhältnisse hatte es schon dahin gebracht, 
dass in keinem dorischen Staate die Gewerbtreibenden so günstig 
gestellt waren, wie in Korinth ; sie durften städtisches Grundeigenthum 
erwerben, und es war zu befürchten, dass sie sich mehr und mehr in 
den Besitz des besten Landes setzen würden, indem sie die verarmten 
Mitglieder der alten Geschlechter auskauften. Darum suchten Phei- 
dons Gesetze auf Erhaltung des grofsen Grundbesitzes und auf Be- 
schränkung der zuströmenden Einwohnerzahl hinzuwirken und da- 
durch den Einfluss der Altbürger auf das Gemeinwesen zu stärken. 

In Behandlung dieser schwierigen Frage traten schroffere und 
mildere Grundsätze einander gegenüber, und Parteiungen bildeten 
sich im Schofse der Begierung. In Folge solcher Parteizwiste war es, 
dass der Bakchiade Philolaos nach Theben auswanderte, wo man sich 
seine Erfahrung zur Ausbildung des dortigen Bechts zu Nutze machte. 
Man führte auf ihn ein Gesetz über Adoption zurück, welches wohl 
keine andere Bedeutung hatte, als durch eine zweckmäfsige Aufsicht 
des Staats die Erhaltung der Häuser und eines möglichst gleichmäfsi- 
gen Besitzstandes zu erzielen. Es sind Gesichtspunkte, welche an 
lykurgische Gesetze erinnern, und dass auch Besultate erzielt wurden, 
beweist der Umstand, dass selbst in Colonien wie Leukas der alte 
Grundbesitz sehr lange erhalten wurde. 

Während in den anderen peloponnesischen Staaten die Aristo- 
kratie verarmte, wusste man in Korinth Geburtsadel, Grundbesitz und 



KORINTH UMER PRYTANEN. 



261 



Geld zusammenzuhalten, und auch die Colonien dienten nach Vorbild 
der Mutterstadt den Interessen einer geschlossenen Zahl von Capita- 
listen. Das lehrreichste Beispiel liefert Epidamnos, wo die angesessene 
Bürgerschaft wie eine Handelsgesellschaft mit einem gemeinsamen 
Capitale auf gemeinschaftliche Rechnung arbeitete. Sie wählten 
jährlich aus der Mitte der angesehensten ihrer Mitglieder einen Com- 
missar (den 'Poletes'), der mit seinem Personal an Freien und Sklaven 
ins Binnenland reiste und den iMarkt besorgte, auf welcliem die 
griechischen Manufakturen gegen die Naturproducte Illyriens umge- 
setzt wurden. Die ganze Colonie war wie eine Aktiengesellschaft erl)- 
gesessener Capitalislen, die den Grofshandel als Monopol in Händen 
hatten 91). 

Das war altkorinthische Finanz- und Handelspolitik, deren Grund- 
züge von den Bakchiaden vorgezeichnet waren. 

Dennoch waren sie, die auch im Auslande als Autoritäten der Ge- 
setzgebung angesehen waren, auf die Dauer nicht im Stande, gewalt- 
samen Verfassungsänderungen vorzubeugen. Die Zahl der echten Bak- 
chiaden schmolz mehr und mehr zusammen, und je weniger ihrer 
waren, desto eifersüchtiger wachten sie über ihre Privilegien, desto 
mehr betrachteten sie den ganzen Staat als ihre Domäne, desto un- 
gerechter und unerträglicher erschien ihre Macht dem Volke. Ihr 
Hochmuth wurde immer verletzender, ihr weichliches Wohlleben 
machte sie verächtlich, und endlich trug auswärtiges Missgeschick, 
namentlich ein unglücklicher Krieg mit Kerkyra, dazu bei, den gäh- 
renden Unwillen gegen die Ohgarchen zum Ausbruche zu bringen. 

Die Revolution hing mit der Spaltung unter den korinthischen 
Adelsgeschlechtern zusammen. Die Bakchiaden nämlich heiratheten 
nur unter sich, um keinen Fremden in den engen Kreis regiments- 
fähiger Häuser sich eindrängen zu lassen. Dadurch waren andere 
Familien, deren Stammbaum auch auf die Gründung der Stadt zurück- 
ging, von allen Rechten und jeder Gemeinschaft mit dem regierenden 
Adel ausgeschlossen. Zu diesen Familien, die sich grollend zurück- 
gezogen hatten, gehörten auch die Nachkommen des Melas (S. 252). 
Sie hatten aufserhalb der Stadt im Gaue Petra ihren Wohnsitz und 
schienen allen ehrgeizigen Plänen fern zu sein. 

So geschah es, dass man kein Bedenken trug, einen Mann 
dieser Familie, Namens Eetion, wieder einer Familienverbindung mit 
den Bakchiaden zu würdigen. Diese Verbindung war aber in der 



262 



REVOLUTION IN KORINTH 30, 4 ; 657. 



That mehr eine Verhöhnung. Denn da der Bakchiade Amphion eme 
Tochter halte, welche ihrer Missgestalt wegen auf ebenbürtige Ver- 
mählung keinen Anspruch machen konnte, so gab er sie dem Eetion 
zur Frau, welcher sie nach Petra heimführte. Aus dieser Ehe ent- 
spross ein Sohn, dem das Orakel eine grofse Zukunft verhiefs. Die 
erschreckten Oligarchen suchen ihn umzubringen, aber Labda, die 
Bakchiadentochter, versteckt ihr Kind vor der Nachstellung ihrer Ver- 
wandten, und in stiller Zurückgezogenheit wächst Kypselos — so soll 
der Knabe von der Lade, in welcher die Mutter ihn geborgen hatte, 
genannt worden sein — zum Manne heran. In Wahrheit freilich ist 
aus dem Namen die ganze Legende entstanden. 

Neunzig Mal hatten die jährlichen Prytanen aus dem Hause der 
Bakchiaden gewechselt, als Kypselos diese Ordnung der Dinge um- 
stürzte. Auf die Gunst des Volks gestützt, machte er sich zum un- 
umschränkten Herrn von Stadt und Land, von Heer und Flotte und 
verstand es gegen dreifsig Jahre lang sich inmitten der vielbewegten 
Seestadt auf dieser Machthöhe zu erhalten. Als Verwandter der Bak- 
chiaden war er mit der früheren Politik des Staats vertraut und 
wusste sich daraus anzueignen, was ihm frommte. Deshalb stellte sich 
auch seine Tyrannis nicht in so schroffen Gegensatz gegen alles Frü- 
here, wie die sikyonische, und wenn er, wie berichtet wird, keiner 
Leibwache bedurfte, um bis an sein Ende Herr von Korinth zu sein, 
so ist es wahrscheinlich, dass er auch die dorische Kriegergemeinde 
für sein Interesse zu gewinnen wusste. Die Härte, welche dem Ky- 
pselos von seinen Gegnern vorgeworfen wurde, kann keine zwecklose 
gewesen sein. Seine Verbannungen trafen die Parteihäupter der 
Oligarchie, und wenn von seinen Gelderpressungen die Rede ist, so 
ist dies der dunkle Schatten, welcher überall dem Andenken der 
Tyrannen folgte, so viel Glanz auch sonst darauf ruhen mochte. Denn 
das war ja der Hauptunterschied eines freien Gemeinwesens und eines 
von Tyrannen regierten, dass in jenem nur bei vorkommenden Fällen 
die Bürger nach gemeinsamem Beschlüsse freiwillige Opfer dem 
Vaterlande brachten, während der Tyrann, um seine Truppen zu un- 
terhalten, den Hof zu bestreiten und die grofsen, zur Verherrlichung 
seiner Regierung bestimmten Arbeiten ausführen zu können, die Be- 
sitzenden regelmäfsig besteuerte. 

Der Kypseliden Weihgeschenke wurden sprichwörtlich neben den 
Pyramiden Aegyptens genannt. Zwei derselben, der Zeuskoloss aus 



KYPSELOS BIS UM 37, 4; 629. 



263 



getriebenem Golde und der Kasten des Kypselos gehörten zu den 
kostbarsten Stücken des reichen Inventars von Olympia. 

Es war ein sinniger Gedanke, dem rettenden Zeus jene Lade, in 
welcher Kypselos als Kind geborgen war, in Cedernholz künsthch 
nachgebildet, zu weihen. Dies Weihgeschenk wurde gleichsam ein- 
getaucht in den vollen Strom griechischer Sagenpoesie; denn auf 
zartem Elfenbeingetäfel waren in fünf verschiedenen Reihen über 
einander die wichtigsten Züge der nationalen Legenden dargestellt. 
Hexameter, mit Goldschrift aufgetragen, erläuterten die Darstellungen, 
welche zusammen ein wohlgerundetes Ganze bildeten und erwünschte 
Gelegenheit gaben, das junge Fürstenhaus an die Vorzeit der Hellenen 
anzuknüpfen, welcher es durch seine thessalischen Ahnen, die Minyer 
und Lapithen, angehörte. Indessen liefs man die persönlichen Be- 
ziehungen der Stifter ganz zurücktreten; eine fromme Zurückhaltung, 
welche uns nicht berechtigt, darum den Zusammenhang des Weih- 
geschenks mit der Geschichte der Kypseliden in Abrede zu stellen. 

Dem peloponnesischen Nationalgotte wurde durch Uebersendung 
eines solchen Prachtwerks eine dankbare Huldigung dargebracht, 
die Priesterschaft aber war für solche Beiträge zum Glänze des Heilig- 
thums nicht unempfänglich und liefs sich bereitwiUiger finden, die 
Interessen des Hauses zu fördern. Ebenso war die delphische Priester- 
schaft gewonnen und hatte mit ihrer Autorität die Verfassungsän- 
derung in Korinth wesentlich erleichtert. Ein eherner Palmbaum, 
aus dem mit Fröschen und Schlangen bedeckten Grunde stolz empor- 
schiefsend, verkündete in Delphi den Sieg des Kypselos, welcher eben 
daselbst im Namen der Gemeinde ein korinthisches Schatzhaus geweiht 
hatte ^'^). 

An dem kunstsinnigen Hofe des Machthabers von Korinth, in der 
Mitte weitreichender Handelsverbindungen, welche einen Ueberblick 
über die Städte der Hellenen in Asien und Afrika, Itaüen und Sicilien 
eröffneten, in dem durch Vorbild und Lehre erziehenden Umgange 
mit Weisen und Künstlern wuchs des Kypselos Sohn Periandros auf. 
Mit feuriger Seele nahm er alle Eindrücke in sich auf; er benutzte die 
Gunst seiner Stellung, um sich eine Bildung von ungewöhnlichem 
Umfange anzueignen, und wusste derselben so sehr das Gepräge seiner 
Persönlichkeit zu geben, dass er selbst unter den Weisen seiner Zeit 
als Weiser galt. Andererseits vermochte er nicht die Gefahren einer 
fürstlichen Jugend zu vermeiden. Er halte zu wenig gelernt fremde 



264 



PERIANDROS 37, 1 ; 629—48, 4 ; 586. 



Rechte zu achten; deshalb konnte durch alle Feinheit seiner Sitte und ' 
die milde Weisheit seiner Lebensanschauung die ungezähmte Wildheit 
eines nie gebeugten Eigenwillens durchbrechen. 

Als Periander die durch eine ruhige Regierung des Vaters be- 
festigte Herrschaft wie ein rechtmäfsiges Erbe antrat, hatte er schon 
längst in seinem zu theoretischen Retrachtungen aufgelegten Geiste 
seine Herrscheraufgabe reiflich durchdacht. In Allem zeigte er ein 
überlegtes Handeln, eine bewusste Politik. Er war der Systematiker^^ 
der Tyrannis, und die meisten Klugheitslehren, welche Herrschern in 
ähnlichen Verhältnissen gegeben zu werden pflegten, wurden auf Peri- 
andros zurückgeführt. 

Des Vaters Regierung erschien ihm als ein Uebergang; er glaubte 
sich berufen, den Thron der Kypseliden auf dem schlüpfrigen Roden 
einer neuerungssüchtigen Seestadt mit allen Mitteln äufserer Gewalt 
und feiner Klugheit dauerhaft zu befestigen. Er trennte sich vom 
Volke, damit der Ursprung seiner Macht vergessen wurde ; auf seiner 
hohen Rurg, wo er ungesehen den Verkehr der Golfe und des Isthmus 
überwachen konnte, safs er, von einer starken Leibwache umringt, in 
einem Kreise von Hellenen, welche er nach seinem Geschmacke aus- 
gewählt hatte. Sie bildeten einen kostspieligen Hof und verwöhnten 
ihn durch schmeichlerische Nachgiebigkeit. 

Das steigende Geldbedürfniss machte ihn zu einem Finanzpoli- 
tiker. Namentlich suchte er durch indirekte Resteuerung immer 
neue Finanzquellen zu eröffnen. Er erhob hohe Marktsteuern und ver- 
mehrte die Einkünfte von den Häfen. Gewiss hat er vor Allem dazu 
beigetragen, durch zweckmäfsige Einrichtung des Diolkos (S. 255) den 
isthmischen Verkehr zu beleben; ja er soll selbst ernstlich daran ge- 
dacht haben, einen Kanal durch die Landenge zu graben, so dass der 
ganze Seeverkehr vom ägäischen nach dem ionischen Meere durch 
sein Gebiet gegangen wäre und ihm die reichen Einkünfte eines Sund- 
zolls verschafft hätte. Aber weder Markt- noch Hafen- und Transit- 
zölle genügten; auch unmittelbar wurde das Vermögen der Rürger in 
Anspruch genommen und kostbarer Frauenschmuck, wie erzählt wird, 
mit herrischer Willkür eingefordert. Das Gehässige solcher Mafsregeln 
sollte aber dadurch gemildert werden, dass Periander das Geld nicht 
für sich behielt, sondern es zu aufserordentlichen Geschenken für die 
Götter verwandte. Auf fremde Kosten freigebig, machte er sich so 
bei den Göttern und ihren einflufsreichen Priesterschaften beliebt. 



PERIANDERS REGIERUNG. 



265 



mehrte den Ruhm der Stadt, beschäftigte eine Menge von Künstlern 
und Handwerkern und gewann an Popularität, indem er das Geld der 
Capitalisten unter die kleinen Leute brachte. 

Wie in Sikyon, so wurden auch hier die nicht-dorischen Gottes- 
dienste gepflegt. Es wurden die Culte des Landvolks in die Stadt ge- 
zogen und alle Pracht des Dienstes, dessen sich die Adelsgötter er- 
freuten, auf sie übertragen. So erwuchs in Korinth aus dem Dionysos- 
dienste der Dithyrambos und wurde als öfl'entlicher Cliorgesang unter , 
Leitung Axiftüs von Staatswegen ausgebildet. 

Auch das dorische Bürgerthum, welches noch in Korinth bestand, 
hat Periander als einen Herd republikanischer Gesinnung aufgehoben. 
Die Männer sollten nicht mehr bei den Gemeindewahlen in freiem Ge- 
spräche sich ergehen, die Jünglinge nicht mehr fröhlich in anfeuernder 
Gemeinschaft Leib und Seele üben. Unter allerlei Vorwänden wur- 
den diese Satzungen abgeschalft; die Gemeinde sollte wiederum in 
lauter Einzelhäuser aufgelöst werden, jeder Bürger sich nur um seinen 
Herd bekümmern und sich überall von dem Auge der Staatsgewalt 
beobaciitet fühlen. Ein eigener Polizeirath überwachte die Sitten. 
Denn auch das Privatleben war nicht freigegeben. Periander wollte 
Alles nach seinen Ideen gestalten und griff rücksichtslos in die gesell- 
schaftlichen Verhältnisse ein. Er trieb eine Menge von Familien aus 
der Stadt, um die Ruhe derselben vor den Gefahren der Uebervölke- 
rung zu bewahren. Er beaufsichtigte die Ilandthierungen ; er bestrafte 
die Müfsiggänger , er beschränkte die Zahl der Sklaven, züchtigte die 
Verschwender, forderte Rechenschaft vom Haushalte der Einzelnen. 
Die korinthische Tyrannis hat keine Zeit der Demokratie hinter sich; 
daher kommt es, dass sie mehr als anderswo in die Politik der Aristo- 
kratie und Ohgarchie einlenkt. 

Am grofsartigsten war seine Thätigkeit in der Ausdehnung der 
Seeherrschaft Korinths. Korinth, mit Argos und Sparta zerfallen, 
ohne Zusammenhang mit dem Binnenland, war in der That ganz auf 
die Inseln und Küsten angewiesen. Kerkyra wieder sicher zu machen, 
war einer der wichtigsten Zielpunkte der Kypseliden. Die wichtigsten 
Pflanzorte, namentlich Leukas, Anaklorion, Ambrakia, Epidamnos, 
Apollonia werden der Tyrannenzeit zugeschrieben und z. Th. aus- 
drücklich auf Periander als Gründer oder Neugründer zurückgeführt. 
Gewiss hat er auch das ganze Colonialwesen der Korinther am voll- 
kommensten organisirt. 



266 



PERIANDERS REGIERUNG. 



Dabei verfuhr er zuerst nach dem Gesichtspunkte dynastischer 
Pohtik, indem jüngere Söhne des Herrscherhauses in die Pflanzorte 
geschickt wurden. Der zweite Gesichtspunkt war die Herstellung eines 
reichsartigen Zusammenhangs der zertreuten Küstenplätze, die sich 
vom innersten Winkel des binnenländischen Golfs bis an die Gränze 
des adriatischen Meers über einen Raum von mehr als drei Breite- 
graden gegen Norden erstreckten. Ueberblickt man diesen Küsten- 
rand, so erkennt man, wie geschickt auf demselben die Stationen ver- 
theilt waren, welche bis jenseits der Akrokeraunien eine Kette bildeten, 
zu gegenseitiger Unterstützung wie zu gemeinschaftlichem Zusammen- 
hange mit der Mutterstadt wohl organisirt, durch Signalstationen sowie 
durch Wasser- und Landstrafsen unter einander verbunden. Ein be- 
sonderes Mittel zur Befestigung der Seeherrschaft war die Vereinigung 
von Mutterstadt und Colonien zu neuen Gründungen. Dadurch sollten 
die verschiedenen Plätze mehr und mehr mit einander verschmolzen 
und in eine gemeinsame Reichspolitik hereingezogen werden. Auch 
aufserhalb des eigentlichen Colonialgebiets suchten die Korinther, ganz 
nach Art der Phönizier, Theilnehmer für ihre Gründungen. So waren 
aus Elis die Dyspontier zum grofsen Theile nach Epidamnos und Apol- 
lonia ausgewandert, und dadurch war die peloponnesische Küstenbevöl- 
kerung in die Interessen von Korinth hereingezogen. Die Sicherung 
des westlichen Meers und die Ausbreitung griechischer Bevölkerung 
an seinen Küsten galt immer für ein besonderes Verdienst Perianders. 
Wenn er früher gefallen wäre, sagt Plutarch, so würden weder in Apol- 
lonia noch in Anaktorion noch in Leukas Hellenen wohnen. 

Vier und vierzig Jahre hat Periander in Korinth geboten, bei 
aller Härte als ein Muster fürstlicher Klugheit weithin anerkannt, mit 
seiner Flotte mächtig vom ionischen Meere bis nach Thrakien. Bei der 
einsichtsvollen Gunst, welche er allen edleren Bestrebungen der Wis- 
senschaft und Kunst zuwandte, ist nicht zu zweifeln, dass er auch als 
Staatsmann edle Ziele verfolgte. Er war anfangs nachsichtiger, leut- 
seliger als sein Vater ; er gefiel sich darin, eine freiere Bewegung zu 
gestatten. Damals hörte man von ihm das schöne Wort, dass ein 
Fürst, welcher sicher thronen wolle, sich mit Wohlwollen und Liebe, 
aber nicht mit Waffen und Leibwächtern umgeben müsse. Er hatte 
eine zu reiche, hellenische Bildung, als dass er nicht Tugend und 
Freundschaft und alle höchsten Güter des Menschen in ihrem Werthe 
hätte erkennen sollen. Er wollte die Menschen beglücken, aber er 



PERIANDERS ALTER. 



267 



wollte es auf seine Weise, nach seiner Theorie. Wenn ihm dies 
misslang, so hatte er nicht die Kraft der Selbstüberwindung, um in 
Geduld andere Wege zu versuchen, sondern durch jeden Widerstand 
gereizt, über jedes Misslingen erbittert, wollte er erzwingen, was auf 
dem Wege der Güte nicht zu Stande kam. Eine Gewaltmafsregel rief 
die andere hervor; jedes tyrannische Mittel, das er in Anwendung 
brachte, trennte ihn weiter von seinem Volke und weiter von seinem 
eigenen besseren Selbst®^). 

Der alle Periander war ein ganz anderer Mann als der, welcher 
unter so grofsen Hoffnungen den Thron der Kypseliden bestiegen 
hatte. Man schrieb die Veränderung dem Einflüsse zu, welchen der 
Verkehr mit anderen Tyrannen, wie Thrasybulos von Milet, und ihr 
ansteckendes Beispiel auf ihn gehabt hatte. Auch mögen Empörungs- 
versuche und auswärtige Drohungen dazu beigetragen haben, ihn 
immer mehr zu einem argwöhnischen Despoten zu machen. Endlich 
war es häusliches Unheil, welches mit den schwärzesten Wolken das 
Haupt des alternden Periander umzog und seinen Sinn verfinsterte. 
Er hatte nämlich die Tochter des Tyrannen Prokies zur Frau, Lyside 
aus Epidauros, die er liebgewonnen hatte, als er sie im Palaste ihres 
Vaters erblickte, wie sie anmuthig im leichten dorischen Gewände 
umhervvandelnd bei einem Festschmause den Dienstleuten Wein ein- 
schenkte. Er nannte sie als seine Gemahlin Mehssa. 

Nachdem Melissa ihm zwei Söhne und eine Tochter geboren 
hatte, starb sie plötzlich, und wer es wissen wollte, wusste, durch 
wessen Schuld. Auf Periander lastete der Fluch eines bösen Gewis- 
sens, das er durch abergläubische Mittel beschwichtigen wollte. Er 
verkehrte mit dem Todtenorakel am Acheron in Epirus, wo ihm der 
Geist der Melissa erschien, und feierte ihr ein glänzendes Leichen- 
begängniss, wobei er die Prachtgewänder der korinthischen Frauen im 
Heiligthume der Hera verbrannt haben soll. 

Indessen waren in argloser Unschuld die Kinder der MeUssa auf- 
gewachsen. Die beiden Söhne, Kypselos und Lykophron, wanderten 
gerne zum Grofsvater an den Hof zu Epidauros. Prokies zog sie an 
sich heran und da er sie zum Ernste des Lebens gereift fand, legte er 
ihnen eines Tags, als er sie aus seinem Palaste geleitete, die Frage 
vor, ob sie den Mörder ihrer Mutter kennten. Der ältere, stumpf- 
sinnige achtete der Frage nicht, Lykophron aber, dem jüngeren, drückte 
sie einen Stachel in die Brust. Er ruhte nicht, bis er Gewissheit 



268 



PERIANDERS ALTER. 



hatte, und dann warf er sich mit ganzer Leidenschaft in diesen ersten 
Schmerz seines Lebens, so dafs er kein anderes Gefühl mehr kannte als 
den Jammer um seine Mutter und den Abscheu gegen seinen Vater. 
Periander fand den Sohn gänzlich verändert; er konnte ihm keinen 
Grufs, keinen Blick abgewinnen ; zornig stiefs er ihn aus seinem Hause 
und verbot bei schwerer Strafe dem ungerathenen Sohne die Thüre 
eines Bürgerhauses zu öffnen. Bald sah man ihn, wie er entstellt 
durch Hunger und Vernachlässigung des Leibes in den Hallen der 
reichen Stadt sich umhertrieb, einem irrsinnigen Bettler ähnlicher als 
dem in Purpur geborenen Sohne des grofsen Periander. Da jammerte 
den Vater seines Sohnes; er trat zu ihm, da er ihn durch die Noth 
gebrochen glaubte; er lud ihn in sein Haus, er bot ihm Alles, was 
dem reichsten Thronerben in Hellas zukam ; er solle erkennen, wie 
viel besser es sei, beneidet als bejammert zu werden; er erhielt aber 
keine andere Antwort als die höhnende Warnung: 'er werde in 
Strafe genommen, weil er mit Lykophron geredet habe !' 

Es blieb nichts übrig, als ihn fortzuschicken. Er Hefs ihn nach 
der Insel Kerkyra bringen, welche durch die Kypseliden wieder unter 
die Botmäfsigkeit Korinths zurückgeführt worden war, und hoffte, 
dafs er dort, den Eindrücken des Elternhauses entrückt, zur Vernunft 
kommen würde. Dort blieb er Jahre lang wie vergessen und ver- 
schollen. Periander aber wurde es in seinem verödeten Palaste immer 
banger und unheimlicher, je älter er w urde, je mehr die Spannkraft 
des Geistes nachliefs, mit welchem er die weitläuftigen Regierungs- 
geschäfte leitete. Der jüngere Sohn war seine einzige Hoffnung; auf ihn 
hatte er für die Zeit seines Alters gerechnet; in seiner mächtigen 
Willenskraft hatte er die Dauer seiner Dynastie verbürgt gesehen. 
Nun bewährte sich durch unseliges Geschick diese Willenskraft in 
trotziger Empörung; von dem einzigen Menschenherzen, um dessen 
Liebe es ihm zu thun war, sah er sich verabscheut, und seine Lebens- 
pläne scheiterten an dem, auf dem sie gebaut wurden. 

Was half es dem unglückhchen Greise, dass er Prokies, den Ur- 
heber des Unheils, mit Krieg überzog und das Land seines Schwieger- 
vaters nebst Aigina mit dem korinthischen Gebiet vereinigte! Der 
Fluch der Melissa bheb über ihm, und der stolze Mann musste von 
Neuem bittend an seinen Sohn sich wenden. Er schickte seine Toch- 
ter nach Kerkyra. Sie musste dem Bruder das einsame Alter des 
Vaters, die drohende Gefahr der Dynastie vorhalten. Umsonst; er er- 



PERIANDERS ENDE 48, 4; 585. 



269 



klärte niemals nach Korinth zu kommen, so lange er dort den Mörder 
seiner Mutter erblicke. Perianders Kraft war gebrochen, er entschloss 
sich, Alles zu opfern, um nur nicht seines Hauses lauernde Feinde 
triumphiren zu sehen. Von Neuem landet eine Triere in Kerkyra. 
Ein Herold verkündet, Periander wolle seinem Sohne die Herrschaft 
abtreten, der Vater wolle den Rest seiner Tage in Kerkyra verleben. 

Lykophron war in seinem Herzen immer ein Fürst geblieben. 
Sein Wille hatte gesiegt; er hoffte jetzt mit allen Mitteln eines Herr- 
schers von Korinth das Andenken der Mutter ehren zu können. Er 
Hefs antworten, er werde kommen. Aber noch ruhte der Fluch des 
Hauses nicht. Die Aussicht, dass Periander, der von Jahr zu Jahr 
menschenfeindlicher geworden war, bei ihnen Wohnung machen 
wolle, erfüllte die Kerkyräer rnit peinhcher Angst; es kam ihnen Alles 
darauf an, seine Pläne zu vereiteln ; sie ermordeten Lykophron, und 
somit waren alle Schritte tiefster Demüthigung, zu denen sich der 
Tyrann entschlossen hatte, erfolglos. Die Kerkyräer bekamen nun 
doch sein zorniges Angesicht zu sehen, indem er sie als Rächer des 
Sohnes mit seiner Kriegsflotte heimsuchte, ihre Insel brandschatzte 
und ihre edelsten Jünglinge zu schändlicher Verstümmelung an den 
lydischen Hof schickte; aber die Macht der Kypseliden war für alle 
Zeit gebrochen. Von der Last des Grams gebeugt, legte sich der 
Fürst, welchen seine Dichter als den Reichsten, Weisesten und Glück- 
lichsten aller Hellenen gepriesen hatten, auf sein einsames Sterbelager. 

Man merkt der Darstellung Herodots an, dass ihm auch hier, 
wie bei Kleisthenes, poetische Quellen vorlagen. Daher treten ein- 
zelne Gruppen von Begebenheiten, welche besonders geeignet sind, 
das allgemeine Interesse zu erregen, mit einer Fülle von Einzelheiten 
ausgestattet, in abgerundeter Form uns lebendig entgegen, während 
keine Geschichtsschreibung thätig war, die Tyrannenzeiten in ihrem 
ganzen Verlaufe darzustellen. Man wird auch bei der poetisch über- 
lieferten Begebenheit den Kern historischer Wahrheit nicht in Abrede 
stellen, wenn es auch unmöglich ist, die poetische Ausschmückung 
von diesem Kerne zu unterscheiden. 

Bei dem Tode Perianders bestand eine Nebenlinie in Ambrakia. 
Hier hatte ein jüngerer Sohn des Kypselos, Namens Gordias, eine 
Herrschaft gegründet; Gordias' Sohn, Psammetichos, eilte nach Ko- 
rinth, um seinem Oheim als Thronerbe zu folgen. Aber kaum drei 
Jahre vermochte er das Regiment zu behaupten. Unter spartanischem 



270 



ENDE DER KYPSELIDEN 49, 3; 582. 



Einflüsse wurde eine dorische Verfassung hergestellt; die vertriebenen 
Famihen kehrten zurück. Die ganze Regierung der Kypseliden er- 
schien nun wie eine frevelhafte Unterbrechung der gesetzlichen Ver- 
fassung, und die jüngeren Geschlechter lernten Perianders Namen 
wie den eines fluchwürdigen Despoten verabscheuen. So hatte die 
Pythia Recht behalten, welche seinen Vater einst, da er an ihrem 
Dreifufse die Zukunft seines Hauses erforschte, also empfangen hatte: 
Glücklich preis' ich den Mann, der jetzo die Schwelle 
betreten ! 

Kypselos ist es, Eetions Sohn; ein Fürst von Ko- 
rinthos, 

Kypselos selbst und die Kinder, doch nimmer die 
Söhne der Kinder^*). 



Oesthch von Korinth hatte sich auf dem Boden einer karisch-le- 
legischen und dann ionischen Bevölkerung in Folge der Wanderungen 
der Staat Megara gebildet (S. 109). Auch hier waren Dorier einge- 
drungen, und zwar unter der Leitung derselben Geschlechter, welche 
Korinth gestiftet hatten. Die korinthischen Bakchiaden hatten das 
Nachbarländchen in Abhängigkeit zu erhalten gewusst, und die Mega- 
reer wurden, wie die lakonischen Periöken, angehalten, beim Ableben 
eines heraklidischen Königs zur pflichtmäfsigen Trauer sich einzu- 
stellen. Nach dem Ende des Königthums gelang es den in Megara an- 
sässigen Geschlechtern Selbständigkeit zu gewinnen. Als die Gränz- 
hüter der dorischen Halbinsel, von übermächtigen Nachbarn um- 
geben, haben sie ihre Freiheit zu wahren gewusst, und mit welchem 
Erfolge sie nach dorischer Sitte der Abhärtung des Leibes und der 
kriegerischen Gymnastik oblagen, beweisst Orsippos, welcher den 
Namen seiner Vaterstadt verherrlichte, als er Olympias 15; 720 v. Chr. 
im olympischen Stadium zuerst unter allen Hellenen ganz unbekleidet 
lief und siegte; unter demselben Orsippos gelang es den Megareern, 
ihre alten Landesgränzen wieder herzustellen®^). 

Ein kräftiger Adel, dem eingeborenen Volke angehörig, von do- 
rischen Kriegsleuten umgeben, hielt das Regiment in Händen; er 
hatte die Stadt inne und die reichen Ackerfluren umher, während die 
Leute der Gemeinde auf dem schlechteren Boden des Gebirgs und 
Strandes zerstreut wohnten und nur an den Markttagen ihre Pro- 
dukte zur angewiesenen Stelle brachten. Der Ueberfüllung des Länd- 



GESCHICHTE VON MEGARA. 



271 



chens wussten die Oligarchen durch Aussendung von Colonien vor- 
zubeugen, indem sie des Landes günstige Lage an zwei Meeren be- 
nutzten, und zwar schlössen sie sich zuerst den Korinthern an, wie 
das siciHsche Megara beweist; dann aber wendeten sie sich mehr 
nach der Ostseite, breiteten ihre Macht aus und folgten den weiteren 
Bahnen, welche die Chalkidier nach den nördlichsten Gestaden des 
Archipelagos eröffnet hatten. In engem Fahrwasser zu Hause, such- 
ten sie mit Vorliebe ähnhche Seegegenden auf und waren besonders 
eifrig sich an den Küsten der Propontis anzusiedeln. Schon um 
Ol. 26 (674) fassten sie an dem Eingange zum Pontus festen Fufs, 
erst am asiatischen Ufer, und dann gründeten sie schräg gegen- 
über Byzantion (658). Das kleine Megara war ein zweites Korinth, 
eine Weltstadt, deren Bürger von skythischen Sklaven bedient wur- 
den; ihr Hafen Nisaia, der belebteste Hafenort, der Ausgangspunkt 
für die Auswanderung Mittelgriechenlands nach den nordischen Ge- 
wässern, welche von den Ohgarchen mit grosser Klugheit geleitet 
wurde, indem sie durch den Abzug der unruhigen Bevölkerung ihre 
Herrschaft sicherten, zugleich aber auch die Bhederei und alle da- 
mit zusammenhängenden Geschäfte in Megara zu ungemeiner Blüthe 
brachten. 

Hierin lag auch der Keim ihres Sturzes. Denn sie konnten nicht 
alle Vortheile für sich und ihre Standesgenossen allein ausbeuten; sie 
konnten nicht verhindern, dass mit dem steigenden Wohlstande das 
Volk Selbstgefühl gewann und sich an der damals allgemeinen Er- 
hebung der unteren Stände gegen oligarchische Bevormundung be- 
theihgte. Die Parteien waren längst vorhanden und standen sich 
schon lange lauernd gegenüber, als Theagenes die Leute der Ge- 
meinde zu einer kecken Gewaltthat führte, mit welcher die Bevo- 
lution in Megara zum Ausbruche kam. 

Die nächste Veranlassung war eine unscheinbare. Es handelte 
sich um einen Weidestrich am Flüsschen von Megara, welchen die 
Altbürger benutzten, ohne, wie die Anderen sagten, das Becht zu 
haben. Theagenes überfiel die Heerden, liefs den grössten Theil der- 
selben schlachten, und als der Adel ihn zur Bechenschaft forderte, 
liefs er sich von dem Volke eine Leibwache geben, welche ihn in 
Stand setzte, dem Adelsregimente ein Ende zu machen und im 
Namen des Volkes, wahrscheinlich von benachbarten Tyrannenhäusern 
unterstützt, alle Macht an sich zu nehmen. 



272 



MEGARISCHE ZUSTÄNDE. 



Nun kehrten sich alle Verhältnisse plötzlich um. Die Männer des 
Demos, welche sich bis dahin 'wie scheue Hirsche' fern gehalten 
hatten, zogen in die Stadt; die Gewerbetreibenden waren nun die 
Herren und triumphirten über die gefallene Gröfse der Geschlechter. 
Theagenes liefs es sich angelegen sein, diesen Wendepunkt des öffent- 
lichen Lebens als den Anfang einer neuen Zeit glänzend zu bezeich- 
nen. In langem Kanäle zog er die Wasseradern des Gebirgs in das 
Herz der Stadt, wo das Wasser in einer Fontäne aufsprudelnd den 
Marktplatz schmückte. Die Stadt war jetzt in neuem Sinne des Lan- 
des Mittelpunkt geworden; die gehässigen Schranken waren gefallen, 
welche die verschiedenen Gebiete und Stände des Landes getrennt 
gehalten hatten, und entfesselt regten sich alle Kräfte, welche seit 
langer Zeit in Gährung waren. 

Theagenes selbst, obwohl klug und entschlossen, und nach Art 
der Tyrannen auf auswärtige Verbindungen gestützt, vermochte nicht 
des aufgeregten Volkes Meister zu bleiben. Nach seinem Falle gelang 
es kurze Zeit einer gemäfsigten Partei, den Staat zu lenken; dann 
aber kam das Ruder von Neuem in die Hände von Volksführern, 
welche der wildesten Parteiwuth das Wort redeten. 

In Megara war die ganze Erhebung von Anfang an ein Aufstand 
gegen die Reichen gewesen; denn die Oligarchen hatten lange Zeit 
Grundbesitz, Heerdenbesitz und Kapital in ihren Händen vereinigt; 
sie hatten mit ihrem Gelde Handel, Rhederei und Rankgeschäft be- 
trieben. Darum hatte gerade hier die Rewegung einen mehr sozialen 
als politischen Charakter. Daher war die Leidenschaftlichkeit so grofs, 
die Verwirrung so tief greifend, die Ausgleichung so schwer. Man 
schritt zu der Mafsregel vor, die den KapitaHsten gezahlten Zinsen zu- 
rückzufordern. Verbannung der Regüterten, Einziehung der Lände- 
reien wurde, nachdem das Volk einmal solche Gewaltmittel kennen 
gelernt hatte, ohne alle Mäfsigung geübt; am Ende war die Zahl der 
von Haus und Hof Vertriebenen so grofs, dass diese aufserhalb des 
Staats eine Macht bildeten, welche grofs genug war, sich ihr Vater- 
land wieder zu erobern und eine bewaffnete Reaktion durchzuführen. 
So schwankte der unglückliche Staat zwischen den Leidenschaften 
unversöhnlicher Parteien hin und her und rieb sich auf in heillosem 
Rürgerkampfe. 

Unter diesen Kämpfen ist Theognis aufgewachsen, ein Mann, den 
wir nur aus seinen Dichtungen kennen, d. h. aus den geringen lieber- 



THEAGENES VON MEGARA UM 560. 



273 



resten, welche mit Recht seinen Namen tragen. Er war ein echter Ge- 
legenheitsdichter. Mitten in den Ereignissen stehend, gab er seiner 
Freude und seinem Schmerz, seiner Liebe und seinem Hass in kurzen 
an seine Freunde gerichteten Sendschreiben einen poetischen Aus- 
druck. Es sind Ergüsse des heftig bewegten Parteimannes, der mit 
wunderbarer Kraft das Wort beherrscht; er ist zugleich ein Mann von 
philosophischem Geiste, welcher seinen Aussprüchen eine allgemeine 
Bedeutung, einen ethischen Inhalt zu geben weifs, wodurch sieden 
Charakter von Denksprüchen erhalten, die sich um so tiefer dem Ge- 
müthe einprägen. Wenn ein solcher Dichter, den wir nur mit Solon 
vergleichen können, in Megara sich bilden, wenn er hier für seine 
Elegien ein empfängliches Ohr finden , wenn er daran denken konnte, 
seine politischen Ueberzeugungen, seine Wehmuth über den Um- 
schwung der Dinge, seinen Hass gegen die Störer des Friedens in so 
vollendeten Gedichten auszusprechen, so müssen wir in der That eine 
aufserordentliche Höhe geistiger Bildung voraussetzen , namentlich in 
den Lebenskreisen , welchen der Dichter angehörte. Seine Standesge- 
nossen betrachtet er deshalb auch als eine besondere Menschenklasse; 
es sind ihm die 'Gebildeten', die 'anständigen Leute', die 'Besten'. Sie 
waren bis dahin auch die Ersten, die Einzigen im Staate gewesen ; nun 
ist das Alles anders geworden. Die Leute von draufsen prassen in den 
Gütern der alten Bürger, die ihres Erbguts beraubt sind, sie wissen 
von Recht und Gesetz zu schwatzen ; das alle Megara ist nicht wieder 
zu erkennen — 

'Freilich die Stadt steht noch; doch die Bürger sind nicht 
dieselben ; 

'Menschen, die nichts vom Recht wissen, bewohnen sie jetzt, 
'Menschen, die sonst, die Hüften vom Ziegenfelle zerrieben, 
'Scheu wie Hirsche sich nie unter die Bürger gemengt.' 
Er hat die Stadt verlassen. Wie ein zweiter Odysseus ist er zu 
Lande und zu Wasser umhergezogen , eine neue Heimath zu suchen, 
dennoch hat er sein Megara nicht vergessen können : 

'Bin ich doch zum sicihschen Strand vor Zeiten gekommen, 

'Hab' in Euboia die weinschwellenden Fluren besucht, 
'Sparta, die herrhche Stadt am schilfumkränzten Eurotas, 

'Und wohin ich gereist, fand ich die freundlichste Huld: 
'Dennoch wollt' es meinem Gemüth nicht draufsen behagen, 
'Und ich fühlte, wie nichts heimische Fluren ersetzt'. 

Curtius, Gr. Gesch. I. 6. Aufl. 18 



274 



THEOGNIS VON MEGARA. 



Er kommt zurück und sieht, wie das Gesinde des früheren Guts- 
herrn in stumpfer Gleichgültigkeit sich in der Stadt seines Lebens 
freut, und ruft in herbem Schmerze : 

'Wie vermögt ihr fröhhch zu sein beim Schalle der Flöte, 

'Seht ihr doch von dem Markt unserer Fluren Bereich, 
'Deren Ertrag uns nährte — da trugen wir Glücklichen immer 

'Unsere Locken mit rothblühenden Kränzen geschmückt; 
'Darum scheer' o Skythe das Haupt, lass schweigen die Flöte 

'Und beklage des hold duftenden Gutes Verlust !' 
Am meisten beklagt der Dichter, dass des Geldes halber auch 
Standesgenossen mit Leuten der Gemeinde Verbindungen eingehen, 
und deshalb ist es seine wichtigste Aufgabe, die, welche noch treu 
geblieben sind, in der rechten Gesinnung zu erhalten, namentlich die 
Jugend, damit sie sich durch Bildung und Sitte den inneren Vorzug 
bewahre, wenn auch die äufseren Vortheile durch rohe Gewalt ent- 
rissen werden können. 

So sind seine Gedichte ein Ritterspiegel, in welchem- das aristo- 
kratische Standesbewusstsein seinen vollen Ausdruck findet; darum 
sind sie für die innere Geschichte der ganzen Zeit von so grofser Be- 
deutung; unter Anderem auch dadurch, dass sie durchaus keinen 
Gegensatz zwischen dorischem und ionischem Wesen zeigen. Die in 
Folge dorischer Einwanderung an das Regiment gekommenen Ge- 
schlechter sind eben so gut lonier, wie die ältere Bevölkerung des 
Ländchens, welches nur ein Stück von Attika war. Daher auch der 
Wunsch nach Versöhnung, der Versuch zu vermitteln, welcher hie 
und da bei dem Dichter mit einer Milde, die an Solon erinnert, zum 
Ausdrucke kom^mt: 

'Wandle besonnen mit mir , mein Freund , auf mittlerer Strafse, 

'Deiner Partei gieb nie, was du der andern versagst.' 
Dann bricht aber auch wieder die Wuth der Partei mit ungezähmter 
Wildheit durch, und wenn der Dichter den Wunsch ausspricht, das 
Blut seiner Feinde zu trinken, so giebt dies einen Begriff von der 
Leidenschaft, welche die Masse des Volks bewegt haben muss. An 
dieser Hitze politischer Aufregung hat der Staat von Megara sich zu 
Grunde gerichtet und die Kraft seines Volkslebens für immer er- 
schöpft, so dass er nach den ruhmvollen Zeiten, Welche etwa die 
beiden Jahrhunderte seit Anfang der Olympiaden ausfüllen, niemals 
wieder zu einer selbständigen Geltung hat gelangen können ^^). 



THEüGNIS VON MEGARA UM 550. 



275 



Eine Geschichte der peloponnesischen Tyrannis zu geben ist un- 
möglich. Wir haben eine Reihe von Thatsachen vor uns, welche mit 
einer Fülle von Einzelheiten überliefert sind; wir sehen einzelne, mit 
l)oetischer Färbung hell beleuchtete Culturbilder, welche uns von der 
gährenden Bewegung des siebenten Jahrhunderts, von dem Luxus der 
Höfe und dem Kampfe der Stande eine lebendige Anschauung geben ; 
wir sehen mit Staunen diese Fülle von Lebenskeimen, die auf so 
engen und nahe zusammenliegenden Gebieten, wie Argos, Korinth, 
Sikyon, Megara so viele verschiedene Formen geschichtlicher Gestal- 
tung hervorgerufen hat, wir sehen die hohe Entwickelung des ganzen 
geselligen Lebens in überraschender Weise vor unsern Augen. Tritt 
uns doch in solchen Figuren, wie der des Titormos (S. 250), schon 
eine gewisse Uebersättigung und ein Ueberdruss entgegen. Aber jener 
hellen Beleuchtung einzelner Gruppen von Personen und Verhältnissen 
liegen Quellen zu Grunde, welche nicht als geschichtliche Ueberhefe- 
rung anzusehen sind; über andere Gebiete der Zeitgeschichte, die 
Tyrannis in Argos, Orchomenos, Pisa, fehlt es ganz an Quellen und 
der Zusammenhang zwischen den gleichzeitigen und gleichartigen 
Thatsachen peloponnes ijcher Ge schichte lässt sic h mehr ahnen als 
mit Sicherheit nachwei seii. 

In Argolis hatte die grofse Volksbewegung sich zuerst Bahn ge- 
brochen. Pheidon gehörte noch zu der Klasse von Tyrannen, die nach 
Aristoteles die ältere war, diejenige, welche auf Grundlage einer er- 
erbten Königsmacht die Gewaltherrschaft gründete. Indessen zeigt 
die Ueberlieferung von ihm schon deutlich den Anbruch einer neuen 
Zeit, die volle Entwickelung von Seefahrt, Handel und Geldverkehr, 
wie sie im siebten Jahrhundert unter der peloponnesischen Küsten- 
und Inselbevölkerung eingetreten war. Er benutzte den Geist der 
neuen Zeit, um Sparta gegenüber eine Fürstenmacht zu bilden, 
welche der Geschichte der ganzen Halbinsel eine neue Wendung zu 
geben schien. Aber es war ihm nicht möglich gewesen, die gährenden 
Volkskräfte, welche er zu seinem Werke aufgeboten hatte, zusammen- 
zuhalten. Seine Herrschaft war eben so schnell, wie sie entstanden 
war, wieder aus einander gefallen, während die begonnene Bewegung 
unaufhaltsam ihren Fortgang nahm. 

Auf dem aufgewühlten Boden seines Reichs, in den Nachbar- 
städten, welche wahrscheinlich eine Zeitlang durch ihn in Abhängig- 
keit von Argos gebracht waren, namentlich Sikyon und Korinth, ent- 

18* 



276 



DAS ZEITALTER DER TYRANNEN. 



wickelte sich die Tyrannis zu dauerhafterer Macht, nachdem Pheidon 
die Schwäche Spartas deutlich gemacht hatte. 

Die Kypseliden haben in Ambrakia eine Seitenlinie auf den 
Thron gebracht, welche nach Perianders Tode in Korinth folgte ; sie 
waren mit dem Hause des Prokies in Epidauros verschwägert. Prokies 
wiederum mit Aristokrates , dem Dynasten von Orchomenos, dem 
treulosen Bundesgenossen der Messenier (S. 200). Theagenes ver- 
suchte seinem Schwiegersohne Kylon eine Tyrannis in Athen zu 
gründen. Pheidon selbst hatte schon mit den pisäischen Tyrannen 
gemeinsame Sache gemacht. Kleisthenes' Bestrebungen, weitreichende 
Verbindungen zu Handels- und Herrschaftszwecken zu schliefsen, 
haben wir kennen gelernt. 

Wie Handel und Staatenverkehr in Griechenland zunahm, breitete 
sich unverkennbar auch die Tyrannis immer weiter aus, und zwar 
war es nicht blofs eine unwillkürliche Ansteckung, welche epidemisch 
von Stadt zu Stadt fortschritt, sondern eine planmäfsige Verbindung, 
welche zur Befestigung und Ausbreitung tyrannischer Macht zwischen 
den einzelnen Machthabern zu Stande kam. 

Nun hatten die Spartaner allerdings keine vorörtliche Stellung 
der Art, dass sie durch dieselbe berechtigt oder verpflichtet gewesen 
wären, die Verfassung der Halbinselstädte zu controHren. Diese hat- 
ten vielmehr im Innern ihre volle Autonomie. Indessen war mit der 
Hegemonie doch eine gewisse Verpflichtung verbunden, allen Gefahren 
vorzubeugen, welche der Ruhe und Sicherheit der Halbinsel sowie 
dem Bestände ihrer gemeinschafthchen Einrichtungen drohten. Dies 
conservative Interesse verband sie mit den Adelsgeschlechtern, welche 
den demokratischen Bewegungen, aus denen die Tyrannis hervorging, 
feindlich gegenüberstanden. Sparta musste in diesen Bewegungen 
eine revolutionäre Propaganda erkennen, welche der politischen Ord- 
nung, die es zu vertreten hatte, in immer weiteren Kreisen Um- 
sturz drohte. 

Die Gesammtverfassung der Halbinsel, welche unter Spartas Lei- 
tung zu Stande gekommen war, konnte dabei nicht bestehen. Denn 
wenn das peloponnesische Nationalheiligthum von den Tyrannen auch 
die glänzendsten Huldigungen empfing, so war doch auf Leistungen, 
welche das Bundeshaupt von den Staaten der Halbinsel in Anspruch 
nahm, ihrerseits nicht zu rechnen. Die gewaltsamen Verfassungsän- 



SPARTA UND DIE TYRANNIS. 



277 



derungen, die Vertreibung heraklidischer Geschlechter, die Demüthi- 
gung und Verhöhnung der dorischen Stamme war eine thatsächliche 
Aufkündigung des Gehorsams, eine offene Feindseligkeit gegen den 
dorischen Vorort. 

Es war aber nicht blofs die fortschreitende Auflösung der pelo- 
ponnesischen Eidgenossenschaft, welche Sparta beunruhigen musste, 
sondern auch die Gefahr im eigenen Hause, welche mit der Befesti- 
gung der Tyrannenherrschaften in bedenklicher Weise zunahm. Denn 
im ganzen Umkreise der peloponnesischen Gestade fehlte es nicht an 
Volkselementen, welche zur Auflehnung gegen die dorische Staats- 
ordnung geneigt waren; ja unter seinen eigenen Herakhden hatte 
Sparta Fürsten gehabt, welche dieselbe Richtung verfolgten wie Phei- 
don. Endlich hatten auch die Tyrannen sehr ernsthafte Versuche gTs- 
macht, Staatenbildungen gegen Sparta in's Leben zu rufen. Sparta's 
Einfluss auf Mittelgriechenland war durch den krisüischen Krieg be- 
seitigt; Delphi war auf die Seite der Tyrannen hinübergezogen worden. 
Wie leicht konnte auch das peloponnesische Nationalheiligthum wieder 
in Tyrannen gewalt verfallen ! 

Die Tyrannis war wahrend der Schwäche Spartas aufgekommen; 
sie hatte um sich gegriffen, weil Sparta die Küsten der Halbinsel 
gegen die ansteckenden Einflüsse der jenseitigen Seestädte nicht hatte 
absperren können, weil es durch innere Unruhe lange gehemmt, 
durch die messenischen Kriege beschäftigt, die ferneren Gegenden 
nothgedrungen sich selbst überlassen hatte. Sowie es freie Hand ge- 
wann, musste es daher seine politische Aufgabe darin erkennen, der 
Tyrannis, soweit seine Macht reichte, entgegen zu treten, die Re- 
volution zu bekämpfen und die entarteten Staaten zur alten Ordnung 
zurückzuführen. 

Die Schwierigkeit dieser Aufgabe wurde dadurch erleichtert, dass 
die Tyrannis im eigenen Lande meist auf unsicherem Boden stand 
und die Keime der Auflösung in sich selbst trug. Die Spartaner 
hüteten sich daher, ungeduldig zuzufahren; mit kluger Vorsicht war- 
teten sie ab, bis die bittere Frucht der Tyrannis reif war und unter 
dem Drucke des Despotismus die Sehnsucht nach gesetzlicher Ord- 
nung wieder rege wurde. Einen zweiten Bundesgenossen hatte Sparta 
im Lager seiner Feinde; das war die Selbstsucht der einzelnen 
Tyrannen, deren jeder nur die eigene Hausmacht im Auge hatte. Des- 
halb konnte es zwischen ihnen niemals zu einer festen Verbindung, 



278 



SPARTA UND DIE TYRANNIS. 



ZU einer dauerhaften Coalition gegen Sparta kommen. Sie waren 
unter einander feindlich, wie Sikyon und Korinth, oder wenn sie sich 
wirklich zu gemeinsamem Kampfe verbanden, so liefsen sie sich gegen- 
seitig im Stiche und gaben Sparta die Möglichkeit, seine Feinde ein- 
zeln zu besiegen. 

Der erste der peloponnesischen Tyrannen war ohne Zweifel auch 
der gefährlichste, weil er ein Reich bildete und in offenem Kampfe 
mit Sparta um die Hegemonie rang. Seine Niederwerfung war also 
der gröfste Erfolg, den Sparta überhaupt auf diesem Felde gewonnen 
hat, und die gesetzmäfsige Feier des Nationalfestes in Olympia, 
welche wir Ol. 29 (664) anzunehmen haben, dürfen wir als den ersten 
und wichtigsten der Triumphe Spartas anführen. Denn keiner von 
Pheidons Nachfolgern hat eine so kühne Politik verfolgt und eine 
gleiche Kraftanstrengung von Seiten Sparta's in Anspruch genommen. 
Bei den meisten brach die Herrschaft in der zweiten Generation 
zusammen; ihre Inhaber stürzten sich selbst durch Missbrauch der 
ererbten Macht und Mangel an persönlicher Würde, so dass es in der 
Regel keiner bewaffneten Intervention bedurfte, um einen mit den 
dorischen Gesetzen übereinstimmenden Rechtszustand herzustellen, 
sondern dafs ein einfacher Bürger ohne Gefolge, von Sparta mit amt- 
licher Vollmacht ausgerüstet, durch sein Auftreten genügte, um den 
Tyrannen zur Niederlegung seiner Macht und die Stadtgemeinde zu 
neuem Anschlüsse aji die von Sparta geleitete Eidgenossenschaft zu 
veranlassen ^^). 

Der Kampf mit den Tyrannen ist die ruhmvollste Zeit sparta- 
nischer Geschichte. Denn in der ruhigen Durchführung ihrer Politik 
haben die Spartaner nicht nur den dorischen Charakter der Halbinsel 
gerettet und ihre eigene davon unzer trennhche Machtstellung, sondern 
sie haben auch die hellenische Nation vor einer gefährlichen Aus- 
artung bewahrt. Denn so glänzend auch die Tyrannis auftrat, so 
sehr sie dazu beitrug, die gebundenen Volkskräfte zu lösen, Völker 
und Länder in freierem Austausche zu verbinden, Wohlstand und 
Bildung auszubreiten, Kunst, Wissenschaft und Gewerbfleifs zu fördern, 
so dürfen diese schimmernden Glanzseiten doch das Auge nicht blen- 
den. Man darf nicht verkennen, dass die Tyrannen an allen Orten zu 
dem Volksthume, in welchem ihre Macht wurzelte, in feindseligen Ge- 
gensatz traten, dass sie, um ihren revolutionären Thron zu halten, eine 
engherzige Hauspohtik verfolgten, der jedes Mittel recht war, und 



SPARTA UiND DIE TYRANNIS. 



279 



von dem weltbürgerlichen Triebe des ionischen Wesens geleitet, dem 
Reize alles Ausländischen sich unbedingt hingaben. 

In Handelsplätzen und Seestädten pflegt überall mit der fremden 
Waare auch fremde Lebensweise Eingang zu gewinnen; es verschwin- 
det das Einseitige, Beschränkte, Spiefsbürgerliche, zugleich aber auch 
das Charaktervolle und das eigenthümliche Gepräge angeborener 
Stammsitte. Dieser Richtung wurde unter den Tyrannen ohne Rück- 
halt gehuldigt. Der Unterschied zwischen Hellenen und Barbaren ver- 
wischte sich. Das Naturtreue, das Einfache und Mafsvolle wurde auf- 
gegeben gegen den verführerischen Pomp, die sinnliche Ueppigkeit 
und die Hoflahrt orientalischer Dynastien. Die edelsten Geschlechter 
wurden ausgetrieben, die hervorragenden Männer aus dem Wege ge- 
räumt, die Verdächtigen nach persischer Hofsitte am Hofe festgehalten 
und beobachtet. Eine heimliche Polizei wirkte dahin, die Bande des 
Vertrauens aufzulösen, und jedes Selbstgefühl zu ertödten, so dass die 
Leute der Gemeinde, welche zur Vertretung ihrer Ansprüche den Ty- 
rannen die Macht gegeben hatten, durch sie in schlimmere Unfreiheit 
geriethen, als je zuvor. 

In Korinth w:aren alle Uebel der Tyrannis am vollständigsten zu 
Tage getreten. Hier haben sich die Tyrannen am wenigsten gescheut, 
die Völker, aus welchen die Hellenen sonst nur ihre Sklaven zu neh- 
men gewohnt waren, zu ihrem Vorbilde zu wählen und um ihrer 
Fürsten Gunst zu buhlen. Perianders Bruder, der nach Ambrakia 
übersiedelte, hiefs nach phrygischen Fürsten Gordias; der Sohn des- 
selben erhielt den Namen des ägyptischen Königs Psamtik, welcher 
das Nilland zuerst dem griechischen Handel aufschloss, wahrschein- 
lich in Folge einer Verschwägerung zwischen den Kypseliden und den 
Pharaonen zu Sais. Periander endhch schämte sich ja nicht, helle- 
nische Jünglinge zum Eunuchendienste an den lydischen Hof zu ver- 
handeln^^). 

Wenn diese Richtung obgesiegt hätte, so würden die Perser bei 
ihren Ansprüchen auf die Oberherrschaft vohHCTrlechenland keinen 
nationalen Widerstand gefunden haben, sondern ein erschlafl^tes und 
entsittlichtes Volk mit Fürsten an der Spitze, welche um die Anerken- 
nung ihrer Souveränität gleich bereit gewesen wären dem Grofs- 
könige als ihrem Oberherrn und Protektor in aller Form zu huldigen. 
Dies muss man sich klar machen, um zu erkennen, was Griechenland 
den Spartariieril verdankt. 



280 



SPARTA UND DIE TYRANNIS. 



Für sich selbst aber gewann Sparta, wie es die Frucht jeder 
folgerechten und kräftigen Politik ist, eine immer würdigere Stellung 
unter den Staaten der Halbinsel. Mit den beiden Heraklidengeschlech- 
tern an seiner Spitze war es das ehrwürdige Muster unerschütterter 
Legitimität und bei der verfassungsmäfsigen Einschränkung der Herr- 
schermacht zugleich ein Vorbild gesetzhcher Ordnung, dessen Eindruck 
um so gröfser war, je schUmmere Dinge man in den Tyrannenstädten 
an Grausamkeit, Willkür und despotischer Laune erlebt hatte. 

Weil die Uebergänge zur alten Ordnung allmählich und meistens 
friedlich zu Stande kamen, dachte man nicht daran, im Innern der 
Staaten gewaltsame Reaktionen durchzuführen. Denn darin bestand 
der bleibende Erfolg jener ionischen Volkserhebung, welcher die 
Tyrannenherrschaften ihren Ursprung verdankten, dass Sparta für 
alle Zeit den Gedanken aufgeben musste, die ganze Halbinsel und ihre 
grofsen Seestädte in die starren Fesseln dorischer Ordnung einzu- 
zwängen, wie sie wohl im Binnenlande des Eurotas möglich war, aber 
nicht am Doppelmeere von Korinth. Vor einer solchen Einförmig- 
keit war die Halbinsel ein für allemal gerettet. Es lag auch nicht im 
Charakter der Dorier, sich um mehr zu bekümmern als nöthig war: 
sie begnügten sich, wenn die Staaten ihren eidgenössischen Pflichten 
nachkamen. Sie leiteten die gemeinsamen Angelegenheiten, be- 
stimmten, wie viel jeder Staat von seinem Contingente bereit halten, 
zu welchem Tage und wo er die Mannschaft unter die Leitung ihrer 
Könige stellen sollte. Bei wichtigen Angelegenheiten beriefen sie die 
Abgeordneten der Halbinselstaaten zu gemeinsamer Berathung, und 
hier konnte ein Staat wie Korinth, als Handels- und Fabrikstadt, seine 
besonderen Interessen, hier konnte er seinen weiteren Umbhck, seine 
freiere Beurteilung der Zeitverhältnisse geltend machen. Um Olympia 
war am heftigsten gekämpft worden, und keine Tyrannenfehde ist blu- 
tiger gewesen, als die in Pisa. Nun war das Fest sicher in den Händen 
Spartas, und neben Olympia bestanden noch zwei peloponnesische 
Nationalfeste, das isthmische und nemeische. Beide waren Denkmäler 
des Triumphes über die Tyrannen, bleibende Erinnerungen an den 
Sturz der KypseHden und der Orthagoriden, und zugleich eine glän- 
zende Entschädigung der Dorier für die Pythien, welche unter ioni- 
schen Einfluss gekommen waren. 

So wurde Sparta nach Ueberwältigung der Revolution die wahre 
Hauptstadt der Halbinsel, der Mittelpunkt einer Eidgenossenschaft, in 



NATIONALES ANSEHEN SPARTAS. 



281 



welcher feste Gesamtordnung mit freier Bewegung der Bundesglieder 
möglichst vereint war. Aeufserlich unscheinbar, ohne Burg und 
Paläste, wohnte die stolze Bürgerschaft im Thale des Eurotas, welches 
nicht blofs aus den umliegenden Kantonen die Wanderer aufsuchten, 
um die Königin der Griechenstädte in ihrem einfachen Schmuck 
zu sehen. 

Freilich hatte Sparta im Gegensatze zu der mit dem Fremdlande 
buhlenden Tyrannis einen Widerwillen gegen das Ausländische, eine 
Angst vor Ansteckung durch das Gift fremder Laster. Indessen war 
diese Bichtung noch nicht zu einem bünden Fremdenhasse und einer 
rücksichtslosen Abwehr alles ausländischen Einflusses erstarrt. Sparta 
hatte sich ja aus Kreta, aus Lesbos, aus lonien, aus Attika die Keime 
fruchtbarer Kunstentwickelung angeeignet; wo immer ein Kunst- 
brauch sich ausgebildet hatte, welcher in dem geistigen Leben Spartas 
seine Stelle fand, wurde er mit Auszeichnung aufgenommen, und die 
Künstler, welchen um eine nationale Anerkennung zu thun war, 
liefsen sich in Sparta sehen und hören. Alkman aus Sardes, der Zeit- 
genosse des Tyrtaios und Terpandros, rühmt sich mit stolzer Brust, 
Sparta anzugehören, der an heiligen Dreifüfsen reichen Stadt, wo er 
die hehkonischen Musen kennen gelernt habe. Aber nicht jedes Neue 
wurde gut geheifsen ; denn nichts stand dorischem Wesen mehr ent- 
gegen, als dem Wechsel der Mode zu fröhnen. Den willkürlichen 
Launen gegenüber, nach welchen an den Tyrannenhöfen die Künste 
der Musen gepflegt wurden, war es der Spartaner Augenmerk, auch 
hier für alle Bestrebungen ein festes Mafs und ein mit dem Ganzen 
des Staats übereinstimmendes Gesetz zu haben. 

Nachdem Sparta vor den Augen der griechischen Nation so 
Grofses gelungen, nachdem Messenien einverleibt, Arkadien in ein 
enges Schutz- und Trutzbündniss eingetreten, die feindliche Macht 
der Tyrannis gebrochen war, nachdem auch Argos, vollständig ge- 
lähmt, jeden Anspruch auf Hegemonie aufgegeben hatte, da musste 
sich der siegreichen Stadt Ansehen weit über die Gränzen der Halb- 
insel ausdehnen. Denn so weit Hellenen an den weitgestreckten 
Küsten des agäischen und ionischen Meeres wohnten, waren es lauter 
Einzelstädte, hie und da mit lockeren Banden zu gröfseren Gemein- 
schaften vereinigt, welche keine staatliche Bedeutung gewinnen konn- 
ten. Freilich war auch die peloponnesische Staatengemeinschaft eine 
lockere und unvollständige, denn Achaja und Argos hatten sich der 



282 



NATIONALES ANSEHEN SPARTAS. 



Oberleitung Sparta's nicht angeschlossen. Aber auch so war seit dem 
Verfall der alten Amphiktyonie keine vereinigte Hellenenmacht von 
dieser Bedeutung dagewesen. Der natürliche Abschluss der Halbinsel 
trug dazu bei, ihren Bewohnern ein Gefühl der Zusammengehörigkeit 
zu geben, während die aufserhalb wohnenden Griechen den Peloponnes 
als den innersten, sichersten und wichtigsten Theil, als die Burg von 
Hellas zu betrachten gewohnt waren. Dies trug dazu bei, der pelo- 
ponnesischen Staatenverbindung und dem leitenden Mitgliede der- 
selben ein nationales Ansehen zu geben. Die Spartaner aber hatten 
durch ihre vorörtliche Stellung vor allen anderen Staaten Uebung in » 
politischen Anordnungen, sowie in der Behandlung auswärtiger An- 
gelegenheiten gewonnen. Sie wurden zu schiedsrichterlichen Ent- 
scheidungen aufgefordert und von ferne gelegenen Staaten um Rath 
und Beistand angesprochen. 

So ging schon im achten Jahrhunderte v. Chr. unter König Alka- 
menes der weise Spartaner Charmidas nach Kreta, um denselben 
Städten, welche das Vorbild spartanischer Verfassung gewesen waren, 
aus innerer Unordnung herauszuhelfen. So wurde in dem vieljäh- 
rigen Streite der Athener und Megareer um den Besitz von Salamis 
die Entscheidung einer Commission von fünf Spartanern anheim- 
gegeben; ein Beweis, dass man auch in einem solchen Rechtshandel, 
welcher zwischen einem ionischen und einem dorischen Staate 
schwebte, von beiden Seiten zu der Gerechtigkeit und Unparteilich- 
keit des dorischen Vororts Vertrauen hatte. Ja, als die Platäer von 
den Ansprüchen Thebens bedrängt wurden, dem sie sich um keinen 
Preis unterordnen wollten, glaubten sie trotz ihrer natürlichen Hin- 
neigung zu dem stammverwandten Athen sich doch zuerst an die 
Spartaner wenden und zum Anschlüsse an ihre Eidgenossenschaft 
sich bereit erklären zu müssen. 

So wurden die Spartaner immer mehr daran gewöhnt, in na- 
tionalen Angelegenheiten eine entscheidende Stimme abzugeben. Ihr 
fester und wohlgefügter Staat, in welchem allein durch alle Zeiten der 
Umwälzung hindurch das Königthum der Heroenzeit sich ununter- 
brochen erhalten hatte, von einer freien, wehrhaften Bürgerschaft ge- 
tragen, von einer zahlreichen Unterthanenmenge umgeben, hatte sich 
als ein Muster^taat bewährt, dessen Bürger stillschweigend als die 
Ersten der Nation anerkannt wurden. Man fand es billig, wenn sie 
ihren starken Arm auch über den Isthmus hinüber und im ägäischen 



SPARTA UND ATHEN. 



283 



Meere geltend machten, um Zwingherrschaften zu stürzen, und so er- 
wuchs allmählich aus der peloponnesischen Hegemonie eine vorört- 
liche Oberleitung aller hellenischen Nationalangelegenheiten^""). 

In dieser Stellung musste Sparta sich behaupten, so lange kein 
Staat vorhanden war, welcher sich ebenbürtig fühlte und der so viel 
selbständiges Leben in sich hatte, dass es ihm unmöglich war sich 
den Ansprüchen Spartas unterzuordnen. Ein solcher Gegensatz 
konnte nur vom ionischen Stamme ausgehen, wie sclion die Tyrannis 
darin ihren Ursprung hatte, dass der ionische Stamm seinen Anspruch 
auf freie Lebensentfaltung und auf gleichberechtigten Antheil an der 
Volksgeschichte geltend machte. Aber hier war der Gegensatz zu ver- 
einzelt, zu gewaltsam, zu sehr in der Form der Revolution zum Durch- 
bruch gekommen, als dass eine auf die Dauer gefahrliche Macht den 
Spartanern daraus hätte erwachsen können. Ganz anders musste der 
Erfolg sein, wenn fern von Sparta, aufserhalb der Halbinsel, in ge- 
sunder und friedlicher Entwickelung ein Staat heranreifte, welcher 
die reichen Gaben des ionischen Volksstamms in der Zucht des Ge- 
setzes zu veredeln und der Fülle seiner Kräfte einen festen Mittel- 
punkt zu geben wusste, und dieser Staat war Athen. 



II. 

ATTISCHE GESCHICHTE. 



Attika ist kein Land, welches die wandernden Kriegsvölker zur 
Eroberung reizen konnte. Es hat kein Flussthal wie Thessalien oder 
Lakonien, keine wasserreichen Niederungen wie Böotien, keine brei- 
ten Uferebenen wie EUs. Es ist eine felsige Halbinsel, welche_.YanL 
Festlande durch unwegsame Gebirge getrennt ist und so weit in das 
östhche Meer abspringt, dass sie den von Norden nach Süden ziehen- 
den Yölkern aufser dem Weg lag. Darum sind jene Völkerzüge^ 
welche ganz Hellas erschütterten, an Attika vorübergegangen, und 
aus diesem Grunde hat die attische Geschichte keine so durchgreifen- 
den Abschnitte, wie die peloponnesische ; sie ist mehr aus einem 
Gusse, eine aus einheimischen Zuständen ununterbrochen fortgeleitete 
"Entwickelung. 

So weit war Attika in derselben Lage, wie Arkadien, ein Wohn- 
sitz pelasgischer Bevölkerung, die niemals von fremder Gewalt aus- 
getrieben und niemals gezwungen worden ist, eine fremde Volksmasse 
bei sich aufzunehmen und ihr sich unterzuordnen. Darum Wieb der 
pelasgische Zeus ungeschmälert in seinen Ehren, und die ältesten 
Landesfeste, welche ihm in den offenen Ortschaften der Landschaft 
gefeiert wurden, sind für alle Zeit die heihgsten Feste gebheben. Auf 
der anderen Seite war Attika ganz geschaffen, von der Seeseite Zu- 
wanderung zu empfangen. Denn das ganze Land ist Halbinsel und 
seinem KHma nach ganz zum Inselmeere gehörig. Mit dem Gebirgs- 
zuge, welcher Attika von Böotien trennt, schhefst das eigentliche 
Festland ab. Die attischen Berge sind eben so gut wie Euboia Theile 
des grofsen Gebirgssystems, welches, in Inselgruppen zerrissen, den 



DIE VORZEIT VON ATTIKA. 



285 



Archipelagus bildet und nach Kleinasien hinüberreicht. So ist Atlika 
schon von Natur ein Theil der Inselwelt und zur Verbindung dersel- 
ben mit dem Festlande berufen. Seine langgestreckten Küsten sind 
hafenreich und bei tiefem Fahrwasser aller Orten zugänglich und die 
fruchtbarsten Ebenen der Landschaft sind gegen die See geöffnet. 

Die ersten Lanjlungen , durch welche die einförmigen Zustände 
der Pelasgerzeit unterbrochen worden sind, waren die der Phönizier, 
welche den Dienst der Aphrodite so wie den des tyrischenllelkar 
an den Küsten eingebürgert haben. Ihre Spuren finden wir an der 
Bucht von Marathon , vorzugsweise aber am Golf von Salamis. Diese 
Insel, drei fruchtbaren Ebenen — der megarischen, eleusinischen und 
athenischen — nahe gegenüber gelegen, war eine Station, wie sie die 
Phönizier nicht besser wünschen konnten. Hier eröffneten sie einen 
xMarkt zu friedlichem Verkehre mit den Eingebornen und nannten sie 
Salamis, die 'Friedensinsel'. Auf dem nächsten Vorsprung des gegen- 
überliegenden Festlandes gründeten sie ein Heraklesheiliglhum. 

Dann kamen andere Seefahrerstämme und siedelten sich neben 
den Phöniziern an , so die Dardaner (S. 69) , von denen das bei dem 
Herakleion gelegene Troia seinen Namen hatte; denn hier in dem 
Winkel des salaminischen Meers finden wir die Anfänge seemän- 
nischer und politischer Cultur. Hier war nachweislich die älteste 
Schiffahrtstation und hier die älteste Verbindung umliegender Gaue. 
Es kamen Minyer, Thraker, Karer und Leleger; sie brachten die 
Dienste der Artemis, des Poseidon und der Demeter mit. An der 
offeneren Ostküste (der Paraha) siedelten sich kretische , ionische und 
lykische Seeleute an. Eine Reihe von Apollostationen bezeugt ihre 
Wirksamkeit. Von den verschiedensten Küstenpunkten drangen dann 
die fremden Elemente in das Innere des Landes ein; die Bevölkerung 
mischte sich, und es ist wohl als ein Merkmal der verschiedenartigen 
Bestand theile, welche sich hier zusammenfanden, anzusehen, dass es 
nahe gelegene Gaue in Attika gab, welche keine Ellegemeinschaft unter 
einander hatten. Die Gaue lagen offen neben einander, durch gemein- 
same Opferdienste nachbarlich vereinigt, bis hervorragende Ge- 
schlechter Macht gewannen und wohl gelegene Plätze verschanzten, 
welche zu Fürstenburgen wurden und die Mittelpunkte einzelner 
Landestheile bildeten ^°^). 

Diese Epoche der Landesgeschichte knüpften die Alten an den 
Namen des Kekrops. Sie macht den Uebergang aus dem Gau- und 



286 



DIE EBENE VON ATHEN. 



Dorfleben in das Staatsleben. Attika erscheint nun als ein Land mit 
zwölf Burgen; in jeder wohnt ein Häuptling oder König, der seine Do- 
mänen , sein Gefolge und seine Unterthanen hat. Jedes Zwölftheil ist 
ein Staat für sich mit seinem besonderen Ämthause und Gemeinde- 
herde. Sollte unter diesen Verhältnissen eine gemeinsame Landes- 
geschichte zu Stande kommen, so musste eine der zwölf Städte, 
durch besondere Gunst der Lage ausgezeichnet , der Mittelpunkt wer- 
den. Zu einer solchen Stellung war aber durch unverkennbare Vor- 
züge die Stadt berufen, welche in der Kephisosebene ihren Sitz hatte. 

Es ist die Ebene südlich vom Parnes, dem Zweige des Kithäron, 
welcher gegen Böotien die Landesgränze bildet und die Sumpfluft des 
kopaischen Seethals abwehrt. Im Nordosten der Ebene erhebt sich 
das pentelische Gebirge, an dessen Abhängen die Wege nach dem 
euböischen Meere hinüberführen; im Osten der kräuterreiche Hymet- 
tos und im Westen der niedrigere Höhenzug des Aigaleos, die Gränze 
gegen Eleusis. Die nördlichen Berge sind die mächtigsten, und an 
ihnen sammeln sich die Quellen des Kephisos, welcher in eine breite 
und erdreiche Ebene niederströmt. 

In dem Rücken und an den Seiten durch Berge geschlossen und 
nur durch Pässe zugänglich, welche leicht zu vertheidigen sind, senkt 
sich die ganze Ebene allmählich gegen Süden, dem Seewinde geöffnet, 
der den Bewohnern im Winter Wärme, im Sommer aber erwünschte 
Kühlung bringt. Der flache Strand würde hafenlos sein, wenn nicht 
eine vorliegende Felsmasse durch Anschwemmung zur Halbinsel ge- 
worden wäre. Das ist das Kleinod des Landes, der Peiraieus, eine in 
das Meer auslaufende Halbinsel, welche mehrere wohlgeschützte 
Rheden und Hafenbuchten bildet. 

Diese Ebene ist nicht nur die geräumigste und fruchtbarste der 
ganzen Landschaft, die für Land- und Seeverkehr am besten aus- 
gestattete und diejenige, welche von allen am meisten eine centrale 
Lage hat (denn das Kephisosbett liegt zwischen dem östlichen Meer 
und der megarischen Gränze gerade in der Mitte), sondern es boten 
sich hier auch für städtische Ansiedlung die bei Weitem günstigsten 
Oertlichkeiten dar. Es tritt nämlich in die Mitte der ganzen Ebene 
vom Hymettos her eine Gruppe von Felshöhen vor, unter ihnen eine 
einzeln gelegene, ein mächtiger Felsblock, welcher bis auf einen 
schmalen Zugang von Westen nach allen Seiten mit senkrechten 
Wänden abfällt, oben mit breiter Hochfläche, welche geräumig genug 



ATTIKA WIRD IONISCH. 



287 



war, die Heiligthümer der Landesgötter und die Wohnungen der Lan- 
desherrn aufzunehmen, wie durch Absicht der Natur zur herrschen- 
den Burg und zum Mittelpunkte der Landesgeschichte hingestellt. Das 
ist die Akropolis von Athen und unter den zwölf Landesburgen die- 
jenige, welche vorzugsweise nach dem Landeskönige Kekrops benannt 
wurde^;'^) 

Diese Felshöhe erhielt ihre besondere Weihe durch die Heilig- 
thümer, welche sich daselbst im Laufe der Zeiten an einander 
schlössen. Zey^^^der mit dem Bau der Städte überall von den Berg- 
höhen niedersteigt, um in der Mitte der Menschen seinen Platz ein- 
zunehmen, war auch hier der erste, der älteste Sladthüter. Neben 
ihm gründet Poseidon seine Herrschaft auf der Burg, in deren Fels- 
grunde er die Quelle öffnet. Als dritte Gottheit zieht Athena ein, die 
wahrhafte Göttin, von kriegerischen Geschlechtern verehrt und be- 
gleitet, aber zugleich die Pflegerin des Ackerbaus, der Baumzucht und 
aller Künste des Friedens. Neben dem Dreizack des Poseidon pflanzt 
sie ihren Speer ein, der als segenspendender Oelbaum aufspriefst. 

Nicht ohne Kampf behauptet sie ihren Platz. Hahrrhothios, des 
Meergottes Sohn, legt die Axt an ihren Baum, und die Diener Posei- 
dons, die Eumolpiden in Eleusis, überziehen Athen mit blutiger Fehde, 
bis endlich der Kampf durch eine Ausgleichung der Gottesdienste ge- 
schlichtet wird. Denn im Stamme des Erechtlieus vereinigen sich die 
Priesterthümer der feindlichen Gottheiten, welche fortan neben ein- 
ander verehrt werden. Zeus behält nach Art eines älteren Herrscher- 
geschlechts Titel und Ehrenamt des Polieus oder Stadlhüters, Athena 
aber wird durch den Oelbaum die eigentliche PoUaa, die wahre Burg- 
und Landesgottheit, die den Landeskindern den Namen giebt. Im Oel- 
baume wurde sie verehrt, lange bevor eine Tempelcelle ihr Bild ein- 
schloss, und wie seine Schösslinge in der Ebene sich ausbreiten, so 
wird nun anstatt Wein, Feigen und Honig die Oelzucht die Grundlage 
des Wohlstandes von Attika. Erichthonios, der schlangenförmige 
Dämon, der Pflegling der Göttin, ist das Symbol des unvergänglichen 
Erdsegens, welchen sie dem Lande geschenkt hat. Dies ist die zweite 
Epoche der attischen Vorzeit, welche sich in der Geschichte der Gottes- 
dienste bezeugt; aus Kekropia ist Athenai, aus den Kekropiden sind^ 
Erechthiden oder Athenäer geworden ^°^). 

Atheii.ist die_erste_S^^^^ nicht die Hauptstadt der Land- 

schaft. Noch war nicht die gesamte Kraft der Bevölkerung in dem 



288 



VERSCHMELZUNG DER LANDESTHEILE. 



werdenden Mittelpunkte versammelt. Noch wohnten im Nordosten 
des Landes abgesondert die Geschlechter, welche von lonien her ein- 
gewandert Euboia gegenüber die Tetrapolis oder Vierstadt von Mara- 
thon gegründet hatten. Der eingeborenen Bevölkerung verwandt, 
haben sie dennoch ihren eigenthümlichen Stammcharakter und ihre be- 
sonderen staatlichen so wie religiösen Einrichtungen; sie verehren als 
ihren Stammgott Apollon, den sie als Vater des Ion Xuthos nennen. 

Mit der Geschichte von Attika werden die Bewohner der Vierstadt 
auf die Weise verbunden, dass sie in einem Kriege gegen die erzge- 
wappneten Männer von Chalkis die Marken des attischen Landes ver- 
theidigt haben sollen. So führt die Sage Ion als den Retter von At- 
tika ein und begründet dadurch seine Erhebung zum Herrscher des 
Landes an Stelle der Erechthiden. Es erscheint aber der kriegerische 
Stamm, indem er die Herrschaft gewinnt, nicht mehr als ein aus- 
ländisches Volk, und keine fremde Hand ist es, welche mit roher Ge- 
walt in die Entwickelung heimischer Zustände eingreift. Ion selbst 
konnte als ein Sohn des Landes betrachtet werden, und seinem Siege 
folgt keine Unterjochung eines Theils der Bevölkerung, wie sie in 
Thessalien oder Lakedaimon stattfand und für ewige Zeiten ein Keim 
innerer Zwietracht geblieben ist, sondern der Sieg beruhte auf der 
sanfteren Gewalt höherer Bildung und der apollinischen Religion. 
Ion ist es, welcher die Athener in ihr unterweist, und alle von ihm 
stammenden Geschlechtar sind daran kenntlich, dass sie Apollon als 
väterhchen Gott, als ihren gemeinsamen Stammgott verehren. So er- 
folgt eine Umwandlung von Stadt und Land, welche sich noch an ein- 
zelnen Spuren erkennen lässt. 

In Athen hatten sich die ionischen Geschlechter vorzugsweise am 
Iiissos angesiedelt und daselbst ihre ApoUoheiligthümer gegründet, 
während die Burg den älteren Geschlechtern und ihren Gottheiten 
vorbehalten bheb. So bestanden eine Zeitlang zwei Niederlassungen 
neben einander, bis endlich der spröde Widerstand überwunden ward. 
Der Fremdling Ion wird als ein Kind der Erechtheustochter Kreusa 
in Athen eingebürgert und Apollon erhält am Rande der Burg, in der- 
selben Grotte, wo er die Fürstentochter umarmt haben sollte, sein 
Heiligthum. Damit ist die Verbindung der lonier und der Erechthiden 
in Athen vollzogen; die beiden Nachbargemeinden vereinigen sich zu 
einer gemeinsamen Stadt, welche nun immer volkreicher den Fuss 
der Akropolis umgiebt. Die ionischen Geschlechter werden in Athen 



SYISOIKISMOS DES THESEÜS. 



289 



die herrschenden und suchen nun der ganzen Landschaft eine festere 
Einheit zu geben. 

Sollte aber der Verein von zwölf Städten zum Staate werden, so 
mussten elf Orte ihre Selbständigkeit aufgeben und sich vor der Stadt 
der Hauplebene beugen. Dagegen sträubten sich die Landestheiie, 
welche ihr Gemeinwesen am selbständigsten ausgebildet hatten und 
von kräftigen Priester- und Kriegergeschlechtern geleitet waren. Vor 
allen Eleusis, die zweite Hauptebene des Landes, der uralte Sitz des 
Poseidon- und Demeterdienstes, welcher auch in der späteren Zeit 
immer eine gewisse Selbständigkeit und den Rang einer Stadt be- 
hauptet hat. Dann die Bewohner des rauhen Berglandes von Pallene 
am Fufse des Brilessos, wo Pallas Athene einen sehr alten Dienst hatte. 
Aber die Athener besiegen die felsschleuderiiden Pallantiden, sie 
zwingen Eleusis zur Anerkennung ihrer Oberhoheit, sie brechen den 
Widerstand, welcher in den einzelnen Kantonen ihnen entgegentritt. 
Die besonderen Regierungen werden aufgehoben, die hervorragenden 
Geschlechter mit ihren Gottesdiensten nach Athen gezogen, das ganze 
Land jvii\l_jn_ejj^^ Diese Vereinigung der zwölf 

Städte betrachteten die Athener mit vollem Rechte als die wichtigste 
Thatsache ihrer Vorzeit, als den Anfang ihres eigentlichen Staatslebens. 
Sie wurde im Namen der Gottheit, welche als Landesgöttin längst an- 
erkannt war, vollzogen. Das hauptstädtische Athenafest wurde zum 
pohtischen Gesamtfeste, zum panathenäischen Feste, die blutige 
Fehdezeit wurde vergessen und mit dem neuen Stadt- und Landes- 
feste für alle Zeiten das Opfer der Friedensgöttin verbunden. 

Als Urheber dieser segensreichen Landesvereinigung, des '.S^J1=- 
oikismos', wurde Theseus verehrt und durch ihn ist die dritte oder 
ionische Periode vollständig in's Leben getreten, denn vom Stamm der 
lonier sind alle Epochen der höheren Staatsbildung in Altika ausge- 
gangen^*^*). 

Attika hat damit den Schritt gethan, welcher keinem Zweige des 
ionischen Volks in irgend einer anderen Landschaft so vollständig ge- 
lungen ist, und jetzt erst, als in dem befriedeten Lande um eine 
Hauptstadt herum, in der alle Lebenskräfte zusammenströmten, die 
Menschengeschlechter verschiedener Herkunft zu einem Ganzen sich 
verschmolzen, begann eine attische Geschichte, erwuchs ein attisches 
Volk, welchem der besondere Segen, der auf diesem Lande ruhte, 
in vollem Mafse zu Gute kam. 

Curtius, Gr. Gesch. I. 6. Auti, 19 



290 



ZUWANDERUNGEN IN ATTIKA. 



Es war kein üppiger Boden, auf welchem auch der Müfsiggänger 
behaglichen Unterhalt findet, sondern steinigt, wasserarm, grofsen- 
theils nur zum Gerstenbau geeignet ; überall, am Abhänge der Kalk- 
felsen wie in der sumpfigen Niederung, Arbeit fordernd und geregel- 
ten Fleifs. Aber der Arbeit fehlte nicht der Dank. Was an Baum- 
und Gartenfrüchten Gedeihen fand, war besonders fein und schmack- 
haft; die Bergkräuter waren nirgends duftiger, als am Hymettos; das 
Meer reich an Fischen. Die Berge geben nicht nur durch ihre schöne 
Form der ganzen Landschaft einen gewissen Adel, sondern in ihrem 
Schofse fand man den trefflichsten Baustein in Fülle und Silbererze; 
in den Niederungen grub man den besten Thon. Für alle Künste 
und Gewerbe war Material vorhanden, und endlich kam dazu, was 
die Alten als eine besondere Gunst des Himmels anerkannten, die 
trockne und helle Atmosphäre, welche vorzüglich geeignet war, den 
Leib frisch und gesund zu erhalten, die Sinne zu schärfen, die Seele 
heiter zu stimmen und die Kräfte des Geistes zu wecken und zu 
beleben. 

Als die Völkerwanderungen begannen, welche das ganze Festland 
von Makedonien bis zur Süd spitze von Morea erschütterten, wurde 
Attika allein von keinen fremden Volksmassen üb^rfluthet, aber es 
nahm in kleineren Gruppen vielfachen Zuzug ausländischer Bevölke- 
rung auf. Dadurch hatte es alle Vortheile der Anregung und Erfri- 
schung ohne die Nachtheile gewaltsamer Umwälzungen. Es konnte 
sich das Neue nach und nach aneignen, so dass es unmerkhch dem ein- 
geborenen Stamme einwuchs, welcher sich durch alle Zeiten hindurch 
mit seinem heimathlichen Boden unzertrennlich verbunden fühlte. 
Darum hat sich auch manches Alterthümhche und Vorzeitliche gerade 
bei den Athenern am längsten erhalten, wie z. B. die altpelasgische 
Form der Hermen. 

Die Einwandernden, welche sich in Attika einbürgerten, gehör- 
ten zu den durch Bürgerzwist Vertriebenen ; es waren also meistens 
Geschlechter von hervorragender Bedeutung, durch welche Attika 
nicht nur an Volkszahl, sondern auch an BildungsstofTen aller Art ge- 
wann. So kamen Minyer aus Böotien ; eben daher Tyrrhener und der 
Stamm der Gephyräer, welche den Dienst der 'achäischen Demeter' 
und die Buchstabenschrift mit sich brachten. Aus dem Peloponnes 
kam ionisches Volk, das den Doriern Platz machte; ganze Gaue, wie 
Sphettos und Anaphlystos, wurden von Trözen aus bevölkert. Von 



ZUWANDERUNGEN IN ATTIKA. 



291 



der Insel Aigina flüchteten die Aeakiden herüber, aus denen das Ge- 
schlecht des Miltiades erwachsen ist. Aus dem bedrängten Messenien 
endlich kam eine Reihe von Geschlechtern, welche sich durch ihre 
Thatkraft, durch geistige Begabung und durch Gottesdienste, welche 
sie verbreiteten, einen unvergleichhchen Ruhm erwarben. Der Dienst 
der 'grofsen Göttinnen' (Demeter und Kora) , welcher mit den anderen 
Gottesdiensten der pelasgischen Vorzeit durch die Dorier gewaltsam 
unterdrückt worden war, wurde durch die Kaukonen verbreitet und 
gelangte in den Weihen von Eleusis zu neuer Blüthe. Die Kaukonen 
waren aber in Messenien zu Haus. Zu den aus Messenien flüchtigen 
Geschlechtern gehörten die Medontiden, die Päoniden und Alkmäoni- 
den ; es waren die Nachkommen der pylischen Könige , des Neleus 
und Nestor, es waren Familien, die zu herrschen gewohnt waren und 
auch in ihrer neuen Heimath eine hervorragende Stellung zu ge- 
winnen wussten. 

Der Peloponnes erlitt damals eine unersetzliche Einbufse und dies 
Kapital edler Volkskraft kam Athen zu Gute; denn die eigenthümliche 
Regsamkeit und Vielseitigkeit des attischen Volksgeistes beruht wesent- 
lich auf der Mannigfaltigkeit der nach und nach zugezogenen Geschlech- 
ter. Damals bildete sich in Attika der wichtige Gegensatz zwischen 
dem 'autochthonen' oder eingeborenen Landadel und den jüngeren 
oder zugewanderten Geschlechtern. Diese waren fortan das bewegende 
Element in der attischen Geschichte, die Leiter der Entwickelung. 
Der Nehde Melanthos kam nach den Erechthiden auf den attischen 
Thron, und wenn wir den weiteren Verlauf der Geschichte über- 
blicken, so braucht man nur an einige Namen derer zu erinnern^ 
welche von mütterlicher oder väterlicher Seite mit dem messenisclien 
Adel zusammenhängen, wie Kodros, Solon, Peisistratos, Kleisthenes, 
Perikles, Plato, Alkibiades, um sofort inne zu werden, welch ein Schatz 
geistiger Kraft durch die vor den Doriern flüchtigen Peloponncsier 
den Athenern zu Gute gekommen ist ^°^). 

Die Gastfreundschaft ist mit Recht seit alter Zeit als ein Cha- 
rakterzug des attischen Volks hervorgehoben und eine Reihe attischer 
Ortssagen ist darauf bezüghch. Reicher Segen hat darauf geruht. 
Denn durch die gastliche Aufnahme der flüchtigen Familien ist zu der 
Gröfse von Athen der Grund gelegt. Durch sie hat sich die Stadt eine 
Fülle der edelsten Bildungskeime angeeignet. Aus dieser Zeit stammt 
die Vielseitigkeit des attischen Geistes, der weite Gesichtskreis, der 

19* 



292 



DER THESEISCHE STAAT. 



unermüdliche Trieb zu jedem geistigen Fortschritt. Attika vereinigte 
so die Vortheile einer stätigen Entwickelung von innen heraus und 
der reichsten Anregung von aufsen , die Vortheile eines Coloniallandes 
und einer Landschaft von altansässiger Bevölkerung. 

Die gewaltsamen Umwälzungen , durch welche sich die andern 
Staaten haben durcharbeiten müssen, sind den Athenern erspart ge- 
blieben, und deshalb war es ihnen vergönnt, früher als alle anderen 
Landschaften zu fester Ordnung zu gelangen und einen hellenischen 
Staat zu verwirklichen, welchen man vor Allem daran erkannte, dass 
das allgemeine Waffentragen aufhörte, dass von Seiten des Gemein- 
wesens der öffentliche Friede verbürgt wurde und die Angehörigen 
desselben ungefährdet ihren bürgerlichen Geschäften nachgehen konn- 
ten. In diesen Beschäftigungen aber herrschte von Anfang an eine 
grofse Vielseitigkeit, wie sie einem Lande natürlich war, welches halb 
Festland, halb Insel, in der Mitte von ganz Hellas gelegen war. Denn 
die Athener wussten seit ältester Zeit bäuerliches Leben und Seever- 
kehr, die Beharrlichkeit, die der Landbau fordert, mit dem kühnen 
Unternehmungsgeiste des Kaufmanns, Anhänglichkeit an das Einhei- 
mische mit umsichtiger Weltkunde glücklich zu verbinden ^°'^). 

In der Epoche, welche die Alten mit dem Namen des Theseus 
bezeichneten, hat Attika alle Grundordnungen seines politischen und 
gesellschaftlichen Lebens empfangen. Es ist nach aufsen selbständig, 
nachdem es sich den Ansprüchen des meerbeherrschenden Kreta ent- 
zogen hat. Im Innern hat es die lockere Gliederung der Kantonal- 
verfassung glücklich überwunden. Es ist ein Staat, ein Volk da. 

Die Bevölkerung ist in drei Stände gegliedert, die Eupatriden oder 
'Wohlgeborenen', die Geomoren oder 'Landbauer', die Demiurgen 
oder 'Gewerbleute'. Nur die ersteren bilden den Staat im engeren 
Sinne. Aber auch sie sind keine gleichartige Masse; es sind die älte- 
ren Geschlechter (die eigentlichen Eupatriden) und die jüngeren, 
deren Gegensatz sich niemals ganz verwischt hat. Schon der Wechsel 
der Dynastien zeugt von den Kämpfen unter ihnen. Es war also eine 
Grundbedingung des inneren Friedens, dass die Geschlechter sich 
unter einander vertrugen , dass die Gottesdienste , welche den einzel- 
nen Häusern eigenthümlich waren, gemeinsame und öffentliche wur- 
den; denn dadurch wurde den Geschlechtsgenossen die Ehre des erb- 
lichen Priesterthums, fester Besitz und ein dauerndes Ansehen im 
Staate verbürgt. So verschmolzen durch Einbürgerung der Götter 



GESCHLECHTER UND GESCHLECHTSVEREINE. 



293 



die Stämme und Familien mit einander, die stolzen Butaden schlös- 
sen sich dem ionischen Apollon und seiner Staatsordnung an, so 
wie früher die Eumolpiden dem Dienste der Athena gehuldigt hatten^"'). 

Jedes Geschlecht umfasste eine Gruppe von FamiUen, welche 
sich von einem gemeinsamen Stammvater herleiteten und sich in 
alter Zeit zu einer Sippschaft vereinigt hatten. Was sie vereinigte, 
war der gemeinsame Dienst der Gottheit des Geschlechts und seines 
heroischen Stifters; alle Mitglieder waren durch die Pflicht der Blut- 
rache, durch eine gemeinsame Grabstatte und durch gegenseitiges 
Erbrecht verbunden; jedes Geschlecht hatte einen gemeinsamen Ver- 
sammlungsort, einen gemeinsamen Opferherd; das Geschlecht war 
ein grofses Haus, aus dessen Besitze durch Willkür des Einzelnen 
nichts veräufsert werden konnte, eine enggeschlossene, heilige Le- 
bensgemeinschaft. 

Die Geschlechter verbanden sich wiederum zu weiteren Gemein- 
schaften, die man mit dem Namen Phratria oder Vetterschaft bezeich- 
nete. Die Phratrien waren Vereine von je dreifsig Geschlechtern; sie 
hatten ebenfalls ihren gemeinsamen Cultus, und die 3Iitglieder der- 
selben traten in die Bechte und die Pflichten der Geschlechtsgenossen 
ein, wenn von diesen Keiner vorhanden war. 

Diese Geschlechter und Geschlechlsvereine waren die familien- 
haften Elemente, aus denen der attische Staat sich aufbaute; es waren 
die gesellschaftlichen Formen, welche in den Staat aufgenommen und 
seinen Ordnungen eingefügt wurden. Diese staatlichen Ordnungen 
aber waren die vier Stamme oder Phylen, die Geleonten, Hopleten, 
Aigikoreer und Argadeer. 

Wie diese vier Stämme der lonier zu einer Gliederung des atti- 
schen Volks geworden sind, darüber giebt es keine Ueberlieferung, 
und man kann nur Vermuthungen darüber aussprechen. 

Man hat sich den Vorgang in der Weise vorgestellt, dass Attika 
eine Zeitlang nach den vier ionischen Stämmen in vier selbständige 
Theile gegliedert gewesen sei, dass z. B. die Geleonten in Athen, die 
Hopleten in der Tetrapolis ansässig gewesen seien und ihr besonderes 
Gemeinwesen gehabt hätten. Von einem solchen viertheiligen Attika 
lässt sich aber keine sichere Spur nachweisen. 

Wahrscheinlicher ist, dass die Organisation der lonier von der 
Tetrapolis aus nach Art einer Colonisation verbreitet worden ist, in- 
dem die lonier von ihrem Stammsitze aus von Stadt zu Stadt vor- 



294 ATHEN ALS LANDESHAUPTSTADT. 



drangen, in jeder Stadt die einheimischen Geschlechter mit den ihrigen 
verbanden und ihren Stämmen einordneten. 

Nachdem so alle zwölf Städte gleiche Verfassung erhalten und eine 
Zeitlang als unabhängige Staaten unter einander bestanden hatten, 
^ konnten sie um so leichter zu einem Gesamtstaate verschmolzen werden, 
wie es die Alten in dem S^noikismos des Theseus darstellten. Nun hat- 
ten alle Geschlechter des Landes dem Apollo Patroos gehuldigt, und der 
gemeinsame Cultus des ältesten Landesgottes, des herdhütenden Zeus 
(Zeus Herkeios) und des ionischen Apollo war das religiöse Symbol der 
friedlichen Verschmelzung der älteren und jüngeren Landesbevölke- 
rung und das Erkennungszeichen der attischen Eupatriden ^"^). 

Als nun aus den zwölf Stadtgebieten ein einheitliches Land ge- 
worden war, zog ein grofser Theil der Eupatriden nach der neuen 
Hauptstadt und wohnte auf der Burg oder um die Burg herum, ein 
priesterlicher und ritterlicher Adel, welcher allein im Besitze dessen 
war, was zum gottgefäUigen Opferdienste, zur Erhaltung des Cultus, 
zur Handhabung des Rechts und zur besonnenen Lenkung wie zur 
Vertheidigung des Gemeinwesens erforderlich war. 

Dieser Adel stand um den Thron des Königs, dessen Herrschaft 
von Anfang an nicht als eine mafslos gebietende auftrat, sondern in 
der Verwaltung sowohl als auch im Gericht sich selbst beschränkte. 
Auf der Burg waltete er am Staatsheerde als Hausvater der Gemeinde; 
vor seinem Palaste versammelte er die Häupter der Gemeinde zu ge- 
meinsamer Berathung, und als der enge Burgraum nicht mehr genügte, 
bildete sich eine Unterstadt am südlichen Fufse der Burghöhe; hier 
wohnten die Eupatriden um den Markt herum, hier wurde das Amt- 
haus oder Prytaneion der Stadt errichtet; hier sah man nun auch den 
König mit den erwählten Beisitzern auf dem Markte zu Gericht sitzen. 

Es durften aber nicht alle Gerichte auf dem Markte stattfinden; 
denn wer im Verdachte stand, blutige Hände zu haben, musste den 
gemeinsamen Altären des Landes und den Versammlungen der Bürger 
fern bleiben. Für die Blutgerichte war deshalb ein besonderer Platz 
gewählt, und zwar die dürre Felshöhe, welche dem Aufgange der 
Burg gegenüber liegt; sie war dem Ares geheihgt, welcher hier zuerst 
wegen Blutschuld gerichtet sein sollte, und den Erinyen, den finstern 
Mächten des schuldbeladenen Gewissens. Hier richtete kein Einzel- 
richter, sondern ein Collegium von Männern der bewährtesten Gesin- 
nung und Erfahrung, ein Ausschuss aus den edlen Geschlechtern mit 



DAS ATTISCHE KÖNIGTHUM. 



295 



dem Könige in seiner Mitte, deshalb hatte auch in den repubhkani- 
schen Zeiten der Beamte, welcher der Erbe der Königswürde war, als 
solcher Stimmrecht unter den Areopagiten ; da nun in ältester Zeit 
Verwaltung und Gericht vereinigt waren, so ist vorauszusetzen , dass 
dasselbe Collegium, das auf dem Areshügel richtete, auch der dem Kö- 
nige in der obersten Verwaltung zur Seite stehende Staatsrath war. 
Darum hatte auch das RichtercoUegium der Areopagiten den Namen 
eines Raths. Hatte der Angeklagte gleiche Stimmenzahl für und wider 
sich, so war er frei gesprochen. Das Gericht auf dem Areäliügöl ist 
eine der ältesten Stiftungen Athens, und keine hat der Stadt eine frühere 
und weitere Anerkennung unter den Hellenen erworben. Das areopa- 
gitische Strafrecht ist v on allen spätem Gesetzgebern zur Richtschnur 
genommen worden. 

Die Zeit des attischen Königthums war eine Zeit reicher Ent- 
wickelung und wechselvoller Ereignisse, wie wir schon aus der Folge 
der Geschlechter, die nach einander den Thron inne gehabt haben, 
den Kekropiden, Erechthiden, Aegiden und Nehden schliefsen können 
ohne dass es möglich ist, eine Geschichte dieser Zeit zu entwerfen. 

Es gab keine alten Königslisten, welche über Melanthos hinauf- 
gingen, mit welchem ein Zweig der aus Pylos stammenden Nehden 
zur Herrschaft kam. Es war in der Zeit der Wanderungen, als von 
Norden wie von Süden die Gränzen der Landschaft gefährdet wurden. 
Von Norden drängten die äolischen Böotier, von Süden die Dorier, 
welche vom Peloponnes vordringend, ihren neu gewonnenen Wohn- 
sitz mit dem alten verbinden und ganz Hellas zu einem Doris maclien 
wollten. Da war der messenische Stamm an seinem Platze, der von 
Hause aus eine antidorische Riclitung hatte, und wie Melanthos die 
Böotier zurückgewiesen hatte, so war es seines Sohnes Kodros un- 
vergänglicher Ruhm , die Dorier zum Rückzüge über den Isthmus ge- 
bracht zu haben. Noch in späten Jahrhunderlen zeigte man am Uissos 
die Stelle, wo König Kodros für die Unabhängigkeit des Landes sein 
Leben hingegeben habe^*^^). 

Dennoch folgte das Ende des Königthums , und zwar wird es von 
der patriotischen Sage, die von keinem Verfassungsbruche wissen 
wollte, so dargesteUt, dass nachdem Heldentode des Kodros sich Keiner 
würdig gefühlt habe der Nachfolger zu sein. In der That war es aber 
auch hier die Eifersucht der jüngeren Zweige des könighchen Ge- 
schlechts, welche den Uebergang vom Königthume zur Aristokratie 



296 



LEBENSLÄNGLICHE ARCHONTEN. 



bewirkte. Nirgends aber ist dieser Uebergang so allmählich und so 
stufenweise verwirklicht worden wie in Athen. 

Es folgten zunächst lebenslängliche Oberhäupter aus dem Stamme 
der Könige; sie folgten nach dem Rechte der Erstgeburt, und es be- 
stand im Wesenthchen dieser Unterschied , dass das Staatsoberhaupt 
nicht mehr als einzelner Souverän herrschte, sondern als Mitglied 
des Geschlechts, denn das ganze Geschlecht stand nun, wie die Bak- 
chiaden in Korinth, als Gesamtheit an der Spitze des Gemeinwesens, 
so dass alle Geschlechtsgenossen königlichen Rang und Titel hatten. 
Der Regent war also in Gerichten wie in der Verwaltung durch einen 
Familienrath gebunden. Aufserdem bestand eine Vertretung der 
Eupatriden im weiteren Sinne, welche die Leitung des Gemeinwesens 
controlierten. So erklärt sich , wie trotz der Erblichkeit und Lebens- 
länglichkeit nach alter Ueberlieferung eine wesentliche Veränderung 
im Staatsleben vorgegangen sein soll, so dass nach Kodros' Tode aus 
dem Königthum eine Magistratur, aus dem unverantwortlichen ein 
verantwortliches Amt geworden sei. Das örthche Centrum der Regie- 
rung war das Prytaneion am Markt, und wenn wir in den meisten 
Staaten Prytanen an Stelle der Könige treten sehen und auch im demo- 
kratischen Athen noch 'Prytanen' finden als Träger der obersten 
Staatshoheit, so dürfen wir wohl vermuthen, dass auch in Athen die 
Nachfolger des Kodros als Prytanen im Prytaneion regiert und ge- 
richtet haben "°). 

Es müssen aber noch mehrere Veränderungen stattgefunden 
haben, als die Athener wissen wollten; es muss eine Unterbrechung 
der Erbfolge eingetreten sein ; denn während ein Zweig des König- 
stamms, und zwar der eigentliche Träger des Nelidennamens , nach 
Kleinasien auswanderte , folgten in Athen keine 'Nehden' noch 'Melan- 
thiden', sondern 'Medontiden', welche, wenn sie auch dem Stamme 
der Nehden angehörten , doch ein besonderer Zweig desselben waren, 
die sich jetzt an die Spitze des Gemeinwesens stellten. Charakteri- 
stisch aber bleibt für Athen der conservative Sinn, welcher sich in der 
allmählich fortschreitenden Umwandlung der überlieferten Institutionen 
zeigt. Die Königswürde bheb dem Staate erhalten; es fand nicht, 
wie in den anderen Staaten, eine Trennung der geistlichen und welt- 
lichen Vollmachten statt; es wurde vielmehr durch coUegialische Ein- 
richtungen eine Beschränkung der Executivgewalt herbeigeführt und der 
regierende Medontide war der lebenslängliche Präsident einer oligar- 



ZEHNJÄHKIGE, EINJÄHRIGE ARCHONTEN (683). 



297 



chischen Republik, während sich die Aristokratie der nicht Ihronfahigen 
Geschlechter in Beaufsichtigung der Staatsleitung geltend machte. 

Dreizehn Regenten waren auf einander gefolgt, als eine Anord- 
nung eintrat, welche aus den Kreisen der Medontiden hervorgegangen 
sein muss, indem eine gröfsere Anzahl derselben in den Besitz der 
obersten Staatswürde gelangen wollte. Deshalb wurde die Lebens- 
länglichkeit aufgehoben und eine zehnjährige Regierungszeit ein- 
geführt. Wir kennen auch in anderen Staaten solche Regierungs- 
perioden , nach deren Ablauf eine neue Bestätigung durch Götter- 
zeichen und Volkszuruf erfolgte (S. 205). Aus der Erneuerung der 
Regierungszeit wurde ein Wechsel derselben, und die Verantwortung, 
welcher sich im zehnten Jahre der Archon unterziehen musste, war 
ein wesentlicher Fortschritt in der Umwandlung des Staatswesens; 
ebenso die Aufhebung der Erbfolge und die Einführung der Wahl. 
Nach Charops, dem Sohne des Aischylos, dem ersten zehnjährigen 
Regenten, der Ol. 71, 1; 753 eintrat, blieb das Vorrecht des könig- 
lichen Stamms noch durch vier Herrschaften bis zum Sturze des Hip- 
pomenes Ol. 16, 3; 714. 

So lange hielt sich monarchisches Recht, das von einem starken 
Geschlechte getragen und im Bewusstsein des Volks tief begründet ge- 
wesen sein muss, da es sich viertehalb Jahrhunderte nach Kodros' Tode 
erhalten konnte, bis endlich der vom höchsten Amte ausgeschlossene 
Adel die Schranke durchbrach und freien Zutritt erkämpfte ^^^). 

Bald darauf nämlich, 683 (Ol. 24, 2), wurde das Amt selbst ein 
wesentlich anderes. Seine Dauer wurde einjährig, seine Macht unter 
neun Amtsgenossen vertheilt, welche nach Ablauf ihres Jahrs rechen- 
schaftspflichtig waren. Das war also das eigentliche Ende der alti- 
schen Monarchie; es war die durchgreifendste Veränderung, indem 
jetzt die Staatshoheit von dem durch Geburt berufenen Geschlechte 
überging in den Kreis derer, welche nach ihrer Wahl die Staatsämter 
besetzten. Es war der Uebergang aus einer Geschlechtsherrschaft in 
eine Geschlechterherrschaft. 

Der erste Archon hatte eine Art Oberaufsichtsrecht über das Ge- 
meinwesen; er sorgte für die, welche des wirksamen und persönlichen 
Schutzes am meisten bedurften, die Unmündigen und Waisen; er 
wachte über die Erhaltung der bürgerlichen Hausstände, er hatte 
das Ehrenrecht, dass nach ihm in allen öffentlichen Urkunden das 
Jahr benannt wurde. Der zweite trug den Titel und Schmuck des 



298 



DIE ATTISCHE ARISTOKRATIE. 



Königs; er hatte als sein Nachfolger über die öffentlichen HeiUgthümer 
und Opfer zu wachen, damit Alles zur Befriedigung der Götter in her- 
gebrachter Ordnung erfolge. Im Areopag vertrat er, der Archon-König, 
die Stelle der Athena, die nach dem Glauben des Volks selbst ihre 
Stimme abgegeben hat, und von der altköniglichen Würde büeb ihm 
auch die Auszeichnung, dass seine Frau an der Amtswürde Antheil 
hatte und als 'Basilissa' geehrt wurde. Auf den dritten ging das Heer- 
führeramt, die Herzogswürde, über, wie sein Amtsname Polemarchos 
'Kriegsoberster' beweist. Es ist also unverkennbar, dass die drei 
wesentlichsten Attribute des Königthums unter die drei Archonten 
vertheilt waren; sie hatten auch alle drei gewisse sacrale Functionen. 

Für die übrigen sechs Archonten blieben keine besonderen 
Hoheitsrechte übrig; sie hatten auch keine Amtsnamen, als den ge- 
meinsamen der 'Thesmotheten' oder Gesetzgeber. Sie bildeten also 
neben den Trägern der königlichen Macht ein besonderes Collegium 
unter sich; ihre Aufgabe war die Hut der Gesetze. Die Archonten 
setzten auf der Burg die Königsopfer fort am Altare des Zeus Herkeios, 
dem Hausaltare der alten Anakten aus Kekrops' Stamme; sie opferten 
gemeinschaftlich die Wohlfahrtsopfer für den Staat, den sie in alten 
Geleisen fortzusetzen suchten ^^2). 

Wie es unter den Königen gewesen war, sorgten sie dafür, die 
Wehrkraft des Volkes in Kampfbereitschaft zu erhalten, um Attika zu 
Lande und zur See zu vertheidigen. Die Deckung der Küste war aber 
von Anfang an die Hauptsache. Deshalb war die ganze Landschaft in 
acht und vierzig Bhederkreise oder Naukrarien eingetheilt ; jeder dieser 
Bezirke hatte ein bemanntes Schiff zu stellen, und nach denselben Be- 
zirken war auch die Landwehr und die gesamte Besteuerung ein- 
gerichtet. Die Steuersammler behielten den Namen der Kolakreten ; 
denselben Namen, den die Beamten geführt hatten, welche die den 
Landesfürsten gebührenden Ehrengaben einzusammeln hatten. An 
der Spitze jeder Naukrarie stand ein Prytane und sorgte zugleich für 
Ordnung und Buhe in seinem Bezirke. Die Prytanen waren Eupa- 
triden, von denen man ohne Zweifel solche wählte, welche in den 
einzelnen Bezirken, deren Vorstandschaft sie übernahmen, angesessen 
waren, Das sind die ältesten, nicht ionischen, sondern echt attischen 
Verwaltungseinrichtungen, welche wir auf attischem Boden nach- 
weisen können; es sind örtliche Verwaltungskreise, welche innerhalb 
der glücklich gewonnenen Landeseinheit die Mannigfaltigkeit des 



SOCIALE ÜBELSTÄNDE. 



299 



communalen Lebens schützten und die Sonderinteressen der Stände 
in heilsamer Weise kreuzten, indem sie die MitgUeder der Geschlechter 
und die aufserhalb derselben Stehenden zu gemeinsamer Thätigkeit 
vereinigten und das Bewusstsein staatsbürgerlicher Pflichten erneuten. 
Denn es handelte sich um die richtige Verlheilung der zum Zwecke 
der Landesvertheidigung zu übernehmenden Leistungen. Wir finden 
hier also die Anfänge einer besonderen Verwaltung des Heerwesens 
und der Finanzen. Dabei hatte auch der auf dem Lande wohnende 
Theil der Eupatricten dem Stadtadel gegenüber, welcher der Regierung 
näher stand, Gelegenheit, seinen Einttuss geltend zu machen. Wann 
diese Distriktseinlheilung zu Stande gekommen ist, lässt sich nicht 
nachweisen; doch ist es wahrscheinlich, dass sie ihren Grundzügen 
nach der königlichen Zeit angehört ^^^). 

Wenn aber auch in vielen Stücken nur die Keime dessen ent- 
wickelt wurden, was schon in der königlichen Zeit begründet worden 
war, gab es keine feste PoHtik, wofern nicht bei dem jährlichen Wech- 
sel der Archonten das Staatsinteresse immer schärfer ausgeprägt 
wurde. Der Demos verlor daher hier, wie überall beim Aufhören des 
Königthums; alle Vortheile der Staatsveränderung kamen den Eupa- 
triden zu Gute. Die jährigen Regenten konnten nichts weiter sein, 
als Organe ihrer Partei; sie durften nicht anders handeln, als im Sinne 
ihrer Wähler und Standesgenossen. Die Kluft der Stände wurde 
immer gröfser; die Eupatriden hatten kein anderes Augenmerk, als 
ihre Vorrechte zu sichern und die Leute der Gemeinde nieder zu halten. 
Sie hatten alle Staatsgeschäfte, Regierung und Gericht, in Händen, und 
je mehr sie selbst zur Partei im Staate wurden, um so weniger konnten 
sie geeignet sein, unparteiische Rechtspflege zu gewähren. 

Dies war der erste Uebelstand, welcher sich fühlbar machte. 
Denn das attische Volk hatte von Anfang an einen besonders feinen 
Sinn für die Idee des Rechts, welche sich im Staate verwirklichen 
sofl, und war in keinem Punkte empfindlicher. Dazu kamen andere 
Uebelstände, welche das materielle Leben betrafen und den Wohl- 
stand der Bevölkerung auf das Gefährlichste bedrohten. 

Die Nahrungszweige derselben waren nach der Natur des attischen 
Bodens dreifacher Art. Die Leute des Gebirgs, die sogenannten Dia- 
krier, hatten einen kümmerlichen Unterhalt, da die felsigen Abhänge 
wenig an Feld- und Baumfrüchten lieferten und Weide nur für kleines 
Vieh gewährten. Mehr Nahrungsquellen bot die Küste dar, wo die 



300 



SOCIALE ÜBELSTÄNDE. 



'Paralier' sich von Kahnbau, Fahrschiffahrt, Salzbereitung und Fischerei 
nährten. Alle Vortheile aber fielen denen zu, welche in den grofsen 
Ebenen, ihren angestammten Grundbesitz hatten. Hier wohnten die 
„Pedieer", deren Kern die Eupatriden bildeten. 

Die Eupatriden waren in jeder Hinsicht der bevorzugte Stand. Sie 
hatten ihre Hauser am Stadtmarkte von Athen und zugleich den grofsen 
Grundbesitz in der Kephisosebene, dem fruchtbarsten Theile der Land- 
schaft, dessen Ertrag, namenthch das Oel, aus den nahe gelegenen Häfen 
leicht zu verschiffen war. Sie hatten allein Uebung in öffentUchen Geschäf- 
ten, denen sie in Mufse obliegen konnten, während die Sklaven ihre Aecker 
besorgten; sie hatten allein die Kenntniss des Rechts. Die Leute, 
welche fern von der Stadt ihre kleinen Grundstücke bewirthschafteten, 
nannte man im Gegensatze zu den grofsen Grundbesitzern der Mittel- 
ebene die Aufsenleute oder Apöken. Den grofsen Grundbesitzern, die 
zugleich Rheder und CapitaHsten waren, wuchsen die Mittel des Wohl- 
standes unter den Händen, während die kleinen Besitzer immer ärmer 
wurden, je mehr das Leben sich vertheuerte. Jede Leistung für das 
Gemeinwesen lastete doppelt schwer auf ihnen; jede Störung des 
Friedens, jede zu erlegende Geldbufse, jede Missernte trug dazu 
bei, ihr Hauswesen zu zerrütten. Sie wurden die Schuldner der 
Eupatriden. 

Nach altem Schuldrechte ging des Gläubigers Forderung vom 
Eigen thume auf die Person des Schuldners über; die Schuld aber war 
um so schwerer, je weniger Geld im Lande war, und je schneller bei 
der Höhe des Zinsfufses die unbezahlte Schuld anwuchs. Am Ende 
blieb den Verschuldeten nichts übrig, als durch Abtretung ihres Landes 
die Gläubiger zu befriedigen, und sie mussten es noch als ein gün- 
stiges Schicksal anerkennen, wenn sie nicht ausgetrieben wurden, 
sondern ihr altes Eigenthum aus der Hand der Gläubiger zur Nutz- 
niefsung zurück erhielten und auf den Höfen der grofsen Grund- 
besitzer ein kümmerliches Unterkommen fanden. So bildete sich ein 
Stand halbfreier Ackerleute, welche den Namen 'Hekt emorio i' oder 
Sechstheiler führten, vermuthlich weil sie nur den sechsten Theil 
des Einkommens für sich behielten. Die Eupatriden aber benutzten 
jede Gelegenheit, immer mehr zusammenhängenden Grundbesitz an 
sich zu bringen. Die Zahl der freien Eigenthümer, der Mittelstand der 
Geomoren, schmolz mehr und mehr ein; sie wurden zum Hofgesinde 
der Reichen und versanken in eine vollständige Abhängigkeit^^'*). 



DR A KONS GESETZE 39, 4; 621. 



301 



Unter diesen Umständen wurde es den Eupatriden leicht, ihre 
eiserne Herrschaft zu behaupten. Es würde ihnen noch länger gelun- 
gen sein, wenn nicht in ihrer eigenen Mitte Spaltungen eingetreten 
wären, und wenn sich nicht unter dem attischen Volke ein gesunder 
Kern freier Männer erhalten hätte, theils'auf den Bergen der Diakria, 
theils an der Küste, wo der Verkehr aufblühte und bürgerliche Selb- 
ständigkeit einen günstigeren Boden fand. 

Dass aber die geistige Bewegung, welche im siebenten Jahrhun- 
dert von lonien herüber mit frischem Lebenshauche die griechischen 
Küstenländer durchströmte (S. 232), an Attika nicht spurlos vorüber- 
gegangen ist, erkennt man an den Mitteln, welche damals angewendet 
wurden, um die bestehende Ordnung der Dinge aufrecht zu erhalten. 
Denn der politische Geist der Athener bezeugt sich darin, dass sie aut 
dem Wege der Gesetzgebung zu erreichen suchten, was in den an- 
deren Ländern auf dem Wege der Revolution durchgesetzt wurde. 
Auch darin zeigt sich das Eigenthümliche des attischen Volksgeistes, 
dass er durch nichts tiefer verletzt wurde als durch willkürliche 
Handhabung des Richteramts und Unsicherheit des Rechts. Hier 
wurde mit aller Energie eine Reform erstrebt und durchgesetzt. Denn 
wenn aus der Mitte der Eupatriden ein Mann den Auftrag erhielt, die 
Normen aufzuschreiben, nach denen in Athen geurtheilt werden sollte, 
so ist dies ein deutliches Anzeichen innerer Kämpfe, in denen der 
Adel zur Nachgiebigkeit genöthigt worden ist. Sein wichtigstes Vor- 
recht war ja die ausschliefsüche Kenntniss des Rechts, die Ausübung 
der heiligen Gebräuche, welche durch mündliche UeberHeferung in den 
Geschlechtern vererbt wurden; seine Macht beruhte also auf dem un- 
geschriebenen Rechte. Wie sollte er darauf verzichtet haben, wenn 
nicht die Leute der Gemeinde seit längerer Zeit Veröffentlichung des 
Rechts verlangt hätten und einmüthig genug gewesen wären, ihren 
Forderungen Nachdruck zu geben? 

Darum war es ein grofser Fortschritt in der Entwickelung des 
bürgerlichen Lebens, als eine öffentliche Aufzeichnung des geltenden 
Criminalrechts beschlossen und im Jahre i)21 (OL 39, 4) durch den 
Arclioiili'ii Diakon ausgetührt wurde. Seitdem waren die Archonten 
an einen festen Reclitsgang und bestimmtes Strafmafs gebunden. 
Wenn aber von seinen Gesetzen gesagt wurde , sie seien mit Blut ge- 
schrieben, sie hätten für alle Vergehen als einzige Strafe den Tod 
u. s. w., so ist das nicht einer persönlichen Härte des Gesetzgebers 



DROHENDE GEFAHREN. 

zuzuschreiben, der gewiss weit entfernt war, ein neues System des 
Strafrechts aufstellen zu wollen, sondern es erschienen die drakonti- 
schen Bestimmungen im Vergleiche mit späteren Gesetzgebungen 
ungemein strenge und einfach, weil sie aus einfachen und strenge 
geordneten Lebensverhältnissen erwachsen waren. Man wollte aber 
dem neuerungssüchtigen Zeitgeiste gegenüber möghchst am Alten 
festhalten und das Schwert, so lange man es noch in Händen trug, 
nicht abstumpfen, damit der Schauer vor der Strafe zugleich das Amt 
und den Stand der Richter in Ansehen erhalte. Auch würde ja jede 
Abschwächung der hergebrachten Strafsätze nur ein um so gehässigeres 
Licht auf die frühere Verwaltung des Strafamts geworfen haben. Der 
Standpunkt der attischen Gerichtsbarkeit, wie er durch Drakon fest- 
gestellt worden ist, lässt sich nur in Betreif der Blutgerichte deut- 
Heber erkennen. Sie waren im attischen Gemeinwesen am frühe- 
sten ausgebildet und es waren schon in alter Zeit die verschiedenen 
Arten des Todtschlags, Mord, Tödtung aus Fahrlässigkeit, gerechte 
Tödtung, genau unterschieden und wurden alle an verschiedenen Wahl- 
stätten (Areopag, Palladion, Delphinion), welche durch besondere Le- 
genden dazu geweiht waren, besonders behandelt. 

Man erkennt auch an den drakontischen Einrichtungen, wie erst 
nach und nach der Staat an Stelle der Familie, das öffentliche Gericht 
an Stelle der Blutrache getreten ist. Die Familienglieder bis zu 
den Vetterskindern behalten noch ihren Antheil an der Verfolgung des 
Blutbefleckten und einen Einfluss auf das Schicksal desselben, indem 
ihre Aussöhnung mit ihm die frühere Rückkehr des Verbannten er- 
möghcht. Selbst die Blutrache bleibt noch in Kraft, falls der Verbannte 
vorzeitig auf attischen Boden zurückkehrt. 

Daneben ist aber das gerichthche Ver fahren von Seiten des 
Staats auf das Genaueste geordnet. Es vollzieht sich in zwei Akten. 
Zuerst wird unter Vorsitz der Ärchonten der Prozess eingeleitet und 
die Sache nach Erforschung des Thatbestandes spruchreif gemacht. 
Der Spruch selbst aber erfolgt durch ein CoUegium, 51 an der Zahl, 
welche die Bürgergemeinde vertreten, die 'Epheten'. 

So ist das Alte mit dem Neuen, das Famihenhafte mit dem Staat- 
lichen eng verschmolzen, und wir erkennen daran die Zeit des Ueber- 
gangs, in welcher Drakon wirkte, auf den die Ephetenhöfe vorzugs- 
weise zurückgeführt wurden. 

Es sollte nichts Unreines im Staate geduldet werden, keine Ver- 




DROHENDE GEFAHREN. 



303 



letzung des öffentlichen Friedens ungeahndet oder ungesühnt bleiben, 
andererseits aber war man, wo es sich um Leib und Leben von Bür- 
gern handelte, besonders ängstlich; man wollte jeder Beamtenwillkür 
entgegentreten und durch Betheiligung der 51 Gemeindevertreter, 
denen der Urtheilsspruch überlassen war, Rechtssicherheit schaffen, 
wie sie die Zeit immer dringender verlangte ^^^). 

Die Aufzeichnung des Strafrechts und die Neuordnung der Rich- 
tercollegien waren Zugestündnisse von Seiten der Eupatriden, welche 
die Gefahren der Zeit nicht verkennen konnten. An der Land- und 
Seeseite war Attika von Staaten umgeben, in welchen die Volksbewe- 
gungen mit siegreicher Kraft die alten Ordnungen durchbrochen hat- 
ten. In Megara, das ursprünglich nur ein Stück von Attika war, jetzt 
aber seemächtiger und glänzender als Athen, in Korinth, in Sikyon, in 
Epidauros bestanden Fürstenherrschaften, welche von Führern der 
Volkspartei errichtet worden waren, und es wurden Versuche gemacht, 
in Athen gleiche Bewegungen hervorzurufen. 

Freilich waren hier die Verhältnisse ganz anderer Art; hier war 
kein fremdländisches Kriegsvolk eingedrungen, hier war dem ein- 
heimischen Volke keine fremdartige Herrschaft aufgezwungen worden, 
also zu einem gewaltsamen Durchbruche keine gleiche Veranlassung 
vorhanden. Indessen an Gährungsstoffen fehlte es nicht; peinliche 
Gegensätze von Stadt und Land, von regierenden Famihen und Unter- 
thanen, von Reichen und Verschuldeten waren auch hier; es waren 
mehr soziale Uebelstände als eigenthche politische; aber auch in Me- 
gara war die Revolution eine vorwiegend soziale (S. 267), und die at- 
tischen Geschlechter waren in ihren Interessen eben so sehr auf die 
conservative Seite hingewiesen, wie der Demos der Entfesselung und 
Hebung des Bürgerstandes in den benachbarten Seestädten seine 
Sympathie zuwendete. 

Auch stand es schlecht um die Verwaltung des Landes. Die 
Geschlechter waren in Unfrieden mit einander; mit ungeduldigem 
Ehrgeize drängte sich jetzt Alles nach den Aemtern; die Regierung 
war geschwächt, die Wehrkraft des Landes in Verfall. Es scheint, 
dass die Vorsteher der Steuerkreise eine Macht erlangt hatten, welche 
den Archonten der Hauptstadt gegenüber stand; einzelne Theile des 
Landes und der Bevölkerung lösten sich aus dem Ganzen, und her- 
vorragende Adelsfamilien benutzten die allgemeine Verwirrung, um 
im Umkreise ihrer Besitzungen einen Anhang zu gewinnen und sich 



304 



KYLONS ATTENTAT 42, 1; 612 (?). 



eine Macht zu verschaffen, welche mit der Verfassung des Landes in 
Widerspruch stand. 

Einem dieser Häuser gehörte Kylon an, der Ol. 35; 640 im 
Stadium von Olympia gesiegt hatte und sich dadurch zu höheren An- 
sprüchen berufen fühlte, als ihm die gesetzliche Ordnung der Dinge 
gestattete. Er wollte kein gewöhnhcher Bürger mehr sein. Er hatte 
eine Tochter des Theagenes zur Frau, er hatte in Megara die Reize 
der Tyrannis kennen gelernt und vielerlei Verbindungen angeknüpft; 
so kam er auf den Gedanken, die schon mehrfach erschütterte Regie- 
rung seiner Vaterstadt zu stürzen und sich zum Herrn von Stadt und 
Land zu machen. Indem er Erleichterung der Schuldverhältnisse und 
Ackervertheilung in Aussicht stellte, gelang es ihm, eine entschlossene 
Schaar Parteigänger um sich zu sammeln. Theagenes stellte ihm 
Mannschaft zur Verfügung, und so glaubte er nach Vorgang der pelo- 
ponnesischen Tyrannen nur den entscheidenden Schritt wagen zu 
müssen, um am Ziele zu sein. 

Es war griechische Sitte, die wiederkehrenden Jahrestage der 
Wettsiege zu feiern; dann zog der Sieger, begleitet von seinen Ge- 
nossen und Angehörigen, geschmückt mit dem Kranze, der seinem 
Hause wie seiner Vaterstadt unvergängliche Ehre machte, in der Stadt 
umher zu den Tempeln der Götter, und allem Volk trat dabei die 
aufserordentliche Stellung ihres Mitbürgers entgegen. Deshalb erkor 
Kylon diesen Tag, an welchem er ohne Argwohn zu erregen eine an- 
sehnliche Schaar seiner Freunde um sich haben konnte, zur Ausfüh- 
rung seiner That, und darin soll ihn die Pythia bestärkt haben, welche 
ihm das gröfste Zeusfest als den glückbringenden Tag bezeichnet 
hatte. Wie konnte Kylon dabei an ein anderes Fest denken als an 
das des Zeus in Olympia, welches ihm, dem Olympioniken, im Mittel- 
punkte des ganzen hellenischen Festlebens zu stehen schien! Er ver- 
gafs, dass in Attika selbst unter dem Namen des gröfsten Festes oder 
der Diasien ein uraltes einheimisches Zeusfest gefeiert wurde, das 
kein patriotischer Athener dem peloponnesischen hätte nachstellen 
dürfen. An den Diasien war das Volk in den Gauen zerstreut, am 
olympischen Zeusfeste strömte Alles nach Athen zusammen. 

Die Burg war leicht überrumpelt und das Thor besetzt, aber 
weiter wurde nichts erreicht. Kylon erkannte bald, dass er sich ver- 
rechnet hatte. Trotz aller Verstimmung und Unzufriedenheit, welche 
in der Bevölkerung gährte, war dennoch eine zu grofse Eintracht vor- 



FREVEL AN DEN KYLONIERN. 



305 



handen, als dass nicht das Gefühl der Entrüstung über den gewalt- 
thatigen Bruch der gottesdienstlichen Feier das bei weitem vorwie- 
gende gewesen wäre. Dies Gefühl wandte sich mit voller Entschieden- 
heit gegen den Bürger , welcher das Fest zu verrätherischen Plänen 
benutzen wollte; ein Aufgebot erfolgte, wobei die Vorsteher der Nau- 
krarien ihre Thätigkeit entwickelten, und einmüthig strömte das Volk 
herbei , um die Burg wieder zu gewinnen. Es war ja die Akropolis 
nicht blofs eine Citadelle, sondern auch der Mittelpunkt der Religion ; 
es war also auch der tägliche Verkehr mit den Schutzgöttern der Stadt 
und der heiligste Opferdienst unterbrochen. Bei der verzweifelten 
Gegenwehr der Verschworenen sah man sich genöthigt, eine zur Ein- 
schliefsung der Burg genügende Mannschaft zurückzulassen, und die 
Beamten der Stadt wurden mit Vollmacht ausgerüstet, den Kampf 
nach eigenem Ermessen zu Ende zu führen. 

Als Kylon seine Hoffnung vereitelt sah, entfloh er mit seinem 
Bruder auf heimlichem Pfade ; die Uebrigen hielten sich noch kurze 
Zeit und wurden dann durch Hunger zur Uebergabe gezwungen. Das 
Ereigniss schien gänzlich erfolglos, die alte Ordnung der Dinge neu 
begründet zu sein, und dennoch knüpfte sich an die kylonische That 
eine Kette der wichtigsten Ereignisse. 

Seit der regierende Adel die Angelegenheiten ganz in seine Hände 
gelegt sah , trat bei ihm der Frevel gegen die Götter in den Hinter- 
grund; er sah im Beginnen des Kylon nur einen Angriff auf seine Stel- 
lung und seine Vorrechte, der Kampf wurde Parteikampt. Erbittert, 
dass ihnen der Anstifter entgangen sei, rückten die Archonten in das 
oiTene Burgthor ein und fanden die hungerbleichen Männer an den 
Stufen der Altäre sitzend. Die Prytanen der Naukrarien veranlassten 
sie, unter dem Versprechen der Schonung ihres Lebens das Asyl zu 
verlassen, aber kaum hatten sie die Altäre losgelassen, so stürzten 
Bewaffnete über sie her und machten sie nieder. Andere hatten sich 
durch lange Seile mit dem Bilde der Athena verbunden, um so ge- 
schützt von Altar zu Altar zu gelangen. Sie wurden am Fufse der 
Burg bei den Altären der Erinyen schonungslos getödlet. Die Seile, 
sagte man, wären von selbst zerrissen, weil die Götter keinen Zusam- 
menhang mit den Frevlern hätten haben w ollen ^^*'). 

In kurzen Augenblicken blinder Leidenschaft war Unheilbares 
geschehen. Der Buhm der gottesfürchtigen Athener war auf immer 
befleckt, der heihgste Baum schmähhch entweiht und die Bürger- 

Curtiue, Gr. Geach. I. 6. Aufl. 20 



306 



FREVEL AN DEN KYLONIERN. 



gemeinde, durch gemeinsame Nolh so eben treuer vereint als lange 
zuvor, aufs Neue zerrissen. So, sagte man, lohnten die Eupatriden 
das Vertrauen des Volks; sie hätten überall nur sich im Auge, und 
um ihre Rachlust zu befriedigen, häuften sie, die weisen Rechts- 
lehrer, Frevel und Unsegen auf das Haupt der unschuldigen Stadt- 
gemeinde. 

Am meisten wandte sich der allgemeine Zorn gegen das Ge- 
schlecht der Alkmäoniden, das hier zum ersten Mal in die Geschichte 
von Athen eintritt. Denn Megakles der Alkmäonide stand als Archon 
an der Spitze der Regierungspartei ; sein Geschlecht und seine Glien- 
ten hatten sich bei dem Rurgfrevel am meisten betheiligt; darum ver- 
langte das Volk, von dem kylonischen Anhange unterstützt, ihre Be- 
strafung, auf dass ihre Schuld nicht auf der Stadtgemeinde laste. 
Trotzig schaarten sich dagegen die Alkmäoniden zusammen und wie- 
sen das Geschrei der Menge vornehm zurück, indem sie sich auf ihre 
Vollmachten beriefen. 

Die Geschlechter waren in der übelsten Lage; die Blutschuld des 
einen Hauses hatte der ganzen Aristokratie einen Stöfs gegeben; 
denn die sicherste Grundlage ihres Ansehens war keine andere, als 
dass sie in Allem, was göttliches und menschliches Recht betrifft, des 
Volkes Führer waren und dass sie mit reinen Händen die öffentlichen 
Heiligthümer pflegten. Sie schwankten hin und her zwischen der Er- 
kenntniss der Schuld und dem Gefühle der Standesgenossenschaft 
und dies Gefühl war um so lebhafter, je stürmischer aller Orten die 
Angriffe der Gegenpartei waren, je heftiger der revolutionäre Zeitgeist 
die Privilegien des Adels bekämpfte. Um hier auszuhelfen bedurfte es 
eines Mannes, welcher Rang und Ansehen eines Edelmannes besafs, 
aber zugleich den politischen Rlick, der über die Standesinteressen 
hinausging, und eine den ganzen Staat ujwfassende Liebe hatte. Ein 
solcher war Athen zum Heile inmitten der Parteikämpfe unbemerkt 
herangewachsen, dem edelsten Blute entsprossen, das in Attika zu 
linden war, vom Geschlechte des Neleus und vom Stamme des Kodros. 



Solon, der Sohn des Exekestides, war um die Zeit geboren, da 
Psammetich in Aegypten zur Regierung gekommen war und dem 
griechischen Seehandel neue Bahnen aufschloss. 



SOLON, DES EXEKESTIDES SOHN. 



307 



Auf den Ringplätzen geübt wie in den Künsten der Musen, ge- 
wann der junge Eupatride eine reiche und harmonische Ausbildung, 
wie sie damals schon an keinem Orte besser als in Athen erreicht 
werden konnte. Eine unermüdliche Lernbegierde erfüllte ihn von 
früher Jugend bis an sein Lebensende ; denn noch sterbend soll er 
das Haupt aufgerichtet haben, um an den Unterhaltungen seiner 
Freunde Antheil zu nehmen. Diese Lernbegierde trieb ihn auch 
schon frühe aus dem engen Kreise der Heimath herauszutreten und 
die Welt zu erkunden. Seine häuslichen Verhältnisse veranlassten 
ihn, selbst Handelsgeschäfte zu treiben; auf eigenem Schiffe suchte 
er in fremden Häfen Absatz für attische Waare und Rückfracht nach 
Athen. Seinem wachsamen und hellen Blicke konnten die Bewegun- 
gen der Zeil nicht entgehen, welche ihm an allen Gestaden entgegen- 
traten. Die alten, von der Väter Zeit herstammenden Einrichtungen, 
der familienhafte Zusammenhang der Geschlechter und Geschlechts- 
vereine, die Gebundenheit des Besitzes, die patriarchalischen Canto- 
nalverfassungen sowohl wie die ererbten Rechte höherer Stände, 
welche auf der Bevormundung willenloser Gemeinden beruhten, konn- 
ten nicht mehr bestehen. So weit ein hafenreiches Meer den Strand 
bespülte, bildete sich eine neue Menschenklasse, ein kräftiger Mittel- 
stand von Gewerbtreibenden, welcher freie Bewegung wollte, und 
diesem Mittelstande gehörte die Zukunft. Er musste in demselben 
Grade steigen, wie der Verkehr sich über alle Küsten ausbreitete und 
der aus den Colonien in Ost und West, aus dem Innern von Asien und 
namentlich aus dem neuerschlossenen Nillande in reichem Segen her- 
vorquellende Handelsgewinn ausgebeutet wurde. Damit musste ein 
allgemeiner Umschwung des Lebens eintreten, und auch in Attika 
konnten trotzdem, dass der einheimische Adel die neuen Hülfsquellen 
auch seinerseits auszubeuten suchte, die alten Zustände nimmermehr 
erhalten werden. 

Dass dies unmöglich sei, das war das Erste, was Solon erkannte, 
und daran schlössen sich seine weiteren Gedanken; denn er blieb mitten 
in der Unruhe des Wanderlebens mit seinem ganzen Sinnen und Trach- 
ten der Heimath zugewandt. Alles, was er beobachtete, fasste er im 
attischen Interesse auf, und wenn er in so vielen Städten der Hellenen 
die inneren Verhältnisse zerrüttet und den Frieden gestört sah, so 
dachte er hin und her über Mittel und Wege, wie seine Vaterstadt durch 
die Stürme dieser Zeit glückUch hindurchgeführt werden könnte, der 

20* 



308 



AUSZUG DER ALKMÄONIDEN. 



grofsen Zukunft entgegen, zu welcher er sie berufen wusste. So bildete 
er sich als Kaufmann zum Staatsmann und Gesetzgeber aus. 

Alles Unheils Wurzel sah er im Kampfe der Stände; das war der 
Boden der Demagogie, auf welchem die Saat der Tyrannis aufschiefsen 
musste. Kampf oder Verständigung, Verfassung oder Gewaltherrschaft, 
das war aller Orten die brennende Frage. Also kam Alles darauf an, 
dem Bruche vorzubeugen, die Parteien zu versöhnen und den Streit zu 
vermitteln, ehe er in Feindschaft aufloderte, aber nicht etwa auf dem 
Wege eines gegenseitigen Abmarktens und einer unehlichen Nach- 
giebigkeit von beiden Seiten, sondern durch die Herstellung einer 
höheren Staatseinheit, welcher sich die verschiedenen Stände unter- 
ordnen konnten, ohne sich selbst untreu zu werden. 

Dieser Gesinnung entsprach die erste That Solons, als er zwi- 
schen die Parteien Athens in die Mitte trat. Mit eindringender Be- 
redtsamkeit überzeugte er seine Standesgenossen von der Gefahr des 
Augenbhcks ; er erklärte offen , dass die Gemeinde alles Recht habe, 
einem Adel, der seine Hände von Blutschuld zu reinigen weigere, 
Vertrauen und Ehrerbietung zu versagen, und dass es von Seiten der 
Geschlechter eine Thorheit wäre, wenn sie um der Verschuldung ein- 
zelner ihrer Mitglieder willen ihre ganze Stellung und die Ruhe des 
Staats preis geben wollten. Es gelang ihm die Seinigen zu über- 
zeugen. Die Alkmäoniden waren bereit, sich einem Gerichte zu unter- 
werfen, welches aus dreihundert Männern ihres Standes zusammen- 
gesetzt war; sie wurden hier des Frevels gegen die Götter schuldig 
befunden und in den Bann gethan. Scheu, von Allen gemieden , zogen 
sie in langem Zuge zur Unglückspforte der Stadt hinaus, und selbst 
die Gebeine der inzwischen verstorbenen FamiHenmitglieder hefs man 
nicht in attischem Boden ruhen. 

Gewifs ist dieser Ausgang auch durch unedlere Gründe befördert 
worden. Denn die Alkmäoniden haben , so lange wir sie kennen , viel 
Missgunst in Athen zu erfahren gehabt. Ihr Glanz, ihr hochstrebender 
Sinn, ihre geistigen Gaben weckten Neid und Scheelsucht. Als Sei- 
tenverwandte der Medontiden haben sie auch bei dem Aufheben der 
dynastischen Privilegien zu leiden gehabt, indem die Familien des alten 
Landadels sich nun auf Kosten der früher bevorzugten Häuser geltend 
zu machen suchten. Deshalb war die Niederlage der Alkmäoniden ge- 
wiss für Viele ein Triumph, für sie selbst aber war es ein entschei- 
dendes Ereigniss, indem sie sich nun mehr, als es sonst geschehen 



EROBERUNG VON SALAMIS UM 604. 



309 



sein würde, von der Masse des Adels abgelöst und auf eine eigene 
Hauspolilik angewiesen sahen. Solon erwies sich, da er selbst zum 
messenischen Adel gehörte, vollkommen unparteiisch und sah in der 
Entfernung der Fluchbeladenen nur das Mittel, den Staat zu retten. 
Es kam Alles darauf an, den inneren Frieden herzustellen, denn zu 
der inneren Noth kam äufseres Missgeschick ^^^). 

Die Unterdrückung des Aufstandes hatte Athen mit Megara in 
neue Feindschaft gebracht. Vielleicht war Kylon selbst beim Thea- 
genes und reizte gegen Athen. Gewiss ist, dass Megara den saronischen 
Golf beherrschte und Salamis besetzt hielt. Durch feindliche Wacht- 
schiife waren die besten Rheden von Attika, die phalerische wie die 
eleusinische, in Blokade. Nach einer Reihe mifslungener Unterneii- 
mungen ergaben sich die Athener in ihr Schicksal und zuletzt soll bei 
Todesstrafe jeder neue Antrag auf einen Auszug nach Salamis ver- 
boten worden sein. 

In diesem Zustande feiger Entmuthigung lagen wie unter schwe- 
rem Ranne die Kräfte Athens gefangen. Es kam Alles darauf an, 
diesen Bann zu lösen, denn nur in frischer That konnte die innere Gäh- 
rung überwunden, konnte Eintracht und bürgerlicher Sinn hergestellt 
werden. Auch dazu war Solfijj__der rechte Mann. Denn er war 
nicht nur ein scharfer Beobachter menschlicher Zustände, ein Kenner 
der Zeitverhältnisse und ein Staatsmann von schöpferischen Ideen, 
sondern auch ein geborener Dichter, und diese Gabe war nicht nur 
ein anmuthiger Schmuck seiner harmonisch ausgestatteten Persön- 
Hchkeit, sondern eine Kraft des Geistes von entscheidender Wichtig- 
keit, wenn es galt, seine Mitbürger zu belehren, zu begeistern und 
zu patriotischer Hingebung zu entllammen. Jetzt bewährte sich 
diese Kraft. 

Waren poütische Reden verboten, die Muse fand sich freie Bahn. 
In heiliger Begeisterung, die Niemand zu stören wagte, einem Irr- 
sinnigen ähnlich , der seinem Wächter entsprungen, in der Tracht 
eines Kranken — so drängte Solon sich, wie erzählt wird, unter das 
Volk, so gelang es ihm zum Worte zu kommen und nun ertönte von 
seinen Lippen, wie ein Heroldsruf mit steigender Kraft ein kriegerisches 
Gedicht, eine Elegie von hundert Versen, welche unter dem Namen 
'Salamis' lange im Munde der attischen Jugend gelebt hat; sie stellte 
dem Volke die tiefe, schmachvolle Erniedrigung lebendig vor die Seele 
und schloss mit dem Aufrufe : 



310 



EPIMENIDES AUS KRETA. 



Auf! Nach Salamis hin! Lasst uns um das Hebliche Eiland 
Kämpfen ! Das Joch der Schmach werfen wir zornig hinab! 

Solon hatte sich in seinen Mitbürgern nicht verrechnet. Eine 
Schaar Freiwilliger unternahm den gefährlichen Kampf, und es ist kein 
Grund zu zweifeln, dass schon um 600 v. Chr. Salamis auf Antrieb 
Solons wieder in den Besitz der Athener gekommen sei. War doch 
Solon um dieses unvergesshchen Verdienstes wegen für alle Zeit wie 
ein Heros mit dem Boden von Salamis verbunden. 

Das war der erste salaminische Sieg der Athener, ein entschei- 
dender Wendepunkt in ihrem Leben. Sie waren wieder Herren in 
den eigenen Gewässern, sie konnten wieder ohne Scham ihre Augen 
aufheben. Es war der erste frische Luftzug, der die schwüle Atmo- 
sphäre durchtheilte, und, was die Hauptsache war, das Volk erkannte 
in Solon seinen guten Genius, dem es sich mit vollem Vertrauen hin- 
gab, so dass er auch ohne amtliche Vollmachten die Geschichte seiner 
Vaterstadt weiter leiten konnte ^^^). 

Wie tief aber Solon seine Aufgabe fasste, beweisen seine näch- 
sten Schritte. Denn es kam ihm nicht auf einige äufserliche Erfolge 
an, sondern auf die sittHche Hebung der Volksgemeinde. Eine Staats- 
gemeinde wird aber, wie jedes Haus, durch Zwist entweiht ; die Götter 
wenden ihr Antlitz ab, sie nehmen nichts von unreinen Händen. Des- 
halb war Solon weit entfernt, die gedrückte Stimmung, welche seit 
dem Ausbruche der inneren Fehden zurückgeblieben war, die durch 
Krankheit und erschreckende Wahrzeichen genährte Angst der Bürger 
und das Gefühl der Schuld zu beschwichtigen oder in Leichtsinn zu 
zerstreuen, sondern er bestärkte sie in der Unruhe ihres Gemüthes, 
er erklärte im Einverständnisse mit der delphischen Priesterschaft 
eine allgemeine Demüthigung vor den Göttern und eine Sühnung der 
Stadt für nothwendig. 

Um dieser ernsten Feier eine durchgreifende Bedeutung zu geben, 
veranlafste er die Berufung des Epimenides aus Kreta, eines Mannes, 
welcher ein hohes priesterhches Ansehen bei allen Hellenen genoss 
und von Haus- und Staatsgenossenschaften gerufen wurde, um durch 
Zuspruch, Unterweisung und Sühngebräuche das gestörte Verhältniss 
zu den unsichtbaren Mächten wiederherzustellen. Wenn Männer wie 
Piaton an den heilenden Einflufs solcher Mafsregeln glaubten, .so darf 
man in der That nicht geringfügig von der Wirksamkeit eines 
Epimenides denken. 



REFORMEN DER GEMELNDE. 



311 



Er war ein Prophet, aber nicht in dem Sinne, dass er durch 
Wahrsagekünste den Aberglauben nährte, sondern so, dass er den 
sittHchen und pohtischen Uebelständen auf den Grund ging und Mit- 
tel der Abhülfe nachwies. Er war ein tiefer Kenner menschlicher Zu- 
stände, ein Arzt nach dem Vorbilde Apollons, dessen Dienst er ver- 
breitete; ein geistiger Berather, ein Mann von erschütternder Kraft 
des Wortes wie der ganzen Persönlichkeit, und mit diesen Gaben war 
er bereit, als Nikias, des Nikeratos Sohn, als Abgesandter nach Kreta 
kam, auch den Athenern zu dienen. 

In Athen erscheint der Areopag als ein Mittelpunkt seiner reli- 
giösen Thätigkeit. Vom Areopag liefs er die weifsen und schwarzen 
Schafe auslaufen und bestimmte, dass, wo sie sich niederliefsen, den 
Ortsgottheiten Altäre errichtet werden sollten. Er erneuerte den 
Dienst der 'ehrwürdigen Frauen' (Semnai), die als Rächerinnen des 
Blutfrevels am Areopag verehrt wurden, derselben Gottheiten, deren 
Altäre am frechsten verletzt worden waren. Auch auf die Mysterien 
erstreckte sich seine Wirksamkeit, wie seine Bildsäule bezeugt, die vor 
dem Mysterientempel in Agrai am Ihssos aufgestellt war. Endlich 
wurde ohne Zweifel die Religion des Apollon, des vorzugsweise süh- 
nenden, von leiblichem und geistigem Schaden heilenden Gottes ange- 
wendet, Haus und Herd mit Lorbeerreis gereinigt und die Bürgerschaft 
durch aufserordentliche Opfer, selbst Menschenopfer, wie berichtet 
wird, geheiligt. Es ist wahrscheinlich, dass damals in allen Strafsen 
die Bilder des Apollon Agyieus aufgestellt wurden und dass auch einige 
der Marktaltäre, welche den Athenern so viel Ruhm einbrachten, wie 
der des Mitleids, der frommen Scheu, des guten Rufs, in jener Zeit 
entstanden sind. Auf allen Altären der Stadt aber erglühten neue 
Feuer; das Alte war vergessen, das schwere Gewölk zerstreut und 
mit heiterem Anthtz konnten die Athener wieder ihren Göttern ent- 
gegengehen ^^^). 

Es handelt sich aber nicht blofs um die Sühnung des kylonischen 
Frevels. Gewiss hat die religiöse Reform enger mit der folgenden Ge- 
setzgebung zusammengehangen und tiefer in das ganze bürgerliche 
Leben eingegriffen. Die durch den Apollodienst bewirkte Einigung 
war noch nicht vollendet; Apollo Patroos war noch ein Gott des Adels 
geblieben, und wir dürfen voraussetzen, dass die grosse Reform im 
Sinne Solons benutzt wurde, um die Scheidewand hinwegzuräumen, 
durch welche Adel und Volk wie zwei verschiedene Gemeinden ge- 



312 



ORDNUNG DER GESCHLECHTER. 



trennt wurden, und die ganze Staatsgemeinschaft dem Gott der ioni- 
nischen Geschlechter zu weihen. 

Da die ganze Ordnung der Bürgerschaft vom ionischen Apollo- 
dienst ausgegangen ist, so ist es sehr wahrscheinlich, dass aus der Re- 
form des Dienstes auch eine neue Zählung, Ordnung und Gliederung, 
also gleichsam eine neue Constituirung der Bürgerschaft zu Stande 
gekommen ist. Denn wenn uns überhefert wird, dass von den 360 
attischen Geschlechtern jedes 30 Mitglieder enthalten habe, so wird 
diese Angabe schwerlich auf den vorsolonischen Geschlechterstaat be- 
zogen werden können, da es nicht anzunehmen ist, dass der attische 
Adel allein damals 10,800 Hausstände gebildet habe. Wenn aber diese 
Zahl die Summe derer bezeichnet, welche zu einer gewissen Zeit an 
den durch die Geschlechter vertretenen Heiligthümern Antheil hatten, 
so wird diese Zählung am besten in die solonische Zeit passen. Denn 
damals waren alle Staatsgenossen durch Betheiligung am Dienste des 
ionischen Apollo zu einer Gemeinde verbunden und diese Ausgleichung 
der religiösen Unterschiede sollte zugleich dazu dienen, die sozialen 
Gegensätze zu beseitigen und die Herstellung eines wahren Bürger- 
thums möglich zu machen ^^°). 

Damit wurden aber die alten Geschlechter nicht aufgehoben oder 
ihrer Ehren beraubt, sondern es wurde ihre Organisation benutzt, um 
die bisher ungeordnete Menge unterzubringen, und die Geschlechter 
selbst mussten es vortheilhaft finden, dieser Neuerung nicht zu wider- 
streben, weil sie sonst, auf sich beschränkt und allmählich zusammen- 
schmelzend, sich einer feindlich andrängenden und stetig anwachsen- 
den Menge gegenüber befunden hätten. 

Wie nun die neue Organisation vollzogen worden ist, bleibt eine 
der schwierigsten Fragen. Denn alle Ueberlieferungen geben nur 
kurze Andeutungen über die vorhandenen Abtheilungen der bürger- 
hchen Gesellschaft, aber wie dieselben zu Stande gekommen sind, 
wird nirgends überliefert. 

Es hat aber, soviel ist klar, eine Erweiterung des alten Ge- 
schlechterverbandes stattgefunden, so dass auch diejenigen, welche 
keinem Geschlechte angehörten, Zutritt zum Dienste des Zeus Her- 
keios und des Apollo Patroos hatten, was die Bedingung des vollen 
Staatsbürgerthums war. Es gab jetzt also eine doppelte Art von Bür- 
gern, Altbürger, d. h. die ursprünglichen Geschlechtsangehörigen oder 
'Genneten', und Neubürger, d. h. die zu dem Opferdienst der Ge- 



GESCHLECHTER- UND JAHRESOKDNUNG. 



313 



schlechter zugelassenen, welche aber nicht in die Geschlechter selbst 
aufgenommen wurden, sondern nur in die Phratrien, und die man mit 
dem Namen de r Qrgeonen bezeichnete. Unter den Genannten selbst 
aber bestand noch ein Unterschied. Es hatte nämlich in jeder Phratrie 
ein Geschlecht einen besondern Vorrang als das erste der dreifsig, 
von dem wohl auch die Phratrie den Namen hatte. Die Mitglieder 
dieses ersten Geschlechts nannte man mit echt attischem Ausdruck 
'Homogalakten' oder Milchbrüder. 

Diese Abstufungen waren für die gesellschaftliche Stellung nicht 
ohne Bedeutung, und es erhielt sich noch lange Zeit ein gewisser 
Einfluss der Eupatriden, welche die nicht ebenbürtigen Geschlechts- 
genossen in religiösen und wohl auch in bürgerlichen Angelegenheiten 
zu vertreten gewohnt waren. Die politischen Rechte waren aber in 
keiner Weise von jenen Unterschieden abhängig. Die ganze Anzahl 
freier Bürger war nunmehr eine Gemeinde; durch die Erweiterung 
des Adelsverbandes zu einer religiös-statistischen Gliederung des gan- 
zen Staats war einem Auseinanderfallen der Bürgerschaft für alle Zeit 
vorgebeugt, und, indem das gewohnheitsmäfsige Abhängigkeitsverhält- 
niss sich allmählich umgestaltete, konnte ohne Ständekampf die volle 
Gleichberechtigung aller Bürger erreicht werden. So wurde es auch 
möglich, dass Neubürger in die Staatsgemeinschaft aufgenommen 
werden konnten, ohne dass dazu die feierliche Adoption in eins der 
alten Geschlechter nöthig gewesen wäre. 

Dies Alles hängt, wie wir glauben, mit der Reform des Apollo- 
dienstes zusammen, welche durch Solon und Epimenides zu Stande 
gekommen ist. Es war der Abschluss der ganzen ionischen Periode, 
die vollständige Verschmelzung des Ionischen und Attischen. 

Endlich hängt mit der religiösen Reform näher oder ferner auch 
die Jahresordnung zusammen. Wie die ganze Gemeinde, so wurde 
auch das ganze Jahr den Göttern neu geweiht, und zwar war auch 
hier der Apollodienst mafsgebend. Denn nach dem delphischen Fest- 
jahre richtete sich Solon. Es beruhte auf der Verbindung von fünf 
Gemeinjahren und drei Schaltjahren zu einem achtjährigen Cyklus, 
der Oktaeteris, und innerhalb jedes Einzeljahres waren wie in Delphi 
die Monate getheilt zwischen dem Lichtgotte Apollon und dem winter- 
lichen Dionysos ^^^). 

Nachdem die Bürgerschaft durch die Sühnung in sich beruhigt 
und durch eine Reihe wichtiger Reformen neu geordnet war, konnte 



314 



DER HEILIGE KRIEG NACH 46,1; 600. 



nun für Athen nichts heilsamer sein, als wenn durch eine gröfsere 
Unternehmung nach aufsen die Nachwirkungen der inneren Gegen- 
sätze glücklich überwunden wurden. 

Den günstigsten Anlass gab die Bedrängniss des Terapelgebiets von 
Delphi (S. 247). Denn die parnassischen Dorier waren ausser Stande 
das Heihgthura zu schützen; Sparta hielt sich fern. Seitdem aber der 
Apollodienst für Athen eine neue Bedeutung gewonnen hatte, war es 
auch verpflichtet, für den heihgsten Sitz des Gottes kräftig einzutreten. 
Es war zugleich ein gottesdienstliches, sowie ein patriotisches und 
nationales Unternehmen, wodurch eine gesamthellenische Aufgabe in 
Angriff" genommen wurde. 

Auf den Hülferuf der delphischen Priesterschaft schloss Athen mit 
Sikyon und Thessalien ein Waffenbündniss; die drei Staaten bildeten 
gleichsam einen engeren Amphiktyonenbund. Das attische Contingent 
führte Alkmaion, Solon selbst hatte bei der ganzen Unternehmung 
einen mafsgebenden Einfluss. Er wusste die Verbündeten zu ener- 
gischer Ausdauer zusammenzuhalten; er wirkte wesentlich dahin, dass 
der Hafenort Kirrha, nachdem er endlich bezwungen war, nicht wieder 
aufgebaut wurde. Das Gebiet blieb Weideland und das Heiligthum 
des Gottes erstreckte sich nun vom Parnass bis an die Meeresküste, so 
dass hier keine selbständige Gemeinde sich wieder einschieben und 
den Delphiern die Landeshoheit streitig machen konnte. 

So war Athen nach Eroberung von Salamis aus kleinen Nachbar- 
fehden auf den Schauplatz gröfserer Unternehmungen hinausgetreten; 
es hatte eine nationale Politik begonnen. Um seiner neuen Wirksam- 
keit zu genügen, bedurfte es vor Allem der Einheit im Innern. Die 
alten Parteien, die in Momenten patriotischer Erhebung zurücktraten, 
tauchten immer wieder auf und machten es Athen unmöglich, höhere 
Ziele mit sicherem Schritt zu verfolgen. Dazu bedurfte es einer die 
Gegensätze ausgleichenden Staatsordnung, damit Athen aus innerer 
Zerrissenheit befreit, seiner selbst gewiss werde. 

Dies zu erzielen erkannte Solon alsdieAufgabe seines Lebens, nach- 
dem er dazu durch ethische und religiöse Mafsregeln vorbereitet hatte. 

Er hätte sie am schnellsten und sichersten erreichen können durch 
Vereinigung der Regierungsgewalt in seiner Hand; denn er hatte die 
Macht dazu, und Viele erwarteten nichts Anderes, als dass auch in Athen 
die Stürme der Parteikämpfe in der Alieinherrschaft ihren Abschluss 
finden würden, oder in einer längeren Aesymnetie (S. 228). Unter den 



SOLON ALS GESETZGEBER. 



315 



Tyrannen waren Männer, welche mit Solon eine unverkennbare Geisles- 
verwandtschaft hatten. Man hat ihn einfältig, bHnd, unentschlossen 
gescholten, weil er das von den Göttern Angebotene nicht ange- 
nommen, weil er den Fang, der ihm schon in das Netz gegangen, nicht 
heraufgezogen habe. Auch bedurfte es ja ohne Frage einer gesteigerten 
und in eine Hand gelegten Machtvollkommenheit, um den Staat in 
eine neue Verfassung hinüberzuleiten, und darum haben ihn auch 
wohlgesinnte Zeitgenossen getadelt, dass er diesen Weg verschmäht 
und dadurch anderen Gewaltherrschaften die Bahn geöffnet habe. 

Solon verwarf aber seinem Charakter gemäss jeden Gedanken der 
Art mit der vollen Entschiedenheit eines Mannes, dem es nicht um Be- 
friedigung selbstischer Gelüste und um trügerische Gröfse zu thun war. 
Er wollte nicht durch schlechte Mittel Gutes erreichen. Ihm kam Alles 
darauf an, dass auf gesetzlichem Wege das grofse Werk gelänge; sein 
Athen sollte den Ruhm haben, in dem Zeitalter der Umwälzungen 
allein ohne Gewaltthat und Verbrechen sich neu zu ordnen und durch 
freien Bürgerentschluss, durch friedliche Annahme einer als heilsam 
anerkannten Gesetzgebung zu einer zeitgemässen Umgestaltung zu ge- 
langen. Dazu genügte kein Gesetzbuch, wie das des Drakon, sondern 
mit schöpferischer Kraft musste ein ganzer, in sich zusammenhängen- 
der Organismus gebildet werden, welcher, dem attischen Gemeinwesen 
angemessen, ihm eine sichere Neugestaltung vorzeichnete, ohne dem 
bewegten Leben Gewalt anzuthun. 

Solon verfiel aber nicht in den Fehler idealistischer Staatskünstler, 
welche ungeduldig und vorschnell auf ihre letzten Ziele hindrängen, 
sondern er begann damit, dem ganzen Baue feste und breite Grund- 
lagen zu sichern. Sein nächstes Augenmerk war daher die Lage des 
Volks. Zu einer neuen und hoffnungsreichen Zukunft bedurfte es vor 
Allem eines freudigen Muthes; wie sollte aber das unfreie, seufzende 
A^olk auf den mit Schulden belasteten Ackergütern zu solchem Gefühle 
sich erheben? Blieben diese Miss Verhältnisse, so war es wie ein Hohn, 
wenn man statt Linderung der leiblichen Nolhstände poHtische Ge- 
rechtsame anbieten wollte. Verleihungen dieser Art musslen ja auch 
ganz bedeutungslos sein, so lange die kleinen Ackerleute in vollständiger 
Abhängigkeit von ihren Grund- und Schuldherren standen. 

Darum musste mit dem Schwersten begonnen werden. Denn wo 
findet der Gesetzgeber eine schwierigere Aufgabe, als wenn es gilt, 
der wachsenden Noth zu steuern und den schweren Bann zu heben, 



316 



SOLON ALS GESETZGEBEK. 



welcher verarmte Volksklassen tiefer und tiefer niederdrückt? Solon 
wurde bei diesem Bestreben durch zweierlei wesenthch unterstützt. 
Das Eine war die günstige Stimmung seiner Mitbürger, von denen er 
die Verständigeren überzeugt hatte , dass sie nur durch rechtzeitige 
Opfer ihre Stellung im Staate zu retten vermöchten ; das Andere war 
die Gunst eines attischen Klimas und eines griechischen Bodens. Bei 
der Leichtigkeit des Lebens, welche der Süden gewährt, bei der gros- 
sen Genügsamkeit, welche das Volk von Athen auszeichnete, konnte 
der Nothstand niemals eine solche Höhe erreichen , wie in Nordlän- 
dern, wo der Mensch einer Menge von Mitteln bedarf, um der rauhen 
Natur gegenüber sein Dasein auch nur zu erhalten. Eine Volksnoth 
in Attika entsprang aus Ursachen, welche eher auf dem Wege der 
Gesetzgebung gehoben werden konnten. Es war vor Allem der Druck 
der Geldverhältnisse. 

Die ersten Gold- und Silbermünzen sind als Waare aus Asien 
nach Hellas gebracht worden. AUmähhch kamen sie als Geld in Ge- 
brauch; zuerst bei den Kaufleuten im Betriebe ihrer überseeischen 
Geschäfte, dann wurde es auch im einheimischen Verkehre zur Rege- 
lung gegenseitiger Verbindlichkeiten gebräuchlich. Dadurch, dass alle 
Gegenstände des Lebensbedarfs nach und nach auf bestimmte Werth- 
preise gesetzt wurden , vertheuerte sich nothwendig das ganze Leben. 
Jedermann gebrauchte Geld, und doch gab es, auch nachdem der Staat 
nach Vorgang des Pheidon (S. 237) eigenes Geld zu prägen angefangen 
hatte, noch lange Zeit hindurch nur wenig baares Geld im Lande. Der 
geringe Vorrath war meist in den Händen der Kauf- und Geschäfts- 
leute ; sie hatten es in ihrer Gewalt, den Werth des Geldes zu bestim- 
men, und steigerten den Zinsfufs so hoch wie möglich. So wie nun 
das Geld aufgehört hatte eine Waare wie andere Marktwaaren zu sein, 
seit auch der gemeine Mann es nicht mehr entbehren konnte, erwuchs 
daraus eine grofse Bedrückung, welche auf den kleinen Leuten um so 
schwerer lastete, da das im Interesse der Besitzenden geltende Schuld- 
recht von unerbittlicher Strenge war. 

So kam es, dass der Wucher wie ein giftiges Unkraut die Kraft 
des Landes aufsog. Ein freier Hausstand nach dem andern war ein- 
gegangen, ein Hof nach dem andern verpfändet, und am Rande der 
Aecker sah man zahlreich die Steinpfeiler aufgerichtet, welche die 
Schuldsummen, für welche sie verpfändet waren, und die Gläubiger 
nannten. Die unheilvolle Spaltung der Bevölkerung in Arme und 



MÜNZREFORM. 



317 



Reiche nahm in drohendster Weise zu. Während es den Reichen 
leicht wurde ihre Capitahen zu vervielfachen, gelang es von den 
Rauern nur Einzelnen sich emporzuarbeiten. In den Ilauplebenen des 
Landes war der kleine Grundbesitz und damit der Mittelstand, in 
welchem Solon die Zukunft seiner Vaterstadt erkennen musste, sehr 
zusammengeschmolzen, während sich in den Rergdistrikten und an 
der Küste eine neuerungssüchtige Revölkerung immer kräftiger regte. 

Hier musste geholfen werden; hier durfte ein entschlossener 
Staatsmann auch vor solchen Mafsregeln nicht Scheu tragen, welche 
um des gemeinen Resten willen in das Privatrecht eingriffen und 
sich ohne wesentliche Reeinträchtigung der Gläubiger nicht durch- 
setzen liefsen. Das Pfändungsrecht wurde eingeschränkt; es durfte 
fortan nicht mehr auf die Person des Schuldners und seine Familie 
ausgedehnt werden. Der Staat ehrte sich selbst, indem er die Mög- 
lichkeit aufhob, dass ein Rürger den andern zum Leibeigenen hatte 
oder in die Sklaverei verkaufte. Aber auch aus der Schuldenlast 
musste das Volk erlöst werden, wenn es besser werden sollte. Die 
schwebenden Schulden mussten verringert werden, so weit es ohne 
revolutionäre Mafsregeln thunlich war. Wie schwer war es aber hier 
den richtigen Weg zu finden, um auf der einen Seite die Menge nicht 
blofs aufzuregen, sondern wirklich zu erleichtern, auf der andern Seite 
aber auch solche Schritte zu vermeiden, wie sie z. R. in Megara vorge- 
kommen (S. 272) und die Quelle heilloser Wirren geworden waren ! 

Solon schlug einen Weg ein, welcher seiner staatsmännischen 
Klugheit die gröfste Ehre machte, indem er seinen Zweck durch 
solche Mittel erreichte, welche sich ihm zugleich aus anderen volks- 
wirthschaftlichen Gründen empfahlen. Man hatte nämlich schon eine 
Zeit lang in Athen geprägt und zwar nach dem äginäischen Fufse, die 
Drachme zu ungefähr 6 Gramm (S. 238). Es war aber auch eine zweite 
Währung von Asien in Hellas eingedrungen, das war die Goldwäh- 
rung; sie ist den Griechen über Euboia bekannt geworden, und des- 
halb hiefs das Goldtalent das 'euböische'. Nun musste den klugen 
Griechen bald fühlbar werden, dass es zweckmäfsiger sei, Gold und 
Silber auf einen Fufs zu prägen, wobei das Verhältniss der beiden Me- 
talle zu einander um so deutlicher zu Tage trat. Dies scheint zuerst 
in Korinth geschehen zu sein, und dann in Athen. Solon ist auf den 
Goldfufs übergegangen; er hat im Anschlüsse an die kleinasiatische 
Goldieinheit Silbercourant geschlagen und so eine Drachme von 



318 



SOCIALE REFORM. 



4, 36 geschaffen, welche einem Viertel des phokaischen Staters 
(S. 231) entspricht. 

Von diesen neuen Drachmen gingen auch 100 auf die Mine, aber 
die neue Mine verhielt sich zu der alten, wie 100 : 137. 

Diesen Uebergang von der schwereren zur leichteren W^ährung 
benutzte Solon nun in der Weise, dass er den Schuldnern gestattete, 
die in schwerem Gelde gemachten Schulden in leichtem zurückzu- 
zahlen. Dadurch wurde ihnen eine Erleichterung von 27 Prozent; statt 
1000 Drachmen zahlten sie den Werth von 730. Aufserdem wurde 
die Rückzahlung in bestimmten Fristen durch andere Vergünstigungen 
erleichtert und vorübergehend auch der Zinsfufs gesetzlich festgestellt. 

Ein Mann wie Solon konnte durch die milde Gewalt seiner Per- 
sönlichkeit und durch kluge Benutzung günstiger Stimmungen Aufser- 
ordentliches erreichen. Der Staat selbst liefs seine Schuldner frei 
und verzichtete auf die ausstehenden Geldbufsen. So wurde vielen 
Ackerbauern die Möglichkeit gegeben, eine neue geordnete Wirth- 
schaft zu beginnen; innerhalb und aufserhalb der attischen Gränzen 
wurden heruntergekommene Athener wieder frei und selbständig, 
Knechte und Proletarier wurden Bürger, und seines Erfolges dankbar 
froh durfte Solon der Mutter Erde Glück wünschen, dass sie von der 
verhassten Last der Pfandsäulen befreit sei : 

Zum Zeugen meines Wirkens ruf ich dich herbei, 

0 Mutter Erde, denn der vielen Pfeiler Last, 

Die deinen Leib beschwerten, hab' ich weggeräumt. 

Geknechtet warst du, jetzo bist du wieder frei. 

Auch manchen führt' ich in die gottgebaute Stadt 

Der Heimath wieder, der in herbem Fesselzwang 

Frohndienste that und fast der Muttersprache Laut 

Vergafs, im Ausland ein unselig Irrender. 

Und Andere, die im eignen Land der Knechtschaft Schmach 

Erduldend, vor dem Streich des Dienstherrn zitterten, 

Hab' ich befreit. Kraft meiner Vollmacht that ich das ; 

Gewalt und Recht verbindend, wie es nöthig war, 

Hab' ich den Bürgern mein gegebenes Wort gelöst. 

Gesetze hab' ich Guten und Bösen überein 

Geordnet, unparteiisch Recht für Jedermann 

Einrichtend. Hätt' ein And'rer so des Staates Zaum 

Gehabt, ein schlechtberathner, eigensüchtiger Mann, 



SEISACHTHEIA. 



319 



Nicht hätte der sein Herz bezwungen, nicht geruht, 

Bis er für sich den besten Antheil abgeschöpft. 

Um auch für die Zukunft die Rückkehr solcher Zustände unmög- 
lich zu machen, wagte er freilich nicht, durch Wuchergesetze der 
freien Bewegung des Verkehrs entgegenzutreten, er gab vielmehr nach 
einigen vorübergehenden Beschränkungen in Betreff der vorgefundenen 
Schulden für die Zukunft den Zinsfufs vollkommen frei; dagegen er- 
liefs er in Betreff des Grundbesitzes eine sehr eingreifende Gesetz- 
gebung, welche ein Mafs feststellte, welches nicht überschritten werden 
durfte. So viel lag Solon daran, den kleinen Grundbesitz zu erhalten, 
dem Landkaufe der Kapitalisten Schranken zu setzen, dem Eingehen 
der Bauernhöfe und der Vereinigung vieler Grundstücke in einer 
Hand vorzubeugen. 

Da3 war eine Reihe segensreicher Bestimmungen; sie gaben dem 
Volke Vortheile, welche an anderen Orten nur unter den blutigsten 
Unruhen erreiciit worden sind, und zwar auf eine viel weniger sichere 
Weise. Denn jene Eingrift'e in die Geldverhältnisse waren so wenig 
von übelem Einflüsse auf den öffenthchen Credit, dass gerade in Athen, 
trotz der Schwankungen der Politik, der Geldverkehr immer eine 
grofse Sicherheit und Stätigkeit gehabt hat. Der Münzfufs ist nach 
Solon nicht wieder herabgesetzt worden. Die angedeuteten Mafsregeln 
aber bildeten zusammen die sogenannte Seisachtheia, d. h. die Er- 
leichterung der Lasten, welche das Volk drückten. Es konnte nun 
freier und muihiger einer politischen Entwickelung entgegen gehen ^^*). 

Auih hier fasste Solon die gegebenen Verhältnisse klar in's Auge. 

Die freien Leute von Attika zerfielen bis dahin in zwei ganz ver- 
schiedene Klassen; es waren vollberechtigte Bürger, so viele ilirer 
jener geschlossenen Zahl von Familien angdiörten, oder unberechtigte 
Einwohner, welche nichts als Freiheit und Rechtsschutz hatten. Dieser 
schroffe Standesunterschied war nicht mehr zu halten; in der Volks- 
menge war der Widerspruch zu mächtig, in der engeren Bürgerschaft 
zu wenig Einigkeit, um ihm mit Erfolg entgegentreten zu können. 
Es musste das Wesen der Staatsgemeinschaft in einem neuen Sinne 
aufgefasst werden, in welchem dieser Gegensatz eine Ausgleichung 
fand. 

Der Staat der Athener, das war der Gedanke Solons, ist nicht 
eine Anstalt, an welcher nur so und so viel Familien wie durch Erb- 
recht einen vollen Antheil haben, sondern, wie die Religion des Apollon 



320 



DIE BÜRGERLICHE SCHÄTZUNG. 



eine Allen gemeinsame geworden ist, so soll auch der Staat, welchen 
die ionischen Geschlechter begründet haben, alle freien, von attischen 
Eltern geborenen Einwohner umfassen. Alle haben ihren Antheil an 
den Vortheilen, die er bietet. Alle aber auch die entsprechenden Ver- 
pflichtungen zu erfüllen. Darum dürfen aber nicht Alle gleichberechtigt 
sein; denn es wäre unbillig, wenn der Athener, dessen Familie seit 
Jahrhunderten in der Ebene des Kephisos begütert ist, nicht mehr An- 
theil am Staate hätte als ein Handarbeiter, welcher zu Hause ist, wo 
er Verdienst findet. Solon machte die Bereitwilhgkeit , und die 
Fähigkeit, dem Staate zu dienen, zum Mafsstabe, nach welchem einem 
Jeden sein Antheil an den bürgerlichen Rechten zugemessen wurde. 

„Geld macht den Mann", das war schon längst ein Sprichwort 
von unbestrittener Wahrheit, so sehr auch die Freunde der alten Zeit 
sich darüber ereiferten und klagten. In Korinth hat man vielleicht 
zuerst das jähdiche Einkommen zur Eintheilung der Bürgergem einde 
in verschjedene Klassen angewendet, um darnach die Rechte und 
Pflichten der Bürger zu bestimmen. Auch Solon machte das Ein - 
kommen zum Ma^t^bejpolitischer Berechtigung, aber nicht den Vor- 
rath an baarem Gelde (denn sonst wären die Kaufleute, Rheder, Fabri- 
kanten und Geldwechsler obenan gekommen und die Wucherer hätten 
am Ende die Ehren des Staates davon getragen), sondern den Ertrag 
vom eigenen Acke r. G rundbesitz w urde also die Bedingimg jedes 
politischen Einflusses. Dadurch stieg der Werth des Landes ; dadurch 
wurde der übermäfsigen Neigung des ionischen Stammes zum beweg- 
lichen Besitze, dadurch dem schnellen Wechsel des Wohlstandes eine 
Schranke gesetzt. Die alten erbgesessenen Famihen blieben in An- 
sehen, eine gleichmäfsige Vertheilung des Landes wurde begünstigt, 
weil Alle, die persönlichen Antheil an der Staatsverwaltung zu haben 
wünschten, ein gewisses Mafs von schuldfreiem Grundbesitze sich zu 
erhalten oder zu erwerben suchen mussten. Den jungen Eupatriden 
war ein heilsamer Antrieb gegeben , ihr väterliches Gut ordentlich zu 
bewirthschaften , den Anderen, die emporkommen wollten, sich anzu- 
kaufen und mit dem Boden des Landes gleichsam zu verwachsen. 
Thatsächlich war aber die Aenderung nicht so bedeutend; denn die 
Eupatriden waren die Reichen und bildeten die überwiegende Mehr- 
zahl der Grundbesitzer. Es wurden ihnen also ihre Rechte gewisser- 
mafsen nur unter anderem Titel neu verbürgt. Darin aber lag der 
grofse Unterschied, dass diese Rechte kein unveräufserlicher Be- 



DIE VERMÖGENSKLASSEN. 



321 



sitz mehr waren; sie konnten jetzt von den Einen verloren, von 
den Andern durch Fleifs, Talent und Glück erworben werden ^^^). 

Um den richtigen Mafsstab für die neue Gliederung der Bürger- 
schaft zu gewinnen, musste das Gesamtvermögen des Volks an liegen- 
den Gründen genau bestimmt werden; es wurden statistische Ver- 
zeichnisse angelegt, wie dergleichen in den Reichen des Morgenlandes 
und namentlich bei den Aegyptern seit alten Zeiten in Gebrauch 
waren und dem weltklugen Solon zum Vorbilde gedient haben 
mögen. In Attika musste jeder Besitzer das jährliche Einkommen 
von seinem Acker selbst angeben , wie dies den Bürgern eines freien 
Gemeinwesens geziemte. Eine trügerische Unterschätzung war nicht 
zu befürchten; sie konnte, wenn sie versucht wurde, bei den durch- 
sichtigen Verhältnissen des kleinen Ländchens kaum verborgen blei- 
ben. Von Zeit zu Zeit wurde die Schätzung wiederholt, damit sie zu 
dem wechselnden Stande des Güterwerths in richtigem Verhältnisse 
bleibe. Man legte aber nicht das Grundvermögen selbst, sondern den 
Reinertrag der Besitzung zu Grunde. Wie dieser Ertrag bestimmt 
wurde, ist nicht vollkommen deutlich. Doch scheint er sich zum 
Werthe des Eigenthums wie 1 zu 12 verhalten zu haben, so dass ein 
Einkommen von 500, 300, 150 Mafs Getreide einen Werth von 6000, 
3600, 1800 darstellte. Die wichtigste Getreideart war aber für AtUka 
die Gerste, die den eigentlichen Unterhalt der Bevölkerung bildete; 
darnach bestimmte Solon die verschiedenen Vermögensklassen ^^*). 

Wer zur ersten Vermögensklasse gehören wollte, musste einen 
Grundbesitz nachweisen, welcher nach durchschnittlicher Berechnung 
ein reines Einkommen von 500 Scheffeln Gerste abwarf, oder ein 
entsprechendes Mafs von Wein und Oel. Das waren die^entakosio- 
medininen' oder Fünfhundertscheffler. Da nun zu Soions Zeit der 
l^rkTpreis des Scheffels eine Drachme (6 gGr.) betrug, so halten die 
Bürger der ersten Klasse als Minimum ein Steuerkapital von 6000 
Drachmen oder einem Talente. Zur zweiten oder 'Ritterklasse' war 
ein Grundbesitz von 3600, zur dritten oder 'Zeugitenklasse' ein 
Grundbesitz von 1800 Scheffeln oder Drachmen Werth erforderlich. 
Da es aber unbillig gewesen wäre, wenn der Staat nach gleichem Ver- 
hältnisse die Einkünfte der Reicheren und der Aermeren in Anspruch 
nehmen wollte, so waren die Leute der zweiten Klasse nur mit 3000 
]^ Talent = 30 Minen), die der dritten nur mit 1000 Drachmen 
oder 10 Minen eingeschrieben. Die Proportionen sanken also in der 

Cartius, Gr. Gesch. I. 6. Aufl. 21 



322 



DAS VERHÄLTNISS DER STÄNDE. 



Weise, dass bei den Pentakosiomedimiien das ganze Vermögen , bei 
den Rittern ^, bei den Zeugiten % als Steuerkapital (Timema) zu 
Grunde gelegt wurde. Alle, welche mit ihrem Einkommen unter der 
Schätzung der Zeugiten blieben und also keinen Grundbesitz hatten, 
welcher ihnen eine bürgerliche Selbständigkeit sicherte, bildeten zu- 
sammen die Klasse der Lohnarbeiter oder 'Theten'. Sie waren von 
aller Besteuerung frei. 

Diese Vermögensklassen sind freilich nicht so zu betrachten , als 
wenn man die Absicht gehabt hätte, nach dem gegebenen Mafsstabe 
eine regelmäfsige Besteuerung zu erheben, um dadurch die Mittel für 
die Verwaltung herbeizuschaffen. Aber es war jetzt die Möglichkeit 
gegeben, in vorkommenden Fällen nach gerechtem Verhältnisse die 
Kräfte der Bürger heranzuziehen , und bei aufserordentlichen Bedürf- 
nissen des Staats musste Jeder nach seiner Schätzung bereit sein ihm 
auszuhelfen. Die wesentlichen und regelmäfsigen Leistungen bezogen 
sich aber auf die Vertheidigung des Landes, indem die drei ersten 
Klassen die Pflicht und das Ehrenrecht hatten, die vollgerüstete 
Heeresmacht des Staates zu bilden und den Aufwand des Kriegs zu 
bestreiten. Dafür hatten auch nur sie Zutritt zu den Aemtern, mit 
welchen Macht und Ehre verbunden war; nur sie konnten in den 
Rath der Vierhundert gewählt werden, welcher die Regierungsge- 
schäfte verwaltete. Die ersten Regierungsstellen aber, die der neun 
Archonten, waren der ersten Klasse vorbehalten. 

Freilich muss die Scheffelzahl als ein ungenügender Mafsstab 
erscheinen', um darnach die Würdigkeit zu bürgerlichen Aemtern zu 
bestimmen. Aber man bedenke, dass der Ackerbau nach der Ansicht 
der Alten die einzige Beschäftigung war, welche den Menschen an Leib 
und Seele gesund, kräftig und tapfer erhielt. Der eigene Acker war 
es, der mehr als alles Andere den Bürger mit dem Staate unauflöslich 
verknüpfte, welcher Bürgschaft gab, dass der Besitzer mit Gut und 
Blut einstehen würde für den gemeinsamen Herd des Vaterlandes. 
Wer nur auf Geldumsatz seinen Wohlstand gründete, gehörte, wenn 
er noch so reich war, in die Klasse der Theten. 

Was aber die Abstufung unter den Grundbesitzern betrifft, so ging 
Solon von der Ueberzeugung aus, dass nur ein gröfserer Landbesitz 
geeignet sei, diejenige Mufse und Sorgenfreiheit zu gewähren, welche 
dazu gehört, wenn Einer sich mit den öffentHchen Angelegenheiten 
beschäftigen will. Auch die freiere Ausbildung des Geistes, die er- 



DIE RECHTE DER BÜRGERSCHAFT. 



323 



forderlich ist, um mit Einsicht und Kraft an der Staatsregierung Theil 
nehmen zu können, schien in der Regel nur unter der Gunst eines 
gewissen Familienwohlstandes gedeihen zu können. Endüch musste 
Solon auch darauf bedacht sein, alle schroffen und plötzüchen Ver- 
änderungen in der Staatsgesellschaft zu vermeiden. 

Der grofse Grundbesitz war noch vorzugsweise in den Händen 
der edlen Geschlechter. Die Mitglieder derselben konnten also der 
Meinung sein, dass ihnen ihre alten Rechte nur unter neuem Titel 
verbürgt seien, und da sie es waren, die allein Uebung und Erfahrung 
in öffentlichen Geschäften hatten, so war es zweckmäfsig und wohl- 
thätig, dass dieselben ihnen zunächst überlassen blieben. Nur unter 
dieser Redingung konnte Solon des guten Willens des ersten Standes 
gewiss sein, wie er selbst mit edlem Freimuthe zu sagen pflegte, nicht 
die unbedingt besten Gesetze glaube er den Athenern gegeben zu 
haben, aber wohl die besten unter denen, welche sie angenommen 
haben würden. Es war aber kein starres Privilegium mehr, welches 
dem Adel seine Stellung sicherte, sondern Jeder, der Kraft und Willen 
hatte, konnte sich empor arbeiten ; denn der grofse Grundbesitz mit den 
daran haftenden Rechten war nicht an den Geburtsstand gebunden. 

Aufserdem gab der Zutritt zu den Rathstellen und mancherlei 
Regierungsämtern auch den kleineren Grundbesitzern Gelegenheit, 
sich mit den Geschäften bekannt zu machen. Dadurch wurde poli- 
tische Erfahrung in immer weiteren Kreisen verbreitet, und wenn 
auch noch immer der bei Weitem zahlreichste Theil der Revölkerung 
an der Ausübung der Regierungsgewalt gar keinen An theil hatte, so 
war doch die Erneuerung eines geschlossenen und starren Adelsregi- 
ments für alle Zeiten unmöglich. Denn ausgeschlossen von dem ge- 
meinsamen Staatsleben war unter den freien Athenern Keiner. Alle 
Klassen waren berufen, mit gleichem Stimmrechte an den Versamm- 
lungen der Rürgerschaft Theil zu nehmen, auf welchen die eigentliche 
Staatshoheit beruhte. In ihnen wurden die Reamten des Staats ge- 
wählt, so dass nur solche Männer die Regierung führten, welchen das 
Vertrauen des Volks die Macht übergeben hatte. In den Rürgerver- 
sammlungen wurde über organische Gesetze, über Krieg und Frieden 
abgestimmt; der Rürgerschaft waren die Reamten verantwortlich, und 
von den Rechtssprüchen derselben stand Rerufung an die Rürgerschaft 
jedem Athener frei. Sie musste also auch zur Ausübung der obersten 
Gerichtsbarkeit organisirt sein; in welcher Weise sie es war, wissen 

21* 



324 



DIE REGIERUNGSBEHÖRDEN. 



wir nicht, doch ist wahrscheinlich schon durch Solon die Einrichtung 
begründet, dass nicht die ganze Bürgerschaft nach Kopfzahl über den 
Angeklagten abstimmte, sondern dass ein von ihr gewählter Ausschuss 
reiferer Männer, welche in Eidespflicht genommen wurden, den Ge- 
richtshof (Heliaia) bildete, welcher Namens des Volks in letzter In- 
stanz das Urteil fällte. 

Im Anfange waren die Bürgerversammlungen selten; die laufen- 
den Regierungsgeschäfte bheben in den Händen der Beamten und nur 
ausnahmsweise traten in Folge einer Berufung die Geschworenen- 
gerichte zusammen. Aber der Grundsatz bürgerhcher Freiheit und 
Gleichheit vor dem Gesetze war ausgesprochen; dem ganzen Volke 
war das Heil des Staats, die oberste Pflege des Rechts anvertraut; kein 
Stand desselben war in einer Lage, welche ihn gezwungen hätte, ein 
Sklave oder ein Feind der bestehenden Ordnung zu sein. Vielmehr 
waren Alle beim Wohle des Ganzen betheiligt, Alle hatten ein gemein- 
sames Interesse den Staat zu erhalten. So gelang es Solon, die 
Stände der Gesellschaft, welche sich in den Nachbarländern, wie na- 
menthch in Megara, gleich zwei feindhchen Heeren gegenüberstanden, 
durch billige Vereinbarung zu versöhnen ; er gewährte dem Volke, was 
demselben ohne verletzende Ungerechtigkeit nicht vorenthalten wer- 
den konnte, und erhielt dem Adel den Besitz dessen, was ihm nur 
durch Bürgerkrieg hätte entrissen werden können. Die unparteiische 
Gerechtigkeit seiner Politik hat er selbst in den Worten ausgesprochen : 

Einmal dem Volk gab ich so viel Macht, als es genug war, 
Schmälerte nicht sein Mafs, ging nicht darüber hinaus. 

Doch für die Anderen auch, die Grofsen des Landes und Reichen, 
Hab' ich gesorgt, dass sie keine Beschimpfung betraf. 

Also stand ich mit mächtigem Schild vor beiden Parteien, 
Beide schützend, so dass keine die andre besiegt ^^^). 

Wie sehr Solon darauf ausging, das richtige Gleichgewicht der erhal- 
tenden und der vorwärtstreibenden Kräfte im Staate herzustellen, sodass 
sich beide in heilsamer Weise ergänzten, das zeigt sich am deuthchsten 
in der Organisation der obersten Verwaltungsbehörden , welche Athen 
ganz eigenthümlich ist, des Areopags und des Raths der Vierhundert. 

Mit dem Areopag muss eine bedeutende Umgestaltung vorge- 
gangen sein, weil man Solon als den Stifter desselben ansehen konnte. 

Andererseits sind die wesenthchen Attribute desselben der Art, 
dass sie nur aus alter Zeit herübergenommen sein können. Denn in 



DIE REGIERUNGSBEHÖRDEN. 



325 



ihm blieb eine Behörde bestehen, welche, wie einst der König von 
seinem Staatsrath umgeben, eine Oberaufsicht über das ganze Gemein- 
wesen zu führen berufen war; ein Collegium lebenslänglicher Beamten, 
welches ohne Prozess mit Büge und Strafe einschreiten konnte, wo 
die gute Sitte verletzt, wo durch schlechten Lebenswandel ein Aerger- 
niss gegeben oder die Ehrerbietung gegen das Heilige aufser Augen 
gesetzt wurde; es war eine Behörde, welche die Beschlüsse der übrigen 
Staatsgewalten durch ein unbedingtes veto aufheben, der in schwie- 
rigen Zeiten auch die Leitung des Gemeinwesens ganz in die Hand 
gegeben werden konnte. 

Hier war noch etwas von dem hausväterlichen Begimente des alten 
Königthums und von der heilsamen Kraft unbedingter Vollmachten zur 
Erhaltung des Staats in die Bepublik herübergenommen. Dies war also 
nichts von Solon Erfundenes, und ebensowenig konnte die Verbindung 
dieser Thätigkeit des Areopags mit der Blutgerichtsbarkeit eine Neuerung 
sein. Denn die neue Zeit drang ja überall auf Trennung von Justiz und 
Verwaltung, und es ist nicht anzunehmen, dass man im Widerspruch 
mit der Zeitrichtung gerade bei der Blutgerichtsbarkeit Bath und 
Gerichtshof wieder habe zusammenfallen lassen. 

Etwas wesentlich Neues aber wurde der Areopag durch die Organi- 
sation, welche Solon demselben gab, indem er allen Beamten, welche 
die obersten Verwaltungsämter tadellos bekleidet hatten, einen An- 
spruch auf Eintritt in den Gerichtshof eröffnete. So kamen lauter er- 
probte Männer, die sich des öffentlichen Vertrauens würdig gezeigt 
hatten, in den Areopag; er vereinigte, was an hervorragender Einsicht 
und Geschäftskenntniss, an Amts- und Lebenserfahrung in Athen 
vorhanden war. Er war kein Eupatridencollegium mehr, weil auch 
nichtadelige Grundbesitzer in den Areopag einrücken konnten, und je 
mehr dies geschah, um so mehr musste das Standesinteresse vor dem 
Staatsinteresse zurücktreten, wie es in den Männern reifster Erfah- 
rung lebendig war, die, von der Tagesstimmung unabhängig, das Gute 
der alten Zeit kräftig zu vertreten, vorschnellen Neuerungen ent- 
gegenzutreten, und auch in solchen Fällen, wo zu richterlichem Ver- 
fahren kein Anlafs war, jeder Unsitte, jedem öffentlichen Aergernisse, 
jeder Gefährdung der Buhe und Würde des Gemeinwesens mit verant- 
wortungsfreier Polizeigevvalt zu steuern berufen waren. Im Areopag 
war das Gewissen der Stadt verkörpert, er >yar der Vertreter aller 
conservativen Interessen ^^^). 



326 



DIE REGIERUNGSBEHÖRDEN. 



Für die laufenden Regierungsgeschäfte wurde ein zweiter Rath 
eingesetzt, der Rath der Vierhundert, eine auf breiterer Grundlage 
ruhende Rehörde, eine Vertretung der drei oberen Klassen der Rür- 
gerschaft, aus den vier Stämmen gleichmäfsig erwählt und jährhch 
wechselnd, so dass möghchst Viele nach einander eintreten konnten. 
Eine Landesvertretung, den städtischen Geschlechtern gegenüber, war 
ja schon in den Naukrarien vorhanden gewesen (S. 298), und es ist 
sehr wahrscheinlich, dass Solon an diese Einrichtung anknüpfte und 
die beiden Collegien, welche zur kylonischen Zeit mit einander im 
Conflikte waren, nun so neben einander ordnete, dass sie ein heil- 
sames Gleichgewicht bildeten. Der Rath der Vierhundert war ein 
Ausschuss der Rürgerversammlung, der Vertreter der herrschenden 
Volksstimmung; er bereitete die Verhandlungen für die Rürgerschaft 
vor und handelte im Namen derselben, besonders in der älteren Zeit, 
so lange der Geschäftskreis der Plenarversammlungen ein beschränk- 
ter und die Rerufung eine seltene war. Je mehr aber Solon die all- 
gemeine Strömung der Zeit erkannte und den beweglichen Charakter 
des ionischen Volks, um so unerlässlicher erschien es ihm, dem 
Staatsschiffe, ehe es auf die hohe See hinausging, noch einen zweiten 
Anker mitzugeben, mit dem es gegen Wellen und Strömung auf dem 
festen Grunde des Herkommens sich halten könne. Als solcher diente 
der Areopag^^^). 

' ^ ' W es Solons Restreben war, überall aus dem Restehenden das 
Neue hervorgehen zu lassen und alle schroffen Uebergänge zu vermei- 
den, ist es so schwierig, seine Aenderungen genau nachzuweisen und 
das Vorsolonische von dem Solonischen mit Sicherheit zu trennen. 
Dies gilt auch von dem Gerichtswesen. 

Die Trennung zwischen der geschäftlichen Einleitung der Pro- 
zesse durch den Reamten und der richterlichen Entscheidung, welche 
einem Collegium übertragen wurde, ist jetzt als eine sehr alte Ein- 
richtung bei den Athenern erwiesen, wenigstens in Sachen des pein- 
lichen Rechts. Solon bildete die Keime des attischen Gerichtswesens 
weiter aus, indem er für eine zweckmäfsige Vertheilung der Rechts- 
sachen sorgte und die Instanzen regelte. 

Die Vertheilung erfolgte in der Art, dass dem ersten Archonten 
die das Famihenrecht betreffenden Sachen, dem zweiten die rehgiösen 
und die mit dem Rlutbann zusammenhängenden, dem dritten die auf 
Nichtbürger bezüghchen Sachen zufielen. Die sechs Thesmolheten 



VERWALTUNG UND GERICHT. 



327 



traten ergänzend ein. Hier waren also Justiz und Verwaltung noch 
mit einander verbunden. Aber in keiner Sache konnten die Beamten 
einen endgültigen Spruch thun; vielmehr verwiesen sie gleich die 
Sache an ein Richtercollegium zur Entscheidung oder, wenn sie selbst 
einen Spruch gefällt hatten, stand von jedem Spruche die Berufung 
an einen Gerichtshof frei. Dieser Gerichtshof, der also nach Be- 
schaffenheit der Sachen entweder als erste Instanz oder als zweite, als 
Appellationshof, eintrat, war die Heliaia, die Vertreterin der Gemeinde, 
eine Anzahl gereifter Bürger, die wir uns als einen aus der Bürger- 
schaft gewählten Ausschuss zu denken haben, welcher für den Zweck 
des Rechtsprechens vereidigt wurde. 

Die Berufung an die Geschworenen wurde immer häufiger, und 
also wurde die Thätigkeit der Beamten mehr und mehr auf die In- 
struction der Prozesse beschränkt. 

Für Bagatellsachen gab es ein Collegium von Gaurichtern, welche 
im Lande umherzogen, damit die Landleute nicht gezwungen wären, 
um geringfügiger Dinge willen in die Stadt zu gehen. Diese Einrich- 
tung stammt gewiss aus alter Zeit, und ebenso das Institut der 'Diä- 
teten', an welche die Archonten solche Sachen verwiesen, welche zu 
einer gültigen Vereinbarung zwischen den Parteien geeignet schienen, 
denn die Diäteten waren nicht Richter, sondern Schiedsmänner. 

Das Blulrecht blieb drakontiscb, und hier blieben die famihenhaf- 
ten Einrichtungen der alten Zeit noch lange bestehen (S. 301); denn 
die Kenntniss dessen, was zur Blutsühne gehörte, war ein Vorrecht 
der Geschlechter. Dies konnte und wollte Solon ihnen nicht streitig 
machen. Aber ebenso wenig durfte er dulden, dass die Gerichte über 
Leib und Gut attischer Bürger ein Adelsprivilegium blieben. Es wurde 
also der längst bestehende Unterschied zwischen absichtlichem Todt- 
schlage und unfreiwilliger oder durch besondere Umstände gerecht- 
fertigter Tödtung benutzt, die betreffenden Gerichte vollständig zu 
trennen. Die Fälle der ersteren Art, bei denen unparteiische Rechts- 
pflege ein unmittelbares Staalsinteresse war, wurden dem Areopag 
zur Entscheidung übertragen, der, wenn auch zunächst noch vor- 
zugsweise mit Mitgliedern der Geschlechter besetzt, denselben doch 
nicht ausschliefsUch vorbehalten war. Wo es sich aber nur um 
ein Ceremoniell handelte, welches zur Reinigung von Blutschuld 
nach allem Herkommen erfüllt werden musste, bheben die alten 
Ephetenhöfe in voller Wirksamkeit; in ihnen lebte der Adel als ge- 



328 



NEUE RECHTSBESTIMMÜNGEN. 



schlossene Corporation fort und fand eine harmlose Befriedigung seines 
Standesgeistes ^^^). 

Solon ordnete aber nicht nur die Gewalten, welche das Gemein- 
wesen leiten und das Recht hüten sollten, sondern er benutzte auch 
die grofse Reform des Staats, um selbst eine Reihe wichtiger Rechts- 
bestimmungen zu erneuern oder neu zu schaffen, auf dass sie im 
lebendigen Zusammenhange mit der gesamten Staatsverfassung zur 
Geltung kämen. Er benutzte die gehobene Stimmung des Volks, um 
sittlichen Grundsätzen, über deren Wahrheit alle gebildeten Hellenen 
nur einstimmig denken konnten, neue Anerkennung zu geben und 
sie als Grundgesetze des attischen Gemeindelebens in eindringlicher 
Spruchform hinzustellen. Das war der dritte, der auf Recht und Sitte 
bezügliche Theil seines grofsen Werks. 

Auch hier verband er Altes und Neues. Im Criminalrechte 
schloss er sich ganz an das Alte an und nahm die Gesetze Drakons 
unverändert in seinen Codex auf. Im Falle eines Todtschlags wurden 
mit den alten Formeln die Blutsverwandten aufgefordert, dem Grade 
ihrer Verwandtschaft gemäfs die Pflicht der gerichtlichen Verfolgung 
zu übernehmen, und bei unfreiwilliger Tödtung war die Rückkehr des 
Verbannten nach wie vor von der Versöhnung mit den Hinterbliebenen, 
oder, wenn diese fehlten, mit den Genossen des Geschlechts oder der 
Phratria abhängig. Hier blieb also das Genossenschaftliche und Fami- 
lienhafte in voller Geltung. Sonst trat es überall zurück vor der Idee 
des Staats, durch welche Solon seine Mitbürger vom Zwange engerer 
Verbindung frei machte. So wurden sie auch erst durch ihn zu 
freien Eigen thümern ihres Landes und Vermögens; denn bis dahin 
hatte der Athener auch über das selbsterworbene Gut keine letztwillige 
Verfügung erlassen können. Geld und Gut musste dem Geschlechte 
bleiben und fiel an die Corporation, wenn keine Agnaten da waren. 
Solon war es , der für diesen Fall eine freie testamentarische Verfügung 
gesetzHch machte, so dass jeder Bürger, von äufseren Rücksichten unge- 
bunden , seinen Erben wählen und an Kindesstatt annehmen konnte. 
Dadurch wurde die Erhaltung der einzelnen Familien begünstigt, das 
Haus vom Geschlechte frei gemacht, die Lust zum Erwerben gefördert 
und der persönlichen Zuneigung eine vollere Berechtigung gegeben. 

Eben so wurde die Hausmacht des Vaters beschränkt, um auch 
hier an Stelle eines starren Princips die höheren Gesichtspunkte des 
Sittlichen und Staatlichen zur Geltung zu bringen. Die Ehre des Alters 



RECHTSBESTIMMÜNGEN SOLONS. 



329 



suchte Solon auf alle Weise zu fördern. Aber auch im eigenen Sohne 
sollte der Vater den künftigen Bürger eines freien Gemeinwesens 
ehren; darum wurde ihm das Recht genommen, sein Kind zu ver- 
pfänden oder zu verkaufen. Das Gesetz schützte auch den unmündigen 
Sohn gegen willkürliche Enterbung und Verstofsung; es sorgte auch 
für seine Erziehung, indem es dem Vater, der dieselbe vernachlässigt 
hatte, jeden Anspruch auf Altersversorgung von Seiten seiner Kinder 
absprach. Denn wo die Liebe fehle, die sich in treuer Pflege der 
geistigen und körperlichen Anlagen der Kinder bethätige, gebe es keine 
wahre Vaterschaft und kein Vaterrecht. 

In der Freiheit und Vielseitigkeit der Bildung erkannte Solon 
die aufsteigende Macht seiner Vaterstadt; darum betrachtete er die 
Erziehung als eins der wesentlichsten Staatsinteressen, ohne sie darum 
einer ängstlichen und drückenden Ueberwachung zu unterziehen. Die 
Gesetzgebung sollte nur leiten und ordnen ; in der Mitte eines harmo- 
nisch geordneten Gemeinwesens sollte sich die Jugend von selbst ge- 
wöhnen das Schlechte zu hassen und sich des Edlen und Schönen mit 
voller Seele zu freuen. In den baumreichen Ringplätzen, welche sich 
vor der Stadt ausbreiteten, sollte sie sich zu leiblicher und geistiger 
Gesundheit entfalten und in den Staat hineinwachsen, welcher keine 
nach spartanischer Weise dressirten, sondern voll und frei entwickelte 
Männer verlangte. 

Solon glaubte an die Macht des Guten im Menschen und wollte, 
dass auf freier Sittlichkeit die nürgerliigeiHl bcriihc. Darum lockerte 
er aber nicht das Band des Staats, soiuleni siichle die Bürger mit allen 
ihren Interessen an denselben zu fesseln. Jeder Einzelne war deshalb 
berechtigt und verpflichtet, als Kläger aufzutreten, wo er das Wohl 
des Staats und die öfl'entliche Sitte gefährdet sah; jeder Bürger konnte, 
wenn er die zur Bewachung der öflentlichen Gesetzlichkeit berufenen 
Beamten lässig sah, gegen alle gemeingefährlichen Personen die ge- 
richtliche Verfolgung beginnen, und bei ausgebrochenem l'arteikampfe 
stellte Solon den Grundsatz auf, dass unter Androhung schwerer Ver- 
mögens- und Ehrenstrafe jeder Bürger gehalten sein solle, unverzüg- 
lich und entschlossen seine Stellung einzunehmen, damit Keiner in 
feiger Bequemlichkeit neutral bleibe und den Gang der Dinge abwarte, 
um sich dann der siegenden Partei anzuschliefsen ^^^). 

Auch scheute Solon sich nicht vor gesetzlichen Bestimmungen, 
welche zum Heile des Ganzen die Freiheit des Einzelnen beschränkten ; 



330 



ATTISCHE ZUCHT UND SITTE. 



denn er erkannte die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Zucht, welche 
durch Gewöhnung einen wohlthätigen und sittigenden Einfluss übe. 

Hier kam es besonders darauf an, solchen Einwirkungen ent- 
gegenzutreten, welche, durch Stammesgemeinschaft und Handelsver- 
kehr begünstigt, von den asiatischen loniern her sich geltend machten. 
Darum wurde den attischen Bürgern der Betrieb von Gewerben unter- 
sagt, welche freier Männer unwürdig schienen, wie Salbenbereitung 
und Salbenverkauf. Es wurde dem Luxus in Prachtgewändern ge- 
steuert, es wurden für Hochzeitsfeste und Sterbefälle Satzungen fest- 
gestellt, welche, ohne peinlichen Zwang zu üben, die Bürger überall 
an das richtige Mafs erinnerten. Verboten wurde namentlich das Ge- 
pränge mit kostspiehgen Grabdenkmälern, verboten die leidenschaft- 
hche Todtenklage, wie sie in Kleinasien zu Hause war und sich von da 
durch das heroische Griechenland verbreitet hatte. So prägte sich 
unter der Zucht des Gesetzes dem asiatischen lonien gegenüber der 
Charakter des Attischen aus, und die Gränze zwischen dem Barbari- 
schen und dem Hellenischen, welche sich in dem ungebundenen Leben 
der lonier so leicht verwischte, wurde mit schärferen Linien festgestellt. 
Eben so sehr war es sein Augenmerk, die Folgen der Verwilderung zu 
beseitigen, welche während der letzten bösen Zeiten um sich gegriffen 
hatte. Auf allen Gebieten sollte die Volkssitte geläutert, das gute Her- 
kommen in den Bürgerfamilien gepflegt, Ungebühr und Rohheit aller 
Art bekämpft und das Volk auf die Ziele wahrer Bildung hinge- 
wiesen werden. 

Auch das gewerbliche Leben und Treiben umfasste die grofsartige 
Gesetzgebung. Von allen Gewerben wurde besonders der Landbau 
begünstigt und von Neuem als die einzige Grundlage eines gesunden 
Bürgerthums befestigt. Der Bauernstand, der bei den loniern leicht 
in Gefahr war, seine Ehre zu verlieren, wurde durch Solon gerettet 
und mit grofsem Erfolge wieder hergestellt ; denn die durch weise Ge- 
setze geförderte Gleichmäfsigkeit des Grundbesitzes hat sich in Attika 
lange erhalten. Dadurch hat Solon dem Handelsgeiste, der die Zeit 
bewegte, seinen schädlichen Einfluss auf das Staatsleben zu nehmen 
und einer einseitigen Richtung nach dieser Seite vorzubeugen gesucht. 

Sonst unterliefs er nichts , um auch hier die volle Entwicklung 
des Wohlstandes zu fördern und den Verkehr auf alle Weise zu er- 
leichtern. Zu diesem Zwecke wurden die Mafs-, Gewicht- und Münz- 
verhältnisse gründlich geordnet. Das Talent zu 60 Minen blieb die 



ATTISCHE MÜNZE. 



331 



grofse Einheit, die kleine war die Drachme ; als Thalergeid kam das 
Vierdrachmenstück in Geltung. Die öffentliche Münze wurde im Heilig- 
thume des Heros 'Stephanephoros' (wahrscheinlich des Theseus) einge- 
richtet; von hier gingen die ersten Silberstücke des neuattischen Fufses 
aus, die wahrscheinlich von Anfang an die Typen hatten, welche für 
alle Zeit das charakteristische Gepräge athenischer Silbermünzen blie- 
ben, den behelmten Pallaskopf auf der Vorderseite, die Eule mit dem 
Oelzweig auf der Rückseite. Auch Gold wurde schon um diese Zeit ge- 
prägt. Nachdem das Münzgewicht verändert worden war (S. 317), blieb 
das alte Talent als Handelsgewicht in Geltung, so dass die Handels- 
mine nicht 100, sondern 138 der neuen Münzdrachmen wog. Gute 
Landesmünze galt für eine besondere Ehre jedes Staats, denn sie zeugte 
von einem soliden und redlichen Gemeinwesen. Darum machte Solon 
den Athenern zum Gesetze, auf Reinheit des Metalls und Genauigkeit 
der Währung ein vorzügliches Augenmerk zu richten. Auf Falschmün- 
zerei setzte er den Tod. Die Folge seiner Anordnungen war, dass das 
attische Drachmengeld aller Orten mit Vertrauen angenommen wurde 
und den Aufschwung des attischen Handels wesentlich förderte. Attika 
lag damals inmitten zweier grofser Handelsgebiete. Das eine beherrsch- 
ten die Aegineten mit ihren Schiffen und Faktoreien , das andere die 
Chalkidier. Das erstere erstreckte sich durch die Cykladen bis nach 
Aegypten; das andere reichte nach den nordischen Wassergebieten. 
Diese Uferländer waren für die Einfuhr von Bauholz und Fellen und 
Korn den Athenern besonders wichtig und boten zugleich für den Ex- 
port von Oliven und Oel den besten Absatz. Es erschien also eine 
kräftige Betheiligung am chalkidischen Handel besonders wünschens- 
werth, und dies war ein Grund, der für den Uebergang auf den euböi- 
schen Münzfuss bestimmend war, dessen Geldstücke schon lange in 
Attika verbreitet waren ^^°). 

Endlich wurde, damit nach allen Seiten eine neue und feste Ord- 
nung im Leben der Athener begründet werde, auch das attische Jahr 
geregelt. Man blieb der alten Weise der Hellenen treu, mit dem Sicht- 
barwerden der neuen Mondsichel die einzelnen Monate zu beginnen, 
suchte aber zugleich die Ergebnisse astronomischer Wissenschaft zu 
benutzen, um die Mondjahre mit den Sonnenjahren auszugleichen, 
damit die Monate sich nicht aus der Jahreszeit entfernten, welcher 
sie nach den Festen der Götter und den menschlichen Beschäftigungen 
angehörten. 



332 



ZEITRECHNUNG. 



Zu diesem Zwecke hatte man längst den Wechsel der sogenannten 
vollen und hohlen Monate eingeführt, auch schon lange in gröfseren 
Jahreskreisen die immer wieder eintretenden Widersprüche auszu- 
gleichen gesucht. 

Der wichtigste Cyklus dieser Art war der achtjährige (S. 313); 
er lag namentlich den Festordnungen zu Grunde, welche mit dem 
Dienste des ApoUon in Verbindung standen. Nachdem nun der attische 
Staat mit Delphi in so mannichfaltige und nahe Beziehung getreten, 
nachdem die apollinische Religion die allgemein attische und das 
neue Gesamtband der ganzen Bevölkerung geworden war , wurde auch 
die delphische oder pythische Zeitrechnung dem attischen Kalender zu 
Grunde gelegt, welcher mit der Veröffentlichung der solonischen Ge- 
setzgebung eingeführt wurde und zugleich die durchgreifende Epoche 
der attischen Geschichte, den Anfang einer neuen Ordnung der Dinge, 
treffend bezeichnete. Athen, durch seine klare Luft und die den Hori- 
zont abtheilenden Berglinien zu Himmelsbeobachtungen vorzugsweise 
geeignet, wurde der Sitz astronomischer Studien, welche das Problem 
einer richtigen Jahreseintheilung mit unermüdichem Eifer weiter ver- 
folgten. Die Kalenderkunde wurde dadurch von priesterlichen Ein- 
flüssen befreit und die Ordnung der Jahre in öffentlichen Aufzeich- 
nungen zu Jedermanns Kenntniss gebracht ^^^). 

Wie Theseus einst durch die Göttin der Ueberredung sein grofses 
Werk der politischen Vereinigung Attikas zu Stande gebracht haben 
sollte, so beruhte auch der neue Aufbau des Staats auf der milden Ge- 
walt überzeugender Rede. Eine solche Gewalt zu üben war Solon 
durch seine vermittelnde Persönlichkeit, seine poetische Begabung und 
das unantastbare Ansehen reinster Vaterlandsliebe in hohem Mafse 
befähigt. Jahre lang hat er seine Mitbürger in den verschiedenen 
Kreisen der Gesellschaft bearbeitet und vorbereitet, in vielfachen Be- 
sprechungen das Erreichbare erkannt, und nachdem durch schänd- 
lichen Missbrauch seines Vertrauens, durch Vorurteile und selbst- 
süchtigen Eigensinn ihm viele bittere Stunden bereitet worden waren, 
glaubte er doch endlich so weit zu sein, um das Werk seines Lebens 
zur Ausführung zu bringen. 

Zu diesem letzten Schritte war es nothwendig, dass ihm von 
Seiten der alten Bürgerschaft eine besondere Amtsgewalt übertragen 
wurde. Denn er wollte durchaus, dass die neue Ordnung des Staats 
niemals dem Vorwurfe ausgesetzt sein solle, sie sei durch Verfassungs- 



SOLONS ARCHONTAT 46, 3; 694. 

bruch zu Stande gekommen und ermangele in irgend einem Punkte 
der vollgültigen Gesetzlichkeit. Deshalb wurde er (Ol. 46, 3) von den 
Stämmen der Eupatriden, welche in diesem Jahre noch die Staats- 
hoheit besafsen, zum ersten Archon und zugleich zum Friedensstifter 
und Gesetzgeber erwählt. In dieser Eigenschaft liefs er kraft der 
ihm übertragenen Vollmachten die neuen Gesetze, nachdem sie über- 
sichtlich geordnet waren, sämthch aufschreiben und auf der Burg un- 
ter dem Schutze der stadthütenden Gottheit zu Jedermanns Einsicht 
aufstellen. Sie standen auf geweifsten Holzlafelii, welche zu drei- 
oder vierseitigen, mannshohen Prismen vereinigt und so eingerichtet 
waren, dass sie sich um einen Zapfen drehten. So konnte man ohne 
Schwierigkeit jede beliebige Seite nach vorne bringen. 

Es wird überliefert, dass die eine Gruppe dieser Gerüste das bür- 
gerliche, die andere das heilige und das mit ihm zusammenhängende 
öffentliche Recht enthalten habe. Wenn Solon auch äufserlich einen 
solchen Unterschied machte, so wollte er dadurch die religiösen Satzun- 
gen, welche in ältester Ueberlieferung wurzelten und vom delphischen 
Gotte bestätigt waren, als unabänderliche Grundlagen des Staatswesens 
kennzeichnen, während das aus dem Leben erwachsene Privatrecht 
sich noth wendig auch mit demselben fortentwickeln musste. Das er- 
kannte Niemand klarer als Solon, welcher auch in dieser Beziehung 
den entschiedensten Gegensatz bildet gegen die unbewegliche Starr- 
heit lykurgischer Gesetzgebung. 

Er stand mitten in einer Zeit der Krisis, an einem der wichtig- 
sten Wendepunkte griechischer Culturentwickelung, wo einerseits die 
gewohnheitsmäfsige Tradition mit zäher Kraft festgehalten wurde und 
andererseits lauter neue Anschauungen sich Bahn brachen, wo Poesie 
und Prosa sich zu scheiden begannen, wo neben dem mündlichen 
Worte der geschriebene Buchstabe als Basis des öffentlichen Lebens 
sich geltend machte und die Aufgaben des gesellschaftlichen Lebens 
ein Gegenstand des Nachdenkens wurden. Solon ^yar selbst ein Maaji 
zweier Culturepochen, aber nicht unklar und haltlos zwischen ihnen 
schwankend, sondern beide beherrschend und die Berechtigung beider 
mit hellem Bhcke ermessen'd. Darum erscheint er so alterthümlich 
in seinen ethischen Vorschriften und in seiner Hochschätzung priester- 
licher Sühngebräuche, und dann wieder in seinen politischen Neuerun- 
gen so bahnbrechend. Sein Gemüth lebt ganz in den Ueberlieferungen 
der Vorzeit, aber er ist voll Eifer, über alle Probleme der Gegenwart 




334 



DIE AMNESTIE SOLONS. 



sich und Andern klar zu werden, wie seine Zeitgedichte uns zei- 
gen. Dieser Doppelstellung gemäfs hat er auch in der Ghederung 
seiner Gesetze auf die beiden Hauptbedingungen jedes gedeihlichen 
Staatslebens hingewiesen: das treue Beharren bei den festen Grund- 
lagen des öffentlichen Lebens in Religion und Sitte und auf den freien 
Fortschritt in der Entwickelung aller geselligen und rechtlichen Ver- 
hältnisse ^^^). 

Wie das ganze Werk durch solche Mafsregeln eingeleitet war, 
welche den bösen Hader der Stände schlichten und ein dauerndes Ver- 
hältniss innerer Eintracht und Freundschaft begründen sollten, so 
schloss auch die Gesetzgebung mit der Verkündigung eines allgemei- 
nen Friedens, welche wie ein Siegel dem grofsen Versöhnungswerke 
aufgedrückt wurde. Die im Parteikampfe verhängten Ehrenstrafen 
wurden zurückgenommen, die in das Ausland Vertriebenen zur Heim- 
kehr geladen; alles Alte sollte vergessen und nichts von früherem 
Grolle über die Schwelle der neuen Zeit herübergenommen werden. 
Damals ohne Zweifel wurde auch den Alkmäoniden die Heimkehr ge- 
stattet, deren hochbegabtes Geschlecht der patriotische Gesetzgeber 
nur ungern vom Staate ausgeschlossen sah. Es war ein überaus gün- 
stiges Geschick, dass ein Mitghed dieses Hauses sogleich Gelegenheit 
hatte, dem Vaterlande ausgezeichnete Dienste zu leisten. Ein Alkmaion 
war attischer Feldherr im Lager von Kirrha und trug wesentlich dazu 
bei, den heiligen Krieg zur Ehre Athens zu beendigen (s. S. 314). 

Im vierten Jahre, nachdem in Athen Solon den schwierigen Sieg 
erfochten und die innere Wohlfahrt des Staats begründet hatte, ge- 
lang der auswärtige Sieg auf den Feldern von Krisa. Die Ehre, welche 
Athen bei seinem ersten Auftreten auf dem Schauplatze der nationalen 
Geschichte erndtete, musste wesentlich dazu beitragen, durch das Ge- 
fühl gemeinsamer Vaterlandsfreude auch im Innern die durch Religion 
und Bürgerthum neu geeinigten Athener zu einem Ganzen zu ver- 
schmelzen ^^^). 



Das Werk Solons ist das vollendetste Erzeugniss der zur Kunst 
ausgebildeten Gesetzgebung. Es muss daher wie jedes mit reifem Be- 
dacht geschaffene Kunstwerk zunächst nach den inwohnenden Ideen 
betrachtet werden. Aber es war kein zur Anschauung und zum er- 
hebenden Genuss bestimmtes Kunstwerk, auch kein auf sich beruhen- 



DER ERFOLG SOLONS. 



335 



des System menschlicher Weisheit, sondern ein Werk für das Leben, 
ein Werk, das die Bestimmung hatte, unter den Stürmen einer gäh- 
renden Zeit, in einer von Parteien zerrissenen Gesellschaft verwirk- 
licht zu werden und durch seine Verwirklichung die Glieder dieser Ge- 
sellschaft zu erziehen, zu veredeln und zu beglücken. Ein solches 
Werk kann also nur aus der Geschichte des Staats gewürdigt werden, 
dem Schiffe gleich, das auf hoher See seine Probe besteht. 

Indessen wäre es unbillig, nach den nächstfolgenden Zeiten das 
Urteil über die Lebenskraft und Zweckmäfsigkeit der solonischen 
Gesetzgebung zu bestimmen. Denn wäre es dem grofsen Staatsmanne 
darauf angekommen, durch schnellwirkende Mittel die Gährung der 
Parteien niederzuschlagen, dann hätte er den Rath derer befolgen 
müssen, welche von ihm erwarteten, dass er mit den Gewaltmitteln 
eines Tyrannen, mit fremden Soldschaaren, mit Verbannungen und 
kriegsrechtlichen Mafsregeln den Staat ordnen sollte. Solon erkannte 
aber besser als seine Freunde, dass alle durch solche Mittel erreichten 
Ergebnisse wenig Bürgschaft der Dauer in sich trügen. Die Zeitge- 
schichte zeigte deutlich genug, wie das durch Gewalt Begründete auch 
durch Gewalt wieder zusammenstürze. 

Wer, wie Solon, die menschlichen Kräfte nicht binden, sondern 
lösen, wer den Staatsbürger so erziehen wollte, dass er nicht, wie der 
lykurgische Bürger, nur für eine bestimmte Stelle des eigenen Staats 
tüchtig gemacht werde, sondern jede menschUche Tugend in sich 
ausbilde und der Gerechtigkeit, welche den Staat zusammenhält, in 
freiem Gehorsam huldige, der musste sich sagen, dass er kein schnelles 
Ergebniss erwarten dürfe, welches seinen Bemühungen entspreche. 
Solon konnte aber hoffen, dass in seinem Werke, je mehr die Athener 
es sich aneigneten, das ganze Volk den Ausdruck seines besseren 
Selbst, seines edleren Bewusstseins anerkennen und in ruhigen Zeiten 
immer wieder dazu zurückkehren würde. In dieser Hoffnung hat er 
sich nicht getäuscht; sie ist vielmehr über alles Erwarten in Erfüllung 
gegangen. Denn unter allen Schwankungen ist sein Werk der feste 
Rechtsboden geblieben, auf dem der Staat fufste; es war das gute Ge- 
wissen der Athener, welches das wankelmüthige Volk immer wieder 
mit leiser Gewalt zum Guten zurückführte. 

Solon verkannte nicht, dass die gegenwärtigen Zeitläufte einem 
ruhigen Einleben in die Gesetze wenig günstig waren. Er that, was 
er konnte. Nachdem seine Gesetze auf verfassungsmäfsigem Wege 



336 



SOLONS REISEIS 593 flF. 



angenommen waren, wurde die im attischen Staatsrechte seit alter 
Zeit wichtige zehnjährige Frist angewendet, um den Gesetzen eine für 
das erste begränzte, aber deshalb, wie Solon hoffte, um so gesichertere 
Anerkennung zu verschaffen. Bis dahin sollte nichts verändert wer- 
den, bis dahin sollte jeder sein Urteil zurückhalten und keine Ab- 
änderungsvorschläge an Senat und Volk bringen dürfen. Die zehn- 
jährige Frist musste für Solon, wenn er in Athen blieb, eine peinliche 
Zeit sein. Es ist daher durchaus glaublich, wenn erzählt wird, dass 
er in das Ausland gegangen sei, um aus der Ferne der Entwickelung 
der valerstädtischen Zustände zu folgen. Er konnte nach Ablauf 
seines Amtsjahrs, während dessen er Regent von Athen gewesen 
war, seine uneigennützigen Absichten nicht besser bezeugen. 

An diese Reisen nach Aegypten und Asien knüpfen sich man- 
cherlei Erzählungen, welche grofsentheils darin ihren Ursprung ha- 
ben, dass die Griechen in Solon zuerst das Bild eines vollendelen 
Hellenen ausgeprägt sahen und sich in ihm des Ziels ihrer nationalen 
Bildung bewusst wurden. Um aber dies Bewusstsein zu voller Klar- 
heit zu bringen, wie es dem griechischen Geiste Bedürfniss war, stellte 
man dem hellenischen Manne berühmte Männer des Auslandes gegen- 
über, namentlich den Lyderkönig Kroisos, welcher mit allen seinen 
Schätzen und mit allem Glänze seines Hofes dem schlichten Bürger 
kein Staunen, keine Anerkennung seines Glücks abzugewinnen ver- 
mochte und dann auf den Trümmern seiner Herrlichkeit dem Weisen 
von Athen darin Recht geben musste, dass es nur ein wahrhaftes 
Menschenglück gebe, nämhch ein schuldloses Leben und ein vor den 
Göttern reines Gewissen. 

Schon im Alterthum hat man die Begegnung zwischen Solon 
und Kroisos in Zweifel gezogen , und wenn Plutarch die Erzählung 
dadurch zu stützen sucht, dass sie dem Charakter der Männer so 
vollkommen entspreche, so verkennt er, dass diese innere Wahrheit, 
welche uns die Erzählung so theuer macht, die historische Wirklich- 
keit des Vorgangs am meisten verdächtigt. Es ist daher unnütz, 
wenn man etwa durch Unterscheidung früherer und späterer Reisen 
die chronologische Schwierigkeit zu heben sucht, welche daraus ent- 
steht, dass Kroisos erst 23 Jahre nach dem Ende der Reisen Solons 
(593—570) zur Regierung gekommen ist. Auch mit König Amasis 
(seit 570) wird Solon in persönlichen Verkehr gesetzt und ebenso mit 
den Priestern Aegyptens, Sonchis von Sais und Psenophis von Heliu- 



DIE ZEITEN NACH SOLON 



337 



polis, welche ihm von dem uralten Verkehre griechischer Stämme mit 
dem Nillande berichtet haben sollen. Auf jeden Fall spiegelt sich in 
diesen Ueberlieferungen die durchaus richtige Vorstellung von dem 
Zusammenhange, welcher die Mittelmeerküsten damals verband, von 
dem weitverbreiteten Ruhme Solons und von seiner lebendigen Theil- 
nahme für die Weisheit und Geschichtskunde des Auslandes. Am be- 
sten bezeugt ist aber von seinen auswärtigen Beziehungen der Aufent- 
halt in Kypros, wo er des Königs Philokypros Gast und Wohl- 
thäter war ^^''). 



Solon hatte das Gröfste erreicht, was einem Staatsmanne zu Theil 
werden kann. Mit voller Hingabe war ihm die Bürgerschaft in die 
neuen Bahnen gefolgt. Aber es waren Momente, die vorüberrauschten, 
Stimmungen des Vertrauens und der Eintracht, von kurzer Dauer. 
Alle Mächte der Selbstsucht tauchten wieder auf. Neue Wirren, neue 
Kämpfe meldeten sich an, und von den Schwierigkeiten, denen gleich 
nach Solons Archontat die Gesetzgebung zu begegnen hatte, haben 
uns erst die neuesten Entdeckungen eine Vorstellung gegeben. 

Das Klassensystem hatte keine Wurzeln geschlagen und die ge- 
sellschaftlichen Gegensätze nicht ausgleichen können. Vielmehr war 
die Unzufriedenheit gröfser als zuvor. Die Ehrenämter sollten vom 
Geburtsadel unabhängig sein; als grofse Grundbesitzer blieben aber 
die Geschlechter nach wie vor im Besitz des Archontats. Von den 
Capitalisten klagten viele, dafs sie durch den Schuldenerlass ver- 
armt wären. Es ist also wahrscheinhch, dafs in jenen unruhigen 
Zeiten noch stärkere Eingriffe in das Privateigenthum stattgefunden 
haben, als die Erleichterung der Schulden, wie wir sie als solonische 
Mafsregel angenommen haben. 

Die von der Stadt ferner wohnenden Landbesitzer und die Ge- 
werbtreibenden beschwerten sich, dass sie ohne Vertretung in den Re- 
gierun gscollegien blieben. Dadurch schienen die von Solon eröffneten 
Aussichten auf eine gerechte und zeitgemäfse Vertheilung von Ehre 
und Einfluss im öffentlichen Leben völlig vereitelt zu sein; die alte 
Standesherrschaft stand unerschüttert da. 

In den Geschlechtern selbst waren verschiedene Ansichten ver- 
treten. Die Einen standen schroff allen Ausgleichungen gegenüber, 
die Andern waren für Nachgiebigkeit. Da es nun in einjährigen Magi- 

Curtius Gr. Gesch. I. 6. AuB. 22 



338 



NEUE PARTEIEN UND PARTEIHÄÜPTER. 



straturen unmöglich war, ein politisches Programm durchzuführen, 
so strebten diejenigen , welche etwas durchsetzen wollten , nach Ver- 
längerung der Amtsgewalt, und es ist wahrscheinlich, dass gerade die- 
jenigen Staatsmänner, welche im solonischen Geiste weiter gehen 
wollten, allen Einfluss aufboten, um ihre Vollmachten zu verlängern. 
Dies gelang im neunten Jahre nach Solons Archontat dem Damasias. 
Er setzte es durch, dass er ein zweites Jahr erster Archon blieb ; dann 
siegte die Gegenpartei und er wurde mit Gewalt aus dem Amte ver- 
trieben. 

Der Kampf führte aber 584/83 zu einer Vereinbarung, einem 
Ausgleich der Parteien, aus dem wir sehen, dass die freiere Entwicke- 
lung nicht zu hemmen war. Der Anspruch der Bürger auf Theilnahme 
am Archontat sollte kein leeres Scheinrecht bleiben, sondern nach 
einer festen Regel verwirklicht werden. Darum wurde beschlossen, 
dass von den jährlich neu zu besetzenden Stellen des NeunercoUegiums 
vier aus der Zahl der Eupatriden, drei aus den Apöken (S. 300), 
zwei aus den Demiurgen gewählt werden sollten, und das so zusammen- 
gesetzte CoUegium regierte Athen in dem Jahre nach Damasias. 

Dies Abzählen war nicht im Sinne solonischer Gesetzgebung, denn 
so traten ja die alten Stände von Neuem wieder in den Vordergrund. 
Wir müssen auch aus diesem Abkommen schliefsen, dafs jetzt nicht die 
Pentakosiomedimnen allein, sondern die drei oberen Vermögensklassen 
zu den obersten Regierungsstellen zugelassen wurden, wenn auch die 
erste Stelle der ersten Klasse vorbehalten blieb ^^^*). 

Sicher ist nur, dass die Vereinbarung keine dauernde Ausglei- 
chung und Beruhigung bewirkte. Die Usurpationen, wie sie bei 
dem Archontate des Damasias vorgekommen, hatten die Leidenschaften 
neu entfacht. Die nahen Vorbilder glänzender Tyrannenhöfe waren für 
den Ehrgeiz der Parteiführer zu lockend. Das Versöhnungswerk Solons 
war nur ein Waffenstillstand gewesen und der Staat wurde von Neuem 
in den Strudel des Parteikampfes hineingezogen. 

In Attika waren nicht so einfache Gegensätze wie in den dorischen 
Staaten, wo sich das Fremde und das Einheimische gegenüberstand. 
Deshalb dauerte das unstäte Hin- und Herschwanken um so länger: 
es waren mehr Parteien da, als anderswo, und die Parteien in sich 
weniger geschlossen. Sie wechselten an Stärke, Einfluss und Rich- 
tung, indem der Führer Talent und Persönlichkeit häufig dabei das 
Entscheidende war. 



NEUE PARTEIEN UND PARTEIHÄCPTER. 



339 



Merkwürdig ist, dass die namhaften Parteiführer alle den Ge- 
schlechtern angehörten. So sehr war also das Volk noch daran ge- 
wöhnt, sich von Männern des Adels vertreten und geleitet zu sehen; so 
sehr aber auch auf der anderen Seite der Adel in sich zerfallen, dass an 
ein gemeinsames Handeln desselben und an eine Wiederherstellung 
des alten Eupatridenslaats gar nicht zu denken war. Unter den Ge- 
schlechtern aber waren die reichsten natürlich auch die ehrgeizigsten. 
Es waren dieselben Geschlechter, welche sich durch Rosszucht und 
siegbringende Viergespanne eine hervorragende Stellung erworben 
hatten und damit auch die Herrschaftsgelüste theillen, welche damals 
wie durch eine atmosphärische Ansteckung überall aufschössen, wo 
Parteigeist den Boden aufgewühlt hatte. Mitglieder dieser Häuser 
waren die Grofsen des Landes; es waren Männer, deren Selbstgefühl 
zu stark war, als dass sie sich dem Geiste einer ausgleichenden, bür- 
gerlichen Gerechtigkeit unterordnen mochten, und dieser Trieb der 
Auflehnung wurde durch Verbindungen mit auswärtigen Fürstenhäusern 
bestärkt. So hatte sich Kylon mit seiner Partei erhoben; so standen 
die Alkmäoniden, so die attischen Kypseliden,^ denen Hippokieides an- 
gehörte (S. 251), unter dem Volke da; so das Haus des Lykurgos und 
das des Peisistratos. Wohnsitz und Herkunft trugen dazu bei, die 
Gegensätze zu schärfen. 

Lykurgos, der Sohn des Aristolaidas, gehörte einem Hause des 
eingebornen Landadels an, der seit frühesten Zeiten in der Hauptebene 
angesessen war und sich berufen fühlte, die Interessen der grofsen 
Grundbesitzer zu vertreten. Durch Einriclitung der Naukrarien war 
der Zusammenhang zwischen den begüterten Geschlechtern und der 
umwohnenden Bevölkerung verstärkt worden (S. 298). Die später zu- 
gewanderten Geschlechter hatten mehr an den äufseren Marken des 
attischen Landes Wohnsitze erhalten, wo der Ackerbesitz nicht in gleicher 
Weise die Grundlage des Wohlstandes bildete, so die Pisistratiden in den 
Gebirgen der Diakria; sie waren schon dadurch auf einen näheren An- 
schluss an die beweglicheren Klassen der Bevölkerung liingewiesen. 

Nun suchten die vornehmen Häuser auf alle Weise Anhang zu 
gewinnen; sie lernten immer mehr die geringen Leute an sich zu 
ziehen, indem sie ihnen Rechtsschutz gewährten, ihnen mit Rath und 
That zur Seite standen, ihre Angelegenheiten in der Stadt besorgten, 
durch Vorschüsse, durch Geschenke und ofl^enes Haus sich als Freunde 
des Volks zu erweisen strebten. In solchen Bestrebungen wetteiferten 

22* 



340 



DAS HAUS DES PEISISTRATOS. 



die verschiedenen Häuser mit einander, sie drängten sich gegenseitig 
immer mehr in Parteistellungen hinein; jedes der Häuser steckte seine 
Fahne auf; jede Richtung, die im Volke lehendig war, fand ihren Ver- 
treter; nur das Werk der Eintracht hatte keinen, und Solon, der auf 
die Uebereinstimmung der Bärger seinen Einfluss gegründet hatte, 
stand machtlos zwischen den kämpfenden Parteien und sah an blutige 
Entscheidungen von Neuem das Schicksal des Vaterlandes gebunden. 

Zum Glück war Attika durch seine frühe Einigung vor der Gefahr 
einer Zerspaltung geschützt. Ein Attika ohne Athen war undenkbar. 
Es handelte sich also nur darum , welcher der Parteiführer am ge- 
schicktesten und rücksichtslosesten seine Stellung zu benutzen wusste ; 
er musste Herr von Athen und Attika werden. 

Unter streitenden Parteien pflegt aber diejenige im Vortheil zu 
sein, welche am weitesten gehen will und sich auf den Theil der Be- 
völkerung stützt, in welchem sich am meisten Unzufriedenheit an- 
gesammelt hat. Das waren die armen Leute, die Hirten, Kohlenbren- 
ner und Winzer im Gebirge. Sie fühlten sich durch Solon in ihren 
Erwartungen am meisten getäuscht; sie hatten auf reellere Vortheile, 
auf Gütervertheilung, auf eine Ausgleichung des Grundbesitzes gerechnet. 
Hier waren die Leidenschaften am leichtesten in Bewegung zu setzen; 
hier waren lauter Leute, die wenig zu vedieren und Alles zu gewinnen 
hatten , hier fand die aufregende Rede den günstigen Boden. Die J^ede 
aber war nirgends mehr eine Macht, als unter dem hörlustigen und erreg- 
baren Volke der Athener. Deshalb hatte sich die Bildung der attischen 
Eupatriden schon lange der Redekunst zugewendet, und dieselbe Macht, 
welche Solon zum Heile des Vaterlandes angewendet hatte, musste nun 
auch den selbstsüchtigen Zwecken der Parteiführer dienen. 

Homer preist den gerenischen Nestor und rühmt die Honigreden 
der Weisheit, welche von seinen Lippen fliefsen, neben den Helden- 
thaten eines Achill und Agamemnon. Aus dem Stamme des Nestor 
leitete sich das Haus der Pisistratiden ab, und sie konnten, um diesen 
Ahnenruhm zu bestätigen, die Gabe der Rede als Erbgut ihres Ge- 
schlechts aufweisen. Es war ein vornehmes Haus von weitreichenden 
Verbindungen, in Philaidai bei Brauron ansässig; es besafs ansehn- 
lichen Grundbesitz und hefs an den Gebirgen bei Marathon seine Rosse 
weiden, um durch sie am Alpheios Kränze zu gewinnen. 

Hippokrates war das Haupt der Famihe , von dem erzählt wird, 
dass er am Altare der lamiden in Olympia den Gott wegen Nachkom- 



DIE GEGENPARTEIEN. 



341 



menschaft befragt und die Verheifsung eines grofsen Sohnes empfan- 
gen habe. Der Sohn wurde um 600 v. Chr. geboren; er empfing den 
im Neleidenhause herkömmlichen Namen Peisistratos und rechtfer- 
tigte durch glänzende Eigenschaften schon frühzeitig die Erwartungen 
seines Vaters. 

Mit Solon, seinem mütterlichen Verwandten, war er einverstanden 
in dem Streben, das Volk aus dem Druck der Adelsherrschaft zu losen. 
Wie es aber darauf ankam, dass von Seiten der Grofsen des Landes 
durch selbstverleugnende Vaterlandsliebe das Friedenswerk gefordert 
werden sollte, da schlug Peisistratos seine eigenen Wege ein ; er war 
zu sehr vom Glück verzogen, zu sehr in Planen des Ehrgeizes grofs ge- 
worden, als dass er sich hätte entschliefsen können, ein Bürger unter 
Bürgern zu sein. 

Er verdoppelte seinen Eifer, um sich unter dem Volke des Parnes 
und Brilessos einen treuen Anhang zu bilden. Er spendete Geld, er 
öfTnete seine Häuser, er liefs seine Gärten ohne Wächter; er wurde 
nicht müde, der Menge ihre kümmerhche Lage, ihre getäuschten Hoff- 
nungen vorzuhalten und ihr eine glänzende Zukunft vorzuspiegeln. 
Er wusste seinen Adelstolz in die anmuthigste Leutsehgkeit umzuwan- 
deln und als der uneigennützige Freund aller Bedrückten zu erscheinen; 
der Zauber seiner Person und seiner Rede war für die Menge unwider- 
stehHch; in ihm stellt sich zum ersten Male das Bild eines attischen 
Demagogen dar. Er wusste sich aber auch in den Gefahren der Stadt 
durch Tapferkeit und Verschlagenheit auszuzeichnen und als Truppen- 
führer das Vertrauen seiner Mitbürger zu erwerben. 

Er hatte seinen Widersachern gegenüber Alles für sich. Denn 
die Partei der Pedieer, welche Lykurgos führte, war zwar auch eine 
geschlossene und wusste, was sie wollte. Aber sie wollte mehr rück- 
wärts als vorwärts gehen ; ihr gehörten diejenigen an , denen Solon 
schon zu weit gegangen war; sie hatten kein Ziel, welches zu gemein- 
samem Streben begeistern konnte. Die Geschlechter, welche den 
grofsen Grundbesitz vertraten, hingen nur durch Standesinteresse zu- 
sammen, sie waren einer festen Führung abgeneigt, und die kleinen 
Hofbesitzer konnten keine Neigung haben, für eine Sache, die ihnen 
eine fremde war, Gut und Blut zu wagen. 

Die merkwürdigste Stellung nahmen die Alkmäoniden ein, die 
Seitenverwandten des alten Königshauses (S. 306), die leidenschaft- 
lichsten von Allen im Streben nach dem ersten Platze im Staate. Sie 



342 



MEGAKLES UND DIE PARALIER. 



waren, seit sie heimgekehrt waren, ohne feste Stellung. Denn mit 
dem alten Landadel konnten sie nicht zusammen gehen; der hatte 
sie preisgegeben, und seitdem war eine Kluft vorhanden, welche nie- 
mals ausgefüllt worden ist. Dadurch waren sie auf die Bewegungs- 
partei hingewiesen; aber diese scheute sich vor den Männern, an deren 
Händen das Blut der Kylonier haftete, denn sie hatte viele Elemente 
dieser Partei in sich aufgenommen. In untergeordneter Stellung 
zu bleiben war aber den Alkmäoniden etwas Unmögliches und des- 
halb mussten auswärtige Verbindungen und ungewöhnliche Geldmittel 
aushelfen. 

In beiden Beziehungen hatte die Familie ein aufserordentliches 
Glück. Sie benutzte schon ihre erste Verbannung, um in Delphi festen 
Fufs zu fassen und Einfluss zu erlangen. Alkmaion war Feldherr im 
heiligen Kriege, er verband sich mit Sikyon, verschwägerte sich 
mit Kleisthenes und wurde dadurch in eine Politik hereingezogen, die 
eine dem Adel feindliche und neuerungssüchtige war. Seit etwa 574 
hatten Kleisthenes und Alkmaion einen gemeinsamen Erben (S. 253), 
für den gesorgt werden musste. Die Pläne des Ehrgeizes gingen also 
immer weiter; Alkmaion wusste den lydischen Gesandten in Delphi 
Dienste zu erweisen, er wurde nach Sardes eingeladen und kehrte 
aus der königlichen Schatzkammer als der reichste aller Hellenen 
zurück. Wenn Herodot ihn schildert, wie er Kleider und Stiefel mit 
Gold vollgestopft, das Haar mit Gold gepudert, die Backen mit Gold 
ausgepolstert hat, so ist das ein Bild des Volkswitzes, das der damaligen 
Welt geläufig war^^^). 

Nun steigt auf einmal der Glanz des Hauses. Nun sind die Mittel 
vorhanden, um es in üppiger Pracht des Lebens und namentlich in 
Rosszucht den Tyrannenhäusern gleich zu thun. Nun tritt auch Me- 
gakles, des Alkmaion Sohn, der Schwiegersohn des Kleisthenes, offen 
als Parteihaupt in Attika auf und bildet sich, da die demokratische 
Partei in den Händen des Peisistratos ist, eine Mittelpartei aus den 
Paraliern, in deren Bezirke er auch wohl vorzugsweise be- 
gütert war. Durch ihre Geldmittel waren die Alkmäoniden beiden 
Nebenbuhlern überlegen, aber es fehlte ihnen an Vertrauen; sie hatten 
etwas Hoffärtiges in ihrem Wesen, was sie verhinderte, rechte Leute 
des Volkes zu werden. Aufserdem waren die Paralier schon ihrer 
weitzerstreuten Wohnsitze wegen weniger geeignet, zu einer ge- 
schlossenen Parteibildung zu gelangen; auch lebten sie bei ihren 



PEISISTRATOS IM KAMPF MIT MEGARA. 



343 



Geschäften im Ganzen zu harmlos und zufrieden dahin, als dass sie 
an eine Veränderung der öffentlichen Zustände viel hätten wagen 
sollen. Unter diesen Umständen war Peisistratos seinen Rivalen 
überlegen; er war unter den Parteiführern der persönlich begabteste, 
rücksichtslos zum Aeufsersten entschlossen, sein Anhang der am 
besten organisirte, ein derbes, handfestes Bergvolk. 

So wurde Peisistratos das mächtigste Parteihaupt, der bewan- 
dertste und der gehassleste Mann in Athen. Kriegerische Vorgänge 
gaben ihm Gelegenheit neuen Ruhm zu gewinnen. Denn der Kampf 
um Salamis war noch immer nicht zu Ende; die langgestreckte, schwer 
übersichtliche Berginsel mit ihren zahlreichen Buchten und Schlupfwin- 
keln lag so von einer Küste zur andern gestreckt, so beiden angehörig, 
dass keiner der beiden Nachbarstaaten ihrer entbehren zu können glaubte. 
Es ist daher kein Wunder, wenn die Megareer, welche an Schilfen 
und Kriegsbedarf die Ueberlegenen waren , nach Solon von Neuem 
auf die Insel Vorgriffen. 

In dem erneuten Kampfe that sich Peisistratos glänzend hervor. 
Als Feldherr der Athener lag er den Megareern lauernd gegenüber 
und brachte durch seine Kundschafter heraus, dass die Nachbaren 
einen Ueberfall vorbereiteten, um die attischen Frauen beim Demeter- 
feste am Phaleron zu entführen. In einem Hinterhalte reibt er die 
Mannschaft auf, fährt bei Nacht auf ihren Schiffen nach Megara, als 
brächte er die gefangenen Frauen ein, und täuscht die Feinde so 
vollständig, dass es ihm beinahe gelingt, ihre Stadt zu besetzen. Die 
Hafenstadt bleibt in seinen Händen. Sie wird den Megareern zurück- 
gegeben, aber die Insel ist jetzt ein sicherer Besitz von Athen. 

Mit diesem wichtigen Erfolg hängt ein Volksbeschluss zusammen, 
dessen Bruchstücke uns noch heute erhalten sind. Darin wird 
bestimmt, dass attische Bürger als Steuer- und dienstpflichtige Athener 
auf den ihnen zugeloosten Aeckern in Salamis wohnen sollen. Zu dem 
Zweck mussle also ein ansehnlicher Theil der älteren Einwohner, wahr- 
scheinlich die von Megara herüber verpflanzte Bevölkerung, ausgetrieben 
und ihr Landbesitz in gleichen Ackerloosen ausgetheilt werden. Es war 
eine kräftigere Wiederholung dessen, was mit den solonischen Frei- 
willigen geschehen sein soll. Es war eine erbliche Garnison auf dem viel 
umstrittenen Inselboden. Salamis wurde aber nicht einverleibt, bheb 
vielmehr ein Vorwerk von Altika, ein Aufsenplatz, eine kleine militärisch 
organisirte Provinz. So bildete sich eine neue Klasse von Bürgern, denn 



344 



PEISISTRATOS TYRANN 55, 1 ; 560. 



diese Neusalaminier waren die ersten aufserhalb Attika als ansässige Ge- 
meinde lebenden Athener ^^^*). 

Als die Athener diesen glänzenden Fortschritt machten, war Pei- 
sistratos, dem sie denselben verdankten, kein Bürger von Athen mehr; 
er hatte schon das Ziel seines Ehrgeizes erreicht, wie es in ähnlicher 
Weise so viele Parteiführer vor ihm gemacht hatten, um die Herrschaft 
zu gewinnen. Nachdem mit den Parteigenossen Alles vorbereitet war, 
begann er das ränkevolle Spiel. 

Verwundet, mit blutigem Gespanne, jagte er eines Tages auf den 
gefüllten Markt und berichtete der ihn umdrängenden Menge, wie 
er mit genauer Noth den Nachstellungen seiner Feinde entkommen 
sei, die nicht ruheten, bis sie ihn zu Grunde gerichtet und damit alle 
seine Pläne zum Besten des Volkes zerstört hätten. Wie die Menge 
durch das Gesehene und Gehörte entzündet ist, tritt unter seinen 
Anhängern Ariston auf, um den günstigen Augenblick zu benutzen, 
und beantragt bei dem versammelten Volke, Peisistratos, dem Mär- 
tyrer der Volkssache, eine Sicherheitswache zu geben, um seine Per- 
son gegen die Tücke der Gegenpartei zu schützen. 

Damit war der entscheidende Schritt gethan. Kein Verständiger 
konnte sich täuschen; aber die Einen waren Wind, die Anderen wollten 
nicht sehen; die Zahl der wahren Patrioten war gering und machtlos. 
Solon selbst war am schwersten getroffen. Er ging umher im Volke, 
suchte den Verblendeten die Augen zu öffnen, die ßethörten zurück- 
zuführen, die Feigherzigen zu ermuntern; er warnte, er schalt: 

Thoren, das gleifsende Wort des listigen Mannes vernehmt ihr. 
Sieht denn Niemand von euch, was dem Geredeten folgt? 

Einzeln seid ihr Leute so fein und schlau wie die Füchse, 
Aber zusammt seid ihr täppisch und ohne Verstand. 
Inzwischen ging Peisistratos festen Schritts die Bahn zur Tyrannis 
vorwärts. Die Zahl seiner Leibwächter wurde von 50 auf 300, 400 
vergröfsert; am Ende war es eine beliebige Schaar von Söldnern, die 
ihm zur Verfügung stand und ihm eine Stellung gab, welche die Grund- 
bedingung repubhkanischer Verfassung, die Gleichheit vor dem Gesetze, 
aufhob. Die nächste Folge war, dass auch die anderen Grofsen des Landes 
sich rüsteten und stärkten, um entweder die Herrschaft selbst zu ge- 
winnen oder wenigstens ein selbständige Stellung zu behaupten ^^^). 

Ein mächtiger Herr in Attika und trotziger Widersacher der Pi- 
sistratiden war des Kypselos Sohn, Miltiades. Erbittert über den Gang 



MILTIADES DER KYPSELIDE. 



345 



der Dinge, welcher ihn von der Bahn des Ruhms abdrängte, safs er 
eines Tags vor seinem Hause und schaute durch die Pforte des Hofs 
auf die Strafse hinaus. Da zieht eine Schaar von Männern in frem- 
der, thrakischer Tracht vorüber, scheu und neugierig nach den Häu- 
sern umschauend; man sieht, ein freundlicher Grufs, eine offene 
Thüre ist es, wonach sie suchen. Miltiades lässt sie hereinrufen 
und nach seines Hauses Sitte Obdach und gastliche Pflege den Frem- 
den anbieten. Niemals ist Gastfreiheit schneller belohnt worden. 
Denn kaum sind sie über die Schwelle getreten, so begrüfsen sie Mil- 
tiades als Herrn und huldigen ihm nach Thrakiersitte als ihrem Könige. 

Es waren Abgeordnete der Dolonker, die auf der thrakischen 
Landzunge am Hellespont wohnten. Von nördlichen Stämmen be- 
drängt, fühlten sie sich eines Oberhauptes bedürftig, um das sie sich 
sammeln könnten. Es musste ein Mann sein, welcher, wie die Kö- 
nige der Heroenzeit, durch den Besitz höherer Bildung sein Ansehn 
zu begründen wusste, und darum baten sie sich von der Pythia einen 
griechischen Mann aus, dem sie ihr Geschick anvertrauen könnten. 
Sie wurden dahin beschieden, dass sie die heilige Strafse gen Athen 
ziehen und dem, der sie zuerst zu sich einlüde, in ihres Stammes 
Namen die Fürstenwürde antragen sollten. 

So erging durch Vermittelung der delphischen Priesterschaft, 
welche sich für die grofsen Dienste Athens (S. 248) dankbar zeigte, 
jener aufserordentliche Ruf an den Athener aus Kypselos Stamm, 
einen Mann, dem es schon lange zu eng war in der solonischen Re- 
pubhk, dem es nun vollends unerträglich wurde, da er sich einem ver- 
hassten Standesgenossen beugen sollte. Peisistratos aber konnte die 
Entfernung eines seiner gefährlichsten Widersacher nur erwünscht 
sein, und auch Solon soll die Unternehmung des Miltiades begünstigt 
haben, ohne Zweifel im Hinblick auf die Entwickelung der attischen 
Seemacht, für die es von unberechenbarer Wichtigkeit war, an den 
Dardanellen festen Fufs zu fassen, damit nicht Megara (S. 271) dort 
herrschend bleibe. Es war, als wenn die alte Nachbarfehde, welche 
durch die Besetzung von Salamis so glücklich zu Ende geführt war, in 
den Colonien fortgesetzt würde. Gewiss zogen andere Athener mit, 
welche zum Anhange der Kypseliden gehörten oder sich jetzt an- 
schlössen. Wahrscheinhch wurde die ganze Angelegenheit unter del- 
phischem Einflüsse als vom Staate ausgehend betrachtet und geordnet, 
wenn auch Miltiades von Anfang an wenig gesonnen war, sich durch 



346 



SOLON UND PEISISTRATOS. 



eine fremde Autorität binden zu lassen, sondern nur für sich und sein 
Geschlecht einen neuen und weiteren Schauplatz suchte ^^^). 

Solons Betheiligung an dieser Angelegenheit ist die letzte Spur 
seiner öffentlichen Thätigkeit. Während Peisistratos sich seiner übri- 
gen Widersacher durch Gewalt und List zu entledigen suchte, Hefs er 
Solon ruhig gewähren; er ehrte ihn so viel er nur konnte und war zu- 
frieden, dass er seinem Ehrgeize nicht im Wege stand; denn je mehr 
die Erbitterung wuchs und die Gewalt regierte, verhallte von selbst 
die Stimme der Mäfsigung. Wie Solon immer dieselben Warnungen 
wiederholte und immer erfolglos, wurde der Edle mit den Waffen des 
Spotts bekämpft. Man zuckte die Achseln über den Unglückspro- 
pheten, den gutmüthigen und alterschwachen Idealisten. Endlich zog 
er sich zurück in die Stille seines Hauses und eines engeren Kreises 
älterer und jüngerer Freunde, welche seinen Schmerz verstanden und 
für das Vermächtniss seiner Weisheit empfänglichen Sinn hatten. Der 
Same, welcher in ihre Herzen fiel, ist nicht unfruchtbar geblieben. Es 
gab Athener, welche trotz der überhand nehmenden Wirren an dem 
Glauben festhielten, dass Solons vorschauende Gedanken sich verwirk- 
lichen müssten. Zu diesem Kreise gehörte Mnesiphilos, der wiederum 
den Themistokles in den Gedanken solonischer Politik auferzogen hat. 

Solon hatte sich gewöhnt, sein Glück von äufseren Umständen 
unabhängig zu machen; er konnte seine Gegner um ihren Triumph 
nicht beneiden, und auch des Volkes Undank vermochte ihm nicht die 
Heiterkeit der Seele zu rauben, welche ihm treu Wieb und in seinen 
Gedichten mit vollendeter Klarheit sich abspiegelte. 

Oft sind die Schlechten im Glück, in der Armuth Trübsal die Edeln, 
Aber um keinen Preis tauscht' ich mit Jenen darum, 

Reichthum nie für Tugend, da sie ein ewiges Gut ist, 
Reich thum heute noch der, morgen ein Anderer hat. 

Wer so mit der Freudigkeit des reinen Gewissens dachte und 
dichtete, konnte neid- und furchtlos in der Stadt des Peisistratos blei- 
ben. Als der Tyrann das Volk entwaffnete und die Burg besetzte, 
legte Solon seine Waffen vor der Hausthüre auf die Strafse. Dort 
möchten sie des Tyrannen Häscher sich abholen; er habe in Krieg 
und Frieden seiner Vaterstadt gedient, so gut er vermocht habe. 

Während Solon, ohne seiner Würde und Unabhängigkeit etwas 
zu vergeben, bis zu seinem Ende (c. 55, 2; 559) in Athen blieb, müss- 
ten die Parteiführer und offenen Widersacher des Peisistratos das Feld 



ZWEITE TYRANNIS 66, 3; 654. 



347 



räumen, um an gelegenem Orte einen günstigeren Zeitpunkt abzu- 
warten. So wanderten die Alkmäoniden zum zweiten Male in die Ver- 
bannung; auch Lykurgos zog sich zurück. Ihre Parteien waren nie- 
dergeworfen und für den Augenblick regte sich kein Widerstand, 
wenn die Söldner des Gewaltherrn die Strafsen der eingeschüchterten 
Stadt durchzogen ^^®). 

Dennoch war es dem neuen Gewaltherrn unmöglich, durch den 
ersten Sieg einen dauerhaften Zustand der Dinge herbeizuführen; es 
war nur der Anfang neuer Bürgerkampfe. Denn die Lage der Dinge 
in Attika war der Art, dass die herrschende Partei zwei andere gegen 
sich hatte, durch ihre vereinte Macht bedroht wurde. Namentlich 
war es die Mittelparlei der Paraher, welche sich je nach Umständen 
bald der einen, bald der anderen Seite anschloss, wie dies der schwan- 
kenden Stellung der Alkmäoniden durchaus entsprach. Megakles 
suchte Verständigung mit Lykurgos; durch vereinte Anstrengung ge- 
lang es ihnen, Peisistratos zn verdrängen, ehe er sich in seiner Macht 
befestigen konnte. Er musste Athen räumen, doch verliefs er das 
Land nicht, sondern hielt sich in den Bergen der Diakria als unab- 
hängiger Häuptling. Die nächsten Jahre war also offene Fehde in 
Attika; die Strafsen waren unsicher, das öffenthche Vertrauen zei*stört; 
Niemand wusste, wer Herr im Lande sei. 

Peisistratos hatte sich nicht verrechnet, wenn er eine dauernde 
Eintracht zwichen seinen Gegnern für unmöglich hielt. Er bemerkte 
bald, wie durch das engere Zusammenhalten der Pedieer die Alkmäoni- 
den mit ihrem Anhange bei Seite geschoben wurden; er konnte über- 
zeugt sein, dass sie dies nicht ertragen würden, er durchschaute ihre 
im Grunde demokratische Richtung und konnte von ihrer Seite ein 
Entgegenkommen erwarten. Megakles schickte in der That einen 
Herold in die Diakria und liefs, indem er für seine Person auf den 
Preis der Tyrannis verzichtete, Peisistratos die Hand seiner Tochter 
Koisyra anbieten. Zur Rückführung des verbannten Häuptlings wurde 
eine List verabredet, welche wohl in dem Kopfe des erfindungsreichen 
Peisistratos ihren Ursprung hatte. 

Es stand nämlich ein Athenafest bevor, an welchem vom Lande 
eine feierliche Prozession in die Stadt geleitet wurde und die Göttin 
selbst hoch zu Wagen durch eine an Wuchs und Würde ausgezeich- 
nete Jungfrau dem Volke leibhaftig vor Augen gestellt zu werden 
pflegte. In diesem Zuge, den Niemand zu stören wagte, gleichsam 



348 



ZWEITES EXIL 57, 1; 552. 



von der Göttin geleitet, die ihm zur Seite stand, kehrte Peisistratos 
in die Stadt zurück und herrschte dort auf seinen und der Alkmäo- 
niden Anhang gestützt. 

Auch diese Verbindung war eine unnatürliche. Megakles' Tochter 
fühlte sich gekränkt im Hause des Gatten, welcher keine Nachkommen- 
schaft aus dieser Ehe haben wollte; der Vater sah sich von Neuem 
nur als Mittel benutzt für die listigen Pläne seines Gegners; er musste 
zu seiner Beschimpfung die Erinnerung des alten Familienfluchs er- 
neuert und alle Pläne, die er für sein Haus entworfen hatte, vereitelt 
sehen. Sein ganzer Zorn flammte auf, und ehe Peisistratos stark ge- 
nug war, das Geld und den Anhang der Alkmäoniden entbehren zu 
können, riss er sich von ihm los, schlug sich von Neuem auf die Seite 
der Pedieer und vermochte in Kurzem einen solchen Umschwung der 
Verhältnisse hervorzubringen, dass der Tyrann mit den Seinigen nicht 
nur Burg und Stadt, sondern auch das Land der Athener meiden 
musste. Er wurde geächtet, und sein Grundbesitz von Staatswegen 
versteigert. Der Unsicherheit der Verhältnisse wegen wagte auch jetzt 
Niemand darauf zu bieten mit Ausnahme eines Mannes, des Kallias, 
des Sohnes des Phainippos, welcher den kecken Muth hatte, des 
flüchtigen Tyrannen Güter an sich zu bringen; er wollte ihm nicht 
den Ruhm gönnen, dass er auch abwesend die Athener in Angst und 
Furcht halte. 

Diesmal war man vorsichtiger. Alles, was den Tyrannen hasste, 
vereinigte sich fester; es bildete sich eine starke Partei verfassungs- 
treuer Republikaner, zu denen jener Kallias gehörte, der Erstberühmte 
eines durch Ansehen und Reichthum bedeutenden Geschlechts. Die 
Alkmäoniden schlössen sich an, so wie die gröfsere Zahl der durch 
die Erhebung des Tyrannen am meisten gekränkten Geschlechter, und 
so gelang es, eine dauerhafte Ordnung der Dinge in Athen herzu- 
stellen, so dass selbst Peisistratos keine Gelegenheit finden konnte, 
neue Intriguen anzuspinnen; ja er soll, von der festen Haltung der 
Bürgerschaft überrascht, nahe daran gewesen sein, alle Gedanken der 
Rückkehr aufzugeben-^ ^^). 

Indesen war es für ein Haus, das den Reiz unbedingter Herr- 
schaft gekostet hatte, eine schwere Aufgabe sich in die Weise des bür- 
gerlichen Lebens zurückzugewöhnen. Am Wenigsten waren die im 
Vollgefühle ihrer Kraft stehenden Söhne bereit, den Hoffnungen, in 
denen sie grofs geworden waren, zu entsagen. Darum machte sich im 



EXIL IN ERETRIA 57, 1-Ö9, 3; 552-641. 



349 



Familienrathe vor Allen die Stimme des Hippias geltend, der von kei- 
nem Verzicht wissen wollte. Das letzte Misslingen sei einer Unbeson- 
nenheit zuzuschreiben. Die göttlichen Sprüche, welche ihres Hauses 
Gröfse verbürgten, könnten nicht täuschen. Sie dürften keine andere 
Politik befolgen, als das zweimal gewonnene Kleinod der Herrschaft 
nun zum dritten Male, und zwar mit umfassenderen Mitteln ausge- 
rüstet, zu erwerben. 

Des Hippias Beredsamkeit begegnete keinem ernsten Widerstande. 
Schon die Wahl des Aufenthalts zeigt, dass die Pisistratiden nur gingen, 
um wieder zu kommen. Freilich mochten es zunächst Famiiienver- 
bindungen sein, welche sie nach Eretria zogen ; auch stand diese Stadt 
mit dem Heimathsgaue der Pisistratiden, Philaidai, und mit Brauron, 
dem Hauptorte dieser Gegend, in uralter Verbindung schon durch den 
Artemisdienst. Entscheidend aber waren die pohtischen Bücksichten, 
für welche sie aufserhalb Attika keinen günstigeren Platz wählen 
konnten als Eretria. Denn hier waren sie ihren Diakriern nahe; von 
hier aus konnten sie alle Bewegungen in dem unruhigsten Theile des 
attischen Gebiets beobachten und, wenn der Augenblick gekommen 
schien, zu Lande wie zu Wasser rasch bei der Hand sein. Anderer- 
seits waren sie hier in einem Mittelpunkte weitreichender Handels- 
beziehungen und hatten Gelegenheit, sich mit verwandten Bestrebun- 
gen auf den Inseln und jenseits des Meeres in Verbindung zu setzen 
und neue Hülfsquellen der Macht sich zu eröffnen. 

Denn sie lebten hier nicht wie Privatleute, sondern wie Fürsten, 
welche, von Land und Thron ausgeschlossen, dennoch ihres Hauses 
Pohtik mit ungeschwächtem Eifer verfolgen. Geldmittel flössen ihnen 
von den Silberbergwerken am Strymon zu, deren Besitz sie wohl ihren 
Familienverbindungen in Eretria verdankten, denn von hier war eine 
Reihe von Pflanzstädten am thrakischen Ufer gegründet. Diese Geld- 
mittel sowie ihr persönliches Ansehen setzten sie in Stand, auch in 
der Verbannung eine Macht zu bilden, mit welcher Fürsten und 
Staaten es nicht verschmähten, zu unterhandeln. Man glaubte an ihre 
Zukunft und unterstützte sie mit Geld, weil man darauf rechnete, es 
mit reichen Zinsen zurück zu erhalten. 

So zeigten sich besonders die Thebaner bereit, mannigfachen 
Vorschub zu leisten. Ihnen war die bürgerlich freie Entwickelung des 
Nachbarlandes bedenklich; sie unterstützten den Prätendenten, in 
welchem sie einen Zuchlmeister des Demos sahen und von dem sie 



350 



ATHEN UND MYTILENE. 



jetzt für ihre Geldvorschüsse wichtige Zugeständnisse erlangen konn- 
ten. Ebenso wurden mit Thessalien und Makedonien, ja auch mit den 
unteritalischen Städten Verbindungen angeknüpft, und je mehr sich 
die Hülfsmittel vergröfserten, um so zahlreicher stellten sich freiwilhge 
Abenteurer ein, unternehmende Männer, die in Veranlassung ähnlicher 
Parteibewegungen die Heimath verloren hatten und sie am ehesten 
wieder zu gewinnen hofften , wenn sie ihr Glück mit dem des Peisi- 
stratos verbanden. Unter diesen Parteigängern war Lygdamis aus 
Naxos der wichtigste und willkommenste. Es versteht sich, dass Pei- 
sistratos die Truppen nicht sammelte, um auf seinem Waffenplatze 
eitle Heerschau zu halten und nutzlos sein Geld zu vergeuden ; er that 
Alles, um schlagfertige und sieggewohnte Kriegsschaaren zu haben. 
Er hielt die Küsten, an denen die Gegenpartei ihren Wohnsitz hatte, 
sowie das Fahrwasser des Euripos in Blokade. Er benutzte Seevolk 
und Schiffe, um seine Besitzungen am Strymon auszubeuten; er machte 
kühne Unternehmungen, um durch dieselben seine Mittel zu ver- 
mehren, seinen Anhang fester an sich zu ketten und die Augen der 
Athener auf sich zu ziehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in diese 
Zeit auch seine hellespontischen Unternehmungen fallen, durch welche 
Lesbos und Athen zum zweiten Male mit einander in Berührung 
traten^*"). 

Athen war nämlich mit dem Hellespont schon seit länger in 
Beziehung; man hatte die Bedeutung der nördlichen Seestrafsen für 
die Kornzufuhr erkannt und beobachtete mit Aufmerksamkeit, was in 
jenen Gegenden vorging, vor Allem die Unternehmungen der Mytile- 
näer. Diese standen damals in voller Blüthe geistiger Entwickelung, 
wie sie kein anderer Zweig des äolischen Stamms erreicht hat. Mäch- 
tige Adelsgeschlechter leiteten den Staat, pflegten die Kunst (S. 198) 
und erwarben Reich thümer durch ausgebreiteten Seehandel. Gegen 
Ende des siebenten Jahrhunderts suchten sie ihre Macht auf das Fest- 
land auszudehnen, sie begannen das Gebiet von Troas zu colonisiren, 
um auf beiden Seiten des Sundes ein Reich zu stiften. Namen wie 
Skamandronymos in dem edeln Geschlechte, welchem Sappho ange- 
hörte, zeigen, wie man den Zusammenhang mit Ilion pflegte. Wenn 
man eine Seeherrschaft aufrichten wollte, welchen geeigneteren Schritt 
konnte man dazu thun, als dass man Sigeion am Hellesponte befestigte! 

Dies erregte die Aufmerksamkeit der Athener. In ihren inneren 
Unruhen erschien eine Ablenkung nach aufsen vortheilhaft; ein atti- 



EROBERUNG VON SIGEION. 



351 



scher Feldherr, Phrynon mit Namen, welcher Ol. 36; 636 einen 
olympischen Sieg gewonnen hatte, kämpfte mit den Mytilenäern. Er 
fiel in einem Zweikampfe gegen Pittakos und nach längeren Streitig- 
keiten, in welchen Periandros als Schiedsrichter angerufen wurde, 
behielten beide Theile ihre dortigen Besitzungen; Sigeion aber bUeb 
den Mytilenäern. 

Nach diesem Kriege (um Ol. 43, 608 — 6) traten auf Lesbos 
bürgerliche Unruhen ein. Die conservative Partei und die neuerungs- 
lustige Menge lagen mit einander im Streit. Eine Tyrannis erhob 
sich und die Mitglieder der Geschlechter suchten in weiter Ferne 
Ruhm und Reichthum zu gewinnen. Antimenides, des Alkaios Bru- 
der, kämpfte Ol. 44, 1 ; 604 unter Nebukadnezar gegen Necho von 
Aegypten. Die einheimischen Tyrannen (Melanchros und Myrsilos) 
wurden durch Verbindung der Geschlechter und der Gemeinde gestürzt. 
Aber nachher gingen hier, wie in Athen, die Ultras und die Gemä- 
fsigten aus einander; es loderte der heftigste Parteiliass auf, wie er aus 
den Gedichten des Alkaios hervorleuchtet. Ein Theil der Geschlechter 
wurde verbannt, und als diese mit Gewalt ihre Heimkehr erzwingen 
wollten, wurde das Haupt der Gemäfsigten, Pittakos, ein Mann von 
solonischem Geiste, Ol. 47, 3 ; 590 mit ausgedehnten Vollmachten als 
Aesymnet an die Spitze der Gemeinde gestellt (S. 228) und leitete sie 
zehn Jahre lang mit Gerechtigkeit und Weisheit. Nach dem Ende 
seiner Regierung lebte er noch zehn Jahre als Privatmann. 

Bald nach seinem Tode begannen die Fehden von Neuem, und 
die wichtigste Thatsache derselben ist die, dass Peisistratos Sigeion 
eroberte. Dies Ereigniss muss der ersten Zeit seiner Tyrannis an- 
gehören, und deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass es in jene 
Jahre fällt, wo Peisistratos von Euboia aus mit seinen Schiffen und 
Freischaaren die nördlichen Meere durchfuhr und sein Augenmerk 
darauf gerichtet haben musste, glückliciie Waffen tliaten auszuführen, 
um den Athenern zu zeigen, wie er auch im Exile für ihren Ruhm 
und ihre Interessen zu sorgen wisse^**). 



So gingen Jahre hin, ohne dass die Pisistratiden mit der Rückkehr 
Ernst machten. Endlich im elften Jahre entschlossen sie sich, im 
Vertrauen auf die Aussprüche ihrer Wahrsager, unter denen Amphi- 
lytos aus Acharnae ihr besonderes Vertrauen besafs, der Ungeduld des 



352 



DRITTE TYRANN! S 59, 4—63. 1; 641—527. 



feurigen Lygdamis nachzugeben. Eine Söldnerschaar aus Argos war 
eingetroffen, die Stimmung in Athen schien günstig, und so setzten sie 
Ol. 59, 4; 541 mit Fufsvolk und Reiterei über den Sund von Euboia, 
um in Marathon ein festes Lager aufzuschlagen, und von hier rückten 
sie mit anwachsender Heeresmacht um den südhchen Fufs des ßriles- 
sos herum durch die ihnen am meisten bekannten und zugethanen Gaue 
langsam gegen Athen vor. 

Bei Pallene kam es zur entscheidenden Begegnung, an der Höhe 
des Athenatempels (S. 289), welcher an den Pässen zwischen Bdlessos 
und Hymettos lag. Peisistratos überraschte die Athener, wie sie beim 
Frühmahle sorglos gelagert waren : an Widerstand war nicht zu denken, 
der Sieg war sein und es stand ihm frei, an seinen Gegnern Rache zu 
nehmen. Indessen kam ihm Alles darauf an, dass der Sieg unblutig 
sei, und dass an den Tag seiner neuen Machterhebung keine trüben 
Erinnerungen sich anknüpften. Auf raschen Pferden eilten seine Söhne 
den fliehenden Gruppen nach, redeten ihnen freundlich zu, und for- 
derten sie auf, furchtlos zu den Geschäften ihres bürgerlichen Lebens 
zurückzukehren. 

So zog Peisistratos zum dritten Male in Athen ein mit zahlreichem 
Gefolge und vielem fremden Kriegsvolke, das er in Stadt und Burg 
vertheilte. Die Eupatridenfamilien, welche den Kern der Gegenpartei 
bildeten, entflohen aus Attika; von den zurückbleibenden hefs er sich 
wie ein erobernder Kriegsfürst die heranwachsenden Söhne als Geifseln 
ausliefern und diese brachte er nach Naxos in die Hut des Lygdamis, 
sobald er diesen auf seine Insel zurückgeführt hatte ^*^). 

Diese Rückführung war eine seiner ersten Unternehmungen. Er 
musste sich vor Allem als einen zuverlässigen Bundesgenossen derer 
erweisen, welche ihm ihre thätige Hülfe geschenkt hatten, und keine 
Gelegenheit konnte ihm erwünschter sein, um den Antritt seiner Herr- 
schaft als eine neue Epoche für den Ruhm des attischen Staats zu be- 
zeichnen, welcher durch die lange Zeit innerer Spaltungen in seinem 
durch Solon begründeten Ansehen unter den griechischen Staaten 
weit zurückgekommen war. 

Peisistratos erkannte mit hellem Blicke, dass Athens eigentliche 
Macht und Zukunft nicht auf dem Festlande zu suchen sei, sondern 
im ägäischen Meere und namentlich auf den Cykladen, welche weder 
einzeln noch in ihren verschiedenen Gruppen zu einer selbständigen 
Machtbildung berufen schienen. Nachdem er also den Zug nach Naxos 



PEISISTRATOS' ÄUSSERE POLITIK. 3^ 

glücklich ausgeführt hatte, benutzte er dieselbe Gelegenheit, um der 
attischen Macht im Archipelagus neue Sicherheit zu geben, indem er 
sich von Delphi aus den Auftrag geben liefs, den Gottesdienst auf 
Delos in voller Würde wieder herzustellen. 

Es war das alte Nationalheiligthum des zu beiden Seiten woh- 
nenden lonierstammes (S. 76); die asiatischen Städte hatten sich aber 
von der Theilnahme zurückgezogen, die alten Gebräuche waren wäh- 
rend der Seekriege in Verfall gerathen, namenthch war die Umgebung 
des Tempels durch Begräbnisse entweiht. Nun trat Peisistratos als 
Gesandter des Gottes, als Vertreter der gottesfürchtigen Stadt Athen 
auf und liefs, indem seine Schiffe die Rhede füllten, unter seinen 
Augen die Umgebung des Tempels so weit reinigen, dass die Priester 
und Festgäste des Gottes im Opferdienste nicht mehr durch den An- 
blick von Gräbern gestört und entweiht wurden. Damit stand die 
glänzende Erneuerung der alten Beziehungen zwischen Athen und Delos 
in Verbindung. Athen nahm als Schutzmacht des amphiktyonischen 
Heiligthums eine vorörtliche Stellung im Inselmeere ein. Der Vergrö- 
fserung seiner Flotte kamen die Einkünfte der strymonischen Bergwerke 
zu Gute, der Ausbreitung des Handels die Freundschaftsbeziehungen 
zu den Fürsten Thessaliens und Makedoniens, welche den attischen 
Schiffen am pagasäischen und thermäischen Golfe Begünstigungen 
aller Art gewährten. Mit Argos und Theben wurden die alten Be- 
ziehungen erneuert, mit Sparta ein gastfreundliches Verhältniss be- 
gründet. 

Aber auch mit bewaffneter Hand wusste Peisistratos Erfolge zu 
erringen. Sigeion hatte er den Athenern gleichsam als Morgengabe 
mitgebracht, und wenn auch die Mytilenäer das Feld nicht räumten, 
sondern Achilleion als Gegenfestung erbauten und ihr Besitzrecht auf 
das zäheste festhielten, so blieb Sigeion und damit die Herrschaft am 
Hellesponte doch in attischen Händen, und unter den mancherlei 
Siegeszeichen, welche aus glücklichen Kämpfen im Athenatempel 
von Sigeion aufgehängt wurden, war auch der Schild des Dichters 
Alkaios. 

So hatten die Athener eine attische Feste an der wichtigsten 
Meerstrafse des Nordens, und welchen Werth der Tyrann darauf legte, 
geht daraus hervor, dass er sie seinem Sohne Hegesistratos als Herr- 
schaftssitz übergab, ähnlich wie Periandros in Ambrakia eine Neben- 
linie seines Hauses ansiedelte. Man staunt, welch eine thatkräftige 

Curtiup, Gr. Gesch. I. 6. Aufl. 23 



354 



PEISISTRATOS' INNERE POLITIK. 



und umsichtige Politik Peisistratos nach allen Seiten hin entfaltete, 
und wie schnell Athen nach den trüben Jahren der Parteikämpfe mit 
der dritten Erhebung des Tyrannen wieder eine glänzende Stellung 
unter den griechischen Staaten einnahm. Man fühlte, dass ein ge- 
borener Fürst und Feldherr an der Spitze stehe "^). 

Ungleich wichtiger war des Tyrannen Verhalten im Innern des 
Staates. Die Verfassung Athens umzustürzen war er weit entfernt; 
vielmehr blieben Solons Anordnungen unter ihm in Kraft. Der ver- 
nünftige und nothwendige Fortschritt staatlicher Entwickelung, welche 
der Bewegung zu Grunde lag, aus der die griechische Tyrannis stammte, 
war von Solon überall berücksichtigt worden. Darum konnten ge- 
mäfsigte und weise Tyrannen mit den solonischen Gesetzen regieren. 
Peisistratos ehrte das Andenken seines Verwandten, mit dessen Ge- 
danken er durch frühen Umgang wohl vertraut war, indem er seine 
Einrichtungen pflegte und förderte, so weit sie irgend mit seiner Herr- 
schaft vereinbar waren. Er stellte sich selbst unter die Gesetze und 
soll persönlich vor dem Areopag erschienen sein, um sich wegen einer 
Anklage richten zu lassen, so dass seine Regierung im Ganzen viel 
dazu beigetragen hat, die Athener in die Gesetze hinein zu gewöhnen. 
Die Geldmittel, deren er zur Unterhaltung seiner Truppen sowie für 
die Bauten und die öifentlichen Feste bedurfte, erhob er freilich nach 
Tyrannenrecht, indem er die Grundstücke der Bürger zehntpflichtig 
machte. 

Auch seine neuen Verfügungen und Mafsregeln hatten den 
Charakter weiser Milde und standen im Einklänge mit Solon. So 
forderte er es als eine Pflicht des Gemeinwesens, für die im Kriege 
Verwundeten Sorge zu tragen, so wie für die Familien der im Felde 
Gebliebenen. Besonders liefs er sich die öffentliche Zucht angelegen 
sein, die Pflege der guten Sitte, welche in der Ehrerbietung der Ju- 
gend gegen das Alter und in der Scheu vor den Heiligthümern be- 
steht. Er erliefs ein Gesetz gegen das müfsige Herumtreiben auf den 
Strafsen, und obgleich er selbst auf dem Markte und durch das aus 
den Gauen hereingezogene Volk grofs geworden war, so schien ihm 
doch die anwachsende Masse des Stadtvolks bedenklich. Darum suchte 
er dem Treiben nach grofsstädtischem Leben, das in dem ionischen 
Stamme herrschte, einen Damm zu setzen, indem er nach dem Vor- 
gange Perianders und der Orthagoriden den Zugang in die Haupt- 
stadt erschwerte. Er suchte den Bauernstand, den Solon gerettet 



PEISISTRATOS' INNERE POLITIK. 



355 



hatte, zu heben und die Liebe zum Landbau zu fördern. Die Bevölke- 
rung sollte nicht zu einer grossen Masse zusammenfliefsen; darum 
schärfte er den Unterschied der Stande, und es soll selbst den Land- 
leuten eine bestimmte Tracht vorgeschrieben worden sein, um sie 
zurückzuhalten, sich in der Stadt zu zeigen ; ein Zwang, der wohl erst 
der späteren Zeit der Tyrannis angehört. Gewiss ist, dass durch eine 
Reihe weiser Mafsregeln der Landbau, die Baumzucht und vorzugs- 
weise die Cultur des Oelbaums in Attika ungemein gefördert und 
zugleich der Entstehung eines städtischen Proletariats, einer ein- 
seitigen Richtung auf Handel und Gewerbe und den Gefahren, welche 
damit zusammenhangen, nach Kräften vorgebeugt wurde^^*). 

Mit der Stadt selbst war inzwischen eine wesentliche Verände- 
rung vorgegangen. UrsprüngHch war nämlich Stadt und Burg Eins 
gewesen und Alles, was den Staat zusammenhielt, auf dem Felsen 
der Akropolis vereinigt. Als nun seit den Tagen des Theseus sich 
die Geschlechter des Landes um die Burg des Kekrops zusammen- 
siedelten, bauten sie sich südlich von derselben an. Hier hatten sie 
die frische Seeluft, hier den Ueberblick über den Golf und seine 
Schiffe; hier waren sie der phalerischen Bucht am nächsten. An der 
Südseite lagen daher auch die ältesten Heiligthümer der Unterstadt, 
die des olympischen Zeus, des pythischen Apollon, der Erdmutter und 
des Dionysos. Unterhalb des Olympieion floss die alte Stadtquelle 
Kallirrhoe, welche unmittelbar in den Iiissos einmündet. Hier hatten 
seit alter Zeit die Töchter und Mägde der Eupatriden das Trinkwasser 
geholt, hier waren in dem breiten, meist trockenen Flussbette die 
wohlgelegenen Waschplätze, hier waren deshalb auch die alten Sagen 
vom Raube attischer Mädchen zu Hause. 

Der Markt dieser Altstadt oder City von Athen konnte keinen an- 
deren Platz haben, als dort, wo man von der Südseite her zur Burg 
hinaufging. Hier treffen sich in geräumiger Senkung die Wege von 
der See und dem Lande. Hier brachten an den Markttagen die 
Landleute ihre Waare zu Kaufe; hier kamen die Altbürger zusammen 
und hielten auf einer nahe gelegenen Terrasse oberhalb der Niede- 
rung, auf der sogenannten Pnyx, ihre Berathungen. Je mehr nun 
aber Athen das Herz der Landschaft wurde, je mehr sich hier die Er- 
werbsquellen vermehrten, um so zahlreicher zog das Volk heran. Die 
Landgaue wurden zu Vorstädten, und diese Vorstädte bildeten einen 
Gegensatz gegen das alte Athen, von dem ein Theil der hier ansässigen 

23* 



356 



WIRKSAMKEIT DER TYRANNEN. 



Adelsgeschlechter wegen 'Kydathenaion' oder Ehrenathen genannt 
wurde. Der bedeutendste der vorstädtischen Gaue war der Keraraei- 
kos, der von den Töpfern seinen Namen hatte. Er zog sich vom 
Oelwalde herauf an die nordwestliche Seite der Burg. In dieser 
Gegend hatten sich vorzugsweise jene Richtungen des Volkslebens 
ausgebildet, welche den Eupatriden das Recht streitig machten, sich 
in ausschhefslichem Sinne als die Bürgerschaft von Athen zu betrach- 
ten; hier wohnten die Leute, die dem Gewerbfleifse ihren Wohlstand 
verdankten ; denn attische Thonwaare (Keramos) war überall begehrt 
und der erste Ausfuhrartikel einheimischer Industrie ; hier war der 
Anfang der Volksbewegungen, also auch der Ursprung der Tyran- 
nis gewesen. 

Dieser Theil blieb trotz der Beschränkungen, welche der Tyrann 
eintreten liefs, der belebteste und in fortwährender Zunahme be- 
griffene Stadttheil, während die Südseite mehr und mehr die Rück- 
seite wurde, weil durch Auswanderung, durch Verbannungen, wie 
durch den ganzen Umschlag der geselligen Verhältnisse dies Stadt- 
quartier allmählich verödete und sich der Verkehr auf die nördliche 
Seite hinzog. Es ist wahrscheinlich, dass um die Zeit des Peisistratos 
der Markt jener alten Vorstadt, des Kerameikos (denn jeder attische 
Gau hatte seinen Markt), zum Stadtmarkte gemacht wurde; eine Ver- 
änderung, welche deutlich zu erkennen gab, auf welchem Theile der 
Bevölkerung die Zukunft der Stadt beruhe ^*^). 

Damit hängt eine Keihe von Einrichtungen zusammen, welche 
sich sämtlich auf eine Neugestaltung Athens bezogen. 

Die Pisistratiden fanden die rasch angewachsene Stadt in einem 
durchaus unordenthchen Zustande vor; es waren verschiedene Stadt- 
quartiere neben einander ohne innere Verbindung. Die Aristokratien 
suchten überall zwischen Stadt und Land eine Trennung aufrecht zu 
erhalten, der Tyrannen Interesse war es, jede Scheidewand der Art zu 
beseitigen, um auch in dieser Beziehung die alten Traditionen zu ver- 
wischen, die höheren und niederen Stände, die Alt- und Neubürger, 
Städter und Bauern zu einem neuen Ganzen zu verschmelzen. Darum 
verbanden sie Athen nach allen Seiten hin durch Strafsen . mit ' den 
Gauen ; die Strafsen w urden genau vermessen und trafen alle auf dem 
Kerameikos zusammen, in dessen Mitte ein Altar der zwölf Götter er- 
richtet wurde. " ~ " 

Von hier, dem neuen Mittelpunkte von Stadt und Land, wurden 



FÜR STADT UiND LAND. 



357 



die Entfernungen nach den verschiedenen Landgauen, nach den 
Häfen, nacli den wichtigsten Ileihgtliümern des gemeinsamen Vater- 
landes berechnet. Längs der Landwege wurden Steine errichtet; es 
waren aber keine einförmig wiederholten Meilensteine, sondern Denk- 
mäler der Kunst, Marmorhermen, an passenden Wegeplätzen aufge- 
richtet, wo man auf schattigem Sitze gern ausruhete. An der rechten 
Schulter des Hermeshildes nannte ein Hexameter die Orte, welche 
der Weg verband; an der linken Seite aber stand ein Pentameter, der 
einen kurzen Sinnspruch, einen Grufs der Weisheit enthielt, welchen 
der Wanderer auf seinen Weg mitnahm. So erhielt das ganze Land, 
das unter langen Fehden gelitten hatte, nicht nur Ruhe und Sicher- 
heit, sondern auch ein geordnetes, menschenfreundliches, gastliches 
Aussehen und jeder Wanderer musste an den Gränzen von Attika 
erkennen, dass er einen Boden betreten habe, auf welchem das 
gesamte bürgerliche Leben von einer höheren Cultur durch- 
drungen sei^^^). 

Mit diesen grofsartigen Einrichtungen, deren Seele vorzugsweise 
der um die ganze Landescultur hochverdiente Hipparchos war, hängen 
auch die grofsen Wasserleitungen zusammen, welche von den Bergen 
her das Trinkwasser in unterirdischen Felsgängen nach der Haupt- 
stadt führten. Um diese Kanäle überall beaufsichtigen und reinigen 
zu können, wurden in bestimmten Zwischenräumen Schachte durch 
den Fels gegraben, welche Licht und Luft in die dunkeln Gänge 
brachten. Am Rande der Stadt vereinigte sich das zuströmende 
Bergwasser in gröfseren Felsräumen, wo es sich abklärte, bevor es 
sich in die Stadt vertheilte und die öffentlichen Brunnen speiste. 
Dass diese bewundernswürdigen Werke, welche bis auf den heutigen 
Tag in ununterbrochener Wirksamkeit geblieben sind, zum grofsen 
Theil der Tyrannenzeit angehören, bestätigt sich auch dadurch, dass 
Peisistratos es war, welcher die Kallirrhoe mit Säulenhalle und neun- 
facher Mündung schmückte. Es war gewissermafsen der Dank, den 
er im Namen des Volks der alten Stadtquelle für ihre treuen Dienste 
spendete. Zugleich aber wurde sie, weil sie für das tägliche Bedürf- 
niss überflüssig geworden war, als eine heihge Quelle bezeichnet und 
ihr Wasser nun ausschliefslich für Cultusgebräuche bestimmt. 

Peisistratos regierte Athen, aber er trug keinen Herrsch er titel, 
kraft dessen er unbedingte Hoheitsrechte in Anspruch nahm. Er 
hatte freilich seine Herrschaft auf Gewalt gegründet und behielt in 



358 



REGIERUNG DER PISISTRATIDEN. 



seinem Dienste ein geworbenes Heer, das, nur von ihm abhängig 
und unabhängig von den Stimmungen der Bürgerschaft, jedem Er- 
hebungsversuche um so nachdrücklicher entgegentreten konnte, da 
der gröfste Theil der Bürgerschaft entwaffnet, das Stadtvolk an Masse 
verringert und das öffentliche Interesse von den pohtischen Ange- 
legenheiten theils auf die Landvvirthschaft, theils auf die neuen städti- 
schen Einrichtungen hingelenkt war. Die Ordnung der Staatsämter 
blieb unverändert, nur war eines derselben immer in den Händen 
eines Mitglieds seiner Familie, in welcher er mit grofser Klugheit jede 
Uneinigkeit zu unterdrücken wusste, so dass dem Volke das regie- 
rende Haus in sich einig und von einem Geiste beseelt erschien. In 
diesem Sinne sprach man von der Regierung der Pisistratiden und 
konnte den mannigfaltigen Gaben, welche dem Hause eigen waren, 
die Anerkennung nicht versagen ^*^). 

Es war ein weiser Rath, den alte Staatslehrer den Tyrannen 
gaben, sie sollten ihrer Herrschaft so viel als möglich den Charakter 
der altköniglichen geben, damit die Usurpation als Quelle der Macht 
vergessen werde. Darum wollte auch Peisistratos nicht, wie die 
Kypseliden und Orthagoriden, mit der Vergangenheit des Staates 
brechen, sondern vielmehr an die älteste, glorreiche Geschichte des 
Landes anknüpfen, um nach allem Unheile, das die Parteiherrschaft 
des Adels über Attika gebracht hatte, demselben den Segen einer ein- 
heithchen und über den Parteien stehenden Herrschaft zurückzugeben. 
Dazu glaubte er sich als Verwandter des alten Königshauses beson- 
ders berufen. Darum wohnte er auf der Burg, neben dem Altare des 
Zeus Herkeios, dem Familienherde der alten Landesfürsten, von der 
Felshöhe aus, welche vor dem Baue der Propyläen ungleich schwerer 
zugänglich war, die unruhige Bürgerschaft überwachend. Schon durch 
diesen Wohnsitz musste er in ein nahes Verhältniss zur Burggöttin 
und ihrer Priesterschaft treten ^^^). 

Seit dem kylonischen Frevel hatte Athena selbst gleichsam Partei 
genommen im Bürgerkampfe, und die altattischen Geschlechter, 
welche mit den Heiligthümern der Götter in erblichen Priesterthü- 
mern verbunden waren, konnten nicht anders als auf Seiten derer 
stehen, welche die Gegner der Alkmäoniden waren. Darum waren 
es auch zweimal Athenafeste, bei denen die Pisistratiden heimkehrten. 
Darum wandte auch der Tyrann, als er endlich fest und ruhig auf der 
Burg safs, seine besondere Aufmerksamkeit dem Athenaculte zu. 



PFLEGE DES ATHENACULTUS. 



359 



Das alte Sommerfest der Panathenäen (S. 289) erneuerte er, wie ein 
zweiter Theseus, in dessen Fufsstapfen er auch durch Herstellung der 
delischen Feier getreten war. Er ordnete einen vierjährigen Cyklus 
der Athenafeste an, um in jedem fünften Jahre einen besonderen Fest- 
glanz zu veranlassen, und erweiterte die Theilnahme. Denn so lange 
die Wetlkümpfe nur ritterliche waren, konnten nur die Reichen sich 
betheiligen. Schon Ol. 53, 3 (566) waren gymnastische Spiele ein- 
geführt; nun wurde auch der Vortrag von Rhapsoden in das Volksfest 
aufgenommen und dadurch nicht nur dem Talente ein freierer Zutritt 
geöffnet, sondern auch für die Feier selbst ein neuer und sinnvoller 
Schmuck gewonnen. Dadurch erreichte Peisistratos zugleich, dass 
seine Ahnen homerischen Angedenkens vor dem Volke gepriesen und 
dass die Erinnerungen des heroischen Königthums, deren Pflege ihm 
am Herzen lag, erneuert wurden. 

Aufserdem wurden die neu geordneten Stadtquartiere und die 
früheren Vorstädte mit ihren gewerbtreibenden Einwohnern in den 
Kreis der FestUchkeiten hereingezogen; die breite Strafse, welche den 
äufseren und den inneren Kerameikos verband, wurde der Schau- 
platz eines Fackellaufs, welcher, so lange das alte Athen bestand, eine 
besonders beliebte Volksbelustigung geblieben ist. Mit der Erneue- 
rung der Panathenäen wird endUch auch die Herstellung des neuen 
Festgebäudes zusammenhängen, des Hekatompedos, wie es wegen sei- 
ner Rreite von 100 Fufs genannt wurde. Es war kein Gebäude des 
Gottesdienstes, daher auch nicht, wie der Tempel der Polias, in ioni- 
scher Weise gebaut, sondern dorisch. Wahrscheinhch diente es von 
Anfang an, die Schätze der Stadtgöttin aufzubewahren; denn dazu 
bedurfte es um so mehr einer neuen Räumhchkeit, als gerade die Pi- 
sistratiden beflissen waren, die Einkünfte der Göttin zu mehren. Sie 
haben es gewiss an kostbaren Weihgeschenken aus dem Zehnten ihrer 
Siegesbeute nicht fehlen lassen, und dem Hippias wird ausdrücklicii 
die Einrichtung zugeschrieben, dass bei allen Geburten und Todes- 
fällen in Attika ein Mafs Gerste, ein Mafs Hafer und ein Obolos an die 
Priesterin der Athena abgeliefert wurden. 

Die Pisistratiden waren selbst die Verwalter der heihgen Gelder 
und stellten ihre eigenen Schätze, zu denen auch ihr Familienarchiv 
und die gesammelten Orakel gehörten, unter die Obhut der Rurg- 
göttin. Es scheint, dass der panathenäische Monat, der Hekatom- 
baion, mit neuem Glänze ausgestattet, um diese Zeit der erste Monat 



360 



ATHENA- UND DIONYSOSCULTUS. 



des attischen Jahrs geworden ist. Mit dem Dienste der Athena hängt die 
Pflege des Oelbaums zusammen, welchem die Tyrannen besondere Auf- 
merksamkeit zuwendeten, wie sie überhaupt Alles thaten, um den 
Landbau zu fördern und die Bauern bei ihrer Arbeit zu unter- 
stützen. So bestätigt sich in einer Reihe von Thatsachen das nahe 
und wichtige Verhältniss, in welchem die Pisistratiden als die könig- 
hchen Burgherrn, als die Schirmvögte des Heiligthums, als die Ord- 
ner der Festhchkeiten, als die Hüter des heiligen Schatzes und die 
treuen Pfleger des von der Göttin selbst gegründeten Volkswohlstandes 
zu der Athena Polias standen ^*^). 

Ein anderer Gottesdienst, welchen die Tyrannen zu neuer Bedeu- 
tung erhoben, war der des Dionysos. Dieser Gott des Landvolks 
steht überall im Gegensatze zu den Göttern der ritterlichen Geschlech- 
ter; darum begünstigten ihn alle Herrscher, welche die Macht der 
Aristokratie zu brechen suchten; Peisistratos stand aber noch in 
einem besonderen Verhältnisse zu ihm. Denn die eigentlichen Wein- 
gaue der Athener lagen an den Höhen der Diakria, namentlich Ikaria 
unweit Marathon und das benachbarte Semachidai ; auch Brauron war 
ein alter Sitz berühmter Weinfeste. Also in der Heimath der Pisistra- 
tiden war auch der attische Dionysos zu Hause; von hier verbreiteten 
sich die Winzer- und Kelterfeste und die Lustbarkeiten der Weinprobe 
durch Attika, um mit ihrer Fröhlichkeit die trüberen Monate des 
Jahres zu erfüllen und die Unterschiede der Stände vergessen zu ma- 
chen. Darum pflegten die Tyrannen den demokratischen Gott, brach- 
ten ihn in Athen zu Ehren und erschienen mit ihren Gaugenossen so 
eng verbunden, dass Peisistratos es selbst gewagt haben soll, ein 
Dionysosbild aufstellen zu lassen, in welchem man seine eigenen Züge 
zu erkennen glaubte ^^"). 

ApoUon, dem väterlichen Gotte der altionischen Geschlechter, 
hatten die Pisistratiden schon durch die Lustration von Delos eine 
grofsartige Huldigung dargebracht. In Athen selbst, im südöstlichen 
Stadttheile, schmückten und erweiterten sie den Bezirk des pythi- 
schen Gottes, der seit Solon ein allgemein bürgerlicher Gott geworden 
war; dort weihte Peisistratos der Enkel zum Andenken an sein Ar- 
chontenamt den Altar, dessen Inschrift wir jetzt wieder vor Augen 
haben, wie sie Thukydides einst als eine ihm denkwürdige Urkunde 
attischer Vorzeit abgeschrieben hat. Gewiss hing diese Weihung mit 
der Anordnung der apollinischen Festzüge zusammen, welche Athen 



GOTTESDIENSTLICHE AISLAGEN. 



361 



mit den beiden Hauptpunkten des Apollocults in Verbindung erhielten. 
In demselben Stadttheile begann Peisistratos den Neubau des Zeus- 
tempels, dessen Stätte eine der heiligsten auf dem Boden Athens war; 
denn hier wurde der Erdschlund gezeigt, wo nach der Fluth des Deu- 
kaüon das Wasser abgelaufen sein sollte. Dem ältesten Gottesdienste 
der Athener, welcher alle Stände des Volks verband, wurde hier ein 
Tempel errichtet, der das eigentliche Prachtdenkmal der Tyrannis 
werden sollte, ein Seitenstück des ephesischen Artemision und des 
Heraion von Samos. 

Im nordösthchen Theile der Stadt wurde zu Ehren des ApoUon 
das Lykeion eingerichtet, mit grofsen Räumen für die Uebungen der 
Jugend. An der Westseite wurde der zwiefache Kerameikos nebst 
den angränzenden Vorstädten neu geordnet und geschmückt; vor Al- 
lem die Akademie, deren baumreiche Niederung, durch den Eros- 
dienst geheihgt, für die Athener immer mehr der beliebteste Erho- 
lungsort wurde. 

So wurde das ofTenthche Leben der Athener nach allen Seiten hin 
angeregt und umgestaltet. Athen wurde eine neue Stadt, innerlich 
und äufserlich. Mit ihren neuen Ileerwegen und Strafsen , ihren 
Stadtplätzen, Gymnasien, Fontänen und Wasserleitungen, ihren neuen 
Altären, Tempeln und Tempelfesten trat sie aus der Menge der 
griechischen Städte glänzend hervor, und die Pisistratiden versäumten 
nichts, um ihr durch mannigfache Verbindung mit den Inseln und 
Küsten des ägäischen Meers neue Bedeutung zu verleihen ^''M- 

Zu diesem Zwecke genügte es nicht, dass die Athener in Delos, 
in Naxos, am Hellesponte herrschten, sondern sie mussten sich auch 
die geistigen Schätze der jenseitigen Gestade aneignen, wo der hel- 
lenische Geist sich am glücklichsten entfaltet hatte, und damit das 
eigene Leben bereichern. 

Darum hatte Solon schon die homerischen Rhapsoden nach Athen 
gezogen und deren öffenthche Vorträge an den Festen angeordnet. 
Peisistratos schloss sich mit vollem Verständnisse für die Wichtigkeit 
des Gegenstandes diesen Bestrebungen an , wenn auch nicht mit der 
Lauterkeit solonischer Kunstliebe, sondern absichtsvoller und eigen- 
nütziger. Denn er sorgte zugleich für den Ruhm seiner Ahnen und 
den Glanz seines Hauses, dessen Berechtigung zur Herrschaft durch 
seinen alten Ruhm bestätigt werden sollte , und Homer musste hier 
die Ansprüche eines Tyrannen stützen, wie er in Sparta dazu gedient 



362 



WISSENSCHAFTLICHE ARBEITEN 



hatte, den Königsthron zu sichern (S. 175). Auch mit dem Heimath- 
sitze der Pisistratiden hingen die homerischen Erinnerungen zusam- 
men, denn in Brauron war die Sage vom Opfer der Iphigeneia zu 
Hause, und auf der AkropoHs wurden deshalb am brauronischen Arte- 
misfeste die epischen Gesänge vorgetragen. 

Diese Gesänge waren bis dahin von Mund zu Mund fortgepflanzt, 
und in weit verbreiteten Sängerschulen hatten sich die edelsten Kräfte 
des Volks der Aufbewahrung dieses Volksschatzes gewidmet. Dennoch 
war bei aller Kraft des Gedächtnisses nicht zu vermeiden, dass allerlei 
Verwirrung in der Ueberheferung eintrat, dass das Ursprüngliche 
entstellt wurde, Echtes verloren ging. Unechtes sich einschlich, und 
dass das Ganze, der wichtigste Gesamtbesitz des hellenischen Volks, 
sich zersplitterte. Die Gefahr war um so dringender, je mehr die 
Unruhe der Gegenwart sich steigerte, je mehr die Einzelstaaten in 
besonderen Richtungen auseinandergingen und die Interessen der 
modernen Zeit überwogen. 

Deshalb erschien es als eine Aufgabe des Staats, dieser Gefahr 
entgegenzutreten und das ins Werk zu setzen, was den Kräften Ein- 
zelner nicht gehngen konnte; und diese Aufgabe lag dem Staate um so 
näher, seitdem bei den öffentHchen Festen die Vorträge der home- 
rischen Gedichte angeordnet waren. 

Peisistratos' grofses Verdienst ist es, dass er klar erkannte, wie den 
Athenern nichts einen gröfseren und bleibenderen Ruf verschaffen 
könne, als wenii He dre in ihre Hand nähmen. Darum 

berief er eine Anzahl gelehrter Männer und ertheilte ihnen den 
Auftrag, die rhapsodischen Texte zu sammeln und zu vergleichen, das 
Ungehörige auszuscheiden, das Zerstreute zu vereinigen, und das ho- 
merische Epos als ein Ganzes, als eine grofse Nationalurkunde in all- 
gemein gültiger Form festzustellen. 

So arbeiteten unter des Regenten Vorsitze Onomakritos der 
Athener, Zopyros aus Herakleia, Orpheus aus Kroton; sie bildeten 
eine wissenschafthche Commission, welche einen ausgedehnten Ar- 
beitskreis hatte; denn nicht nur Odyssee und Ilias wurden bearbeitet, 
sondern auch das jüngere Epos, d. h. die Dichtungen der soge- 
nannten 'Kykliker', welche im Anschluss an Ilias und Odyssee äTs 
Ergänzungen entstanden waren, und neben dem ganzen Schatze des 
ionischen Epos, welcher unter dem Namen Homers zusammenge- 
iasst wurde, auch Hesiodos und die religiösen Dichtungen. Peisi- 



UNTER DEN PISISTRATIDEN. 



363 



Stratos nahm unmittelbaren Antheil, und man spürt auch hier den 
Charakter der Tyrannis, indem nach seinem Geschmacke oder seinen 
politischen Absichten Aenderungen, Auslassungen oder Einschiebun- 
gen gemacht wurden. So wurden z. B. die Salaminier, um ein ur- 
altes Anrecht Athens dadurch gleichsam urkundlich zu bestätigen, 
dem athenischen Heerbanne im Schiffscatalog eingeordnet ^^^). 

Der Hauptzweck wurde vollständig erreicht. Der wichtigste Zweig 
poetischer Kunstübung, der sich bei den Hellenen entfaltet hatte, das 
Epos der ionischen und der böotischen Schule, war nach Athen ver- 
pflanzt. Hjer wurde zuerst eine hellenische Philologie begründet; 
denn bei dem Geschäfte des Sammeins erhielt auch das kritische Ver- 
mögen seine erste Anregung, indem man bei dem Sammeln darauf 
geführt wurde, das Echte vom Unechten, das Aeltere vom Jüngeren 
zu unterscheiden, und wenn auch die wissenschaftliche Leistung als 
solche keinen strengeren Mafsstab vertragen mochte, so hatte doch 
der Schatz homerischer Gedichte in seiner nationalen Bedeutung bei 
den Athenern zuerst seine volle Würdigung erhalten, und hier war 
zum cLsten Male die Schrift benutzt, um einen unersetzlichen Besitz 
der Nation vor den Gefahren einer nur mündlichen Ueberlieferung zu 
sichern. Die Gedichte wurden aber dadurch keineswegs dem Leben 
entfremdet, sondern für die Feste der Stadt so wie für die Jugend- 
bildung in erhöhtem Grade verwerthet. Die Stadt des Peisistratos 
erhielt ein gesetzgeberisches Ansehen im Gebiete der nationalen Dich- 
tung; durch ihn gab es erst einen Homer und Hesiod, der gleich- 
mäfsig an allen Enden der griechischen Welt gelesen wurde. 

Die Sammlungen und Forschungen gingen über Homer zurück 
zu den ältesten Quellen hellenischer Tlieolo^ie, als deren Gründei' man 
den thrakischen Orpheus ansah, und welche nun durch Onomakritos 
zu einem neuen Systeme mystischer Weisheit verarbeitet und zugleich 
benutzt wurde, dem Lieblingscultus der Dynastie, dem Dionysosdienste, 
eine erhöhte Bedeutung zu geben. Daran schloss sich die Samm- 
lung von Orakelsprüchen, auf welche die Pisistratiden einen beson- 
deren Werth legten, so wie eine Bearbeitung der historischen Urkun- 
den, namentlich der Geschlechtsregister. Denn bei dem Ahnenstolze 
der Pisistratiden musste ihnen Alles darauf ankommen, ihren Stamm- 
baum bis in die Zeiten des Neleus möglichst vollständig und sicher 
herzustellen; daran knüpften sich ohne Zweifel auch schon die ersten 
Versuche einer Chronologie, welche die homerische Zeit mit der Ge- 



364 



LYRIK UND DRAMA IN ATHEN. 



genwart verband, und man berechnete wohl schon damals, von dem 
ersten zehnjährigen Archon (S. 297) aufwärts steigend, den Zeitpunkt 
der dorischen Wanderung, durch welche des Peisistratos Vorfahren 
zur Uebersiedelung nach Athen veranlasst worden waren. 

So wurde Athen ein Centrum wissenschafthcher Kunde und 
Arbeit. Wer also von dem, was der Erinnerung würdig, in helle- 
nischer Sprache gedichtet, was über Götterlehre und Ethik von den 
Alten gedacht und sonst aus der Vorzeit überliefert worden war, 
einen Ueberbhck gewinnen wollte, der musste nach Athen wandern. 
Hier auf der Burg des Peisistratos war der ganze Schatz vereinigt, 
hier waren die Werke der Weisen und Dichter der Nation in sorg- 
fältig geschriebenen Rollen beisammen, wohl geordnet und würdig 
aufgestellt 1^'). 

Aber es sollte nicht blofs aufgespeichert werden, was aus alten 
Zeiten übrig war; auch die lebende Kunst wollte man fördern und 
ihre Meister in Athen haben, also besonders die der lyrischen Kunst, 
welche dem Epos gefolgt war und während der Zeit der Tyrannen in 
voller Blüthe stand. Die Lyriker waren besonders geeignet, den Glanz 
der Höfe zu erhöhen und ihre Feste zu verherrlichen; darum wurden 
sie von einem Palaste zum andern gerufen. So schickten die Pisistra- 
tiden ihr Staatsschilf aus, um Anakreoji von Teos, den lebensfrohen 
Dichter und Gesellschafter des Polykrates, nach Athen zu holen. So 
lebten Simonides von Keos und Lasos von Hermione am Musenhofe 
der Tyrannen. 

Aber auch ganz neue Keime nationaler Poesie entfalteten sich 
unter ihnen und durch sie. Denn sie waren ja die Pfleger des 
Dionysosdienstes, und bei den Festen desselben entwickelte sich nicht 
nur der Chortanz und das Ciiorhed des Dithyrambos, welches Arion 
erfunden hatte und Lasos weiter ausbildete, sondern es knüpften sich 
daran mimische Darstellungen, indem maskirle Chöre auftraten und 
Vorsänger, welche den Chören gegenüber eine Rolle übernahmen, zu 
denselben redeten und Wechselgespräche mit ihnen führten. So 
entwickelte sich eine Handlung, ein Drama, und nachdem diese Gat- 
tung erfunden war, machte man sie von dem bacchischem Stoffe frei 
und wechselte mit dem Inhalte wie mit den Masken ; der ganze Kreis 
der Heldensage wurde nach und nach für dramatische Behandlung 
ausgebeutet, und der Gründer dieses dionysischen Spiels war Thespis 
aus Ikaria (S. 360). ^ — ~ — 



LASOS Ui\D ONOMAKRITOS. 



365 



So sammelten die Pisistratiden die Nachklänge des Epos, pflegten 
die in voller Blüthe stehende Kunst des Liedes und riefen durch ihre 
Gunst einen neuen und echt attischen Zweig nationaler Kunst ins 
Leben, das Lyrik und Epos verbindende Drama. Aufserdem waren 
ja die besten Baumeister lÄntistafes, "Kältaisclffö's, Antimachides, Po- 
rinos) und Bildkünstler am Olympieion und am Ilekatompedos, die 
ersten Techniker ihrer Zeit bei den grofsen Wasserbauten thätig. Die 
hervorragenden Manner aller Fächer lernten sich kennen und tausch- 
ten ihre Erfahrungen aus. Aber auch an Reibungen fehlte es nicht; 
man beobachtete sich gegenseitig, und Lasos scheute sich nicht, dem 
Onomakritos, der durch untergeschobene Orakel seinem Herrn zu 
Diensten sein wollte, den Missbrauch des fürstlichen Vertrauens ofl'ent- 
lich zum Vorwurfe zu machen und dadurch seine Verbannung zu ver- 
anlassen. 

Wie konnte es bei solchen Verhältnissen, wo Alles von den ehr- 
geizigen Launen einer selbstsüchtigen Dynastenfamilie abhängig war, 
auch anders sein, als dass mancherlei Unlauterkeiten vorkamen! Auch 
in der Bearbeitung der orphischen Lehren wusste man dem höfischen 
Onomakritos die Spuren eigenmächtiger Fälschung nachzuweisen. In- 
dessen bleibt der Ruhm der Pisistratiden doch ein sehr berechtigter. 
Sie haben den Beruf Athens, dass es Alles, was nationale Bedeutung 
habe, bei sich vereinigen und ausbilden müsse, klar erkannt und bin- 
nen kurzer Zeit durch unglaubliche Thätigkeit Erfolge erreicht, welche 
niemals verwischt worden sind^^^). 

Dem Regenten selbst gelang es freilich so wenig wie den anderen 
Tyrannen in Ruhe seiner Erfolge froh zu werden, er fühlte sich immer 
auf vulkanischem Boden. Ihn ängstigte jede Volksbewegung, jedes 
aufstrebende Geschlecht, jedes ungewöhnliche Glück eines Atheners. 

Davon zeugen die kleinlichen und abergläubischen Mittel, welche 
der gewaltige Mann anwendete, um sein Gemüth zu beruhigen. Er 
liefs es sich gefallen, wenn Athener, die in Olympia gesiegt hatten, 
statt ihres Namens den des Peisistratos ausrufen liefsen, wie es Ki- 
mon, genannt Koalemos, des Miltiades Halbbruder (S. 345), bei 
seinem zweiten Wagensiege (Ol. 63; 528) that, der zur Anerkennung 
dieser Loyalität aus der Verbannung zurückberufen wurde. Mit angst- 
voller Sorge wurde unaufhörlich nach Göttersprüchen gesucht, welche 
für die Dauer der Dynastie eine Bürgschaft gäben, und da der Tyrann, 
wie er selbst neidisch und eifersüchtig war, sich auch von fremder 



366 



ENDE DES PEISISTRATOS 63, 2; 527. 



Missgunst umgeben fühlte, liefs er an den Mauern seiner Fürstenburg 
das Bild einer Heuschrecke befestigen, welches als ein Mittel galt, den 
bösen Bhck des Neides unschädlich zu machen. Dennoch konnte der 
alternde Peisistratos mit guter Zuversicht erwarten, dass seine mit 
Herrschertalent begabten und unter ihm in die Regierung einge- 
führten Söhne und Enkel, seiner Politik treu, die Dynastie erhalten 
würden, welcher Athen nach innen und aufsen so viel zu verdanken 
hatte. In dieser Hoffnung starb er hochbetagt im Kreise der Seinigen 
Ol. 63, 2; 527. Hippias folgte nach des Vaters Willen in der Macht 
der Tyrannis, nnd die Brüder hielten, wie sie dem Vater versprochen 
hatten, treu zusammen. Dem milderen und feineren Hipparchos 
wurde es nicht schwer der zweite zu sein; er benutzte seine Stellung 
für die friedlichen Seiten der Verwaltung. 

Und dennoch war ein Wechsel im öffentlichen Zustande nicht 
zu verkennen. Denn während der Vater, welcher sich durch eigene 
Klugheit aus der Bürgerschaft hervorgearbeitet hatte, sein geschmei- 
diges Wesen sich bis zu Ende bewahrt hatte, war den Söhnen jede 
Erinnerung eines bürgerlichen Lebens fremd. Sie hatten sich immer 
als Fürstensöhne gefühlt, und der Wechsel ihres Schicksals hatte bei 
Hippias nur ein Gefühl der Bitterkeit zurückgelassen. Bald traten 
Zeichen von Willkür, Ungesetzhchkeit und Hoffart ein. Ihre Söldner 
mussten ihnen zu jedem Dienste bereit sein, wenn ihr tyrannischer 
Argwohn ein Opfer erheischte; als Kimon Koalemos Ol. 64; 524 zum 
dritten Male als Olympionike nach Athen kam, liefsen die Pisistratiden 
ihn aus Angst vor dem Glücke der Kypseliden beim Prytaneion durch 
Meuchelmörder aus dem W^ege räumen. Und wenn an solchen Tha- 
ten der ältere Bruder die Hauptschuld trug, so war doch auch Hip- 
parch nicht frei von üppiger Schwelgerei und Lüsternheit. 

Darum wies er als Festordner der Panathenäen ein attisches 
Mädchen von der Ehre des Korbtragens zurück, und zwar, wie man 
sagte, aus keinem andern Grunde, als weil ihr Bruder Harmodios 
seine unreinen Gunstbezeugungen verschmäht hatte. Dieser konnte 
den Schimpf seines Hauses um so weniger vergessen, da im Ge- 
schlechte der Gephyräer, welchem er angehörte, Familienehre über 
Alles ging. Mit Aristogeiton und andern Genossen machte er eine 
Verschwörung zum Sturze der Tyrannen, welche bei dem Aufzuge der 
grofsen Panathenäen zur Ausführung kommen sollte; war die That 
geschehen, so konnte man, wie die Stimmung war, der öffentlichen 



HIPPARCHS ERMORDUNG 66, 3; 514. 



367 



Billigung gewiss sein. Anfangs ging Alles nach Wunsch. Das Volk 
drängte sich harmlos der Hauptstrafse zu, und beide Brüder waren 
mitten darunter, Hippias draufsen im Kerameikos den Zug ordnend, 
Hipparch am Markte. Mit Myrtenzweigen geschmückt, dem Sinnbilde 
der volkvereinenden Aphrodite, stellten die Bürger sich in Beih und 
Glied, als die Verschworenen, die ihren Plan verrathen glaubten, mit 
dem versteckten Schwert sich auf Hipparchos stürzten; ein blutiges 
Handgemenge unterbrach das Fest, ohne dass der Zweck erreicht 
wurde. Denn der überlebende Bruder handelte fest und entschlossen. 
Ehe der nachrückende Zug wusste, was geschehen sei, liefs er alle mit 
Schwertern heimlich Bewaffneten ergreifen. Schuldige und Unschul- 
dige wurden gefoltert und getödtet; die bedrohte Herrschaft war 
von Neuem gesichert (Ol. 66, 3; 514). 

Das vergossene Bürgerblut brachte nur Unsegen; denn Hippias 
glaubte sich nun zu einer anderen Begierungsweise berechtigt und 
genöthigt. Er benutzte die Gelegenheit, sich verhasster Bürger zu 
entledigen und die Güter der Verbannten einzuziehen. Mürrisch und 
argwöhnisch zog er sich auf die Burg zurück, suchte sich durch aus- 
wärtige Beziehungen zu sichern, knüpfte mit Sparta, mit den Fürsten 
von Thessalien und Makedonien engere Verbindungen, gab seine 
Tochter Archedike dem Tyrannen von Lampsakos wegen des An- 
sehens desselben am Perserhofe und suchte auf alle Weise Geld zu er- 
pressen. Er übte die Strafsenpolizei so gewaltsam, dass er die Vor- 
sprünge der Häuser gerichtlich einziehen und ausbieten liefs, so dass 
die Eigenthümer gezwungen waren, Theile ihres Hauses um hohen 
Preis anzukaufen. Er gebrauchte sein Fürstenrecht, alles im Umlaufe 
befindliche Geld einzufordern, indem er that, als ob er neue Münze 
prägen wollte. Dann gab er nach langer peinlicher Stockung alles 
wieder aus, wie er es erhalten hatte, und eignete sich dabei die Vor- 
theile eines listigen Wucherers an. Er gestattete einzelnen Bürgern, 
sich von den öffentlichen Lasten, namentlich von den Ausgaben für 
die Festchöre loszukaufen, so dass die anderen um so mehr gedrückt 
wurden. 

So wurde aus der volksfreundlichen Begierung der Pisistratiden 
eine unerträgliche Zwingherrschaft. Die innere Unwahrheit einer 
Staatsverfassung, welche die Formen der solonischen Bepublik mit 
schrankenlosem Despotismus verbinden wollte, trat immer greller zu 
Tage; die ganze Begierungsweise wurde immer verächtlicher, da sich 



368 



TYRANNIS DES HIPPFAS. 



nur unwürdige Personen zum Staatsdiensie hergaben , und in dem- 
selben Mafse stiegen die Hoffnungen , mit welchen die Feinde des 
Tyrannenhauses auf Athen blickten ^^^). 

Die Tyrannenfeinde hatten ihr Hauptquartier in Delphi; an ihrer 
Spitze standen die mit dem pythischen Heihgthume seit alter Zeit 
nahe verbundenen Alkmäoniden (S. 342), geführt von Kleisthenes dem 
Enkel des sikyonischen Tyrannen, dem von väterlicher und mütter- 
licher Seite her ein hochslrebender Geist angeboren war. Zu ihm 
hielten Männer der edelsten Geschlechter, wie der ältere Alkibiades, 
Leogoras, Charias u. A. Diese Parteigenossen führten ihre Sache in 
doppelter Weise: zuerst durch kriegerische Unternehmungen. Es ge- 
lang ihnen durch kühnen Handstreich einen festen Punkt im Parnes, 
Leipsydrion, zu besetzen, wo sie die Unzufriedenen an sich zogen. 
Der blutigen und unglücklichen Kämpfe , welche die Besatzung gegen 
die Truppen der Tyrannen führte, gedachten lange Zeit die Athener 
im Liede, wenn sie beim Mahle sangen: 'Wehe, wehe Leipsydrion, 
'du Verräther der Freunde! Was für Männer hast du zu Grunde 
'gerichtet, tapfer im Kampfe, edel vom Stamm, welche damals be- 
'zeugten, aus welchem Blute sie entsprossen wären'. 

Bald öffnete sich den umsichtigen Alkmäoniden ein anderer 
Weg zum Ziele zu gelangen. 

Der delphische Tempel war Ol. 58, 1; 548 abgebrannt. Die 
Priesterschaft that Alles, um eine stattliche Erneuerung zu veran- 
lassen, und liefs, wie für eine Nationalsache, aller Orten sammeln, 
wo Griechen wohnten. Als nun ein Kapital von 300 Talenten vor- 
handen war und ein Unternehmer gesucht wurde, um nach dem be- 
stimmten Plane den Neubau auszuführen, so meldeten sich die Alk- 
mäoniden und leisteten, nachdem ihnen von den Amphiktyonen der 
Bau übertragen war, in jeder Beziehung ungleich mehr, als ihnen 
vertragsmäfsig oblag. Namentlich hefsen sie statt des gewöhnlichen 
Kalksteins parischen Marmor für die Ostseite des Tempels anwenden. 
Dadurch verpflichteten sie sich die delphischen Behörden in hohem 
Grade und bestimmten sie, indem sie es in keiner Beziehung an frei- 
gebigen Spenden fehlen liefsen, von nun an in ihrem Famiüeninteresse 
unablässig thätig zu sein und gegen die Pisistratiden offen Partei zu 
nehmen. Seit der Zeit wurden die griechischen Staaten, vor allen 
aber Sparta , das seit mehr als fünfzig Jahren einen glorreichen Krieg 
gegen die Tyrannen Griechenlands führte, in diesem Sinne durch 



KÄMPFE WIDER DIE TYRANNEN. 



369 



den Mund der Pythia bearbeitet. So oft einzelne Bürger oder der 
Staat von Sparta nach Delphi schickten, wurde jedem Bescheide die 
Aufforderung hinzugefügt, Athen von seiner Gewaltherrschaft zu be- 
freien, und wenn die Spartaner unter allerlei Ausflüchten auch ihre 
Gastfreundschaft mit den Pisistratiden geltend machten, so hiefs es, 
die göttlichen Rücksichten gingen allen menschlichen vor^^^). 

Endlich, da ihnen keine Ruhe gelassen wurde, rafften die Spar- 
taner sich auf. Sie hatten vor Kurzem im ägäischen Meere gegen 
Polykrates gekämpft, sie hatten Lygdamis gestürzt und die attischen 
Geifseln von Naxos befreit (S. 352); so schickten sie nun auch trotz 
ihrer angeborenen Unlust, sich in die Angelegenheiten des Festlandes ein- 
zumischen, zu Wasser unter Anchimolios ein Heer nach dem Phaleron. 
Sie glaubten, ihr Verhältniss zu Delphi, welches gerade durch Athen 
unterbrochen und gestört worden war, bei dieser Gelegenheit wieder 
herstellen zu können. Diese Unternehmung hatte aber wenig Glück. 
Denn die Pisistratiden entboten ihre thessalische Bundesreiterei, über- 
fielen das spartanische Heer, das in der weiten Ebene sich ungünstig 
gelagert hatte, und tödteten den Feldlierrn samt einem grofsen Theile 
der Truppen. 

Nun musste Sparta vollen Ernst machen, um seine Ehre 
zu retten. Hatte es zuerst mit Rücksicht auf die gastfreundhchen 
Beziehungen zu den Pisistratiden Bedenken getragen, ein könig- 
liches Heer zu schicken, so stellte es jetzt seinen König Kleomenes 
an die Spitze des Aufgebots und Hefs ihn zu Lande in Attika ein- 
rücken. 

Es war ein aufserordentlicher Mann, der damals im Stamme der 
Agiaden die Königswürde bekleidete ; ein Mann, in welchem die alte 
Fürstenkraft der Herakliden mächtig aufloderte. Von ungebändigtem 
Selbstgefühle beseelt, hatte er keine Lust, unter der verhassten Auf- 
sicht der Ephoren zu Flause König zu spielen. Ein tyrannisches Ge- 
lüste lag unverkennbar sehien Handlungen zu Grunde, und jede 
kühne Unternehmung im Auslande war ihm willkommen. 

Die Streitigkeiten mit Argos ziehen sich durch alle Jahrhunderte 
der lakedämonischen Geschichte hindurch, so weit wir sie kennen, 
und vor wie nach den messenischen Kriegen zogen die Könige Spartas 
in das Gebirgsland des Parnon, um die eroberten Gränzdistrikte 
zu vertheidigen (S. 234). Im siebenten Jahrhundert war Argos sieg- 
reich vorgedrungen nach dem blutigen Tage von Hysiai. In der 

Curtius, Gr. Gesch. I. 6. Aufl. 24 



370 



ABZUG DES HIPPIAS 67, 3; 510. 



Mitte des folgenden Jahrhunderts kam der volle Besitz der Thyreatis, 
des nördlichen Theils der Kynuria, an Sparta, und zwar durch den 
berühmten Kampf, an den der Name des Othryades geknüpft ist, des 
spartanischen Helden, der seine Genossen allein überlebend das 
Siegeszeichen aufgerichtet haben soll; das geschah um die Zeit, da 
Kroisos in Sardes belagert wurde (546). 

Auch damit war der Kampf nicht zu Ende. Zu der alten Zwie- 
tracht kamen neue Anlässe. Die Argiver hatten sich mit den atti- 
schen Tyrannen eingelassen ; sie hatten dem Peisistratos eine Tochter 
ihres Landes, Timonassa, zur Frau gegeben und dem Tyrannen 
bewaffnete Hülfe geschickt. Eine so selbständige und antispartani- 
sche Politik wollte man nicht dulden, und nachdem man die pelo- 
ponnesischen Bundesgenossen des Tyrannen gezüchtigt und Spartas 
Macht fester als je zuvor gegründet hatte, ging Kleomenes als be- 
währter Kriegsfürst voll hochfahrender Pläne gegen Athen. 

Er hatte sich mit Reiterei hinlänglich versehen ; die Alkmäoni- 
den, alle Emigranten und Tyrannenfeinde schlössen sich ihm an; 
die Tyrannen wurden bei demselben Platze, wo sie einst ihre Macht 
gegründet hatten, beim Heihgthume von Pallene (S. 352), besiegt 
und in ihrer Burg eingeschlossen. Eine langwierige Belagerung 
stand in Aussicht. Da fügte es sich, dass die Kinder des Tyrannen, 
welche aufser Landes gebracht werden sollten, feindlichen Streif- 
schaaren in die Hände fielen. Um sie zu retten, zog Hippias mit 
seinen Schätzen ab, nachdem er mit seinem Bruder 14, für sich 
allein 3^^ Jahre regiert hatte. Die auf eine längere Dauer der Dynastie 
berechneten Bauten, namentlich der Hekatompedos und das Olym- 
pieion, blieben unvollendet stehen ^^^). 

Der Sturz des Tyrannen hatte zunächst keine andere Folge, als 
die Erneuerung der alten Parteifehden. Nachdem von den drei Par- 
teien eine das Feld geräumt hatte, standen sich die beiden anderen 
sofort in offenem Streite gegenüber ; nur die Bekämpfung des gemein- 
samen Gegners hatte sie für einen Augenbhck in einem Heerlager 
geeinigt. Auf der einen Seite die Adelspartei mit Isagoras an der 
Spitze, dem Sohne des Tisandros, in dessen altem Hause der karische 
Zeus verehrt wurde, auf der anderen Seite die Alkmäoniden. Den 
Letzteren war Sparta nur das Mittel gewesen, um das Tyrannenhaus 
zu stürzen, und sie waren nicht gesonnen, der fremden Macht den 
geringsten Einfluss auf die Neugestaltung ihrer Stadt einzuräumen. 



ISAGORAS UND KLEISTHENES. 



Dagegen glaubten die Anderen die Gelegenheil benutzen zu müssen, 
um die verhassten Neuerungen, welche seit Solon. bestanden, die 
Gleichheit der Stände, die Berechtigung des Besitzes ohne Rücksicht 
auf Geburt, den Zutritt aller Vermögenderen zu den Ehrenämtern 
des Staates zu beseitigen. Anfangs war diese Partei im Vortheile; 
denn sie hatte unter den Tyrannen im Stillen fortbestanden; sie 
trat fertig auf und hatte in der Verbindung mit Sparta einen Rückhalt 
und eine feste Stütze. Die Alkmäoniden dagegen fanden keine feste 
und geschlossene Partei vor; sie waren zu lange in der Fremde ge- 
wesen, und ihr alter Anhang im Lande hatte sich aufgelöst; es gab 
keine Partei der Paralier mehr. 

Kleisthenes war aber nicht so leicht zu verdrängen. Ein feuriger 
Mann, durch ein unstätes Leben und die Erinnerungen seines Ge- 
schlechts aufgeregt, im Parteileben erwachsen, von Kindheit auf mit 
pohtischen Plänen erfüllt, weltkundig, gewandt und fest entschlossen, 
um jeden Preis Einfluss zu gewinnen, ergrilf er rasch entscheidende 
Mafsregeln gegen die Uebermacht des Isagoras. Er vereinigte den 
Ueberrest seines alten Anhangs mit der verwaisten Pai tei der Diakrier; 
er trat in die Politik ein, mit der Peisistratos begonnen hatte, er be- 
nutzte alle Mittel, die ihm zu Gebote standen, die Masse des Volks um 
sich zu sammeln; er regte sie auf, indem er auf die verfassungsfeind- 
lichen Schritte der Gegner hinwies, und binnen kurzer Zeit Avar er 
das Haupt der ganzen Volkspartei, mächtiger als je ein Alkmäonide 
gewesen war^^^). 

Ehrgeiz war die eigentliche Triebfeder seiner Handlungen. Aber 
er vertrat doch eine höhere Sache als persönliche Interessen und 
FamiUenruhm. Der Gegenpartei gegenüber, welche, an Sparta ge- 
lehnt, die verfassungsmäfsigen Volksrechte aufzuheben trachtete, 
vertrat er die Selbständigkeit Athens ; er vertrat das gefährdete 
Recht, die unter schweren Kämpfen errungene bürgerliche Freiheit, 
die beschworene Verfassung, die selbst den Tyrannen heihg ge- 
wesen war, endlich die Zukunft Athens, welche von der freien 
Entwickelung auf solonischer Grundlage abhängig war. Dadurch ge- 
wann er eine ganz andere Stellung als die eines selbstsüchtigen 
Parteiführers; dadurch erhielt er Kraft und Ansehen bei den Besten 
des Volks; die Reaktion der Aristokraten ist es gewesen, welche 
Kleisthenes grofs gemacht und seiner Politik einen bestimmten Weg 
vorgezeichnet hat. 



372 



KLEISTHENES, HAUPT DER VOLKSPARTEI. 



Wollte er die solonische Verfassung retten , so durfte er es nicht 
dabei bewenden lassen, das Alte zu stützen, sondern es musste der 
ganze Rechtsboden neu befestigt und die Verfassungspartei dadurch 
zusammengehalten werden, dass ein bestimmtes Ziel erstrebt und ein 
neuer Fortschritt gemacht wurde. Solon hatte Alles, was zu einem 
freien Bürgerthume unentbehrlich war, die Theilnahme an Regierung, 
Gesetzgebung und Gericht, allen Mitghedern des Staats eröffnet; die 
adhge Herkunft hatte aufgehört die Bedingung des vollen Bürgerthums 
zu sein. Im Uebrigen hatte er die inneren Einrichtungen des Adels 
geschont und, zufrieden, das Wesentliche erreicht zu haben, die Ueber- 
reste der alten Zeit , auf welche die Anhänger derselben grofsen Werth 
legten, namentlich die Gliederung der Eupatriden in die Stämme der 
Geleonten, Hopleten, Argadeer und Aigikoreer (S. 293) als etwas Un- 
wesentliches und Unschädliches fortbestehen lassen. 

Dadurch war ein Widerspruch im Leben der Gemeinde zurück- 
geblieben. Denn nach dem geschriebenen Rechte, wie es auf der 
Burg aufgestellt war, bestand zwar ein freies und gleiches Bürger- 
thum; in Wirklichkeit aber standen sich Adel und Demos doch noch 
immer wie zwei Nationen gegenüber , und es waren so in den Partei- 
kämpfen nach Solon die Rechte der Stände gegen den Geist der 
Verfassung von Neuem zur Geltung gebracht worden, und die Ver- 
sammlungen innerhalb der alten Stämme und Geschlechter gaben dem 
geschlossenen Zusammenhange der Adelsfamilien immer neue Nah- 
rung. Auch das Volk konnte sich nicht entwöhnen, die Mitglieder der 
Geschlechter als eine besondere Menschenklasse zu betrachten, ent- 
weder mit dem Gefühle demüthiger Unterordnung, welche im Wider- 
spruche war mit der solonischen Bürgergleichheit , oder mit dem Ge- 
fühle des Hasses und der Feindschaft, welches den Frieden des Gemein- 
wesens zerstörte. 

Diese Uebelstände und inneren Widersprüche wollte Kleisthenes 
nicht, wie es Solons Gedanke gewesen war, dem milden Einflüsse 
einer allmählich ausgleichenden Entwickelung überlassen ; er glaubte 
dies um so weniger zu dürfen, weil die Adelsgeschlechter gerade jetzt 
mit neuen Ansprüchen hervortraten und sich geneigt zeigten, auch 
ausländische Verbindungen nicht zu verschmähen, um ihre Partei- 
absichten durchzusetzen. Deshalb erschien es notwendig, entschie- 
dener mit der alten Zeit zu brechen , die Geschlechtsverbände aufzu- 
lösen, in denen die verfassungsfeindliche Partei ihren Sitz hatte, dem 



KLEISTHENES' POLITIK. 



373 



familienhaften Zusammenhange seine Macht zu nehmen, im Volke das 
instinktartige Gefühl der Abhängigkeit zu entwurzeln und es dadurch 
erst in vollem Mafse frei zu machen. 

Zu diesem Zwecke bedurfte es gewaltsamer Neuerungen, vor 
denen jeder andere Staatsmann scheu zurückgeschreckt wäre. Dass 
Kleisthenes sie unternahm, erklärt sich aus seiner Persönlichkeit und 
Abstammung, dass sie ihm gelangen, aus der Verkehrtheit seiner 
Gegner und der Unterstützung des delphischen Orakels. 

Das Haus der Alkniäoniden hatte schon durch seine Verwandt- 
schaft mit dem altischen Königsgeschlechte einen angeborenen Trieb _ 
zum Herrschen, den es nie verleugnet hat. 

Unter den Einflüssen des achten und siebenten Jahrhunderts er- 
hielt dieser Trieb unwillkürlich die Richtung aufTyrannis, weil dies 
die einzige Form war, in welcher er befriedigt werden konnte. Die 
wilde Leidenschaftlichkeit des Megakles im Kampfe gegen Kylon 
(S. 305) erklärt sich aus der Erbitterung seines Geschlechts, welches, 
selbst nach Herrschaft strebend, das erstrebte Kleinod von fremder 
Hand ergriffen sah. Des Megakles Sohn, Alkmaion, der Feldherr 
im heiligen Kriege , der vielleicht in dieser Eigenschaft Gelegenheit 
gefunden hatte, den Gesandten des lydischen Königs gute Dienste 
zu leisten, trat durch seine nahen Beziehungen zum Hofe von Sardes 
noch mehr aus der bürgerhchen Sphäre heraus. Er hatte sein grofses 
Vermögen rasch vervielfacht. Als der reichste aller Athener spannte 
er seine Ansprüche immer höher, und sein Sohn hat gewiss nicht 
um die Tochter des Tyrannen von Sikyon gefreit, um mit ihr in 
stillen Verhäliissen als ein Bürger unter Bürgern zu leben. Als 
Parteiführer der Paralier strebte er im Grunde nach demselben 
Ziele, wie Peisistratos, nur unter ungünstigeren Verhältnissen. Durch 
jedes Misslingen und durch den unseligen Fluch der Blutschuld , der 
wie ein böser Dämon immer wieder erwachte, wurde die Leiden- 
schaft nur gesteigert, und zuletzt knüpften sich die Hoffnungen des 
viel getäuschten Ehrgeizes der Alkniäoniden an den Sohn der Aga- 
riste, der von Geburt zu grofsen Dingen berufen war (S. 253). 

Kleisthenes führte den Namen des mütterlichen Grofsvaters in 
das Geschlecht des Alkmaion ein; mit dem Namen hatte er auch die 
kühne Entschlossenheit desselben, den hellen Blick, die rücksichtslose 
Energie in Verfolgung seiner pohtischen Ziele. Auch die Ziele waren 
sich ähnlich; denn wie der Grofsvater, so wollte auch der Enkel 



V 

^^^4 KLEISTHENES' POLITIK. 

seinen Staat aus der Gebundenheit veralteter Einrichtungen lösen, um 
ihn einer neuen Entwickelung zuzuführen; auch er bekämpfte einen 
Adel, welcher durch einen unverbesserlichen Kastengeist die unteren 
Stände drückte. Beide wendeten zu gleichen Zwecken dieselben 
Mittel an, beide im Anschlüsse afr die Autorität des pythischen Ora- 
kels. So genau schloss sich der Enkel dem grofsväterlichen Vorbilde 
an; nur waren des jüngeren Kteisthenes Reformen noch ungleich 
durchgebildeter, durchgreifender und folgenreicher. 

In den Jahren des Exils hatte er seine Pläne längst vorbereitet; 
darum traten sie fertig und reif an das Licht. Sein Streben war ein 
doppeltes. Einmal wollte er die solonische Verfassun^jiefestigen und 
zur Wahrheit machen^ aiideTerseTts den Staat von Grund aus erneuern. 
Denn er stand nicht mit parteiloser Milde den Ständen der Burger- 
schaft gegenüber; er war nicht wie Solon besorgt, keinem sein Theil 
zu verkürzen, sondern er war ein Feind des Adels und ergiff mit 
Leidenschaft die Führung der verwaisten^^ Daher^ 
stammen die entgegengesetzten Richtungen einer conservativen und 
einer radikalen Politik, wie sie bei wenig Staatsmännern sich so ver- 
einigt finden, wie bei Kleisthenes. 

Der Segen der solonischen Verfassung hatte nicht Wurzel schla- 
gen können, weil die Geschlechter den Staat als einen Tummelplatz 
ihres Ehrgeizes betrachteten und eine friedliche Entwickelung unmög- 
lich machten. Solon hatte die Bürger im Wesentlichen gleich ge- 
macht; da er aber die Institutionen des Geschlechtsadels nicht an- 
zutasten gewagt hatte, so hatte sich in demselben eine Abgeschlossen- 
heit erhalten, welche die beabsichtigte Verschmelzung der Bürger ver- 
hinderte; darum war der Staat Solons nicht begriffen und nicht verwirk- 
licht worden. Nun dachte freilich auch Kleisthenes nicht daran, die 
alten Geschlechter mit ihren Heiligthümern und Opferdiensten auf- 
zulösen; alles Familienrechtliche und Religiöse blieb ruhig bestehen 
nebst den herkömmhchen Gebräuchen und altbürgerlichen Sitten, die 
sich daran anschlössen. Aber die Gemeindeverbände, denen die 
Phratrien und Geschlechter untergeordnet waren, die vier ionischen 
Stämme, sollten nicht mehr die politische Gliederung des Volks bilden; 
denn so lange dies der Fall war , schienen auch die untergeordneten 
Gliederungen an einer politischen Bedeutung Antheil zu haben. Es 
erschien als der Hauptfehler der solonischen Verfassung, dass in diese 
alten Stämme die neu geschaffene Bürgerschaft hatte untergebracht 



KLEISTHENES' REFORMEN. 



375 



werden sollen , gleichsam ein neuer Wein in alte Schläuche. Darum 
wurden die Adelsstämme nicht nur, wie in Sikyon, ihrem Namen 
und ihrer Rangordnung nach verändert, sondern die ganze Gliederung 
wurde aufgehohen, zugleich mit der Vierzahl, welche allen ionischen 
Staatsordnungen zu Grunde lag. 

"Statt ihrer wurde ein Decimalsystem eingeführt, welches an 
keine hergebrachte Ordnung sidi ai)>( lil(»>.v. Die neuen Zehntheile 
der Bürgerschaft nannte er zwar wie die alten Viertheile: Phylen, 
d. h. Stämme; aber sie hatten mit Abstammung und Herkunft nichts'^ 
zu thun. Sie waren nichts als die Einheiten, welchen gewisse' 
Gruppen ländlicher Bezirke (Demen) untergeordnet wurden. Diese 
Bezirke oder Ortsgemeinden hatten längst bestanden; es waren zum 
Theil alte Zwölfstädte Attikas, wie Eleusis, Kephisia, Thorikos, zum 
Theil kleinere Flecken und Ortschaften, welche Bestandtheile der ein- 
zelnen Zwölfstädte gewesen waren, wie Marathon und Oinoe, die zur 
Tetrapolis gehört hatten; sie behielten ihre alten Namen, auch die- 
jenigen, welche von den Geschlechtern, die vorzugsweise in denselben 
angesessen waren, herrühren, wie Butadai, Aithalidai, Paionidai. Sie 
waren schon früher, vielleicht als Unterabtheilungen der Naukrarien 
(S. 298), zum Behufe der Polizeiordnung und der Besteuerung vom 
Staate als übersichtliche Abtheilungen der Bevölkerung benutzt wor- 
den. Jetzt aber wurden sie die eigentlichen Verwaltungskreise des 
Landes. In jedem Demos wurden die Einsässigen aufgeschrieben und 
die Aufzeichnung in diese Gemeindelisten diente von nun an als Nach- 
weis der Landesangehörigkeit und der bürgerlichen Bechte. Mochte 
Einer seinen Wohnsitz ändern, so oft er wollte, er blieb dem Demos 
angehörig, dem er einmal zugeordnet war. 

Hundert solcher Ortsgemeinden wurden eingerichtet, je zehn dersel- 
ben einem der neuen Stämme untergeordnet, und so eine von allem Frühe- 
ren vollständig abweichende Organisation von Land und Volk geschaffen, 
eine vom Verbände der Geschlechter gänzlich unabhängige und nur auf 
dem Wohnsitze beruhende. Aber auch dies Prinzip wurde nicht in der 
Weise durchgeführt, dass, wie es am natürhchsten scheint, zehn zusam- 
menliegende Ortschaften zu einem Ganzen vereinigt wurden. Denn dann 
wären in der einen Phyle die Diakrier, in der andern die Paraher, in der 
dritten die Pedieer vorherrschend gewesen, und eine solche Landesord- 
nung würde der alten Parteiung eine neue Grundlage gegeben haben. 
Es scheint vielmehr, dass^usj^jeiem G^^ 



376 



DIE NEUEN STÄMME. 



von ganz verschiedener Lage, wie Phaleron und Marathon, Peiraieus und 
Dekeleia, in einem Stamme vereinigt wurden, um die alten Parteibezirke 
zu zerschlagen ^^^). 

Die Athener als Solche waren kein Stamm, die Hauptstadt bildete 
keine Gemeinde für sich; aber alle Versammlungen der Stammgenossen 
oderPhyleten fanden in Athen statt, und das Stadtgebiet gehörte "selbst 
einer Gruppe verschiedener Phylenbezirke an. Jeder der zehn Stämme 
hatte seine Vorsteher so wie seine gemeinschafthchen Heiligthümer und 
Feste, welche zu einer freundschaftlichen Annäherung unter den Bürgern 
aller Stände dienten. Ihre corporative Thätigkeit beschränkte sich aber 
auf die Wahl der Vorstände, auf die Vertheilung der bürgerlichen Lasten 
und die Ernennung von Vertrauensmännern, welche bei öffenthchen 
Arbeiten als Geschäftsführer dienen sollten ; sie waren die Organe der 
Bürgerschaft, um das, was der Staat an Leistungen in Krieg und Frieden 
in Anspruch nahm, zur Ausführung zu bringen. 

Indem nun diese Kreise sowohl dem Einfluss der Geschlechtsver- 
bände als auch dem der Lokalparteien entzogen waren, dienten sie dazu, 
ohne Einmischung der Staatsbehörden die Kräfte des Volks für das 
Gemeinwesen heranzuziehen und in Entfaltung derselben einen möglichst 
allgemeinen, von allen Nebenrücksichten ungetrübten, patriotischen 
Wetteifer hervorzurufen. 

Während die Stämme oder Phylen nur gelegentlich zu einer Be- 
theiligung am öffenthchen Leben berufen waren, blieben die laufenden 
Geschäfte den Gemeinden oder Demen überlassen. Sie entsprachen also' 
den alten Rhederkreisen oder Naukrarien, welche auf fünfzig vermehrt 
für den Zweck der Aushebung fortbestanden. Die Geschäfte gingen aber 
auf die Gauvorsteher über, die Demarchen, welche durch Kleisthenes 
an die Stelle der früheren Naukraren gesetzt wurden. Jeder der hundert 
Gaue hatte seinen erwählten Ortsvorsteher, seine Cultusbeamten und 
seine Rechnungsbehörden; jeder hatte gemeinsame Grundstücke zu ver- 
walten und eine Gemeindekasse zu führen. Auch ein ßesteuerungsrecht 
stand der Ortsgemeinde zu, welche zur Berathung ihrer inneren Ange- 
legenheiten unter Leitung des Demarchen Versammlungen hielt. Hier 
fanden die Bürger Gelegenheit, sich in Behandlung öffentlicher Ange- 
legenheiten zu üben ; es war eine Vorschule für die Staatsangelegenheiten. 
Mit der Gesamtgemeinde standen diese Versammlungen nur in so fern in 
Zusammenhang, als in denselben die herangewachsenen Bürgersöhne 
als Gemeindegenossen aufgenommen und die Gemeindebücher in ihnen 



RATH DER FÜNFHUNDERT. 



377 



controlirt wurden; denn diese Gemeindebücher dienten zugleich als 
U rkunden des attischen St aatsbürgfrthitms 

Auch in Beziehung auf die Staatsregierung waren die Stämme 
des Kleisthenes nur die Mittelgheder, um die Gaue des Landes, in 
denen sich das Gemeindeleben mit seinen Interessen frei bewegte, 
mit der Gesamtheit des Staats in Zusammenhang zu setzen. Wenn 
also schon Solon den Senat als einen aus der Bürgerschaft erwähl- 
ten Verwaltungsausschuss eingerichtet hatte, so bildete Kleisthenes 
diese Einrichtung in der Weise weiter aus, dass jährlich 50 Mit- 
gheder jedes Stamms, doch unter Beibehaltung der solonischen Be- 
schränkungen, gewählt wurden. So wurde der Bath nicht nur um 
100 Mitgheder stärker, sondern er wurde noch mehr als früher 
eine Vertretung des Volks, indem nach Mafsgabe der neuen Ord- 
nungszahl das Verwaltungsjahr des Baths in zehn Theile gelheilt 
wurde, und in jedem derselben hatte ein Stamm des Volks nach 
einer durch das Loos bestimmten Folge den Vorsitz oder die 'Pry- 
tanie'. So wurde die Prytanie zu einer Verwaltungsfrist von 35 
oder 36 Tagen. Endlich dienten die Stämme auch zur Bildung der 
Geschworenengerichte. 

Bath und Gerichte hüteten, wie schon Solon angeordnet hatte, 
die Bechte des Volks und schützten sie gegen die Willkür amtlicher 
Gewalt. Am schwierigsten aber war es, die Staatsämter selbst auf 
eine dem Geiste der Zeit und dem Wohle des Gemeinwesens ent- 
sprechende Weise zu besetzen. Um sie drängte sich der Ehrgeiz 
der Mächtigen; bei den Wahlversammlungen tauchten die frülieren 
Spaltungen immer wieder auf; da boten die alten Parteiführer 
ihren ganzen Anhang auf, um die Aemter zu erreichen, welche mit 
den Attributen der Staatshoheit, dem Erbe der alten Königswürde, 
bekleidet waren, und um die kurze Zeit der Amtsdauer für ihre 
ehrgeizigen Zwecke nach Kräften auszubeuten. Hier wurde nun 
eine der wesentlichsten und folgereichsten Neuerungen gemacht, 
indem bei Besetzung der Begierungsstellen die Wahl durch Cheirotonie 
aufgehoben und statt dessen das Loos eingeführt wurde; eine Neuerung, 
welche zwar nicht ausdrücklich auf Kleisthenes zurückgeführt wird, 
aber seiner Zeit angehören muss, da sie beim Beginn der Perserkriege 
schon in Geltung gewesen Tsf. 

Dir^-Neuerung erscheint vom theoretischen Standpunkte aus 
auffälhger und bedenklicher, als sie in Wirklichkeit war. Denn 



378 



EINFÜHRUNG DES LOOSES. 



erstens ist das Loos bei den Griechen durchaus keine Errungen- 
schaft demokratischer Bewegungen, sondern es kommt schon in 
alten Zeiten vor, namentlich bei Besetzung heiliger Aemter, wo 
man der Gottheit die Entscheidung überlassen wollte. Und dann 
war ja die Einrichtung die, dass nur unter den Bewerbern das 
Loos entschied; man konnte aber mit Grund voraussetzen, dass 
aus der beschränkten Zahl derer, welche durch ihren Grundbesitz 
dazu berechtigt waren, nur solche Männer als Bewerber um die 
obersten Regierungsstellen auftreten würden, welche einen gewissen 
Anspruch auf das Vertrauen ihrer Mitbürger besafsen. Die Oeffent- 
hchkeit des Gemeindeiebens und die Gefahr der Lächerhchkeit 
musste die ganz Unberufenen von der Bewerbung fernhalten. Und 
wenn denn auch nach dem Zufalle des Looses aus der Zahl der 
Bewerber nicht immer der Tüchtigste in das Amt kam, so war ein 
solcher Erfolg bei freier Volkswahl um niclits sicherer verbürgt. 
Ein weit überwiegender Vortheil aber war dadurch erreicht, dass 
die obersten Beamten aufhörten die Organe der augenbhcklich herr-. 
sehenden Partei zu sein. Nun mussten Männer verschiedener Par- 
teien als Amtsgenossen regieren und in höheren Gesichtspunkten die 
Ausgleichung ihrer Ansichten suchen. Einen Versuch dazu hatten die 
Athener schon in dem Jahre nach Damasias' Archontat (584/3) gemacht, 
indem sie die neun Aemter unter die drei Stände vertheilten (S. 338). 
Aber diese Einrichtung hatte sich nicht bewährt und die ungleiche 
Vertheilung der Aemter war in der That ja nur eine Fortsetzung des 
alten Streits. Durch das Loos wurden endlich die alten Wahlkämpfe 
beseitigt und die Bürger entwöhnten sich der Parteiintriguen, welche 
das Leben vergifteten. In besonderen Fällen, wo Alle in Einem den 
rechten Mann erkannten, kam es vor, dass alle Bewerber neben ihm 
zurücktraten, und dann war im besten Sinne eine Volkswahl vollzogen. 
Für die bewegte Zeit des Kleisthenes gab es keine segensreichere Ein- 
richtung als die Loosurne. Sie hatte eine beruhigende und versöhnende 
Macht; ihre Einführung zeugt von der gröfsten Staatsweisheit, und 
wir dürfen sie mit gutem Grunde der Gesetzgebung des Kleisthenes 
zueignen ^^°). 

Viel revolutionärer war eine andere Mafsregel, die auf das Be- 
stimmteste dem Kleisthenes zugeschrieben wird, nämlich die Auf- 
nahme einer Menge von Leuten, die aufserhalb der bürgerlichen 
Gemeinschaft gestanden hatten, die Einbürgerung von Gewerbleuten 



AUFNAHME VON NEUBÜRGERN. 



379 



und Handwerkern, die als Schutzverwandte oder als Freigelassene 
schon längere Zeit in Attika gewohnt hatten. Sie sollten nun als 
vollberechtigte Mitglieder dem Staate einverleibt werden und mit ihm 
verwachsen; ihre Tüchtigkeit sollte Eigenthum des Staats werden; 
sie durften nun als ebenbürtige Athener an den panathenäischen 
Festzügen Theil nehmen und leisteten mit den Bürgern dem neu ge- 
schenkten Vaterlande den Waffeneid. Hierin lag entschieden die gröfste 
Veränderung, die dem Staatsleben widerfuhr; es war eine durchgrei- 
fende Zersetzung der Bürgerschaft mit fremden Bestandtheilen, mit 
Menschen, die in keiner Beziehung zum alten Athen standen, die auch 
nicht durch Grundbesitz mit dem Staate verknüpft waren. Es wurde 
dadurch viel frisches Blut zugeführt, viel neue Anregung gegeben, die 
Wehrkraft des Landes gestärkt; altväterliche Gewohnheilen wurden 
beseitigt und die freie Entwickelung des Lebens nach allen Seiten ge- 
fördert; andrerseits aber musste die Ehre des attischen Bürgerthums 
darunter leiden, und die ursprünglichen Züge des attischen Charakters 
wurden verwischt ^^^). 



Das waren die grofsen und kühnen Neuerungen des Alkmäoniden 
Kleisthenes; sie durchdrangen das ganze Slaatsleben, sie ergriffen alle 
Organe desselben; denn auch das, was an sich unverändert blieb, wie 
der Areopag, empfing neues Leben, weil in den Regierungsbeamten 
die in denselben eintraten, seit Einführung des Looses ein neuer 
Geist lebendig war. 

Solche Reformen konnten nicht ohne Kampf durchgesetzt werden 
und nicht auf einmal. Es ist wahrscheinlich , dass Kleisthenes gleich 
nach Vertreibung der Tyrannen mit seinen Plänen vortrat. Denn da- 
mals bedurfte es einer neuen Staatsordnung, einer Wiederherstellung 
des Gemeinwesens, das so lange in den Händen von Gewallherrn ge- 
wesen war. Das Volk verlangte Bürgschaften seiner Freiheit, und so 
lange noch die gemeinsame Freude über die Entlastung des Landes 
vom Joche des Hippias dauerte, war für einmüthige und durchgrei- 
fende Reformen die beste Zeit. Er durfte der Gegenpartei den Vor- 
sprung nicht überlassen. Ein Theil der Verfassungsreform, nament- 
lich die Einführung der zehn Stämme und die neue Bezirkseinthei- 
lung, wird also wohl schon im ersten Jahre der Freiheit unter dem 



380 



ERSTER OSTRAKISMOS. 



vorwiegenden Einflüsse des Kleisthenes in den Volksversammlungen 
beschlossen und durchgesetzt worden sein. 

In eifersüchtiger Sorge für die junge Freiheit war man bedacht, 
auch die entfernteren Angehörigen des Tyrannen, deren Name schon 
genügte, um Misstrauen zu erwecken, aus der Stadt zu entfernen; es 
wurde also nach dem Vorgange anderer Demokratien ein Verfahren 
eingerichtet, das den Zweck hatte, solche Bürger, welche durch ihre 
Person der bestehenden Verfassung gefährlich erschienen, ohne dass 
zu einem gerichtlichen Prozesse Veranlassung vorlag, aus der Ge- 
meinde zu entfernen, und zwar in der schonendsten Weise, so dass 
ihnen an Ehre und Besitz keinerlei Schaden erwuchs. Das war der 
Anfang des attischen Ostrakismos oder Scherbengerichts^^ Kleisthenes 
hat ihn in Athen eingeführt, und der zuerst von ihm Betroffene war 
Hipparchos, des Charmos Sohn^^^). 

Die Kühnheit des Kleisthenes erfüllte seine Gegner mit Schrecken. 
Sie verdoppelten ihre Anstrengungen, um das grofse Verfassungswerk 
nicht zu Stande kommen zu lassen. Aber bald sahen sie, dass es 
ihnen mit ihrem Anhange unmöglich sei, der mächtig vorwärtsschrei- 
tenden Bewegungspartei die Spitze zu bieten. Isagoras trug kein 
Bedenken, auswärts Hülfe zu suchen. Er stand mit Kleomenes in 
den nächsten persönhchen Beziehungen ; man sprach sogar von einem 
sündlichen Verhältnisse zwischen seiner Frau und dem fremden Kö- 
nige. Kleomenes, von Herrschsucht getrieben, war nicht damit zu- 
frieden, zur Vertreibung der Pisistratiden geholfen zu haben; er wollte 
Athen nicht wieder aus spartanischem Einflüsse frei lassen. Kurz, 
die beiden Männer vereinigten sich zu einer heimlichen Verbindung, 
durch welche sie sich unter dem Vorwande öffentHcher Interessen die 
Absichten ihres persönlichen Ehrgeizes gegenseitig verbürgten. Es 
wurde ihnen nicht schwer, den Spartanern deutlich zu machen, wie 
gefährhch die umwälzenden Bestrebungen des Kleisthenes wären. 
Das sei nichts als Demagogie der Tyrannis , nichts als eine neue 
Auflage der Revolution von Sikyon; Spartas Einfluss jenseits des 
Isthmus stehe für alle Zeit auf dem Spiele. 

Die Spartaner beschlossen einzuschreiten. Sie schickten , wie sie 
gegen Tyrannenstädte zu verfahren pflegten , ihren Staatsherold nach 
Athen und kleideten den Inhalt der Botschaft in der Weise ein, dass 
sie die Ausweisung der Alkmäoniden als der seit den Tagen des Kylon 
mit Blutschuld Beladenen verlangten. Kleisthenes räumte das Land. 



ARCHOMAT DES ISAGORAS 68, 1; 508. 



381 



Er wollte nicht, dass seinetwegen Kriegsnotli über Athen käme, welche 
den Staat in innerem Hader und in Schwäche antrelTe; er wollte, 
dass die verrätherische Verschwörung des Isagoras und Kleomenes 
zur Reife käme, um dann als Retter der Freiheit heimzukehren. 

Er hatte sich in seinen Gegnern nicht verrechnet. Obgleich 
Kleisthenes fort war, kam Kleomenes mit bewaffneter Mannschaft; 
er wollte nichts Anderes, als Athens Selbständigkeit brechen, er 
wollte Isagoras als seinen Schützling daselbst zum Herrn machen 
und dann sich selbst eine Herrschermacht gründen, welche alles 
griechische Land umfassen sollte. Unter dem Terrorismus frem- 
der Waffen wurde Isagoras im zweiten Jahre der Freiheit (Ol. 68, 
1; 508) zum Archonten gewählt, und nun begann in offener Weise 
die gewaltsame Reaktion. Kleomenes verfuhr wie in einer erober- 
ten Stadt. Siebenhundert FamiUen wurden ausgetrieben, welche 
Isagoras ihm als demokratisch gesinnt angegeben hatte. Der Rath, 
welcher schon nach der neuen Gliederung der Gemeinde zusammen- 
gesetzt war, wurde mit Gewalt gesprengt, und zum deutlichen Zeichen, 
dass man nicht blofs auf Solon zurückgehen wollte, wurde nach Mafs- 
gabe der dorischen Dreizahl und nach spartanischem Vorbilde ein Rath 
von Dreihundert eingesetzt, in dem nur Solche Aufnahme erhielten, 
welche die volksfeindlichen Restrebungen rücksichtslos begünstigten. 

Das Volk von Athen war aber schon zu sehr mit der von Solon 
gegründeten Freiheit verwachsen, um sich solchen Gewaltschritten 
zu beugen, und Kleomenes hatte in seiner Unbesonnenheit viel zu 
geringe Truppenmacht mitgebracht, um solche Dinge durchzuführen. 
Der alte Rath, zum Schutze der Gesetze berufen, widersetzte sich 
dem Verfassungsbruche; das Volk schaarte sich um ihn; Stadt und 
Land erhob sich, und den Verschworenen blieb nichts übrig, als sich 
mit ihren Parteigenossen in die Rurg zu werfen. Kleomenes suchte 
im Tempel der Stadtgöttin Eintritt zu gewinnen, indem er nach Ver- 
abredung mit seinen attischen Gastfreunden sich als einen Achäer von 
Abstammung vorstellte, um als solcher dem ionischen Volksstamme 
verwandter zu erscheinen (S. 168). Die Priesterin wies ihn dennoch 
mit Abscheu von der Schwelle des Tempels zurück. Zwei Tage lang 
wurden die neuen Tyrannen auf der Rurg belagert, am dritten erhielten 
die Lakedämonier freien Abzug. Isagoras entkam ; die übrigen Partei- 
genossen wurden in Haft genommen und von dem Gerichte des Volks 
als Landesverräther zum Tode verurtheilt^^^). 



382 



KLEISTHENES' RÜCKKEHR 68, 608—7. 



Der nächste Schritt des Raths, der durch seine Verfassungs- 
treue den Staat Solons gerettet hatte, war die Rückberufung der 
Alkmäoniden und der anderen Verbannten. Die Schande, mit der sich 
die Rückschrittspartei bedeckt hatte , kam dem Kleisthenes zu Gute, 
welcher um so leichter die Vollendung seiner Reformen durchsetzen 
konnte. Vielleicht wurde jetzt erst das Loos eingeführt , um solchen 
Parteiwahlen , wie zuletzt noch die des Isagoras gewesen war , vorzu- 
beugen ; vielleicht wurde auch jetzt erst die Aufnahme der Neubürger 
durchgeführt. 

Der Energie des Kleisthenes kam das delphische Orakel in 
wirksamster Weise zu Hülfe, denn es leistete seinen Freunden, den 
Alkmäoniden, den unschätzbaren Dienst, dass es, sonst allen Neue- 
rungen abhold, diese durchgreifenden Reformen, über die man sich 
gewiss in Delphi verständigt hatte, als geistliche Oberbehörde be- 
stätigte, und dass es seine Hand bot, um den ganz modernen und 
aus politischen Rücksichten getroffenen Einrichtungen durch Anknü- 
pfung an die Heroen der attischen Vorzeit eine religiöse Sanktion 
zu geben. In Delphi selbst sollen die zehn Heroen ausgewählt sein, 
die Namengeber und Schutzpatrone der neuen Phylen. Sie waren 
nun die Vertreter der Bürgerschaft , und oberhalb des Markts wur- 
den auf einer Terrasse des Areopags ihre Standbilder aufgerichtet. 
Auch von den Demen hatte jeder einen Heros als Schutzpatron, 
welchem seine Opferdienste eingerichtet wurden; Attika war nun 
wie Kreta und Lakonien, nach einer den Göttern wohlgefälUgen 
Zahl, eine Gemeinschaft von hundert Orten. So wurde das profane 
Decimalsystem geheihgt und den bürgerlichen Satzungen die Weihe 
des götthchen Segens verliehen ^^^). 



Athen war zum zweiten Male aus einer Gewaltherrschaft befreit, 
welche viel schmählicher zu werden drohte als die der Pisistratiden, 
weil sie zugleich die von Solon begründete Selbständigkeit der 
Stadt preisgeben wollte. Aber die Gefahren waren nicht vorüber, 
denn Kleomenes, dessen heifses Blut nach jedem Misshngen immer 
heftiger aufwallte, sammelte ein peloponnesisches Heer. Es war 
offener Krieg zwischen Athen und Sparta. Dazu kam, dass aucB~ 
die Pisistratiden nicht ruhten , sondern aus jeder Erschütterung der 
Ruhe Athens neue Hoffnungen schöpften. Rings umher regten sich 



THEBEN WIDER ATHEN. 



383 



die Gränznachbarn, welche der aufsteigenden Macht der Athener 
missgünstig zusahen. Die Aegineten und die Chalkidier, von Han- 
delseifersucht aufgeregt, glaubten die Zeit der Verwirrung benutzen 
zu müssen, um die Anfänge einer attischen Marine zu vernichten. 
Vor allen aber waren es die Thebaner, die sich feindlich erhoben. 
Sie waren ihrer böotischen Landesherrschaft wegen schon mit den 
Pisistratiden, ihren alten Freunden, in Streit gerathen. 

Es herrschte nämlich im südlichen ßöotien ein entschiedener 
Widerwillen gegen die Oberherrschaft von Theben , ein Widerwillen, 
welcher in der ionischen Bevölkerung des Asoposthals seinen natür- 
lichen Grund hatte (S. 97) und durch die Anmafsung der Thebaner 
immer neue Nahrung erhielt. Plataiai war der Mittelpunkt dieser 
Auflehnung gegen Theben. Allein zu schwach, um auf die Dauer 
den Ansprüchen der böotischen Hauptstadt Widerstand zu leisten, 
hatte sich die Bürgerschaft der Stadt an König Kleomenes gewendet, 
als er zufällig in ihrer Nachbarschaft verweilte, und sich bereit er- 
klärt, dem peloponnesischen Staatenbunde beizutreten. Dies geschah, 
wenn Thukydides recht berichtet war, schon Ol. 65, 2; 519. 

Es war damals ein entscheidender Zeitpunkt für die Entwicke- 
lung der griechischen Staatenverhältnisse; denn wenn die Lakedä- 
monier eine mittelgriechische Stadt eben so aufnahmen, wie sie es 
mit den Halbinselstädten nach und nach gethan hatten, so erklärten 
sie dadurch, dass ihr Bund bestimmt sei, ganz Griechenland in 
sich zu vereinigen, und dass sie entschlossen seien, für diesen 
Zweck keine kriegerischen Verwickelungen zu scheuen. Die Lake- 
dämonier gingen aber auf den Antrag der böotischen Stadt nicht ein ; 
sie erklärten, dass sie zu ferne wohnten, um ihr rechtzeitigen und 
wirksamen Schutz angedeihen zu lassen ; sie gaben ihr zugleich den 
Rath, sich lieber an ihre Nachbarstadt Athen anzuschliefsen, wenn sie 
nichts mit Theben zu thun haben wollten. 

Den Platäern war dies gerade recht. Sie hatten nur auf eine 
Ermächtigung von Seiten des angesehensten Hellenenstaats gewartet, 
um ihrer poHtischen Sympathie folgen zu können. Als daher die 
Athener eines Tags an dem neu gegründeten Altare der Zwölfgötter 
auf dem Markte ihr Festopfer darbrachten, setzten sich Abgeordnete 
von Plataiai als Schutzflehende auf die Stufen des Altars und streck- 
ten die mit Binden umwundenen Oelzweige zum versammelten Volke 
empor. Die Pisistratiden besannen sich nicht, ob sie annehmen oder 



384 



GESANDTSCHAFT NACH SARDES. 



ablehnen sollten; wenn aber dem lakedämonischen Bescheide in der 
That nm' die Absicht zu Grunde lag, welche Herodot annimmt, dass 
nämlich die Athener dadurch in Nachbarfehden" verwickelt werden 
sollten, so wurde dieselbe vollkommen erreicht. In kürzester Zeit 
stand ein attisches Heer im Gebiete von Plataiai den Thebanern 
gegenüber. Vor Anfang der Schlacht entschloss man sich, den Ko- 
rinthern die Entscheidung des Streits anheim zu geben; sie fiel dahin 
aus, dass den Platäern das Recht zustehe, sich nach eigener Be- 
stimmung einer Bundesgenossenschaft anzuschliefsen. Die theim- 
kehrenden Athener wurden von den erbitterten Thebanern überfallen, 
aber sie blieben siegreich und rückten nun die Gränzen der Platäer, 
um welche ein Streit stattgefunden hatte, an den Asopos vor; so 
weit ging also seitdem das attische Bundesgebiet ^^^). 

Jetzt schien den Thebanern die Gelegenheit gekommen, um ihre 
Niederlage gut zu machen und das alte Gebiet wieder zu gewinnen. 
Der Abfall von Plataiai war ein gefährliches Beispiel und für den 
Bestand ihres ohgarchischen Regiments gab es nichts Bedenklicheres, 
als wenn unmittelbar an ihren Gränzen ein Herd demokratischer 
Politik aufgerichtet wurde, welcher für die ionischen Volkselemente 
ßöotiens die gröfste Anziehungskraft haben musste. Darum rüsteten 
sie mit Macht, und da nun gleichzeitig der Peloponnes in Waffen 
gerufen wurde, da auch Aigina und Euboia sich erhoben, war Athen 
plötzlich auf allen Seiten zu W^asser und zu Lande von drohenden 
Feinden umgeben und schien gänzlich aufser Stande, seine Selbstän- 
digkeit zu erhalten. 

Man musste sich nach auswärtigen Verbindungen umsehen; man 
schickte im Drange der Noth selbst nach Sardes, damals dem Statt- 
haltersitze des Artaphernes, des Bruders des Königs Dareios. Die 
Gesandten erhielten ausgedehnte Vollmachten; zu langen Verhand- 
lungen war keine Zeit, als daher Artaphernes Bundeshülfe versprach, 
aber unter der Bedingung, welche nach persischem Staatsrechte un- 
erlässhch war, dass die Athener dem Grofskönige Erde und Wasser 
gäben, da erklärten die Gesandten sich auf ihre eigene Gefahr hin 
bereit, auf diese Bedingung einzugehen, und kamen so nach Athen 
zurück, wo sie glaubten, dass man ihnen Alles eher verzeihen würde, 
als wenn sie mit leeren Händen heimkehrten. 

Sie hatten sich in ihren Mitbürgern verrechnet. Ein Sturm des 
Unwillens erhob sich; eine Reihe von Staatsprozessen knüpfte sich 



BEURTEILUNG DES KLEISTHEAES. 



385 



an die Gesandtschaft; der Vertrag wurde vernichtet, und um dieselbe 
Zeit wurde Kieisthenes ein Opfer des Ostrakismos. 

Bei so lückenhafter Ueberlieferung, wie sie uns in BetrefT der 
kleisthenischen Reformen vorliegt, wäre es eine Vermessenheit, über 
ihren Urheber und seine Absichten ein festes Urteil aussprechen zu 
wollen. Indessen wissen wir doch, dass zur Zeit, da die Gesandt- 
schaft nach Sardes abgeschickt wurde, Kieisthenes den mafsgeben- 
den Einfluss in Atlien hatte. Die Alkmäoniden standen mit der 
kleinasiatischen Hauptstadt in alten Beziehungen, aus Sardes stammte 
ihr Reichthum und Glanz; sie waren an Weltkenntniss allen Athenern 
überlegen und verstanden es am besten, auch die fernsten Hülfs- 
quellen zu benutzen, um einer drängenden Noth zu entgehen; sie 
sahen wohl schon damals voraus, dass die Pisistratiden Alles aufbieten 
würden, zu ihren Gunsten eine persische Intervention zu veranlassen. 
Diesen Plänen zuvorzukommen erschien also als eine Pflicht der 
Selbsterhaltung, und wenn wir endlich erfahren, dass noch um die 
Zeit der Schlacht von Marathon die Alkmäoniden eines Einverständ- 
nisses mit den Persern beschuldigt wurden , so wird die Vermuthung 
wohl begründet sein , dass Kieisthenes bei jener Gesandtschaft an 
Artaphernes vorzugsweise betheiligt war, und dass sein plötzliches 
Verschwinden unmittelbar nach derselben mit den politischen Stür- 
men zusammenhängt, welche der Gesandschaft folgten. Sein Sturz 
beweist, dass man ihn als einen der Freiheit gefährlichen Bürger 
ansah und sich berechtigt fand, gegen den Vorkämpfer der Volksfrei- 
heit dieselbe Waffe in Anwendung zu bringen, welche er selbst zum 
Schutze der Freiheit gegen die Angehörigen der Pisistratiden seinen 
Mitbürgern in die Hände gegeben hatte. 

War dies eine Ungerechtigkeit der Athener gegen ihren grofsen 
Staatsmann? War es ein unbegründeter Verdacht, welcher dem 
Enkel des sikyonischen Tyrannen folgte? War er ein Mann, der 
mit der selbstlosen Gerechtigkeitsliebe eines Solon niclits Anderes 
wollte, als die Gröfse seiner Vaterstadt? 

Nach dem, was wir von der Geschichte der Alkmäoniden (S. 347) 
wissen, die bald dieser, bald jener Partei sich anschlössen, können 
wir eine solche, rein auf die Sache gerichtete, Politik nicht annehmen. 
Sie sind durch eine Reihe zufälliger Ereignisse an die Spitze der 
Volkspartei geführt worden, und so wenig wir auch berechtigt sind, 
einem Manne wie Kieisthenes wahren Patriotismus abzusprechen, so 

Curtius, Gr. Gesch. I. B. A.iH. 25 



386 



KLEOMENES IN ELEÜSIS 68, 2 ; 507. 



ist doch noch weniger vorauszusetzen, dass er den Ehrgeiz seines 
Hauses abgelegt haben sollte. Seine Verbindungen mit Delphi und 
mit Sardes zeigen das Gegentheil. Von seinen Mafsregeln im Innern 
des Staats ist es aber besonders die Aufnahme der Fremden und 
Freigelassenen, welche die Uneigennützigkeit seiner Pohtik verdächtigt. 
Es war die Mafsregel eines Demagogen, welcher sich mit Hülfe 
einer Masse von Neubürgern über die Gemeinde erheben wollte; 
sie hatte schwerHch einen anderen Zielpunkt, als den eines per- 
sönlichen Regiments. So wird also die Ausweisung des Kleisthenes 
wohl keine ungerechtfertigte gewesen sein. Sie war die Folge des 
ruhelosen Ehrgeizes, welcher in der Familie der Alkmäoniden zu 
Hause war. Kleisthenes war der letzte Nachzügler der Tyrannen des 
siebenten und sechsten Jahrhunderts. Er hatte die freie Entwicklung 
des solonischen Bürgerstaats mit der Befriedigung seines Famiüen- 
stolzes und seines persönlichen Ehrgeizes verbinden wollen; aber 
nur das Erstere war ihm gelungen. Das attische Volk war in den 
langen Verfassungskämpfen zu sehr gewitzigt, um sich täuschen zu 
lassen; es war zu fest und klar in seinem politischen Streben. Die 
Männer, welche, mit den Alkmäoniden verbunden, die Volksfreiheit 
hergestellt hatten, trennten sich von ihnen, als die dynastischen 
Pläne sich kund gaben, und nach dem Misshngen derselben war 
für Kleisthenes kein Platz mehr in dem Staate der Athener ^^^). 



Inzwischen zogen sich die Kriegsgefahren immer drohender um 
Athen zusammen. Die ganze Kriegsmacht des Peloponneses wurde 
aufgeboten durch die Sendboten des Kleomenes , der über den Zweck 
der grofsen Rüstung nichts verlauten liefs, aber nichts Anderes im 
Sinne führte, als den Schimpf, den er in Athen erlitten hatte, zu 
rächen und Isagoras als Gewaltherrn einzusetzen. Er brachte das 
grofse Heer bis in das Gefilde von Eleusis, während nach gemein- 
samem Kriegsplane die Böotier die nördlichen Gränzorte besetzten 
und die Chalkidier von Osten drohten. 

Es war das Glück der Athener, dass Kleomenes nicht die Macht 
besafs, welche er sich zutraute. Die Ungerechtigkeit und Unlauterkeit 
seiner Absichten, das hochfahrende Wesen, die heimhchen Tyrannen- 
gelüste, welche ihn bewegten, hatten Feindschaft und Argwohn bei 
den Spartanern erweckt, und an der Spitze seiner Gegner stand König 



THEBEN UND CHALKIS BESIEGT 68, 2; Ö07. 



387 



Demaratos, der sich im Heerlager selbst offen seinen Plänen gegen- 
überstellte. Unter den Bundesgenossen fielen die Korinther ab und 
verweigerten die Heeresfolge, weil sie nicht verpflichtet wären, Kleo- 
inenes zu Gefallen die Verfassung Athens umzustofsen. Ihre Unlust 
zum Kriege wurde dadurch gesteigert, dass ihre gefährlichsten Neben- 
buhler in der Seemacht, die Aegineten, in Feindschaft mit Athen 
waren; ihnen wollten sie durch den Krieg keinen Vorschub leisten. 

So ging das Heer des grofssprecherischen Königs ruhmlos aus- 
einander, und Sparta erlitt dadurch eine schwerere Niederlage, als 
wenn es in ofl'ener Schlacht besiegt wäre. Denn sein Ansehen bei 
den Hellenen hatte durch die willkührliche Pohtik seines Königs einen 
Stöfs erlitten, und seine Bundesgenossenschaft war in ihrem Bestände 
gefährdet. Das Volk der Athener aber zog vom eleusinischen Schlacht- 
felde, wo die drohende Macht vor ihren Augen zerronnen war, un- 
mittelbar und mit gehobenem Muthe gegen die andern Feinde. Sie 
rückten in Böotien ein , und es gelang ihnen die Thebaner zu 
schlagen, ehe sie sich mit den Chalkidiern am Euripos vereinigt 
hatten. Siebenhundert Thebaner folgten ihnen in Fesseln, als sie an 
demselben Tage den Sund von Euboia überschritten und das Heer 
der Chalkidier besiegten; die ganze Stadt fiel in ihre Hände. 

Der Tag dieses Doppelsiegs war der Anfang einer neuen Ent- 
wickelung der attischen Macht. Denn die Athener begnügten sich 
nicht mit der Demülhigung der Feinde, sondern sie trieben den in 
Chalkis angesessenen Stadtadel, die 'Hippoboten', aus seinen Besitzun- 
gen , liefsen das Land neu vermessen und theilten es in gleichen Loo- 
sen an viertausend Athener aus, welche sich in Chalkis niederliefsen; 
es wurde gleichsam ein neues Athen gegründet, welches den wichti- 
gen Seepass am Euripos hütete. Mit einer grofsen Anzahl gefangener 
Böotier und Chalkidier kehrten die Sieger heim; sie hielten dieselben 
gefesselt in Athen zurück, bis sie für je zwei Minen (ca. 52^2 Thlr.) 
freigelassen wurden. Die Fesseln wurden zum Andenken des Siegs 
an den Burgmauern aufgehängt, und ein ehernes Viergespann, das 
Herodot noch am Eingange der Akropolis gesehen hat, feierte den- 
selben Sieg. 

Die Akropohs, welche so lange eine drohende Zwing ^ bui:g..^ - 
wesen war, lag nun, dem Volke zurückgegeben, in der Mitte eii ? er 
freien Bürgeiscliaft , als der ufl'ciie Silz seiner gemeinsamen Heihg- 
thümer, als der xAlillelpunkt der bürgerlichen Feste, wö""von"Jen 

25* 



388 



ERFOLGE DER ATHENER. 



Siegen des Volks ruhmvolle Denkmäler aufgerichtet wurden. Har- 
modios und Aristogeiton, deren That man als den Anfang der Be- 
freiung betrachtete, wurden als Heroen der Stadt gefeiert und in 
Ehrenbildsäulen am Aufgange der Burg aufgestellt; auf der Burg 
selbst vertilgte man Alles, was an die gestürzte Dynastie erinnerte, und 
stellte auf dem Platze ihrer Herren wohn ung eine Säule auf, welche 
die schweren Bedrückungen der Tyrannen aufzählte, sie wie alle 
Angehörigen auf ewige Zeiten mit Bann und Fluch belegte und dem 
Mörder des Hippias Straflosigkeit nebst öffentlichen Ehren ver